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Full text of "Baltische Monatsschrift"

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IfÖIlKiHlI: 



Monatsschrift 




^rittretou Unitocrsxtji. 




Baltische 

Monatsschrift. 

Herausgegeben 
Friedr. Bienemaun. 

XXXII. Band. 



Reval, 1885. 

I ii 0 o n m I i . | o a bei F. Klage. 
Rita: A, SHedL Liipilf: RuJ. H « r i m k n n. 



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Aoastueno wiojpou. — Pew», 3-rj Jtuüpa 188B r 



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ii am m m 



<■ «ililltl»-!!.!«-« Imltim-titii Mniigctliiere. 1— III. 
.r jjejslftgc in Ulan. L TL Vau I'h. Oori 



r.i u..]it,i.-i,i-i- iivii.n.ii-.ii.T ni.-hi.-i-iiim-, v..u i w. i- c - . i. 

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Ani fltn Iggen K,iis-r fad», ' " SS5 

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Itllct* auf dir [■ef.ligie <on BMluri ur.d up.pI LH. Von F. Srhmi.il 
Km HUrlira u .litorg Branflp. »If . ioö r. M.iWIni V. „ Fi 



n dtnacbtn Keicbp. Von l)r l.ud 



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Beile 

Notizen. Von Fr. B . . . 71« 

Silliou.'tu-i: rhu- ika-clienratricieTgesclilechts. III, 3. Von J oll. Chri- 

■ toph Bcrem 7M 

Die Sprache. Von H ermann A dolp hi 742 

Johann Ion Brevem. Von Ft. Bientmuno 750 

Der objeclive Beivei* in iler Seele nknndo. Von Dr. W i 1 h. Lü we n thnl 763 

Bin Wäortikchen, Voi LeonLurd Marhdm 790 

Xachworl ilet Reilarliou. Von Fr. B .795 

Besprochene Büdiu. 

Sehulgeeengbiieh eis. Mit™ 183* al 

Dr. J. Löckens, Lathen KiiebenUaü. Riga 1884 173 

Lilly B. Yielingnoff, .WMiUeiiriwsnmtier snüiIiIum Durpat 1885 174 

MisilM-iliihüi-n au» ili-r livl <} r .-L'Ii. IM. 19, llt'fl :i .Tiiljiliiiuiislii'fi;. Riga 1884 175 
H. DiedUrloba, Herzog Gotthard« v. Kurland Friwlensvennittaltunr 

sn-iwlwn liiilti v. liiitcLTt.liaft .i. Stadl lli-a i. J. 15811. Mitnu 18S4 178 
Ur. A. Bie I enatc in, Frasmni;n aus ik-r UrJnio^raiibiu u. {Icographis 

AlMJrtandi. Mitnu 1884 178 

Herrn. H 1 lrle t, rm il , Lir-, Est- und (Juri. iTkiindenoudi. B.l. B. 

Riga 18S4 340 

Dr.O.A.Berkholi, Jäkel. Lautre, (.im, Su|ivrint. von LivknJ. Riga 1384 250 
[lt. TL Sc Iii em an n , liimlaml. iMleii im.l LivlanJ Iiis ins 17. Jalirli. 

2. ii. 3. Lieferung. Berlin 1884 252 

Bericht Jot Corauiiöion iiir Jit Vnrarlici;cn r.ur ürrichru:^' ein« uffon Hieben 

Logerlian*ea für den Getreidehandel in Riga. Kigii 1885 . . . 266 

J. K s s ! n e r , Da» Brenncrcigewerlie in Rnasliind. Dorp« 1884 . . 258 

VH Bericht den HaiiiilleiHstercius in Durpat. Dorpnt 1885 284 

X. Kymmel, Bibl. ballige, Bilil, rossira, Riga. 1884 u. 1885 ._ . ... 264 

M«.x Vorberg, Der Imtberhof «n Oaatiin. tiotun 1884 .' . ... 266 

Tt. H. Pantanina, Die von^eNee^ Ein Eoman am Livlands Ver- 

gangenlielt. Bielefeld u. Leipzig 1884 560 

Dr.DietMc.il Schäfer, Di. Hansa uml il,rr ltaiuh-lspciliiik. Jeu™ 1885 621 

Wl IL Ttling, Das Wort Qottee. Riga 1885 716 

CeorK von Brevem, Zur i lesi-lm-hte >li:v Familie vi,ii ! Stevern. IV. 

Band. Berlin 1885 75y 

. 1 Ijl Ii omidfCnnJ ii Iii. Ilistnire :ks Sci'mcs it rjf.s Sarant* depuit 

dtux titelet. Genf. 2. Aull. 1885 , ■ 772 



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Petersburg und Gadebusch. 



Irenen Fabrik- und Wahlgntes liadelmsfh zu übi-mchrnen. Diese 
Verwaltung, ilii: mit ilir verbundenen Geschäfte in der Hanpl.-tadt 
veranlassten midi, mindestens zweimal im Jahre midi dorthin zn 
begeben und einige Wiulenuoimte daselbst zu verweilen. Ich hatte 
seit meiner Kindheit zahlreiche Verbindungen in Petersburg, da 
meine Eltern seit dem Jahre is-'fj die genannte Besitzung bewohnt 
hatteu, ich selbst aber von 1832 bis 1888 im kaiserlichen Lyceum 
zu Zarskoje Sein erzogen worden war. Ein in Petersburg ver- 
lebtes Jahr, das ich im Staatsdienst zugebraclil, spater öftere Be- 



grund gedrängt, als mein l^benshe.nii mich in Estland fesselte 
und mehrjähriger Aufenthalt in Deutschland. Frankreich, England 
und Italien mich anderen Interessen iiühcr gebracht tiatte. Meine 
genauere Bekanntschaft mit Petersburger Verhältnissen und Personen 
stammt demnach erst ans dein mit, l*~r2 beginnenden Zeitabschnitte ; 
ans diesem will ich Erlebtes und Beobachtetes hier erzählen. 

Ein wohl ein gerichtetes Haus in Gadebusch, das mir von 
meinen Eltern überkommen , und aus serord entlieh günstige Ver- 
hältnisse Uli- die Jap! in ihren vcrsehied^sleii Zweien erlaubten 



Anerkennung. Die Zahl der wirklichen Jagdliebhaber 



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2 



Petersburg und Gaflebuseh. 



in Petersburg eine beschrankte; erst nach der Thrnuhestei gang 
Kaiser Alexanders Tl., angeregt durch des Muiiai'chen grosse Waiil- 
mannslust, wollte jeder elegante and vornehme junge Mann auch 
Jäger sein. Zu der Zeil, von der ich liier spreche, waren nur 
einige Personen der russischen Gesellschaft wirk] it-Ui.: ,Ia:;ulh:bhnber : 
hierzu kamen meine baltischen, in Petersburg wohnhaften I lUiidsleute 
und ganz besondere die Diplomaten. Unter den Mitgliedern des 
diplomatischen Corps hatte ich genaue Freunde und in ihren 

sjuvU'l ii.'Ji und Betracht linken. Die landliche Stille, die angenehmen 
C Ji'iiuirlisstiiniiimi^i'hi nach glücklicher Jagd, die nie selir zahlreiche, 
aber vertraute Gesollschaft ermöglichten diu intimsten MiHle-iliingen. 
Hn habe ich in (iadebuscb am runden Tisch meines Speisezimmer* 
die iuleressanteslen Erzählungen gehört, die interessantesten Ge- 
spräche gefühlt, von denen ich manche zu berichten haben werde, 
und glaube daher neben Petersburg auch Gadehusch all! den Titel 
dieser Blatter setzen hu dürfen. Diese Gadcüusch'sdic Waldeinsam- 
keit hat mich vermiedenen Richtungen l'hnlluss ^i hittd auf meine 

lie Ziehungen zur Petersburger Gesellschaft und auf die nähere 
Betrachtung derselben, 

Die Petersburger Gesellschaft hatte 7.U Antaug der fünfziger 

Jahre noch ganz ihren truditi dien, geschichtlich erwachsenen 

Charakter bewahrt, den Charakter einer Gesellschaft, die in nächster 
Beziehung zum Hofe und der Regierung st;itnl. Gesprochen wurde 
fast nur französisch. Der Hot' selbst trat nicht so sehr in den 
Vordergrund, da Kaiser und Kaiserin in diesen Jahren schon wenig 
Personen am Hole bei sieb sahen und der Kaiser nur ausnahms- 
weise eine Gesellschaft besuchte. 

Auch die Grossfurstep sah man wenig, desto mehr aber die 
politischen Machthaber. Fast alle Minister, die meisten einduss- 
reichen Personen besuchten die Salons, wodurch diese ati Interesse 
nnd Bedeutung gewannen. Das zahlreiche diplomatische Corps 
wies bemerkenswerthe Persönlichkeiten auf. In keiner der Haupt- 
stiL'lte Europas hat dasselbe die ausgezeichnet Sonderstellung ein- 
genommen, wie in Petersburg. Hier genossen seine i nieder allerlei 
Vorrechte, die ihr« Stellung noch angenehmer machten. So war 
denn damals der Zudrang zu den diplomatischen Posten in Peters- 
burg sehr gross. 

Die Gesellschaft war eine sehr aussei i Ii essliche. Man sah in 



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Petersburg and Qadebusch. 



8 



ihr keinen Baiiquier oder Crossimlustric.Uen, und erschien vielleicht 
bei den gi-üsslen Festen (1er eine oiler der andere von ihnen, so 
iloch nie eine Dame nus jenen Kreisen. 

Wahrend mehrerer Jahre habe ich öfters mit einem guten 
Bekum l teil, einem i'i-illitn.'i] Diplomaten, der jetzt auf seinen Untern 
lebt, scherzend festgestellt, dass wir in der n Siersburg er Gesell- 
schttft die einzigen seien, die nicht im Staatsdienste stünden, uns 
auch nicht zu demselben zählten. 

Bald nach dein Regierungsantritte Kaiser Alexanders II. 
■Änderte, sich der Charakter der Gesellschaft nach verschiedenen 
Richtungen. Geld und Geldiulcrossou nahmen eine Stellung ein, 
die ihnen früher nicht eingeräumt wurde ; die Trftger solcher Inter- 
essen wurden willig aufgenommen, ja aufgesucht; die Gebunden- 
heit, damit aber auch das Exclusive der Gesellschaft verlor sich, 
und selbstverständlich verschwand damit ein Theil des Beizes, den 
sie den Tbeil nehmern bot. Viele Personen, die sie früher besuchten, 
zogen sich ans Mir zurück, uml wahrend sieb die Kreise erweiterten, 
wurde die üesellscha!t entschieden kleiner. Die Fürstin. Kotsclmbci 



dazu nicht zahlreich ^eiiu^. und ibn h müsse sie eine Mciit'e Menschen 
einladen, die mau ihr aufgezwungen habe. Das Haus der Fürstin 
Kotschuuei war damals in Petersburg das erste und suchte seines 
gleichen, 

Obzwar nun die Gesellschaft in so naher Verbindung mit Hof 
und Regierung stand, war doch eine ausserordentliche Redefreiheit 
Gewohnheit und Sitte. Der Kritik über Regie mngsmassregeln 
war kaum irgend eine Schranke an teilest, und jeder glaubte sieh 
berechtigt, über einen Minister abciMirlheileii, Itrgiiningsmitssregelll 
zu verdammen, ohne zu einem solchen Verfahren irgend eine Be- 
fugnis zu haben. Ks kann solches als eine krankhafte Kr- 
seheiiuin;.' liezeielinel. werden, die immer weih-r .^-wuchert hat. Aus 
der eigentlichen Gesellschait wurde die Krankheit in immer «''ei- 
fere Kreise getragen ; in der Presse und in der Literatur, im Ulub, 
wie in der Familie war nicht die Prüfung und objecüve Betrach- 
tung der liegieriingsuiassivi'elu, sundern die ahlalliLfstc. oft gedanken- 
lose Misbilligung vorhei'rseiiend. Dadurch snehte man sich zur 
Geltung zu bringen, und in den seltensten Fällen war der Ijrthei- 
lende durch Hlmlitini und Kenntnisse v,u einem iiitheil ilherhail|>t 
berechtigt. Die Krankheit ist all, aber ihre zerstörende Wirkung 



4 



Petersburg; und Gadelrasch. 



wächst immerfort. Nur über den Kaiser Nikolai selbst wurde 
eigeiitlirb kein scharb-s rrtheil verlanlbarl , wenn man sich auch 
vertraulich manche Anekdote erzählte, maiiehc Eigentümlichkeit 
beleuclitete, manches belauerte, so kam es doch nie zu 'einem 

gezeichnet zu liiilien. in ili'in sidi meine iier>"nliclii-u Krimii'nuigen 
bewegen, und gehe zur Erzählung des selbst Gehörten und Er- 
lebten Uber. 

Zu meinen frühesten Erinnerungen, zu meinen ersten Berüh- 
rungen mit der Petersburger Gesellschaft gehört der Salon Karamsiu 
und die gutige, licbcnswcTilige Wmwe iles ersten IJijlnri'ijfranheii 
[iusshiiuls. Kanimsiu hat, wit; bckaiml, eine < ie.sclüclite iius.buid.s 



Kaiser^ Alexander 1 hat Um. , r- -ilu-b seine Huldigung dar, 

seine Familie in aust-eh-heiidsteiii Masse gesorgt .feiler gebildete 
Kusse, jeder ausgezeichnete Fremde, der nach Petersburg kam, 
suchte sich dem .Manne zu nahem, der zugleich durch grosse per- 
sönliche Liebenswürdigkeit lierviu'gci'iigl haben soll. Frau von Ka- 
ramsiu, die zweite Frau des Historiographen, eine Halbschwester 
des bekannten Dichters Fürsten Wjaseinski. setzte die Tradition 
des Hauses fort, indem sie allabendlich Freunde und Bekannte 
empfing, sowie alle die Personen, die sich der ausgezeichneten 
Frau und ihrem _Kreise nähern wollten. Jeden Abend um !1 Uhr, 

den Sommer zuzubringen pflegte, sei es in Reval, wo sie seit Ende 
der dreissiger Jahre ihren Sommeraufenthalt nahm, sass Frau 
von Karamsiu vor ihrer Theeniasehiiie, mit derselben freundlielien 
Höflichkeit alle diejenigen IVrsnuen empfangend, denen sie einmal 
den Zutritt in ihren Sabin gestattet hatte. Ganz 1'clcrsburij ^iii.lj ' 
hier ein und aus, und wahrend an einzelnen Tagen, zumal am 
Sonntag, eine sehr zahlreich« Gesellschaft sieh einfand, so waren 



gewöhnlich nur 15 -.->fl Personen anwesend. Drei Söhne und drei 
Töchter, alle in ihrer Weise bemerkenswert.]! , uutei stauten die alte 
Dame in Ausübung ihrer liebenswürdige» Gastfreiheit. 

Frau von Karamsiu hatte ihre Söhne in Dorput erziehen und 
slndireu bissen und hatte mehren* .fable dnrt gelebt. Als ich im 



Hanse eingeführt wurde, wäre» die Söhne bereits alle im Staats- 



Petersburg und Gadebuscb. 



dienst, die iiiteste Tochter schon mit dem Fürsten Meschtschriski 
verheiratet, die jiinwle aber hatte sieben ilir IT. Lebensjahr zurück- 
gelegt, alle und jeden durch ihre Anmutli, ihre Heiterkeit und 
Schönheit bezaubernd, Die interessan teste Persönlichkeit jedoch 
dieses Kreises war Fräulein Sophie Karamsin, das einzige Kind 
aus der ersten Ehe. Sie war bereits über vierzig Jahre alt, als 
ich sie kennen lernte, unschiiu, aber voll tieist und Phantasie, von 
grosser Herzensgüte, im Besitz eines ausserordentlichen Talents 
zur (.,'imvürsiiliiiii. und /. ivcüehnl i'ra^e irli mirli Ii"' 1 !! heute, ob ich 
ihre Herzens- oder Geisteseigenschaficli höher stellen soll. Ich war 
bald ein stetiger Besucher dieses Salons und habe kaum in meinem 
Leben einen betreten, der so viele Vorzüge und Annehmlichkeiten 
geluvten hätte. Ich suchte allahendlich, sei es in Petersburg oder 
in Keval, ein Stündchen wenigstens hier zuzubringen, was Ulli SO 

älteren Personen umgeben, lind nur selten hatten wir jungen Leute 

Celej/eiiheit.. uns ihr |ievseulich zu nähern. Wie gütig und freund- 
lich war sie dann, und wie liebenswürdig konnte sie gelegentlich 
einen Hath geben oder auch in beinahe mütterlicher Art etwas 
zurechtstellen oder verweisen. Den ulvigou Salon beherrschte 
Fräulein Sophie. Es war wirklich eine Herrschaft, die sie hier 
übte. Sie verstand die anwesenden Personen zu grnppirea, sie rief 
den einen von einer Grille ab, um ihn in ein« andere zn versetzen, 
und wenn man sich auch scheinbar weigerte, so hatte Fräulein 
Karamsin doch meist Recht, wenn sie solches veranlasste. Sie 

sation brachte und so die Unterhaltung belebte. Es gab aber 
auch viele li'ir-ii-ii'u- in diesem eigenthnmliclien rialon, in dem zwar 
Politik und Literatur eine bedeutende Rolle Spielten, die rem 
meu-i-hlirhHi liezieiiiuit'en aber keineswegs, litten; jn, mau hat 
sogar den Witz in Umlauf gesetzt, dass der Salon der Frau 
von Karamsin la ekambre des paires wdre. Ich bin hier Leriuontow 
begegnet. Die schone Wittw« des betrauerten Puschkin war oft 
hier; Fürst Wjasemski bezauberte durch seine Liebenswürdigkeit; 
Kiir.-t Odnje.wski fehlte selten, und ans Moskau erschienen zuweilen 
die ersten Trüger der slavophilen Ideen, Cbonijakow und Aksakow. 
Es gehört aber dieser Salon einer früheren Periode an. 

Frau von Karamsin war lHf>2 bereits gestorben, und nur die 
Familie, die vertrauten freunde und Bekannte vereinigten sich. 



6 Peterehurg und Gadebusch, 

linvli wie vor, nun bei der Fürstin Meschtscherski. Hei dieser 
Dame fand auch icli im Winter 18:Vj,T>3 dieselbe fi-e u misch ältlich- 
Aufnahme, wie zuvor im Hanse ihrer Matter. Allabendlich war 
liier ein kleiner Kreis versammelt ; aber Charakter und Geist, der 

Versammlung war ein linderer. Wie ich angedeutet, wurde im 
Salon der Frau von Karamsiu der russischen Literatur das regste 
Interesse entgegen getragen. Die bedeutendsten Vertreter denselben 
lüden durt Verkehrt. Ts milden auch die ersten nat knuilen iio- 



Fra-en besonders lebhaft lUsculirl wurden , s.i verstiind Krau 
von Karamsiu doch immer Mass und Gleichgewicht zu erhalten 
und jede Leidenschaft /m iiek/udi angeii. llaiiK anders limd ich es 



Mimnie gesren aile leulensciatt liehe A us-< luv: I in,-, dem sieh lim 
und wieder der jüngste Minder in ruhiger Weise auschloss. Sollte 
doch innerhalb der Familie Karamsiu die masslose AcceuttiiriAiig 

jener nationalen Ideen bald zu ei n tragischen Ausgang führen. 

Als nach dem vuiu iraiiiiusisdiun Hut schattet' wieder einmal 
angestifteten Gezänk über die heiligen Statten in Jerusalem eine 
Menge Fragen angeregt worden waren und der Kaiser Nikolai 
einen ausserunlenl liehen ftotsehafter in der Person des Fürsten 
Meiiscbikow naeh Uoiistantinopel zu senden beabsichtigte, brausten 
alle iiational-kirehlieheii, slavisdi- rassischen fiebert reibuugen auf. 
Nicht nur bedeutender Einfluas in Conatantinopel, so hiess es, ge. 
bübre Russland, den einzigen massgebenden müsse Russland dort 
haben. Slaven bildeten die Majorität, des türkischen Meiches, 



verschiedener Form, 



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Petersburg und Gadebusch 



verschiedensten Tonartut 



Jahres IS. : >:i im Salon Meschtscherski erschien, mir Frl. Karamsin 
traurig und beinahe, schon verstörten Geistes sagte, sie gelte im 
Hause nicht mein- für eine Patriotin, sie gelte für eine .Westlichem 
und doch habe sie dem Vater der rassischen Geschichte ancll 
geistig «alle gestanden und immer das Banner Russlnnds hoch 
gehalten. Vorgreifend erwähne ich nun iiier, dass Andrei Karamsin 
bei dem Ausbruch des Krieges sofort wieder in .Militärdienste irat, 
dass der jüngste Binder Wladimir in die Krim ging, nachdem dort 
Graf Wilgowski und Graf Pallien am Typbus gestorben, am bei 
dt'r Venilietrung der Kranken mitzuhelfen. Andrei Karamsin er- 
hielt an der Donau ein gesundstes kleines t hnuniiiiiila. Verachtung 
und (.'utei-schätzung des Feindes, der Wimseh sich auszuzeichnen 
und den russischen Wullen Erfolg zu bringen, verleiteten ihn zu 
einem Angriff gegen Überlegene türkische Kräfte. Des Terrains 
unkundig, «tum tüchtigen l leuernlstabsoliicier und auf niemand 
hiirend, dazu äusserst kurzsichtig, wurde er in einen Hinterhalt 
gelockt, er selbst und beinahe das ganze Detaohemeut bezahlten 
Wagnis und Fehler mit ihrem Leben. — immer leideiisrhnttlii.-lter 
hatte man im S.ilun Meschlsrherski perorirt, iuinier trauriger wurde 
l'Viinh'in k'ainnisitt. Als sie die Tiideiinii-In icti'. erhielt, den anderen 
Bruder i« steter Lebensgefahr wissend, ergriff sie die tiefste Ver- 
zweiflung und ihr Geist umflorte sich. Nach eingetretener Besse- 
rung kam sie nach nuidl dem ihr so lieben Reval und starb hier 
au einem Nervenfleber. Mich erschütterte dieser Tod in hohem 
Grade. Niehl blind für die Kehler, die zumal im Mangel an Mass 
lagen, habe ich doch wenigen Frauen in meinem Loben einen so 
hohen Grad wirklicher Verehrung entgegengetragen, habe keine 
grossere Herzensgute, erfahren, und bewahre ihr das treueste lind 
dankbarste Andenken. 

Wladimir Karamsin kam glücklieh zurück : er hatte auch 
trüber Mass gehalten und blieb auch der massvollste. Aber im 
Hanse ging der bfise Geist nach wie vor um, der Hass gegen den 
Westen wurde immer mehr herausgekehrt und brachte weitere Zer- 
ivurftiisse in der Familie hervor; so ist es geblieben in der ganzen 
Zeit, während welcher ich mit meinen alten Freunden spater Ter- 



in die extremsten slüvisrheii ltichümij 
kehr des einen hat dieser selbst ■ 
gelegt. D. Hrsg.] 



höht. Ein paar Mal im Laufe des Winters wurde die Wi 
einsamkeit durch das Kinheim:» einer grusscreu Zahl von Ja 
freunden belebt, denen ein Mr und einige Elche zum Üpfer fiel 
Diese Jagden konnten in jeder Hinsieht als sehr gelungen bezeich 
werden, wodurch die Jagdgenossen in den Abendstunden in 
richtige Plauderlaune versetzt wurden. So erzahlte, veranlt 
durch irgend eine Ministe reu tkidstin^ in irgend einem Lande, 
bayerisclie Gesandte, Ural' firny, iiui' welche Weise er als Minis 



Er war ein gutmtltl liger, angenehmer Gesellschafter ; wir haben 

seines Taterlandes zu leiten, und dennoch ist solches in einem gar 
Wichtigen Aiifri-nbli':k eitigelreteti'. Heine Erzählung versetzte 
uns in das Jahr 1847. Der König, von Bayern, der kuustl lebende 
Mitten König Ludwig, befand sich im Zauberbann der Lola Montez 
und war auf den ausserordentliche« t"'danken ye km amen, die hübsche 
und geistvolle Abenteurerin nicht nur in den Adelstand au erheben, 
sondern ihr einen Gralcutitel zu verleihen, L'uglucklichenveise, 
wie Graf ßray meinte, gehörte es zu den Attributen des Ministers 



1 Graf llraj M-iiT niiiiisl.-r lies Ausn'iirlL't-ii im Juli 1*7(1. Kr liul IkiviTii 
v PI treten, als im Spii^if-ieili- .1.* Ver-iiiller Mvlilns-rs iLt* ili'iit-.li.! Kiiift-rreii-li 
nibil ihr üVmn'lip. Kni.iT iiie-ciTUi'i ll "lirileli. Kr hur nl«T nur «riwniisri'U Uli 
(lictii L'['>s-i'U IIiit -! In iiUiji^ri Ii lüLiLTtvirkt. Wäre CS nach illlli scsniiitm, sr) 
nürc Bayern nicht BÜOnanohiit. 



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Petersburg und Gadebusch. 



des Aeusseren, die Standeserhühungen zu controsigniren. Bray 
sollte also diese, unliebsame Signatur gehen lind eilt Schlips sich 
trotz inneren Wideratrebens, dem königlichen Willen Folge zu 



heibuige-cbait'i wurden, Graf Bray hatte also einen Urimd. das 
Patent nicht aus/nlertiireii, aber der Kimig bestand doch auf seinem 
Willen. 

Bray fand bei seinem Ministerpräsidenten Unterstützung, und 
da« ganze Ministerium wurde In Ungnade entlassen. Nach der 
Abdankung des Königs sandte Koiiig Max den Grafen Bray als 
Gesandten nacli Petersburg. Lola Montez nannte sich aber trotz- 
dem in Paris Gräfin Lanilsichl und erzählte mit Befriedigung, wie 
sie das Ministerium gestrengt habe. An einer Constitution fehlte 



schönes, palastartiges Gedulde, das .jetzt auch leider in die Hände 
eines plutzlidi reich ^e«'.>]iicticn I Eidaslrirllcn gokinimicii ist. Dieses 
Haus wurde in den fünfziger Jahren von Graf Alexander und Gräfin 
Sophie Boich iicivohnt, diu hier eine ausgezeichnete GastiVciiiulschatt 
ausübten. Schon lange waren die schönen lläume der Petersburger 
Gesellschaft bekannt, denn lange liatle hier die verwittwete Gräfin 
Layalle in angenehmster Weise ein grosses Haus gemacht. — Die 
Grafin Boich, zweite Tochter der Gräfin Lavalle, hatte dieses 
Besitzthum geerbt llud setzte in Verbindung mit ihrem Gemahl 



diese Feste mehr einer l'llichtcrltilliuii: gleichsahen, s., entsprachen 
dem Wunsch und dem Geschmack der Besitzer die kleinen Mittags- 
tafeln und der allabendliche Empfang. Sur ganz atlssergewijhn- 
liche Veranlassungen konnten die Grafin Boich bestimmen, 
ihrer Gewohnheit untreu zu werden, Freunde am Abend, zu einer 
Causerie vereinigt , bei sich zu sehen. Hier wurde wirklich 
geplaudert; der Politik, der inneren und der äusseren, fiel der 



10 



l.nwcunnthcil KU. Hier waren fast jeden Almud Diplomaten und 
Staatsmänner xa sehen, und wenn die allere Gesellschaft sieb um 
den runden Tisch der Griltin Sophie vemainuielte, so gab es am 
anderen Kndc des grossen Raumes, am Theeüsche der Töchter, voll 
wo das belieble (ielraiik hertlbei^csehickl wn nie, immer einen 
Kreis- jüngerer Personen, denen sich aber auch allere gern zuge. 



faire hs Engagements apres les cxlrails de bnpleme.* Doch zurück 
■/.um Millen der Crilfiii liorch. Das grosse, lmhe, längliche, saal 
ail.ine Zimmer war mit -cluimui Hihlern italienischer Kunst uns der 
besten Zeit ausgestattet; ein treffliche* l'erträt von I »oinir.irliiii-i 



hrl,j:- sich v 1 hl Hau-' uns ucht, dass es zu bösen Verwickelungen 

Mensrhikow, um die ticfuhi' a Inn Wenden. Es war bekannt, dais 
der Kanzler Gral' Nesselrode, der auch von Zeit zu Zeit hiev er- 
schien, von der Sendung dringend abgeratben habe, dass aber sein 
Rath vom Kaiser zurückgewiesen worden war, Graf Nesselrode 
wurde damals von der ganzen nationalen Partei vielfach wegen 
seiner Politik angegriffen . Auch leidenschaftslose niiit sonst Ver- 
standige Personen wollten den .Staat aui eine aggressive lind ener- 
gische Aelion in l.'entralasien drangen. Ural' Nesselrode widerstand 
diesen Wünschen eben so sehr, wie er den orthodox-griechischen 
Agitationen in Oesterreich und in der Türkei nach Möglichkeit 
entgegentrat. 

Ich sagte schon, dass die Diplomaten viel den Salon Borch 
besuchten, und da ich verschieden« dieser Herren im Verlan!' meiner 
Erzählung iinKiiliihrcu Verniilns.-mng haben werde, so will icll ihrer 



Dl J l :C-J L": 



PrenssHi 
I. Rin 



längerer Zeit äurcli Baron Wertlier ver- 
wbsenhafter und vorsichtiger Diplomat, 



Passe fordern müssen, indem er in Wien und Paria Gesandter war, 

Hier in Petersburg hat er nur gute Dienste erwiesen, obwol 
seine Stellung bi:i der ^.iivulen SliniiLiimg des Kaisers gegen seinen 
Schwager, den Küiiig Krielrich Wilhelm TV,, nicht immer eine 
leichte war. Ja, dieser sonst unentschlossene Diplomat hat in 
einem gewissen Aligenblick durch" sein selbständiges und verant- 
wortungsvolles Auftreten Kusslaud sieh m grossem Danke ver- 



band er die lieben seidigsten 
eben su wohlwollenden Herzet 
gewöhnlichem Grade nicht in 
trautesten Umgang des Kaiser 
Monarchen und dieser hat auc 
Stopel dem Grafen Münster Irü 
Zimmer anwesenden Kriegsmin 



Graf Münster genoss iu ganz mi- 
die Huld, sondern auch den ver- 
Nikolai. Er war allabendlich beim 
spitter manche Depesche ans Sewa- 
lu'r mitgeteilt als dem im selben 
ister Pürsten Dolgoniki oder dem 



ich ein Viertelst iiiidchen mit Graf Munster |ilaiidern, und nichts 
kann die Unsicherheit der Lage besser chnrakterisiren als Ministers 
Bemerkung, als ich ihm heim Abschiede sagte, dass ich auf ein 
Wiedersehen mit ihm in Petersburg hoffe, und er mir antwortete: 
■ Es ist doch nicht sicher, ob Sie mich und Werther in Petersburg 
Huden; alles drangt den Konie; zu «nein Dunums mit den West- 



bekannt, dass der König diese Kraft gehabt hat, und 



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12 



Petersburg und Gudebusch. 



kaum ist die Wichtigkeit zu bemessen, die liier die Charakte [stärkt 
des soust sn charakterschwachen Mannes auf die Entwicklung der 
Hinge gehabt hat. 

Graf Valentin Estorhtizy war österreichischer Gesandter. Ein 
schöner und liebenswürdiger Cavalier, hatte er nicht mir die ange- 
nehmsten Formen, sondern auch Jen Tuet und die Menschenkenntnis, 
die in manchen Familien cimlich zu sein scheinen und die bei dem 
grossen iisleMeirhisrlien Adel sieli sd i.K tindeii. wenn astch evisti;;" 
Tiefe und gelehrte Bildung fehlen. BsWrhazy hatte eine aus- 
ge/eii Imeie Frau zur Mutter, eine geborene Kaunitz. Ausser- 
ge.widinlirhe Mütter verfehlen aber sehen, glncklirh mit' die Lebens- 
Schicksale der Kinder einzuwirken. Grat' Esterhazy liat längere 
Zeit in Petersburg sein Vaterland vertreten und in gar schwierigen 
Verhältnissen grossen Taci beniesen und t.['i:Miche Dienste geleistet. 
Hervorragender und leidenschaftlicher .lagcr, ist er oft im stillen 
Gadcbnsi.-h gewesen, und habe ich oft mit ihm Büren und Kleben 
nachgespürt und Überhaupt in den angenehmsten Beziehungen mit 
ihm verkehrt. 

Die Gesandten von England und Frankreich verliefen bald 
Petersburg, und Uber die Nachfolger derselben werde ich erst 
spater nach dem Kriedenssddnss berichten. 

Zu meinem intimen Umgänge iu Petersburg geborten auch 
Graf Munster und Herr von Könneritz, die Gesandten von Hannover 
und Sachsen. Diese Herren konnten natürlich keinen Einflnss auf 
die grosse Politik haben, sie waren aber gern in jedem Salon ge- 
sehen und gehürteu iu den Kreis derjenigen , mit denen über 
Politik xu plaudern interess-nnt und lehrreich war. Der hanno- 
versche Erb-Landnuil-cliall ( • I af M lilistcr zahlte zu dem Kreise der 
Freunde, die sich in Gadebusch Ycr.samiuelten. Herr von Kotiueritz 
aber, mit einem Fraulein v, Ortenberg verheiratet, einer Nichte der 
Fürstin Kotschubei, geborte zu dem intimeren Cirkel des Kauzlers 
Grafen Nesselrode, 

Als Hintergrund zu meinen persönlichen Erinnerungen und 
zu den beabsichtigten Deiaikeiriiiiun'.'eu habe ich im allgemeinen 
die Entwickelung der historischen Ficiumisse kurz zu skizziren. 

Die Sendung des Pursten Meuschikow hatte keinen Erfolg, 
sondern verschärfte den Zwiespalt zwischen linssland und der 
Türkei nicht nur, sondern auch zwischen Kusshmd und Frankreich 
iu hohem Grade. Es folgten die wiener Conferenzen, aus denen 



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Coi 



erfolgrache und unglückselig Sieg von Sinope erfochten wurde. 
Der Krieg mit den Weatmichten war unvermeidlich geworden — 
aber an dachte man in Petersburg nicht. 

Hier bewegte man sich in lauter falschen Vorstellungen, nie- 
mand mehr als der Kaiser selbst. 

Der Kaiser Nikolai leitete die Politik ganz selbständig und 
berücksichtigte die Meinung seines langjährigen Ministers- und 
Kanzlers, Grafen Ne&wlrode, oft nicht. Hier sei nur vorläufig 
erwähnt, ihiss der Kanzler in den letzten Maitagen dem Kaiser 



auf die Sacht selbst kiinne es aber keinen Rinfluss mehr üben, da 

er bereits am Morgen den Courier mit dem Befehl abgesandt habe, 
mit dem Vormarsch der Truppen zu beginnen. 

Der Kaiser wollte keinen Krieg, er glaubte nicht an die 
Möglichkeit eines Bolchen; auch zahlte er auf die Bundesgenossen- 
schaft Oesterreichs und kortute hierin durch nichts erschlittert 
werden. Ich werde spät«]- im Zusimiiiii-iihaiige und aus Dücmnenl.Cli, 
die wenige Augen gesehen haben, berichten, wie weit der Kaiser 
in dieser phantastischen Vorstellung gegangen ist. Hier nur das 
Thatsäehliche, wie der Kaiser auf Grundlage seiner üeb 

Russischer Gesandter am wiener Hof war s 
Baron Peter Mayendorff. Dieser hochbegabte u 
Staatsmann hatte in Wien eine unmögliche Aufg 



täglich in seimn- Amtsführung gestört. 

Kaiser Nikolai liebte den jungen Kaiser von Oesterreich und 



1 IVrAiiilii'lii- MinWilimi: .lt. Kiiiiili-i- 



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glaubt« sich von ihm iti hingehendster Weise verehrt; er glaubte 



reich immer metu 
Sohn in Wien.. 

Der Leiter 
ein hochmüthigei'. 
süniinter Staatsm 



burger Gesellschaft nicht nur mit eisiger Kalti 
sondern halte manche Unarten ert rillen müssen 
werden können, ohne ihiss die Möglichkeit vorn 



Vinkel Kilian Suiht Jlnjcstiit. Kr versuchte s]iäler durch eine 
Sendung des Grafen Orlow au das Herz und das GemilUi des 
jungen KiiiiL-is 7.ü anpelliren. E* haben die.se tnig< frischen Vor- 
stellungen einen aus.Heiwdentlirhi'.u Kinnuss uul <lie Geschicke Huss- 

Irrthümlidie V'i>reti!lliiiLs:"n ln^n: nullten aber nicht nur den 



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Petwsluirg u nd (Sndebnscl 



Petersburg dl« Walirücliemlirfikeit eines Kriegs mit den West- 
Ichteu kurz von der Hund gewiesen. Bin Bündnis zwischen 



itet 



bekannten Cniten l'aul Kisselew, 
mit der Vertretung Ilnssliimls hetr; 



intimsten Beziehungen hatte er in ganz anderen Kreisen, und es 
mag allerdings nicht unrichtig sein, dass seine unglaubliche poli- 
tische Blindheit darin einige Entschuldigung finden kann, dass er 
mit, di:nji*nii;en Kreisen in genauer Verbindung war, die sich ganz 
oppositionell zu denTuilerien verhielten. Er bitte kein montirtes 
Haus, sah nie jemand bei sich und verbrachte alle seine unbeschäf- 
tigten Stunden auf dein cerck de I'mnm. In diesem oppositionellen 



lr hat mit der Kaisern 
ii Cabinet des Kaisers d 
t wurde. Tags darauf 



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Petersburg und Qadebnsch. 



Meyendorff erlangte nun im Frühjahr l*T>4 seine Abberufung 
ans Wien; er trat ans dein diplmiiulisidieu Dienst zurück, ilem er 
sein Koben bis ihüiin jjmvirihc liuite. Kr wurde Mitglied des Reichs- 
raths und übernahm riie Stellung eines Ohefä des sogenannten 
Cabinets, d. h. die oberste Verwaltung des kaiserlichen Privat. 
Vermögens, der K im ist s:liiiid ; ui-,.ü:''n . Museen, der kaiserlirhon Fabri- 
ken &.C. Im Sommer 1BTj4 fand ich denn auch meine alten Freunde 
und Gönner, Heim und Frau von Heyendorff, in einem kleinen 
Häuschen auf der sogenannten Apothekerinsel bei Petersburg 
etablirt. Der bosnische Garten pr > ■ ! i ■> r t e zur Administration der 
Chntulle und war das obengenannte Häuschen eine Dencndon* des 
schönen botanischen Gartens', Rille hübsche, jedoch auspniebslose 
Wohnung im Pahiis Anit.riehk.nv nur, in Meyemiont' angewiesen, und 
hier fand ich denn in den nächsten -Taliren das mir angenehmste, 
interessanteste und auch liebste Haus in Petersburg. 

Baron Peter Meycudorü" war der dritte unter vier lärtldern, 
die alle eine nicht nnbedeutenile I j ■ ■ i ■ ■ ■ 1 1 h ^ r i - 1 1 . u 1 eingenumraen haben. 
Der Vater, Besitzer des Gutes Klein-Itoop in Livland, ein Hau- 

in den türkischen Kriegen gehabt und sich hier sehr ausgezeichnet, 
sich aber in Friedenszeiten durch allerlei üebergriffe den Unwillen 
der Kaiserin zugezogen. Er hatte seinen Abschied erhalten und 
war nach Koop gegangen. — Er iuui , :itij auch in Livland von sicli 
reden. Soll er doch irgend einer Daum in seinem Hause, die über- 
mässig hohe Hacken trug, diese mit seiner Fistole. abgeschlissen 
haben! Solche Spüsschen kamen wol im vorigen Jahrhundert vor'. 
Peter Meyendortl' war in den letzten Jahren des Befreiung»- 



1 Beiläufig bemerkt, lwt Baron Meyrnrlurff. ilct tiii-liliffa XLHiirfurwln-r 
■.Hill Ciirli'nUclJulK-r. -,ir .-■ !■ ;;r ] i .-vi ■ i i hl in V, i iv.ilrui)^- ilc- l.ntaiiisi-lim (iiirt'jlis 
i'ito ^riU'.n, :uirl] .Uiliirdi, .t.is-i er iLi-li Dr. Jtc^'l UltiT. ■[■■! I>ii jotst Dilr.'tny 



hatte ihm als Papjn an dein Hufe der Kaiserin »Ine Dhrfeljfa gegeowi und sich 
in ki-ini'r EutselmliliffilliL' lien-it [inih-ti lnsst'ii. lllin'irr Lviiunleii. verintuftt' 
Sclitschfrliiit.iw «niUKtlmurij; Imd er.wtnisH ilul) (.Hn'nilivr mit" rlrii traten Grill. 
— tVie der alt« (iiijjiiu-Ui; Herr H-iin- Svlinc tri.' ■(,'!■ I), iH'i" kli niclit in -ni;i-]i. 
Da ivirrl ilanu »I Jlt vii-1 juL^-imi f'r.m. tititr n'l'i'MMi JltiiLTikii {■';. iIlt 
[Iimiitiuilliiil zugefallen hoiii. 



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Petersburg and Gudebuscli. 



krieges Generalslabsofiieior gewesen, dann aber sofort in den diplo- 
matischen Dienst übergegangen. Er ist an den meisten europäischen 
Hufen bald als Secretar, bald als cluiryi lUffaires in Thätigkeit 



Nachdem er Gesandter in .Stuttgart gewesen, war er zum russischen 
Gesandten am preussischen Hute ernannt. Hier habe ieb ibu im 
Jahre 1839 kennen gelernt und die nächsten zwei Jahre viel ge- 
sehen. Unter seiner Aufsieht und nach den von ihm festgestellten 
Plänen ist das schone russische Gesandtschaft sluMel in Berlin er- 
baut. Er hat dasselbe bis zu Anfang der fünfziger Jahre bewohnt, 
einen würdigeren Vertreter hat Enssland nicht gehabt und wird 



diese »He wichtigen Angelegenheiten mit liaron Me.veudui'ff, wobei 
es gar oft vergessen sein mag, duss Meycndni lt auch russischer 
Gesandte war Dieses Verhältnis der Freundschaft mfd des Zu. 
trauens ist denn nach dem Jahre 1847 von der sogenannten liberalen 
Partei dahin mishraitcht, Winden, dnss behauptet, wurde, der russi- 
sche Gesandte habe die massgebende Slinime in der preußischen 

Politik geübt, da doch nur ein grosser, persönlicher Einfiass nicht 
des russischen Gesandten , sondern des liaron Peter Meyendortf 



Auftreten der ganzen liberalen und radiealcn Partei in Deutsch- 
land und Preussen damals hat andei'eiseits auch Mcyemhirtl's höchsten 
Widerwillen erregt. Der su besonnene, ruhige, Wuhlwollcielc Mann 
verlor leicht seinen Gleicinnulli, wenn er auf die politische Lage 
Deutsehlands und Preußens in den genannten Jahren zu sprechen 
kam. Das unbegrenzte Vertrauen, das ihm ans jenen Gesellschafts- 
kreisen entgegengehalten wunle, mag durch die Erwähnung eines 
ganz persönlichen Vorfalles charakterisirt wenlen. 



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Petersburg und Gadebuseh. 



Der langjährig« intim« Freund des Königs, der General und 
Kvieüsininisler von Knnch starb in den .Taliren, iu denen Heyen- 
dort in Berlin nM| war. Trotz der Yieljahrigen Stellung als 
Krie^minister. t.olz der Fivimds.diaU und des la-licheii l "ih-siu.ijks 
mit seinem koni -liehen Herrn war General liauch ein vollkommen 



Bitte hatte richten können. N'nch zwei Seiten Iii ci erseheint dieser 
Zwischenfall , der durch meine intimen Beziehungen zu beiden 
Familien zu meiner Kenntnis gekommen , bezeichnend. Die 
Gewissenhaftigkeit |ncnssischer Beamten bedarf keiner weiteren 
Belege. Dass aber auch so früumlscIiatCirhe Verhältnisse von dein 
Monarchen selbst nicht benutzt wurden, um den hohen Staats- 
beamten iilier die kleinliche Sn!_'e ile.j täglichen Lebens zu erheben, 
ist doch ein eigCiithnmlicher und aneli schöner Zug. Ebenso er- 
scheint es merkwürdig, dass der fremde Staatsmann die Stellung 

eintet midi, dass .-milii-lu^ Zutrauen die JStellimi: -elli-t gleich-uin 

iu Vergessenheit bringen konnte. 



um durch ihre Gaben des Geistes und Herzens das Haus der 
«tischen Gesandtschaft zu einem in jeder Hinsicht ausgezeichneten 
d anziehenden. Tch bin damals in Berlin, und spater in noch 
herein Grade in lVtershiirg, immer mit. Vergangen Und Verehrung, 



die b'rcude an allem (Juten und Schönen, in' Verbindung mit seinem 
Warmen Kerzen, machten ihn -zu einem aus^ergewöhnliclieu Menschen. 
Fran von Ueyendorff war nicht nur äusserst geistvoll, sie hatte 
eine miersclnipliiche Quelle von Witz und Humor zu ihrer Ver- 
fügung, wozu noch hei iler Convention in deutscher Sprach« eine 



Mt 



ihr Urthal scharf und 
dies in dem imliezwing. 
er bevorzugte» Stellung, 

sagen, was sie dachte. 



dieser ki'itirti'Uiä Cluist niuer sukdu'ii Hi'rrsdiufl. um erliegen konnte, 
erschien immer von neuem ein ltilthsel. Mevendurrt' hatte schein- 
bar kein Auge dafür. Ich habe aber iloeli bei dieser mtMtergÜtigen 
Ehe mir duniem- UeJaukou gemacht, dass immer noch im 1U. Jahr- 
hundert die Zugehörigkeit zu verschiedenen Coniessionen eine 
Schwierigkeit für das eheliche Lehen bildet. 

Auch in anderer als der' schon bezeichneten Richtung trat 
der Diplomat im Meyendorffischen Hause oft in den Hintergrund, 

ihr Antlieil gewahrt wurde. s->is,!«ni andi wiss.-uschiutlidK Ii», 
strebungen gar lebhaft hervortraten. So gewann Meyendortf Ge- 



-<i-i:lu.'ii Gi'.-iuudiSL-iiaft. ; 



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Petersburg und Gadebusch. 



Begabung des ullbewundertcii .Vannlenn Hl'.; unerschütterlich bei 
der Meinung, dass das zweite Kaiserreich nur einen kurzen Be- 
stand haben könne. Wie vereinzelt er in dieser Meinung war, 

ZUITSt illHSjllrrllCU i_',.|i,,rt. 1 1 : 1 : — L Ku-.l.Lllil |,"ill>' wirklichen, vil.illl-11 

Interessen an der Donau habe, und dass es ein Irrthum der russi- 
schen Politik sei, sich mit der Frage der Don&nmundung und 

Düiiauschiil'iahrt KU bi'.JflKll'riyi-ii. Nur Oesterreich und in gewissem 
Masse nuch Deutschland habe dort, wirklich« Interessen. Die alte 
Tradition der russischen Diplomatie hat iinnier diese Dunau frage als 
eine Lebensfrage, für Russlaud behandelt, und ich war nicht wenig 
verwundert, als ich diese Ketzerei von MeyendorlF horte. Reiflichen 
Nachdenken, Rückblicke anf die rassisch-turkischen Kriege und die 

der Richtigkeit von Meyendorffs Meinung. Es war eben eine Un- 
wahrheit, dass man von der 1 Mnan sprach und ( '.in.stuntinopcl meinte, 
eine Unwahrheit, deren sieh die Träger il.-i- russischen Diplomatie 
schliesslich gar nicht bewusst waren. 

Meyendorti' war, wie wir gesehen, eigentlich nie in Bassland 
gewesen, und wenn er auch den meisten in Petersburg in einer 

oder der anderen Weise hervorrag icu Persönlichkeiten begegnet 

war, so waren doch ihm und ganz besonders Frau von Mevendorll' 
die socialen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Petersliurg fremd. 
Wie schnell und gründlich er aber diese erkannte, die Stellung, 
die er sofort einnahm, bezeichnet den überlegenen Mann. 

Ich habe schon gesagt, dass er eine Dieustivulmnug im Palais 
Anitschkow bezogen. Hier hat er bis zum Ende seines Lebens 
geweilt; und indem ich über die letzten Lebensjahre Meyen- 
dorffs einiges zu erzählen wünsche, habe Ich zuerst dieser Woh- 
nung selbst zu gedenken. Sie war gerade das Gegenthcil von den 
sonstigen Dienstwohnungen in Petersburg, die, meist ilber das Be- 
dürfnis gross und prächtig eingerichtet, den Staatssäckel nicht 
unbedeutend lielaslen und beinahe immer Über den socialen Be- 
dürfnissen ihrer Bewohner sind Unscheinbar erschien neben diesen 
die Dienstwohnung des (!hel' des Ohinets, die den strictesten Au- 
flud in der sich McyeudorlT nur einen schciuliai-cu Luxus erlaubt 
hatte; ein Billardzimmer, da ihm das Spiel Gewohnheit war, um 
sich Bewegung zu machen. Gesell schalten und Diners wurden 



Petersburg und ündebusrh, 



21 



Bekannten ziemlich sicher am Abend empfangen zu werden. Nur 

bis vier Personen dort geholfen, bin über manchen Abend allein 
da gewesen. Zudem war das Meymidiullsche Ehepaar in Trauer 
und Kummer versetzt, da die letzen Kriegsendgiiisse vor Sewastopol 
ili'ii älli-siiüi und wo] ili-n iiiiSjri'zeiHniftsiHL der Sulnic geraubt 1 . — 
Petersburg bot in jenen Jalireu gar viel au geselligen Vergnügungen, 
und wer von diesen niclit besonders angezogen wurde, fand eine 
Menge kleiner Kreise, die als Coterien Le/eii-lmel Weiden konnten. 
So waren denn die Urihler von Jleyendortf, einige baltische Lands- 
leute, einige Diplomaten die Personen, die öfter am Abend er- 
schienen, wahrend einzelne alte Freunde und Gönner, die selbst 
sehr in Anspruch genommen waren, den Salon ausnahmsweise auf. 
wehten. Ich erwähne hier des Prinzen Peter von Oldenburg, des 
Graten Xesstdrodi!, des Grafen Gurjew. 

Peter vnn Oldenburg war zwar allerdings ein geistig wenig 
hervorragender Manu ; seine Liebe zur Wahrheit, sein Wunsch, 
soweit seine A et ionssp Iiiire reichte, alles Gute und allen Fortschritt 
zu befördern, sich über möglichst vieles informireu zu lassen, 
brachte ihn öfter z 
schlang und Liehe 



gerichtetes Streben einstig wirkte, «der mindestens als Lamm gegen 
Leichtfertigkeit, Frivolität und Kigennuu sicli entgegenstellte. 

Den nicht grinsen, schmalen, mit zwei Lampen erleuchteten 
eiul'.ielieti Sälen schmückte ein schönes ISild von Murtllo, das als 
Venniiebtuis eines Freundes in Jleyeiidorffs Hesitz gekommen war. 
.Zünden Sie die Lampe vor dem Bilde au,» sagte meist Frau 



dort verscliuanen w 



Petersburg und Gadebnscu. 



Doch zurück il'-ii Iicwi.lnn.Tii dieses Zimmers. Im Winter 
]8fili nun, nls ilie IViedenspritlimirinrien unterzeichnet waren, be- 
scIuLftigfi! alle Welt die Kruge, wein die schwierige Aufgabe zu- 



die Herren ungestört in ihrer Conferenz verblieben. .Die Herren 
verhandeln wol die grosse Politik,, meint«, ich «und Meyendorff 
bespricht mit jenen geistvollen Diplomaten die in Paris einzuhal- 
tende Linie ; er wird dnoh hingehen, wer könnte es besser machen?. 
• Er Soll Hiebt hiii-elien.:. sagte Frau v.in If'.u-iKlt.rll' hierauf, 



sollte timgclicii, lim das IVot.-ki.]] zu lültren. Bruunow nrusste als 
zweiter Bevollmächtigter hingehen um! die ganze Negociation leiten. 
Der Fürst Orlow giebt denn das notwendige Decoram. Meyen- 
porff ist zu sehr mit seinem ganzen Herzen dabei. Der andere 
indem sie auf Bruimow zeigte) bat gar kein Herz für die Sache ; 
für ihn ist es wie eine Partie Schach, in der der bessere Spieler 



Verwechselung von Kamen, i 



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sbnrg und üadebusch 



htiltiiisse berühren ii.nl die Strlluiiu' -widmen, die sie in der Familie 
des Herrschers einnahmen. .Moyeudorif wurde von leiden Kaisc- 
rinnen mit der Bezeichnung ider Freund, in den Briefen genannt. 
Beide hohen Frauen baben aber keinen directeu Einflnsa anf die 
Politik geübt und dock einen sein In- stimmenden auf Kussland 
durch den Einfluss auf den Kaisar und die Erziehung der Kinder 
Die Kaiserin-Mutter war in jenen Tagen schon sehr kideud. 

Ich habe aber unter anderem «inen Brief von ihr an Meyen- 



bescb reibt die .SehmheiL ihres Aut'enlh-iltortes, sehliesst aber mit 

den- Worten: 'Olga rerläast mich morgen, dann wird mir alles 
nicht mehr so schön erscheinan.i Prau von Meyendorff, die oft 
am Abend den kleinen Kreis der Kaiserin mit ihrer unvergleica. 
liehen, huuioristiseheu Convcrsation belebte, s jjtju.-Ii aauh hier die 
seheizli.iit.'slen blinke au?, wenn sie ihr gerade ein Ii el eil, und wurde 
manches Wort von Mir wiedererzählt, das dazu beigetragen, die 
Langeweile, die meist in jenen Kreisen herrscht, zu bannen. Die 



Wir H'isHi-n. iliiss er ;lui ij. Januar l (?;>■> vom Kaiser v.a jener Uu- 
ratliting hinzugezogen wurde , die zur Annahme der Friedens- 
präliminarien führte, und den ist seine Gegenwart von der grossten 

üi'ikulilni! gewesen. Im < iegensiil;! r.a unl«'di:lll.viideri']i Diplomaten 
hatte Meyendorff die Gewohnheit, im vertrau testen Kreise Aber 
Stniitsgesclitifte zu Sprechen, wo solches ohne. Schädigung ihrer 
Interessen geschehen durfte.. Kl* war trotz einer 40jäbrigen diplo- 
matischen Laufbahn nicht auf die schiefe Ebene gekommen, auf 
der die meisten Dirilmuaien sieh bewegen, die äusseren Foiinen, 



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24 



Petersburg und (Jadebusch. 



das Geheimnisvolle, die kastenlinfte Abgeschlossenheit fllr die 
Hauptsache zu nehmen. Es ist eine Hetrnehtnng, der man sich 
flach nicht verschliessen kann, dass anch aasgezeichnete. Männer, 



es sonst in diplomatischen Kreisen die (.icwfdmlicit ist. In den 
sich in iten Vordergrund drängenden Prägen Uber die Aufhebung 
der Leibeigenschaft und die agrarcn Verhältnisse halle er, so viel 
ich weiss, keine bestimmte Ansieht, wollt« aber jedenfalls eine hei 
weitem eingehendere liutei-sudiuin; voraiiscliicken Meyeiidorfl' hat 
bis an sein Bilde in den oben bezeichneten llienstvcrhültnifcseii und 
socialen Beziehungen in Petersburg gelebt. Er hatte das lebhafteste 
Interesse iiir alle ]i.jlin-chen und lvisscus'.'tiiil'tliclicii fragen sich 
erhalten und seine Freude an Pflanzen , Blumen und allen Er- 
scheiimrigen der Natur waren gar irisch gcblicVu ; auch die sjie- 



mihine und Unterstützung, so weit er sie gewähren k< 
seinem Vergnügen gehörte es, von Zeit zu Zeit auf 
beschickten Vogelmarkt zu gehen, die harmlosen Gefai 



mehr denn ein Jahr vergangen, seit der treuliche Mann aus dem 
Lehen geschieden, als ich Frau von Meyendorfl sehen konnte. Ich 
hatte die Verwaltung von Qadebnsch angegeben und kam nur 

ausnahmsweise mich JVtersbui'L'. Da- letzt'.' Lebensjahr, die letzten 
Monate und Tage des Verstorbenen besprach die um ihn trauernde 
Frau, mir eine Men^e Riir/ellieiteu berichtend. Wir hatten so ein 
paar Stunden im Andenken und in der Verehrung des Daliin 
geschiedenen hingebracht und ich schied mit. i'Sewegiiug und unter 
dem Eindruck alles Guten und Bchonen, was ich gehört. Ich war 
bereits hinausgetreten auf den Flur, als Frau von Meyendorfl, selbst 
die Thür Öffnend, mich zurückrief und mir sagte, sie hatte noch 
allerlei interessante Briete und Schriftstücke mir mitzutkeilcn. 



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Sie hatte 



:n Nesselrode an den Kaiser 
der Lord Hamilton Seymour 
kOnne und der Bemerkung, 



sandten sehen wolle, und hinzugefügt: •■/'«! tU-jii domit ä Mnjai- 

einem kleinen ßlilttchen von kaum Handgroße vom Kaiser eigen- 
händig niedergeselirielieii, Meyendorif hatte nun entweder dem 
Kauxlut- UfM-li niclil. MiLtlii-iUm;.' vuu den genannten Inslriu-tiusiwi 
machen kiinnen oder, was walirüclii^tii 1 ii'l u^r mschrnnt, mit dem 
Kanzler jene Anfrage bei dem Kaiser verabredet', um die sog. 



MeycmhrH cntludl nun un^NLIir Folgeudes: .Si U 1. (13.) Jmn 
In Turqtih: n'tt ji'ix rt'tlt; nttit'r tle tw s I um jus ihm:- ie: l'ruvijinutr.'. ■ 

• Si U 1. (13.) JviUct la Tttrtptic it'nvttll jms cctli, tlt'chtyatt'iit 
tle Vhttlt-p/. titln im rkn l'riiif.iptinlrs el de la Serbic.i 

t^i Je 1. (13.) Aoäl la Tmgui« n'a pat ettcore ctdt, entree des 
trottpes autrkhiemm.' 

Es ist mir nicht mehr erinnerlich, ob für das Einrücken der 
ÖBterreicBiBühen Trappen irgend eine Oertlichkeit bestimmt war. 



Petersburg und Usde 



loh habe das Blatt nur eine halbe Stunde vor im 
unii erstaunten Blicken gehabt, und es sind seitd 
Jahre verflossen. Das Blatt, die Handschrift, ä 
oben wiederholt, stoben ao lebhaft vor meinem 
es soeben geschehen. 

Wie kann man sich aber die Lage von M* 



ir>se unghtubli 
beimiijlingen 



aufmerkf 
das Meli 



i Briefe der Kaiserin Mutter gesprochen 
iIe.t regierenden Kaiserin. g«schrie!n*L 



Kirche in 
Ableben v 
Kaiserin ( 



von einein [>nit.i:;lantisi:lieii Geisl- 
■: Anscliiiumi^en cli;f gi-iecliisclui]] 
te. Am dritten Tage nach dem 



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hat noch einige Jahre in 1'etüi-sl.usr^ gelobt, durch die Anwesenheit 
ihres jüngsten Sohnes dnrt gefesselt. Mine kurze, schwere Krank- 
heit di-s-eUien brachte ihr trrossc Sorge. Als sie die Genesung als 
das höchste Glück empfand, brachle eine schwere Heleirtigaug, die 
ihr zweiter Belm. Rudolf dem Bmsdiatler, Raren Jlndbeig zufügte, 
Verwickelungen hervor, die ihr ganzes (.ie.müth criTitlen. Budberg 
hatte in den l'rcundsdiallliclisien liezielmngeu m dem MeyondnrtV- 
sehen Hause gestanden, und der uft h.telifalirende and rücksiohls- 



Mr.yemlorit' reiste nach Mlinehen in .ler Hoffnung, einen Zwei- 

ipf zu hindern, was ihr nicht gelang. - Sie starb einige Tage 
ier. Neben Krankheit hatte die grosse Aufregung und die 
:be Reise den Tod herbeigeführt. 

Trotz der Belagerung von Sewastopol, trotz der Verluste aller 
, die der Krieg brachte, trotz der schreienden Misstände, die 



Sund nnssirt, 
Ostsee sich en 
A ugenblickes 



I Massregeh 
inaeheu odei 
te Segel de, 



mlläse; er schloss sieh immer mein- ab und lebte streng der 
Erfüllung der Regierungspfiicliten, wie ei- sie sich flachte. Kein 
ministerieller Vortrag wurde ausgesetzt, und jeden Tag be- 
sichtigt: der Kaiser |>er»inlit:li die unglücklichen iieiienij.'rsle]llen 

Rekruten, die, kaum in notbdürftigBKsr Weise elnaterclrt, in den 



gebildeten und ausgezeichneten Arzt, Dr. Mandt , Ei 
seinen Soelenzustainl tlnin lassen, solches wurde wenigst 
behauptet. Der Kaiser erschien jetzt, wie sonst, jeden 



Tapet zu bringen, leb erinnere mich, duss eines Abends spät Frftnl. 
Tutschew, jetzt Frau Akstiknw, die später einen nicht unbedeutenden 
Einiluss am Höre Kaiser Alexanders II. gehabt hat, damals noch oin 
ganz junges Mädchen und Hofdame der Kaiserin, bei der Fürstin 
MeschtSi-berski erschien und mit lief Heiligung erzählte, dass es 



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Petersburg und Gadebusch. 



29 



gelungen Sri. denselben Abend den Kaiser aus seiner abgc-se hlüssencn 
Gleirhgiliigkeit. herauszubringen. Die Grossfurstin Maria halt.: 
Dämlich mit Frl. Tutschew verabredet, dass sie die Frage anfwerfen 

Bm li i:in*iibe-sui mi.l viel leicht des Kaisers Auimerksuinkeit zu 

fesseln. Das war denn auch gelungen. Der Kaiser hatte nna- 

fuhrlich über Turgenjew gespruchuu. sieh intimniieu, und einiges 
aus dem Um: In: vorlesen lassen. Ks wäre eine mi angenehme Stim- 
mung in dem hellen Kreise gewesen, wie ^tit lungern nicht. 

Noch ein Ereignis an einem jener Abende hei der Kaiserin 
das jedoch in den Beginn des Krieges gehört, «ei hier geschildert. 

Unter die Vui Stellungen, die sieh in den Hcgierun^ktci-cii 
tcslge.,.ty.( hatten, war auch die einer Landung ieimll ielmr Truppen 
im baltischen Meere. Alles sprach eigentlich gegen eine solche 
Vorstellung. Ks waren keine Landungstruppen eingeschifft worden ; 
alle Kräfte der kriegführenden Machte waren in vollem Masse 
durch . das Abenteuer in der Krim in Anspruch genommen &e. ; 
aber vorgelassie Meinungen lassen sieh schwer balineu. Ob nun 
der in tteval cummanilircudc Ccncinl v. Berg selbst, wirklich au 
die. Möglichkeit einer l,amliiug gliiiihte, oder ob er diese Vor- 
stellung nur benutzte, um seiner Tliatigkeit mehr Geltung zu ver- 
schaffen, oder um seineu Untergebenen mehr Eifer einzafloraen, 
jedenfalls ergriff er alle Massregeln, <ils ub eine Belagerung oder 
Eroberung Kci'ats möglich wäre, als eh eine Landung hui Kcval 
ku erwarten sei. Es standen, beiläufig bemerkt, in Estland minde- 
stens dreimal so viel Truppen, als im äussersten Fall die Ver- 
bündeten an irgend einem l.'ilnkle hatten au-sidii)ii'a kiinnen. General 
v. Berg begnügte sich nun nicht damit, Baltericn anzulegen und 
einzelne Funkte zu befestigen, um einer etwaigen üesehicssuug 
mnl Landung etTidgceieh emui-gru mi treten, suadern er baue Inder 
eine von den Vorstädten Itcvals. die sieb nach Westen, das Meer 
entlang, hinzog, als ungünstig tue eine Verteidigung Hevals el'spiiht. 

Die Reperbabn bildete seit längerer Zeit eine voll den Be- 
wohnern Kevals im Si>iniut:r bewi)Unte, villenartige Vorstadt, liier 
waren meist allen:, iinsi-lii'inbare, ihren Besitzern aber gar liehe, 
Von alters herrührende Sommerwohnungen aufgebaut, die mit der 
lierrliehen Aussicht aufs Meer in ihrer ländlichen Xuniekgi-t'igeu- 
heit und Stille, einen Gegensatz zu dem gerauschi-ullen, modernen 
Kailiariucnt.hal bilileten. liier besass auch ein Veteran der russi- 



seilen Aruira <;in kleines Heini, dein er alle seine Lirlm zugewandt, 
hier pflegte er, umgeben von seinen Kindern und Grosskraden] 



■ geinaclit Werden. Kr unlerslnl /te beim General v. i 
Jitten und Vorstellungen der He t heil igten und sOmmtlii 
litier Ruvals, mdelite ich sagen, gegen dieses j;rans:iiiie 



ilitilrische Posten angeboten. Die stets i 



Petersburg and Gadebusch. 



31 



er schilderte ihr die bedeutenden Verluste, die dadurch eine Menge 
Personen erleiden uulssten ; er S|irai:li der Kaiserin seine öeher- 
zeiignn^ uns. dass diese MassivjM nvdfr nwhwcmlig sei, noch 
id etwas beitragen könnte. Er 
■Ii. wie nicht nur diu inulcrieiiHi 



grosse Oi.lL-r auch gern seine™ Kaiser und Vaterland« bringen 
Würde, su könnte er bei dem ihm zugemutheteu Opfer nicht die 
Befriedigung haben, dass es eben ein nützliches Opfer sei. Die 
treffliche Kaiserin war tief beweg! durch diese Schilderung, und 
auch lebhaft erfüllt von dem Wunsche, den Schmuck der Stadt 
ileval zu erhalten. Um nun recht sicher zu gehen, liess sie den 
(hiiiiiilige.il Geiicralquarlicrmcister der russischen Armee, den voll 



ihr u 



i Kail 



i Bar 



Kaiser kam, nahm die Kaiserin allen ihren Jdutb zusammen und 
erzählte ihm mit der ihr so natürlichen Anmutta, dass sie Nach- 
rh-hLen ans dem lieben Ileval Ijek'nmueii hülle, dass der ihnen 
beiden so liebe Ort von den unvermeidlichen Beschwerden des 
Krieges viel zu leiden habe, und erwähnte dann zuletzt der beab- 
sichtigten Zerstörung der Kc|>erljahu, dem Kaiser den auiuuthigen 
Ort und die gemeinsame Fahrt zu Wachten in Erinnerung bringend. 
Der Kaiser hatte freundlich und wohlwollend zugehört ; als nun aber 
die Anordnungen des Generals lierg zur Sprache kamen, verschwand 
diese gute Laune sofort. Unser Kaiser sagte, Berg habe allein die 
Nothwendigkeit zu beurt heilen und die Massregeln anzuordnen. 

Als nun die Kaiserin für ihr liebes Ileval dennoch dringend 
eintrat, sich auf die Meinung des Generals Wachten berief und, 
auf den' anwesenden I i eneiah|Uurtiermeis[c|- weisend, sagte, er sei 
auch der Ansieht, dass die Sicherheit ttevals in keiner Weise 
durch das Fortbestehen der Vorstadt geschädigt werde, antwortete 
der Kaiser sehr unwillig: * hieven versteht das nicht und soll sich 
nicht um Dinge kümmern, die ihn nichts angehen.. 

Die Kaiserin, die verschiedene llriel'e v. urcchtgclegt hatte. Ulli 



33 



Petersburg und Gadebusch, 



Bruchstücke aus ihnen vm^alescn. lc<;tf! diese eilii; und traurig 
zur Seite, und das Schicksal der Repcrhahn vollzog sich. — Ich 
habe die Erzählung der Yoikuminnisse jenes Abends im Winter- 
Ijfiliiis nicht nur sofort von iwei Damen erkalten, die anwesend 
waren, sondern Baron Dieven selbst hat mir im Jahre 18ti3 diu 
Richtigkeit der ganzen Erzählung bestätigt, sowie namentlich 
des für ihn harten Ausdrucks: .Lleven versteht das nicht.. 

Zum Winter zurückkehrend, bemerke ich, dass im Januar . 

und Anfang Februar es iu Petersburg täglicb erzählt wurde, 
der Kaiser sei unwohl und niui.lic sich zu viel Stra^n/en zu. Ich 
selbst hatte eine leichte Grippe, die mich nicht am Ausgehen hin- 
derte. Als mir aber eine l''rcuuilin, durch mein Husten beunruhigt, 
den Dr. Kareil schickte, gab mir dieser Stubenarrest. Bei den 
paar Besuchen, die ich von ihm crMelc. erzählte er mir, dass der 
Kaiser eine ganz gleiche Grippe hätte, daas aber sein Zustand 
sich ' verschlimmere., Seine Majestät nicht, wie ich, folgsam sein 
und das Zimmer einige Tage hüten welle. loh verlless dann auch 
am Montag nach dem Carneval, völlig hergestellt, Petersburg und 
ging nach Gadebusch, wohin ich eine grössere Jagdgesellschaft 
geladen, da sehr gute Aussichten luv cHel^i-eiche , lullen vorlagen. 
Die Freunde waren auch zahlreich am Dienstag erschienen. Der 

zweiter folgen, und die Gesellschaft blieb länger in Gadebusch, als 
zuerst verabredet war. Mehrere ältere Herren waren anwesend, 
und die Heilerkeit war eine sehr grosse. Mein zweiter Bruder, 
der einen Theil des Winters mit mir in Petersburg zugebracht, 
unterstützte mich, unseren Gasten Gadebusch recht angenehm zu 
machen. — Durch ihn, einen trefflichen Erzähler, kam auch Uber 
die anderen Herren eine Lust zum' Fabuli ren, die gar Ergötzliches 
zuwege förderte. Nicht nur, dass Gral' Fersen, der spätere Ober- 
jägermeister und der geistvolle, sarkastische General Bibikow, 
Treuliches leisteten; sie wurden durch den Kifer und die Umfalle 



Die Dreigespanne schul teil en schon längere Zeit 



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Petersburg und Gadabiwch. 



88 



Schellen, bevor sich ilie Gesellschaft vom Frilhstückstisch erhob. 
Die Pelze wurden angezogen, die SHilit.ien bestiegen; da verlies« 
der alte General nochmals den Schlitten, trat ins Hans zurück, 
von den anderen gefolgt, indem er in seinem originellen Gemisch 
von Deutsch und Russisch behauptete, ihm wäre eine noch bessere 
Geschichte eingefallen als die mietet von meinem Bruder erzählte ; 
er müsse diese noch miltheilen. Unter homerischem Gelächter 
wurde denn endlich aufgebrochen. 

Welch ändert; Uciiilithsstimnuing ergriff aber die ,Iiigilg"-i!<>s<en. 
als sie nach Petersburg zurückkehrten I Abends dort angelangt, 
wurden alle durch die Nachricht erschOttert, der Kaiser, den 
man nur unwohl gewusst, liege im Sterben. Wir beiden Brüder 
verliessen Gadebusch vi e rund zwanzig Standen spater. In der Nahe 
von Reval hörten wir von aus Itcval auf ihre «Itter hc.imkeliivwi™ 



Die grossen Schäden, die das Regierungssyslem des Kaisers 
Nikolai aufgezogen, waren durch den Krieg bereits zum Theil auf- 
gedeckt, kamen jedoch erst spater zur vollen Erkenntnis. Der 

grosse, hochachtitn^swerlliH Charakler lies Kaisers aber, die abso- 
lute Reinheit seines Willens dem V«terlun<ie zu dienen, das Che- 
valereske seines persönlichen Auftretens, die Gewohnheit, seinen 
Willen als massgebend für das Reich zur Geltung zu bringen, die 
Mannhaftigkeit seines Wesens, schliesslich sein schmier Tod — all 
dieses wirkte mächtig auf die Gefühle aller Schichten der Beviilkn- 
kmig. Allen drüngte sich die Frage auf: was nun? und der Ver- 
Inst schien ein unerm esslicher — ein Irrthum vielleicht, aber ein 
Irrthum, der im ersten Augenblick durch das ganze Reich ging 
nnd feste, ruhige Männer in Thranen ausbrechen Hess. 

Der Krieg wirkte immer verheerender auf die inneren Zu- 
stünde. Die sich alle drei bis vier Monate wiederholenden Aus- 
hebungen der Mamiscliaiteii zerrütteten nicht nur das LdicnsL'liirk 
so vieler Menschen in schon vorgnfn-liieu Lebensjahren, sie er- 
sehwerten den Betrieb der Landwirtschaft &c. Im August fiel 
denn auch Sewastopol. So kam der Herbst, und noch immer er- 
schienen keine Zeichen, dass der Frieden zu erhollen sei, war doch 
die einzige Gelegenheit unbenutzt vorübergegangen. Zu Ende des 



84 



Petersburg und Gadebusch. 



Märzmonats oder Anfang April hatte sich eine günstige Gelegen- 
heit geboten, um den so mulnreuiligen Fl ieden zu erlangen. Diese 
Uelegcr.heit war aber nicht ergriffen wurden. Die Conleren/en 
in Wien waren niemals ganz abgebrochen worden. Das Hest.reiien 
de: Wesltuaehte, Oeslerreidi und Preussen zu eutsrbcideuiler Stel- 
lung zu veranlassen, die* .Maehte. nindesi'.ais Österreich, in den 
Hund ili:r KriegfiLhreinlea nul'y.auehiueu, liihrle immer wieder Be- 
sprechungen herbei. Es war eine folgerechte Entwickeluug, dass 
die Couferenzen in Wien neues Leben erhielt«:) durch die Nach- 
richt vom Tode des Kaisers Nikolai. Sein tragisches Ende ver- 
söhnte manche LeiilenM'liaft ; dein jungc:i Kaiser wurden auch von 
feindlicher Sek« maueh« Sympathien eiitgegen^etragen. Hierzu 
kam nun noch, dass trotz mancher Erfolge sowol in der Krim 
wie in der Dobrudscha die Lage der vereinigten Armeen «ine gar 
schwierige war. Unter diesen v«rsc!iH'deii«n Eindrücken war in 
Wien ein Protokoll zu Stande gekommen, in dem die Bedingungen 
ausgesprochen waren, unter welchen die kriegführenden Mächte zu 
einem Kriedcussehluss -ruiHjrt ersclm-ueu. Unser (iesandte in Wien, 
der Fürst Gortschakow, übermittelte dieses Protokoll mit den 
Friedensbedingungen nach Petersburg. 

Diese Krinhaisbedin.L'uiigen waren so «ünsliij für Russland, 

dass es unbegivillieh ci-ch«iiit, wie sie nicht sofort angei unen 

wurden. Keine Abtretung von Land irgendwo, keine Kriegs- 
«ntsehiidignugeu. kein« Hes.'lii'iinknn^ d.'s ni«si>r.l]eu Kinllusses auf 
die christliche Bevölkerung in der Türkei, kein« Hesliiiimung über 
Aufhebung der Festung von Sewastopol wurden verlangt. Nur 
eine Besch ritnkutig wurde Russland zugemuthet : es sollte seine 
Flotte im Schwarzen Meer« nicht uubemessen vei grössern. Es 
war eiue gewisse Zahl von grösseren und kleineren Fahr/engeu 
festgesetzt, die als Maximum der russischen Floth: bezeichnet 
wurde. Dies« Bestimmung wurde mudi daduLvh gemildert, dass 
als Begründung dieser Forderung aal die .\othwvudigkcit hinge- 
wiesen wurde, dass die russische Flotte im Schwarzen Meere nicht 
der türkischen überlegen sein solle, weil dadurch die Sicherheit 
(.'«usliiatiuo|iels und die Ituhe Europas in jedem Augenblick ge- 
luhrdet «rs«iii«n«. Der Kaiser Alexander, der eben den Thron' 
bestiegen, hatte auch diese geringe li«seliränkun;' lies russischen 

Prestige nicht zuzugeben für möglich gehalten. Seine Rathgeber 
nicht nur, sondern mindestens üben so viel die thüriclite Ueber- 
liebung der schon damals in den Vordergrund tretenden nationalen 



Dlgihzcd by 



Petersburg und Gudebusch. 



1'j-r.r.okollB empfohlen /.Ii haben. Seim: N'.,le «dl ein diplomatisches 
Kunstwerk sein, aus dem mau das eine und das andere herauslesen 
konnte. Es fehlte ihm der moralische Math, die Annahme als absolut 
nothwendig hinzustellen. Anders verhielt, sieh hierzu der Oberbefehl. s- 
haler der russischen Armeen ni Süden, ein anderer Einst Uortschakow. 
Sobald er die vorgeschlagenen Hi'-.Il 11 ^iiii^i-n cilaliren, sandle er einen 
Courier nach Petersburg, die. Annahme drmj;eial empfehlend und die 
Bedingungen als äusserst günstig schildernd. Der Courier brauchte 
bei aller Eile doch vier bis fünf Tage zur langen Heise. Die Ver- 
silumnissi: der letzten Itcgicinng stralten sieh hier noch in bösester 
Weise. Als der Courier ankam, waren die Würfel bereits gefallen, die 
1'riedensbejLngmigen abgewiesen. Hatte es Te!eL'ia;dienlinien gege- 
ben, so hätte das dringende Wort des Heerführers: ■ Wir können keine 
Erfolge hier erholten . rechtzeitig zur Kenntnis des Herrschers ge- 
bracht, wol dessen Entscheidung nach anderer Seite bin bedingt. 

Die zum Theil illirchgefiilirte Muliil isinln;.' der iisteneichischen 
Armee hatte dem Staate bereits ausserordentliche Geldo|ifer ge- 
kostet. Oesterreich konnte nicht länger in der Stellung verharren, 
die es bis liiezu eiiigenoinnien. Die Weigerung 11 Islands, irgend eine 
Art von Concession für einen Frieden bieten zu wollen, drängte 
Oesterreich kuhi entscheidenden Sehritt. Tu Petersburg rief diese 



reich angegriffen; es galt als patriotisch, auf Oesterreich zu 
schimpfen. Ich habe den grüssten Unsinn, die härtesten IJrtheile 
gehört, zumal in nationalen und militärischen Kreisen. Graf 
Ksterhiiisy weilte schon seit mehreren Monaten in Wien, und seine 
Rückkehr wurde seit längerer Zeit erwartet. In den letzten 
Decembertagen aber hiess es, er käme gewiss. Die mit den Ver- 
haltuisseti ein ig einlassen vertrauten Personen waren überzeugt, dass 
Esterbazy die wichtigsten Mittiscihmgeii nberb ringen werde, ülaich 
vielen anderen erwartete ich mit fieberhafter Ungeduld die Rück- 



30 Petersburg und Gadebusch. 

kelir meines Heben Freundes. Mir schien es unzweifelhaft, elass 
der Augenblick der Krisis eingetreten sei. 

Graf Fersen hatte für den 2. Januar eine Jagd veranstaltet, 



wuhllmhemler Hauer aus einem benachbarten Dürfe, der uns in 
kleinem Schlitten tief in den Forst h in ein Iah reu sollte, hatte öfters 
das Glück gehabt, den regiere ml eu Herrn noch als Tliraii1eh;er 



Her einlache lii.iienivei>laiul benilbeille die Verhall nisse viel rieh- 
tiger als die thürichten Chauvinisten der Hauutstadt. Wir hatten 

ihn gern nach l'elersliiirg geschickt. (itaf Rslerhazy passirte, 

wahrend wir im Wahle waren, die genannte Station und traf iu 
der Nacht vom 2. au!' den 3. Jaunar in Petersburg ein. 

Es vergingen einige Ta^e in linsiclierheit und Ungeduld, und 
keine Kunde drang ins Publicum. Das Wichtige, was unterdessen 
vcigeliillei], kam durch einen schciv.hiilicii Zwischenfall trüber r.a 
imdncr Kenntnis, als es wol sunsl gesehehell wäre. 



icli wäre doch in der österreichischen Botsehalt so 
Die jungen Herren hatten nicht nur die ganze Nacht 



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Petersburg und Gndebnsch. 



37 



gesell riebe 11, sie hätten anch die ganze Xadit Champagne r getrunken 
und waren sehr lustig gewesen, und sonst wäre es doch so still 
da; er selbst kilme eben ans der tiesanüt Schaft und hulu solches 
von den Leuten aus sirliersler Quelle. Das war denn allerdings 
auffallend, und mein rasches Pferd brachte mich bald an die Thür 
von Esterhazy. (i lück Iii -he r weise war dieser zu Hause und allein. 
Als ich ihn scherzend IVagte, was ileim in fler Botschaft los wäre, 
meinte er, er wüssto von gar nichts. Als ich ihm aber meine 
kleine, eben erfahrene Episode erzählt hatte und er sieb durch 
ein paar verschlossene Thören versichert, das? kein Wort gehört 
werden könnte, sagte er mir, dass er im Glauben an meine Dis- 
cretion mir anvertrauen wolle, dass die Firn? denspräli miliar ien gestern 
Abend unterzeichnet seien. Ks würde ja nächst™* zur Kenntnis 
aller kommen, müsse aber ein Geheimnis bleiben, bis der Courier 
in Wien angelangt. Er selbst aber wftre bis auf den Tod er- 
schöpft; er habe neben küijiei lii-heu Sn-ipazim und geistiger Arbeit 
so viel Unangenehmes und persönlich Kränkendes erfahren, dass er 
absoluter Ruhe bedürfe und gern in ( iadetmsch einige Tage ganz 
still mit mir und höchstens ein paar Jagdfrcuudeu verleben wolle. 
Dort würde er mir auch alles, was vorgefallen, erzählen, doch 
könne er noch nicht den Tay bestimmen da er eine Antwort aus 
Wien erwarte und Mitteilungen hier zu machen habe. In wenigen 
Tagen würde er sich einen l.'rhuib bewilligen dürfen. — Ich konnte 
ihm nun meinerseits in der Freude meines Herze.UK auch melden, 
dass ein Bär widd eingekreist sei uiiil ihn erwarlon würde, und dass 
auch alle Wahrscheinlichkeit zu guter Elehjngd vorbanden. Iah 
brauchte ihm nicht zu versieben), dass es für mich eine ausser- 
ordentliche Freude sei, ihn hei mir aufnehmen zu dürfen. 

In wenigen Tagen waren wir auch richtig in Sadebusoh 
Schönes Winterwetter, glückliche Jagd — denn suwol Bar wie 
Elche kamen auf den abgehetzten Diplomaten zu — das stille, 
freundliche Haus und ein paar intime Fi-eunde, lebhafte Lind dueh 
ruhige Unterhaltung Hessen den treulichen Fsterhazy bald sein 
Gleichgewicht wiederfinden. Ueber die Vorgänge erzählte er nun 
Folgendes : Gleich nach seiner Ankunft in Petersburg sei er zum 
Kanzler geeilt, um die wichtige Holsehafl inil/utheileii. deren lleher- 
bringer er war. Oesterreich hatte mit den Westmachten Friedens- 
priUiniinaiien verabredet., ili'ren Annahme nicht mir dringend em- 
pfohlen wuiiie, dereu Verwerfung das sofurtige Eintreten Oester- 
reichs in die kriegerische Action zur Folge haben würde. Xhm, 



Petersburg und Gadebusc 



ar wäre aufgetragen, wenn bis zum 7. Morgens ihm 
Hände und befriedigende Antwort artheilt worden, 
en Gesandt schalt spersonal abzureisen. Graf Xossel- 
e seine Brofihungen sehr kühl aufgenommen, äugen- 
den Emst der Situütiini in.bt Rauben niiigen, und 



izler dem Kaiser 
nächstfolgenden 
itereti, wichtigen 



Hielten Stellung treten konnte, in die 

lob in UDicnen vom IIlituii Werft« üie Bo- 



Petersburg und Qadebuwh. 



39 



heit die Thür zu Otl'ncn. Ich suchte ihm .Uesen s^-Li i-n Standpunkt 
auszureden, da dieses Misl nicht ihn träte, sondern iu der 
irccbselndcn, schwankenden Hül '.un % seiner \W%Mv«a<i zu suchen 
sei, -sowie in den allerdings imriehligen Mitt hei hingen einzelner 
seiner College!) iu "Wien und an einigen euicpaischen Hüfeu. Der 
1-refflirhe Mann beruhigte sich denn auch all müh lieh. Der Stachel 
hatte aber tief gesessen. Ich kehrte, mit Esterhazy nach Peters- 
burg zurück. Er führte zu seiner Freude den erlegten Bären mit 
sieb, den er, als Trophäe wohl liergeriehlcl., nach Dause schicken 
wollte. 

Was War aber nun, machte ich sai-en, ii'lrit mitrns ffcsc>'lien, 
um diesen wichtigen Act zum Abschlnss zu bringen ? Erst in der 
Nacht vom fj. auf den <j. hatte der Kaiser sich entschlossen, auf 
die entschieden ablehnende Haltung zll verzichten , die er den 
Österreichischen Vwsdilairen ^egeiiuhcr behauptete. Es waren ja 
grosse Opfer zu bringen, Opfer, wie sie. in der russisch«!! ( ieschichte 
noch nicht verzeichnet gewesen. So hatte denn der Kaiser erst 
am_5. Abends befohlen, die von ihm bezeichneten Personen zu 
einei- Berathuug zu versammeln, Zu der Stunde, wo sonst der 
Kaiser an der kirchlichen t.Vrcnioiiie des (i. Januar Theil 55« nehmen 
pflegt, trat diese Versammlung zu jener denkwürdigen Herathung 



Kri.'L'sinimsiei' Fürst Helsi nki, der Kinanzininisier v. Brock und 
Baron Peter Meyendorff. — Nachdem die Vorschlage Oesterreichs 
initgetheilt waren und der Kaiser zur Herathung aufgefordert 
hatte, war Graf Bindow sofort lierausgepoltert mit allgemeinen 
Redensarten über die Fhrc Russlands &c, die es nicht erlaubten 
solche Vorschlage anzunehmen. Der GrOBsfilrst Coustantin stimmte 
dem bei. Da erbat sieh Baron Meyendorff das Wort und meinte, 
ob es nicht nolhwciidig sei, von den anwesenden Kriegs- und 
Fiiiaaziuinistern ein Bild der Luge des Heeres Und der Finanzen 
sich zu erbitten. Auf Befehl des Kaisers gaben nun die beiden 
Herren ein Tableau der Zustände, die uns jetzt gar wohl bekannt 
sind: Mangel an Truppen, eine furchtbare Sterblichkeit unter den 
rasch eingestellten Mannschaften, Mangel an Pulver und die 



40 



Petersburg und Gadebusch. 



lusserate Schwierigkeit Salpeter zu beschaffen, Mangel an Transport- 
mitteln im Süden des Reiches &c. Das Bild, das der Finanz minister 
entworfen haben mnss, k:uin ja nur die vollkommene Erschöpfung 
der Reiehsliminit-n, die Sdiwien^keiL, noch grossci>! Massen von Pa- 
piergeld zu emittiren, die absolute Stockung des Handels, und derzu- 
l'ulgn ibis L;igi-ni yiiu rii^irrlien Exportgegenstanden im Werthe von 
Millionen und übermal; Milliciii;!! enthalten haben. Nachdem nun 
Mcyciidorff lebhaft für die Annahme der Bedingungen eingetreten, 
soll auch Graf Bindow selbst gemeint haben, der Notwendigkeit 
solle man sich im Leben beugen. Als der Kanzler jede Hoffnung 
auf die Möglichkeit wuil.erei' Verhandlung.'!! abgeschnitten und di'e 
bestimmte Abreise des Gntfun Esiuviiai.v am nächsten Tage mit- 
getheilt hatte, fasste der Kaiser den schweren, aber notwendigen 
und wohlthlltigeu Entschluss, die Vorschlüge anzunehmen. Ich 
habe diese Erzählung aus dem Munde von Baron Meyendortf selbst, 
wie ich auch vom Kanzler persönlich gehört, ilass er anfänglich 
nicht an den Ernst der Insuuctiuuen Grat Esterbazys geglaubt 
habe und wie entscheidend Baron Weithers Mittheilungen für ihn 
gewesen. 




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Eine Sommerfahrt durch Kaukasten. 

(1881.) 



1. Ueber Charkow nach Rostow. 

a geht doch nichts tiber das Iteiseu! so dachte ich damals 
und so denke ich auch jetzt noch. Ueber etwas mehr als 
dreihundert Kübel hatte ich zu verfügen — also wohin ? Das war 
eine nicht schwer zu beantwortende Flage: bei den schlechten 
Coursyerhältnissen konnte von einer Rates ins Ausland nicht gut 
die Red« sein und innerhalb des russischen Reiches lockte mich 
natürlich der Kaukasus mit seinen Bergriesen, welche Puschkin 
und Lermoiitow so unvei'^leiclilii-.li be>unireu haben, wohin die Ur- 
^■^L-lji'-li'.r' dr-v Mi-ii^;lilii-it ivtdst und wo die Vulkcrscheidt! /wi-dim 
Orient und Occident überstiegen wird. Weiterhin Tiflis, nach den 
Liedern des Mii/a-Schally mir im (-llaim 1 cices /.weilen Paradieses, 
und endlich immer weiter hinein nach Asien — Aeieu, welch ein 
Zauber lag nicht in diesem Wort allein I So war denn mein Ent- 
scbluss bald gefasst, und ich setzte mich in einen Waggon dritter 
Klasse, welcher mich mit der gewöhnlichen Langsamkeit der russi- 
schen Bahnen meinem erstell Haltepunkte , Charkow , zuführte. 
Charkow im Sommer — eine entsetzliche Erinnerung! Zwei ver- 
siegende elende FlUsschen, eine ausseiet ausgebreilete, ausgedörrte 
Stadt, über welcher eine srrosse dunkle Staubwolke schwebt und in der 
jeder Pflasterstein nach Wasser dürstet. Zwar hat ein siicculaliver 
Semite alljährlich sein Badeetablissement in den wenig verlockenden 
Fluten des Charkow j-Flusses) eröffnet, aber welche 1h li iM lim:;? 
lässt sich von einem Bade erwarten in diesen elend dabin sickernden, 
kaffeebraunen, (ibel riech enden Gewässern ■> Und selbst hier, wie 
überall in dieser bevölkerten und regsamen Universitätsstadt von 



über 100000 Ein- 



IStartttl.eile blutet. Ucber den zur CJorksi sjcwüihIU-ii I-ViiHtuflilcinlun 
einer Wand, welche ilen tauschenden Eindruck ■ eines wirklichen 
Gi'liiimk's iiiiiclu-ii sul!, umn^t die mit güldenen Buchstaben iinpo- 
niiende Inschrift: <£aisE 



lI gepflegte TM- 
nerthenter, e 



Doch genug von 
Badeürtchen Ilawjan 



ücliaf teil » . unil weiter ilamiil'n- dm erliiii iiiuii-slns,- l>a i u ffross, weklies 

in Russland so besonders viele Opfer gefordert hat. 

Nach 24stün<liger Fahrt liielten wir in Taganrog, atnptii- 
theatraliBeh an den Ufern des asowschen Meeres gelagert, von 
trrimdlkliem. imgciislmn-m Mitidr tirk. Durch die Hitze ermüdet, 
beschloss ich liier Halt zu machen, ein Advocat aus Warschau und 
sein Reisegefährte, ein Beamter aus Polen, schlössen sich mir an. 



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gehiüt fiiisrcbiisM, lii.t, so dass es für trinkbar gilt. Die echten 
Seeleute uii Schwaigen Meere s|ij-l:l1h'[i nur verächtlich vuu dem 
.Boloto. Sumpf, wie sie höhnisch dieses asowsehe Meer nennen, 



Segelbüte und Jollen ver; 
asowsehe Meer dem Schicks 
das faule Meer erlitten liat 
getrocknet, der Boden des 
seine unangenehme AusJdi; 
welche sieh dort nbgelager: 
"Wie erfrischt doch <]> 
heissen Fahrt und wie kr« 
Magen« ände zu klopfen ! B 



schone Vegetation, ganz gute Musik und eine 
ratio» -mit den riesigen rostowschen Flusskr 
rahmten tnganroger Machen Caviar. Das Bi 
lichkeiten des HiiiiiiiErcliilis bf-fiturteu sich in e 
dichten, grünen SdiliiigiiHiinzi'.ii, wo es eben so 



fesselte. Wie ich horte, wurde diene Musi>!]ti;illii ih'issig besucht 
und waren die hier zahlreich vertretenen Hellenen mit den Lei- 
stungen der unlängst angereisten Trappe wohl zufrieden. Unserem 
Trio gebrach es leider an Zeit, in dem Theater praktische Vergleiche 
zwischen dem hingst vergessenen Altgriechisch und seiner modernen 
Tochtersprache anzustellen. 

Die Nacht im Gastiiause war eine höchst unruhige. Zwei 



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44 Eine Bommerfalul durah Kwikaaien 

Sftngerchöre liessen ihre schwedischen und russisc 



Morgenzuge dampften wir weiter und näherten uns nach kurzer 
Fuhrt Rostow am Don, dem aufblühenden Centrnui des Getreide, 
bandels für den Rayon des asowschen Meeres, an dessen Elfern 




■ Überfüllt, dass wir nur mit grösster Muhe 
rerlasseu konnten. Die Menge umdrängte einen 
junge» blassen Menschen in weissem Kittel und der rothen Mütze, 
wie sie von dem Stution-chd' hIlt Kimikihuen getragen wird; sie 
lw.-tiiiiil iius Mimiu-ni iillt-r Sliiinh'. ( !likieren in ihrer Sommer- 



brecherl Das Kriegsgericht sollte knra'ii I'rocess mit ihnen machen !. 
«Hängen müsste man euch, hang«» !i «Ihr versieht nur, uns das 
Geld aus den Taschen zu nehmen!. «Betruger — Menschen morder 
— Baschiboziiks !■ — so schallte es durcheinander, ohne dass wir 
den Grund dieser allgemeinen Bewegung und Wutli vorstehen 
konnten. Im Speisesaal erzählte uns endlieh ein alter Kaufmann 
aus Moskau, dem dabei die Tliränen in den grauen Bart tropften 
dass der gestrige Zug. ilcrsclhe, mit dem wir bis nach Taganrog, 
gekommen waren, auf der fi4. Werst hinter Rostow aus den Geleisen 



OigiiizM Oy Google 



Eine Soinmerfahrl durch Kaukasien. 45 

gekommen und verunglückt sei. i Denken Sie sich, meine Herren, i 
fuhr der Alte fort, .die Hallunken wnssten, dass die Holzunterlage 
an dieser Stelle faul war. Der Wegenieister hatte um Arbeiter 
bei der Direktion gebeten, sie sagten ihm ab, die Verfl — . Die 
Arbeiter sind jetzt theurer als im Herbste, warte bis zum Octoher 
— so lange wird das faule Holz noch halten. Ja, den Teufel 
auch — ■ es hat gehalten. Der Zug lieg! idüt sniwärts im Sande, 
ein Waggon in den anderen gerannt und die unglücklichen Passa- 
giere zerdrückt und zerschmettert. Mein Sohn fuhr mit jenem 
verhängnisvollen Zuge, um uns in Pjaügorsk eine Wohnung zu 
suchen. Gott und seine Heilig']]! wissen, was aus ihm geworden 
ist I Ausser dem Telegramm haben wir noch keine N'achiichten, 
früh Morgens fahr der Stuliuiisirliitf mir einigen Gliedern der Bahn- 
Verwaltung und einem Arzte zu der Unglücksstatte und haben 
eben telegra|ilnsr.l: einen S:uiiiats/ng vnni i^tlien Kreuze verlangt. 
Also viele Todte und Verwundete, die seit gestern Abend ohne 
Hille lialiegen. Mein Gull, was ist aus meinem Aljoselia gewordeil !> 
und so ging es weiter im Klagen und Weinen. Wir unterschieden 
allmählich zwei ISIroinungen in der tuenden Menge, die einen ver- 
fluchten und schalten die. Nachlässigkeit dir Palm Verwaltung, die 
sj.iät.e Absendung des S;miüLls;znges, die anderen verlangten weiter- 
zufahren und wollten wissen, wie lange sie noch in dem unbehag- 
lichen liostow zn sitzen hatten, wo sie zwecklos Geld ausgaben. 
Der erschreckte junge Mann in der rotheu Mütze, ein Gehilfe des 
Stationschefs, versuchte es beide Parteien zu beruhigen, versprach 
baldige Rückkehr des Zuges mit dem rollien Kreuz und bot den 
seit gestern wartenden Kei-euden sein eigenes Quartier zum Auf- 
enthalt an. 

Es wäre thoricht gewesen, noch an diesem Tage auf eine 
Weiterfahrt zu hoffen. Wir tibergaben dabei* unsere Reiseeifecten 
dem dejourircuilen Artelsditscliik. Die sind eine unschätzbare Seite 
der sonst so mangelhaften Einrieb' migen unserer russischen Palmen. 
Hat man sich nur die Nummer des beziiglielieu Trägers gemerkt, 
so kann man ihm alles anvertrauen; wie ott habe ich diesen Leuten 
Geld gegeben, um mir Pillete. zu besorgen, die iiagage zu exnedi- 
ren &c, ohne jemals um das Meiuige gekommen zu sein. Neben 
ihrer Ehrlichkeit verdienen diese braven Leute noch alles Lob für 
die KeliiicUigkcil und den piakliselii'u Bück, mit welchem sie in 
zurer lässigster Weise alle Aufträge ausführen. Eine Droschke 
führte mich durch die endlosen Strassen von liosl.mv zu den Maga- 



Eine Sommerfehrt durch Kauk; 



rioen, in wetohen ich einigi 
A ! l"iihi-t zu enveibeii beabsichtigte. Bergsohuhe, tili Strohhut 
mit dem Nackenschlcier gegen die Sonnonglut und vorzüglicher 
rostnwscher Tabak waren bald gekauft, und mein Eiin^üniier 
räderte mich weiter dem Stadtgarten zu, wo ich zu Mittag essen 
wollte. Hier fand ich, unserer Abmiuhung gemäss, einige meiner 
Reisegefährten vor; der Glulball, Sonne genannt, war im Unter- 
gange begriffen, und wir Hessen uns nach all den wechselnden Ein- 
drücken das Elisen wohl schmecken. Mir wurde wahrend dessen 
eine Schilderung von der Rückkehr des Sanitätszuges gemacht. 
Die Todten hatte niemand gezahlt, sie lagen wol noch zum Tlieil 
»n jener Ungl Ucksstätte, wo auch mancher schwer Verwundete 
unter den Trümmern lebendig begraben sein mochte. Verwundet 
sollten etwa GO Menschen sein und ihre Ankunft hatte einen nieder- 
srhmcttenulen Eindruck auf die Augenmiiien gemacht.. Erst sehr 
allmählich verlor sich die trübe, ernste Stimmung meiner Tisch- 
genossen, der alte Kaufmann stiess zu uns und stellte uns seinen 
glücklich geretteten Sohn vor, der mit einer grossen Schramme am 
linken Arm davon gekommen war und entsetzliche Details von der 
Katastrophe berichtete. 

Auf den Rath erfahrener Touristen versuchten wir hier den 
kachetiner Wein: ein feuriges, gesundes Liciräuk, jedem zu em- 
plehlen, der nicht einen Widerwillen gegen den ziemlich stark 
bemerkbaren Buckle,lci gciieiimark empfindet : dieser Wein wird in 
Schläuchen aus seiner. Heimat ausgeführt und das Aroma des 
■ Burdjük. beweist seine Echtheit. Einige Flaschen Kachetiner 
und die munteren Klänge eines deutschen Miütchcnorchesters ver- 
scheuchten denn nihliesslich die Erinnerung an die traurigen Bilder 



Ü. Die kaukasischen Büder. 
Ueber die schrecklichen Blutsanger der nächsten Nacht, Uber 
die Trostlosigkeit unserer Lage in dem unbequemen Gasthause 
zweiten Hanges sei ebenso ein Schweigen gebindet wie über die 
Langeweile des folgenden Tages, au welchem wir beständig auf 
die Expedirung eines Zuges in den Kaukasus warteten. Endlich 
gegen Abend wurden wir aus Boston erlöst, der Zug war natür- 
lich überfüllt, da aus dem Norden beständig neue Passagiere zu- 
kamen nnd seit dem Unglück der Verkehr unterbrochen gewesen. 



Eine SeniuierlkliH durch Kaukasien. 



47 



TFir standen alle noch unter dem Eindruck der endlosen Klagen und 
bmzerreissenden Ersähl Ol igen übe r die so kürzlich auf dieser Linie 
passirte Katastrophe. Nach zweistündiger Fahrt hielt unser Zug, 
und dtis Publicum wurde davon in Kenntnis gesetzt, dass wir der 
l"ii.L,"'.ii(. , l;--i;LtL(: nahe seien und all«, weit U« nicht im Wilson 
bleiben wollten, ;msstt-igcn koumen. lluwillkiii üdt verlicsseu wir 
fast alle die Dampf wagen und gingen neben dem langsam dahin 
schleichenden Zuge ilatn.']-, welcher auf einem im Halbkreise die 
I.'isj;luckss1ütte umgehenden, neu auliieschüUelen Damm sich mit 
grösater Vorsicht fortbewege. Ein schrecklicher Anblick bot sich 
uns dar ! In nnd über einander geschachtelt lagen die halb und 
ganz zerschmetterten Waggons und die zertrümmerte Loeomotive 
seitwärts im Graben: hier und da ragte ein Arm, ein Fuss oder 
ein hlutendei' Leichnam aus den Trümmern hervor; seit zwei Tagen 
waren Arbeiter uiii, dem Aufräumen beschäftigt, und hatten es nicht 
möglich machen können, dem entsetzten Publicum diesen Anblick 
zu ersparen, welcher uaunlich jegliche lieiselust im Keim« er- 
sticken musste. 

Doch genug dieter traurigen Erinnerung, und vorwärts zu 
der Station • Mimepajif.mia Miwj. f Minimalwasser), wo wir den Zug 
zu verlassen hatten. Mit grösster Mühe fanden wir in den Dili- 



glut ausgedörrte Fläche, dann begannen zum Theil bewaldete Ver- 
läufe!' des Kaukasus unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. 
Hier wurden der .kahle Berg., weiter der Schlangenberg, endlich 
der Mascbuta siehtbar, als wir uns nach etwa zweistündiger Fahrt 
Pjatignrsk näherten. Fiu reizendes Städtchen, dieses l'jal.igorsk, 
auf Deutsch: Fünf hügelstadt ! In einem Thalkessel und am Berg- 
abhang gelegen, von Alleen südlicher Bäume durchschnitten, lag 
es, von der Höhe gesehen, vor uns, wie auf der flachen Hand. 
Die Gallonen der Bäder und fies und brui inen, stattliche Gebäude 



weissen Hanse.- lull, tlseüweise [lachen Mellens --dies alles machte 
einen sehr freundlichen f',ii:druck. l.'nser Waiden hielt vor dem 
üasthause • Muiiepu.iLiius lies») und eine neugierige Menge von 
Badegästen aller Xatieiialitäu-n des weiten russischen Jicii'hs, hier 
ansässigen Armeniern, Tschmkessen in ihrer uulcnschen ISergtraoht, 



Eine Sommerfahrt durch Kaukasien. 

italienischen Korallen- und 



Schlimmer ging es meinen Mitreisenden, welche bis zum spaten 
Abend in der Stadt umherstreiften, von grusiselien und armenischen 
Führern in barbarischem Kussisch in die Irre geführt wurden und 
zufrieden waren, zur Nacht für theures Geld einen ertraglichen 
Unterschlupf zu finden. 

Pjatigorsk ist das Centrum der kaukasischen heilkräftigen 
Gruppen; hier ,-rthfiK-ti gegen fünfzig Aerzte einzeln oder gemein- 



brauchen. Bis zum Jahre 1884 hatte die Regierung alle hiesigen 
Bäder einer Gesellschaft von Capitalisten verpachtet, an deren 
Spitze ein Oberst Baikow stand, alle Bilder, Trinkbiunnen und 
Gasthäuser waren in den Händen dieser (lirmpagiüc. welche des. 
putisch über die Taschen der angereisleu Ridi.'L.'iLsr.i' verfugte. Die 
l'reise für Qnattier, Kssen, Bedienung und die Benutzung der 
Quellen waren »ei dem Mangel an jeglielier Üoncurrenz daher 
enorm, das Gelieferte nicht immer tadellos. Dennoch Hessen wir 

kommende rosig gefleckte Bachforelle eine wohlschmeckende Zierde 



fast eleganten i.'liae'Uius und machte inieli in Begleitung zweier 
deutschen Landsleute auf, die Sehenswürdigkeiten des Ortes in 
Augenschein zu nehmen. Unsere erste Station war natürlich auf" 
dem mit weissen Akazie». Wallnuss- und hindenbiuimcn beflnnzten 
Boulevard an der Bude eines armem* dum t'nirlitliiindlers, wo den 
Sohn des Nordens köstliche Südfrüchte anlächelten. Aprikosen, 
Pfirsiche, grosse, saftige Birnen, Kirschen aller Art, frische Feigen, 
halbreife Nüsse in ihrer grünen Schale — dies alles mnsste ver- 
sa: ii! und gekauft werden, bis unser Wagen weiter fuhr und wir 



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bei den <Gallerien: ausstie^-n. wo eine schone Aiisjsitht sich dar- 
liiit. Hier wird der nach tlescinnack und Farbe wenig verlockende 
(ii'simdliramirn vcrschenkr seitwärts lies;™ dii: SchwelWbiider, hier 
spielte Murrens und Abends die Mnsikcai'clle der Kosaken Vom 
Terek, welche in der kleidsamen ischcrke^sisolien Tracht, stattlich 
itnil schnr.ick dreinschauten, wenngleich von musikalischem Geiinss 
nicht die Rede sein konnte. Weiterhin bciindct sich die leruhmi.c 
Leriuoiiloivsehe Cmlle mit Gedenktafeln, die den Reisenden poetisch 
Bimmen sollen, und bergaufwärts locken schattige Bergpfade zu 

Die rechte Zeif zum Besuch dieser Elisabeth-Gnilerie ist aber 
die frühe Morgen stunde. Bei günstiger Belenchtirag strahlt einem 
hier der scliünsle und höchste Th.-il der kaukasischen A IpeiikHIe 
vom Kasbek bis zum doppelrückigeu Elbrus entgegen. In rosig- 
L'"lliL , i , i)i ISunni-ülii-ht liliUen i] in L funkeln die li-irlii-hen Sehiiceriesim 
ihm! scheinen ih-.m ein /.tickten Anne lies Touristen lintv. der bedeu- 
tenden Entfernung so nahe, dnts er die Kurehen gestürzter Lawinen 
KU unterscheiden glaubt. Links llankirt der spiuige, steile Kasbek, 
hoher als der Montblanc, die Bergraiha und rechts schliesst der 
Elbrus, dessen Hübe 17:170 Kuss betragt, ilii's erhabene Sanorania 



Zeiten die Ostgrsbza unseres Wfl 

ieh den Klick nicht von diesem g 
Gedanke, mm .ersten male von <e 
versetzte mich in einen Taumel 
meine Genossen zur Weiterfahrt, 
i Durdibruch), Wo die Unit monih: 
kan'ec einzunehmen pflegt. In dl 
kans, in welchen durch eine im 



1 von Entzücken. Doch mahnten 
Unser Ziel war der .Prowal, 
von Pjaligorsk ihren Nachmittags- 
em Krater eines erloschenBii Vul- 
.nde Oeffiiung das Tageslicht nur 



Hii 



herrlichen Bergriesen, von deren abgöttischer Anbetung meine kalte, 
dursten den deutschen Geführten mich so prosaisch abgerufen hattei 



sdiinliTiui Wasser mit Nummern lioüdulinet werden. Kisslo- 
w o d s k dagegen ist (wie schon der Name sagt] Sauerbrunnen und 
besonders durch die Quelle Narsan beknnnt, deren Wasser bei 
Ii' Temperatur and reichem Gehalt von Kohlensaure für besonders 
starkem! und belebend gilt; endlich S h e 1 e s u o w o d s k (Eisen- 



lebenden Aerzle können auf alle s|> edel leren Fragen Autwort 
geben. In meiner Eigenschaft als einfacher Tourist interressirto 
wich nbris^ns jeder schöne Aussichtspunkt, mIt (las Häusrlien, in 
welchem einst Leimohtow gelebt und gedichtet hatte, mehr als die 
ilbel duftenden Bader. Nur wahrem! der grossen Hitze löschte ich 
meinen Durst mit einer oder zwei Flaschen Karsai! und fand 
dieses Wasser erfrischender und wo hl seil m ecken iier als das matte 
Selters aus Moskau. Meine Absicht, den gegen 5000 Kuss hohen 
Maschuta zu besteigen, brachte ich nicht zur Ausführung; zu Fuss 
war mir die Tour zu anstrengend und zu einer Partie auf Eseln 
wollte sich kein,; C-sellsrhatt. linden Da-cgi-n benutzte ich den 



Gegen zwanzig Heilquellen und einige Bader, in einem grossen, 
schön bewaldeten Park gelegen, zahlreiche Badegäste, besonders 
wciblidicti Geschlechts, das vwigv Einerlei iler Murren- und Abend- 
mnsik, endlich bei klarem Wetter der unerwartete Anblick des 



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Ärmlich, Erträglich schien mir nur das Loben im Gesellschai'ts. 
el der Comimguie Haiknw, tW'h kl»^ttn die dort lebenden Kei- 
iden über uumässige Preise, Ueberiillluug und zu grosse Eill- 



ins, dessen Wände mit bunten Bilden 
.1 Kriegnn ausgeschmückt waren. Dh 
lire süddeutsche Mundart und glichen ii 



lie üppigste Vegetation vi:i-f?r;i1ip]i, mnlei isr.h auf den ivjtlien 
eisenhaltigem Wasser duvdisii-k.TitTi Samlsteinliergen tuite; 
chtigcn alten Flaumi'u wi-steufci, mii-s dh>wr Hndeort fiir nlli 



Digitizcd by Google 



Eine Sommerfahrt durch Kaukasien. 



an, von deneu seine Hände buchstäblich ulioiiJd waren. Ueberall 
wimmelte es von Kindern, denen ich sonst im Kaufcasus nur 

ausnahmsweise begegnet bin, Ulli) all dieses Radepiiblicuiu schien 
von den heil kralligen Bildern der roinc-n ozonhaltigen Luit gestärkt 
und in kurier Zeil. c;e-.ui;dlieitlieli au'e.eU'-sert zu sein. 

Den 110 eli kehrte Ich gern nach Pjatigorek inrüek; hier war 
das Leben und Treiben denn doch farbenreicher und mnnuiglaUisci', 
Besonders die Abenilpromeuade in der Hauptallee, die in gerader 
LiLLie die ganze Stadt von unserem tiasthanso bis zu den Uallerien 
durchschnitt, bot eiueu so beleblen wecliselreiclmi] Anblick, dass 
ich mich nicht daran satt sehen konnte. Alle Sprachen Europas 
und des Kaukasus schwirrten hier durch einander, grusinische volle 
Weihcrgeslah.ou in ihrem uaiumnleu Knppchen und den unschönen 
Korkenzieher]. jckcbcn coipiettirteu mit tscherkessisch uiiiibniiii'U'ii 
(Meieren, schwedische Oocotten ans Petersburg blickiiugcltcu mü 



köstliche Abemlluft, gewußt von dein berauschenden Duft in voller 
Blilthe stellender bekannter uud unbekannter Baum- und Gewächs- 
arten I 

3. Diu grusinische Heerstrasse. 
• All' Ding hat ein Ende — und die Wurst bat zwei, heisst 
es irgendwo bei Fritz Reuter, und so musste denn auch mein Auf- 
enthalt ein Ende nehmen. Ich nahm Abschied von meinen gast- 
freien Deutsch!-]), bestieg die iJiligence und eiwarb auf der Eisen- 
bahnstation ein Billet nach Wladikawkas.- Mit dem schonen lic^e- 
wetter war es vorbei, «der Himinei beweinte meine Abreise von 
l'jiiliijuvsk ,. wie sich galant iin-iii liidnNiswiitili^tiv l.amlMiiaiin aus- 
druckte, und der gehudlc Anblick der hart über Wladikawkas han- 
genden üergkct.te bind) durch den leneliten Schleier verdeckt. In 
stiijiiieudein liegen erreichte ich Spitt in der Nacht das Gasthaus, 
wo ich stürmisch Speise und Trank verlangte. Ausser mir sass 
ein einziger Reisender in dem halbbeleiLrlileleu, grossen Speise- 
zimmer. Ich verzehrte schweigend wein Beefsteak und verlangte 
eine Hasche Kachetiner. Der Unbekannte forderte gleidi/i-itig 
Bier, und seine Aussprache des Russischen schien mir den Deutschen 
zu vemithen. «Sie sind am Ende ein Deutseher, begann ich die 
Unterhaltung und hatte richtig errathen. Der junge Mann war 



abren den Kauk^ns und Armenien tun! lächelte über meinen En- 
msiasmiis. wenn ich nach den schönsten Au^sij-]itS|iinikteti fragte, 
r wollte in Teheran ilie Bekanntschaft des Schahs gemacht haben, 
Hinte Ti'iinskmikasien .wie seine füut' Finger ■ und schien mir in 
iltbliitigslem, wegwerfendem Ton dennoch nicht abgeneigt, zu 
gen. Dabei hielt er sehr wenig von dem ganzen Orient und 
inen viel gerühmten Reizen. Bald verabschiedete ich mich von 



'nili-iiirk traf ich meinen neuen Bekannten am Murren 
i Tages wiederum in derselben Gaststube. Diesmal 
in ein junger Deutscher, der zu der Kategorie der 
> gehörte. Gern hatte ich erfahren, was eigentlich 
seine Special itat sei, aber er zog es vor, mir darüber keine näheren 
MilihcilunL'cn zu machen. '.Sie sind wcl auch Kaufmann?» fragte 
ich ihn geradezu. .Ja, wenn Sie wollen, bin ich Kaufmann, ■ lautete 
die Antwort. 'Mir schien es aber aus einzelnen Huer Anspielun- 
gen, als seien Sie Ingenieur?, (ragte ich weiter. .Allerdings habe 



durch die Stadt zu machen. Wladikawkas tintcvsclicide! sich wenig 
von allen übrigen MiKclstildtcn Kurlands. Inmitten der Haupt- 
straße bietet eine Allee noch junger Bftume einigen Schatten, die 
stattlichsten Häuser sind natürlich KYmisgebande und der Handel 
scheint hier nur massig belebt. Zwei bis drei Werst "von der 
Stadt beginnen die schwarzen drohenden Bergriesen, schäumend 
und brausend windet sich zwischen ihnen der Terek als reiss ender 
ßergstrom hindurch. Lermonlow vergleicht ihn mit einem Tiger, 



mit Muhe am Gesprach meiner Begleiter Theil nehmen konnte. 
Hart an den Ufern des Terek lag der Duchan — die grusinische 
Bergkneipe. In muMentunnigcin, ungesäuertem Brüte ohne Messer 
und Gabel brachte mir der schwarz angine Sülm des tiastwirths 
die bestellte Portion Schaschlik — am Spiess gebratenes, klein 
gehacktes Hammel fleisch, zu dem ein rothes Pulver mit persischem 



54 



Eine Sommerfahrt durch Kaukasien. 



oiler arm einsehe m Namen servirt wurde. Mein freheimuisvolh.T 
Hfi>c^H?r;iliri.e, welcher es sich bei Bier und Butte rliroil wohl sein 
liess, behauptete, dieses rot ha Gewürz, welches keineswegs tllr- 
kisohw Pfeffer war ('wie ich anfänglich glaubte), auch in Spanien 
zu der Polenta oder Olla potridn. gegessen zu haben. .Also Sie 
sind auch in Spanien gewesen?" fragte ich erstaunt. •. Zu diene n,i 
antwortete der Fremdling, eich brachte ein halbes Jahr in Spanien 
zu, bevor ich mich nach Brasilien einschiffte. In der That, er 
begann von Spanien zu erzählen, und es gelang mir nicht, ihn auf 
Widersprüchen oder t hals; ich liehen Lügen zu ertappen. 

Unser Geplauder sollte aber nicht lange dauern; wie es in 
Gvhir'ys£iwiideii m üesrhe.hen plli-gt. bezog sich der Himmel wieder 
ganz plötzlich, und wir eilten in die Stadt zurück, wo uns neue 
Itog-.-rigüs-e in ■.hon ( ! ;:si haus'' gefangen biellen Meine Nachbarn 
forderten mich auf, sie bei einer Besteigung des Kasbek zu be. 
gleiten, welche sie .beauftragt waren, in den nächsten Tilgen vor- 
zunehmen, leb lehnte jeil'ch dankend ab. du es mir an den uöt lü- 
gen Pelzen, warmen Schuhen und anderen Utensilien fehlte, welche 
für den Aufrmhult in den Gletschern utithweudig schienen. Der 
rlcut;!:ln; Ke.niitnim we-ktf mi'di hü ii;icl:sren Murren t'rul;, und ich 
erfreute mich wiederum des Anblicks der kaukasischen Bergkette, 
diesmal aus nächster Nahe. Um das scheue. Wetter zu benutzen, 
eilte ich in das 1 tiligioirenbmvau, nahm mir einen Platz bis nach 
Tiflis, aber wehe! als wir um 9 Uhr die Stadt verliesseu, regnete 
es wieder wie aas Spännen und die ganze Alpenlierrlichkeit ver- 
schwand in dem einförmigen Grau des dichten Regen Schleiers. 

Der Fürst Woronzow veiilient mit allem Recht sein Stand- 
bild in Tiflis : die von ihm Uber den Kaukasus gebahnte breite 
Fahrstiasse erliebt sich bis zu 1(1000 Fuss, führt durch die tief- 
sten .Schluchten und verbindet unseren WelttheTJ mit Asien, wenn 
nicht wüthende Lawinenstürze den Verkehr auf kurze Zeit unter- 
brechen, llic Schwierigkeiten milden eben so ketossal gewesen sein, 
wie der Nutzen dieses moniimeulalen Siras-onbanes es ist, und 
ilabei waren zu joner Zeit, die wilden Bergvölker noch bei weitem 
nicht beruhigt, lind miissten Kiis;ik>'iipie.ueis die Arbeiter vor ihren 
Angriffen schlitzen.. Selbst jetzt, wo täglicher Postverkehr die 
200 Werst von Wladtkawkas nach Tiflis zurücklegt, wo ilie wenigen 
zurückgebliebenen Tscherkessen den friedlichen Reisenden unange- 
tastet lassen, sind ab und zu militärische Ansiedelungen sichtbar. 
Unser grosser , schwerer Eilwagen, von acht Pferden gezogen, 



Eine Sommerfahrt Aurel] Kaukasien. 



55 



tewegte eich mir langsam die Chaussee in die Berge hinauf. 
Wir hielten vor der ersten Station, da alle 20 2ü Werst die 
P'erde gewechselt werden. Unser armen isolier Condurteur hatte 
mir mitgell [eilt , dass unweit dieses Haltepunktes der berlllnnte 
Engpnss von Darjal gelegen sei. Ich wandelte dalier langsam 
unsere Fahrstrasse dahin, auf welcher mich der Wagen stets ein- 
holen uiusste. Verirren konnte ich wieh keineufalls. denn nur e i n 
Weg wand sich zwischen den Berghohen dahin, Haid stand ich 
im Pitss. Ueber mir der trübe schwarzgrane Himmel, zu beiden 
Seilen dunkelfarbige. Meile l!ei-gw;imle ohne jede S|inr einer Vege- 
tation oder animalischen Lebens. Selbst die Fluten des liebendem 
Wege dahin rollen den und srlnuimenden Tc:ek waren in ein finstere* 
Grau getaucht. Ein grausiger, gnissarliger Anblick — ausser mir 
kein lebendes Wesen, da die Krümmungen des Weges vor und 

henden Umgebung, Wie klein erschien ich mir, der nichtige, ver- 
gängliche Sterbliche inmitten dieser ewigen lebcnsloseu ernstgruuen 
Berguatur, in welcher der unfreundliche tosende Strom das ernste 
Schweigen kaum zu unterbrechen schien. Sonst kein Laut, keine 
Bewegung und für den lilick keine Iahende Abwechselung. Jtiugs 
herum, oben uud unten alles in schwarzgraue Tudteniai be gehüllt ! 

Ich setzte mich auf einen am Wege liegenden Felsbleck, 

schlug mir ein Stückchen des Sehtefcrsteincs ab und erstarrte in 
»wecklosem Dalmibrüten, welchem mich erst der langsam heran. 



Weiter ging es auf Uustbser Sleinbrücke Über den finsteren 
Terek, immer langsam bergan im Zickzack. Mitunter begegneten 
wir scheuen Gestalten der .Qorzj. (Bergbewohner), die uns mit 
ihren dunklen, wenig Geist verrathenden schonen Augen nach- 
starrten. Hier and da wich unserer Düigenee eine .Arbai aus. 
Diese plumpen, zweirädrigen Uergkaricn, mit einem Pferde oder 
Ochsen bespannt, schienen nimmer geschmiert worden zu sein uud 
kündigten sich schon von weitem durch ein jämmerliches (luiekendej 
Knarren an. Unsere Heerstrasse lehrte auch au se manchem -Aull 
vorüber. Diese grusinischen oder tsc Ii erkessi scheu Ansiedelungen 
mit ihre« llaehcri Krddüehei'u und kaum bemerk ha reu Fenster- 
öffnungen machten einen ganz orientalischen Kiudruck; nur schien 
alles Leben aus ihnen gewichen. Vor einem solchen Aul stand 
die berühmte Burg der Tamara. Mach einer grusinischen Sage 



durcli Kaukasi 



soll diese leide» Schaft ü ehe und lilut.lüistigo Fürstin schone junge 
Männer in ihr finsteres liergschlass gelockt, durch Schönheit und 
Liebe ihnen dort köstliche Stunden bereitet und sie zuletzt iu ihrer 
Umarmung getbdtet haben, Der am finsteren, in dunkelem Kotli 
leuchtenden Üdiluss vor überrollen de Terek nahm die Leithen der 
gt'inuriUitiMi Jünglinge auf, liess sie an den zahllosen Steinen seines 
I'hissl.ieltes zerselmllcn und vertilgte die Spuren der begangen«:! 
Vi-rbreiheii. Ganz anders hat Lermoutow iu seinem pi-achtvollen. 
hoehpuelisHien -Diimonj diese Sage bearbeitet und in neuem' Zeit 
liubi nitidus gleichnamige Oper der grusinischen Fürstin Tamara 
zu allgemeiner Berühmtheit verholten. Jetzt seiden die von T här- 
men llankirte Burg verlassen und öde. 

Langsam bewegte sieh unsere DUigence immer mehr in 
die lierge hinauf, lmhl auf sieb windender, bald im Zickzack die 
Hohen erklimmender Strasse. Der Regen hatte aufgehört, Eis and 
Schnee umgaben uns von allen Seiten ; ich und meine wenigen Mit- 
reisenden zagen aber die leichten Sommerkleider warme Pelz- 



Instituts. Aus der Feme freuten wir uns der poetischen Idee, 
inmitten dieser ewigen Schneeregion , auf der Hohe von fast 
lOiJUO Fuss — einen kleinen Tempel zu erblicken. Wie winden 
aber unsere Erwartungen getauscht : das einsame Gebäude war 
eine unbewohnte — Kaserne mit der Aufschrift; Höchster Punkt 
der grusinischen üeerstrasse U'i70 Fuss. 

Wir hielten an dieser Stell«-, ptlik-kten einige ldasse Alpflll- 



als haushohe Schncowande, blinkende Wsglclscher und frieren I Bald 
darauf erreichten wir die Station Kasbek, auf der halben Hohe 
dieses Bergriesen belegen, kleine Tscherltessen und Grusier liefen 
halbbekleidet neben unserem Wagen her und verletzten das Gehör 
durch den monotonen Huf: Sarin, Kopcika ! oder boten uns Berg- 
krystalle zum Verkauf an, als wir durch ein Thür zu dem Stations- 
gebäude abliegen. Unweit befand sich die Sommer residenz des 
Fürsten Kasbek und ringsherum in Xcbel gehüllte Bergspitzen. Hier 



Eine Somuicrthhit durch Kaukasicu. 



>7 



sollte zu Minus gemessen wurden, und ich hatte Gelegenheit, meine 
Mit [>iissit--ii-i !■ naher anzusehen. Ausser ili-m schon erwähnten 
Studenten waren die Ausseuplätze des VVageos nur von einem 

alten Mann und seinem Snrim-Iiei: cinge linen, welche ich um die 

Möglichkeit beneidete, von ihren hohen Sitzen einen freieren Aus- 
blick zu haben als ich aus dem Inneren der Difigence. Das ein- 
fache Mahl war bald bestellt und ein Auf biss , bestellend aus 
ossttiiiischem Ziegenkäse. Sardinen und einer Schnapsilasche, auf- 
getragen. Der alle Slntinnshalter ]iriisidirle bei Tisch und klagte 
über sein eiiilünnigus. freudloses Leben in dem ewigen Winter der 
Bergeshühe. Alle Nahrungsmittel, das Brennholz und die Bau- 
materialien musslen aus dem Thal hinauf trausportirt werden, 
und dabei pnssirleu beständig Reisende, die ihn nach der üppigen 
Natur der unfei nen grusinischen Hergesabi Länge auslragten, welche 
er fast nie zu sehen bekam — Tantalusqualen eigener Art! Bald 
erschien jedoch unser Cond urteil r. und weiter ging es. während der 
Himmel freu n dl i eher dreinschaute und die Kalle nachzalassen begann. 
An einem der nächsten Haltepunkte sollte ich Bekanntschaft- 

Unser Wagen stand vor der Station Patanaiir. Ich schaute zurück 
auf die hinter uns liegenden Herge, die wir überstiegen hatten und 
deren Schneen! cken von den Furchen gefallener Lawinen durch- 
schnitten waren. Unweit der Station lag halb in einem Berghogel 
vergriilten ein Püchau d. Ii. Dorftneipe. leb trat in einen Laib- 
dunklen Kaum, der von einem qualmenden Ssuniuwar durchräuchert 
wurde und verlangte ein Glas Kachetiner. Hinter der Lette sass 
in kleidsamer tseberkessischer Tracht ein srhwarzb artiger, glut- 
äugiger Grusinier. Er schien mein in russischer Sprache aus- 
gedrucktes Verlangen zu verliehen und trat mit dem Fuss auf 



aus Ziegcnfcl], welchem eine truhe, dunkclrothe Klüssigkeit entquoll. 
Das war echter Kachetiner mit starkem Ledergesch in ack und voll 
feuriger Hcrbigkdt. leb versuchte den schweigsamen Bergbewohner 
zum Plaudern zu bewegen, fragte nach dem Gange seines Ge- 
schaltes unJ erhielt in gebrochenem Russisch kurM, aber nicht 
unfreundliche Antwort. Als ich jedoch meine Verwunderung dar- 
über aussprach, auf meiner Fahrt, kein einziges weibliches Wesen 
gesehen zu haben, und ihn fragte, wo er denn seine Frau habe, 
gerietli er in 'dorn, stampfte mit den Fussen und rief dabei aus: 
• Das ist nicht deine Sache! Was fragen diese Urnssy (Russen) 



Kaukasien. 

toI nur iu unsere Barge, 

rüber, ich halle enlweder 
die Eifei-sucht des Halb. 



ivi i eil erregt s 






'e'zei temii 


r.'iL.lli'-U'Llr. 






> d t Pferd™ bewach! 




!' [Iii 1 1KLI:1]>IU 


Station, hart ui 


iter 1 


ms an steiler Berge 


swand fast 


in gerader 


Linie gelegen. 


.Wie 


sollen wir denn hio 


r weiterfallt 


•en ?> fragte 


icli erstaunt, .ei 




schwerer Wagen, wif 


: unsere Dil 


gence, kann 


doch nicht diese 








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Cünducteur warn 








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bespannte Equip 








icht Pferden 


verlassen) und a 




machtigen Hemmschi 




1('V Kill Jeher 


vor die Kader 




Das wurde eine j 




Weiterfahrt l 


Trotz allen küni 




m Hindernissen ging 




ndeseile die 


Herge hinab, b 




in Zickzack, bald i 


a Schlange! 


ilinien. Ich 



konnte mir nicht vorstellen, wie wir einem etwa entgegenkommenden 
Wagen Gilten ausweichen können. Unser Weg führte bald zwischen 
liefen Abgründen, bald zwischen steilen Bergwänden Hinab, und 
seinen es mir undenkbar, unsere Diligence aufzuhalten. Dennoch 
erreichten wir gefahrlos die nächste Haltestelle, wo wir in guten 
I!eite:i i!i'i[Ui'i;ii'V Nachtruhe genossen. 

Mil dem n ablisten Margen nahm unsere Fahrt einen ganz 
anderen Charakter an. Das Wetter war köstlich, die Gegend von 
reichster Vegetation und vnlkiviclujii Auls helcht, unser Weg führte 
uns an den lieblichen Diera der Aragwa vorUber. Dieses freund- 
liche, silberfarbene Flüsschen bildete den stärksten Coutrast gegen 
unseren gestrigen Begleiter, den reissenden, grollenden, erdfarbenen 
Terek. Es war heiss geworden, als wir den Ssuraniski-Perevval 
(Uebergatig) nassirteii, und die Thaler Grus iens glichen einem 
l>;iv;\dii-sisehni Garten, V"ll köstlicher Fruchtbäume : unsere nordi. 
sehen Arten wechselten mit Pfirsich., Aprikosen-, Wallnuss- und 
l'Y'iL'ciibiiunitu ab. Weinreben umrankten die an der Heerstrasse 
liegenden Häuser, auf deren flachen Dächern aus gestampfter Krde 
liuiensche (jni|>iien lagerten. Nur hie und da ragte ein halb- 
zerstörter Thurm gen Himmel, eine Warte in Kriegs/eilen, wie 
wir sie auf den Berghohen au der Heerstrasse schon häufig be- 
merkt hatten. 

Zuletzt wurcie die Hitze drückend, und wir gedachten sehn- 
süchtig der hinter uns gelassenen Sehueewüsten am Kasbek. So 



Eine Sommerfalirt durch Kaufe 



59 



endlich Mtzchetn, die 



der gTusiwshen 



Zaren von Georgien, auf giftendem Hochplateau an den Ufern 
der stattlichen Kuni gelegen. Jetzt mahnen nur einige Ruinen 
lind die Kathedrale mit den Gräbern längst vergessener orienta- 
lisrls-'f Iviiiiise an die frühere Redentin];.' di-wr kleinrii Stadt. Wir 
löschten unseren Durst an den ' kost liehen t'rüchlen, welche hier 
von armenischen und gnisiselien Knjibeu feilgeboten wurden und 
rollten weiter, die uuvei'ires-dic'LLcn k.-iukiisisflien Alpen hinter uns 
lassend, der von Mirza-Schaffy begangenen Königin des Ostens zu : 
schon aus einer Entfernung von etwa 15 Werst wurde Tifiis uns 
sichtbar. 



Joh, Eckardt. 




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Nochmals „zur Revision der Stadeordnung". 




Geenn 



Herr Reda! 



:uf i). 70G der .Balt. Monatsschrift» d. J. in einem .Zur 



!*;.:-' Ji, Itcvision der SJUiltednliinng. betitelten Aufsätze sprechen 
Sie die Vei'mulliung aus, dass bei den Vorstudien zur russischen 
StÄdteordnung von 1870 man wol an die preussisehe Städteordnung 
siel] habe anlehnen Wullen, dabei alier die Revision von 1831 ver- 
gessen habe. Sie fügen, im Hinblick auf meinen seinerzeit bei der 
initauschen Stadtvei-ordncteuversaimiihiii;: gestellten Antrag wegen 
Ueliertragung des Präsidii in dun Stadtverordnetenversammlungen 
vom Studthaupte auf einen besonderen Htadtveronlnet.Euivorsilzer 
und int Hinblick darauf, dass ich mich zur Unterstützung dieses 
Antrages auf die iireussiscbcn St adu-ut dtiuu::e!) berufen habe, hinzu: 

.Ob es in Mitau nicht ebenso gegangen sein mag? Wie sie auch 

ist, Scheint dii-.se liiieh die gliaL]illichste Erklärung.» 

Es ist mir bekannt, dass der Boden unserer politischen An- 
schauungen nicht der gleiche ist und somit eine Verständigung — 
das eigentliebe Ziel jeder Polemik — kaum zu erwarten steht. 
Wenn ich mich trotzdem mit dieser Auseinandersetzung an Sie 
wende, so geseliielit es zuitiielist, um mich gegen einen Angritt', den 
ich für persönlich verletzend und sachlich unbegründet halte,- zu 
verleidigen und nicht der Annahme des stillschweigenden Zuge- 
ständnisses zu verfallen, sodann weit ieli diejenigen Personen, welche 
der Frage unbefangen gegenüberstehen, davon zu überzeugen hoil'e, 
dass es im Interesse einer gedeihlichen Stadtverwaltung absolut 
geboten ist dem StaiUhnupl .;Sl.-H.) das Präsidium der Stadtverord- 
netenversammlung (Stv.-V.) zu nehmen uud dass die preussisehe 



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Ii gute praktisches Beispiel für die Aus- 
[ssigkeit einer solchen Reform bietet'. 



T.MiirZ L^iJ I nicht, wie Sit' iiiiz-mwiiiiirii ai'limiiat. die letzte ist, 
vielmehr siimmtliehe preußischen Htikilte heute unter der Herrschaft 
jüngerer Ordnungen leben'. So datirt beispielshalber die St.-O. 

1 Ilsr oRi-nr. Brwf ili'i Hm. Verf. hat auf Criinil Am t'fjjfiiwitilij,' ü.-lt.'ii- 
(1(11 I"rogrsmmi» rlcr «Halt. Minuitn-i-lirifl. JISil. L'7, |i. Ii) Aiifimliiiit gel'miik'ii. 
Anf (Imnii ileasdbm l'rugrnmiiies wird er tn» eiuiffeii Noten ln-^leitvt. 'in: 
]rt,-lir,-ivn l^biT^icln di'i vii vj ruht rein In-Liurkt. 'l.i.-s voul Hn. Vorl. U-IM 1 



;;,■!,, ,!,,:[] Hnr.li'll. ]>.<:- In] L'IIS lli.lll LJ.T.ll,' |:i,lirL' ZU Illl lllllll V.,[| lM[]|]f 

aus ilcinj. IUI" tvorilc icli 'hih «v.lirli-ii -li-.LiT iiiwcliikrt ha lim. um <LLv lii'LH'ito. 
Literatur Iii biotin, ptnnlcrii im: :un ittm i« ihm vi-rirrfltLfh ursirtitctm Malerinl 



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02 Nochmals -zur Revision der Stadteordnung.. 



für die *i iist.1. Provinzen der |n eus-iM-':!''!! M'Oarelne von) HO. Mai 
lHäii, die Städteordtiung für die Rlieinprovinz vom 15. Mai 185(1, 
diejenige lilr Westfalen vom 19. Marz 185H .(c. 

Bio ich somit Ihrer «weniger glimpflichen Annahme» ver- 
fallen, d. h. also, habe ich bei voller Kenntnis des Unterschiedes 
zwischen der Stellung, welche der Bürgermeister in den preuss. 
St.-Ü. und derjenigen, welche das St.-H. in unserer St.-O. einnimmt, 
die Ihres Eraehteus unstatthafte Analogie gezogen, so lehne icli 
tii^i i in i:- K jeden daraus zu al'Sti-.iUiieiiilen Yonviirl ab, denn ich war 
damals und bin noch heute der festen U eberzeug uug, dass ich mich 
zur Unterstützung meiner Ansicht mit Hecht auf die heute gel- 
tenden preuss. St.-O. berufen darf 

Es konnte nicht meine Aufgabe sein, wenn ich mich aut 
eine An a 1 o gie zur Unterstützung meiner Meinung berief, gerade 
die Differenzen hervorzuheben. Diese Aufgabe durfte ich billig 
den Gegnern der Vorlage überlassen und mich selbst bei dem Be- 
wusst.sein beruhigen, dass ich mich von der Richtigkeit meiner 
Anseilten nach I'nil'u:!fc des Kur und Wider überzeugt habe und 
woblgertlstet sei, auf die Abweichungen der beiden St.-O. gestützten 
Einwänden gegen ulier de.r/uthnu, dass imgi-ai-blut der vorhandenen 
Ungleichheiten die Analogie gerade in Bezug auf unsere i*rage 
durchaus zutreffend bleibt. Analogie ist eben nicht Congruenz 1 ! 




zum AraKhlag taitrtigt. 



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Nochmals .zur Revision der Stäiltminliuiiiif'. 6^ 



Gegenwärtig haben Sie die Unterschiede zwischen unserer 
und der preu*sis'jhe:i riiiiiltonliiiitis Ihrem Angriff zu Grunde ge- 
legt: icli beeile mich die l.inindl"si<;keil. des Angriffs daiaiiegeii. 

Es stand Hillen frei zu bezweifeln, dass es mir gelingen 
würde Sie zu überzeugen. 

Ihr Selbstliewii-islswii dutfte aber nicht, ausarten in eine In- 
toleranz, welche von vornherein erklärt, der Gegner sei entweder 
unwissend oder im büsen Glauben 1 . 

Irren Sie sich nicht ! Es giebt vielleicht mehr Männer, als 
Sin glauben vnn waniieui Herzen liir rlns Vaterland und offenem 
Auge für die Bedürfnisse desselben, welche dennoch vielfach anders 
denken als Sic und der Kreia derjenigen, die mit Ihnen darin über- 
einstimmen, dass Einfluss und Mitwirkung in den Angelegenheiten des 
Gemeinwesens überall das Vorrecht einiger Auswählten sein sollte*. 

Sie werden oft das Kifditi^f (reffen, wenn Sie annehmen, dass 
Ansichten, welche Sie für unrichtig halten, weder auf Ii n wissen, 
heit, noch auf Mangel an Einsieht, noch auf böser Gesinnung oder 
gar t-iesjnuimgslosigkei! beruhen, sondern sich aus einer piincipiell 
anderen Auffassung von dem zur Erreichung des Zieles einzuschla- 
genden Wege erklären'. 

Das Ziel ist in unserem Fall tlie gute Verwaltung der 
städtischen Commune. 



imWr halte ich es filr Pflicht -les Antritgiitellro, «11? im- Butmheiluni: — 
nicht zum l'lüilirrri — irü.ml in lieti-.icln kiniiiouiulvu Momentf nich[ mir nuf- 

ZUILieheil. i-l.ll.l.Tn Jlllll ViT'!!!'-'''!! . :-i.:\t. ill ]'l illll. ILO];.' i-i-ill.-r l'i^---IL.-IL Irjl IIILILJ-' 

lahiijkciT. nicht damit Ji:i lir-rnliiüfii, 'Iii- in il'-r Tlmt niifp-flowenel] licili-nkl-li 
uuerhchlifh ™I,t mit se.hehih.ir 1,,-i'nniIcn zu Min«, nuil nicht, um ilic Sache ilurch- 
tnsetei'U, ilio Ycrsmninluiii; mit einem neuen Muliv zu ühenMiehen, nhnc ivi.scil 
III können, all Sur Zeit muh nur ein (ilieil ilic Mao-rie L'cniL-eiiil hrhcrnwlll. 
Wim in einem Fn.Hr klug unil recht ist, winl im iimlcrcn leicht - zur Di-magi»..!,.. 

' Wie schiili cnviihnt, linhc irh lii.ri-iin nichts erklärt i ii:h .-misl.itirii [uli-h. 
iliw [»tuleranz ncci'n iUl- i'i.THi.ni-ii meiner tictfittr mir nicht ii'liiufig ist. 

9 Sa tat ullr-r'liiiif- meine Ari-i'-!ii lin-1 mein Wuu-eli. ih-iiu Vcistuul inr 
«ti't« bei ivcniijeu mir L'cmMen ; ilnrli Marl' e- iimm-r einer ijt-vissHI Masse zur 
Stütze ilcr He st iv Innige n l r elirii;cn- maehe itli mir ilurclmni keine Illuiiiuieu 
«her ilie Zahl .1er mit mir hierin tt.rmoni rennen. 

' rjmuirh kiiint- nlsn in vielen Füll™ ilic Annttth von ilcr paarreti her 1 



(54 Neelimals « Kill- lipvision der Stadteiirdinuig». 



Ich für meine Porsim meine, dass JLi^cs Ziel durch ilie stete, 
einseitige und riieksiclitslnse Betonung der sog. autoritativen Stel- 
lung, welche der Spitze der Coiuuiunal Verwaltung gebiilire, genau 
eben so, wenig u'reielit wivil, wie dnrcli die llcrai;>:ie),n!ig ziiv tliatigi-n 
'i'lieihialnne an der CiiinniiLnalverwall tm;; sdeber Elemente, denen 
I iiw vii sso nnd Verständnis t'ur die Aufgaben derselben t'elilei). So 
wenig eine comuiiinali! Selbslvei-ivall nng im b-t/teren Kall gedeihen 
kann, so wenig knna sie den erhofften Erfolg bringen, wenn eine 
jill/n ; autoritative* Siel hing der Spitze dein Vei t reim ig-d{ir:-iie[- 
tnit der Mögliebkeit eines entscheidende» Einflusses die Lust an 
der .Mitarbeit vcrkiiuinu-rr. und /.ivar gerade denjenigen verkümmert, 
welche es ernst mit ihren Pflichten nehmen und daher eine blosse 
Komödie aufzuführen nicht geneigt sind. 

Ihre ttcweisfiilirung gegen die- MuglicliL-il j---.1i r Analogie 
zwischen der [ireiLss. und unserer St,-Ü. in Jiezug auf die Frage 
des Präsidii in der Stv.-V. lassen Sie seilst in dem Ausruf zusammen : 
«Mit einem Wort: wir haben einen Factor des Gemeiudawillena 
(die Stv.-V.) und dort (in den |>rcuss. Stallten) sind zwei Factorcn 
desselben. Dass jeder dieser Faetoreii seinen ,s|iedellen Vertreter 
hat, 'ist so selbstverständlich wie es ein Whlei-si>ruch in sich selbst 
ist, dass der eine Factor durch zwei mit einander coneurrirende 
Personen zur Darstellung 'kommen soll.. 

Sie gelangen zn diesem Schluss im wesentlichen durch Ver- 
mittelung der Behauptungen : 

dass das Stadlawt ein blosser Eiecotivausseuoss der Sti-., 
der Magistrat aber diu conununule Obrigkeit sei; 

' dass die Stv.-V. bei uns einzig und allein das Hecht habe, 
(■i.ininui:ialbe;eli[nsse üu lassen, das Stadtamt aber nur im Rahmen 
der ihm von der Stv.-V. ertheilten Bruiachiiijung beschlicssen 
könne, wogegen in Prenssen ein städtischer Beseliluss zu Stande 
komme entweder durch den Magistrat allein, tider dureli die Stv.-V. 
allein, mler durch diu l-nustimniigkeit !n-i.ler Kaci.iircn, wozu in 
Khize'it'ailea noch nie IJeiitliLiiigni:-; der Skia: si-t.irierung trete; 

dass das Stadtamt alle Beschlüsse der Stv.-V. ausführen 
müsse, Sutern sie ui.-ht widergesetzlich seien, wahrend der Magistrat 
die Hesel) lüsse der St.v.-V. nur insofern auszuführen hat, als er 
mit denselben übereinstimmt». 

" Den lelüteij Taams vom M-Ufi-Irat lialie ich ullmliii^ tdi-til i<wii^. 
atit-J i-r t-n Jii-lili^. illiil e- i-i "-.-Iii 1 ioii-rv-Mim, -1:1-^ -kr Uy V,-i-:'. Hill tiii-i 

anführt, wie fr ihn - der nrcusu. St.-l>. v. IHött, S r.H, ■! entnommen Imt. 



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Nochmals tarn Revision der Stitiltrordmiisg. 



Sie stellen es als feststellend hin, dass unsere St.-O. den 
Begriff der eommniuilen Obrigkeit nicht kenne, dass seit Einführung 
der neuen St.-O. der Leitung des Gemeinwesens die gewohnt ge- 
wesene amtlich« Autorität nhhanrlen gekommen sei. Sie sehen 
einen schwachen Ersatz dafor in dein nersiin liehen Einfluss des 
8tH. und Italien es für neniicios diesen Einfluss fladureh zu 

wird. Sie heliaupten endlich, dass eine gedeihliche Verwaltung 
nicht denkbar sei. wenn deren Haupte nicht massgebender Einfluss 
an r die Festsetzung der Veriva!lui]gs<miinlsätz.e, rnstruet innen &i: 
zustehe, wenn demselben diu Macht abgebe, über den Zeitpunkt zu 
hesLimmen, wnuu diese oder jene Materie zur Verhandlung kommen 
solle, wenn ihm die Verantwortlichkeit für das Gelingen zuge- 



Stfl. verzichten, wenn ihm der Vorsitz in der Stv.-V. genommen 

Meinerseits bin ich der Ansicht, daas die Stv.-V. in Zukunft, 
wie in Freussen, durch den Stv.-Vorsitzer allein, die Exec ti- 
li ve und unmittelbare Verwaltung durch das 3 IH. all ei n reni'asen- 
tirt werden soll, alsu keineswegs eine Cuiicurren' zweier Pursonun in 
Veitretnug des Organs des Communalwillens bezweckt wild; ich 
meine ferner, dass dem StH. der ihm gehiiiirende legale Einfluss 
auf die Beschlüsse der Stv.-V. besser gewahrt wird, wenn er — 
wie in Freussen — derselben nb-ht. uNisidiri,, als wenn er ihr pril- 
sidirt: dass die Macht, jeden Antrag auf die Tagesordnung der 
Stv.-V. zu bringen und die Zusammen lierut'nng ih'r.-clben jederzeit 
herbeizuführen, dein SHT , wie in I'reassen, «rsirliert werden kann, 
auch wenn er nicht Vorsitzer der Stv.-V- ist; dass endlich die 
smssi-1 1 äiUf ej plii'-inif- Klimme • n- i Si.iinmeiieleichbeii der Stadtverordneten 
freilich, nie in Freussen, nicht dem Chili' der Executive, sondern 
nur dem Stv.-Vorsitzer wird zustehen können, dass aber dieses 
Vorrecht von so geringer Bedeutung für die zweckmässige Function 



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Ali Nnriiinnls .zur Revision der Stadtenrfnung>. 



der unmittelbaren Verwaltung ist, dass dem irgend ein Gewicht 
luv die Entscheidung unserer kontroverse überhaupt nicht bei- 
gemessen werden darf. 

Ich bin auch der Meinung, dass tttr die Möglichkeit des ge- 
deihlichen Bestehens einer Comniuual Verwaltung ohne gemeinsame 
e i n h e i t liehe Spitze für das Organ des communalen Willens und 
dasjenige der communalen That in einer Person gerade wiederum 
die preussischeu Stadteordnungen ein gutes und überzeuge ml es 
Beispiel geben. 

Oi- B"L;[iii[iUiii^ lir^'l ivn] Kiitii Tlu-il schjn in dein <4e;j;i«l.i'ii 1 
ich will indessen in dem Nachstehenden versuchen, meine Auffassung 
ausführlicher zu entwickeln. 

Die Ortsgemeinde hat einen dem Staat insofern analogen 
Organismus, als sie, wie dieser, besch Hessen de und austüUrnuli' 
Organe habeu muss, von welchen die ersteren den Co mmunal willen 
rep rasen tiren, die letzteren diesen Willen in die That umzusetzen 
haben. Während aber im einzelnen Menschen die Functionen des 
Willens und der That streng von einander geschieden gedacht 
werfen, so also, dass, sobald der Wille zum Entschluss der That 
:;d;iii;:t. ist diü ausl'dirtiulttL Dujik: üiifris-t'.r.s lichies Ijüiiiiiii-ivu 
i'.nt.si'lilnssi's niflir U'rtiiiflis; mx-li i;ih\% sind, sondern uiunitttdktr 

von diesem eiuen Willensinipulse in Bewegung gesetzt werden, 
wird der Vorgang in dem complicirteren Organismus, wie des 
Staats, so auch der Ortsgemeinde, wesentlich dadurch inodificii*t, 
dass sowol das Organ des Willens als die Organe der Ausführung 
oder, um den technischen Namen zu gebrauchen, der Vollziehung 
von willensfahigen, urteilenden und wollenden -Menschen dargestellt 
werden. 

Eine sehr bedeutsame Folge dieses durchgreifenden Unter- 
schiedes zeigt sich darin, dass auch die Organe der Vollziehung, 
bei Ausführung der Beschlüsse des Organs des communalen Wil- 
lens, des eigenen Beschlusses und Entschlusses nicht entrathen 
können, noch sollen. 

Es ergiebt sich daraus, dass auch da, wo getrennte Organe 
für die Darstellung des Communal willens und Tür die Ausfuhrung 
desselben existiren, notwendiger Weise diesem letzteren die Be- 
fugnis zustehen muss, eigene Beschlüsse, mw nennt sie Ver- 
fügungen, zu treffen, um den Commnnal willen in die That 
umzusetzen. 

" V ! Dns s:0n inr inii- im \vkliri_r-Ti-n Tlu-il 1-iHut nur Bi-hiuiptnng. 



Et 



Organs für den Co minimal willen na' iZoxw dagegen dürfen 
iich nie in Gegensatz zu den letzteren setzen, weil mit dem 
lent, wo dieses geschähe, sie sieh mit. ihrem eigenen Zweeke 
Viderspruch setzen und damit ihre Daseinsberechtigung ver- 
m müssten, 

Aneh die Natur der Aufgaben der Co mm tum] Verwaltung 
gt es mit sich, dass diejenige Kut-iier.sc.lintt. welche die Be- 



zu geben. 

Auch innerhalb des hierdurch der Vollziehung oder, wie 
unsere St-Ü. sieb ausdruckt, der im mittelbaren Verwaltung ge- 
walu tirti Spielraumes hat diese das Reelit der freien Verfügung. 

Selbstverständlich variiren die StMieverfussungcn der ver- 
schieden™ Lander iinil Cebiete sehr erheblich in der ges^t ^ 1 i'- 1 1 
Regelung dieses thiitsäelilich unvermeidlichen Verhältnisses. Die 
einen detailliren, die anderen stellen allgemeine Grundsätze auf, 
die einen stellen lest, welche Angelegenheiten durch Besehluss der 



des C'ommunahvi Ileus nennen; direet entschieden werden müssen und 
überlassen es im übrigen dieser selbst, durch allgemeine Geschäfts, 
urdiiiuisien titnl liis[nidi»;:en tVst stustullL-:!, Wellie A:;;;;cle:ie:i]ic:te.ii :li.-r 

VrrliiL'nii;: ih'r '.n ttc! I>;uvn Vi-i b.^io!:;: ii;.lh i lii/.ujp-li.ii si-ien. audi-n- 

si-l/.mi selocr ileti üiakteis dieser leUlereti Angelegenheiten fest. 

Wie immer die Grcnzführtiitg im einzelnen ausgefallen sein 
mag, stets ist in gewissem Sinn« auch das Organ der Vuli/ielimig. 
der unmittelbaren Verwaltung, ein Organ des Cniiuiniiiahvilk'iis : 
ri&mlich gerade so weit, als sein Verfügungsrecht überhaupt reicht, 
einerlei, ob sich das Gebiet desselben im Gesetz nur allgemein 
angegeben findet, oder ob dasselbe in der Cuimmiiiah'erl'assuii;; 
direct und detaillirt abgegrenzt wurde. 

In diesem Sinne haben sowol der [ireussische Magistrat, als 



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OK Nochmals «zur Revision der Stndteintlnung.. 



ancli unser Stadtumt Anspruch auf die Bezeichnung von Organen 
(las Co minunalwi Ileus". 

Nach dem technischen Sjioi-h'rr.br.uich aher und im engere» 
Sinnt; kennen wir als Orgitn des CiiTiiniunahvillen.-- nur dasjenige 
Organ bezeichnen, welchem ihis Recht zustellt, die grösseren und 
wicht ip;<-i-en luv die (Jumiiiimiilvci'Wriltuii!.' :miiidl elenden und aus- 
schlaggebenden Beschlüsse zu fassen, also namentlich den Etat 
tcstznsi eilen. Hier das Vermögen der Commune zu verfügen, Ver- 
li(iii:litn:ij?t']] für dieselln: */.n üln'iiiehmeii und die Glieder dei' un- 
mittelbaren Verwaltung zu ernennen. 

VV., also die Gemeindevertretungen, die nreuss. Magistrale 
uber so wenig wie unsere Stadtitmter". 

Was unsere St.-O. betrifft, so bedarf es desbezü glich keiner 
weiteren Ausführung. Aber auch die St.-O. ihr die fi üstl. Pro- 
vinzen Preussens, für Westfalen, für die Rheinprovinz &c. lassen 
darüber keinen Zweifel ! Ks comyetirt dem preiiss. Magistrat, ab- 
gesehen von seiner staatlichen b'unetion in Ausführung der Gesetze 
und Verordnungen der ihm vorgcsetsitei! .Behoi-deii, nuHsireblich der 
nldie/eirhnelcn Ktädt.eorilnnugen : 

]. die Ausführung der Beschlüsse der Stv.-V."; 

von NnU: 18 rninittx finile, iaaa ich si/voll nnertwinipn. ',i- .im 'Ii.- -pIii- »Irl, 

KiiiA-liranktiiis;, inj iln* H'rn.-i ...tv- Starliiimtt's i-i-.rlii.j>Miil. ilns 

iU-k nreww. JlnßiHiriitH aljcr nur nnrli *einiT Kiui-u.ii-liai'1 nh Kv.mii\ [j.-U.ii.I.- 
gcif lehnet ist, 

11 Du würc nun in licweiacn ! 

" Niclit «<> lakimiHdi lantet der beatu^Lti-lu- Aitikul mir!, il,-r »reim. St. K. 
v.m IK.'.S, gas, 2, senilem wie folgt: .Dur Magistrat, hat die Hesel ilil*!* dir 



Stv.-V. vu rmlietpitpu miil, sutVm er flieh mit ilm-elbm .hm-r<t;mili'ii rrkhi-t. 




iikTivicrt-tl sillil, ili'r Zu-tiimiiim:.' ilc. Ietilen-11:. iL Ii. ult" H™-liHi|.-e, ilie ilif 
li.-liiiiiiiuiie; 1 1 :i h . i - 1 : . ,,ii-^i.|'hIii i i'il. K. ,!:, Ail-1iUiiun_- i:>si/.ii. r iU iil .M.i- 
ul-trnt aui-it-ln . .Ver-.ii;i ilii-. r die Zii-tiiiniiiiiiü-. Imr pr 4ip tlriinrle ilie-ir 
Ver-Lignng iler Stv.V. iiiitKiilli.'iliii. UrtJfft lik-innf fceinv \'er^iuiilii;uit', 
in deren Herbei fillirnii(r somil Tim ilein Magii-trair al* den Slmlu-i-n n-.lin-r.'i. 



ler Stiidteurdimng.. 

sehen Gemeiudeansiulten i 



4. die Verwaltung des Eigenthmns der Sud tgc mein de und 
die Wahrung Ihrer Rechte ; 

,1. die Anstellung der Ceiuifinilebcamten uml diu Hciiul'siditi- 
gung derselben; 

(i. die ÄttfOBWalirimg der Urkunden und Acten der StadL 
gemeinde ; 

7. die Vertretung der Siiidtgeiin-iitile nach aussen, die Ver- 
handlung namens derselben mit Behörden und Privatpersonen, die 
Führung des Schrittwechsels und die Vollziehung der Gemeinde- 
urkuuden in der Urschrift ; 

8. die Repartition und Beitreibung der Gemeindeabgabcii 
und Dienste nach den Gesetzen und den Beschlüssen der Stv.-V.'*. 

Dagegen conipetiren der Stv.-V. in l'reussen alle andere« 
OeiiieimletiiigelegtiilieitBii, darunter die Feststellung des Etats Und 
die Genehmigung aller über den Etat zu machenden Ausgaben, die 
Disposition über das Gerne indeverniügeu , die Bewilligung von 



a,.lcliiT Ik-fchluas iI,t AiuHiihvmii; t,e.Uirf, hu imis» .1- r ViTilirihing uu.l lki 
nvilaiiiu' i iii ii '/.ü^l. zu-lhiiiiiiii'.iL .-. hl.i-- .1- Mj-i-:r;[l.-, ui.'hr VIV A lilus 
lim' Ausluhrmi!.'Hv l Tfii«-mij{ v i. nui -l'c a -aiiir cu irin. llii-.c Au-tiilirilni.'.viTliij.'Uii^ 
iii-M'lilii-rint it vinliiii'lir evtl ijciiiii" iIimii llr.rlilu-. ilcv Hlv.-V. n n il iniin'UL t'imlii'ii 

■ iinl nl-ii miu-r ■llfsclihi™-. (Iii' ili'ii Ci-iniTNiliiiill.'ii l.ililiTiili-n ll.-.'lilü-.-u b eiil BT 
[ii'iiii-iiiili-kiir[).T zu viTKlclirii. Uiiw Au-1'iiliniiiii ninl i-iirwliiilnnl iluli'iiliilzl 
■Inn hl Vit;.' Icn-Uiii: ilcv Hl. II. 1 in Si'lilpswii; Huli-Iriu r. 14. April IW1D, nu im 
JjtM. I'llI.B <lm Wort (iBinciiuWiB.iiihliia.E. K d>nili.ht »r. ab soloh.i ct.Vkl.l 
ahn- liizviiiiliiT M.'nlni, Iii' Vinn Stv. i.'uiU-iilii) mni.iu.-i li.u'tliili uiil itctu Mb 
uinni.1 mtii^l vyunli'u siwl. 



71) ä'ouIhiulIk zur ÜLivistoii der Stil.lU'uviliinnp;.. 



Steuern, die Contrahiruug von Anleihen, die L'ebernahine von 
Vftriitlic.liluiigi'ii «ml die i lis[>i)sil.iim iilicr Kt-clitc (Irr Sfadtgimii'indi'. 
die Wahl des Magistrats und des Bürger nie isters, die Centrale der 
Verwaltung des Magistrats <fcc. 

m.E. hervor, dass im technischen Sinne ancli inVreussen tm/die 
Stv.-V., nicht der Magistrat, als das Organ des Com munal willens 
gelten kann". 

Daher bin ich denn in der That der Meinunir, ihiss Sic, c'>- 
ehrter Herr, Unrecht Imbun, »cum Sic sagen : ;\Vir (in der russi- 
fAr.n Städten Iii Ii u 11 g) haben einen Factor des tii'iiiciiidcwilh'iis 
und dort (d. h. nach der preUM. Stadteonlnung) sind zwei Factoren 

Vielmehr ist es, jn niurliiliia <■!> man die Bezeichnung in dem 



nur die Stv.-V., sondern auch die Organe der umnittel baren Ver- 
waltung, also unser Stadtilm t und ihn- preuss. Magistrat, als Organe 
des Gemeiudewillens zu bezeichnen, 

Haben Sie aber zwischen e Kantor; des Ucmeimiewillens und 
< Organ ■ des Goniüiinh'Willeiis nnlcrschi'iih'n'' und annehmen wollen, 

» Nai-Ii der Auflitlirmig fli.i Ilm. Veii, Ullerting*, über iiitlil uscli iIi-ili 
Die üiili. n- V.'.il.i-jmln!.. .Ii-.- vi, i,,!,' in .1« Tli,« geiiiselitea Uulet- 



&ia Sabject, deswillen, borvori 

liig« Factor rle* Ih-niciiulrwill 



Xndiiniils iKiir Revision der NUrtteurdnungi. 71 



l ein Uemeindebesehluss nur von ilev Stv,-V. in 
Ui'iiiciiisf.liiit't mil dem Mü^islinl aii^ln-n kümie, au dass erst beim 
Vorliegen zweier übereinstimmender Beschlüsse der Stv.-V. und 
des Magistrats t'in (Jemeimlebesclilussi, ein jierf«cl.er ( lonimuualwille 
vorliegen würde 11 , so mass ich die Richtigkeit auch dieser Auf- 
fassung entschieden bestreiten. 

Die ureu»iistlie St.-O. »eist die Entscheidung über die nicht 
dar unmittelbaren Verwaltung zuständigen Angelegenheiten keines- 
wegs der Stv.-V in I.i.-iinjiii^eliiilt mit dem Magistrat zu, sondern 
gesteht sie d er Stv.. V. allein zu, welche allein im ganzen Bereich 
ihrer eben dargelegten Comi>etenz zu beschliessen hat". Nur ordnet 
sie an, dass einige Beschlüsse an sich (ganz wie bei uns) der Be- 
stätigung der Regierung in jedem Falle bedürfen, die Auaführung 
anderer Beschlüsse aber von der Entscheidung der Regierung ab- 
hängen soll, sofern der Magistrat sieb mit, ihm zur Vollziehung 
überwiesenen, Beschlüssen der Stv.-V. nicht einverstanden erklärt", 
hi ilie-em l''al! hat der Magistrat nämlich das Recht, zunächst die 
Ausführung des ■- immerhin als Communulbeschluss schon existi- 
renden — Beschlusses zu beanstanden, den Versuch einer Verstän- 
digung mit der Stv.-V. zu macheu und, wenn eine solche nicht 
erreicht wird, die Entscheidung darüber, ob der Beschluss aus- 
geführt werden soll oder nicht, der Staatsregierung zu Uberweisen'» 
" Der Hr. Verf. vei';;!»-". da*' er "'"-n ]> laiiac A iii'xEa-lliin^ .hiiIith uml 
■* Vgl. hiermit Nute 1:1. ilU- i ie^elzcsstelleii. 

" M. B. tiehich dk p-wvhnlM^ < irilmuitf der Dinge, wie siu in der 
zueilen Hitlfli- den SJH [N'eie Iii gi-ngeU ist. •Imvli ili.- I inmellnug .Irr Sülze 
Mitens lies Hm. Verf. in ein unbillig »n günstiger« Weit, nl* nie iinch dem 
Wortlaut des Oaetiet hm. 

'■ Viiltreuil der llr. Verl. I.is hieran m. B. nacli iii.ln dvn NdiniMi ein« 



n]K in der »Iren rignschrn Vi-rlii.-inij.' die lleHrliliip-r dir 
Widen (ÜlJfi! > i iu i- ' , i(]iimiLiLjllnsi'liln-i l'urmirleu . sie üi'.sldleteli eich oret in 
cim-iu -<diVn. wenn iln li.nlj iliiK-u zustimmte. iiH.iTirirh' alier der ifnth, so 



.liencr Form tiealwie.liriL'fn ( ■,.iniiiHH;illM«etiLii*i«.. Im üWii.npr im lielr. Fülle 
IU wickln I« t-eUiiifc.iCi. Ir.it <lin svUied-irieliteriielis l'.euiliiisäiull tili, (lun-ii Eilt 

«-.Imiihinu' als <■ nimiallieaehliiw «all. — (Inns tdieiisu ist cfl in l'reilssen, mir 

das« dort im Fall niclit erzielter VeMiia'lii;m]i; die lintttlitiiliuig der llegliTiiiiir 



Ii Nochmals <zur Revision der Stitdteordniii 



Ein ähnliches Recht hat bei uns das Stadtanit, welches die 
Ausüihning von Ueschlilsscri der Stv.-V., welche ihm gesetzwidrig 
«■scheinen, ebenfalls u\ beanstanden und, falls die Stv.-V. doch bei 

städtische Angelegenheiten anzurufen hat. 

Der Unterschied besteht nur darin, dass dta Entscheidung 
der Regierung an/urnlcn dem Ktadlatut mir im Fall vermeintlicher 
Gesetz Widrigkeit, dum Magistrat in LVetissen aber auch iin Fall 
vermeintlicher Zweckwidrigkeit des Begchlossea der Stv.-V. ge- 

Dass diese Berechtigung rt>s< Magistrats Kar Anrufung der 
Entscheidung der Regierimg vor Voll xieli ang eines ihm ansteigen 
Beschlusses der Stv.-V. nicht gleich nu Bellten ist einer Bestim- 
mung, wonach ein Cotumimalriesclilus-: mit' durch iilieivinstimmetiden 
Beschluss der Stv.-V. und des Magistrats, als zweier gleichberech- 
tigter Factoren des Cuinnuiual willens, zu Staude kommen konnte, 
unterliegt für mich keinem Zweifel, denn ein anderes ist es, einen 
Besclilues mitfassen, ein anderes fremde Beschlüsse einstweilen bean- 

streckljurkeit odet Xiclit v--ill>t rerkluirlieit det>e11ieu einholen dürfen« ! 

So wenig man sagen darf, dass der Gouverneur an der Fäl- 
lung der Crhniiiiiluitheile der baltischen und russischen I icriclitshüle 
alter Ordnung Theil nimmt, weil er tiereu Ausführung bis zur 



Nochmals -zur Revision der Btldteordnong». 73 

St.-O. z wei Faetoren des ßemeindeivi Ileus, in der russischen St.-O. 
nur einen, lüliil Sic ferner zu der m. E. nichi minder irrigen 
Folgerung : 

■ Dass -jeder dieser i augeblidi zwei preussischon) Faetoren 
.des Genirindi'Willens) einen secch-lh-n Vertreter liat, ist so selbst- 
verständlich, wie es ein Widei-spruch in sich selbst ist, dass der 
eine Factor inaeh der niss. St.-O.j durch zwei mit einander con- 
mirvirende 1'eisc.neii (das St 1-1. innl der St v.-Vi>rsi!.zer) zur Dar- 
stelimi;;- komuie!» 

sieh, dass neben der S|iitz.- der KxitiUlw, dein StniUhaii|)1 und 
dem liiii^enneisler, denen eben, Weil sie die filzen der Kxeclltiv« 
sind, auch diu Vertretung der Stadt nacli aussen zukommt, auch 
das Organ fflr den Gemeindewillen, die Stv.-V., wie in PrensKll 
so hui uns, in einem aus ihrei Milte erwählten Vorsitzer ihre 
eigene Spitze nnd Leitung gewinne". 

Weder soll das Stadthaupt dem St v.- Vorsitzer in Leitung der 
Stv.-V., noch dieser jenem in der Vertretung der Stadl nach aussen 

wneurriren ! 

Es ist m. E. nifiht widerlegt worden , was ich schon an 
einem anderen Orte ausgeführt habe, dass nämlich die Stv.-V. 
durchaus eines eigenen Vorsitzenden bedarf und das StH. als die 
Spitze der von der Stv.-V. abhängigen und von ihr zo oontroli- 
renden Executive sich zum Vorsitz in der Stv.-V. von allen denk- 
baren Personen am allerwenigsten eignet. 

Da die vornehmste Thitti^keit der Stv.-V. in ihrer Stellung- 
nahme x.u den Antrügen des Stadtamtes, in der Coutrcle der vom 
Stadtamt geführten Verwaltung und der Entgegen na knie und l'rii- 
tung der Recb uen^sabb.'L'-iuig desselben besteht, das StH. aher in 
erster Linie die Spitze der zu Ljoiitve.lireude.il Verwaltung und 




,111 iiri-n.1-- 11.1'iil'iiU i-iL-ii'iit -i.li in i'iMi-ni ■ l E ■ - Xi.lfivvu.lijk.li ipw.i 

iIi-i-i.t sirjiniKi-ii lieiiliT iM-iiu-iinli-liiirirfr mit vtvfi-lii.-iL.-niK l'rii^i.l.- 1,-r.ul.' 

nie uuscri- bilden ui"l lin-.Ti' Mn^i-tinre «ei"nnliTl l.ml.n linier viTH'hii-<li'il<'ii 

Vori-iUerii. Itic Ninliliilitraiir ilur eine Ii Form <t«-r Ki-s Icrteli .Spitai'U il'-v 

l.'L'iikll ilii.iti^.'h.'ii Kor|i.T lii-i misi imivtij.Miü.'ii.-er W-r-i-llii-iLr-niivil. iliriT Hofni;- 

lliüf lllli«tv <tHLvtl:lll- VlT-lllilili'l|l li:nl HJ!' Kl i-'-lllli-IW HI L'lfll. 



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74 Nutlimnlä .zur Revision der SlAiiteoiiliHiiig.. 



Glied des Stadtamtes ist, so darf die Stv.-V. in keine Abhängigkeit, 
vom StH. gebracht werfen, muss sie vielmehr, eis auf einer Lebens- 
frage, darauf bestehen, dass sie unabhängig vom StU. zusammen- 
treten, ihre Tagesord Linn % festsetzen, ihre Debatten halten und ihre 
Abstimmungen herbeiführen kann". 

So lange sie in all diesem von dem guten Willen des StH. 
abhängig ist, geht ihr jede Freiheit der Bewegung ab und wird 
die Freiheit des Entschlusses ihr wesentlich verkümmert. Man 
soll aber den Willen nicht von der That abhängig machen ! 

Gehen Sie dem gegenüber von dem Gedanken aus, dass die 
Stadt, so wie der Staat im Monarchen, ein einheitliches Haupt 
haben müsse, welches au der Spitze der Gesammtheit aller Organe 

" Auf dir vnrsteheiidcM ltcliuiii>tuiie.eii limli't sich meine Anlwoit im nll- 
pämrineu seilen iuf p, 703 der .Ball. Slon.» v.J.: Eine in Folge der Beschaffen- 
heit ihrer Majorität in sich haltlose Stv.-V. verliert nichts dtircli die etwaige 
l-:iiilms»e ihrer Ni'l^lninliu'li'it L'cjreuüher dein SiH. Ferner ist einmal dasSlH. 
ja der eiwiüilte uud ukhl der «nfgwlrmigfn« l'riiscs der Btr.-V. Dnnn steht 

vou demseltai /ii-.iiiinemri-i.-,:. -1.1:. mit Wunsch 'des filiiften Theilua der Sit\ 
in um das StH. eint' VersiUiniiliniL,' niiliennniieii Art. Tili : hm-] ihren Nesihlus- 
i.'lcr durch rreliiaeiliire Kinreichuii,- dci Aurr-ine seitens .■in^lniT Stv. kium sie 
eiueu Thcil der Taixcsnidiiuii:- ti-.sTai-tit-ii ; die lleilictiluhje iIlt Themata iu Ire 
Bliin nii-ii ist allerdings Sache des- SIH.s. iviii.li uli.-r auch Satin- des hcMmderen 
l'rhuta der Stv.-V, und nicht dieser Ver-iunmlimjr seilst sein, Durch ihre 
(icKchaltsurdniing mit) in luti ihr liäl/ust.-lleiidcu luHtruLTiiini-u Imt die SI7. V. 
Macht, ihre So uvcr;iin-tai_ Iiis in- einzelnst.- uiisjiiliildeu und eil ticthniiiren. (Ilalrei 
.ei bemerkt, ihu-s nach der [irvllsif. Ni.J 1. vmi lH."i:i, S 4», iill.-li die ( iiwh.i Ilm rdn lin- 
der Stv.-V. der Ziisliiiiiiinnii des Mniiisimis LcJnrf . kudlich ist in allen Fullen, 
■ Ii'- die iVnri'dr d'i- Vi-tiv.dtiniL- lfli' neu. da- s:ll. ..hiichiii niiln riiisidirctidcr 
der Stv.-V. Wenn nicht in allen unseren Sliidtcn .ine süiudiire Uesehvrcrdc- 
<■uiiiiiiisHii.il vvistirt. ku ist d:is Schuld der Stv.-V., niiln aher ein Mangel de? 
IJeuBtlcs, E* lehll mich nii ln an K ri'a Ii nin;;.l leieren der tliatsaclilieli iili-y-iiutci: 
Macht unserer St». V. über HtH. nnil SUdtiraC liegen den Will« der letzte, 
rni wurde jhiu-ii in Hiiin der Bctrich den D.iiiiiiieiveikehi-s :-.;it' de. Ilüua iitei- 
Ivanen, fegen ihren H illen in Ii cal di.- S;mita1-i <iiini:is;i.,i: anf-eliulii-ii. Dicetu-ui 
L-eu -c^!-iiiliuli;:cii Kilalmni^cn des Ilm. Verf. dürfen nicht zu g.-uoraliairenden 
Schlüssen iilwr die den rt)|i. iiistiuiiiiimii eignenden Wirkungen verleiten. Dan 
Hei.iiinl. das Riga der Auskilduiigsrhliiiikeit der Stadt, urdnlliif gegehen und auf 
das ich iiag. 705 Ii hige wiesen, welches darlhut. wie mit vorzüglicher Leitusg der 
»chatte durch ihn StH, der Nutzen der Prisen« denselben unter den Dc- 
hatiii enden verbunden «-erden kann, belieht der Hr. Verf. zu iguuriren. TVenn 
er »ich dadurch nicht widurlnrr. eruiliter, lilitte .r in. K. die Beweiskraft dieses 
Argument-, in widerlegen versuchen uiühkii. Uns hin licwurte eilt für alle noch 
luliu-udcii Seiten rt.T A hluindliiBjr. 



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iltze der Communnlvern-ii 
So allgemeine SiUw 



iiiicli innen der <.iiTitii:iiicli?vt:rti-i:t tili.!"- 



Bei der grussnii M;uiiii:;]iiHi;;l«-: 
der Welt giebt es wol nucli Städte, i 



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7ii Nuchniiils ■ zur Küvision der Striili i--n-clnmis- - 



i dem Stadtchen Bncking. 



Städte, die keine S;!td'!ii')itiin;Wii k>'inieu. vielmehr in ki-iimm anderen 
Sinne ein Haupt haben, als wie es die rassischen Städte auch 
lullen werden, wenn dag StH. nicht mehr in den Stv.-V. prasidireu iiini 
seinen Stull) der Stv.- Vorsitzer einnehmen wird! 

Sie werden es dt; acli, geehrter Herr, geile» lassen müssen. 

dass die Berufung auf die Analogie der >ireuss. St.-O. erlaubt 
ist, um xll erläutern, da^s es auch ciialinmL^m.i^i:; nicht nutli- 



Deshalh geht der Begriff der communaleu übrigkeit nicht 
verloren ! Die communale Obrigkeit ist bei uns das Stadtamt und 
Im Stadtamt dasStH», Immeristes das ÖtH , der Chef der Exe- 
cutive, nicht der Stv.- Vorsitzer, welcher nach aussen und innen als 
Vertreter der Stadt erscheint, mag sein Wille noch so sehr in 
Schranken gehalten ivBiilen durch die Reschlüsse des Organs für 
den Willen der Gemeinschaft. 

])em SUdthaupt gebt auch au legaler Autorität absolut 
nichts dadurch verloren, wenn er der Stv.-V. nicht mehr präsidirt. 

Was zunächst die Zusammenbeiuiuiig der Stv.-V. und die 
Keslsleltuug ihrer Tugcsurdnitug belrillt, so haben StH. und Stadt- 
ami ein legales Interesse nur daran, dass ihre Antrags und Vor- 
lagen xa dem ihnen geeignet eisclicineiuieii Zeitpunkte zur Ver- 
handlung in der Stv.-V. gelangen'". Wann und ob die aus der 
Mille der Versammlung seihst heiviitgeheiuleii Anträge beralhen 
werden, das gehört mit Recht lediglich der EntschliessUlig der 



■inidit die UesLiinuilhi-ii ili-r Nuten <;rjrcii 'Iwi S.lilm. dm Hrn. Vorl. 

" N'ai'Ii der lleinlinj- iL« Hrn. Verf., li1.it Iii rill ljin-]i dem (ie.iela Unit 
Ii i Tliiiljiii-lieiL. Vl-I. illiriüi-]i- liirnuit Jmsi .SiIiIli-m-.iIi ilir AliluiniUung! 

: " Zur Nutli wiml.ni sie dun zum erl"iil.alirlit!ii Tnjrr rrlaiigni kmim-ii. 
,lWr Über ilh: Will ividili^ «rrden km) Hernie I i f iln t-ütl >1 f;« ■ der VvrliiiiKlImic.iL 
limlrii »it in In - 1 i li n il i in nuil k.jiiiitcii itinliuvli cl -.■l,inlii,-t «inlin. 



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St.-O. bezogen. 

Deu Einwand, dass das StH. niclit nur eine Stimme wie 
jeder nnilere haben dürfe, ila er dcch ilie Verantwn Illing trage, 
ilim somit das Recht bei Stimmengleichheit der ülv. den .Ausschlag 
zu gellen nicht entzugen werden diivie. kann ich. wie schon oben be- 
merkt wurde, eben so wenig wie alle anderen Einwände gelten bissen. 

Abgesehen davon, dass die Frage von durchaus untergeord- 
neter Bedeutung ist, da doch wol kein StH. sein Regiment auf 
Beschlüsse. welche zu Klamle kamen, indem er bei iSliniiin'iijjIi'ii'ljlu'it. 
den Ausschlug gab, wird stutzen wollen, liegt auch das Kcluver- 
ge wicht des Kinflnsses des StH. ganss wo anders als in seiner 
HHiiituiibg;tbe in der Stv.-V., wo er freilich so gut nur eine Stimme 
hat, wie der Reichskanzler Im Reichstage, felis er Mitglied des 
seihen ist»! 

Der allerdings wiiiischeiisiverlhe Rinlluss des StH, soll seinen 
Ursprung und Grund darin haben, dass er an der Spitze der Exe- 
cutive steht! Ist er ein guter Verwalter, so liegt seine Slilrke 
darin, dass die Stv.-V. ihn stets, so weit irgend möglich, wird er- 
halten wollen». Wenn er erklärt, dass eiue Instruction, dass ge- 
wisse VerivaltüngsgriiiidsiiUe. die man ihm zur Richtschnur geben 
will, seiner Ansicht nach schädlich, unrichtig seien, so wird diese 
-l im' Meinung stets viele Stimmen iiiitiviegi'n. d:i zahlreich« Kt;nlt- 
verordnete schon deshalb, weil die derzeitig« Verwaltung ihnen 
Vertrauen einflosst, nicht wünschen werden , dass das StH, die 
Verwaltung aufgehe, und deshalb iiir ihn stimmen werduu. Auch 



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■n Itidinnijji'u Iii» zweckmässig ist, i 
ir Stv.-V. niclit zu lassen. 
! grossere Stärkung der Executive, 
ulerem Wege, als indem Sie der Stv. 
ikeit verkümmern, sich durch Gewinn! 
mithin Freiheit und Unabhängigkeit 



Unsere Am al> iiir -{k- Wahlperiode der Stv.-V. gewählt werden, 
denn einerseits ist es nicht zulässig, dass eine Stv.-V. ihrer Nach- 
folgerin den Präsiden ten odriivirl, andererseits ist (Iiis Esneriment 
zu gHalu-lidi iiir die Selbständigkeit der Stv.-V., solange dieselbe 
nicht einmal so viel freie Bewegung hat. dass sie in der Znsanmk-n- 



das der Verlängerung der Amtsdanev 
entgegenstand, bin weggeräumt sein". 



ilrt l>il!tim-ljLH NtmllViTliL.-sHiit r iii'iuwiLrfi- fi-iveai 



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Nochmals -zur Revision dar StHrtleonlnung. 7!) 



Dagegen könnte icli es nur bedauern, wenn bei uns nach 
dem hierin nicht nachzuahmenden Vorgang der [ireuasi sehen St.-O. 
dem Magistrat eine noch wnvilertj: Mriglidikcit. die tfnt.sri^iiimi!,' 
der Regierung herbeizuführen, gegeben würde. 

Der Kreis der Beschlüsse, deren Ausführung von der Geneh- 



aneh jttü< yiulfnfli eniv,fuiii|eii. Sie wäre nlx-r. ivciiti vir sl.ilnirt würde, wniiir 
uns nneli die i!iir.!i-stL- CJriTLintii- fehlt, in. K. in theuer erkauft um den nun 
Hrn. Vort vorgeschlagenen ['reis. — 

Dt das t'lniil.iyiT ulicn giseiilD-i.cii. wären mich die Xntm nute» in Ende. 
Mi gentatte mir mir noch den Hinweis diirauf, dasa ich fflH meiner bestrittenen 

gewonnen baue. Ich hahe sie zuersl vor üö Jahren .111- il,-r lletraehtmig des 
eominnunlen Wesens in Preunsen 111 sdi.i|il'cn liegonnen . ich Sind die Schirms, 
folgerungeu, die ich niiH den mir jugendlichem luterc.-ie vcrtl.L-tcn ersten Wahr 
uelininiiL'eii Oli.ntlklien [.cliei:- mir g.zi'L'Ul. iliiiifiin vo:i MiDin.-rn, ilic dir Hin- 
«iuiu dann gesetzt. Ii.müttigl, wii-.-nseliiiftlkli b.-^r-iinl. [, zur Norm lind III III 
Beleg der eigenen niigeiialiiiiigfiuiu-- u'hii udit. Wie in Iliga ISfiS >«u der 

-'.llliii-.'ljiM I?rLi-.i! n r ' , l'. , "ltlllMH"ii.|| . .Ii.' Sil. 1 '!' Hll^. , " )l'. , .| l'H'i. k)lT( pHU' ^-" dl'H 

iKctid. Entwurfs zur Itcorgnukiuuii it. r i\ aunulvi n,i.-i iii^ Kig.ts,.. wo es in 

der Beilage B. an den Motiven n. a. hoisst; «Nach deutschem Stadtrccht wird 
der Magistrat initiier ilil der Sj.il/... der j|;L.liis^]i.-n V-rwnltiiiiL- ^-tc-liL- jul ninl als 
Obrigkeit nicht bim den einzelnen Hiirgera, somleni auch dar BOrgenclwfta- 
n|itin,(.n!:irii.li gegenüber gednchl Ks versteht sich hiernüili von selbsl, du™ 
ihm M.iüri-trnt mich dk W 3 cl.lk.--e:iiif T Ilm 1 i-^.. i 1 nii-li! ■■utingni sein kann, und 
in der Tlml kennt" dk i^-. iitlit). ikiit.iclicn .•>:.'.i/v,t1',iviii:u".-ii keinen Magiiitnir 
mit rein eiecntirem Charakter. Da GemalndOTertrctung sind in Deutschland 
die Magistrate nicht suhordiuirt, sondern sie nehmen zu dcr-cllieu nls Irrigkeit 
eine iiberge.irdnele innl Iiis Hciueiudr-nrgaue in liffihlif-sniikr Hilifkht rille 
euoriliiiirt.; Stellung i-Lri. Düker haben -k in llezn:.; iiai' diu 1 iriin-iiiikiilii.-lfniiii' 
heilen in dem Willen der Llenieinde eine Schranke, insofern nie nur in lieber- 
einetimmnng mit den Uomeindcvertreteni beach Ii essen und handeln Brillen, näh 
rend, wus die Haudhabims der ^•.lUlicliin iirdiiune. betrifft, ihre Autorität die 
allein e Hisel leidende ist. Die meisten deutscht!; I .isflZLieliiiiigen halten no Sehr 
an dein Verhältnis di r ( lleiihlieiechtijtiin,! ih r lieiileu ünilli-elicli Organe in Rr- 
mg nnf die besehli.— emlc 'i'ha'iigkeii fi-i. ,lj., -i. zum /inst.uiilckiiinmeii eines 
Gemcinticbescbltlasci durchaus IVlicreinsliniiiiun,; fordern und im hall eine wiche 
nicht ig erzielen ist, die Eni-cheiilun;; .1er Regierung zuweisen. Nach der 
prenss. 9t. O. y. IMSo bedarf, wo ein Mn^stratecollogiutn besieht, jeder licschluEia 
der Stv. V., wenn *r ansfiihrlnir werileü i'>ll. ilee /lunmiiiuiLg ilc Magirtrats.tf.- 
Ks folgt nun der Inhalt des angeführten gas. — Wie sehr die |ireussisclie Go 
setigehnng im Sinne der St. O. v. 18.'.» naih dieser Richlind weitergnirlieilrl 
llat oder Blich srhun gleiehzeitii; Wtlisaeli war. dii in grüiscri-iti üiuiniige he- 
s,- Ii Hessen de riulii»-lenz des ll.igii.mtii, wo sie sich erhalten hatte, zu wahren, 
lehrt § S I'kt. I des Uesetics betr. die Verfassung der Städte in N'enronioiunieru 
and Rügen V. 31. fllai 1853 und das ticselz für die Städie und Klecken Seliles 
n-ig-Hol stein» f. H.April 1869, SBO-S«. 



80 



N'othmals -zav Revision iler Si.iUlieurdnungi. 



liiiiruiii." tlt'i- 1 i i - 1; i t - 1 1 1 s i jjt :ililiiLiif,'if? jivinadii wurden ist, erscheint mir 
bereite weit genug». 

Di« Zwirkiii!iüsisk'-ii«fr«s«ii innerhalb den übrigbleibenden 
freien Competenzgebiets werden besser innerhalb des Selhst- 
verwaltungsküriiers entschieden, imd /.war scllislverstitndlieh vrai 
der Gemeinde Vertretung und iiielit von der Executive , weil 
nicht die Commune au den Willen ihrer Be- 
amten, sondern diese it n den Wille n d er Cn m - 
m u n e gebunden sein sollen. 

Genehmigen Sie, geehrter Herr fiedacteur, den Ausdruck der 
viillkiuniuelum EryclK'iihüil , mil. welcher iirh zeichne 

der OberlinixerichtsjidviK'at .1 n 1 i u s S r h i e m a u n. 

Mlta n , t. December 1884. 





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Ein Schulgesangbuch. 




s auf jedem anderen, 
neues Büchlein von vorn- 



Lieder. — den Vorang verdient, soll ans der folgenden Besprechung 
hervorgehen. 

Im i Vorwort» 1ml der Herausgeber. Hm' Ok'rW.ver l'Vyer- 
abend in Mitau, hervorgehoben, das; das .Schulge-saiigbucu» aus 
dem .Evang.-Iutüer. Gesangbud» ein Auszug sei. 

. U ebenlies sei demselbeo der kleine Katechismus Luthers an- 
gehängt. 

Endlich wird eine Ausgabe mir. Siiigu.tten in Aussielil f^sU-IIL , 
dieselbe ist dumruiu-li kurz .lunuil' erschienen und in Verbindung 



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v.-rs^iiviU-iH.'ii — Büchlein 



blosse Text des Kubismus hinter Hern Gesangbuch dann ent- 
behrlich; der lii'li.Lfiniislülivi;! lassl also lieber gleich von Anfjing 
an die. Bpruehaosgabe ein für alle Mal anschaffet) ; das Schul- 



fitr den Spieler können die Singnot 
mit dein gebräuchlichen Clioralbuch 
nur beim Gesang Unterricht zur E 



sorgt u 

Ueberdies glai 



zu leicht irre machen. Das Gehör liilirt. sicherlich 
Kitih'-itlirliki'k d>:> Geringes als das Gesicht; sind 
iemlich viele unmusikalische Kinder unter der Menge, 
oten ohnehin wenig geholfen ist. Zur Fertigkeit wird 
erst, wenn er von Nuten unabhängig ist. Wohl aber 
i gutes rhythmisches Choral undi in jeder Schule ge- 



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Ein Schulgesangbuch. 



alle Lieder des «Sctmlgesangbuchs. streng nach dem vorgeschrie- 
benen Rhythmus der beigegebenen Melodien zu singen; auch kom- 
men Druckfehler vor, wie im Liede Nr. 173, Notenzeile 3, Note 1., 
Nr. 280, Zeile I, Note 8. Indessen gestehe ich gern zu, dass der 
Einwand gegen die Beigabe von Sinj:iu>!i;ii unwesentlich ist und 
dass ganz gut neben dem biLli^eren Text buche nucli eine Ausgabe 
mit Singnoten bestehen kann, wenn sie Liebhaber foulet. 

Als. einen besonderen Vorzug Jus -.Schiilgesauijbuchs > hebe 
ich hervor, dass den V erfasse mamen kurze Notizen 
beigefügt sind, welche über die Entstehung der Lieder 
oder d i e A b s L c h t ihrer Form Auskunft geben. Nur finde 
ich, dass sie ein wenig vollständiger hatten sein können. Zu 
Paul Flemmiugs bekanntem Reiseliede halte die licULerkiini; gei'UL'l 
werden können, dass es nach Laiipeuberg kurz vor Hei Urnings 
Aufenthalt in Riga, (14. Nov. bis Ii. Dee. 1G33) gedichtet ist 



eiden Liedern von Philipp Xkuhii ; beide enthalten ein 
on auf seinen Landesherrn. .Wachet auf, ruft u. d. St.. 
vävts zu Anfangsbuchstaben Sfraf] Z[u] W[aldeck] und 
iSn leuchtet der Morgenstern, stellt mit den Anfangs. 
n seiner Strophen die Worte: W|ilhelm] E(rust) Qfraf] 
V[nd] Herr Z[a] W(aldeck) dar. Allerdings darf die ursprüngliche 
Form dann nicht verändert weiden; es ist ohnehin nicht abzuseilen, 
weshalb mau das «Ei> der zweiten Strophe in das nicht einmal 
recht passende .0. abgeändert hat; für die erste Zeile der vor- 
letzten Strophe wird sich gewiss, wenn man einmal abändern will, 
ein mit Z anfangendes Wort" finden lassen. Die Strophe auszu- 

ist, sehe ms) keinen zwingenden Grand. 

Das alphabetische Verzeichnis der Siugnoten- 
ausgabe ist übrigens vorsichtiger als dasjenige des tHchulge-an:;- 
buchs> ohne Noten. Den Liedern i Auf meinen lieben Gott>, »Aus 
meines Herzens Grunde», 'Christus der ist mein Leben >, «Was 
«kau. Gott Will, sind mit Recht die Namen von Verfassern ent- 
zogen, welche sich doch nicht erweisen lassen. Auch die von dem 
Liede «Verzage nicht, du Häuflein klein, gelange Tradition könnte 
vielleicht zweifelhaft werden, wenn dasselbe schon vor Ui22 abge- 
fasst wäre, wie ich mich erinnere Irgend wo nachgewiesen gefunden 
zu haben. Endlich ist Luise Henriette von Hrandenburg wol eine 



I t i S.-hularsimglineh. 



Liebhaberin, aber schwerlich uL i u Verfasserin vmi f Jesus meine 
Zuversicht» gewesen, 

Ueberhattnt Iii**! sieh das Verlassrivei/eiHmis vielb'irhl chvas 
ökonomischer, ii. Ii. bei aller Raumersparnis tMi vollständiger ein- 
ricliten. Auf jeden Kall besieht aber in diesen Nachweisen ein 
Vorzug von Feyerubeud (F.) vor Oellingen (0.; und Raumer (R.), 

Die Ausgabe mit Hingiiot.'ii miterseheidc! sich ausser den an- 
gedeuteten Verbesserungen auch dadurch von der Testauagabe von 
F., dnss in einem kurzen \"oi-ln?j-ii-lil die bekannten yoropit'/ischeu 
Spi'ach'eigenthümlichkeiteu gekennzeichnet und erklärt 
worden sind; diese Bemerkungen sind gewiss sehr dankctiswertli, 
da sie erforderlich sind, die Kinder an uns abbanden gekommene 
Betynungs;;esetze zu erinnern. Nur Hilf diese Weise -kann dem 
ferneren Makeln an der scheinbaren Unfertigkeit der Lieder des 
10. Jahrhunderts vorgehengt worden. Wenn es den Griechen mag. 
lieb gewesen ist, Jahrtausende laus Hemers Sprach weise zu ver- 
stehen und zu ehren, welche flach unendlich weiter abwich von der 
jedesmaligen späteren Ansdrucksweise, als die Lieder Ton Luther 
und Speratns von der nnsrigeu, warum soll es uns Lei gering- 
fügigen Aluveic^uiiecn tüu-U wenigen . J:ih r3> ■: tiiU-i'1 iüi nicht gelingen V 
Allerdings ist die stets vollklingende griechische Sprache nie so 
klaglieb niccllirl werden wie die dein sehe ; aber diese Abschleifung 
hatte schon vor Luther begonnen. Der Lehrer mitss natürlich die 
Hhnvüidigkeit dieser Kennen lieivurhehi-n uml vei>iehern, dass sie 
in der Metrik der filteren deutschen Spcache bei-ründet und mit 
den ursprünglichen Melodien eng verwachsen gewesen sind. Er- 
klären hlssl sieh dies VerbilHnis freilieb erst in den oberslen Klassen 

unserer .mittleren Lehranstalten >. 

Was nun die Hauptsache, die Auswahl der Lieder, 
betrifft, so kann ich mich mit derselben nicht ganz einverstanden 
erklären.- 

Aus den fi23 Liedern des ■Evane>1üih. Gesangbuchs! waren 
lüO auszuwählen. In Betreff dieser Summe sind wol alle Urtlieils- 
fahige einig; sie reicht für das Bedürfnis der Schule vollkommen 
aus, und man bat in dieser Zahl sicherlich nur die besten -unff 
nolh wendigsten Lieder beisammen. Daher ist R. fllr unsere Be- 
dürfnisse zu umfänglich. 

Vergleichen wir nun aber den Bestand von F. mit dem von 
O. und R., so stellt sieb die überraschende^' Thatsache heraus, dass 
F. nur S8 Lieder mit 0. und H. zugleich gemeinsam hat. Je 



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Ei» Schulge-anjjbnrh. 



sr, 



12 N'ummern sind ferner in 0. oder R. enthalten; folglich hat fc\ 
-i^ Nummern filr sich allein. 

Ich gcsteln', (iii?s nili' di^so S.di-tai'.di^kcit bedenklich erschien, 
-da ich die Vortreffliehkeit von H. und besondere von O. vollkommen 
zu kennen glaubte. Hui -iiv.'Kili i^r f'nilimg Im! sich mir aber 
herausgestellt, dass von diesen 38 Liedern allerdings 10 sehr 
wii:iii'lit*iiswir:-t]i sind. Zinn Ri-is]jLi:l Juli. Sdiell'lers: .Ich will dich 

lieben n* St.., Gellerts .Dies ist der Tag, den Gott gemacht, 
(meiner Ansicht nach das vollendetste Weihnachtslied). Ich habe 
diese zehn Lieder in die unten folgende Liste aufgenommen als 
Nr. 21, 55, Gl, 10G, 112, 116, 125, 129, ISO, 162. 

Die übrigen 2* Lieder aber mögen wol in dem grösseren 
Kircheiigftiang'buche mit mehr oder weniger Berechtigung ihren 
Platz behaupten, in ein Schul gesangbuch geboren sie nicht, so 
lauge nicht weit berechtigtere ihren Platz darin gefunden haben. 

Es würde viel -zu weit foliren, wenn ich diese Gfsdiunicks- 
frage an allen jenen Liedern erörtern wollte. Ich führe als Bei- 
spiel das- 'Fersteegensche .Gott ist gegenwärtig» an. Dieses wird 
in der Sehlde sdr.verlidi gesunken oder gelernt werden; denn ab- 
gesehen von der [jckiia^elten Strordientiiim und der wenig bekannten 
Melodie ist die snbjecüve Allgemeinheit der Gedanken und die 
zefussentliehe Weitläufigkeit der Form eine Selnvadie Tersteegeus 
wie P. Gerhardts) recht beträchtlich entfernt von dem kernigen 
[,:i|>i(lar^[il der meisten älteren oder der kunstfertigen Ebenmassig- 
keit vieler neuerer geisl liehrr Lieder. Au* ähnlidien Gründen würde 
icli mich nie entschliessen, ein Lied ron Betulloa oder auch nur von 
Benj. Sclimolck, in ein Schnlgesangbucli aufzunehmen. Anch findet 
sich keines der von F. daher entnommenen Lieder bei 0. uud R. 

Ich wil! 'l>'n beanstandeten I.ieleni keineswegs i:iren relativen 
Werth ahÄuiteji ; so lauge aber noch Vorrath von uunm^üuglich 
nothwendigeu oder' "sonst bewährten und lieb gewordenen Liedern 
vorhanden ist, inigen jene unvidlk'Uiimeneren oder unbekannteren 
dem Kirchen geh rmeh überlassen bleiben. 
* UnB bei F. fohlen gar viele Lieder, welche man ungern ant- 
Trhrt^ja welche unter allen Umständen nollnvendig sind. Alle 
diese Hftler künnen^aus 0. und K. oder ims einem von heideu 
beibehalten werden. Hier nur. einige Beispiele: .Ach Gott vom 
Himmel sieb dareiuf», ".Es ist gewissllch an der Zeit., .Ich habe 
nun den'Grnnd gefunden., .Wer Gott vertraut.. 

Wenn sieh nun gleich Uber den Gesdiun'.i;k freilich seilen mit 



8« Ein Schulgosangbuch. 



Erfolg 1 rechten lasst, 


so dürfte doch die Beartheilung eines 


Ut'lli'lltS- 


Punktes gestattet sej 


n, der bei der Zusammenstellung de. 




gesangbnchs> gerade 


Ab «T i '| Sl,en T ° 0 'on 1 R™ tlH 1 weise 


i .-m i 








lilsst. Es fehlet 


i in F. alle Abend lieder. 1 


Venn der 


Schüler allerdings In 


der Schule nicht schlafen geht, so 




doch auch nicht in ( 


terselben ; es müssten also alle auf d 


iesen- UH- 


ausbleiblichen Aussei 


ii^ bezunliclieu Lieder fehlen ; ja i 


ille Fest- 


lieder, welche ja in 


der Schule eben so wenig unmitte) 


bar ver- 




n überflüssig. Die Lieder eines Sei) 


nljji'sanpr- 


bestimmt; sie müsse 
der näheren wie der 


ferneren Zukunft beziehen; wozu h 


Mte aber 



ein Schüler re^ehiias-i^i-ie ( Mugi'iilidt . als /um t di^li r-hett Gebrauche 
eines Abendliedea ? Auch hier lehrt die Schule fürs Leben. Und 
was giebt man einem Schüler Schöneres zu tagtaglichein Uebrauch 
mit als unsere vortrefflichen Abendlieder.? 

Von den drei vorhin denen HHml Gesangbüchern hat in 'Bezug 
auf die Auswahl nach meinem Dafürhalten Ü. bei weitem den Vorzug 
vor F. und R. 

Auch befand sich 0. langst im Einklänge mit dem hier ge- 



Dooh ist es immer KiierkenneiisweiUi,. dass F. sich au das verbrei- 
tere and neuere Gesangbuch angeschlossen hat. Nur hätte er 
sich nun auch in d e r T e x t f o r in der Wiiin» Ans.raWn gleich- 
bleiben sollen. Der Grundsatz der (Je berein Stimmung mit 
dem Kirchengesaugbuch ist aber in der Ausgabe mit Siugnoten 
schon wieder aufgegeben. Und es scheint denn doelft ein Uebel- 
stand, wenn die beiden Ausgaben ein und desselben, «fchulbnchs, 
welche neben einander in Gebrauch kommen sollen, nicht bis auf 
den Buchstaben gl eic hl aalen. 

Eine ßeurtheilung der Tex t b e b a n <1 1-it irg__ würde mich 
zu weit führen; ich beschranke mich ilavaul anzuerkennen, dass s, 
Aendernngeu nicht häufig und sehr vorsichtig getroffen sind. 
dieselben, wie es scheint, nicht auf eigene Hand vorgMWimiina, 
sondern entlehnt sind ; bin indessen der Jleinung, dass mau anch 
von diesen aus ästhetischen Gründen geüudesfcen Stellen manche 
allmählich in der ursprünglichen Form wird belassen kbTm*n. Ea 
trifft hier dasselbe zu, was ich schon oben in Betreff sprachlicher 



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Ein Schutgesanglmel]. 87 

Harten gesagt bubo: man mnss dem grossen Publicum etwas mehr 
Hespect vor unserer iiileren hiditung zuinuthen. 

Um nun dem Vorwurfe zu lii^r ^ui n. als (c ich die Aus- 
wahl vo» I'\ zwar theilweise gemisbilligt, aher dadurch nichts 
gebessert, will ich einen vollständigen Plan zu einem Schul- 
geaaugbuch vorlegen, wie er mir vorschwebt. Es soll dieser 
Plair die Vorzüge von O., F. und it. vereinigen, aus denen es bis 
auf drei ^Nummern vollständig ausgelesen ist. Die drei aufgenom- 
menen'Lieder sind : 
j^H&. »Bis hierher hat midi Gott gebracht«, 

32- -Lasst mich geh»», „ 

9fi. tNun sich, der Tag geujidel hat>. 

ÜtA%3 ist .für Schute wecke unentbehrlich: Nr. 12 ist zwar 
nur eine moderne Paraphrase des herrlichen .Jerusalem, du hothgeb. 
St.», aber eine sehr schone, mit einer, eben so schonen Melodie; 
Nr. illi endlich wird in gekürzter l''<ii m durch die dann mehr hervor- 
tretende Herzlichkeit, [rercchiferligt sein. Udingens überschreite 
ich mit den beiden letzten [Jedem die festgesetzte Zahl von In» 
Xuinnieru und sie können daher beim Vergleich mit F. und 0. 
nicht in Betracht kommen, nach im Nothfalle wegbleiben. 

Die Jjn^t. seiende Liste ist' in folgender Weise ausgewählt. 
1 " ti den 152 Liedern derselben: 



ä von ORF 



T von — ] 



10 v 



i.-is T.cbni -i ■ 



■2'). Die Siithi in kurmivn. 
21. Diea Ist der Tig, uen Ii. g.|-j-|F 



imdaela nwi der[o|k,P 



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48. StrtZOBne mir 

49. Herr, wie ilg w 

50. II lieh lieb hi 



nls Ii 5-, 'i'ii'i-'i'.' 'l,'", 1 IS-i (i ü k 

lui. ii !|r.i|i,r,. On.i J.ilri^ .-il ^ ji . 



7K. M;,,lr;ii „ 
7!'. Mi-liiili .1, 
Kl. Mihi .l.-i 



itä dir Ktlaii [0 R F 
r ün Ilimmelr. O K - 

ein, rln H- kl. - 1 - P 



VJ. Nim j.rviwt alh< ö. B, O 
94. N'un rnliMi Ulli- WiililiT 0 
»3. Nun i-icli Jrr Tm B g.fiiikt 0 
Stii. Nun sidi il. Tai; fTfdi.L'i li.it • 
97. 0 rliss^kh 'iaiiwinl Kiihljh n V 



1*7: Wir . 

Du-* .tu .Vinn Ti"! tr*t. 
MS. Wir II. Hi ll, n -in.l.ia. 
. Wir niii'-fii dir, I _, 

l.i'l Ki-IüjIi tili il 1111-11 



149. Wir j-inwn dir, I 

150. Ki'UuJi. im kii mt 
tili. Z.iuli „;■ ,.:„:i, ,]■ 



Petersburg und Gadebuscb, 

E r i n acrnngon e i h c » V e r » t o i b en o 




griffen, so tauchten ilot-li bald Gerüchle über solche nach ver- 
schiedenen Ricinus:» hin rmf und bewegten lebhaft die Gesetl- 
schiift. Äiit'lihdliuny: der Leibe igensclmfl. Abschaltung des berüchtigten 
Sysicms der BrniüitwisiiisiKL'-lit, des Otknn, waren in aller Munde. 
Es »ergingen jefloch Jahre, bevor diese ein greilenden, auf die Be- 
schicke Russlands so besihumeiiden Gesetze wirklich ins Leben 
traten. Ich erwähne ihrer hier, weil sie doch mich bei den Personal- 
en le nun ugen schon einen gewissen Einilnss gehabt haben mögen 



Kanzlers tfeselrode und seine RrsrUun;," iils Ministers des Aus- 
wärtigen durch den Fürsten tJortseliakoHr. — Es ist mir ein be- 
sonderes Vergnügen. die Persönlichkeit der Genannten zu eliarak- 
terisiren und gewisserinasscn eine Parallele zwischen diesen beiden 
in jeder Beziehung verschiedenen Männern zu ziehen. 

Nesselrodo legte sein Amt nieder, nachdem der Friede ge- 
schlossen, der zum ersten Mal in den Annalen des modernen Ituss- 
land einen Verlust uu dessen Ländei-bcsitz bulle vevze leimen 



Petersburg iiml Gadebusch. 



lassen, ein »teile, der in sich die Keime neuer Verwickelungen 
enthielt. Nesselrod« aber hatte diesen Frieden nicht selbst negn- 
ciirt, und er hatte alles dafür getUiui, um diesen unheilvollen Krieg 
ah/uwendeti. Seine Rathschlilere waren nicht berücksichtigt ; ilm 
konnte nur der Tadel tretfen, dass er in seinem Widerstände nicht 
bis zur Bitte um Entlassung gegangen war. Ob ein solcher Tadel 
ihm gemacht werden dar!, scheint mir sehr zweifelhaft. Seine 
Stellung war nicht, die eines dinstil ntioucllen oder verantwortlichen 
Ministers; er hatte im GegHii.li eil wahrend der langen Reihe von 
Jahren, wahrend derer er das auswärtige Ann verwaltet hatte, 

sondern den Gefühlen, milchte ich sagen, der beiden Herrscher, 

denen er gedient, Rechnung trage rissen. Kr hatte dabei, so viel 

sich sehen lässt, seine conservativen. friedlichen Uebrrsti'iigimjjeii 
gewahrt und vielfach Kur Geltung gebracht. Kr hat namentlich 
stets in der "rieul.alischen Puhl ik den Gelüsten der Herrscher und 
der orthodoxen, sowie der sich allmählich entwickelnden da vi sehen 
Partei Widerstand geleistet; er hat. immer wieder nicht nur ge- 
wartet, sondern auch in uiniättligeu Fallen Intvigilcii abgewehrt. 
Gewaltniassrcgdn gegen die türkischen uml liersischen Nachbarn 
hiulertiicbeu. die Gelüste einer griissmliircn ceut ralasintischen F.r- 
'i:iei , ii!i.L.-s;ii.inik tiiL Za.uii gemalte:). Alle diese wesentlichen Dienste 
hatte er aber nur leisten können, inilein er uulet dem .Schatten der 
überall fing reifenden Kaiser sein stilles, hemmendes, ordnendes, 

Staatsarchive, wenn sie auch schrankenlos geöffnet werden, können 
volle Einsicht in diese Verhältnisse geben und sein Verdienst in 
volles stellen; da scheint es vnn Interesse, dü* Zii^e lest, 

zuhalten, die den Mann zu dieser Rolle befähigten, und auch die 
Stellung /.u kennzeichnen, die er in diesem langen Zeitraum aai 
Hole und in der Gesellschaft eingenommen hat. 

Einer ultadeligen, westl'iili-c.licu Familie entstammend, war 
Graf Kessel roile, der Vater des uns jetzt beschäftigenden Staats- 
mannes, in russische Dienste geticten. Die Mutter von Xosseli iide 
war eine Frankfurteriii , Tochter eines der dortigen Patrieier- 
geschlechter. Bald nach seiner Verheiratung war U rat Nesselrude 
zum Gesandten in Lissabon ernannt. Ihm war die Vergünstigung 
geworden, ein englisches Kriegsschiff benutzen 31« dürfen, Hin sich 
auf seinen entfernten Posten zu begeben. Vor der Ausschiffung 
auf der Rhede von Lissabon erblickte der zukünftige russische 



Di j 1 :e J C: 



Petersburg und Gadebusch. 91 

Kanzler an Bord einer englischen Fregatte das Liclit der Welt. 
Wie er selbst zu erzählen pflegte, hatte er dadurch alle Rechte 
eines geborenen Engländers zu beanspruchen. Es war , als 
ob damit dem Grnt'cn Nesselrode eine eigentbdinlich vielseitige, 
krtsnifiiinlitisclii! lim) wirh jjcsi-1 1 ^i;liaftlicli yermittelnde Stellung an- 
gewiesen wäre. Mit jungen Jahren Oberst in der Garde zu Pferde 
und Adjutant rtus Kaisers Faul, hatte er um die Erlaubnis gebeten, 
sieh in das Hauptquartier des Feldmarschalls Suworow nach Ita- 
lien zu begeben. Der Kaiser hatte diu Bewilligung datfu ertheiit. 
In Kiew aber erreichte den Bebenden Bin Feldjäger mit. ilem Aiii- 
trag, sofort uaeh Peli'i-sliirjj zurückzukehren 1 . Bei der tiUuitsteu 
Parade, der Graf Kesselrode beiwohnt«, fand nun der Kaiser, dasa 
Nesselrode sclilechi zu Pferde süsse, schlecht reiw, zu klein zum 
Militärdienste sei, strich ihn aus der Liste der Adjutanten und 
liess ihn als Staatsrat!! in das Collcgium der auswärtigen Ange- 
legenheiten einschreiben. 

So kam Graf Nes.selrode in den diplomatischen Dienst. Er 
lenkte bald die Aufmerksamkeit auf sich und erhielt in Paris die 
nicht leichte Stellung eines Botschaftsrats, als Kürst Kurakin 
dort Botschafter wurde. Einer der Bevollmächtigten Russlands 
auf dem Wiener Congreas, wird er gleich darauf ins Cablnet be- 
rufen, in welchem er die Geschäfte mit Czartoryskj und Uapodi- 
strias theilte. Nach Rücktritt des letzteren wurde er der alleinige 
Staatssccretär für die auswärtigen Aiif^lt^ciilieiten und Vicekanzier. 
Eist zu Ende der vierziger Jahre erhielt er den Titel eines Kauz- 
lers. Er hatte die einzige Tochter des Finanzmimsters Grafen 
Gurjew, eine in jeder Weise ausgezeichnete Frau, geheiratet ; und 
bald war der Salon der GräÜn Nesselrode der Sammelplatz aller 
bemerk enswerthen Personen. 

Aus meiner ersten Jugendzeit erinnere ich mich gar wohl 
des grossen Hu fcs. den derselbe geuoss. und der Schwierigkeit, dort 

' Der Kaiser Imttc ulleii t'litafliuljiihuiton die Kriunhnli erikeilt, sich mr 
The i Inali ijic n in Kclilm üe in melden, dum »btr solches keinem von Ihnen gr- J 

«IMttt. Er Wollte in ».;iii,T . ii;'; III Ii iltnl irli.-li [.illllir rlirk nur i rfillirrll, Oll seine 



Beide Herren haben mir die Anekdote erzählt ; Ütnf 
gav hnmoriatiiwher Weise dieses kleinen A 



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Petersburg und Gadebusch. 



Zutritt ku erhalten. Ich habe diu Grälhi Xesseli.ide zu wenig ge- 
sehen und war zu jung, um mir ein deutliches Dikl von ihr machen 
zu können. Ais ich zu Anfang der fünfziger Jahre Petersburg 
wieder mehr besuchte, war die Gralin bereits todt, der Salon ge- 
schlossen, und Graf Nesselrode gab blos Diners und empfing am 
Abend nur einige Personen zur Partie. Ich hin damals Graf 
Nessclrode zwar lumtijr begegnet, lui.be mich aber nur ein paar 
Mal einer Einladung ins auswärtige Amt zu erfreuen gehabt. 
Nach seinem Rücktritt, als er ein aiisuritdislnses. hubsehes Haus 
auf dein Liteiui bezogen und wen ig' 1 c gesellige Wiiiiliehtuiiyeii 
hatte, bin ich recht oft sein Gast gewesen. 

Klein und unansehnlich von Gestalt, mit einem stets freund- 
lichen, aber nichtssagenden Ausdrück im Gesicht , sprach Graf 
Nesselrode wenig, verstand zu boren und misehie sich meist nur 
mit einzeln«! Worten in die Unterhaltung. Nur ausnahmsweise 
und im intimsten Kreise habe ieh ihn hin mul wieder etwas er- 
zähleu hören, zumal wenn seine Tochter, die Gräfin Chrepto witsch, ihn 
dazu veraulassie. Seine Kivalilungen waren aber auch dann farb- 
los, Thatsachen ref'erirend. Hierin, wie in fast jeder Beziehung 
war seil! Nachfolger der i.lireetu Utyensalz villi Nesselrode; ja, ich 
konnte kaum zwei Personen nennen, die in gleicher Lebensstellung 
so verschieden waren, wie die beiden sich folgenden Kauzler des 
rassischen Reichs. Indem ich andere Seiten dieser Verschiedenheit 
spater berühre, möchte ich hier den Ausspruch eines jüngeren 
Diplomaten verzeichnen, den derselbe, bald nuelidem der Kürst 
Gorl.schakow ins Amt getreten, mir gegenüber in seheiv.hafier 
Vemveitiung machte. 'A/iris alle euvßrciicc uvec le comle Nessel- 
rath, • sagte der belgische Gesandte Graf de Jongha d'Arduye, 

reponduit rarewent pltti qne: <vous Croyas," <vraiment,t te'cst tres 

oh ii ™ i'hoimeur d'itre rfru par k ine- Ih'rts.-hukoff (est tont le 
contraire, ii dit dous une demi-heuri taut de ctoses qa'tiiic demi dou- 
zainc de diptehta sufliruit ä peius puur tendre taut ce qu'ä a dit 
OH pour traiter tum partk des quesitmu i/it'it avuit iouchdee. i Das 
Gesagte genügt, um anzudeuten, duss Graf Nessclrode kein amü- 
santer Gesellsehalter war, desto mehr ist aber hervorzuheben, ein 
wie ueuuemer, wohlwollender, liebenswürdiger und gulmütbiger 
Gesellschafter er war, was eben den Ausdruek seines Wesens und 
Charakters darstellte. Er sagte von niemandem etwas Ueldes. 



zwischen dein Kaiser und suiiu'in Kanulm- sicli ln>i diesw Olci^u 
heit zutrug. Zur L'ntei-lnüimis mit tjuvinour untte der Kaiser dei 
Kanzler nicht hinzugezogen, sondern [heilte ihn erst Tags daran 
■Liese ßespreuliiin- mit nclsl der Onlre. den Gm ml tun in Londoi 



9* 



Petersburg und Gadebusch. 



davon in Keim Luis zu setzen. Sir Hamilton Sevmuur halle nun 
seinerseits über die Audienz, die er gehabt hatte, dem Kanzler 
Eröffnungen gemueht. Trotz der grossen Erfahrung und Vorsicht 
Nesselrodes war es dem Engländer doch nicht entgangen, dass 
Nesselrode nicht vollständig alles vom Kaiser Gesagte wusste, er 
hatte nun seinerseits auch hinter dem Berge gehalten und bei Graf 
Nesselrode nur die Vorstellung hinterlassen, dass eben mehr ge- 
sagt worden sei. Als nun der Kaiser im Jahre 18fi3 bei dem 
ersten energischen Widerspruch Englands gegen das Vorgehen 
Russlands in Uonstantinopel bei der ltusihi Aui'ri'^urig, die dieses 
iu England hervorgerufen, dein Kanzler den Auftrag gab, die be- 
zügliche Depesche zu veröffentlichen, unterlegte der Kanzler nie 
dem Kaiser mit der Anfrage, ob sie wot alles enthielte, was der 
Kaiser gesagt habe, zugleich in jedem Kall von einer Veröffent- 
lichung abratliend. Der Kaiser meinte , die Depesche enthalte 
alles und wäre die glänzendste Rechtfertigung; seiner Politik und 
seiner vertrauensvollen und freundlichen Gesinnung zu England. 
Nachdem die Nesselrod esche Depesche veröffentlicht war, folgte 
die Publieatiim der .Si'yiiioursi'heu Berichte, die alle Staatsmänner 
und ganz Europa in die höchste Verwunderung versetzten. 

So immer abwehrend und das vom Kaiser Gesagte in seihen 
Depeschen in diplomatische Formen kleidend, hatte er während 
der ganzen Regierung des Kaisers stets in einer gewissen Unsicher- 
heit geschwebt, ob der Motnin-h in seim-n liiinlijiin] I InU'iTiiilungen mit 
den auswärtigen Diplomaten nicht allerlei gesagi, was stsjen seine, 
des Kanzlers, Mitteilungen verwendet werden könnte. Wie wenig 
der Kaiser gelegentlich auf des Kanzlers Ruth hörte, habe ich 
schon beiden ^iji'iuintcii Ins-rurlioueii für Mcyeudorif vom .1. l^h:; 
erwähnt. Hatte der Kaiser doch auch den Kin marsch der Truppen 
in die Fürstenthümer angeordnet, bevor er Einsicht in das ange- 
zeichnete Memoire genommen, das ilei kanzliT ülici^i-ben und in wel- 
chem er alle Gründe gegen ein solches Yu rieben niedergelegt hatte. 

Ein heisshlütiger, über zeugnngs fester Manu hätte eine solche 
Lage kaum ertragen können. Nesselrode hat seine Pflicht anders 
aufgefasst und ohne Zweifel grosse Dienste damit geleistet. Ge- 
wissenhaft hat er denn auch am Ende seines Lebens die ihm als 
Mitglied des Reichsraths und zumal als Präsidenten der Oommission 
für Eiseiibahtinni;eleyi'ii!].'hi-v. : l ■- .■ ■ r j i /uyciviescnen Geschäfte erfüllt. 
In keiner Weise hat er später in die Sphäre des auswärtigen 
Amtes eingegriffen und ist seinem Nachfolger nie in den Weg ge- 



Petersburg nuil liadebusch. 



06 



treten, war ilim douli jeile Intrigue fremd. Sein Hauswesen war stets 
in musterhaltci Ordnung und wenn auch nlme irgend welche Ver- 
.«e Ii wendung, so doch auch fem von jeder Knauserei. Sein« Diners 
waren berühmt und verdienten jedes Lob. Er starb als wohlhabender, 
wenn auch keineswegs reicher .Mann und l«it seine Gunst beim Kaiser 
nie xu seinem VortUeil benutzt. Die nicht unbedeutenden Besitzun- 
gen in SUdrussland. die clor Kaiser ihm wie anderen Ministem und 
linken Mlaatsheamten verliehen Ural die im Laufe der Jahre zu 
bedeutendem Warthe heran gewachsen waren, bildeten den Haupt- 
besiaod seines Vermögens. Sein administratives Talent, sein rich- 
tiger Blick, womit er die Menschen zu wählen verstand, bewahrten 
sich anch hier, und die Administration dieser Gitter, olwwar er 
nie selbst an Ort und Stelle gewesen, war in musterhaftester Ord- 
nung. Er hat mir seine Jahresabschlüsse, seine Anordnungen für 
die Verwaltung mitgetbeilt, indem er mich mit Hecht oder Unrecht 
für einen nichtigen Administrator und Landwirth hielt und eiu 
unabhängiges Urtheil zu haben wünschte Seine Erben haben seine 
Bahnen verlassen, kostspielige su^eiiamite Verbesserungen einge- 
führt, die im Widerspruch mit den klimatischen Bedingungen jener 
Landstriche waren, und dadurch grosse Verluste erlitten, 

Frauen haben nie. auf ihn einen besonderen Eiufluss geübt, 
wie denn auch sein Leben nach dieser Itichtung lün ein uutadel- 
haftes gewesen ist. Ein trenndliches Bild gewahrt mir die Er- 
innerung an den greisen Staatsmann aus den letzten Jahren seines 
I^ebens. Immer heiter und zufrieden sehe ich ihn, wffi er in 
den Morgenstunden im langen Hausrock, an seinem Schreibtisch 
sitzend oder im Zimmer auf- und abgehend, sich über die Tages- 
ereignisse in Petersburg erzithlcn Hess, hie und da vor eiuem 
Bilde stehen bleibend, bei dem er etwas zu bemerken hatte, und 
wohlwollende Bemerkungen, minial übe)- einige Damen, machend. 
An der Mittagstafel verteilst« er mit prüfendem Blick die herum- 
gehende Schüssel iilii 1 , liebte liin und wiedei' eine gastronomi-cln: 
Bemerkung zu machen oder eine Schüssel M empfehlen. Er machte 
nach Tisch mit' nicht verkennbarem Vergnüget! seine Partei Whist, 
und wenn auch eifrig beim Spiel, so waren am:h hier seine Aeusse- 

rangen immer nur freundlicher Art. 

Wie ganz anders gestaltet sich das Bild seines Nachfolgers, 
der nun schon wahrend des laugen Zeitraumes von nahe an dreissig 
Jahren die auswärtige Politik ftusslaiids geleitet hat. 



Petersburg und GadebuKli, 



Der Fürst Gnrl.schakow, einem der ältesten Zweige des Rui'ik- 
schen Fürstenhauses angehörend ' and von einer deutsche» Mutter, 
Huer geborenen Sacken, ahstainineinl, in Kstland auf dem Gute 
Kiniii gi-buren, f tj i r. seine erste Juvenil in I.ivland hei seiner Tante, 
Fran v. Wevuinrn verlebt und war 1811 in das neu begründete 
Lyceum von Zarskoje-Kelo eingetreten und tu it. Aus.ciclmnng als 



volle, saatcr als Fürstin Lieven so bekannte Fiau. schorenc. Unit™ 
Ik-nr.kendiirlt', hatte sehen damals bedeutenden Eiuihiss auf die Ge- 
schäfte, Wenn auch nicht mehr ganz jung, so war die elegante, 
hübsche uiiil liebenswürdige Fran noch nicht in der politischen 
Dame verschwunden. Sie spielte in der eleganten Welt eine be- 
deutende Helle, und wussten die Zeitgenossen gar manches davon 
zu erzählen. Auch der eiserne Herzog soll ihr zu Füssen gelegen 
haben und sie nicht slrit-liailtijr geblichen sein. Der Intrigue im 
Boudoir ist dann später die Intrigue im Salon gefolgt, 

Fürst Gortscbakow Würde mit Freundlichkeit und Auszeich- 
nung in London, zumal auch im Hause seines Chels, cmpfaiiecu. 
Das gute Verhalf nis (lauerte jedoch nicht gar lauge Zeit, und Frau 
v. Lieven verlangte llaeh ein paar Jahren in dringendster Weise 
Gortschakows Abberufung von London. Einige dreissig Jahre 
sjitltur, als ich von diesen Verhältnissen hürte, wurde der Hergang 
in verschiedener Weise ihngcstelh. Dass die Fürstin Lieven die 
Abberufung verlangt, wurde nicht bezweifelt. Die einen behaup- 
teten aber, dass solches die Folge uiner zur Schau getragenen 
Leidenschaft des jungen Mannes gewesen sei, die der Fürstin im- 



Petersburg und Gadebusch. 



97 



keinen Widerspruch. Er machte ein grosses Haus in Wien, das 
beinahe einer Hofhaltung gleichkam. Ati der Spitze seines Haus- 



bei dieser Katastrophe werden nicht dienstliche Vernachlässigungen 
angegeben, sondern wird die Gräfin A^raxin genannt. So lange 
Tatischtschew in Gunst und Ansehen war, wurde Gortschakow 
nicht weiter verwendet, und erst viele Jahre spater erhielt er den 
Gesaudtschaftsposten am württemberger Hole. Er beiratete die 
verwittwete Gräfin Muss in- Puschkin, eine nicht mehr ganz junge 
Dame. Er ist lange in Stuttgart geblieben und erst, als Mayen- 



die Anekdote ein ; mau erzählte sieh, dass es die Königin Olga 
gewesen, die ihren Binder, Kaiser Alexander, auf den Fürsten 
Gorlschakuw aufmerksiun gemacht habe, und dass der Wunsch, 
einen anderen Gesandten in Stuttgart kh sehen, nicht ohne Eiuiluss 
auf diese Empfehlung gewesen. Jedenfalls ist diese Ernennung 
nicht durch den Kanzler, Grafen Nesselnde, veranlasst worden, 
sondern gesell seinen Wunsch gesdidie.n. Es ist bekannt, eine wie 
bedeutende Rolle Gortschakow in Wien gespielt hat, und wir finden 
ihn als viel bespru che neu russischen Gesandten daselbst, nachdem 
der pariser Frieden geschlossen und eine neue Zeit für die äussere 
und innere Politik liussUmls beginnt. Bei der nun eintretenden 
Wandelung in der Politik und den Personal Veränderungen in der 
Regierung wird Gortschakow zum Vicekaiizler ernannt und zum 
Leiter der auswärtigen Politik berufen. Es ist nicht meine Ab- 
sieht, seine Staatsmann isdie Thätigkeit liier genauer m verfolgen. 
Nur pereönliche Eindrucke und Beobachtungen, sowie einige wenig 
bekannte Anekdoten mögen das Bild vervollständigen, das die 
lebende Generation sich über diesen Staatsmann macht. 

Die Ruhe, die für die auswärtige Politik Russlands eine 
Xolliwendigkeit. geworden war, lialte für den Leiter diesi'r Politik 
den grossen Vorzug, dass er nicht sofort in irgend eine Actioil 
einzutreten brauchte. Die Friedensliebe wurde selbstverständlich 
;irt, und in gesdiickten und glucklidieti .\"teti nml Depeschen 



l'elt'isbinjj lind Uudebusch. 



wurden abgerissene und in Verwirrung geratheue Bezieh u ngen wieder 
angeknüpft und allmählich der Eiiitluss Itnsslauds wieder mehr 
einwickelt. 

Wenn auch hu Anfange es auf keine Action abgesehen war, 
machte sij'li die lebhafte Peu-iinlichkeit des neuen Vicekanxleis iloch 
nach vielen Seiten liin geltend. Uns Streben nach Popularität bei 
der nationalen Partei wurde durch eine ganze Reihe, zum Theil 
KUffitUeuder Ernennungen, gleich zu Anfang gezeichnet ; russische 
Namen sollten in den Vordergrund treten, Gortschukow hat aber 
mit den auffälligsten dieser Ernennungen kein Glück gehabt. Ba- 
labin in Wien und Lobanow in Oonstantinope! haben ihm Schwie- 
rigkeiten und Verwickelungen gebracht. In der inneren Politik 
war er natürlich auch im sogenannten liberalen Lager, jedoch 
Mass haltend und, im Widerspruch zu manchem anderen, in den 
kirchlichen Fragen wirklich liberal. Er wollte neben seinem 
WmiBch nach Popularität doch als ein Freund der baltischen Pro- 
vinzen erscheinen ; das war in den fünfziger Jahren noch zu ver- 
einigen. Oer unglückliche polnische Aufstand des Jahres lHtiii, 
diu Umri'sdiH-klidLkeii timl Ueberhebung von Lord John Russell, 
die lichtige und energische Politik des vor kurzem ans Ruder ge- 
langten Freiherrn von Bismarck-Scbünhausen erlaubten dem russi- 
schen Kanzler dem Gebühren der Westmächte entgegenzutreten, 
und die hierauf bezügliche energische und buchst geschickt abge- 
fasste Depesche hat vielleicht am ineisten zn seinem staatsmanni- 
schen Rufe beigetragen und ihn auch aus der falschen Bahn einer 
entschieden antüSsterreiehischen Politik heraustreten lassen. 

Ich muss hier doch zum Verstandiiis des Charakters des 
Mannes ein Moment seiner allgemeinen Politik besonders hervor- 
heben : sein-'. Himiiiifi'mis x\\ l 1 ' rankreich. Diese Hinneigung hat 

liches Verhalten bei grösseren und kleineren Veranlassungen mass- 
gebend gewesen. Sein steter Wunsch ist eine Allianz oder doch 
eine Verständigung mit Frankreich. Diese allgemeine Tendenz 
war von dem geheimen Wunsche begleitet, einen grossen europäi- 
schen Congress zusammentreten zu sehen und awf diesem persön- 
liche Triumphe zu feiern. Mehrfache Versuche, einen solchen Con- 
gress zu veranlassen, schlugen fehl, und als der so gewünscht« 
Congress endlich zusammentrat, haben die gehonten Tiiumphe ge- 
mangelt. Die Stellung Rnsslands war eine gar ungünstige und der 
russische Kanzler auch nicht mehr im Besitz der vollen Mannes- 



Petersburg und GmlehusHi. 



kralt. Da waren in diesen: AreiipiiL; so giimzmidi' Persönlichkeiten, 
dass der gehofiie Triumph in (Ins Gegentlieil um .schlug. So ist 



halten hat sich bis zum pfrsimlii-bcu /.«nvml'nis mit diesen Herren 
gestaltet, und doch war solches nur scheinbar. Der Grundgedanke 
seines ganzen Strebens ist immer die Annäherung an ilie ihm sym- 
pathische französische Nation gewesen. Bald nach Antritt des 
Amtes hat er in Anlass iler Krönung Napoleon III. und dein zweiten 
Kaiserreiche seine Sympathien zu beweisen gewünscht. Die be- 
zügliche Anekdote mag liier Platz linden. Graf Moruy, der Halb- 
bruder des Kaisers, verlrat h'nmkrcicli bei dieser [.'rossen enropäi- 



war solche« nicht zu machen. Klein, Hills*« Inlriguen geboren 
eben so wol in das Arsenal des Pürsten Gortschakow, wie ver- 
liebt« Intrignen in seinen Lebenslauf Die Vertreter Preussens 
und der anderen deutschen Hole waren Prinzen, die bereits den 
Andreassteru hesassen. Der österreichische Rnlschafter , Flirsi 
Eslerhazy, trug auch schon diesen halten Orden. Die Engiiiuder 
dürfen, wie bekannt, kein« ausländischen (ledeu iiiiiicliincii. Unter 
den übrigen Botschaftern war nur der Fürst de Ligne, der weder 
den Orden besass , noch irgend jemandem nachgestellt werden 
konnte. Gorlschakow mochte nun wol gemeint, haben, dass dem 
Vertreter lies kleinen Belgien eine geringere Beachtung geschenkt 
werden könne als dem Botschafter Frankreichs. I ^begreiflicher- 
weise hat er. der sein ganzes Leben in Berührung mit den Höfen 
und der Aristokratie Europas gewesen, die hohe persönliche Stel- 
lung des Fürsten de l.igne nicht beachtet. Fürst de Ligne, der 
vornehmste und reichste Mann Belgiens, hatte aal den lebhaften 
Wunsch und das Drängen seines geehrten königlichen Herrn nicht 
ohne Widerstreben sich zur Vertretung Belgiens bei der Krönung 
des Kaisers verstanden. Persönliches Wohlwollen des Königs 
Leopuld für unseren Monarchen und Irühere Beziehungen zu Kuss- 
land hatten bei dem König den ■Wunsch erweckt, in möglichst 



Petersburg und Gadebitsoh. 



belgischen Staut. daraus cvwa ehseu. Dass ilim bei dieser patrioti- 
schen Handlung eine Kränkung wider Iah reu sollte, hatte er nicht 
vuraiis sc Ii eii können. Seine Venvundcnini: imil sein L'nmiitli mögen 
also sehr gross gewesen sein, als insu ihm am Vorabend der Krö- 
nung mitthellte, dass ihm der zweithöchste Orden Russlands, der 
Alexander Ncwski, Jim nächsten Morgen übergeben werden solle, 
wobei er auch erfuhr, dass dem Parvenü Morny der Andreas be- 
stimmt sei. Kr war sofort entschlossen, den Orden überhaupt nicht 
anzunehmen, und liess den belgischen Gesandten am russischen Hofe, 
den Grafen de Jonghe, in der Stadt aufsuchen, um ihn mit dieser 
Hittueilung an den Fürsten Gortschakow zu senden. Der Fürst 
de Ligne erklarte, er wünsche iilicrh:iii|il. gar keine Auszeichnung 
irgend welcher Art, beanspruche den Andreas also keineswegs, sei 
aber Inhaber des goldenen Vliesses und könne schon als solche]' 
keinen anderen Orden als den ersten irgend eines Staates empfangen. 
Es war spät Abends geworden, ehe de .liinghe hei Ligne erschien 
und den ihm sehr unangenehmen Auftrag erhielt. Seine Versuche, 
den Fürsten de Ligne zum Aufgeben seines Vorhabens zubewegen, 
hat er wo! kaum mit grosser Uek-i^eiürnni: vurgebrucht, da auch 
er sich gekränkt fühlte. Höchst scherzhaft und nach Jahren nicht 
ohne Erregung erzählte er die Erlebnisse jenes Abends. Nach 
einer lebhaften Unterredung mit dem Fürsten de Ligne, der sogar 
seine alsbaldige Abreise in Aussieht stellte, musste sich de Jonghe 
au Gurtsehakow begeben. Dieser war bereits zu Retie gegangen, 
und nur mit Schwierigkeit konnte de Jonghe den Zutritt erringen. 
Er fand den Kanzler lesend und äusserst verwundert, dass der 
belgische Gesandte ihn um diese Stunde noch absolut, sprechen 
wolle. Als nun de Jonghe ihm den Grund seiner Zudringlichkeit 
mittheilte, sprang er in seinem Bette auf, mit dem Ausruf: >6'es( 
uir eccmdaU, Ic prmee ne ikiiI pas renvoyer uns Atcotatvm gm Sa 
Majcstä lui conftrc!> Auf die Entgegnung, dass der Fürst eben 
diesen Skandal vermeiden wolle und er erseliienen sei, um den 
Fürsten zu bitten, dass von dieser Verleihung Abstand genommen 
werde, wollte Goiischaknw nicht eingehen ; der Fürst de Ligne 
könnte doch nicht ohne ' eine Auszeichnung bleiben, und er habe 
nicht das Recht eine solche abzuweisen &c. De Jonghe erklarte, 
der Fürst sei entschlossen, den Orden zurückzuweisen, wenn man 
ihn ihm schickte, uder auch .Moskau zu verlassen. Gurtsehakow 



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Petersburg und Üadebuseli. 



101 



setzte nun alle Glockensehnüre in Bewegung, um das zur Auf- 
hebung jener Verleihung Kitdiilerlielu- zu veranlassen. Graf Morny 
bekam den Andreasstern, ohne diese Iii in; mit irgend jemand anders 
zu tlieilen. Dem Fürsten üortschnkow war aber doch die Iutrigue 
sebr verbittert worden. 

Morny wurde in Petersburg mit allen mi. jii. lien Aus/eii-h- 
nungen überhäuft. Er benutzte seine Stellung, um Itir ein trauzti. 
si-che.s t'ijiisuiüimi eine grosse f .'uneessiiin '/..i Eisenbahnbauten 
zu erlangen. Aber auch das ist nicht zum Glücke Russlnmls aus- 
geschlagen, dii die sogenannte grusse Gese] Isrliall kaum ein Drittel 
der übernommenen Eisenbahnlinien ausführte. Andere, zumal eug- 
lisidie (lapitnlien wurden in dieseiu für den Ki-e lilinhiilinii günstig- 
steu Moment züruekgedriiugt- Auch liier Haben also die franzu- 
sisL'ln'.n Sympathien Russland kein Glück gebracht. Dennoch be- 
stehen diese immer noch, sowul bei Hein preisen Kanzler, wie auch 
bei gar vielen anderen Personen. 

Gortschakuw nahm in Petersburg eine hervei-ra^ende Rolle 

in der Gesellschaft ein. Für den Salon glänzend ausgestattet, 
gcislreieb, witzig, ein guter Krzäh luv, hat er immer grosses: Ver- 
gnügen an der Conversation. Ich habe ihn nie anders, wie zum 
Plaudern aufgelegt, gefunden mi'l zwar einte Rücksicht daraaf, wer 
seine Gesellschaft und seine Zäherer bildete!!. Alle Erfolge geuoss 
er in Hohem Grade und Überall, wo er plaudern konnte, erschien 
er gern. Wahrend ein paar Winter ist er beinahe täglich hei 
einigen Damen erschienen, bei denen mit Leidenschaft das als 

schickte und witzige Antworten liebte er selbst zu erzählen. Er 

Wenigstens mit. ihm in [«rsiiiilichein Verkehr gewesen'. Neben der 
C'onversat.ioti hatte er aber auch die Leidenschaft der Depesche. 
Er erfreute sieh seiner eigenen Depeschen, und für ihn war es das 

Kriterium der dinlninatisdi'm Befähigung, nicht nur gute, .1 lern 

auch viele IV|tescheii schreiben. Irgend jemand hat ihn gar 
richtig scherzhaft <2« Narcisse de la äipichet genannt. Nichts 
konnte ihn aueh mehr ärgern, als wenn die Zeitungen behaupteten, 
dass Hamburger seine Dcneschen schriebe. <Jamais,i pllegte er 



' loh liaho im ,I.,lnv 1S7H inii -tvii, Kiirsn-n li.Ti^iOial.nv i-t-rki-hrr. 

nnd B prndii jelitt, Mm Di.rircii .lcOWIchcnilrl. Wliäli iirJ. erführe ich, im April 
IHH'l, scisin Eiillu-lüiiiif v Amte, .Ii r liiBLpr -.■I1r.11 rigclilli.-li inlli.-itnlcl iv.ir. 



W2 



Petersburg nurt Gadebuscli. 



dann zu sagen, .i/ na ierit »nr rfq«V*e.» — Seine gesellschaft- 
lichen Triumphe tcicrte Giirtsrlinkniv jedoch nicht daheim. Die 
Fürstin war nach nicht Istiger Eibe mit Hinterlassung von zwei 
Sötinen in Stuttgart gestorben. Kein glänzendes Hauswesen, wo! 
aber die Mehrung seines Vermögens war sein Wunsch. Neben 
allerlei mehr oder weniger ernsten Huldigungen hatte er eine 
zweite Verheiratung gesucht. Es ist ihm solches nicht seiungen. 
Die Mehrung seines lieii-hlhnius düngen ist ihm wnl gisgluekt. 
Anfilnglich sparsam, nmss ev später als L'eizig bi^eichnet werden. 
In den ersten .fuhren seines Petersburger Lebens öffnete er die 
Salons des auswärtigen Amtes doch hin und wieder zu einem Itout 
und gab auch einige Diners, zu welchen er verpflichtet schien. 
Später gaben Gesundheitsrücksichten den Vorwand, seine Mittags- 
mahlzeit auf eine außergewöhnliche Stunde zu verlegen, und da- 
durch wurde die Möglichkeit gewonnen, keine Diners KU gebe». 
Er hatte sich eine ganz besondre Tagesordnung eingerichtet. Bis 
drei Uhr lag er seinen Geschalten und Audienzen ob und empHng 
viele Personen, mit denen er geschäftlich zu verkehren verpflichtet 
war. Ein einsames Mittagsmahl und ein Mittagsschläfchen folgten. 
Um sechs Uhr erschien sein Kauzleichuf mit allen eingelaufenen 
Depeschen. Er konnte von diesen nicht genug haben und, wie 
schon erwähnt, war es ein grosses Lob, das er denen zollte, die 
viele Depeschen schrieben. Mit besonderer Befriedigung hat. er 
mir im Jahre 1S74 oder 7ü erzählt, dass der derzeitige Gesandte 
in Athen, Ssburow, im Laufe des Jahres mehr Depeschen geschrie- 
ben als irgend ein anderer Gesandte. Auf die rasche Beförderung 
des Genannten mögen die Depeschen nicht den geringsten Einlluss 
gehabt haben. Um neun Uhr erschient!]) einige Herren, meist aus 
dem auswärtigen Amt, um mit dem Kanzler Whist zu spielen, 
Da aber die Depeschen die vollen drei Stunden meist nicht aus- 
füllten, so hatte der Kanzler es gern, wenn er vor neun Uhr durch 
Besuch die Veranlassung zum Plaudern erhielt. Ich habe in den 
wenigen Tagen, die ich alljährlich in Petersburg zubrachte, diese 
Liebhaberei mir zu Nutzen gemacht und so oft wie möglich um 
diese Stunde mii:h hui ihm melden bissen. (taue Ausnahme, sogar 
wenn der vortragende Beamte noch da war, bat er mich freundlich 
empfangen, und bald gab es eine lustige Plauderei, bei der die 
Tagesereignisse und die Politik zwar nicht unerwähnt blieben, 
aber doch den b'rauen ein grosser Platz gewidmet war, bei dem 
der kleine Saloiiskandal mit besuiulen-in Vergnügen behandelt wurde. 



Petersburg und (iadebusch. 



103 



Es war immer amüsant und oft leim eich ; nur musste man dabei 
viT^ffc-im, dass der l'landernde der vu-^i-ilie Staat.-? kandier und ein 
aller Mann war. — Km nicht gar grosses, comforubel, aher ein- 
fach eingerichtetes Schreibzimmer nebsl einem .kleineren Salon im 
Fond desselben waren die Kimme, in denen sich lliirtsHiiikinv 
meist aufhielt. Das jjaiiüe grusst* Appartement wurde kaum be- 
treten, es sei denn, dass der Kanzler einem Liebhaber seine Bilder 
zeigen wollte. Immer empfing er im erwähnten Cabinet, in dem 
der grosse Schreibtisch mit den Papieren und Depesrhen, der bereits 
aufgeschlagen!; Kartentisch webst einigen schönen Bildern die be- 
merkens Werthesten Gegenstände bildeten. In einem langen Haiw- 
roclt auf- und abgehend oder vor dem Schreibtisch sitzend, pflegte 
er zu plaudern. Der Salon hinter diesem Ilaume war nur spär- 
lich erleuchtet. Als er mir eines Tages von dem am Morgen er- 
haltenen Besuch des Kaisers gesprochen hatte, bemerkte er, mit 
der Hand nach dem anderen Zimmer zeigend: tL'empereitr preitd 
itmjours Je meine fmileuil, il aime pcndant que nnita caasoni ä regar- 
der V adiaiiable tablcau de Gttercino, dont Je toi de WurUembtrg 
ma 1ait cailean ii l'occtutian dt. smi ,:'.~,iiine amiiversaire de soll 
mariage.i Indem er nun auf meine Bemerkung, dass ieft das Bild 
nicht keime, die zur Erleuchtung bestimmte Lampe anzuzünden 
befohlen, erzählte er, dass der Konig von Württemberg ihm, Qor- 
tschakow, am Tage seiner Silberhochzeit gern eiu Geschenk zu 
machen gewünscht, es aber schwierig gefunden., für ihn irgend 
etwas zu linden. Da habe man ihn daran erinnert, dass er, der 
König, ein gar schönes Bild beKasse, welches er nach dem Tode 
seines Vaters aus den bewohnten Räumen verbannt habe und das 
dem Fürsten Gortschakow gewiss grosses Vergnügen macheu 
wenle. Nachdem der liebenswürdige Hausherr mich auf dem Lehn- 
stuhl hatte Platz nehmen lassen und ich mit einem Ausruf der 
iie wunderung den ersten Blick auf das Bild gethan, erzählte er 
mir die Vorgeschichte des Bildes', wie folgt: 

Es ist bekannt, dass Guerciuo ausser seinen iu Venedig ver- 
bliebenen grossen, für Kirchen und Klöster gemalten Tafeln eine 
gewisse Zahl kleinerer Staffelei bil der gemalt, in denen er sein 



' Bei der Eriiililung um ilit-scin Dilti« lauf! riii Iritliuni mit unter, ilr 
i. Z. nicht luretütiiialvllt'ii int. Ist dne Iii Iii iti Art Tlmt vim (iiwrdiw, üii k;im 
nicht van Venedig die Rede «ein, da er dort nie geteilt hat; o Hot «ich nhe 



104 



Petersburg und Gadebusch. 



beivu 1 1 de r u i] « iliii i y tiri Talent für das Uolorit, zumal bei Behand- 
lung des Nackten, zur Geltung gebracht bat. Schon zu Ende 
des vorigen Jahrhunderts sind diese Perlen über ganz Europa 
zerstreut worden. .Venedig besitzt keine mehr, die meisten be- 
finden sich in England. Eines jener Bilder war nun nach 8tntt> 
gart gekommen und im Besitz irgend eines Liehhabers. Ob nun 
dieser gestorben oder eine andere Veranlassung für den Verkauf 
war, jedenfalls hatte der reiehe und kunstliebende Herr von San- 
Donato, Anatole Demidow, davon gehört und war nach Stuttgart 
gekommen, um den Guercino wo möglich zu kaufen. Demidow war 
mit der Tochter von Jerome Biitluparte, weiland König von West- 
falen, verheiratet und also ein Neffe des Königs Wilhelm von Würt- 
temberg. Der König hatte aus dein Polizeibericht die Ankunft 
van Anatole Demidow erfahren und. da er sich bei ihm nicht ge- 
meldet, sich erkundigen lassen, welche Veranlassung ihn Wol nach 
Stuttgart gebracht haben könne. Als er die wahrscheinliche Ur- 
sache erfuhr und bei der Gelegenheit Näheres über das ihm un- 
bekannte Gemälde gebort hatte, befahl er das Bild sofort um jeden 
Preis zu kaufen. Der Wunsch, das Gemälde zu besitzen, das ihm 
als sehr sbhön geschildert., dessen ei^cntimwlhhes Sujet ihn reizen 
mochte, mehr vielleicht noch die kleine Bosheit, seinen rücksichts- 
losen Herrn Keilen um den Zweck seiner Reise zu bringen, mögen 
ihn zu diesem Befehl veranlasst liaben. Das Bild wurde jedenfalls 
gekauft und hat als Perle der kleinen Sammlung polten, die in 
den königlichen Privatzimmern zu sehen war. .Wich des Königs, 
Tode in die Rumpelkammer verwiesen, eru'rili' sein Sehn und Nach- 
folger gern die Gelegenheit, dem h'urstcu G ml schalem' ein Ge-chenk 
damit zu machen (obzwar man nicht behaupten kann, dass es gerade 
das passendste gewesen), um ihm seine Erkenntlichkeit dafür aus- 
zusprechen, dass er als Gesandter an den Verhandlungen, die znr 
Ehe führten, th eil genommen hatte. 

Ein schöner grosser Baum füllt mit seinen Aesteu den oberen 
Theil des Bildes aus; am Stamm aber, mit den Armen an die 
unteren Zweige gefesselt, war eine Nymphe zu sehen, die ihr 
schönes Köpfchen wi« bittend und hilfesuchend dem Zuschauer 
zuwandte, wahrend auf der anderen Seite des Hildes; ein liässlirber 
Faun mit einem schweren Rutlieuhuud in der Harnt i:n liegi-ilf ist, 
in der Züchtigung, die er dem reizenden We-en angcdcilicn lasst, 
fortzufahren. Das verschiedene Celorit des mit uuübertreftlichei- 
Ji eist erschuft und Zauber gemalten Weihes hui den Kaiser immer 



_' i i.i::l'"J !:,■ LI 



Petersburg und Gadeblisch. 105 

besonders interesBirt, sowie die Frage, was wo] die Ursache zu 
jener Züchtigung sein möge. 

Gleich sei uem Vorgänger trat auch itn Gortsi;;iaki->w gegen 
Ende seiner sraatsuiiinnisehen Laufbalm die Frage eines Krieges mit 
der Türkei heran. Auch er hat ihn nicht, gewünscht : aber Hilders 
wie sein Vorgänger, hat er keinen lehballcn Protest crhoboti. Er 
hat keinen Widerspruch eingelegt gegen jene Rede des Kaisers in 
Moskau, die, die nationalen Stremnngeii adoplireml, den Krieg als 
unabwendbar eise.hcinen lirss Dar!' man dem Greise, daraus einen 
lebhaften Vorwurf machen ? Haben doch die eineu aus Ueber- 
zeugung, die anderen aus falscher Klugheit jener Rede zugejubelt. 
Das ganze Reich lies mir ZusliiiiiiKing-ruie hiiren, und mit Be- 
dauern verzeichne ich, dass auch die baltisclien Ritterschaften 
nicht verstanden haben würdig ■/,» schweigen. 

Der Krieg war entbrimnl.. der Kaiser zur Armee gegangen; 
Fürst Gortsohakcw. ihm Iblgernl, hatte sieh in Bukarest häuslich 
niedergelassen. Mehr wie je suchte er sein Verdungen im Umgang 
mit Frauen. Nicht Geist und Bildung, sondern Schönheit und 
eine gewisse Anmuth kennzeichnen die Frauen jenes Landes, von 
denen der Kanzler sich umwerben liess und an die er seinen Geist 
und seine gosellschaiilieheu Talente vergeudete. 

Er Hess die Bedingungen des Friedens von San Stefano dic- 
tiren: seine unleugbare staaismiLnnische Kinsicht kann ihm nicht 
Verhehlt haben, dass der liogeti zu seiiruff gespannt war. Dann 



kaufte Popularität, das Wehl wollen des Kaisers erlaubten ihm, 
jahrelang scheinbar der Leiter des auswärtigen Amtes Russlands 
ZU bleiben. Ks war ein voll komm euer Marasmus in dein Ministerium, 
es wurde kaum ein« Depesche geschrieben und wurden keine Instruc. 
tionen ertheilt. Zwei Drittel des Jahres brachte der Kanzler in 
Baden oder in der Schweiz zu, die letzten Jahre auch nicht nach 
Petersburg heimkehrend, nur Schwierigkeiten dem Gang der Ge- 
schäfte bietend und kleinliche Inlngiieu spinnend. So ist er bis 



ehohen werden, dass er neben seinem Geist 



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10B Petersburg und Gadebuscji. 

treffliche Obarakteveigensrliidleu hatte: er war wohlwollend in 
allen Beziehungen, verzieh und vergas- leichl, soear ilim persönlich 
Mgelugle Verletzungen ; er gestand gern einen gemachten Fehler 
ein, na nie ni Meli wenn es ein Unrecht betraf, das er persönlich 
j(ii)iii]iili-i!i angi'ttirin halte. Ii'li lullte seilet sulches erfahren, indem 
icii zwei .Mal der herangezogene Zeuge von Cuterhaltungen gewesen, 



denselben wohlwollenden und freundlichen Ton angeschlagen, dessen 
icli mich von seiner Seite immer zu erfreuen gehabt. Die mora- 
lischen Eigenschaften fehlten, jede Würde und jeder Math. Er 
bat den General Igualjew nie gemocht, ja niemandem ein Geheim- 
nis aus dieser seiner Gesinnung gemacht, aus Schwache aber, da 
der Kaiser den Selm seines alten Erziehers protegirte, geduldet, 
dass er zu den höchsten Pesten ernannt wurde. Spater kam denn 
wol der Wunsch hinzu, dieses Sclmsskiiid der sklavischen Partei zu 
schonen. Diese simdlialtc Schwache aber hat dein Reich die tiefsten 
Wanden geschlagen. 



Friedensbedingangen in der allgemeinen Freude über den Frieden 
selbst. Nur dem Kaiser persönlich scheinen diese Bedingungen, 
besonders die Abtretung des kleinen Streiten Landes in liessarabien, 
einen nie vergessenen Stachel hinterlassen zu haben. Bald traten 
neue Verordnungen und Gesetze auf, die allgemeine Befriedigung 
erweckten. 

Der Kaiser versprach, zehn Jahre keine Aushebung zum 
Militärdienst anzuordnen. Die Ertheiliing von Passen ins Ausland 
wurde erleichtert und die hohe, Passsteutr abgeschafft. Ueher die 
Begünstigung von F.is.etibahuanlagen habe ich schon berichtet. Es 
gah aber kaum einen Zweig der Verwaltung, in dem nicht Mass- 
regeln der früheren Regierung aufgehoben oder von Grund aus 
verändert wurden. Ein Theil der so getroffenen Abänderungen 
war unzweifelhaft geboten, und dennoch müssen im allgemeinen 
Zweifel aufsteigen, ob dieses beinahe blos negative Verfahren Über- 
all berechtigt gewesen sei. Es war eben blos ein Lösen, ein Zer- 
schneiden der vielfachen Rande und Schranken, die die vorige Re- 
gierung angelegt und aufgebaut hatte. Daneben trat keine wirk- 
lich organisireude Tliätigkeit, Das mit Jubel begr aaste Versprechen 



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Petersburg und Gadebusch. 107 

einer längeren Befreiung vom Militärdienst konnte doch nur eine 
Schwächung der Militärkraft des Landes bringen und machte es 
unmöglich, älteren Soldaten in grosserer Menge die Rückkehr in 
ihre Heimat zu gestatten. Bald verbreitete sieh denn auch das 
Gerücht, diu Leibeigenschaft würde aufgehoben werden. Kurz, 
Regierun!; uijd utttiiilieiii.' .Meinuni; legten die Hand au alles. Mit 
einur Ausnahme jedoch: keine Massrcgel wurde bekannt, keine 
Stimme liess sieh vernein neu, die den Zweck verfolgt liätte, die 
nicht eben wenigen gesetzlichen Verfügungen aufzuheben, die zu 
Gunsten der Herrschaft der griechischen Kirche, zumal in den 
letzten Jahrzehnten, erlassen worden waren. Die gesunde refor- 
matorische Arbeit hätte auch hier im kleinen und kleinsten be- 
leb erinnere mich, mit Vertretern der sogenannten liberalen 
Richtung, u. a. dem Grafen Lanskui, Minister des Inneren, mit dem 
Fürsten Suworoiv und anderen weniger hochgestellten Personen 
jenes Thema gesprächsweise oberflächlich berührt zu haben und 
immer sofort auf die absoluteste Negation gestosaen zu sein. Es 
war ganz besonders die Furcht, dass durch Freigebung der Ge- 
wissen der liaskiil zunehmen dürfte, dass inugliclier weise Conver- 
sionen zum Katholizismus in der Gesellschaft vorkommen konnten. 
Letztere Befürchtung beherrschte in beinahe scherzhafter Weise 
die Vorstellungen gewisser Kreise in Petersburg, und ich wili 
nicht in Abrede stellen, dass diese lieüirchiiiiigeii eine gewisse 
Berechtigung hatten. 

Der preussische Gesandte Baron Werther ersuchte mich eines 
Morgens, ihn wo miiglich sofort zu brauchen. Als ich bei ihm ein- 
getreten, theilte er mir mit, dass er einen vertraulichen Brief seines 
königlichen Herrn erhalten habe, der ihm auftrage seine Meinung 
Uber einen hochwichtigen Gegenstand auszusprechen. Der Kiinig sehe 
sich in seinem Gewissen gedrungen, als Haupt und Vertreter der 
protestantischen Kirche zu prüfen und zu erwägen, ob er nicht in 
irgend einer Weise seinen protestantischen Glaubensgenossen in 
Russland helfen und dienen könnte. Für alle Protestanten war die 
Frage über die gemischten Ehen eine nus^erurdcuHich iriugrtji firmle 
und wichtige. .Dass alle Kinder nus gcmir-rhlen Khen r.ur griechisch- 
orthodox getauft werden durften, hal das LeLensrgiuek vieler Per- 
sonen zerstört. Iis war aber diese frage in Idvland zu einer ganz 
besonderen Wichtigkeil herangewachsen, da Tausende und abermals 



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108 Petersburg u 

Tausende in den Banden der gri 
halten wurden und nur durch 
mischten Ehen wenigstens die 
dürfet), fflr den Stillstand in du 
Kirche eine Hoffnung geboten 



„■hisH-ortlmd^BH Kirche festge- 
Eintritt ■ der Möglichkeit, in ge- 
Kinde r lutherisch erziehen zu 
Verminderung der evangelischen 



alten Ulauticn zurückzukehren, nunt ihre uiisr;]m [..Ii iren I 
nicht leiden lasse. Ich mochte also auch nicht 
nang, die durch jenes Schreiben erweckt wurde, von 
weisen und glaubte, dass sich wol eine geeignete ff 
dürfte, um diese Fragen heim Kaiser anzul egen. Inden 
Weither diese Meinung nicht vorenthielt und in ei 
Weise mit ihm berietli, musste ich ihm doch sagen, das! 
ganz individuelle. Ansicht sei; dass ich aber, wenn er mich 
risire, gern mit den Vertretern der Ritterschaften, die 
l'eU'i'siiurg anwesend seien, die Angelegenheit durchsnro 



iu'jii kmi^lichen Herrn iiiitgethei! 
Schritt« abgeratheu, der Köllig siel 



den baltischen Provinzen bei der Ausübung dieses grossen Vorzugs, 
selbe Gebundenheit. Wenn ich mir auch nicht erlauben will die 

Unltnung HiisKUsgiu-Hii-n, dass durch ein Hinsehen auf jene Anfrage 
des Königs Erleide zu erzielen gewesen wären, so ist immerhin 
der Schritt des Königs werth aut'ge zeichnet zu werden. Man kann 
auch nicht geradezu in Abrede stellen, dass bei der Wichtigkeit 
der damaligen Stellung Pnnisseiis zu Russland, bei den ausser- 
ordentlichen Diensten, die der König geleistet, eiu tactvolles Ein- 



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Petersburg und Gadebusch. 



bahnbauten wurden schon im ersten Jahre der Regierung in gross- 
artigem Masse concessionirt, und unter (kr Anregung dieser Con- 
cessioneu worden, z Draal durch die Gruppe jener Personen, die die 
Concessionen empfangen, allerlei industrielle und finanzielle Unter- 
nehmungeu hervorgerufen. Die Begierung begünstigte solches in 
hohem Grade. Es wurde eine Massregel getroffen, die nicht nur 
ausserordentlich eingsvifmirt Ihr das ganze wirtschaftliche Lehen 
des Reiches war, mildern mit den früheren Ge widmheiten geradezu 
in Widerspruch traf, und eine Krisia hervorrufen musste. Ich 
meine hier die Gesaiiiuitsuunnc der Vci-oidiinngen, die sich auf das 
Bankwesen und den Held verkehr bezogen. 

Während des Krieges war eine grosse Menge von Banknoten 
in Circulatioii gesetzt, die das Bedürfnis an Geldzeichen bei weitem 

in die Bank zurück, und dieser Uebei-fluss an Papiergeld wurde, 
als ein Ueberfluss an Capital angesehen, dessen nutzbringende 
Verwerthung angestrebt werden sollte. 

Es war eine seit langem begründete Gewrilmiieil der russischen 
Hnndelswelt nicht nur, sondern auch aller wohlhabenden Privat- 
leute überhaupt, alles nicht augenblicklich nulhiveiidige Held in 
die Bank zu tragen und dagegen au jinrtrur lautende Ihn fproi eilt ige 
Haukseheinc sich gehen zu hissen, die in jedem A iigcnblieke wieder 
in baares Geld umgesetzt weiden konnten. Fast alle Capitalieu 
wolilllidliger Still Hilgen iv.c. waren zum Zinsfuss von fünf und vier 
Procent ebenfalls in der Bank depuuirt. -Vach dem Kriege waren 
die. Umlagen brsi!iidrr.< bedeutend. Das dem Verkclir uiebt noth- 
weudiirc Papiergeld wurde auf diese. Weis« in wt>lililiiil iger Art. 
aus dem Verkehr gezogen, Oer Hank konnte keine Gefahr daraus 
entstehen, da sie mit demselben von ihr angefertigten Papiergeld 
die etwaigen Rück forde innren bezahlte. Nun hiess es plötzlich, 
es wäre eine unheilvolle Geu'nliiilicit der Besitzenden sich in dieser 
Weise der Bank zu bedienen ; das Capital niüssle preiluctiv gemacht 
werden. Es wurde hierbei übersehen, dass dieses Papiergeld ja 
gar kein Capital reprasentirte. Der erwähnte Gedanke wurde 
durch die Verwaltung aufgemmiuicn, und durch eine ganz aussei'- 



110 



Peteisburg und Gadebusch, 



ordentlich imliilli?«, unverständige und falsche Herabsetzung des 
Zinsfusses der Bank wurden die Denusita aus derselben vertrieben. 
Die Bank sollte fortan nur 2'/i Procent Zinsen Millen, wahrend 
der Zinsfuß im Privat verkehr Iiis gegen 10 Procent betrug. Da- 



liente betrug. — Ohne hier weiter auf die Theorie einzugeben, 
liebe ich nur hervor, dass diese Massregel der schon erweckten 
Miu'cuhtifi]] in v i - : ■ I n hr< - ri ^ * :hi ■-■= t e r Weise entgegenkam. Niemand 
wollte mit der kleinen Rente verlieh nehmen, jeder suchte bessere 
Anlage seines Cauitnls. und je weniger früher Unternehmungen 
und Sneiuhuioiicn unter der Klasse der grosseren I ! es i Inenden Ge- 
woliuheit gewesen, desto mehr fanden die thürichtsten "Vorspiege- 
lungen jetzt unter ihnen Platz. Es ergriff damals die rassische 



mach,-» verstunden. Stand auch die öffentliche Moral in Geld- 
angelegenheiten, zumal durch den Krieg, der gegen die Krone, 
die v&aa&, als so zu sagen ailssci-halh de.- Gesetzes stehend, het rieheil 
wurde, selion niedrig genug, so wurde jetzt der Krieg der Ge- 
schickten, der Geschäftskundigen, wie man zu sagen pflegte, gegen 
die Besitzenden und die unglücklichen Actionäre gewandt. 



Botschafter zur Krinning Kesniult. sondern auch denselben zum 
Residenten am Petersburger Hofe ernannt, GrafMoruy hatte seine 
Stellung sofort dazu zu benutzen verstunden, für eine französische 
Gesellschaft einen Contract zu erlangen, der dieser Gesellschaft 
Eiseiibahnbauten im grossarligste» Maasstahe roncessionirte. Hier 
war der erste Hobel angeselzt. hier gah es Actien zu verkaufen 
und Prämien einzucassiren. Es ist schwer festzustellen, wie weit 



111 



der Eiufluss Mnrnys auf die russische Gesell sei mit gegangen, Olm« 
Eiudnss ist er gewiss nicht gewesen, und es ist interessant, die 
Stellung des Mannes in Petersburg uns einigennusson zu vergegen- 
wärtigen, so wie auch ganz besonders die YcranlaK-ung zu erzählen, 
die ihn zum Botschafter und Gesandten berufen lullte, da sie gerade 
auf dem Felde der ehrlosesten .Simulation lag. 

Morny bat von seinem ersten Erscheinen in der Gesellscliaft 
in Paris und von seinem ersten Auftreten im politischen Leben 
an eine catilinarische Existenz geführt. Der Sülm der Königin 
Hortense hatte nicht genügendes selbständiges Yeruiügeu, um aucli 
hei anderer ninralisdiiT Aniüge e:uc ;>i,al Luuiuf K'ille zu spielen. 
So hatte er denn schon in seiner Juvenil, wie bckannl, seine per- 
sönlichen lieize und Bejahungen verkanti und nach der Revolution 
in alle nur denkbaren iiolitisrhen lnl liguen sich eingelassen, wobei 
immer die Geldfrage nicht vergessen wurde. Mit der Präsident- 
schaft seines Bruders war nun die Unterlage zu allem Schwindel 
gefunden. l>r unabweisliaie Bankerott nach bodenloser Vorscliwen- 
dung war für die Brüder, wie bekannt, einer der Beweggründe 
für das Wagnis des Staatsstreichs. Dieser gelang, und die Orgien 
wurden in vergrössertem Massstabe fortgesetzt. Vorgreifend und 
Morny s ganzes Lüben überblickend, kann ich die Bemerkung nicht 
unterdrücke», dass ivol kein Zeitgenosse in gleichen Vi 1 rhiil missen 
Geld besessen und verloren hat, dass niemand .so oft reich und so 
oft dem Bankerott nahe gewesen. Sogar nur Zeil, seiner grossen 
politischen Bedeutung als Präsident des Oorus legislalif war er 
diesen Wechseln unterworfen. Mehr als ein Mal hat der reiche 
Mann heimlich die Diamanten der Frau versetzen müssen. Als 
er starb, war ein nur unbedeutendes Vermögen vorhanden, und 
niemand kann nur annähernd sagen, wie viele Millioueu er ver- 
schwendet. 

Während der Präsidentschaft oder auch nach dem Staats- 
streich war eine grosse Aelicu^escllschaii; cegiuiniet worden, die 
nnter dem Namen «ft grand Central'.ÖM französische Eisenbahn- 
netz in den mittleren I icparteim-nts hiankreielis ausbauen sollte, 
Morny stand an der Spitze dieses Unternehmens. Wahrend unter 
tüchtiger und kenntnisreicher Leitung die grossen Linien, die Paris 

schicktestcr Weise ausgebaut und in Betrieb gesetzt waren, sind 
keine Spuren von der Thatfgkeit des tgrand CenlmU vorhanden. 
Es war mit den für ihn eingezahlten (Japitalieu so gewiithscliaftet 



112 



Petersburg und Gadebnsch, 



wurden, dnss, wahrend nur Jirnchthcile in Ausführung begriffen 
waren, kein Geld mehr weifer vorhanden war. Ein Bankerott in 
skandalösester Form stand vor der Thür, Der Halbbruder des 
Kaisers und andere seines vertrautesten Umganges wurden in 
einen ehrlosen Handel verwickelt, was auch dem Kaiser und 
Kaiserreiche nur schaden konnte. Napoleon mnsste eingreifen. Die 
erste Bedingung zum erlelgreidien Umgreifen war eine längere 
Entfernung Momys von Paris. So wurde er denn Botschafter und 
Gesandter, und trotz der grossen Stellung soll es ihm doch ein 
schwerer Kampf gewesen sein, Paris und sein kleines reizendes 
Häuschen in den Cbamris-Elysfes zu verlassen ; jenes Häuschen, 
das, unter den: Scherznamen .rw/c i'< fil!ti-x> bekannt, ganz nahe 
au dem grossen, der Gräfin T.ehou gehörigen Hnuse belegen war. 
— Nun ging der Kaiser ans Werk. Her tgriutd VcnlraU musste 
aufgelöst werden und ohne Skandal verschwinden, Pas ganze Netz 
dieser Eise nbalmgesellsc halt hat dann der Kaiser, in peinlicher 
Verhandlung, unter die anderen grossen französischen Bisenbalui- 
compagnien vertheilt Die Directoreu jener tiosollschaft sind 
hierzu zum Theil gezwungen, zum Theil durch allerlei fiegünsti. 
gungen veranlasst worden, in das für sie böso Geschäft ein- 
zugehen. Die Geschicklichkeit des Kaisers, seine Verfügung 
über den Staatssäckel und über die gesetzgeberischen Gewalten 
haben ihm solches möglieh gemacht, natürlich unter dem 
iVi.-ktiinnli'l (/.( jihiK r,riwl >>;,-n pt.nr hl Fraurn. Das Archiv des 
tgrmd Central' wurde verbrannt, nicht ein Stück blieb nach. Es 
ist vielleicht kaum ein grösserer Frevel mit Staateinteressen ge- 
trieben worden ; dennoch ist nichts davon ins Publicum gekommen. 
Sogar die Skandal presse bat sieb dieses Vorfalls nicht zu bemäch- 
tigen verstanden. Alle, die. davon wussten, wären in ihrer eigenen 
Ehre geschädigt worden, wenn dieser Schwindel bekannt geworden 
wäre. Mir ist es dennoch unbegreiflich, dass jetzt, nach dem Fall 
des Kaiserreiches, davon nichts in die Oetl'entlirhkeit gedrungen. 
Allerdings liegt ein Menseiiennltcr dazwischen, und die sogenannten 
grossen Kisenhahncoinpagnien Frankreichs haben immer noch ein 
Interesse, dass diese Transkei innen nicht offenkundig werden. 

Das war also die ehreuwerthe Veranlassung zur Wahl Momys, 
und der gewiegt.« Schwindler konnte seliistvetstaudlioh eben so 
wenig von den alten Gewohnheiten lassen wie die Katze vom 
Mausen. Dieser französische Gesandte öffnete in gewisser Weise 
die Iiis dahin so geschlossene Petersburger Gesellschaft den Gfild- 



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113 



kuHl, lli'll üi;tfll lüLil Sclievhlcll I [Iii II -1 li.'L !cl] . illlil (l:lll>T(r? T 1 5 H " I L T- 

gar lang«, dass diese Leule und zumal dir «rriissanigcn Sdiwmdlci- 
eine Rolle in der (iesellsdiali stielten. Zu letzteren, d.-n Schwind- 
lern, geborten aber mich Personen, die schon früher zur Gesell- 
schaft gehört hatten, hohe Slaatswiirdenlräger Ac. 

Aach lUis^'iliidi wnnir durch Muniy und Genossen die Ge- 
sellschaft berührt. Die guten, rücksichtsvollen, zum Theil auch 
zu Steifen Formen wurden hier zuerst in nicht liebenswürdiger 
Weise durchbrochen. Ich kann mich auch jetzt noch nicht, nach 
einigen zwanzig Jahren, des Lächelns erwehren, wenn ich an ein 
kleines Tableau denke, das alle Anwesenden verschiedentlich berührte. 
Die Fürstin Kotsch übe i hatte ein grösseres Diner mit allem Luxus 
eines guten, grossen Maines gegeben, zu dem mich der Kanzler 
Kesselrode und der französische Gesandte gehörten. Am Nach- 
mittag nun sass der greise Kanzler, seiner Gewohnheit gemäss, 
auf einem Stuhl neben dem kleinen Lehnstuhl der Hausfrau ; auf 
der anderen Seite derselben hat!« der französische Gesandte eine 
beinahe hebende SiHUing aiil' dem So|dia ehiMiiuiiiueii. Das Er- 

höchsl ergötzlich, Morny erlaubte sich Uberhaupt, was ihm be- 
quem und angenehm war. Auf einem Hall, den er gab lind zu 
dem der Kaiser eine Einladung angenommen, eiii|din<; er den Kaiser- 
in seiner Botschaftern niform . Als der Kaiser den Ball verlassen, 
mochte er aber weder die linil'unn behalten, noch Toilette machen, 
sondern er vertauschte die Uniform selbst mit einen Frack und 
erschien wie, auf einem Maskenball, unten goldgestickt. Gleiches 
thaten denn auch die übrigen Heiren der französischen Botschaft. 
Charakteristisch ist ja in diesen unbedeutenden Zügen das Aufgeben 
der hergebrachten rücksichtsvollen Gewohnheiten, wenn diese un- 
bequem erschienen. — Bald wurde denn auch in Petersburg in den 
Salons der Damen geraucht wie in einer Talmgic, was auch heute 
noch in Frankreich und Ruglaud unerhört ist, suhald eine Dame 



Lord Woodhousi 
Kriege den wichtigen 
bürg erhielt. Er geh 



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14 



befriedigt; das Ziel seiner Wünsch 
geizes war, eine Rolle daheim in f 
ment eine Stellung za erringen und 



st der Vergleich mit den stre- 
die dein Gesaiidtschafls- und 
ii beilegen. Lord Woodhouse, 
m Eindruck einer bedeutenden 



gabung zu einem Amt und Beruf, wintern Partei Verbindung, die 
.St d Inns ili'r r-'nmilie, ein gewisse* d^cliick sii-li leitend zu machen 
gar oft den mitielnrässi;; Hegabien St ■-Iiiingen giebt, die die besten 
Männer nicht erringen. So viel ich die ministerielle Thätigkeit 
vom liebenswürdige]] Imrd KimlierW habe verfolgen komieil, ist 
diese keineswegs eine bedeutende und glückliche zu nennen. Er 
gelkirt aber nun einmal zu den lauten, die ins Oabinet berufen 
werden, und wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch im nächsten 
Wln>al>hiet sitzen, du die Tage des Gladston eschen Ministeriums 



doch wol gezahlt sein dürften-. Auch Lord Woudhouse führt mich 
wieder einmal nach üadebusch, und in meiner Erinnerung taucht, 
nach glücklicher Jagd, das Bild einer Tafelrunde auf. Die kleine, 
nur sechs Personen zahlende Gesellschaft war In ein so eifriges 
Gespräch gerathen, dass wir an dem Tisch sitzen blieben, der, 
„ach englischer Weise abgeräumt, von uns erst nach 11 Uhr ver- 



lassen wurde. Als die Gruppen sich trennten, theilten wir uns 
doch unser liefreunln] darüber mit, dn-s der ;u%'<le unter uns, der 
anwesende JitiL'litndi.-:'. wirklich zum ciiL-lisclieii Gesandten erwählt 
wollen sei. Ich werde später Uber seinen Xaehfolger berichten, 
einen eminent begabten, geistvollen und liebenswürdigen Manu, 
Lord Kapier, der aber nicht Cabiuetsminister geworden und ohne 
Amt und ohne seine Stimme zu erheben im Oberhansa sitzt. 

Mehrmals gehörte ein gar geistvoller und witziger alterer 
Freund zu der Gadehuscher Jagdgesellschaft. Er war vor kurzem 
gezwungen gewesen von einem wichtigen Posten abzutreten: kai- 

1 Geschrieben J™i 1889. 



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Petersburg unil Gadebusch. 



serliehe l.'ngnade lastete auf ihm; da geuass er es ganz besonders, 
von Zeit zu Zeit l'et.ersbiirg zu verlassen uini in Gadebuseli jagen 
und plaudern zu können. Der General Ilja Bibikow war von dem 
Tage an, da der Groasfflret Michael die Epnuletten erhalten hatte, 
zu seinem Adjutanten ernannt worden und ist bis zum Tode des 
GrossfUrsten sein v«l-t-r ;i « 1 1 1 ■ s (.<_■ i ■ Diener gewesen und vuii demselben 
stets mit ausgezeichneter Kren ad seh a Ii Ini-jinmli'U . Aelter geworden, 
wunle er, da der Adjutauiendienst. aufhörte, dem Grosafllrsten als 
einer seiner Gehilfen fiir das von ihm verwaltete Amt eines General- 
leldzeugmeisters beigegeben. So war er General der Artillerie und 
Generaladjutant geworden. Nach dem Tode des GrossfUrsten 
Michael hatte ihn der Kaiser zum General gouverueur von Wilna, 
Kowno und Groduo ernauut. Seine Kntlnssung ans diesem Amte, 
die Art und Weise, in der sie geschehen, wird einen hellen Licht- 
strahl auf viele Vorgänge der so verhängnisvoll gewordenen Gesetz- 
gebung Uber die Aufhebung der Leibeigenschaft. Nachdem der 
Flieden geschlossen nml eine Mf.ng<- Ma-scegeln der (ruberen 
Strafferen Regierung imlgehebcn \i imlen, glaubleli die Edelleute 
jenei- Gouvernements, dass auch sie von einigen drückenden lie- 
stimmungeu befreit werden könnten. Die Wahlfähigkeit zu den 
Adelsamteru war durch die Kittt'nlir-n iilT der russischen Adels'inluung 
in der Weise beschränkt, daas nur die Personen wahlfähig waren, 
welche den Grad des Oberofficici-s in Militärdienst erhalten hatten. 
Auch der Generalgouvcrneur erkannte, dass diese lleschrftnkung 
oft die besten Kräfte vom Wahldienst ausschloss. und so ging er 
auf den "Wunsch der Adebmarsehällc ein. eine dahin zielende Peti- 
tion Sr. Majeslill zu iiherreichen. Bibikow, zwar kein Freund der 
Polen, aber auch nicht deren Feind, wie sein Bruder Dmitri, be- 
günstigte dieselben keineswegs und zu seinem Fürwort konnte ihn 
blos die Wohlfahrt des Landes veranlassen. Er hat um die Er- 
laubnis nach Petersburg kommen zu dürfen nml schickte dem Mini- 
ster die Abschrift ..im' Billschriii und seinen Bericht mit der An- 
frage ein, ob er die Supplik Sr. .Majestät behändigen dürfe und ob 
überhaupt dieselbe oflieicll zur Sprache zu bringen .sei. Er erhielt 
den Befehl nach Petersburg zu kommen. Als er sich dem Kaiser 
vorstellte, wurde er sofort in ungnädigster Weise angesprochen 
und ihm Ueberschreiluug seiner Vidinuiehi. vorgeworfen. Der er- 
graute Staatsdiener hat um die Erlaubnis, die Angelegenheit zu 
erläutern , ihm ward aber das Wort abgeschnitten und er 
kurzer Hand entlassen. Der General musste selbstverständlich 



le 



Petersburg and Gr 



um seinen Abschied e 
die Zeugen des Aul'ti 



!''n!Si'i] dieses Vergeh™ 
ri Geredili^eit walten 



Bibikow, war die einstige Trichter des fVldmai-sr-lmlls r'iirsteii Snl- 
tikow, der in der Sehlacht bei Kunersdorf gegen den grossen 
Friedrich befehligte und mit Laudons Hilfe siegte. Die einstige 



ihrer Freunde und Freundinnen ausgefüllt, die sie in Sepia selbst 
ausgeführt hatte und die beinahe ein halbes Jahrhundert dem Be- 
sclmupr vorführten. Eine sehr lange Gallerie einhielt römische Erinne- 
rungen, zumal Darstellungen der Ruinen, NiUilen, Baulichkeiten im 
üdiänsleii farbigen ilannor. Kmislsadien aller Art füllten das Hans. 



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denken des vor einem Imlbi'ii .liilulumdeil. yei^turlieiwii Vaters war 
rührend. Wenn sie in grosser Toilette war, so war die. Cocarde 

mit einer Nadel, die blus einen Diamanten v uissenmlenllidier 

Gru.^i; Ii;iU.'. befrstii;! . und liultt; siu v.a erzählen, wie dii; Kaiserin 



reichen Dienerschaft umgeben, die mit We 
Hause wohnte. Sie liatte täglicli offene 
und Bekannto, jeden Abend Gesellschaft u 
ermangelte sie nicht grosse Feste zu venu 
sonst nicht auafuhr, so gab es doch kein 
nicht beiwohnte. Als einst ein solches 
Selo veranstaltet worden war, war die Ii 



Wagen bedient, wie' sie In den 
brflBchliob waren, sondern fulir 
russischer Weise mit einem kk 
Spitznferde, zwei Diener hinten 
in Petersburg aufgehört. 

Der Gedanke, die Leibeigf 



vierziger und lunfziger Jahren go- 
immer im hohen Wagen nach alt- 
neu Vorreiter auf dem linken der 
auf; mit ihr hat dieses Fuhrwerk 



Meinungen waren in diesem ComiW vertaten. Die Majorität der 
Herren, sowie der Fürst Ürlow waren entschieden gegen den Ge- 
danken der Aii(licb(ini{ übiTli^upt und wollten durch Verzierung 
die Angelegenheit aus der Welt schalten. So fand der" Kaiser 



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118 Petersburg und ßadebusch. 

nicht die nochwcndisi! Unterstützung, so fand er nicht die noth- 
wenälge Beiehrang für die Behandlung der so schwierigen Frage. 
Sein Willi;, den Bauern die Freiheit zu geben, wurde in keiner 
Weise dadurch beirrt ; die Angelegenheit kam aber anf unregel- 
massig« H'p;p Her Kaiser wurde von verschiedensten Seiten mit 
den verschiedensten Ansichten belästigt, wie er selbst gesagt hat. 
Er ergriff nun die erste sich ihm darbietende Veranlassung, um 



hingen jener drei Provinzen hatten unterth anigst gebeten, den 
Bauern die persönliche Freiheit geben zu dürfen, indem sie das 
F.igenthuia au i.Jruud urd Hulcn sich vorbehalten wollten. Der 
leitende Gedanke bei dieser Bitte war, die Freiheit den Individuen 
ohne irgend welchen Ersatz zu gehen, dagegen über das Recht am 
Grund und Hoden zu behalten. Der Kaiser hatte vorher schon 
den Grosstürskoi Cimstaul in zum Mitglied jener grossen Commissioii 
ernannt, der seinerseits ganz unvorbereitet mit Kcuercifer in mög- 
liehst rascher Weise das grosse Werk fördern "wollte. Da es nicht 
meine Absieht sein kann hier eine Geschichte der Aufhebung der 
Leibeigensehaft zu skizziren, um so weniger als soeben die vor- 
treffliche Darstellung des Prof. Engelmanu in der .Balt.Monatsschr.» 

durch und auf welche Weise die grosse Angelegenheit ohne wirklich 
leitende Grundsätze gelost wurde, und wie sie aus den Händen 
einer ruhigen, Lernlheudeii, den Kaiser unterstützenden und seinem 
Willeil entgegenkommenden C'oinuiissiou und der hierzu zunächst 
berufenen Interessenten der Adelscor|>oratic,nen Russlands schliess- 
lich durch einige eifrige Hurcaukrnlci ii Macher zum Abschluss 

gelangte, — Schon in den ersten Erlassen, die im Anschlage an 
). Nov. ISifiT publieirt wurden, trifft 
e liier ausgesprochenen Grundsatz« 
werden dennoch s]iäter nicht, inne gehalten, die Tlicilnahme der 
gnmdbcsilzcuden Edelleute, die Arbeiten der provinziellen Adels- 
r'0!'|ioratjoneii treten ganz in den I Untergrund nud :s\ ihnen schlicss- 
lich kein Einfluss gegönnt worden. Durch das Rescri[>t vom ÜO.Nov. 
1B57 wurde zwar nichts Detiiiitiros festgesetzt, es kam aber zum 
Hewusstsein und zur Erkenntnis der Nation und jedes Einzelnen, 
dass die Frage nicht mehr liinausg<'schubc:i, sondern endgiltig gelöst 
werden 'würde. Mit dieser Erkenntins entbrannten aber auch die 



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Petersburg und Gadebosch 



L19 



Leidenschaften. Wahrend bis ins Jahr 1858 hinein das Publicum, 
auch die nelerslnirgei- Gesellschaft, ansfalli'nd gteichgiltig oder ab. 
wehrend sieh verhallen hatten, trat jetzt das Kutgogongesetzte ein. 

Ich habe den Winter 1857—58 nicht in Petersburg; geweilt; 
sehou Im Frühjahr 1857 hatte ich Russland verlassen und 
brachte, nachdem ich den Sommer in Deutschland und England 
verlebt, den denk würdigen Winter 1857—58 in Paris zu. Ich 
nenne den Winter denkwürdig, weil er den Beginn der Aufhebung 
der Leibeigenschaft sah und rtie Art der Lösung dieser Frage bis 
auf den beutigen Tag und wol noch lange hinaus die Lage Russ- 
lands bestimmt; ich nenne den Winter denkwürdig, weil das Orsini- 
Attentat den Kaber },"n[ni!cnu nicht nur zum italienischen Kriege, 
sondern zu seiner ganzen \atimi:ilit;ilsimlitik getrieben hat. Jeuer 
italienische Krieg aber und das Liebäugeln mit den Nationalitäten 
hat den späteren Theil seiner Regierung bestimmt und enthalt den 
Keim seines Sturzes. 

Als ich min nach beinahe. zweijähriger Abwesenheit im 



Mehrzahl der Besitzenden, zumal der Gutsbesitzer, sieh früher ab- 
wehrend gegen das Bestreben des Kaisers verhalten hatte, war 
jetzt plötzlich diu grosse Mchihcit. in IVteishurg wenigstens, auf 
der entgegen gesetzten Seite zu finden. Man begnügte sich aber 
nicht, den grossen Gedanken gut. zu heisseli, seine Forderung zu 
wünschen und zu unterstützen, sumleni ilie entgegenstehende Mei- 
nung wurde mit Spott unil Verachtung behandelt und ein besonderer 
Spottname iKpkntjcTiiuiaii in Umlauf gesetzt für alle diejenigen, 
die, ohne dem hinein entgegen zu sein, ilie Meilenken dagegen 
boiTorlnibeu, einen grösseren Anlhcil für ilie Gutsbesitzer au der 
Losung der e'i'ngc wünschten, besonders vor jeder I 'e.bereilung Warn- 
ten Und eine längere Zeitdauer zur Eni Wickelung iiir untliwendig 
hielten. Bei vielen von diesen als liberale und l''oilsclirittsii;u'tei 
sieh bezeichnenden IVfSimen halte sich null noch ein anderer Ge- 
danke eingestellt: mit der Freiheit der Bauern sollte auch den 
oberen Klassen der Gesellschaft ein grosserer An theil an der Re- 
gierung gegeben werden. Ich habe damals zu meinem Entsetzen 
die äussere] deutlichsten Pro jede vernommen und wollten diese Russen 
gar nicht begreifen, dass die Auslander ihnen nicht zustimmten. 



JO 



l<]i.'bll>cll. 



In ergötzlichster Weise habe ich hulbtolle Projecte durch Lord 
Kapier einem Damen kreise g.-^emibci' zeichnen gehurt. Anoh 
gesellschaftlich wir Peterabarg sehr verändert. Die politischen 
Meinungen traten bestimmend in die peisüulieheu Beziehungen ein. 
Auch ich gab manche frühere Begehungen auf, weil icli nicht 
immer diseutirc ichlc. Nun trat, in diesen als liberal bezeich- 
neten Kreisen mich di« Mannst, gesell die tili' konservativ gelten- 
den baltUcben Provinzen mein" und mehr hervor. Diese Jiidituug, 
die in den nilehsten .leinen immer mehr und mehr zunahm und 



Auch im diplomatischen Corps waren für mich persönlich wichtige 
Veränderungen eiugi-lreleu. Mein [''n-und Eslerliazy war im Herbst 
in FontaiiicUcan gestorben. Kr war einem alten Leiden er- 



boten auch mir bald ein gar angenehmes Haus. An Stelle 
Lord Woodhonse war Lord Napier er 
Weither durch den Frei herrn von I 
werden, dessen l'crsiialirlikcii ja auch schon in Petersburg bedeut- 
sam hervortrat. 

Dur Sommer lR'iil hatte den italienischen Feldzug gebracht. 
Der unerwartete Frieden sschluss hatte auch mich im höchsten 
Grade überrascht, als ich an einem schonen Frühmorgeu in Gade- 
busdi einen zur Jagd erwarteten diplomatischen Freund aus dem 
Wagen steigen sah und er mir das gedruckte Extrablatt des 



die Höhe erreicht,- die er vor diesem Kriege Itatte. Es gab keine 
anderen Gründe für das Fallen als den ungesunden Zustand des 
Geldmarktes in Itussland überhaupt. Trotz der ausschliesslichen 
Papiervalulu und einer ungünstigen Handelsbilanz hatte sich der 
Cours nicht nur geliehen, sondern derselbe hielt sich lange Zeit bei- 
nahe (iJ pari. Der erste äussere Anstoss genügte nun, um ein 
Fallen hervorziiLriiiyeu. Suiclies hat sich nun bei jeder politischen 



Petersburg und Gadehnsch. 



121 



seliwierigen i:ii[-i>|'iiisr]n:i[ (', (illatii.il wiedi-rludl, ub/war Itllsshtnd 
bis zum zweiten Orient kriege niclit i ii in-i in Mh it-idi-iisi'haft ge- 
zogen worden und trotz der vuu Jahr zu -fahr sich günstiger 
stellenden Produetton nnd Ejportatian. Hatten doch die -.Eisen- 
bahnen es ermöglicht, das in den centralen Qouvernements gebaute 
Korn auf neu Weltmarkt zu bringen. Als nun aber Russland 
direct an einem Kriege bei.heiii;.'!. war. die I *ji i> Lt-j s~iion immer- 
fort bedeutend gesteigert wurde, entstand nicht nur die jetzige 
schwierige Lage, sondern der Schaden ist ein so tiefer, das s eine 
Heilung kaum ruöglieh erscheint 

Ich Labe nouli nicht den Namen einer Frau genannt, deren 
Eiulluss vielleicht der gross te gewesen ist, der in diesem Jahr- 
hundert einer Dame, in Kusslaud zuzufallen sein dürfte. Die 
Grosslursl.il] Helene, di:iu wiirlti'inbi-rg^-heii Kiiui-s haust' entsprossen, 
hatte den jüngsten Bruder des Kaisers Xikolni, den Grosst'nrsteu 
Jlicliuel geheiratet, Zu Lebzeiten ihres Gemahls war der schonen 
aiiinutliigen und geistvollen Frau sei'ijstverstaiidlieli eine hello Stel- 
lung in der Gesellschaft und auch wo] ein gewisser Eiufluss sicher. 
Als sie aber als Wittwe nach vollendeter Erziehung ihrer Tochter 
ihre Lmgangskrciso unaiihnn-ig wühlen konnte, wurde auch in der 
Politik ihr Einfluss von Jahr zu Jahr bedeutender. Kaiser Nikolai 
erschien in den letzten Lebensjahren beinahe täglich bei seiner 
Schwägerin und hat iu vielen Fällen auf ihren Rath geliert oder 
wenigstens ihn boren wollen. Massgebfuder wurde dieser jedenfalls, 
als die feste Hand, die rücksichtslose Energie, der schwer zugäng- 
liche Charakter des Kaisers Nikolai nicht mehr waren. 

Neben allen Vorzügen der äusseren Erscheinung, einer grossen 
geistigen Lebhaftigkeit und rastlosen I'lni;ii;keit eignete der liross- 
fttrsÜD viel Geschmack an geselligem Umgang und Talent zur 
Conversation, sowie der Wunsch alles Gute und Nützliche zu for- 
dern. Während ihrer Ehe in der Wahl ihrer Gesellschaft nach 
jeder Seite hin beschrankt, hatte sie mit grosser Energie die Ver- 
waltung eines '('heiles des gross fürst liehen Vermögens übernommen 
und sich namentlich ganz den schonen Sommeritz Orauienbamn 
und die Verwaltung der aui.;i deliMea Domänen, die zu diesem Be- 
sitz seburlcii, erbeten. Ohne irgend woleüc Kenntnis in laadwirth- 
sc Im ftl ich er und mini ir. ist rat im Hinsicht, ohne irgend welchen sach- 
verständiges Rath /u suchen, hatte sie die ganaa Verwaltung um- 

iliugcsraitet, einen gr)s"fii hiuriw.uhseli.iU.icliei] Hi-'.ne'i eiu^emhl' 1. 
Mi Deutschland Laudwiithe. Fürst er. Gärtner kommen lassen 



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Hirse k;itmti>]] die Verhältnisse liier nicht, auch war die Wahl zum 
Tlieil eine nnglfleklielie gewesen, und so war die geistvolle und 
i[iil.i-rtu!!iuiende Krau in Ixisi: Ycih^i'iiln'iieii irekommeii. — Mein 



Aufenthaltes in Hovnl als solcher zu l'uncüoniren. damit, wie s 
sagte, sie durch einen Esiländer die IStkanntwhatt der estländische 
ItittcrsrhaH. inilclien könne. Ich habe aber nicht das (ilinrk üeliati 
in irgend welche nähere lieziehnugen zur Frau (iross fürst in -t 



einen grossen Zauber gcilbt haben; ich bin nicht viel Uber jene 
Form der Um erhalt ung hinausgekommen, die darin besteht, dasa 
man n'ul mit einer Frag« angeredet wird — eine Vorm, die ja 
bei den hohen Herrschaften die gebräuchliche, aber eine wenijj 



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Kiufluss geübt. So ausgezeichnet der Geist 
so liatle doch dieser nicht die Schulung, 
ikenntiiis.se, um zit einem selbständigen Dr 



das Eigentumsrecht :ui Grund und Boden den Besitzern gewahrt 
wissen, — su wurde ich als Eienct-ionür verschrien. Die Gross- 
i'iirstiii behandelte midi su wenitf wulihvitllend, iIass ich ganz auf. 
hörte mich im l'ahüs Midicl zu Keinen. Hrst in den letzten Lehens- 



Ich habe unn hier die Frage der Aufhebung der Leibeigen- 

lieh die Geiniltlier in Petersburg und im ganzen Reich erregt, 
waren, ich habe die Richtung angedeutet, in der sich die Gegen- 
sätze offenbarten und will nun verzeichnen, was ich persönlich 
zu jener Zeit über die Behandlung jener grossen Frage erfahren, 
Ist doch jetzt kein denkender Mensch mehr im Zweite! darüber, 
dass die Art nnd Weise, wie jene Frage gelost wurde, den Keim 
zu all den Verwickelungen gelegt hat, die jetzt das Reich in die 
schwieligste l*\ge geführt haben. 



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Eine Sommerfahrt durch Kaukasien. 

(1881.) 



n. 



4, T 1 f 1 1 s. 



$"7"% -.. : ein gründlicher Deutscher eine Reise mitritt, [dlegt er 
$1^$'- sich zu derselben auch geistig zu rüsten. Er scltaut 
llnissiy die Kiwi*-, an, toiisultut eventuell den Büdeker Ulier studirt 

die Fahrplane, liest endlich alles, was nur über die zu bereisenden 
Laude ihm zugänglich ist. Dies allea ist lobenswert« und der 
Nachahmung würdig : nur die Poeten müssten auf den Index für 
Touristen gesetzt werden. Wer den Mii-zn-Sdiult'y von Bodenstedt 
mit Entzücken verschlungen hat {und weither gebildete Deutsche 
hatte sich dieses Hochgenusses beraubt!), der glaubt in Tittis ein 
von Wein und Liebe üheysl liaaemles irdisches Paradies zu finden 
und kann anfangs eine gewisse Enttäuschung nicht überwinden, 
wem) er nur eine gios.se h:illiirii i-iii rUisi-Ue und halhasiii tische. Stallt 
in Schüller landschaftlicher Umgebung vor sicli sieht. So wenig- 
stens ging es mir, und ich bin niclit so unbescheiden, mich für 
•anders als andere, zu halten. Tiflis, einst Hauptstadt von Gru- 
sieu, Georgien und Inieretien, dann Residenz des Grossfürsteu- 
Stattlialters von Kaukasien, ist an der Sara tlieils in einem Tlial- 
kessel, tljeiia an einer Bergeswand gelegen und zählt weit über 
lAHI.tmi) r.iuwolme.r. Dabei ist Tillis uiihedin<:l eine der schönsten 
Stttdte des weiten russischen Reiches und die gnisste. im asiatischen 
Rllssland. Ich wandelte also jetzt in einem anderen Erdtheil, in 
Asien, darüber hatten mich schon auf der Heerstrasse, zwei stei- 
nerne Pyramiden mit den lakonischen Aufschriften Am und Eapoua 




Eine Sommerfahrt durch Kaukasien. 



belelirt, und. das bewiesen uns die Häuser orientalischer Bauart, 
an denen wir auf • asiatischem» PHisler liingsiiiii voriiberrasäelten, 
die spitzen Thurmchen der Mirmrets, die aus dem Strassen gewirre 
emporragten, die turbuntragendeu urietidilisrh-ivi'Miioniell einander 
lifrs:ii--L-:i']tn lieglciter der Karawanen von Inseln und Kameelen, 
denen wir' begegneten, endlich die sonderbaren Schrifizüge im den 
Thilren in armenisch;:', irnisiiiischor und [ursisibarahisclicr Sprache. 
Aber auch an einer deutschen Colonic, dem Obst- und Gemüse- 
garten von Tiflis, kamen wir vorüber, und heimatliche Laute 
streiften das Ohr. So erreichte ich das mir empfohlene Gasthaus 
am Golubin ski-Pros pect, der prachtvollen Hauptstrasse, welche 
mit ihren breiten, bauuibepflanzten Trottoirs die Stadt in ihrer 
ganzen Länge durchschneidet. Alle Fenster des bescheidenen Hotel 
de Paris gingen in den schattigen Hof hinaus, in dessen Mitte 
ein Springbrunnen sprudelte; die Preise waren hier durchaus nicht 
übermässig hoch und für 1 '/, Rubel wurde ich Bewohner eines zu 
ebener Erde belegenen Zimmers. Langsamen Schrittes begann ich 
einen Abend Spaziergang den •Prospect> hinauf und wurde vielfach 
au die gleichnamige berühmte Verkehrsader der nordischen Palmvra 
erinnert. Grosse, hohe Häuser, deren untere lind mittlere Etagen 
von eleganten Magazinen oder aromatischen Fruchtbuden einge- 
nommen waren ; ein lebhafter Verkehr, uberall Handel und Wandel. 
So kam ich bald an den Stadtgarten; seine rauschenden Fontänen 
und wohlgepflegten Anlugen waren von Lustwandlern stark be- 
sucht, welche den Tönen eines Orchesters lauschten. Im Hinter- 
grunde bot sich eine weite, herrliche Aussicht auf die jenseit der 
KnrA belegenen Stadttheile. 

Welche Fülle schöner Knaben- und Jünglingsgestalten, welcher 
Weidi-e! [j;iri;]i;Us:.duT und oricMaiischei- Knitüme, die bei der grellen 
Gasbeleuchtung schimmerten und vor allem welche balsamische 
Luftl Hier zankten Gruppen armenischer Kauileiite, dieser Juden 
des Ostens; dort schwirrten französische und russische Phrasen 
durch einander, Säbel und Sporen rasselten — die leutt-m ondc er- 
freute Bich auch des schönen Abends. Bald sollte ich es sehr be- 
greiflieh finden, dass die Bewohner von Tiflis am Tage kaum ihre 
Häuser verliessen — da die Hitze oft 40° im Schatten erreichte. 
Unter den Gebäuden fielen mir besonders der Palast des Statt- 
halters auf, wo jetzt niemand zu wohnen schien, wie denn im 
Sommer alle bessergestellten Bewohner sich in die Berge flüchten, 
um dort vor der glühenden Tageshitze Schutz zu suchen. Auch 



126 



Sine Scinmeriahrt durch Kairkasien. 



e Kaukasische Musenm — dank iler umsichtigen iinil 
talentvollen Leitung des Ditector Hadloff eine der interessantesten 
Jliü-k'.vüvilijjkoitt'ii von Tiliis - ■ fesselte meine Aufmerksamkeit. 
Schlii'sslidi ermüdet auch der schönste Abe.Lids]iazie!\L;an;j ; so seilte 
ich mich denn in eine Druschkc und lies., mich in einen der Garten 
führen, die jenseit der Briicke über die k'urä, am Standbildc des 
Fürsten Worouzuw vorüber, eine bü^ndiriv Strasse bilden. Mein 
Kuhrmanu sollte midi vor der Thür ehu's eleganten Ktabli.wmeiits 
mit französischem Namen ab, woselbst SonuDertheater und ein 
gutes Sl.rdthurdu'ster ein ziemlich zahlreiches 1 'iibü-.'iliLi versammelt 
liatten — tottt eommt eher nous '. Ich wählte mir einen Platz an 
einem der kleine» Tische, welche von [Unken Tatareu mit gescho- 
reuen Köpfen, ahn im sdiwar/e» Krück mit weisser Himle bedient 

wurden. Ich konnte mich des Lachens kaum erwehren, als ich 
:un Nebentiscbchcn einen Horm bemerkte, welcher in deutscher 
Sprache den ihn bedienenden Tataren über verschiedone Merk- 
•.vmilii,'koite)] vun Tiliis auslohte. In der Voraussetzung,' rtuss 
der Asiate keinenfalls die germanische» Laulc verstehen diirlle, 
bot ich mich meinen] Tischnachbar als Uebersetzer an: erstaunte 
aber nicht wenig, als der tatarische Diener in messendem Deutsch 
seine Antworten ertheilte 1 Er versicherte, in Petersburg die Bnupt- 
sprachen Europas erlernt zu haben, nachdem er jahrelang iin be- 
rühmten i Restaurant tatare> fmictioniri hatte. Au meinem Tiscli- 
naehliarn maelite ich eine interessante Bekanntschaft wir wechsel- 
ten die Karten und ich ersah aus der seinigen den Namen: Max 
von H. . , , kaiserl, mexikanischer Hauptmann a. D. — Im Laufe 
des Gesprächs erwies sich, dass Herr von H. den unglücklichen 
Y,:Y.l.t:c/.i.y r - Maximilian nach Mexiko beideiU-1 hatte und din'l nach dem 
Sturz des Kaisi-rthiims du eivL'uis reiches Leben hatte nibren niiis;eli. 
Aus der Gefangen schalt von den Republikanern entlassen, war 
Herr v. H. Photograph geworden und hatte sich als solcher ein 
Yernii'gon er Horben, war dann nach seiner Heimat Wien zurück- 
gekehrt, wu es ihn aber nicht lange gelitten hatte. Die Heiselust 
trieb ihn nach dien Orient ; nber l.'unstnntin'iiic!. 'J'rain'zani üatmn 
und Poti war er nach Tif Iis gekommen, um von hieraus Stieifsiige 
in den Daghos'tau zu unteruclnncii, dessen wenig bekannte land- 
schaftliche Schönheiten er mit seinem leicht tra»sjiortablen photu- 
graiduscheu Kainm |iopularisiren wollte. Ich fand es originell, 
auf asiatischem Boden hei einet- Flusche Kaclietiuer mir von dem 
mexikanischen Gnet'i 11 ähnele erzählen zu lassen und so wurden 



wir gute Bekannte und verabredeten, am nächsten Morgen gerne 
sum auf Entdeckungsreisen in Tiflis auszugehen. 



rilen fiist auf der Strasse i 
reitet und kauernd daselbst 



und hilnimerte ein beturbanter Sc 
tend sein bartiissi^er Arbeifcelci 
iiingi-l'iilü und tbss rjnc trübe, 
Weiter beschwatzte ein hialerkcb 

blitzende Hinge mil blaiu-n St- 
riefen Kwas, Inmuna.te, Theo au- 



, mit seidenen Stötten. Hier iiochtis 
linstet- Ulli! vor ilim kauerte war- 
■, dort wurde Wein in Flaschen 

rothe Flüssigkeit in die Gosse. 

in blanseideneji Katlau gehiilltei' 
;en Tscbcrkessen und drang ihm 
inen auf. Wandernde Hatisirer 



sondere Erwähnung verdienen nncli die tnrkineniscben Lastträger 
voll Tiflis. Kleine, magere, .seimig,; Gewalten, auf dem Kopfe einen 
Turbanfetzen, aufs ärmlichste, oft nur halb bekleidet, Schlesien 
sie die schwersten l.asic.n auf gekrihnmlen |{iifk>:n durch die aus- 
gebreitet!: Stadl. Sie essen und schlafen auf de.r Strasse, verdienen 
sieh mit der schwersten Arbeit ein kärgliches Stink lirod und sind 
dennoch berühmt durch ihre Ehrlichkeit. Wenn man einen Lastträger 
zwinge» will, am nächsten Jlui-gtni f'rnb seine begonnene Arbeit 



128 Eioo Sommcrfuhrt durch Kaukasien. 



unsere Schritte. Wie es der Feuerwehr m^'licti -ewesen, in diesem 
engen Gasschen mit seinen in einander gescheit eilen Baulichkeiten 
dem Feuer Halt zu gebieten, seinen fast unbegreiflich. Jedenfalls 
war es aber der Knoigie russischer .Soldaten und nicht, den gnfl'en- 
den und geschwätzt <: jrestiuiilimulen Orientalen zu danken, wenn 
für dieses mal der iMahlan> nicht ein Kaitb der Klammen geworden 
war. Manches krallige Seh impf wort und manch wohlgezielter 
Knittenhieb hatte wo! der Raublust des Mnrktp dvls Einhalt ücthan. 
Da der Verkehr in der Strasse stockte, trat ich mit meinem 
Mexikaner an einen türkischen Waffen- und Silberladen, aus wel- 
chem prachlige Dolehme.-ser, euiaillirte l'islolenkolben uns eut;:egeu- 
blitzten. Wir bewunderten die geschmackvolle. Arbeit, mussten 
uns aber überzeugen, da~s es auch hier nicht erlaubt sei, Metall- 
waaren anzufassen. Der apathische greise Turb antrage r brummte 
ein vernehmliches .Seheitan. (Teufel), als ich die Spitze eines 
Dolches prilfen wollte. 

Wir betraten noch eine am Wege liegende .Moschee, von deren 
Minaret die monotonen Rufe des Muezzin erschallten der die Gläubi- 
gen zum Gebet rief. Nachdem wir nacli orientalischer Sitte Stroh- 
patiloiTeln (Iber unser staubiges Schuhwerk gezogen hatten, durften 
wir bedeckten Hauptes in das Innere des kleinen Tempels hinein. 
Da war jedoch weilig Interessantes zu sehen. Die kahlen vier 
Wände, ein verbitterter Hanta l'iir die Frauen, eine Art Katheder 
für den Mullah. Den einzigen Schmuck der Wand bildete ein 
Papier mit goldenen arabischen Schrill zeigen (der Xameirszllg des 
Kalifen?) und eine Abbildung der Kaaba zu Mekka. 

Unter den zahlreichen Gälten von Tiflis verdient der Müsch- 
tiüd einer besonden-ti Krwähnung. ! n. -i : i'r"Ssar[igo Park, am 
Ende der Stadt belegen, ist das Geschenk eines reichen Persers, 
der den armen liewohiicni seiner Heimat einen I.ustort bewahren 
wollte. Die herrlichsten alten Bäume und seltensten Gewächse, 
machen denn wicküch diesen Gartow sühn T,iebliü:rsspazicr;;a[ig ve:t 

Hoch und Gering in Tiflia. Hier giebt es Restaurationen für 
reiche Europäer, wie für arme Orientalen, die mit Ziegenkäse, 
Schaschlik, Kruchten und Kachetiner vorlieb nehmen. Die einzigen 
techönen Mädchen von Titlisp habe ich im Mnscht&Id gesehen: 
glatangige Dirnen von V2—U> Jahren pflegten hier der Siesta und 
schienen nicht abgeneigt, .die Tschadiiu zurück Kitsch lagen. 



Kiiiitifisii-ti. 



12! 



rtmvh ili<> Ku, ;, srLlüni'.-ll ; w ( -il.-rl,iii auf dir frrimcml™ 

Garten und Fluren der deutschen Colon!« und endlich im Hinter- 
gründe in nebelhafte]' Ferne anf die Bergkette. Wir überstiegen 
mühelos den niedrigen Zaun, welcher den butanischen Garten von 
den stattlichen Ueburresten der «tsisnluni K.iuigslmrg trennt. 



steil ansteigender Gassen und Gäesche 
hohen Punkte ist, allerdings nur bei 
Schneespitze des fernen Kasbek siel: 
armen isch- grego rian ische n Heiligthnms 
von dem anderer orientalischen Kirchei 
eher in einer Zelle eingemauert leb 
Dieser sonderbare Heilige soll suwei 



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130 



Zolin Tilge verlobte 
: des Kaukasus, gern 



dien und asiatischen Lebens 
Wurde ich des geräuschvollen Tieibens 
spect müde, langweilte mich das ewige 



die Anwesenden Inludeklntsdienil den Tni;l schlügen Itml jugend- 
liche Madehen gestalten tanzen. Wurde ich des betäubenden Lünnes, 
der üble» Gerüche und des rohen . Treibens in dem orientalischen 
Viertel ilberdrussig, so kehrte ich gern in den Comfort eines euro- 
päischen Hotels zurück oder speisle im Klnbgartan zu Abend, wo 
die russische und grusinische Aristokratie, mich die armenische 
Kiiufniiiiiiiswelt sich zu versammeln fliegt. War die Gesellschaft liier 
auch recht geinisclit, so machte der grosse, schöne Warten , die gute 
Musik und ei» eleganter Salon einen freundlichen Eindruck, und 
Kremdc dringen hier nur auf Kmidelilimi; der Mitglieder ein. 



Die Bahn Tiflis-Poti, auf der ich die mir sympathisch gewor- 
dene Stadt verliess, ist reich an schönen Aussichtspunkten mar 
hat einen starken Kall von dem Bergplatean in die Ebene des 
KWn. Meine Mitpassagier« in dem Waggon dritter Klasse schie- 
nen alle vollblütige Asiaten; ausser mir sprach kein einziger 
messend russisch, selbst den Schaffner nicht ausgenommen. Die 
reisenden Giusior und Armenier führten eigenen, stark nachKuob- 



Eine Somiiierfahrt durch Kuukusieu.' 131 

tauch duftenden Muiulvoi rath mit sich, zu ihren Füssen lagen 
Wrinsrhiaurhc aus Ruckslvdrr, mh Karhetiner gclulll ; ein siduvarü- 
lockiger Jüngling spielte auf der national- grusinischen (iuinirre, 
einige andere Mitreisende rührten das Tamboarfn oder strichen 
einsaitige liussgeigen und das sümuitticlie Publicum schlug mit den 
Händen den Taej. Anflugs fand ich Geschmack an diesem origi- 
nellen Schauspiel, buh! aber brachte mich der wenig hnnuuuischc 
Höllenlärm zur Verzweiflung. Meine Hitte an den Conducteur, 
ihm ein Ende zu machen — blieb Fruchtlos, er lauschte mit ent- 
zücktem Behagen di'n nationalen Tonen und rictli dem . Bil rin- 
Urliss>, in die zweite Klasse überzusiedeln. Die ( iesell schall wurde, 
unterdessen immer lauter und hvdilicher, ja iin-iii« .Nachbarn not Lis- 
ten mir mit gutniiithigein Zwang in barbarischem Itussisch ein 
(ilas um das andere ihres blnt farbigen Kachetiners auf. Die Gegen- 
den, au denen wir Vorüberfuhlen, gehörten zu den scheusten und 
fruchtbarsten von Transkankasieu : besonders der Anblick der Stadt 
(Jury (Berge) ist mir erinnerlich, da wir auf der Station gleichen 
Namens längere Zeit hielten. Hinter uns lag die unlängst uhcr- 
scliriltene Kette der kaukasischeil Alpen, denen ein silberfarbenes 
Rilsschen entrann, öbcrhnlb der sauber in weissen Häuschen 
schimmernden Stadl, redete eine in Trümmern liegende Bergfeste, 
von lilngst entschwundener l'rarbl. Hier wie überall in Georgien 
und Imeretien entzückte mich dabei die üppigste Vegetation und 
ein [ieberfluss tler köstlichen fruchte des Hudens ; die ganze Bahn 
entlang wurden die schönsten Hirnen, Aejil'el, l'lirsiche, Aprikosiüi 
und die verschiedenartigsten Beeren mit bekannten und unbekannten 
Namen zum Verkauf ansgebuten und mir dadurch Gelegenheit 
gegeben, mich meinen lebhaften lieisegeimsscn gegenüber zu revau- 
Chiren. Ein Knabe von 10—12 . rubren hatte sieh zu uns gesellt 
und verstand einige russische Phrasen herzusagen, welche er in 
seiner Dorfschule erleint hatte: icli suchte ihn Uber die Lumles- 
vcrhältnisse auszutragen, könnte aber seine lakonischen Antworten 
nicht verstehen. So fuhren wir denn mit massiger, nfl gehemmter 
Schnelligkeit friedlich weiter, wobei ich die unverzeihliche Thurheif 
beging, an der abzweigenden ISal ach dem durch seine schöne 

Lage berühmten Kutala vorüber zu fahren, ohne diese Pei'le von 
Transkaukasien gesehen zu haben. 

Es war Abend geworden, als wir durch die sumpfige Thal, 
ebene des liiöu uns l'eti näherten, diesem einzigen Kchwnranccrlmfeu 
von Transkaukasien bis zu dem letzten urienialischen Kriege, der 



Eine Sommerfahrt durch Knukasien. 



dem nissischen Reich z 
half. Es regnete aufs Ii 



mann zu sichern, Iiis die Gepäckexiieditimi meinen H fi si' koilV-i- 
herausgab. In wenig Augenblicken waren alle mit dem Zuge an- 
gekommene Passagiere vfü-scli wunden und aussei' mir marsehirte 
nur ein alter Herr unruhigen Schrittes im Warteaalon erster 
Klasse auf lind ab. Seine kleine Figur im grauen Reisepaletot, 



mnthen. Kr schien vmi injend i- i 1 1 ■ -in ii:i.ui_"cii''lctn'ii <. ; ■ ■ ■ i : < : i Ii. 1 1 ; 
beunruhigt. Wenn ihn seine einsame l'roiuctimle an mir vorüber- 
führte, machte er unschlüssig Halt, blitzte mich mit seinen Brillen- 
gläsern an und — wandelte langsam weiter. Ich glaubte zu 
errathen, welches Anliegen er an mich habe und beschloss ihm 
zuvorzukommen. 

•Entschuldigen Sie, Herr Professor,» redete ich ihn an, tes 
scheint mir, als wenn Sie nicht rechtzeitig sich einen Fuhrmann in 
die Stadt haben verschaffen können, darf icli Ihnen meinen Wagen 
und meine Gesell schult anbieten ?• 

Der alte Herr sah mich erstaunt an. .Woher kenneu Sie 
mich und wie kommen Sic dazu, meine Gedanken zu errathen?» 
Jetzt war ich erst, meiner Hurlic irewi-s: ieh beeilte mich, ihm zu 
erklären, mit welchen Voraussetzungen icli ihn angeredet hatte 
und nannte ihm meinen Namen. Der Gelehrte antwortete mit dem 
seinigen, und bald erfuhr ich, (lass er Professor an der Universität 
Charkow sei und seine Krise durch den Kaukasus wissenschaftliche 
Zwecke habe.; die Sümpfe des Rfon hätten ihn nach Poti gelockt, 
wo er etliche eigenartige Exemplare von Tntonen für sein Cabinet 
zu erwerben hoffe. Es schien dem alten Herrn nicht sonderlich 
7.11 gefallen, dass ich so schnell seine Profession errathen hatte 
and mein nicht russischer Familiennamen entlockte ihm den Aus- 
ruf: <Jtt, ja, ein Deutscher ist es, welcher den Alfen erdacht hat.. 
Bekanntlich ist dieses sonderbare C"in|diment für unsere Sation 
eben so gebräuchlich in Rassland, wie un üb ersetz bar und schwer 
erklärlich. Endlich sahen wir uns im Besitü unserer /ahrenden 
Habe, bestiegeu die einzige wartende Fnhrmannskalesche und 



Eine Somm erfahrt durch Kaukasien. 



13:1 



steuerten gemeinsam durch den strömenden Rege» und die undurch- 
dringliche Dunkelheit der unfernen Stadt zu. 

Ein schreckliches, licbordr.diendcs Xest, dieses I'uti ! Seine 
sumpfigen, uugeptias teilen Strassen waren nur äusserst si>;li 
beleuchtet. Diu feuchte Külte liess nns zusammenschauern, uud 
der i':'oles^or nieinte: ;Hu! hier riecht es nach dem kaukasischen 
Sumpftieberi» Wir hielten, inmitten einer rii'siiri.'ii K"th!ache. vor 
einem Gasthause mit französischen* Namen, das uns in Tiflia em- 
pfohlen worden, es ward uns jedoch die trosttost: llittin-iliinu;: 
Keine Nummern zu linhen — alles besetzte Unser l''uhr:M;imi. 
zum Glilek ein Kusse, meinte aber t rüstend : .Dann fall ran Sie 
doch in den Klub!« Das seinen uns sein- e igen thüiu lieh — üast- 
hausnniuniern in einer geschlossene;] Gesellschaft, ! Der Portier 
bestätigte aber eifrig diese Mitteilung, und so plätscherten wir 
weiter und waren glücklich, als wir «ach kuiv.or Fahrt im «Klub, 
zwei freie Stuben fanden. Allerdings schien unser Nachtlager 
wenig nnmuthend, feucht und dumpf — aber wir waren doch end- 
lich unter Dach und Fach und durften liollen, ein stärkendes 
Abendbrod, einen guten Trunk und erholenden Schlaf zu Huden. 
Einige t'< ■ L Kif [ 1<- Sr.hiii einkeilen Inll-si.eii Überwunden weiden, Iis 
wir in die esckisivcn Räumlichkeiten den Klul.is zu Poll eindrangen, 
mit dem Abendessen aber war es schwach bestellt; denn ausser 
einer einzigen Portion H am nie IL raten und einer Arbuse gab es 
am Büffet nur noch ossel mischen Ziegenkäse. Nachdem wir dieses 
kärgliche Mahl mit dem unvermeidlichen Kacheliner begossen und 
uns das Herz durch einige krallige Reden gegen diese asiatischen 
Zustände erleichtert hatten, begaben wir uns zur Ruhe, wahrend 
der Regen an unsere Fensterscheiben weiter trommelte. 

Auch am nächsten Morgen machte I'iili einen »nlVciiiidliehcii 
Eindruck: von Zeit zu Zeit tröpfelt« es wiederum, als wir zu 
zweien unsere Rundfahrt zu den Merkwürdigkeiten des Ortes unter- 
nahmen. Unser erster liesiich galt dem künstlichen Halen, der 
seit einer Reihe von Jahren gebaut, wird. Millionen Uber Millionen 
verschlungen hat und wol nie beendet werden wird, da der natür- 
liche Hafen von Batüm meuchlings durch die Kisenbahu mit Tiflis 
und Poll verbunden) die zwecklosen Ausgaben für diese Hauten 
Überflüssig macht, zum Leidwesen der Herren Ingenieure, welche 
nicht wenig an dieser Unternehmung verdient haben. Das stür- 
mische unberechenbare Schwarze Meer hat auch jetüt noch nicht 
aufgehurt, den alten Ruf des Pontus Eiixinus zu bewahren. Die 



134 



Eine Somnierfahrt durch Kaukusien 



ungeheuren Molos, ;ms riesigen i^uaderst einen in dasselbe liinein- 
gebaut, vrerdan immer und immer wieder von den Wellen aus- 
einander weissen mul in das Meer orter an rtie Ufer getrieben. 
Tausenrte von Puden wiegt jeder einzi-lne dieser belianeiien Felsen, 
und dennoch vermögen sie nicht den unbezähmbaren Fluten zu 
widerstehen, welche besonders im Herbste dieses Mrfr zu einem 

für die Schifffahrt so gefährlichen machen. In unserer Gegenwart 

wurde eine der enormen Quadern von dem I Janipf hammer in das 
Meer gesrlilagen und haushrieli spril/te die unnw, slurmbewegle 
Flut auf, als wenn sie ungern den steinernen Gast in ihren Schoss 
aufnähme. Da ich an diesem Tage weite:' nach Batura fahren 

wollte, versprach das slürmisehe Weller mir eine bewerte Seeleise. 

Doch die Zeit drängte, da auch der Professor keine zweite 
Nacht in Poti verbringen wollte, wo er das glimpflicher fürchtete, 
und so eilten wir weiter zu den tlestaden des l'a laust Odo 11, eines 
schon im Alterlhiini bekannten Morastsees inmitten üppiger Vege- 
tation, weither von den uii-.iiuigl'aUi jsico Thierarten bevölkert ist. 
Auch hier weilten wir nur kurze Zeit, die grosse Feuchtigkeit lind 
die gesundhoilscbüllichen Miasmen des t,',>p, sehen Sumpfes trieben 



Suchuni-Kiileh-hVodossia gelöst, und wir Hessen unsere Droschke 
bei einem armenischen Photograpüen halten, welcher im Rute 
stand, mit allerlei See- und Meergethier zu handeln. Wir erstanden 
tinige schlechte Phulugraiiiiien kauknsisrher Aosiehleii, mein eifri- 
ger Professor mussto aber die Huil'uuug aufgeben, in Poti die 
gewünschten eigenartigen Tritonen zu erlangen. Der Armenier 
behauptet«, dieselben jnr kein tielil besorgen zu können, da die 



und ich beeilte inieil, meine Habseligkeit en auf die Hiabuschka: 
i l.h.issnnittcrchcn i zu billigen. Dieser kleine, stark gealterte Klnss- 
dampfer hatte den Rion hinunter zu fahren, ging dann über die- 
hohe See nach Batum, wo die Passagiere die grossen Schrauben- 
dainpl'er der . Iliissisclien fiese! Ischali ( E L j ■ Sehili'falirt und Handelt 
vorfanden. Da der Rion zu versandet und flach ist, um grössere 
Fahrzeuge tragen zu können, gab es nur noch eine andere Art, 
das entsetzliche Poti zu verlassen. Bin zweiter Flussilampier 
pllegte nämlich dem grossen Steinum' entgegenzufahren, und die 



Kl 



höher See umsteigen. Dies sohlet 



Dumpfer, welche den Verkehr zivisulicn Kiga und Unbbelu einst 
vci-iiiitlelten, konnte sie die Masse der l'assagiere kaum lassen : 
auf dem Deck lag, sass, schlief und Zankte alles durch einander, 
und aaf den Platzen der ersten und zweiten Klasse sali es nicht 
viel sauberer aus. Djis bessere Publicum erkletterte das Oberdeck 
des Oapitäns und bot der reinen Seeluft halber den Spritz «'eilen 
Trutz, welche hoch hin aufschlugen, als wir dem immer starker 



cb wachen Hasssehale rollte 
i schmutzigen, kränkelnden 



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186 Eine Sommerfahrt durch Kaukasien. 

ia ihren Kapuzenmantel gehüllt: und meine Wenigkeit dort oben 
aus. Ich stierte in die umnebelt«, farblose Ferne hinaus, dachte 
nichts und empfand nur ein grenzenloses Unbehagen. Instinktiv 
stolperte ich endlich noserer überfüllten Cajüte zu, HtOrzte über 
den in der dort herrschenden Dunkelheit niclil siehi.baren Haufen 
der verschiedensten (icpäekartcii und — verfiel in einen tiefen 
Schlaf, aus dem mich nichts mehr erwecken konnte. Das Heulea 
und Krausen des Sturines, das Jammern und Aechzen der Passa- 
giere, das geräuschvolle Hin- und Herrennen der Mannschaft, die 
verzweifelten Au Strenglin gen des Stewart, welcher die Mittagstafel 
(lecken sollte (lächerliche Ueretuonie, denn niemand War ja im 
Stande zu essen — obgleich alle bezahlt hatten 1) — nichts, gar 
nichts vermochte den 'Podessrhlaf des Timristen zu unterbrechen, 
welcheu sonst das Gesumme einer fliege beunruhigte. — So wurde 
ich denn nicht seekrank — ohne aber sagen zu können, dass ich 
gesund geblieben sei, denn dieser Todessddaf war doch jedenfalls 
eine krankhafte Erscheinung I 

Um ü Uhr Nachmittags liefen wir in die prächtige Bucht 
von Iiatuni ein und erwachten wieder zum Leben. 



Diese neue Erwerbung ist -fiir Itussland von misch ätzbare in 
Werthe : endlich besitzt das enorme Ucbiet des Kaukasus einen 
Hafen Und eine Bucht, wie sie sich besser und lieler nicht wünschen 
lilsst. Die grossten Seeschiffe ankern untern dem Ufer, dicht an 
den Häusern des bis jetzt noch unbedeutenden Fleckens. Der 
Bazar liegt hart am Meere. Die wenigen Magazine, Buden und 
griechischen Kaffeehäuser stehen in nächster Nahe des Strandes. 
Seitwärts Würden die schneebedeckte!] Häupter der kaukasischen 
Bergketteu sichtbar. Von dem .Sturme, welcher auf utleneni Meere 
herrschte, war hier nichts zu merken, die Bucht war gegen die 
Seewinde abgeschlossen. Im Hafen lagen etwa zwanzig grosse 
Dampfer, die, aus Trapezunt anlaufend, nach kurzer Rast von hier- 
aus ihre Bundfahrt durch das Schwarze Meer bis nach Odessa 
fortsetzen oder umgekehrt den Verkehr zwischen der Krim, dem 
Lande der donisciien und knbanschen Kosaken, sowie den kaukusi- 
sehen Landschaften mit Kleiuasieu, (.'imsliint iuopel und der Levante 
vermitteln. Noch herrscht das orientalische Element vor, aber 
mit der Zeit muss Baluiu ein grosses, europäisches Ceutruni für 



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flt-iiürini der Russischen GrsdlsdiaU inr Suliill't'ulirt und Handel, 
wiiliilic last die. ganze Navigation auf dem Schwar/en litswß inne 
hat. Bekanntlich erhält diese Aetiengesel Isohaft sehr bedeutende 



11 Passagieren der zalillusen Schilfe einen guten Trunk 



Das Stallte] ich liat.um macht vom Meere i 
liehen Eindruck, oligk-ieh in demselben nur wen: 



Meeresstrau.de. 

Der grosse Schruuboii[lame.fer, welcher aus Tranezunt h 
eingelaufen war und unserer wartete, führte den Namen .Gene 
Kotzcbne.. Aach dieses Schiff war schon so manches Jahr i 
See und nicht mit dem iipnigen Omlort ausgestattet, durch u 
chen die neuesten Dampfer der Gesellschaft .Olga., .Puschkin. . 



i>i;si:h:UH'[l. I.II Gesells 



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Kl 



1 Früchte, pliunlnstisclies orientalisches iiark- nnrl Zutknireit 
il in Vi Pfunden handi-rolinen Tabak feilschend. Wir vei fehlten 
:lit uns gleichfalls innigi; ['['und köstlicher Hirnen zu kaufen, als 



PwZiiIh ! erschallen. In der Hund trug er ein Seidel, in welches 

rinnen lief». Natürlich zahlten wir gern die Vermittelet der 
Fingersprache gefiirilertci] drei Kopeken uml erhielten zu Unserem 
Erstaunen — ein Glas reinen Quellwassera, welches vermitthlicli 
den uul'ernen Bergen entstammte. Unser Spaziergang führte uns 
weiter in ein geräumiges Eudenlocal, dessen Thür mit russischen, 
französischen und türkischen Inschriften bedeckt war. Hier wurde 
uns .echt, türkischer Tahak. aus Constantinopel nebelt mancherlei 



der geschwätzige griechische Kaufmann ■ jeder Reisende habe das 
Recht, ein Pfund Tabak und 100 Cigarren zollfrei in exportiren. 
Natürlich beeilten wir utts die genannte Portion des aromatischen 
Krautes zu erwerben und erhielten für drei Rbl. ein Pfund des 
t echten i Tabaks. Daun schleuderten wir weiter und lachten noch 
lange über das sonderbare Sprachcngenüsch, in dem liier gerade- 
brecht wurde und das mir die berühmte lingua franca zu sein 
schien. Ein Besuch des griechischen Kaffeehauses «Porto franeo. 
blieb erfolglos: die von Schmitt* stauenden, mit rothein Mobelaitz 



Erst einige HiLuser weiter liefen wir uns eine Tasse türkischen 
Kaffees und den Tabak von Coustautinopel schmecken. So sassen 
wir denn geiiuu.hlicli bei-sauunen auf der luftiL'eu Terrasse vor einer 
(Jouditorei, schlürften aus kleinen Tiissehen den mit dem Bodensatz 
serviilen Kaifee und plauderten .levanüsch, mit dem griechischen 
Wirth, der, seinen Fez auf dem Haupte, würdevoll einen Kaljan 
(tilrk. Wasserpfeife) rauchte. Das schone Wetter, der Anblick des 



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Eine Somm erfahrt durch Kaukasien. 

belebten Hafens und der vi 
goldeten Bergkette lullte 11 
bemerkten kiiutn das Gehiule auf i-iueiii iI.t in der li.ichl ankernden 

sprach zweier Ofiicicrc ai:s Ohr schlugen: .Wo lautot man denn?. 
— c Auf dem iKotiebne« zun zweiten Mal Ii 

Entsetzt spraog ich auf: .Dootor, unser Schiff fahrt ab — 
kommen Sie !» Einige SilbenLiiinzen auf den Tisch weifen, unsere 
Packehen unter den Ann Dehnten und im Sturmschritt zum Hafen 
hiuimtei eilen — das war das Werk einiger Augenblicke. Uie 
Aussieht, eine Woche in Batum auf das nächste Schiff Warten zu 
müssen und unser Gepäck einlassen za kennen, bcilügclte unsere 
Sehritte. So eilten wir an den einzigen Beotsteg der Bucht am 

Passagiere lind hellen bemerkt, das.s wir Packele unter dem Ann 
trugen. i\Vas haben Sie da unter dem Arm Vi Je ein Pfand Tabak, 
«Geben Sie ihn lierli Weshalb V wir haben dech das Recht, so viel 
zum S elbs Ige braue Ii auszuführen? i Durehans nicht, Sie müssen 
l'/jRbl. in Göhl für jedes Pfund ausländischen Tabaks zahlen.. 
Hier sind drei Rbl. .Heawa! Sie müssen das Gehl im Bureau 
einzahlen und mir die Quittung vorweisen.. Aber auf unserem 
Dampfer ist schon zweimal gelautet werden — wir verspäten. 
Nehmen Sie hier die sechs Rubel. »Wie unterstehen Hie sieh mir 
bwkii anzubieten. Geben Sie mir den Tabak her oder ich arre- 
tire Sie.> So lautete unser schnell und laut geführtes fies [nach, 
wir aber begannen ärgerlich zu werden. « DiK'lor, lassen Sie uns 
ihm Tabak lieber ins Meer schleudern, als ihn dieser Kunzleiratte 
auszuliefern!, rief ich aus, wahrend der .General Kotzebue> zum 
dritten Male lautete. Audi mein Reisegefährte war wiulieud ge- 



uiis mit unseren Einkaufen passiren zu lassen. Dieser meinte 



jllüfkHi'Ji unseren turkiscl M m Tabak und ubersi-hutn-ten den retteu- 

ein Schnss aus der kleinen an Bord befindlichen Ksi o 4ns ICcho 

in den Bergen geweckt lullte und der Anker rasselnd liitiaufjjezuge» 
norden war, begann die Maschine des .General Kotzebne, ihre 
Arbeit, und wir setzten uns langsam in [iewegung [{»Iii lag diu 
Bucht von Batum hinter uns, es war dunkel geworden, und ein 
feiner liegen trieb uns in die Kajüte hinab. Auf offener See 
Worten die Wi.:]1i-ii wieder heftig hin und her und sehankelleli be- 



Doctor aus, der inmitten eines fröhlichen Gesprächs plBtellch auf- 
stand und taumelnd davon eilte. Aber Milch mir sollt« es nicht 
besser ergehen, bald lilhlte auch ich ein seh reck liebes Mißbehagen 
— ich wollte auf Deck eilen — erlag aber unterwegs zum 
ersten und hoffentlich auch letzten Mute in meinem Leben der 




Die drei Tage, welche 
rang auf offenem Meere zltbi 
mitthlieh und angenehm. AI 



prächtigste und betraten am nach. 
ls Deck, wo das schönste, klare 

r bei andauernd köstlicher Witte- 
iten, vergingen uns allen sehr ge- 
ling* war auch die Gesellschaft in 



Vielseitigkeit dein Beobachter manch« Interessante Der junge 
Militärarzt erzahlte mit vielem Humor von den Drangsalen und 
A beul eueni, die er in den kir^iviselieii Stellen ausgestanden hatte. 



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getummelt. = Die üebciTcstc des feudalen Rechtes unter den Ab- 
clasen. lautete iler Titel des Mannscriptes, in welchem er nach- 
zuweisen versuchte, dass diese Völkerschaft von Kreuzfahrern ab- 
stamme, welche im Mittelalter in dieses kaukasische L'ierland ver. 
schlagen worden war, Er hatte eine Menge von Waffen, Heiligen- 
bilder!] uiiil Schiiiucli.uTSL'Ustiiinli!]] gesammelt, welche neben den 
feudalen Lehcnsbi'/iehuiigcri diese.? bis jetzt noch den Panzer tra- 
genden Stammes seiue Behauptung unterstutzen sollten. Zwei 
Priester aus dem Gonv. Jekaterinoslaw kehrten von einer Eadecur 
nach Hause zurück und erzählten mancherlei Interessantes von 
ihrer Pilgerfahrt mich Elschmindsin, der Residenz des Kntholikos, 
des obersten Bischofs der Armenier. Ein Ingenieur, welcher au 
der neuen Eisenbahn Tillis-Uuku beschattt:.'! war, wusst.e mancherlei 
von Baku, dem Kalifornien der IWoleum- oder Keriisiiiifeivisiiimijr. 
zu sageu, woselbst er unlängst gewesen war. Eine griechische 
Familie mit zwei blassen, klassisch scheuen Töchtern und einige 
grusinische Damen in ihrer geschmacklosen Nationaltracht brachten 
noch mehr Lehen und Abwechselung in das zwanglose Treiben der 
vom Zufall zusammengewürfelten internationalen Gesellschaft. 
[Juter den Passagieren der ersten Klasse befand sich auch ein 



von aller Geselligkeit lern, als aber eines Aliends hei dem herr- 
lichsten Wetter und Mondenschein die Flaschen kreisten und 
Studentenlieder, Wie das Gaudeamus, in die stille Meeresnaehl 
hinansschallten — trat auch er in unseren Kreis und erinnerte 

sieh gläcklicher .Jugcudlage. Die unbeschreiblich Scholien Sommer- 
nächte in lauer, sanft fächelnder Siidlutr, spotten aller Beschreibung, 
und einmal bemerkten wir sogar in der Perne das phosphorische 
Leuchten des Meeres, welches von den unserem Dampfschiffe- fol- 
genden Delphinen leicht bewegt wurde. Die Zeit war nach 
Secuiaimsart streng eingeteilt, die Mahlzeiten wurden aufs pünkt- 
lichste servirt. Wie stets auf den Schiffen der .Russ. liesell- 



1 ivul lisch in ecken de in Dessert v 



Eine Sommerialirt 
ibeu und Nüssen. Wurde uns 



die Mijg-lit-likcit an Lind zu gehen, um ilcrt ein kühlend! 
den Fluten 7.11 nehmen. Der erste Aufenthalt war in 
Kaleli, weloliea durch seinen Palmenhaiu bei allen .tscli 
.scheiii Tuiiiistuu ! iL-i-i.Ll 1 Mit isl uml, ilmrli das Gins hctradi 



Correspondena ihres Oertleins in Empfang genommen hsttt 
schieden sie segnend von uns, ergriffen ihre Ruder und eilten p 
Ufer zurück. Erst in der kleinen und seichten Bucht von Nov 



iertscli, welche das Schwarze mit dem Asowschen Jreure v 
.ludet. Vom Städtchen Aimpn auf dem kaukasischen Ufer 1 
cldicsst eine ins Meer hinein veilahgeHe Hafeiibalterie die Dur 



Eine Summ erfahrt durch Kaukasus. 



143 



scheint ein solches Unternehmen nicht mehr frnr. ausführbar, seitdem 
ilie Strasse auf diese Welse verengt worden ist. Vor dem Halen 
von Kertsoh bemerkten wir einen grossen englischen Dampfer anf 

lischen .Piraten . welche absichtlich iluv K : i]l;-zi.-»l;ü liier auflaufen 



fasst. worden, wenn auch — wie gewöhnlich — die grossen Diebe, 
i-s verstanden haben, zu rechter Zeit sich aus dem Staube zumachen. 

Kertach gelie) nns ganz ausnehmend. Mit der Anasicht anf 
zwei Meere an steiler Bergeswand gelegen und von der Spitze des 
sog. .Mithridat» überragt, machte die reinliche, belebte Stadt von 
etwa 30,000 Einwohnern einen ungewöhnlich freu ndli eben Riudnick. 
Mit dem selbst blossem Auge sichtbaren benachbarten .Tenikaleli 
bildet -es eine Stadlhan|ifmaimscliaft und ist, hier ein reger Knoten- 
punkt für Handel und Verkehr. Da unser Schilf Iiis zum nächsten 
Morgen Station machte, begaben wir uns selbstverständlich ans 

dem frisch grünenden Boulevard, durch die belebten Strassen uud 

steinerne Freitreppe, welche zu dem Berge hinaufführt, auf dem 
der Ueberlieforung nach einst die I'inrg des Königs Mithvadutes. 
von Puntus gestanden haben soll. Die Aussieht auf die zu Füssen 
dieser Kuinen liegenden bci'len Meere und .Städte war «an/ unbe- 
schreiblich schön. Unter uns der belebte Hafen, wo es von -Men- 
schen- und Waai-envi-rki-bv wimmelte, die Gürten und Anlagen, in 
denen Kertsch seine reinlichen weissen Häuschen halb versteckt 
hielt, weiterhin Jenikaleh, in dessen Halen gleichfalls einige Fahr- 



wir uns schwer losreissen knunteu. Autbillend schien es uns, wie 
frisch hier noch die Krimie-riiiu: an Mitbr.tdalcs den Grossen lebte, 
hier wie in anderen Städten am Süduler der Krim werden hervor- 

rug le Bergkuppen, auf denen Ruinen bemerkbar sind, kurzweg 

.Mithridat. genannt. Hier, wie auch später in Foodossia (Katfa) 
erzahlt das einfache Volk mancherlei mythische Begebenheiten aus 
dem Leben des grossen Eömerfeindes. Kleine Knaben brachten 
uns Trümmer von irdenem Geschirr mit den griechischen Buch- 
staben .1/. II. gezeichnet niiil jjuli'ii dieselben für L'cberreste antiker 



144 



Ein« Sommcrl'nhrt durch Kaukasien. 



Triukge lasse aus : der Name des grossen Königs kam dabei nicht 
von ihren Lippen. 

Ei« moderne- Sr.ciritettiin-li-heti bot. uns Schutz gegen die auch 
iiui der Höhe, fühlbare Sonnenkult, und lange kramten wir in unse- 
rem Gedächtnis nach Miiilhriilatischeuj Erinnerungen. Dann zogen 
wir den Berg hinab, um im Garten des Klubs Erfrischung und 
Stärkung nach unserer .Seefahrt, zu Buchen. 

-zweier Meere» gehört zu den schönsten Erinnerungen dieser Fahrt: 
beleuchtete. Boote fuhren zwischen den Städten und im Hafen 
Ik'i.'i'iuU-ii Si'Uiit'eii hin und her, auf < 
die Mariuemnsik, auf dem Wasser wurde j 
Monden soll ein flimmern de Meer trug die Töne weit hin. .Solch 
eine herrliche Sommernacht ist es allein wcrlh, drei Tage seekrank 
zu liegen», meinte eine unserer Damen, und niemand wagte es, ihr 
zu widersprechen. 

7. Peodossin und das Südufer der Krim. 

Einst eine volkreiche und bedeutende Handelsstadt, dann eine 
wichtige Colonie der genuesischen Republik, ist das alte KatTa 
(jetzt Feedessia) unter der spateren Miswirlhsclial! der krimschen 
T ata re lieh nee und der türkischen Sultane zu einer verödeten un- 
bedeutend i'ii Hafenstadt von gegen <Wi Einwohnern herabgesunken. 
In den letzten Jalirzehnten sind selbst die Spuren früherer Wälder 
und üppiger Vegetation verschwunden, die Quellt™, welche einst 



jedes Jahr die Schale, und das Rindvieh in Massen hinsterben. 
Noch vor wenigen Jahren war Feodosaia ein besuchter und be- 
liebter Badeort, jetzt aber wird es mehr und mehr von den zahl- 
reichen Bcsueheru der taurischcii Halbinsel gemieden, der trockene U 
Hitze, Veriidung und des Staubes wegen. 

Als Bail übertnllt diese, langweilige, kleine Stadl alle übrigen 
Orte in der Krim, Euratom allein ausgenommen ; denn der Meeres- 
grund besteht hier aus weichem Sande, während iu Jalta, Simeis 
und den anderen Strandorten der Boden mit Steinen und Felseu- 
splittern besäet ist, welche das Betreten desselben mit nackten 
Füssen fast unmöglich machen. Wahrend das Slldufer der Krim 

durch seine uiah-Hviicu Sclcuhfrileii sieh einer verdienten Üenihiiil.- 
heit erfreut, mit seiner herrlichen Mannigfaltigkeit uud üppigen 



Eint; Sommerfuhrt durch Kanknsien. 146 

Vegetation seihst ilen Fuss des Kaukasus übertrifft, sind die Um- 
gebungen von Feodossia einförmige kahle Hügel eder Hnehebenen, 



der interessanten Vorzeit vo.i dem 
<Kaffa> reden — Uber im Leben d 
ist alles todt und verödet, and die 
legenen Hafen keine Auferstehung, 
ein Armenier und. wenn ich nicbt ir 



gründet, in welchem Bilder aus 

er Stadt, und ibrer Einwohner 
Zukunft verspricht diesem ent- 
Herr Aiwasowski (von Gebort 
re, des eigentl. Namens Aiwasa) 



derselben nicht trennen wollte, obgleich ihm für dieses Bild bedeu- 
tende Summen geböten waren. 

Drei türkisch« l'aiiKerschill'e erschienen am I. Januar 1877 
in dem Halen von Feodossia und warfen einige Bomben unter die 
erschreckten Einwohner der Stadt, welche gerade der Kathedrale 
eutstrumten oder -im Hause ihres bei lihm'.en Mitbürgers versammelt 
waren. Eine dieser Kugeln traf das Haus, welches Hrn. Araasowski 



hatte dieser unerwartete Besuch der Türken Übrigens keineswegs. 
Obgleich hier nur ivcrik-e. [lifunteriehalaillmie standen und die wehr- 
lose Stadt über keine Uoschützc verfügte, zog das feindliche Ge- 
schwader nach einigen Stunden, in denen fast sämmüiche Einwohner 
ihre Häuser geräumt hatten, nuverriehfeter Sache ab. 

Ein Thei! unserer kleinen (iosrllsehuft blieb in dem Städtchen, 
lim hier den liest des Sommers im dolcc far nieate zu verbringen, 
in den sahigen, oft bis über äü» wurmen Fluten zu baden und die 
Nerven in dem stillen, vermieten Feodossia v.a stärken, ja, sich der 



Riiiu Somni(>ri:i)ii'i durch Kaukasieu. 

langen Weile zu erfreue«, .welche ja üti «ml für sieh den Patienten 
heilsam ist. 

i)as Dampfschiff aber setzte seine Fuhrt längs ilem ilube- 
schi'eiblich Hijluiien Sildul'er der Krim fort, an dem Centnnn des 
Fremde« verkehra — Jalta — vorüber lünga den Gestaden der 
herrlichen kaUevlichi-n SuimueiTi-sideiiz Livmtia, dem Leilehtthun« 
von Aitorjor, der grnssf Urs t liehen Villa, OriamU über Sen-astoiml 
lind Eupatoria Dach Odessa. Wie schön imil sehenswertli alle 
diese L'mikto i'iir den tiatiirliebenden Touristen sind, davon mag 
sieh der geneigte Leser selbst iiWi , zeu;,'f 11 : juilm falls dürfte es den 
Gestaden der heimatlichen Ostsee schwer werden, den Vergleich 
mit dem Südufer der Krhu — der« russischen Italien — auszuhallen. 



Ein Vademecum Inländischer Landwirtschaft 
vor zweihundert Jahren. 



]hdem wir zom Schlüsse des Jahres Salamo Gauert als 
ien Vater der Ii via nilischen Laudbaiiwisüciisclinlt den 
Lesern vorgeführt und die Grundzüge des von ihm ;ure|>ti:teu 
S) - stems in Kiirzu darjrelcL,'! haben, erübrigt mis eine aiisziigliche 
Uittheilung aus dem reichen Schatz landwirtlisitbanUeber Erfah- 
rungen, die er in seinem Bach 'Der Ackcrstndent. aufgehäuft 
hat. Selbst ausser Sunde, die Ausführungen des Auturs mit eiuiger- 
niassen genügenden liudimaimisrlii-n Hiläutcningen zu begleiten, 
überlassen wir der Prüfung der xtildivirSiüii l.mnhvirtbe, in deren 
Hände diese Blatter gelangen, das (Jrtheil, in wie weit die Be- 
una elil engen und Kegeln des alten Pastors mit' richtiger Xatnr- 
erkenntnis beruhen. im Vergleich mit Aug. Willi. Hupel will uns 
scheinen, dass letzterer zwar vielseitiger , Gilbert aber griind- 

Den Inhalt der sammtlichen sechs Ausgaben des Stratagcma 

occoiioiiricnm Oller ; Ackerstudrni.en ■ versurhen wir gedrängt, wiuiler- 
zngeben, indem wir dazu die uns vorliegende vierte Ausgabe (vom 
J. i67;t> benutzen. 

In der Vorrede zur zweiten Ausgabe sagt der Verfasser: 
■ Günstiger Leser, ich habe bei der ersten Edition weder in der 
Metbode noch im Styl die Knust in Acht genommen, sondern das 
Buch nur auf Begehren guter Freunde in Druck gegeben. Weil 
es aber in diesen drei Jahren ziemlichen Allgäu? gehabt bat und 
der Verleger es neu aufzulegen gesonnen ist, so bat mich der 
gewöhnliche Dank der Welt davon nicht zurückgehalten, das Buch 



Digitizod by Google 



■r1oreiu.il Schafe, von Fischerei, vom ungerech teil Haushalter, 
■ra ■Aussätzigen und Gicht bnifliigcii — und muss <2>ro rc milm 
nach der Suche aus dem Naturbuehe Gleichnisse einführen, auch 
L 1 1 icli der Kurze halber nicht daran erinnern, wie weit uns die 
ilige Schrift seihst in das Buch der Natur führt. Ändere Leser 



i das Wurtlei 



^ Auf diese Vorrede folgt das lli-Mcr. wcldie.s nur die Cupitel- 

ein zweites, neues und recht gutes alphabetisches Sachregister zu- 
gefügt; dann beginnt das Buch selbst. 

Vom Amt eines Ackermannes (Theil 1, Oap. 1). . . 
.Kin Ackermann mnss unter CO .laliren alt sein 1 ; wenn er ein 



wille oder unleidliche Bosheit 
Ausgabe soll er ileissig anzeicl 



einst der Vasall sein Recht am Lehngnt vi-rlor; 
arbeiten aufbiu-t and dabtlb kopfsteueifrei wird, 



Vademecuni 



r.mul Wirtschaft. 



149 



üiebst du was aas, sehreibs ein behend 
Ins Büchlei» und nicht k« die Wand'. - 
MmjiiiLlH'stu von jemand was, 



eine «Zeipe., Kneifzange, Hammer und Durchschlage,. 

Monate liat der Ackermann besondere Arbeit, Psalm 65, 12. . , 

Tm Januar soll man alles liauliul/. lallte, Tannen und Grünen 
im neuen Mond, aber Eichen, Eschen, ISirkcn, Espen und alles im 
Winter nicht grünende Holz (so. Laubhulz) im alten Mond. . Die 
missen Heuschi (ige reinigt man im Allmond. . Hauet man im Neu- 
licht Brennholz, so wächst es rasch wieder. . In diesem Munal 
ist u. 11. noch PerKclhnlx zu hauen. Korn verfuhren, l-'edcrn s|dctsso[i. 

Im Fe brua r lässt man im allen Mond mahlen . . Ferner 
lässt man u. a. Pergelhoh sammeln, Kor» ferfüuren, Spinnwerk 
treiben, Netze stricken, b'ederu sideisson. Diese Arbeiten sind in 
diesem Monat fortzusel zen und zu beenden und liefen Ende Februar 
beginnt die Fischerei auf dm stehenden Seen. 

Im Mära betreibt man die Fischerei mit Eifer weiter fort, 
lässt im neuen Licht Mgircn bauen und im leisten Mondviertel 
Mist auf ilie Felder ausfuhren, Im vollen Mond backt man vom 
besten gebeutelten Mehl Zwiebäcke, dieselben halten sieb dann 
iiber dasselbe Jahr, und im alten Mund braut man liier. Zu Ende 
Marz inuss man die Dämme. Sehleuseu und M.inuiche' hei den 



' Münricho oilsr UOncho sind Soblcuxai, Wdran. 



. Landwirtschaft. 

. Um SInriiL Verküml 



tetragen liatte, da sprach der Gärtner: Herr, laäs 
Jahr, Iiis il.iss icli um ihn grabe iiinl bedirnge ilin). 
enden Mond unter den Himmels/eichen Stier, Zivil- 



a die Nieren, Lunge, Leber, ^ 
a\ vertreibt- - Im Altlicht wi 
listige Arbeiten sind u. u. in d 
, Erbsen säe», Kopfkohl säen 
nden Licht, däniit sie gross * 



Meli Innern stärken, giftig ^c. niuiesuad i ist, dagegen feilen im 
Vollmond gesunde biilsiimisdiü Tliane nieder. Man säet, wenn der 
Mond fünf Tage alt ist, im fetten Lande Kürbis. Das. vor dem 
vollen Mond abgeweidete Gras Warbst bald wieder, langsamer das 
nachher abgeweidete. — Jetzt lässt man Ziegel streichen und 
Rodungen brennen. Um die Zeit des Vollmondes fischt man die 



n-.ll, dag.-rn Würadge-vaHisc sari man xm-i oder drei Tage nach Voll- 
liiond. DieBulli.'! ilart man niidil ln'ini G-.'Witlur s-ddagen. Uusidiä|ift*l 1 

1 ]tiiai-hii|ifvl ^iml viTiHinlili.il Zu-ii-Wlii (?). 



stetil. die Frage: ob du: Herren vi.m Ad,-] den Hauern die li.u.h- 
netze nehmen und sie [sc. für diu Nctzlischerei im UnU-rsuliiud 
mm Angeln) Straten dürfen. Darauf antwortete ich mit lauter 
Nein ! Uott der Allmächtige hat als Hismiiclsliiiiii.ir und Herr aller 
Herren unserem Giitfsvnter Adam in nl seinen .Nachkommen, von 
denen die Bauern mit nichten ausgeschlossen werden können, dies 
Privilegium in Gnaden geschenkt, Genesis l, !>. Der Heide Pli- 
uius sagt: Hominis carinii euiiela citlelnr ijeumsse Milurit. Hiermit 
will ich nber das Fiscbwehrenschlagen Ober die Strome nicht vor- 
antwortet haben. 

.1 u Ii i. Zu Anfang d. M. ist die letzte Zeil lür die Gerslen- 
aussagt und bis zum Tage Viti, den Iii., die beste liuclnveizi-n- 
saatzeit. Zwei Tage nach Volhiiniid säel. mau lieltig aus, eben- 
dann die Rüben in den BuBchrüdlingen. Im letzten Quartier 
(k. MoiLdviertel) muss man Mbit ausführen und an sonatigen Ar. 
beiten sind u. a. jetzt auszuführen: das Aufpflügen von Roggen- 
lillidereieii, das Graben und Reinigen von Brunnen, ferner giebt es 
jetzt noch: Dämme zu machen und die Mouche einlegen, das 
Schilfrohr in den Teichen abschneiden und letztere reinigen, die 
Garten KU weedeu (sc. reinigen), auf die Sdiivartiiiuimen Acht zu 
geben, den Schweinen Ansehen ciii/ug.'ben. Starke v,t\ bereiten a. U. in. 
Noch Johann! mäht man die Henschlage. Den Kirschen- und den 
l'liaiiuii.-nbiiumen soll man auf die Wurzeln iiiigelilutcrt.cn, mit 
liegen- oder b'lusswasser gcmisehteii limiig an Ig i essen, dann tragen 
sie wohlschmeckende Früchte, 

Juli. Man soll mit Macht die HeuucblägB abmähen, Jetet 
schon Lilsst man die Winterlaudercicn eggen. Der Rog^ensclinitt 
beginnt, aber man muss im Neuliebt das zur Neusaat bestimmte 
Getreide dreschen, und zwar nicht früher, als nachdem es acht Tage 
auf dem Felde an der Luft getrocknet hat. Jetzt pflügt man die 
Winterroggenfelder zum zweiten Mal auf, jetzt lasst man Strauch 
in den Hcuschlägeu ausbrennen und brennt die Roggenrodungen 
an. In dieser Heuzeit, wie auch im August, soll man den Arbeitern 
so viel Dünnbier, als sie in der Hitze bedürfen, herbeUetwffeii. 

August. Nun sind die Roggenlande fertig zu machen, der 



152 



Vadeaiecum Li vi. Landwirthschat't. 



Rossen wird gedroschen und nener ausgcsäet. I" 1 Vollmond an 
trockenen Tagen Bammelt i 
das vortreffliche Wuudkraut 
■lieiit Werrautb, ferner sammelt man Reinfarrn, Brunellen, Udra, 
Canlebenedicten u. dgl. m. Jedes Kraut, das rauh, stachlich und 
hart ist, hat viel Salz and wenig Quecksilber und Schwefel in 
sich, die fetten Krauler haben viel Oel iiml Schwefel. So vielerlei 
Farben ein Kraut besitzt, ebenso viele Eigenschaften besitzt es 
auch. — Zu dieser Zeit macht, man Kapaunen, sammelt im alWn 
Mund Bier, rupft im abnehmenden Mond Erbsen, Hanf und Fluchs 
aus und stellt vom 15. dem Elenthier als tu der Brunstzeit nach. 
Die abgehauene Klaue des Eleuhullen ist wider die fallende Sucht 
und den Kranial heilsam, die. lliirner dienen als Arzneimittel, aus 
den Sehnen macht man Ringe und üürtol wider den Krampf. — 
Um Bartholom«, den 24., wird Knoblauch aufgenommen. 

September. Die letzte Wintersaat ist bis zum Tage 
Kreuzeserhebunj* den 14., zu bestellen. Kurz vor Vollmond be- 
steigt man die Honigbaume, im Vollmond nimmt man Hopfen ab, 
dann wird Hanf und Flachs ausgerupft und gewässert. Die Bauern 
weichen den Flachs nicht gern im Nordwesten (sc. im Kord West- 
wind). Die Schafe werfen nun geschoren, man schüttelt im Voll. 

das Viuli auf die Stoppelfelder getrieben, theils damit es die Aehren 
auflese, theils um die Stoppeln niederzutreten. Nunmehr stellt 
mau den Elenthieren und den Wildgansen nach. Man sammelt 
Wachholdevbeeren, man setzt im Vollmond Kosen um, pflückt nun 
im Altmond Kräuter, wie .Raule. Majoran, Ysop. Salbei u. a. dgl. m. 
Von Mitte September an bis in den April jagt man Hasen. Ks 
meinen viele Jäger, dass auch die männlichen Hasen Junge tragen, 
das ist falsch, jedoch giebt es unter den Hasen häufig Zwitter 
oder sog. Hermaphroditen. 

Ott ober. Mit allem Fleiss wird das Korn auf dem Felde 

Das edle Spinn werk wird wieder zur Hand ireimmmen. Jetzt 
sammelt mau Eicheln zur Mast,, jetzt besichtigt man die Schleusen, 
Dämme und Monuiehe, lasst die Teiche ab, bessert die Strohdächer. 
Ferner versetzt man nun Obstbäume, iiuld nach dem Neulicht 
wird altes Mastvieh und vor dem Vollinuml das Jungvieh geschlach- 
tet, wobei zu verhüten ist, dass der Mond solches r'leiseb hesclieine. 



>3 



haben, mnss man dann aufnehmen, wenn iltr Mond unter ilei' Erde 
stellt. In Jen Stillungen wird nun das grobe Holz ausgehaueu, 
dem Wild wird nachgestellt, drei Tage nach dem Vollmond werden 



e eiligen flau 
du: Gartenlilnmen müssen 
weiden. Im abnehmend! 
reinigen. Zum Schinied 
mich Michaelis, den 29„ 

legtui, jedoch bei wachst 



Steinobst setzt man im Vollmond u 
n schon mit dicken Strohmatten bedeckt 
[ond lilsst man den Pferden die Mauler 
rk lüsst mau Kolilen brennen. Bald 
igt man die Schweine nur Mast zu 



Knilijalir viele Rauiien. l.'in Kaihriuijnt.ag, den m Jti , pflegt man im 
Altmond die Schafe zu scheeren. Mit dem ersten Schnee geht 
man zur Jagd auf Elen, Rehe, Bären und Wölfe. Die atoppel- 
gänse werden jelzt geschlachtet. Man lasst Brennholz hauen, 
welches dann, wenn man es kurz vom Stamm abhaut, bald wieder 
wächst. Sobald Frost eintritt, sind im Altlicht die Heuschläge 
/.n reinigen, und man kann auf den Baele.ai, suküd skr gefroren 



lieisst: «Wer Korn inue hält, dem fluchen die Leute, al 
klimmt über den, der es verkauft')' Nun iitssl. mau Wo 
ausgraben Und zureelituiachen. Es ist vorthcilhafier, lang 
Ualx von vier Elieti im Scheit zu fallen, als kurzes zu zv 
Der A m t m a n n darf auch nicht um den Werth e 
Geschenke oder sog. Verehrung von den Bauern 
Sirach 8, 3. Er soll richtige, vom Grundherrn selbst gezeieliiict.c 
Masse, Löf, Külmit und Hesiiiergt^vichi hallen und damit ein- 
nehmen , wie ausgeben, Levit. 19, 35. 86, Deuter. 25, 13. 15, 
Ezech. 45, 10. Der Amtmann soll sich niemals auf den Gelagen 
der Bauern einfinden und mit ihnen zechen, er mag auf einen 
liaün'n Tag wni wxi den Üaii.'rlin.'lwilrii Und ihren Kiinli auIWi 



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154 Vndemecum ttvl. Landwirtschaft. 

die Nacht über dort bleiben. Ueberhaupt soll er selbst kein Gast- 
gebut. an Arbeits'a^on au-richien. Weil aber der Amtmann einen 
ninliseliücn Dienst, liiii, sd gebührt ihm auch dafür eine ehrliche 
Besoldung und (-in genn;;saiues Deputat. Was der Frau 'Amt- 
uiaunschcui obliegt, ist klar, namentlich soll sie vor allen Dingen 
oft beten und nimmermehr Jlmlicu. Das Amt und der Dienst der 
Viehniutter und der Mägde ist wrgfMtig und gut zu versehen. 

Von der Hoflage (Cap. 5). Es ist viel daran gelegen, 
Anas man den Gutshof an dem rechten Ort anlegt, nicht zu nahe 
an der Lüiidstrass« von wegen der Reis bilden . . . und am bestet), 
wo Nord- und Ostwinde dm rlistreirlicn, denn die Luft ist der 
Balsam aller Körper. Man mass Wasser nur Hand haben und 
reichlich Bniuneu anlegen. Kill Bauherr nills.s stets viel Ziegel, 
Kalk liml Feldsteine bereit, liegen haben. Im Gutshause sollen 
die Fenster l'/i Ellen hoch und 1 Elle breit sein, sie dürfen der 
Winde halber gar nicht nach Baden und Westen zu gehen. Des- 
halb soll t auch (sc. der Win. In wegen), wenn die Pest, grassirl, 

die Kcusterscliliige bei Sacht vorziehen. Das Schlaf kammerfenster 
soll mau so dich' machen, dass der Mond dein Sehlafenden nicht, 
das Haupt bescheine. Die Kachel-, Rijen-, Badstuben- und Back- 
ofen müssen sorgfältig hergestellt, werden. Wer in seinem Giils- 
hiinse nicht die Mittel zur Herstellung eines Schornsteines hat, 
lasse einen Ruft" isc. einen luiLenien liaurhlang) erbauen, Welcher 
mindestens vier Ellen breit sei, in welchem kein grobes Holz ver- 
mauert sein darf und der mit einem Gewölbe aus Lehm versehen 
sein mnss. In diesem Roff kann man backen, brauen, auch I'ergel, 
IiverHihnlü und die r'i.^sti'.dier de- licsiudcs darin trocknen. Unter 
der Wohnstube mag ein Keller, aber keine Kellerthtir sein. Die 
Itije und die liadstuhe sinci sorgsam zu erbauen. Die Kleete 
oder das Konihaus ninss mit, einem guten Dach gedeckt sein, wo- 
möglich roth (sc. von Ziegeln) oder von Tauer, d, i. Hasen, also 
nicht mit Brettern und Stroh (sc. wegen der Fcuersgefähriichkcit]. 
Die Frbscnsaardeii i. Hrliscustangcn i müssen reichlich vorhanden 
sein. — Mau vertreibe aus den Stuben die Kanunerllilie mit ge- 
sottenen Kautenkrüutern nach dem Spruche: .Gekochte Ruit — 

mil Qnecksilher in gekochten fLrbseii. Ebenso verjage mau Kleider- 
Würmer, Schaben und Motten mittelst Kampier; die Ratzen und 



Garten und Kohlgarten müssen von Steinen gereinigt sein. Im 
Galten pflanze man im alten Mond Meerrettig und den wider 
Steinbesdiwei-tk-ti Jiniüdicn Küttig. Im Kruutgurlcn pflanze mal) 
Kaute, Majoran, Salbet iL. a. m., von denen die Kante wider die 
Pest dient. Setze einen Kessel {se. in den Garleji| hin, so wirst 
da Morgens die Pest oben nulin Wasser (sc. wie eine Haut) 
«i'ltrtiiiiiin'ii sclifii. Dei- [[c.iili.-ii^avi.tüi isl Wsunilers zu bestellen. 
Die Maulwürfe sind sehr schädliche Thiere im Garten. — Ein 
Zaun inuss, wenn er von guten Stacken erbaut ist, wol über zehn 
Jahre halten. 

Vom Unterschied der LiLndereien Th. 2, Cap. 1. 
■ iJie Rodungen sind die besten, wo [Julien gestanden haben, nächst 
diesen ftdgen ilie hügeliditen Kltllni, wo einig.- Flehten und Tannen 
gemischt gewachsen sind. Die Aecker sind je nach ihrer Güte in 
zehn verschiedene Grade, wie folgt, einzuteilen : L. Schwarze Erde 
von % bis s .i Elle Mächtigkeit, etwas hilgelicht, sind die besten 
Aetker: dieselben werden van den Bauern • Maiaeseimnei genannt. 
2. Grauacker mit Ijehingriind. 3. Schwarzerde mit kleinen Kie- 
seln gemengt. 4. Schwarzerde mit Kalkstein als Untergrund. 
5. Ackerland mit viel Kalkstein darin. 13. Braunerde. 7. Grau- 



im Sande, so ist Jammer im Lande.. — 8. Werder] ändereien be- 
stehen ans trockenem Heusuhlagboden. — 9. Leb ml ändereien. — 
10. Heideländer sind die schlechtesten Aecker und das Sprichwort 
sagt daher: .Wenn das Land ist licht (sc. plattdeutsch = leicht),, 
wenn ich egge — So ist es schlicht (sc. = schlecht) — Wenn ich 
säe, so habe ich ichts (= etwas) — Wenn ich meye (sc. - mähe), 
so habe ich nichts*, Diu Bumistung ist den Feldern völlig und 
aufs beste zu geben; Siraeb 41, I und dazu der Spruch: «Alcby- 
isterei bringet gewiss Geld.i — 
1 der Ziegcmiii.-a. nächst dem der 



Holland, Frieslaiid nud im Danziger Werder geschieht - 



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letzten Johl- durin Rüben gepflanzt 
Boden ruhen. Die Stauungen für < 
von allerlei fischen , wie z. B. E 



dasa die Bauern mit ihren eigenen Eggen zur Arbeit auf den 

Gulshuf kommen müssen, vielnifln- muss der Hof ihnen die Eggen 
stellen. 

Vom Saatkorn (Cap. 3). Alles and jegliches Korn 



welche unter die Erde wachsen wird — dies wähnen sie 
der dann einfallenden sog. Scelenzeit, lett. <Daessel-tnike>. 
Von der Saatzeit (Cap. i). Die grossen Licht 



im 33. April an, die mittlere Zeit vom 8, Mai und die Sptttzei 
>m Bö. Mai bis zum Vitustilge, In. Juni. Das Sprichwort sagt 



' Uflior ilii-sc kiin-tlivlirll P riwli Hlaliun-™, ilin .'im' n-Ur tm-rk» ilnlii;i' 
Iiiiii IIIIII liin^l im t-L 1 !;■■!>' in 1 Kiliiklillllii; ilc.-s 17. .1:1 Ii ihn in Ii Tl.. l.iHHni, virl. 
A. v. Jincck, DoTiitfüiii« iltr Imulw. Vi.rliiill.iisw p. 82. 



Vademecum livl. Landwirtschaft. 157 

.Was man säet nach Vit — das gehet man quit.. Ebenso wird 
auch die Wintersaat iti drei Zeiten getheilt, die erste vom 10. Iiis 
In. August, die zweite von da bis 1. September, endlich die Saat- 
zeit vom 1. bis 15. September. An warmen Tagen ist die beste 
Zeit Kirr Aussaat, besonders wenn der Mond < schein reich, ist, also 
am 15. Tage seines Alters und dann, wenn er die Himmelszeichen 
Fische, Krebs, Jungfrau, Wassermann, Wage und SSivilUtiLru ilui'.li- 
lüul't. — Erbsen verwandeln sich in nassen Landereien leicht in 
anderes Getreide (sei! sie.')'. Linsen und Bohnen stehen hinter 
den Erbsen an Bedeutung zurück. Hafer vermag ein guter Site- 
mann in >/• Stunden wol 2 Löf auszusäen. Sommerroggen und 
Leinsamen, Hanfsamen, Sommerweizen, Hirse und Gerat« sind die 
wichtigsten Pflanzen, besonders die Gerste. Diese letztere soll 
man vor dem Tage Petronella, 31, Mai, am besten aussäen, doch 
wenn das der Lauf des Mondes nicht gestattet, so muss sie bis 
Medardi, 8. Juni, bestellt sein. Im Neumond darf man sie nicht 
in altem Mistland, eben so wenig im Altmond iu neuem Mistland 
ausstreue», daher hat man es also einzurichten: ist der Mond 
13, 14, In Tage alt, so besäet man neue Mistlande mit Gerate, 
15, 16, IT « - • ■ alte , 
9, 10, IL € • . niemals neue • < 

19, 20, 21 c i i niemals alte • < 

An den letztgenannten Tagen [9—11, 19—21) liat der Mond qüien 
Berg, — «Jwtto est gibbaaa* lett. tMehtut iir Ponten*, und die 
alsdann ausgleitete Gerste sr.-hir.4si, nicht wohl und gut hervor. — 
Das nitt-listwichtige lietrcide ist ISucluvciüen. Den lic-ggeii soll 
man bei Sud- und Südwest wind nicht siien. — Die Winlerwi-izen- 
saat verwandele sich ritt in Koggen {sie!!! sc, ans dem Xaclibar- 
felde springen oder fliegen iioggensaatkiinier tbatsiichlich. ort in 
die Weizenfelder hinüber). Daher lassen einige Landwirthe den 
Koggen im Früh jähr herausziehen, andere hisHcn ihn dann mit 
einem Stecken knicken, noch andere lassen ihn im Herbst ausziehen 
und gesondert vom Weizen dreschen. Es entstellt hierbei die Frage : 
Oh es eine Sünde sei, den Koggen zu knicken, damit der Weizen 
desto besser wachse. Antwort: Es wäre besser, ihn im Früh- 

1 Es gif In It-idi-Hium-s in.i'li m.-in miiiik iiv!iii»t ..yciii-ihf uwl ~.[i><t 
■Initci-lie Nanitninlu! niisi-m 1 I'rurinnt'ii, wdi-lu- die rmivLNHllimL- vuii einem lie- 
irriile in ein iiudire. für m.^li.li b«]w«'< Wrizm soll »ii'li in Tlu^L'n, Erlwn 
in simples Uiui vermimlrln kuimcu ; ilnliei null hih» diu Wh™' ILilriuiy in i-ine 
achlecbtere aoäiirttii, nie aber umgekchri, 



Yailemooum livl. Landwirtlr-chalt. 



jähr auszuziehen, doch ich schlicsse, nbiss man ihn auch wohl aus- 
jaten darf! Einwurf; Man soll nichts Büses tlma mit dem 
Zweck, (lass Gutes daraus entstehe! — Antwort: Aber, wenn 
das Vieh ins Korn gerathen ist, so lasst man es uielit drin bleiben. 
Auf dem ungestümen Meere wird olimals. Apostelg. 27, Ü8, Korn 
und Salz ausgeworfen, damit das Schiff nicht sinke. Ein Milieus 
schneidet oft einen Finger ab, dass die Hand nicht verderbe. — 
Hier zu Lande ist der podolische Weizen wenig angebaut. 

Von den Winden (Cap. ü). Der Ostwind ist hier- 
zulande im Winter sehr kalt, weil er durch Russland kommt. 
Heim Westwind ist nicht gut zu jagen. Bei Ostwind ist es gut, 
Gartengewächse einzupflanzen und Saatkorn auf den Aeckern aus- 
zusäen. Bei SUdwind soll mun keine Apfelstämme einpflanzen, 
sie tragen sonst wurmstichiges Obst und bei demselheu Wind ist 
es gut, Gänse, Hühner und Federfase] zum Eiei ausbrüten zu setzen. 
Bei Westwind lilsst sich gut jegliche Sommer-, Feld- und Garten- 
saat einsäen, ausgenommen Rühen, Buhnen, Beeten, Rettig und 
Erbsen, welche, dann iiesilel, wässerig« Frucht liefern. Hei diesem 
Wind ist es rnlhsain Vögelst rirkti auszulegen. — Im Nordwind 
säet, niiin gut jegliche Fehl- und Gai'tenSiiairii, ausgenommen ilin 
bei Westwind e,usgeschl'issc])o:i Ruhen ,ve.. welche, dann ailsgesäet., 

hart werden. 

.Die Bauern nehmen die Winde fleissig in Obacht, aber ein 
rechter Laudwirth inuss mehr auf die Zeit {sc. des Mondes und 
Himmels} achten, nach Fred. Sal. 11, 4.: Wer auf die Winde 
achtet, der säet nicht, und wer auf die Wolken sieht, der erntet nicht. 

Vom Regen (Cap. 6). «Deut. 11, 14 (sc. wo vom Hagel- 
regen über Aegyptenland die Rede ist, richtiger Deut, 9, 18) und 
.lerem. 3,3 (sc. wo es lieisst: Darum mnss auch der Frühregen 
ausbleiben und kein Spatregen kommen). — Es sollen bei dorn 
Sri n neu regen (sc. wenn es im Sonnenschein regnet viel Ungeziefer 
entstehen. 

Wenn allerdings gerade der zweite Tlieil des i Ackerstiulon- 
ten> recht viele Irrthilmer und aberglänhisthe Gebräuche enthalt, 
z. B. in den Cäpitchi vom Aussäen mirl von den Winden, so dürfen 
wir auch nicht vergessen, dass die besten deutschen Landwirthe 
damals, wie Job. Coler, auf demselben Standpunkte einer relativen 
C nwissei ln'ii im Vergleich zu unserer sehr viel weiter vorgeschrit- 
tenen Zeit verharrten. Der erfahrene Lnmhvirth hielt sich nämlich 



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ViuU'iiiivmiL livl. Lnuihvii-tlisi-liat'! . 



159 



ängstlich dii' für die Aussaat als e r f a h r u n gsm ils s i g gut 
U-fuudeuen «Zeiten uml TiLifis . {die sog Zeicheutuge). Es haben 
sich z, B, ini revaler Bathsarchiv noch eine grosse Menge von 
rijasclien und roviilschen Kaleudern erhalten, in Reiche die Be- 
silier derselben die Tilge der Aussen, angemerkt, haben, und man 
(Rieht aus diesen Notizen, dass die Tage wühle rei nach Wind und 
Weller noch ungestört bis zum Ende des 17. Jahrb. bei den üuts- 
tofren fortdauerte. Doch wir gelten weiter. 

Von der Vieh- und P ede rf aselz acht (Theil 3). 
.Weitlies Fasel im Xenliclit geboren wird, das wichst selten auf, 
uml welches im letzten Viertel zur Welt kommt, das wird seilen 
gross gezogen.» 

Von den Pferden (Ca[>. 1). Ain meisten gelobt werden 
>lv Kastanienbraun™, die .Schimmel und Sdiwcissfiichse. Ein gutes 

schwarze Augen, kleine spitze Ohren, breites Kreitz, gule schwar/o 
Hufe, hingen Schweif und weite Xasdiidier. Im Slalle müssen die 
Pferde nach Norden oder nach Osten zu gestellt werden, man 
hält im Stall gern einen Schafbock, aber keine Katzen. Gegen 
die Leiden und Krankheiten des Pferdes giebt es gute Curen, wie 
z.H. gegen das Nichtst allen — .Rrebssteine einzugeben; bei der 



subarfea Reiten, gegeu den Pferdewurm — Froschlaich; wenn die 
Baut an den Lenden los ist — ein Haarseil, wenn das Pferd im 
Sittel gedruckt ist — Poggenreff .sc. Froschlaich), wenn ein Pferd 
den Zügel zerbeisst — lass den Kiemen mit Sehweiueuiist ein- 
reiben. 'Wie Wolfgang' in der Magia naturaU sehreibt, soll man, 
M'enn ein Pferd sich ins Wasser gewohuheit.siuassig legt, ihm einen 
I'utt plötzlich auf dem Kujif zerschlagen. — Am Pferdestall darf 
fesiti .Schwei nestall angebaut sein, auch mnss man von demselben 
ihn Hühner abhalten. 

Von den Ochsen und Ii Uli e n (Cap. 2). Ein guter 

rauhe Ohren, starke schwärzliche Hörtier, grosso Naslücher, oin- 
selmapiir! Nase, starke Brust, lange Kader am Halse, breite Lenden, 
tuiüe Heine, hingen und am Ende krausen Schwanz. Die Farbe 

1 Ambrosius Wolfeniu! jpil) nn XiirnlnTf; im J. lii.Y> «-in Iliidi silc siyaa- 
I*™ jjroBtarunt» Ihjih (JUvb Ztillws 1. '.1., 1*1. äd. Sji. 86S;. uml war ivd auth 
der VtrtuMi der tMagia naturaU**. 



□ igilized b/Coogl 



Iii» Vademcoiini livl. Landwirtschaft. ■ 

sei schwarzbraun oder rota, die bunten Stiere und Kühe selten 
für geringer and die weissen sind von weichlicher Notar. — Wenn 
man junge Kälber über den Hof trägt, so muss man sie zudecken, 
damit sie der Wind nicht t'estosse und der Mond sie nicht beschcinc. 
— Curen giebt es gegen die rothe Itulir. das Zähicvorwerfen. die 
b'ibel und andere Uebel. Das ■Blut in die Milch geben» soll den 
Kühen widerfuhren, wenn ihnen eine Srhwiilbe unter dem Bauche 
ilureli.u-f linsen ist ; aisdünn nehmen die Bauern einer Magd ihren 
kuuteineu Rint; vom finger mnl lassen durch denselben hinduroll 
melken, darauf Wieds besser. Das ist zwar wunderlich, aber ieh 
seile nicht ein, dass es ein nichtiger Aberglaube sei, weil dabei 
keine Wegnerei und W'orlspiethm-i hiaxukommt. Nun sagt Alste- 
dius in der ThaXogia naturali tOmnes creaiuraö haben! aliquid in 
Sinti suo, quid nisibus et visibits hnmnnis est iix/iervitim (d. h. ver- 
steckt ist), und wer würde wol ausserhalb der F.rl'ahruiig glauben 
können, dass in So Schlechten einlachen Dingen, wie ein Toillen- 
kouf oder Menschen-, i'lerde- mnl S'-hwoincniist , so iviiinh'il'i'.re 
Wirkungen enthalten sind ? ! — Im Klllistall duldet man keine 
Kröten, Eidechsen und Suiunen. — Holländisches Vieh ist in 
unserem Lande nicht vortheilhaft zu halten. — Der Thau, welcher 
in der Nacht auf Kuhmist lallt, vertreibt Flechten. 

Von den Schafen (Can. 31. Ein Schafbock soll haben; 
eine breite Stirn, krumme Hemer, breite Bi nst und lange Beine. — 



V o n ha 7- feg e n (Ca]). 4). S Her Ziegenbock soll haben ; 
einen kleinen Kopf . hangende Uhren, lange Wolle und einen 
schönen Hart. Die Ziegen müssen haben; weisse Farbe, krause 
Homer, grosse Euter und sollen solche sein, die zweimal im Jahre 
werfen. Dieses Fasel lilsst sich hierzulande leicht und vortheil- 
haft halten. 

Von den Schweinen (Oap. 5). Der Boich und die 
Sau sollen einfarbig sein, die bunten Thiere sind gering geachtet 
und die rothen haben oft Finnen. Gegen letztere giebt man Lor- 
beeren ein, oder Kiehenhraiid, oder auch Seilen lauge. — Wenn mau 
eilt Schwein mir Sli'di oder sonst, fahrt., so soll mau es mit dem 



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Vademecum lhrl. LandwirtliBchaft. 181 

Von den Hunilen (Cap. 6). Die Hüterhnnde müssen 
haben ; eine breite Brust, hängende Ohren, den Schwanz hoch- 
Iratit'nd, .schwarze mler weisse mirl nicht bunte Farbe. [)ie Hunde- 

namen sollen weilig S.vlhen laug sein. Im Westwind spüren die 
Jagdhunde nicht so gut. — Heilmittel gegen die Tollsnoht, die im 
lieissen Hummel' lind im kalten Winter sieb rA^l, z'\t:ht es keine, 
aber gegen die Wunden vom tollen Hund wendet man an : Zwiebel- 
saft mit Honig oder mit Rautenessig, oder man giebt Tlieriak auf 
die Wunden; wer gebissen ist, sidi nicht zur Ader lassen und 



jiuhriiL'ii iiisd Insst nun nicht früher als n:n. h vii'rüis.' Tae;cn zuheilen. 

Mäuse nützliche Tbiere. Ihnen ist das Wasser schädlich, deshalb 
sagt man von jemand isc. der Schaden erlitt): er ist so nass wie 
eine Katze. — Kein Reitersmann soll sein Wams oder seine 
Kleider mit Katzenfell futtern, denn Pferde von edler Natur er- 
müden, wenn man mit ihnen Katzen fahrt. 

Von den Hühnern (Cap. 8). Frischgelegte Eier dürfen 
Hiebt vom Mond beschienen werden. Da die Hühner, Uilnse und 
Enten nicht zu rechter Zeit die Eier ausbrüten, wenn dürre Winde 
herrschen, so muss man solchenfalls die Eier in lauwarmem Wasser 
erweichen. Die im letzten Mondquartier gelegten Eier fest man 
anf, weil sie nicht können ausgetastet werden, wie die im Neu- 
mond gelegten, — Viele halten es für ein böses Zeichen, wenn 
eine Henne krähet', und |itle^en ihr den K,.|>l' zwischen der Thür 
;il'Ziiiliiotisrli(!!i. ülnT lia-i ein Ab'-rejlnidie, d;i ihr Kraben nichts 
anderes, als tbiss sie zu feit werden, bedeutet. — Die Hühner ver- 
schlucken oft giftige Spinaen, ohne dnss es ihnen schartet, denn 
sie hallen ein balsamische* Fleisch, so wie z.B. auch die Hechte 
oft giftige Würmer ohne Schallen fressen. Wenn ein Gebrechlicher 
eine Arzenei nicht nehmen kann, so gieb sie einer Henne zu essen, 
schlachte diese ah und lass den Kranken .las Fleisch verzehren. 



nWlilil. — Iii litüiig nuf diei,.'n inul vi, l,i »mh-r.- üln.lirlie Crbrim.-he, wdclit 
nnaer Auwr enviilmt, I« mm das trilllidu' l-'niiil.eiKinnUvcrk iür diu rstniscli!) 
Volkskunde ; >F. Wicik-tiiami. Au« d. inneren r.ptjtn d. Elten 9 nach, und man 
wird finden, ii:u-< sieh uiixsilili^ di r uhi n (itliriiiiclic beim Vtilli, nlirr auch 
bei unteren lU.-ut -,-ln-u [.ni.ln irihi n 1 ttialtcn haben. 

' Das Krauen .kr Hinnen koinrjiT aiteli i>tzt ln.'in ^anz acltcD vor. 



Vinli'TiH'rilni livl. LawhvirlhKirhait. 



, Von den Gänse» (Cap. 9). Aistediiis in der Thcalogia 
nuhirali schreibt: Ansei- in etilem domo uri HO tinnos vi.t'W. — Die 
Rtalltlitii' mnss nach Süden sein. Zu verhüten ist, ilass die Ganse- 
lein nicht Schweine- oiler Ziegenhaare mit dem Wasser chitriiikcn. 
Den Günsen darf man nicht Roggenmehl vorgeben, aber mit einem 
Lot Hafermehl mag man zehn Ganse sechs Wochen lau; aushalten 
und mit einem Löf Buchweizen kann man sechs Ganse fett machen. 
Man pflückt ihnen die Federn dreimal jährlich, im Mai, Juli und 
September, muss sie aber nicht zu kahl machen ; an den Flüchten 
wachsen Dftmlich die Federn nicht leicht wieder. Gäiisemist dient 
wider die Gelbsucht, und man hat keine (.'rsaehe derartige Mittel 
zu verspotten, Sirach 3S, 2. 4. 

Von den Enten (Cap. 10). Sie thun mehr Schaden, als 
sie nützen und sind daher niclit zu halten. 

Von den Tauben (Cap. 11). Die blauen gelten als die 
besten. Taubenschläge sind nOthig ein zurichten. Sie thun auf 
dem Felde vielen Schaden. 

Von den K&lknhnen (Cap. 12). Es geht für vier 
Kaikuhnen die Woche '/, Löf Hafer auf Sie kriegen oft den 
Pipst, den man bald ausschneiden muss. Sie fressen mehr, als sie 
-..nl, ifp.l . i, i I,. ( 1,1 i i,. 

Von den Immen {Cap. Iii). Aristomuohus Sokmsis soll 
58 Jahre lang die Immen studirt haben. Im Stock ist ein Konig, 
oder auch zwei bis drei Koniire. Dia Könige haben einen Wacht- 
meister, der sie weckt, und letzterer bat auch seine Trabanten. 
Einige meinen, es falle mit dem Thau Honigsaft vom Himmel, 
was ich gern zugeben will, aber der Honig wird ebenso sehr aus 
den Kräutern t'iil nominell. Die harnen küureu im/iii-hl i<;r Menschen 
nicht leiden und eben so wenig Mensehen, die nach Bier, Brannt- 
wein. Knoblauch oder Rettis; stinken. Ihnen ist Aasgerucb ver- 
drießlich, desgleichen Lp-nsses Gebuller und Widcrschall, ango. 
braiinter Krebs^-nich, Sal*. Miklinu (sc. Mehllhaul, schwarze und 
rothe Farbe. Sie haben viele Feinde, als da sind Katzen, Spinnen, 
Spechte, Schwalben, Ameisen und Kröten. Ihr Hauptfeind ist der 
Bar, von dem etliche meinen, das- er ilctu Houijj um seiner Aut;en 
Cur, weil er hlöile Augen hat. nachstellen solle. — Ist einem das 



1 W»r uin gri «lascher Sclirifrstdler f 



Vaderuecum livl. Land rcirthseh alt. 168 

Zapflein im Halse gefallen, so lege Honig aul' ein Eichenblatt and 
thue es auf eleu Hauptwirbel. Pflaster ans Honig nnil Weizen- 
meul legt man auf Pestblatteru und Geschwülste. 

Mancherlei Dinge der L au d e s h a us h al t u ng 
(Anhang). 1. Vom Backen. Das Weizenbrod ist von wärmerer 
Katar, als Koggenbrod. Grobbmd ist Leuten, die an der Kolik 
Isboviren, nicht zutraulich, darum hacke mau solchen Leuten Brod 
vom best cd Mehl mit eii.gcstn-utnn Kümmel. — ■ 2. Vom Brau- 
werk. Die Gei'ste ist kalter Natur, aber sie nimmt durch das 
Keimen warme Eigenschaft an. Beim Einweichen ist Bat/liwasser 
besser als Brunnenwasser anzuwenden und es ist sehr auf gutes 
Malz zu achten. Krauterbier bereitet man, indem mau durch das 
Spundloch mit Ingwer, Uaneel, Iii.rbeereu. Xageleheri, Museal nu*s. 
auch wol mit Wermulli uuil Lavendel krilutert. Den Gelehrten 
zu Lande ist es gesund, dass sie sich das Bier mit Paradies- 
kömenj, Galgau, Muscatnusa, Lorbeer, Nagelchen oder Paeouien- 
s&men zurichten. Dass die liriandisohen Laudherren so viel auf 
Wein — mit Verachtung des edlen Gersteuweines — anwenden, 
kann ich nicht entschuldigen. — 8. Der Branntwein wird zusammen 
mit Pfefferkuchen gern den Gasten gereicht. Zum Rniuntwcin 
nimmt man besser Koggen als Gerste, und für den Hausbedarf 
brennt mau ihn aus Malz, der beste aber ist aus Weizen. Man 
destillirt zweimal und das dritte Mal thnt man Kräuter hinein, 
wie z. B. : Angelika ist gut für die Pest; Lilien Convallien wider 
den .Schlag; Oalmus, Ingwer, Galgan sind gut für den Magen; 
Anis, Cubeben, Lakritz, Ysop, Udiau, Kümmel, Wach hol de [beeren 
dienen den Gichtbrüc.liigcn ; endlich Wem mth. Auf Ii Stuf Brannt- 
wein gehört 1 Stof Znokerwosser von 1 Pfd. Zucker. Darauf 
färbt man ihn: mit Safran gelb, rother Sandel roth, Salhey grün. 
Aqua vit nennt man dreimal destillirlcn liianutiveiu und KU ein- 
jiii-lilen sind besonders i^««-!ssl j drei Ai|uavile uns: Cunraili Kliua- 
rads' urtc dcsttllufarin). Junge Kinder und Weiber sollen den 
Branntwein behutsam trinken, denn er ist eine Arzenei und kein 
Getränk. — 4. Vom Essig. Man bereitet viele Kräuteressige, 
Angelika kleingeschnitten in Essig, und damit einen Schwamm 
an gefeuchtet und diesen vor den Mund gehalten, wendet man in 
der Pestzeit an. Wenn du mit einem Kranken handelst (sc. zu 

' Kunriiili ..lidjtigur lltiiri.li KlmiirarlO »>n Dr. nicilic. Sil Leipzig-, er 
winkt eine 'Metltllia ikilill. '! mrür.i. Uiutilmrjj l<iO>. uuil lüiuh viele alliiere 
Werke. X«b Zedier D.-L. HJ. 16 SltW, 



liv]. L.iiuUvirtlischaft.' 

hseraes Licht zwischen dir und dem 
Ir wird mit Galgan gewürzt, oder mit 
ame und -Nnas, Ingwer oder mit etwas 
isalzen und fUuchern. Wenn man in 
l sich Speck und Schinken drei Jahre 
ickt man gern mit Knoblauch. Das 
Ulnchfang hangenden Fleisch schädlich, 
gte Hauch ist am besten. &o. &c. 
nimmt zu 3 Pfd. Talg nach '/■ KSllmit 
Asche und kocht diese Lauge 24 Stiui- 
a für das Haupt, ferner solche in der 
esottene Kriluterseife macht man von 
n Majoran etc. etc. 
t alles in der Furcht Gottes mit dem 
ich schliesse demnach also : (hier folgt 
dione geistliche Lieder, ferner drei 
iDtacba Gesinde). 

Ausgabe vom J. 11588 noch (p. 1— 68): 
in. Darinn die meisten Kranckheiten 
Ziegen, Schweine, Ganse und Hühner 
zu cnriren. Aus ethlicheu Authoren 
druckt zu Riga im J. 1687.» 

F. Ameln n g. 



l' i j liz.:"J Ci 



Aus dem Leserkreise. 



Itiga, 113. Januar 1885. 

J Hochgeehrter Herr Bedactenr! 
ch bin Ihnen vollständig unbekannt ; — gestatten Sie mir daher, 
vor allem mich Ihnen vorzustellen. Auf Schulbänken habe 
ich nicht viel gesessen. g a fe.U]eti mir dalicf alL- Y welche 
den Gelehrten schmücken, sei er Jurist, Philolog oder National. 
Ökonom. Ich bin self-matii-imm, ein Manu der Praxis, und was 
icli an Bildung besitze, habe ich in der harten Schule des Lebens 

gelernt. Ich habt Uicliti^ arlieiie üsseu, um mich über Wasser 

im halten; jetzt, in meinen alten Tagen, hin ich ein wohllLabcmliT 
Mann, und wenn ich vernünftig wäre, lebte ich in stiller Behag- 
lichkeit, im Kreise meiner Familie, ohne mich um fremde Streitig- 
keit zu kümmern. Almr, bester Herr, wer kann ans semer Haut, 
fahren! Au stete Arbeit gewohnt, von Jugend auf genothigt, über- 
all und jedem gegenüber ni teäette zu sein, ist es mir nicht mög- 
lich j;eivehen, tiiiili nur liuhn KU setzen. So gc-rieth ich denn 
auch, sehr zum Aerger meiner Frau, in den Strudel der Stadt- 
Verurductenwahlen, welch« ilie Kiiiiuhniiic; neuen Städteordnung 
brachte, nahm ein Mandat für die Stadt vcvniiluctenvcrsamralung 
an und bin in meinen alten Tagen mit Leib und Seele bei der 
neuen Sache. Sie merken gewiss schon, wo alles das hinaus soll: 
ich will Ihnen meine Meinung sagen Uber die zuerst in der Tages- 
presse, später in der «Baltischen Monatsschrift, discutirte Frage, 
oh das Stadthaupt gleichzeitig Präses der Stv.-V. und des Stadt- 
amts sein dürfe, oder ob diese Functionen im Interesse gedeihlicher 



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Aus dem Leserki 



ich noch nie gedruckt gesehen; - dun fehlt mir alle Th 
fehl! mir der Styl, der ja bekanntlich den Mensehen macht, 
es fehlt mir ziemlich alles, was zu meiner' Legitimation den 
dnetear der « lia 1 ! i ? c ! u;ti -M n ti:i i sh 1 1 1- L 1 1 , geijen Uli er erforderlich ' 
Ich hoffe Sie, geehrter Herr, durch dies offene Geständnis n 



inen meine Auslassungen gar zu 
neiden Sie die wilden Triebe oder 
i (ii.-iUiiiki.']igiiiii" ilurrh hiv.fi gliche 



In dem neuesten Bande der 
n, mit .der Oheihofgerichtsudv. 



. Mimalssdir.. hahen ! 



in der Stv.-V. gewlihll,], Aussdu 
itirendeii Vorigen vurziilicivit.cn 
; iiiisxiil'itlii'i'ii mi'l iiliHrliiiniti rli^ 



1 hl nii-lil erforilvriitti cr-diinini. 



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107 



herab Svini-alhiseh beruhte mich midi die iiWndl dnichblie.Iu-nde 

Hoelwelilung vor der eigenen Meinung und die Abneigung, die 
der Autor gegen jegliches Autoritatsweseu luit. Audi ich schatte 
meine Meinung höher nie jede andere — schon das Wort <Auto- 
rit;lt> erzeugt in mir Unbehagen, über freie Meinungsäusserung 
gebt mir nichts, und wer mir das Wort entziehen oder besehrankeii 
will, der ist mein Feind. Alle diese Lebensanschauuneen glaubte 
ich im Sdiieumuiischeii Artikel wiederzufinden, nur eleganter for- 
nilllii t und gelehrter begründet, als dies mir iingclehrteiii Melodien 
luv meine Vertäu miiglieh gewesen wäre. Ks ist doch immerhin 
eine BchBne Sache um die Gelehrsamkeit I Wie leicht muss es 
einem werden, einen bemerkenswert heu Artikel über Stadtverwaltung 



— nehmen Sie mir dies offene Wort nicht Übel, beater Herr — 
hat Herr Seliicuinnti Sie ji di iitklls überholt lind sieh als der Be- 
deutende!« von Ihnen beiden erwiesen. Sie sind bei dem über- 
sichllidieii Renne stehen geblieben, er aber bat alle [irenssisdieii 
StiKlteordnuiigeii, obwol sie ihm bereits geläufig waren, nochmals 
studirt, und ist es ivahrscheinlidi, dass er auch zahlreiche andere, 
nichtpreussische, genauer kennt, die er in seinem Artikel nur bei- 
läufig als existirend erwähnt. Zwar behaupten auch Sie nach- 
träglich, dass Ihnen die bet redenden Gesetze ganz gut bekannt 
seien, und ich will Ihnen ja auch aus Höflichkeit gern glauben, 
immerhin aber — nun, lassen wir das besser sein, es kommt nicht 
viel darauf an. Jedenfalls werden Sie es begreiflich finden, dass 
icli mich unter bewandten Umstanden ganz der Führung Herrn 
Schiemanns Uberliess und in den Ruf einstimmte: .Hinaus mit dem 
Süidtlmilptl. — Da ieli ein offener Mensch bin, machte ich aus 
dieser Ueberzeugung kein Hehl, theille sie uieiueii Parteigenossen 
mit und inachte l'roriaganda i'ur sie. Erst die ziemlich einfältige 
Frage eines meiner Col legen : .Was bat dir denn das Stadthaunt 
gethan, und wer wird denn nach deiner Ansieht, die Sache besser 
machen?» machte mich stutzig. Ich nahm den Sdiieniannsehitu 
Artikel nochmals vor und bewegte die Saehe in meinem Herzen. 
Unverrückt blieb mein Auge imf dem ^russ gedruckte)] Sdilusssatze 
des Artikels haften, nach welchem die Commune nicht au den 
Willen ihrer Heamten, sondern diese an den Willen der Commune 
gebunden sein sollen. 

Ha! dachte ich, der Vertrauensmann der Stv.-V., der unter 



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der künftig M wählende Stadtrcrurdtietetivursteher nicht sein '? wird 
dieser nimbliangig sein von der Versammlung, wird er nicht e.bculalls 
ihr Beamtersein ? Wenn nicht, so ist der Tausch riskant : erneu vou 
der Versammlung unbedingt abhangigen Präses geben wir auf, 
einen absoluten Herrscher wählen wir uns. Kann es uns da nicht 
am Ende gehen, wie den Fröschen, die den Klotz fortjagten und 
den Storch zum König erhielten, der sie allmählich auffrass? 

So beunrilhij.'end diese ZweÜel einem misl.ratusch angelegten 



Präses der Versammlung, mag er nun Stadlhaupt oder Stv.-Vor- 
steher heissen, immer gleich abhängig bleiben miisste von der 
Stv.-V., und dass eine Versammlung, die sich von ihrem Präses, 
gleichviel Welchen Xanten derselbe führte, tvraniiisiren liesse, eine 
bessere Behandlung ehen nicht verdient. Dabei erschien es mir 
vollständig gleichgiltig, wer die Tyrann» übte, das 8tadthaapt 
oder der Vorsteher ; ja, es beschlieh mich sogar ein leiser Zweifel, 
Ob nicht unter sothaiicu l.'utslauden die iiealisirung des Schiomann- 



derjenigen des Stadthauses und der des Stadtvei^rduelenvorstehers. 
So war mein bliudur Glaube an die Heilsamst des Sc hiemai] tischen 
lteceples dahin, und schämte ich mich, bei aller Abneigung gegen 
den Autoritätsglauben in meinen alten Tagen doch wieder tiner 
Autorität zum Opfer gefallen za sein. Ich beschloss jetzt, selb- 
ständig weiter zu denken und mir aus eigener Erfahrung ein rich- 
tiges Bild der Sachlage zusaniiueuzust eilen. Es h'el mir wieder 
die Frage meines Collegen ein: «Was hat dir denn unser Stadt- 
liaupt gethau ?. ich dachte nach und musste trotz bekannter oppo- 



der Versammlungen sich unparteiisch und objectiv gezeigt, sei es 

wnsste, dass sich die V.Tsaimnltuig die Yci-ewaltigung auch des 
einzelnen Stadtverordneten nicht würde gefallen lassen, weiss doch 
jeder zu gut, was jenem heute passin, kann morgen mir nassiren. 

Grund zur Klage lag also nicht vor; aber war es nicht 
denkbar, dass ein anderer Präses als Leiter der Versammlung 
besser fungiren würde als das Stadl lumpt V Ich sali mich unter 



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Aus dem Leseritreise. 1 
lien Candida ten um : einige S lieber haben auch ' 



s;irmnluii;r. und fand jetzt /.a meinem Erstaunen, dass die gegen 
seine Leitung ins Feld geführten Momente Iiaiintsaehlich darauf 
hinausliefen, dass er von der zu discatiruudeii Vorlage wegen seiner 
genauen Bekanntschaft mit derselben zu viel verstehe, und dass 
sein Wunseli, die betreffenden Vorlagen durchzudringen, weil er 
sie för nützlich oder notwendig hält und die Verantwortung für 



eitnng der Verhandlung zu verletzen. Hier Milien es mir nun, 
iss man den Eintluss des Präsidiums ganz ausserordentlich Uber, 
hatzt, wenn man letztere Hetürehtung im Ernste aufstellt. Welche 
[ittel sieben denn dem Präsidenten zu Gebot, um die Ent- 
■liliessung der Versammlung zu leeitdlussim ? Zu Worte uiuss 
ich der Präses doch unbedingt kommen lassen ; entzieht er mir 
ls Wort, so musa er der Zustimmung der Versammlung sicher 



zu meinem flechte verhelfen würde, gleichviel wer auf dein Prä- 
siden tenstuhle sitzt. Aber angenommen, das Interesse, welches das 
Stadtbaupt an der Annahme der betreffenden Vorlage hat, trübe 
seine UnoarleilidiUit, ivekhe Sieberheit. haben wir denn, dass der 



derselbe aus der Mitte derselben Partei gewählt werde, welche 
das Stadthaupt ins Amt gebracht bat. Er wird also politisch von 
vornherein auf demselben ^tauilimiikle stellen, und es werden hier- 
durch seine Anschauung]) über das. was für das (iedeiben des Gemein- 
wesens wünschenswert h erscheint, nicht wesentlich von demjenigen 
niiiiiikt ■■■iiHibiin, iii^i iiN". "sti 12 



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(Ii'* Sl:iiltti;i'J]iU;s didtri 



h vom Stftd tarnte aus 
machende Vorlage < 



itrie l'uppe des SUidthaup 
n Leitungsdrahte nach sei 



trennte Organe sind, von Okiwh jfdi's i'iti't'silctil.iir "bor seine Seil), 
titiiiidiirkcit wriftit, die hiiniig in Gintlnt mit. vimwWr !;i>ratlu>n nmi 



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Aus dem Leserkreiso. 171 



uns ilie Stv.-V. und das Stadtamt. Meinem einfachen Verstände 
präsentirt sich das Stadtilm t, nie ich bereits auch oben hervor- 
gehoben liabe, lediglich als Aussr.huss der Stv.-V. Hätte der 
Gesetzgeber das Verhältnis anders aufgefa.sst, hatte er in der That 
das Stadtilm t als ein selbständiges, \'in der St.-Y. ganz Abgetrenntes 
Organ, wie es der preu.ssische Magistrat doch unzweifelhaft ist, 
hinstellen wollen, so hatte er die Glieder des Stadlamtes sicherlich 
nicht im Bestände der Stv.-V. mit Sitz und Stimme belassen. 
Wie die Sachen augenblicklich liefen, kann ich in den Stadtnahen 
nur Stadtverordnete resp. Vertraue nspersonen seilen, welche von 
der Stv.-V. ein bestimmtes Mandat erhalten haben und dieses 
namens der Versiunniltmg ausfahren, je nach der ihnen gewordenen 
Instruction gemeinsam oder jeder für die ihm Übertragene Brauche 
persönlich. Ist das in der preussi sehen Süidienrdnung aber soV? 
— Das Stadtamt hat, abgesehen von Gesetzwidrigkeiten, die liier 
nicht weiter in Krage kommen, unbedingt die Anordnungen der 
Versammlung zu erfüllen, und hangt es von der letzteren ah, jede, 
auch die unbedeutendste Frage ihrer eigenen Entscheidung vor- 
zubehalten oder die Kejreliiiii? derselben ihrem Ausschüsse, zu über- 
tragen. Warum soll nun der erste Vertrauensmann der Commune 



an demselben Punkte angelangt, von dem ich ausgegangen war: 
mir fiel unwillkürlich die Katze ein, die sieb in den eigenen Schwanz 
beisst. Ja, warum sull da* .Stadihaupt nie hl Präses der Stv.-V. 



rende Ihatsaehe auf — es war aber au derselben nichts zu ändern. 

Ich beklagte die durch die mcusehliilie Srnwache und litivollkiimunn- 
lieit bedingte Nothwendigkeit, überhaupt einen Präses haben m 
müssen. Da man nun aber einmal einen Präses haben soll und 
mnss, so nehme ich das Sladihaupt, den ich doch ohnehin in ge- 
wissem Masse respectiren muss, lieber als einen anderen, eispare 
ich mir doch dadurch eine zweite Respektsperson. Von dieser 
Anschauung würde ich nur dann abgehen, wenn ich die Sicherheit 
hatte, selbst Stv. -Vorsteher zu werden. Dieser mir plötzlich kom- 
mende Gedanke bringt mich auf einen zweiten. Wenn es ihnen, 



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172 Aua dein Leserkreise. 

iL Ii. den Gegnern des einheitlichen Präsidiums, gelinst, das Stadt- 
haapt zu halbiren und einen Stv .-Vorsteher zu erlangen, dann 
mitsstj; ;iudi statuirt wt-rden, rtass dieser Vorsteher nur aus der 
Opposition gewttblt werfen dürfte. Durch diese. Bestimmung Würden 
nicht nur viele der oben anscdniitctirii Misstiiudi; beseitigt, sondern 
aneli der Minorität zu ihrem Rechte verholten werden, ein Ziel, 
welches seihst der grosse Kanzler lies deutschen Reiches bisher 
vergeblich zu erreichen gesucht hat. Kann (lies aber nicht ge- 
schehen, so möge es beim Alten bleiben und bin ich überzeugt, 
dass selbst, wemi ihn Himltbaiint als obligatorischer Präses 
der Versammlung durah den Gesetzgeber abgesctzl werden sollte, 
er doch, abgesehen von einzelnen Ausnahmelall™, regüluiiii'sig 



Es wird mir ganz leicht zu Muthe, nachdem ich die Zweifel, die 
ineine Seele belasteten, in Tinte ersätitt habe, üb ihnen ein noch 
schwärzerer Untergang in Druckerschwärze beschieden ist, das 
steht bei Ihnen. 

Hochachtungsvoll 

Ihr ganz ergebener 




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Notizen. 



I.utit r. K lr< be D>det> I. VuRng "■» 10. Sm. ixt» im Sui, <br Nehvari 
hHuj.itr, gstnltai rom Otannawr 1)7. J. LS t^tn«. rttt -Ipd 
Dort crwtiint - Hup V..K,nimtl. S.37. gr.a 

t ht kein persönlich wissenschaftliches Interesse, das den 
\ . : ■ vr>n Kircber.ideali zu seiner Studie 

getrieben. Auch nicht in eine» K'jBnrwaii|ten Kreis für Kirchen- 
geschicbie [ntereisiiter wendet sich der Vortragende. -Sondern sein 
Mnitv ist ein allgemein kirchliches, »ein Publicum, zu dem er 
spricht, sind die (iemeindegenoHSPn unserer Kirche. Indem er 
• Luthers Kircbemduil • Sxbt. will er die Zeit- und Uemeinde. 
genossen auf das Rleibemle. allgemein (iiltige. das cbrisilicb.kirch. 
lieh Meide und gasrhi' h'.lkh <Mtvh1:<-h Heule in Luthers Meeu nm 
der Kirche nud in seiner ein Ii 'iss reichen Thatigkeit für die nrak- 
tische Durchführung dieset Ideen hinwulsea — Fruchtbar wird 
das Anhureu des Vortrags und die Lectilie der den Vortrag ent- 
haltenden Schritt nicht schon, wenn uns üai geivo! Jen. was Luther 
in dieser Beziehung gewollt und gewiikt. somleru erst dann, wenn 
wir uns nud unsere kiichliche Stellung. nnser kirchliches Wollen 
und Wirken damit in Vergleich Stellen und uns klar werden uher 
unser« in unserer ehriKtlicu km hin htu L'eberanugung begründete 
IVbeivinsliniinung oder Abweichung. 

Wie wichtig und brennend die iKruge von der Kirche, in 
unserer Zeit gewoiden. weiss ein jeder, dirr Kühlung hat mit den 
die Geister hewependen Eiunerungeü und Kämpfen der (jegenwart. 
Dnss eine klar bewussle nnd entschiedene Strllnng zu unserer 



Glgulzofl Oy Google 



174 



Xiiiiz'.'ii 



Kirelie für unser Gesamiii lieben und sein Gedeihen von höchster 
Bedeutung, darauf ist wiederholt hingewiesen worden, das betont 
Lütkens zum Bchlusfi Beines Vortrags in sehr beachte na werther 
Weise. 

Wir müssen es daher dringend befürworten, dass die mit der 
kleinen Schrift angelegte bedeutungsvollste Sache auf der Tages- 
ordnung bei uns bleibe. Nicht auf theoretische Anerkennung der 
materialen oder formalen Bedeutung des Vortrags kommt es an, 
sondern auf Verarbeitung seines Ideengehalts und die charakter- 
volle Vertretung der gewonnenen kirchlichen Ueberzeugung. 

Die Vorzüge vorliegender Schritt, die ihrem Verfasser eig- 
nende Gedankenklarheit und Pracision des Ausdrucks, machen die 
eingehende Betrachtung derselben zu einem geistigen Uenuss. Der 
bleibende und fruchtbringende Gewinn aber, den sie uns eintragen 
soll und kann, wird die erneute Aufforderung sein zu principieller 
Beurtheilung der Vorgänge auf dem Gebiet kirchlichen Lebens, zur 
Klarheit und Entschiedenheit im Wollen in dieser Beziehung nnd 
zu kirchlich richtigem Verhalten im Thun und Lassen. 



iW»b .1 Le Örotimiillar ertlbllo. Bilder und Itlrdiwi filr die 
FnMBWelt von Lilly Baronin um Viel i n gh o ff. Dorsal 
Schiiakfiibiitgn Vertilg. 18S6, 

Unter den Weiimacbtsgaben, die seit eiuigen Jahren baltische 
Frauen unseren Kindern bieten, heiter und launig, ernst und lehr- 
haft, schlicht erzählend oder poesiedurchwebt und allegorisirend, 
sind die «Bilder und Märchen» die jüngste, aber gewiss nicht 
weniger willkommen gewesen als die früheren. Behält die vor- 
lesende Mutter wol mehr als zuvor aus ihnen die eine oder andere 
Dichtung für sich im Sinne, weil sie der Kinderwelt zu schwer, 
zu ernst oder überhaupt nicht für sie geschrieben gewesen, so 
wird die reiche Folge der farbenprächtigen Bilder aus tGross- 
mntters Bilderbuch' sicher jedes Kindergemüth hocherfreut und 
die dringende Bitte um Weitererzählen hervorgerufen haben. Und 
das im Sinn Behaltene mag manche Leserin oft im Herzen bewegt 

Unter den literarischen Festgaben, welche die unter gross- 
artiger Theilnahme so stimmungsvoll vollzogene Jubelfeier der 
Gesellschaft für Geschichte und Alterthumskunde der Ostsee- 



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provinzeil hervorgerufen (ist, ist neben der von ihr selbst darge- 
brachten gediegenen Arbeit vi in Floth führ, die an dieser Stelle 
bereits gewürdigt worden, zunftclist der als Jubilaumshetl er- 
scbienenen Ausgabe ihrer gewöhnlichen <M i 1 1 h e i I 11 n g e n> 
(Bd. IS, H e f t 3) za erwähnen. Einem von B. Diederichs ver- 
öffentlichten und besprochenen allen Verzeichnisse der Rischofe 
von Kurland uns dem Iii. Jahrhundert, das übrigens jetzt aueli 
der zum Jahressoll luss ausgegebene achte Band des liv-, est- 
nnd kiirl flu ili sehen ('rkundenlmehes (Nr. -HO) bringt, folgt eine 
gründliche Untersuchung L. Napierskys Uber die Geschichte des 
Schwarzh Ruderhauses in Riga von seiner ersten Erwähnung im 
-fahre 1334 bis ungefähr zum Jahre 1477. Unter den kleineren Bei- 
tragen, einem lateinischen Ehrengedicht auf die Promotion des 
späteren Eizbischofs von Riga Johann Blankenfeld, einem durch 
C. Sehirren in Moskau aufgefundeneu Origiualbriet' von Leibniz 
an Patkul nebst zwei Denkschriften Uber die Beförderung der 
Wissenschaften im Zarenreiche, hat wol das grösste Interesse ein 
von L. Napiersky in Copie wiedereutdeckter Brief Luthers an den 
rigaseben Rath, dessen einstige Existenz und allgemeiner Inhalt 
zwar bekannt war, der nun aber den fraglichen Kall, eine Ehe- 
sache, und des Reformators erbetenes Gutachten klar darlegt. 
Luther erkennt im Verlöbnis das eheschliessende Moment und be- 
handelt die Weigerung, dem Verlöbnis nachzukommen, als Ehebruch. 

Den Schwerpunkt des Heftes bildet aber die längst erwünschte, 
sehr dankenswerthe Edition der Tagebücher Jürgen und Caspar 
Padels, die in Auszügen aus dem Anfang des 17. Jahrh. gegen- 
wärtig in der Bibliothek der livl. Rittei-scliaft aufbewahrt sind. 
Tritt aus ihnen die politische Individualität Jürgen Padels, wie 
Ref. sie einst zu zeichnen versucht hat [Russ. Revue, 1877. Heft 11), 
auch nicht hervor, tragen die Aufzeichnungen vornehmlich einen 
privaten und auaserlichen Charakter, so drangen sie doeh immerhin 
die Wahrnehmung auf, dass Jürgen Padel eine bedeutende persön- 
liche Stellung in seiner Vaterstadt eingenommen haben mnss. Seine 
and Caspars, venmithliHi seines Sonics, Notizen gewahren einen 
reichen Kinbliek in das lieben und Treiben, besonder in die 
Pei-snnal Verhältnisse Rigas von 1Ö41— (mit einer Lücke für 
die JJ. 1660 und 1GG1). — Der Herausgeber, Bürgermeister Böth- 
ftthr, hat den sorgfältigst durchgesehenen Text mit allen erforder- 
lichen Registern hegleitet, daher die fortlaufende Leetüre wie das 
Xaclischlagen sehr erleichtert wird. Seiner angestrengten Thätig- 



176 



Xutizeii. 



keit vor allem ist es zu danken, dass die Gesellschaft an ihrem 
Ehrentage wissenschaftlich eben so reich zu geben wusste, wie sie 
empfangen Hat. 

Unter den der Jubilarin von anderen Gesellschaften gewidme- 
ten Schriften gedenken wir der Festnummer der von der 
lilerarisch-prak tischen Bürger Verbindung zu Riga herausgegebenen 
<Rig. S tad tb I ät teri, die durchweg der Geschichte der ge- 
feierten Gesellschaft ihre Spalten vorbehalten hatte. Die estlandische 
literarische Gesellschaft zu Reval hat ihren Glückwunsch durch 
die von Dr. Th. Schiemnnu edirten Briefregesten und Briefe aus 
einem Coueeutbuclie des revaler Ratties entboten unter dem Titel: 
Revals Beziehungen zu Riga und Russland in 
den JJ. 1483—1505. Reva!. F. Kluge. S. 72. Die Fest- 
schrift der estnischen gelehrten Gesellschaft zu Dorpat: Die 
neolithischen Bewohner von Kunda in Estland 
and deren Nachbarn, mit Holzschnitten im Text, 4 Tafeln 
und einer Karte des Stein-, Bronze- und ersten Eisenalters von Liv-, 
Est- und Kurlandi S. 88, hatte Prof, 0. Grewingk zum Verfasser. 

Fr. B. 

Von Seiten der kurl indischen Gesellschaft für Literatur und 
Kunst ist durch H, Diederichs dargeboten: Herzog Gott- 
ha r da von Kurtand F ri ed en s verm i t te 1 u ng zwi- 
schen Rath und Bürgerschaft der Stadt Riga 
im Jahre 16S6. Ein Beitrag zur Geschichte der Kaleniier- 
unruhcn. gr. 4*. I>2 Seiten u. XII. Es ist im wesentlichen eine 
(juellenpublication, mit der Hr. Diederichs uns beschenkt hat und 
zwar behandelt sie eine der interessantesten Episoden aus der Ge- 
schichte Rigas. In den bösen Tagen des Jahres 15815, als Rath 
und Gemeine der Stadt Riga in blutigem Hass einander gegenüber- 
standen und der < Tribun > Marlin Giese in rücksichtsloses tw Waise 
die mächtige Stellung ausnutzte, die ihm sein agitatorisches Talent 
verlieh, um die alten Geschlechter zu demuthigen und die alte 
Vci'lfissiitij,' brechen, als L,'kir:]ni.'iü S ( I'dIciis schwöre Hand sich 
anschickte in diese Verhältnis*-: HiiiKiigvwifrii und gewaltsam Ord- 
nung zu schaffen, da trat Hrrzu-j Gotthard von Kurland als Ver- 
min h-r iinf. Hin dii- rrliil/.'rn I'aiti'icn -/.a lu-niliiijcii cml einen Austin;; 
hinl.'L-i/.iilnliivn . der iliis Einschreiten des |)ulnischc:i Schul /he.rni 
unnöthig mache. Die Thatsache dieser Vermittelnng war bekannt, 
nicht aber Gang und Verlauf derselben. Da ist es in hohem Grade 



'Digiiizcd b/Coegle 



fasste Einleitung und kui/n orieiilirende >'oten erleichtern wesent- 
lieli das Verständnis des bedeutsamen Actcnstiickes. Die Kti'llwn«? 
der Parteien zu einander ist erat jetzt reclit plastisch und greifbar 
geworden. 

Uebrigens Imbun diese rigaer Angelegenheiten den Herzog 
fast bis in seine letalen Leliensslundeii ljustliüftt^t, und wir freuen 
uns. hier noch einen kleinen Beitrag zu der von Diedericbs be- 
handelten Frage liefern zu können. 



;s euch iiin-i-nnuilicli «ml »cliiuirtihcli U'ii^i-kus 



wenden, schlagt er, am nicht selbst in Verdacht zu fallen, ab; 
auch sei nicht rathsaui Gesandte nach Polen zu senden, .durch 
eine vernünftige un beargwöhnte nost. werde sich <in diesem inter- 
■ Ee stammt Olm,; ji-.l.;a Zivtir.l ,iti. lii.in k n r! i i cn I L h .- ti ■ lii.-rf i l,-!^ 1 1 1 t-n Archiv. 



Digiiizcd by Google 



Notizen. 



regno. mein' erreichen lassen. Iti einer Nachschrift viith er Nach- 
forschungen nach den Schuldigen anzustellen nnd die Stadt wohl 
in Acbt zu haben, .dnss euch nicht die schuldigen wie hiebevora 
Liijt dem Giesen geschehen, entwenden nnd davon kommen mochten.» 

Dr. Th. Schiemann. 



Im Namen der lettisch-literarischen Gesellschaft hat T)r. Aug. 
liielenstein als Fragmente aus der Ethnographie 
und Geographie Alt-Livlauds. Mitau. S. 28. zwei 
kleine Abhandlungen übcrreichl, deren eine sich mit der von Hein- 
rich von Lettland im Herzen Livlands genannten LamUcunft 
I d u in il a beschäftigt. Es ist ein reizender kleiner Aufsatz, nur 
14 Seiten um fns.se ml, «ine von den Arbeiten, die schon einzig um 
der Behandlung willen fesseln, wenn das Thema auch nicht von vorn- 
herein das Interesse anlockt. Für den Referenten ist das hier frei- 
lich in hohem Masse der Fall. Denn Hieleusicin ninsste dabei die 
Frage berühren, wer die .Wendern gewesen seien, die vor Ankunft 
der Deutschen von der Windau nach dem spateren Wenden an der 
1 irländischen Aa gewandert waren. Referent, in allen ethnogra- 
phischen Dingen durchaus Laie, hat seit langer Zelt still für sich 
die Vermuthung gepflegt, sie seiet) Letten gewesen, die bei der 
Besitznahme der Küste des rigaschen Busens durch finnische Volker 
und über ihn hinaus den Strand der offenen Ostsee ein Stück ent- 
lang am Unterlauf der Windau sich erhalten hätten, allmählich 
sich aber doch veranlasst, sahen zu weichen. Bielenstein erklärt 
sie nun auch entschieden für Letten, allerdings für ein "vor - 
gesprengtes Lettenhäufiein, das sein versuchtes Wagnis 
wieder aufgab. In einer bald druck fert igen Schrift des Verfassers 
• Ueber die Grenzen dir lettischen Sprache und der Dialekte in 
der Gegenwart und im LS. Jahrb. > wird das Nähere Ell erwarten 
sein. Der fremdartig klingende biblische Namen Idttinäa entpuppt 

sondern lebt auch nncli heule als Wid-seme fort, sowol im 
weiteren Begriff als Bezeichnung für ganz Lirland als auch im 
ursprüglichen enteren IVjrriH' als Bezeichnung für die wolmarsche 
Gegend. Doch wie gesagt, nicht nur dieses Ergebnis der For- 
schung, sondern auch der Weg, auf dein Bielenstein es gewinnt, 
ist höchst anziehend. 

Mit der Wenden frage berührt sich ciiiigcrmassen eine andere, 



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deren Beantwortung Gotth. Vierlmff der Gesell sei mit gewidmet 
•hat: Wo lag die Burg . A 1 1- W e n il e n.? Riga. Kymmal, 
19 S. Auf Gnmd der aus den Angaben Heinrichs von Lettland 
resultirenden Un Wahrscheinlichkeit der Vermuthüng. Alt- Wenden 
sei heiin heutigen Arrasch zu suchen, hat Verfasser, Pastor in der 
Stadt Wenden, eine andere Oertliclikek zu linden sich bemüht 
und als solche den «Nnssb'Tg.- im weinlen-icln-n ,Sel]lu*;pa.rk er- 
sehen, der den vom (Ultimaten geschilderten Verhältnissen ent- 
spricht. Eine eingehende Untersuchung des Hügels 'im letztver- 
Kiiiifrtmei] Herbst erwies luiter der Rnlohürfiächi! Mauerwerk mit 
Mumdreslen aus i'-iiii-m Kalk ohne alle ( '• la-nitledmisclrnng, woraus 
Verlasser den Schluss ziehl, dass die Anlage von Deutschen und 
:«« ii' di V'- I-. :'.■■> pl.t i In. , '.'■iliiirift-ii jf-ii.-- U 
Worden, da der Mörtel späterer liaulen sclnin C rätiilmi*ehuiig zeigt. 
Die verfolgbareu Fundamentreste der Umfassungsmauer, durchweg 
ohne Mörtelverband nur in die Rrde .hineingckramt>, stimmen 
zu der von Heinrich von Lettland gezeichneten Situation des 
Kampfes um Wenden im J. Villi. Übwol der technischen Kennt- 

sein, und werden auch nicht irre durch den soeben in der <Rig. 
Ztgi. Kr. 22 erhobenen Widerspruch, der uns weder durch die 
Stelle des Chronisten (14, 8) noch durch Analogie ausreichend !>«- 
SHii-I- I •.-.Im- ml I'-i.o ,iu? l-i Al-.i-.li' 1-i K <li#- Piir^ -Ii« r- ■• 
um sie zusammengeschleppte.-; uiiil auge/andeies Hol/ zu ver- 
brennen, kann noch nicht mit Sicherheit geschlossen werden, 
dass die Burg aus Holz gewesen sei, zumal Heinrich von Lettland 
sich so ausdrückt : -sie setzten durch Feuer und Runen denen, die 
in der Burg waren, heilig zu,> nicht gerade der Burg selbst. 
Die Analogie mit anderen Burgen {nämlich Ball ein bürgen) trifft 
aber nicht ganz zu, weil Alt- Wenden, wenn auch ursprünglich eine 

Banernburg, seit dem Zuaa enwohnen der Ritter mit den Wenden 

auf ihr es nicht mehr war, und diu Umiiuidielikeit. doch schwor zu 
erweisen wäre, dass die Ritter sie mit einer Ringmauer aus Stein 
umgeben hatten. Der Rang einer lerucksiclitigenswertlien Hypo- 
these dürft ti Viertln it'.-i Ansidiaiiini^ nrn-h einstweilen zustehen. Wenn 
Verfasser dagegen, die von der Windau nach Wenden gezogenen 
Wenden für «luven ansehend, den lii-imclironisten einer wiederholten 
Verwechselung der Weinleu mit den Lellen zeiht, so wird letzterer 
dnrcli die eben erwähnte Aufstellung liielensteins glänzend reha- 
bilitirt. 



180 



Notizen. 



Doch nicht mir die gnU'lnle Fursclmiiff. Kritik und Edition 
hat zum Feste der LundiN^dLirlit" sitii s^res'» ■ lu(: ' 1 die erzäh- 
lende Geschichtohreibung hat in .Jakob Lange, (ieneral- 
sa pari n tenden t von Livlandi eine wertlivolle Gabe 
hu.« der l'VitiT iiiiü-ri's licrlis-i'v.liiiitrii I i [^u ilin, 1 n-:i KiiTlH'nliWun- 
kiirs, di:s Dr. (.'. A Berkliul*. ^lilit'iiclit. : ein Uücli, auf diis wir, wie 
aneb auf den adiU>n Hand du« Hv-, est- ntiil kiiHüudisrdimi ürkundpii- 
buebes wegen Raummangels erst im folgenden Heit eingeben 
können. Fr. B. 



Zaberichtlgen: Heft l, S.t«, Z. 15 I. Druck ni. Duül 




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Ueber Jakob Grimm. 



zu den Vorzügen grosser Männer zu gehören, ilnss 
hohes Alter zu erreichen im Stande sind. Wenig- 
■ dies als eine Eigenheit, der hedeutendsten 



■g, Metternich, K. E. v. Buer, ßaiike, Kaiser Wil- 
helm ; ich könnte die hunte Reihe leicht verzehnfachen. 

Ohne Zweifel hat auch Jakob Grimm darum ein so reiches 
und erfolgreiche Indien ulijrcsr.'hliiss-tfn, weil er es Iiis zu der Grenze 
führen durfte, von welcher der Psalmist redet; denn er ist im 
79. Jahre gesterben. 

Desselben Vurlheils tlieilliai'tig sind aber die anderen geworden, 
welche wie er aus dem Jahre 1735 stammen: Varnhageu, Bettina 
v. Arnim, Dahlmann, Pückler-Muskau und Bikkh; alle diese haben 
mindestens das 73. [,i'ln;iisj[i]ir überschritten. 

Blicken wir aber einige Jahre von 17W5 aus rückwärts um! 
vorwärts, so begegnen wir einer Menge namluiiW Z<rit Guussen : 



Uiland, liimkert und Kichctidurli' weiii- jünger als Jakob Grimm. 
Heben solchen Geistern ist er herangewachsen, mit den meisten 
zu hohen Jahren gekommen. 

Alle diese Kinder der achtziger Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts erfüllen die Aufgabe, auf welche sie die um ein Jahr- 
zehnt älteren Romantiker mehr ahnend als wissend hingewiesen 



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igstreue mangelt 
igung zum Eftthi 
wieder gewinnen 



[,■11 ct'srhnuickt. lull milrlin,^.,,,.,. G..'isi,;s] 
erKii-liismi l-"li:iss sidi WtoIiivikI, auf der I 
len und diditi'iisHieu IWi'^iing unseres -I 



■inglingeli gedieh, die Eni im 



die Giu 

:. Ritter, 




gesummten BiMnnj 


Savigny, Okeii 


, Uesenins, Hessel, 


n getagt, 


mögen dies o. 


«h verschiedenen 


aussen» 


deutliche Zeit 


wie die eisten lfi 


uleits ui 


id eine so gl 


leklieh angelegte, 


Hl Klange dieser Harmonie, riam Sachkla: 



Jaltob Grimm. 183 
liier zu Geliür bringen, (He wehmathigeo Worte ans der Rede 



zwei Tische in der- 
r zwei Arbeitstische 



unser« lel/.l.'ii Ki-Ueti, 



a unwandelbaren 



deutsche Ktmst z 



Dipzed Oy Google 



184 



Jakob Grimm. 



lesen wir das rührende Geständnis Jakobs : «Lieber Wilhelm. Als 
du vorigen Winter so krank warst, musste ich mir auch denken, 
dass deine treuen Augen vielleicht nicht mehr auf dieses Buch 
fallen würden. Ich süss an deinem Tisch, auf deinem Stuhl und 
lmtrachtctc mit. unbosciircibüehcr Welnnuth, wie sauber und ordent- 
lich du die ersten Bünde meines Buchs gelesen und ausgezogen 
hattest ; mir war es, als wenn icli es nur für dich geschrieben 
hätte und es, wenn du mir gennmmen würdest, gar nicht mehr 
mochte fertig schreiten. Gottes Gnade hat gewaltet und dich 
uns gebissen, darum von Hechts wegen gehört dir auch das Buch. 
Zwar heisst es, einige Büclier würden für die Nachwelt geschrie- 
ben, aber viel wahrer ist doch noch, dass ein jedes auch auf den 
engen Kreis unsere]' Gegenwart eingeschränkt ist. Wenigstens 
wenn du mich liesest, der du meine Kauze Art genau kennst, so 
ist mir das lieber, als '.venu mich hntnlcrt andere lesen, die mich 
hie und da nicht verstellen "der denen meine Arbeit an vielen 
Stellen gleichmütig ist. Du aber hast nicht mir der Sache, sondern 
auch meinetwegen für mich die gleich massigste, unwandelbarste 
Theilnahme. Die Märchen und das WOrterbuch, der Alllaug ilild 
das Ende ihrer Geist.esthiltigkcit. bilden die l'feiler ihres gemein- 
samen Kahmes, 

Doch wir leiern zunächst nur das Andenken an Jakob Grimm, 
der sich hei genauer Bekannt schalt allerdings auch in vollster 
Eigenart abliebt. 

Von seinem ausseien L"be: c.'oil wenige Angaben genügen, 

um der Eutuickcluug seines inneren Wesens als Anhall-|iiuiklc 

zu dienen, 

Jakob Grimm, geb. d, 4, -Tan, 1785, war der Sohn eines hessi- 
schen Juristen, der als umsichtiger Vater die Vorliebe für sein 
Puch auch auf die beiden ältesten Sohne zu übertragen suchte. 
Er konnte aber die Sur^l'iilt ig einerlei! ete Erziehung seiner Kinder 
nicht 10 Ende führen. Nach seinem früh zeitigen Tode übernahm 
die vortreffliche Mütter die Fortführung derselben. Mit manchem 
Opfer und standhafter Selbstverleugnung gelang sie ihr so weit, 
dass Jakob 1802, Wilhelm ein Jahr später die Universität Mar- 
burg beziehen konnte. Dort, wurde Jakob von Savignys wissen- 
schaftlicher Anregung und liebenswürdigem Entgegen kommen so 
weit in die Jurisi'rudeiiz gehickl, obwol sich schon die Keime 
seiner germanistischen Interessen kräftig entwickelten , dass er 
nicht nur von jenem gestellte Aufgaben glücklich löste, sondern 



Jakob Grimm, 



Bald nach der Rückkehr wunle Jak. Grimm mit geringen: 
behalt beim hessisch«» Krii^srollcgium angestellt, verlor aber aacl 
lieso Stelle, als das ünglück im Herbst 180G hereinbrach. 



Poesie.. Als aber ISIS der westfälische Hof sich auflöste und 
mitnahm, was sich nehineii Hess, musste Jak. Grimm disn wichtig- 
sten Thdl auch der ihm anvertrauten Bibliothek einpacke» um! 



1 Auftrag, 




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186 



sie In I gif Ii einer Eiuhuliin«; im..-]i G.jI ( ingen, \vu Jakob Professor 
unrl Bibliothekar. Wilhelm Ünterbibliothekw wurde; sie blieben 
aber daselbst nur bis zum Jahre 1 8Ü7 zusammen, wo beide die 
weltbekannte < Erklärung der sieben güttinger Professoren, gegen 
die eigenmächtige, wortbfürtiiijc Vcrl'iHsmi'.;siindcrung des ersten 
hannoverschen Königs Emst August mit unterzeichneten. Als- 
baldige Entlassung folgte diesem entschlossenen Heliritte ; Jaknb 
wurde mit Dahlmann und Geivinus sogar angewiesen, binnen drei 
Tagen das Land zu verlassen. Wahrend Wilhelm noch in Güttin- 
gen blieb, wandt« Jakob sieh zuerst wieder nach Kassel. Dort 
suchte ihn bald darauf K. Reimer auf, um ilm zur Abfassung des 
Wörterbuches zu bewegen. Nachdem Wilhelm zu diesem Zweck 
ihm gefolgt war, erhielten beide 1840 den Ruf an die berliner 
Akademie, der sie bis zn ihrem Hude angehört haben. Dort haben 
sie von da an gemeinsam das Wörterbuch ausgearbeitet, das Jakob 
nach 'Wilheliiis lfiyü erfolgtem Tode bis zum Worte •furcht' ge- 
führt hat. 

Von Jakobs Reisen verdienen Erwähnung die nach Italien 
(Herbst 1*4:() und die nach Norwegen (Herbst 1844). Im Frankfurter 
Parlament hat er mit den besten Männern seiner Zeit gesessen 
und auch ml der Gothaer Partei Versammlung Theil genommen. 

Am 21). September lPiiiS starb Jak Grimm KU Berlin, nach- 
dem er im April desselben Jahres auch den dritten Bruder Ludwig, 



setze, versuche ich. sie nach Möglichkeit als Quellen zur Charak- 
teristik ihres in jeder Hinsicht verehruiigsivürdigen Verfassers zu 
benutzen. 

Jakob Qrimm ist durchaus das Muster eines deutschen 
Gelehrten. 

Gelehrsamkeit ohne teste sittliche Grundlage bleibt stets ein 
Haus auf Hand gebaut. Felsenfest, war dieses Fundament gelegt 
im Charakter beider Bruder. 

Die ersten und natiirlirlisteii menschlichen ^eimubsiieigiüigen : 
Liebe zu Eltern, Geschwistern, r.w Freunden, zum Vaterlande be- 

Den theuren Eltern , besonders der geliebten Mutter, hat 
Jakob in seiner leider nur zu kurzen ^cll.isibiogrupluc ein schönes 



Jakob Urimm 



187 



Andenken gestiftet. Noch in gpMen Jahren scbmerEt es ihn, dass 
sie ilinen entrissen worden, «ohne Freude und vergeltende Liebe 
von ihren Kindern zu erleben». 

. Ungemein wuhltliuend sind die Briefe au die Geschwist hi- 
eben so wie die nmiiügNiehe l'b-ivnhnung. ivi-l.-iic derselben in Briefen 
an die Freunde stets geschieht. 

■ So manches vertrau Iii: he Jngendvcrhaltnis hat bis ins hohe 
Alter dauerhaft bestanden. So die Dankbarkeit gegen Savigny ; 
fast :,a Jahre nach der ersten Annäherung heisst es im «Wort des 
Besitzes.: .Unsere Bekanntschaft ist von lange her. Ich kam 
iiiii Ii Marburg, wusste nichts von einem Unterschied der Lehrar 
und glaubte, alle wären gleich gut; bald erfuhr ich uuvermei kl, 
dass Ihre Vorlesungen mir die liebsten wurden, alle anderen nicht 
halb su lieb bliehen, und ich hörte nicht nur lud Ihnen, ich |iragtc 
mir Ihre -Mienen und Gebärden ein. Unsere Briete gingen hinge 
Jahre hin und her und liessen den gewidmten Verkehr nicht ab- 
kommen, bis sich mir. dem im Sturm Verschlagenen, ich glaube 
nicht ohne Ihr Mitwirken, eine Zuflucht in Berlin öfl'nete. Nim 
wird hier, denn nur fünf Jahre Alters unterscheiden uns, einer 
van nns den anderen traurig zu Grabe geleiten. Schnell dabin 
geronnen ist unser Leben, wir hüben unsere Kräfte ehrlich ange- 
setzt, dass unter den nächst tollenden Menschen unser Andenken 
noch un verschollen sein wird, hernach mag es zuwachsen.» 

Savigny starb zwei Jahre vor ihm. Jahre alt. 

Besonders vertraut stellte sieb Jakob Ii rimm ■ natürlicherweise 
zu den engeren Berufs- und Fachgenossen. nicht vielen zwar, aber 
desto herzlicher zu den Erwählten. Widmungen und Vorreden 
vei ewigen last alle diese ihm tbenreu Beziehungen. 

Von weitergebender Geselligkeit ist er zu keiner Zeit ein 
Frenmi gewesen; sein unablässiger Fleiss, wenn er auch das Inter- 
esse für manche aliseitsliegcndc Dingu nicht lieciutriiebtigte, machte 
ihn doch einem stillen Leben hei beschränkte in Verkehr geneigter. 
Ja in der gedrückten Stimmung vor der berliner Berufung 

klösterlichen Lebens ohne anderen Mouchsdienst, so brächte ich 
darin gern vor dem Andrang der Leute meine übrigen Tage, die 
sich leicht umspannen lassen, geborgen zu. Es ist so meine Natur, 
dass ich aus Umgang und Lehre immer weniger gelernt habe als 
durch mich selbst.. 

Uebrigcns brachte ihn seine wissenschaftliche Bedeutung und 



Jakob Grimm, 



seine immer weiter ausgebreitete Kiinvii-kung mit so vielen aus- 
gezeichneten Männern in Heniliniug. dass er um Anregung auch 
ohne persönlichen t "iij.l!h]il; nie verlegen war. 

dessen Familie Kr, ohne Zweifel iler kräftigere, entschiedenere, 
Ii listigere von beiden, hat sich nie zur Gründung tiürs eigenen 
Hausstandes verstehen mögen. Er über.liesa dies bekanntlich 
seinem Broiler, schloss sich aber in der vorhin von ihm selbst 
angedeuteten Weise dessen Familienkreise als selbstverständlich 
/.uiri'liiiviL'i'S Mitglied an und blieb in diesem Verbände bis an sein 
Ende. Diese eigen thümlictu: Zugehörigkeit überhob ihn der Ein- 
samkeit und der Einseitigkeit des gewöhnlichen Hagestolzes. 
Andererseits wahrte er sich dadurch zugleich für seine unersc h tät- 
lichen Arbeitsplane die vollkouiuirasrc Unabhängigkeit. 

Liebe zur Heimat kann an einem Hessen nicht Wunder 
nehmen ; sie ist ihm angeboren wie dem Schweizer. 

Jakob Grimm war also ein geburener l'ncriot wie seine Ge- 
schwister. «Liebe zum Vaterland,» erzählt er, «war uns, ich 
weiss hiflit, wie tief ciriL'i ;ii j^: ; il'nu gesn rochen wurde eben auch 
nicht davon, aber es war bei den Eltern nie etwas vor, ans dem 
eine andere Gesinnung bervorgelenclitet hätte; wir hielten unseren 
Fürsten für den besten, den es gehen könnte, unser Land für das 
gesegnetste unter allen: es fallt mir ein, dass mein vierter Bruder, 
der von uns nachher am frühesten und längsten im Ausstand leben 
musste, Iiis Kind auf der hessischen Landkarte alle Städte grösser 
und alle Flüsse dicker mnlte.i 

Vom Hereinbrechen der Franzosen IKiNi spricht er 44 Jahre 
später noch mit Bewegung: .Es waren meines Lebens härteste 
'rase, diiss irh mit anseilen musste, wie ein stolzer, höhnischer 
Feind in mein Vaterland einzog und die muthigeu Hessen, die 
(iiinials noch stark an ihrem Fürsten hingen, das Gewehr, dessen 
rechter Gebrauch ihnen unverdünnt War, nieder auf die Plla.ster- 

steine warfen, > 

Indessen vergass er über der Anhänglichkeit an Hessen nie 
die Sorge um das Gedeihen und die Grösse Deutschlands. Doch 
hat er wie die meisten seiner Freunde nicht einmal die Anfänge 
der Verwirklichung jener Pläne und Träume von Deutschlands 
Kinignng unter einem Kaiser gesehen, ilcve;i sie!) keiner entschlafen 
konnte, welcher das Jahr der Erhebung in voller Begeisterung 
miterlebt hatte. 



Jakob Gvimni. 



189 



Doch war Jakob Grimm weit entfernt von tler dnrchschiiilt- 
li che ^Unzufriedenheit, wie sie sieh nach lsiii ansammelte. Nichts 
lag ihm ferner als politisches MisienriHigen oder gar jenes eigen- 
sinnige Gefallen an den Srlijutenseitt' n des Staatswesens und der 
s'n-iuicii Zustande. Weder vcr/agt er wie Xii-iiiilir bei den Aus- 
sichten, welche die Julireveluticn erdl'nete, noch verzweifelt er 
über den Despulism^ der M'-tteinicliscli'-u Tradilinii, dein er selbst 
zum Opfer fiel; doch verhehlte er wi eilen im nicht seinen Abscheu 
vor den Fiebcrnaruxysmen des Jahres 1848. 

Wie ein ehernes Mininuient des Hechtsbcwusstseins und der 
keiditscimtlenheit erhebt sich vor unseren liliekeil die mannhafte 
Erklärung, welche er in Befrei!' seiner Entlassung und Entfernung 
aus ( Millingen erliess. Obgleich ofliciell verleumdet und privatim 
vielfach im Stich gelassen, verliert et nie die Selbstbeherrschung, 
welche dem Ingrimm gebietet. Man liest zwischen den energischen 
Zeilen dieser Lapidarschriit den tiefen Kummer über gewaltthätige 
"Willkür auf der einen, über verächtliche Schwäche aut der anderen 
Seite, Spuren des ebrlidisicn Kampfes /wischen seiner Unten liauen- 
pflicht und seinem verwundeten Gewissen. 

Dieses tielgewurzellc ItccMsiicwnsstsein war nicht nur eine 
Mitgäbe seiner Herkunft, sondern auch die unausbleibliche b'olge 
seiner gründlichen juristischen Studien. 

Wie gleichzeitig Undiv. Idiland, spater K Minirock, ist aueh 
Jakob (jrimm von der Rechtswissenschaft zur dculs.chen Sprache 
und Alterthumsfuiscliung Ii hergegangen. Kreilicti war er nicht 
eigentlich Dichter wie jene beiden ; doch hat auch er ganz unwill- 
kürlich die rechte Vermittelung getrotten. Savigny seihst hat zu 
der Umwandelnde; lies jungen Juristen wesentlich beigetragen. In 
seiner Bibliothek stöberte er Bodmcrs Sammlung der Minnesinger 
auf — «wer halte mir damals gesagt, ich würde dies Buch viel- 
leicht zwanzig Mal von vom bis hinten durchlesen nnd nimmer 
entbehren. — ; auf Savignys Betrieb war er in Paris, wo er es 
<nieht unterliess, die Handschrift zu fordern, aus der jenes Buch 
geflossen ist, ihre anmuthigen Bilder zu betrachten und sich schou 
Stellen auszuschreiben). .Solche Anblicke hielten die grösste 
Lust in mir wach, unsere alten Dichter genau zu leseu lind ver- 

«Zwar das römische Recht hatte mich länger angezogen,! 
ftnssert er gegen Hnvigny, «doch eine innere Stimme und der Drang 
äusserer Ereignisse lenkten mich von ihm ab. Da alle Wissen- 



Schäften im Grund e 



von Wiulaml. Hueth« und Schiller, auf welche Ttiemis nie rechten 
Eindruck gemacht hatte. Die jüngeren drei haben von der im 
Ernste eingeschlagenen Richtung ihr Leben lang ein erkennbares 
Gepräge behalten. 

Ich sagte ?.n viel, wenn ich äusserte, Jakob (irimm sei kein 
nieblCT gewesen. Seine leine Em]i[indun:; für dichterische Si:ln.iu- 
lieit, die ihn anter anderem veranlasst, serbische Volkslieder xn 
übertragen, spricht dagegen. Zwar hat er nicht wie Rucken all 
sein Denken und Thun in die Harmonie metrischer Formen er- 



vei'gegenwartigeil, SO klingt uns aus der Prosa Jakob Grimms die 
Poesie der Arbeit. 

Nie hat ein Gelehrter innigere Freude gehabt an dem. was 
er erforschte, und an der Art, wie er es erforschte, als Jakob 
Grimm. Er ist ein Virtuos der Forschung. Lernen ist sein 
Lebenszweck. Sich selbsl bezeichnet er, wenn er die Abstufung 
der liildiuigstaücii fo)f;«mlen]iassen ausdrückt: .Für den Akade- 
miker ist, im Gegensatz zum Schulmeister und Professor, die volle 
Lust und Müsse des Lernens hergestellt . Darum ist idie Aka- 
demie oiler der akademische Betrieb der Wissenschaft der Gipfel 
aller wissenschaftlichen Einrichtungen.. 

endlich fast über unbeschränkte Kenntnisse, durch deren gesehmnck- 
und sinnvolle Verwendung er nicht nur stets belehrt, sondern mich 

ergötzt. Er sinnt Uber Nebendingen mit derselben Freude und 
demselben Geunss wie über seinen grossen Entdeckungen, welche 
sich ja anf jene stützen. 

Dieser echt, deutsche Zug tiefer Aullussuii^ auch des Gering- 
lugiLlen, das seinei' Zeit, doch als wichi.iges Moment verwerthbar M 
werden verspricht, ist Jakob Grimms hervorragende Eigenschaft ; 
derselbe veranlasst A. \\\ Schleael, in seiner geckenhaften Laune 
über eine «Andacht ziim Unbedeutenden, zu spotten. 

Aber darin gleicht er Kiickcrt durchaus : er liest nicht nur. 



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«in Name von den Märchen 
widerstelilicher Eifer, der den fast über 
den Urinier mit ibrtriss, hat' gerechten 
. zu theilen, welchen diese * Bibel der 

c Maiin mit kindlichem Lerneifer die 



ein Ergnss seine, Entrüstung, sie ist aueh ein Meisterstück uu- 
wi-!cil<^li,-her Iiewcistiihrung. 

Ich will nicht von seinen grossen Gedanken reden, nicht vom 
Gesetze der Lau l. Verschiebung;, das die .deutsche Grammatik, be- 
seelt, dessen selbständige Eiddeckung man ihm in kleinlichem 
Eifer sogar hat bestreiten wollen, nicht von seinem weiten Blick 
in die germanische Vorzeit in der .Geschichte der deutschen 
Sprache»-, nicht vom Plaue Kinn •deutsehen WOrterbuche», der wol 
erweitert, aber nie geändert werden darf — nein, wer die Fülle 
seiner Weisheit gemessen will, braucht sich nur au seinen kleinen 
Reden und Aufsätzen, zu den Vorreden und Kritiken zu wenden. 



Irrthiluiern steckt ein erheblicher Kern von 

tan ihm aber Inthumer anrechnen, da er sich 
Bistens erst suchen musste; da er so häufig 
konnte, zu welchem Ziele er gelangen würde? 
rchfährt er den bewegten Ocean wechselnder 
e dessen Ende abzusehen ; da hilft ihm nur der 



li!2 



Jakob Grimm. 



Gesetzen und unaufhaltsam sicherem Weiiirschreilen durch massen- 
haft sich aufhäufendes und v-eriv irren des Malerin! ; seine ganze 
Lebensansclmuung ist ein selten reiner und dabei praktizier 
Idealismus. 

Diese ideale Auffassung offenbart sieb bei jeder Gelegenheit 
und hat ihn stets über die _\ Uchte rnheit. trivialen 'l'reiliens erhoben. 
Bei geringem Gehalte zufrieden, preist er sich glücklich, weder 
durch unablässige Amtsarbeit noch durch uniicbfanm Abhaltungen 
anderer Art in seinen weitangelegten Forsolmugeu gestört zu 
werden. Und selbst als ihm die überflüssigste Arbeit zu2vinii-<u:i. 
wird, giebt er mit Wilhelm and einem dritten anderthalb seiner 
besten Jahre daran, um eine ganz unnütze, aber befohlene Abschrift 
von 79—80 Folianten des kü.sseler liihlioilu'kkataliigs anzufertigen. 

Bescheiden, wohlthuend und wahr zugleich ist folgende Be- 
trachtung (ans der Selbstbiographie) : * Ich habe oft das Gluck und 
auch die Freiheit massiger Vermögensumstände empfunden. Dürftig, 
keit spornt zu Fleiss und Arbeit an, bewahrt vor mancher Zer- 
streuung lind fliisst einen nicht unedlen Stolz ein, den das Bewusst- 
seiu des Ki'lbsl ■. r i ti:i-ti>i-js. gegenüber ileni, was anderen Stand und 
Heichlhum gewähren, aufrecht, erhält. Ich möchte sogar die Be- 
hauptung allgemeiner fassen uml vieles von dem, was Deutsche 
überhaupt geleistet haben, gerade dem beilegen, dass sie kein 
reiches Volk sind. Sie arbeiten von unten herauf und brechen 
sich viele eigentümliche Wege, während andere Völker mehr auf 
einer breiten, gebahnten Heerstrasse wandeln.. 

mit Unrecht. Es ist eine edele Anspruchslosigkeit, die sich nicht 
blos harmlos abfindet mit gegebenem Ungemach oder gar es ver- 
klärt, sondern es ilh ersieht, weil sie weit höhere Ziele kennt, als 
äussere Bet|ucuilichkeil. inilbthätige.s Wohlergehen oder Befriedi- 
gung oberflächlichen Ehrgeizes. 

Viel spüter begegnen wir einer gleichen AuffaBsnngBweise 
wieder in seiner Hede über das Alter. Ühne die Einbusse, welche 
dieses mit sich bringt, zu verkennen, deutet er mit erfahrenen 
Worten auf die Nichts eilen desselben, »'in sie nur ihm vorseh wehen 
konnten: «Richten wir den Blick auf Tugenden und Vorzüge, die 
das Alter mit anderen .Lebenswillen noch gemein hat, oder die 
ihm sogar als eigen zuerkannt wonh'ii müssen. Wie selbst ein- 
lullende GesichlszUgc sich noch veredeln, früher unbemerkte Ärm- 
lichkeiten mit den Voreltern erst jeizt heraustreten lassen, weshalb 



Jakob Grimm, 



193 



es auch vvol lieissl. dass alte Leute manchmal schöner werden, als 
sie vorher waren; ebenso müssen wir ihnen auch zugestehen, dass 
der lange Verkehr des dm i'lil.iiiü'iieu I .■■Im-iis sie aufgeheitert, feiner 
gemacht, eine freundliche unil liebreiche, keine vei\i rosse lie Stim- 
mung der Seele hervorgebracht haben kann. Von unseren Nach- 
barn über dem Rhein gilt für ausgemacht, seien sie scholl als 
junge Leute brausend, anwässern! und oft unleidlich, so gebe es 
doch keinen angenehmeren, liebenswürdigeren ( lesellschali er als 
einen ins Alter eingetretenen Franzosen, der fortan unvHrgloich- 
lichen Tact mit der günstigsten Aufmerksamkeit zu verbinden 
wisse und Überall vergnügend anrege.» 

Hat ihn diese Denkweise üliev so manches Misbetmgen hinaus- 
gehoben, in welchem sich weniger horhdeiiko^ie Menschen so leicht 
gefallen, so tritt sein Idealer Sinn noch schöner hervor in seiner Uli- 
begrenzen Watirbeilsliebe. der (iruiidbedingun:: seines ( Jeisli'slebens. 

Mit uaehnhineiiswei ther rii|'arii-iliclikeit crkennl er die Mangel 
seiner fertigen Werke. Sie sind ihm eben nie fertig ; dalier die 
rücksichtslosen 1 'marheitniigcn seiner deutschen Grammatik. .Nicht 

Auflage des erstell Bandes, .können Stich halten, doch, indem 
man ihre Schwäche entdecken wird, andere Wege sich strengen, 
auf denen die Wabrlieit, das einzige Ziel redlicher Arbeiten und 
das einzige, was in die Länge hinhalt, wenn all den Namen derer, 
die sich darum beworben, wenig mehr gelegen sein wird, endlich 
hereinbricht. Im grossen ist die zu losende Aufgabe beträchtlich 
vorgeschritten, im kleinen unhe;"ricdii:cwler geworden. Diesem sehr 
natürlichen (jeliihlc nach kommt mir mein Buch, ungeachtet icli 
es besser gerathen weiss, schlechter vor als das erste Mal.. 

Fern von aller Kcclithabeni, bat er sieb nie in einen wesent- 
lichen Streit verwickelt gesehen. Kr lasst sich Widerspruch nicht 
sehr Hüft etilen und nur selten wird er ernstlich böse : als ihm 
jemand z. lt. seine Mythologie abgeschrieben und verhunzt hatte, 
oder als man ihm das Wörterbuch gleich iii| Anfang, wie er 

glaubte, aas eig iutzigi:ii Gründen vcrunglim[>fen u'ollte. .Zwei 

Spinnen,! heisst es da, .sind über die Krauter ilieses Wortgaiiens 
gekrochen und haben ihr Gilt ausgelassen, Mag das Wörterbuch 
den Einbildungen oder vorgofussten Planen dieser hämischen ()e- 
sellen nicht entsprechen, die beide nicht einmal Halbkenner unserer 
Sprache beissen können ; (las gab ihnen kein Recht, ein vater- 
ländisches Werk, das alle freuen sollte und reiche Vorrathe öffnet, 



194 



Jakob Grimi 



zu verlästern, keine Kraft, es in seiner ■Wirkung aufzuheben orter 

«UualilHssig, nneh jedem Vermögen, das in mir gelegen w, 
wollte ich zur Erkenntnis der deiit-ehen iHiinitlie kommen und ilir 
von vielen Seiten her ins Auge schauen; meine Blicke erhellten 
sich je langer je melir and sind noch ungetrübt. Aller eitlen 
Prnhlsucht feind, darf ich behaunteu. dass, gelinge es, eins begonnene 
schwere Werk zu vollführen, der Buhro unserer Sprache und un- 
seres Volks, welche beide eins sind, dadurch erhöht sein werde.» 

Auch liier also erhebt er sich weit über die persönliche Be- 
rührung und nimm; (ielfgenheit, die Griese der Sadie w.ibrbeits- 
gemilss hervorzuheben. 

Im übrigen sind seine zahlreiche!! Kritiken wahre Muster 
von sorgfältige]' Prüfung, gerechtem Unheil, sachlicher Bereiche- 
rung; des Gegenstandes, 

Die grosse Lebensarbeit, das Wesen der deutschen Sprache 

fuliren. welche ebenso sehr gelob', wie angegriffen werden kann. 
Her Stil ist der Mensch, sagt man, ein Wort Bullaus misdeulend . 
Allerdings entfalten sich mit den Worten . zugleich die Gedanken 
gemäss der ihnen e.i^ent.huuiliclien b'orm und' wir vermögen also 
aus der Sprache eines Menschen neben der Hauptsache, den Ge- 

Doch wahrend die meisten Menschen durch den Gegenstand, 

Gedanken die zweckmässige h'orni gewinnen, linden wir bei Jak. 
Grimm den umgekehrten Process. Begreiflicher weise schwebt ihm 
deutlicher als anderen die Sprach form als ein fertiges liiislzeng 
vor; die Gedanken haben sieb desselben zu bedienen, so gut sie 
können. Mit den zunehmenden Vonathen wird diese [tusikauiauT 
immer mannigfaltiger ; alier desto schwierigere Auswahl haben die 
Gedanken, 

In den Schriften seiner .lugend und des ersten Mannesall.er.s 
fiiesst seine Spraehe verbal Luis massig leichl nud geschmeidig. 



Jakob Grimm, 



gung sich sii nili c!i. nuM-lcinlirl. st iLii.llieh v.n ni.icli-ii nimmt immer 
mehr zu; liihllirhe Wi-elmicyii drängen hii-li. hertihren sich, durch- 
dringen einander und der Leser ist gemiihigt sorgfältig auf seiner 
Hut 7.a sein, dass ihm ja kein noch so leiser Vei-gleieli eiitsciilujit«. 
Geschieht, dies iUh-Ii, so ist es Lei der kn^i juit-n Sat/.bihlung unvermeid- 
lich, dass er dem Inhalte nicht gehörig .zu folgen im Stand« ist. 




an dem originellen lteichthuin einer ganz utige wo Ii n liehen Rrevi- 
loquenz. Was in früheren, sachlicher redenden Zeiten gehhinchlich 
genesen, belebt er von neuem und vereinigt es in kunstreichem 
Mosaik. 

Als eine Probe dessen, was ich eben lunleulete, nud als einen 

Beleg für GH is bewusst.e Hinneigung zu der Ansdriii-ks weise 

vergnniiciier Jnhi-huinluilc entnehme ich Folgendes iler Vorrede 

2UIII Wörterbuch: 

■ Wer linsen.' situ Spruche erforscht, und mit beobachtender 
Seele bald der Vorzüge gewahr wird, die sie gegenüber der heutigen 
aiiszeicliiieti, sieht anfangs sieh unvermerkt zu allen Denkmälern 
der Vorzeit hingezogen und von denen der liegen wart- nhgcwnndt.. 
Je weiter aufwärts er klimme» kann, desto schöner und vollkommener 
dünkt ihn die leibliehe Gestalt der Sprache, je näher ihrer jetzigen 
Fassung er tritt, desto weher Unit ihm, jene Macht und Gewandt, 
lieit der Porin in Abnahme und Verfall zu finden. Sogar wenn 
ich Hüchel- des sechszehnlen, ja siebzehnten Jahrh, durchlas, kam 
mir diu Sprache, aller diuiuiügcn Verwilderung und liohhcit. un- 
erachtet, in niaiicbeu ihrer Züge noch beueidens Werth und ver- 
mögender Tür als unsere heutige.» 

Indessen verkennt er nicht die weit grössere Fälligkeit der 
Gegenwart, sich bei|Uein und all-eit ig vetständlicl) zu machen; denn 
daselbst heilst es bald darauf: i Was dem Altcrthmn doch meistens 
gebrach, Bestimmtheit und Leichtigkeit der Gedanken, ist in weit 
grosserem Masse der jetzigen zu eigen geworden und uiuss auf 
diu Länge «Her lel. endigen Snn.l ieliki it ili-s Ausdrucks ntn-rwic^eii. 
Sie bietet also einen ohne alles Verhältnis grösseren, in sich selbst 
/.iisaniineiLhaiiircii'ieti und aus-vi;! iehent u Ii 'ichthum dar. der schwere 
Verluste, die er erlitten hat, vergessen macht. • 

In den Briefen, auch den spätesten bedient sich Jak. Grimm 



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19G 



Jakob Grimm. 



daher unserer gewöhnlichen Sprache; zur selben Zeit, als er jene 
sdiwerhaltigcu Hat™ schrieb, im Meb/i^tcn Leheii-iahre. richtete er 
an Frau Dahlmann hiliemh' I laiikSHgmis; : < gebe Hinen Anlass, 
liehe Luise, Klage zu führen Uber der Welt Undankbarkeit. Nachdem 
ich zu Weihnachten pnlehticr- IVlz* ■lnne _'cs<-hciikt et'lial'cti,aa meinen 
Fussen getragen hahe und nocli manchen Winter damit die Kalte zu 
verjagen denke, ist es dennoch versäumt werden, mich dafür bei 
Urnen zu bedanken. Um diese Zeit hatte ich gerade eine müh- 
same Vorrede zum Wörterbuch z;i (Herfielen ninl nieilerxuschreiben, 
da musste ich mir geloben, alles andere von mir abzuhalten, auch 
das Liebste und Nüthigste.» 

Wie schlich i utul natürlich sind die dann folgende» Satze : 
.Nun ist ein Band des schweren Werks vollendet nnd ich habe 
jeden der engbedruckten Höchst ahe-n geschrieben, die dazu gehören; 
ich gedachte jetzt loszukommen und t'iir andere Arbeiten uufzu- 
athmeji ; aber es geht doch nicht. Mir ist heimlich Angst vor 
dem Zeitpunkt, wo Wilhelm eintreten soll, es wird noihwemlir; 
ein ungleiches Werk werden, da in solchen Dingen zwei nicht 
Uherein arbeiten können. Dazu ist er fortwährend schwennüthig 
nnd trübsinnig, wie Sie iiim vielleicht auch vorigen Herbst ange- 
merkt haben, obgleich er sich unter anderen Leuten Gewalt anthut 
nnd zusammennimmt; er ist so gut und treu und mir bleibt ein 
Rälhsel, warum ihm der Scliluss seines Lebens so verbittert und 
verkümmert sein soll; ich thue alles Mögliche, ihn zu ermuthigeii 
und zu erheitern. Ich selbst bin zuweilen herzkrank, wobei die 
Pulsschläge einhalten, doch vergehts auch wieder und dann denke 
ich nicht weiter dran, wie mir überhaupt Gott leichten Sinn ver- 
liehen hat > 

In der That hat sich Jakob Grimm in der schweren Rüstung 
wissenschaftlicher Gedanke» einen deichten Sinn* und lebendige 
Empfänglichkeit für den kleinen Schmuck des Lebens bewahrt. 

Mit löblicher Gelassenheit trägt er selbst den herbsten Ver- 
lust, den Tod seines Bruders. Als er zu dessen plötzlichem Ster- 
ben herbeigerufen wird, spricht er aus ruhigem Schlafe geweckt 
nur die erschrockenen Worte: .Ach Gott, icb dachte, es würde 
min alles gut gehen.» iNachdem der Vater gestorben war,> er- 
zählt sein Neffe Herinan weiter, «ging er oft in dessen Arbeits- 
Stube, wo er lag, und betrachtet« ihn genau. Beim Begräbnis 
schritt er zwischen meinem Bruder und mir die sanfte Anhöhe 
lies Kit eh le >les im scharfen Winde über den knisternden Hchricc 



Jakob Grimm. 



197 



kräftig hiiian. In seinem Wesen war keine Veränderung zu ge- 
wahren. Er nahm die gewohnlen Arbeilen sogleich wieder auf 
und hat sie bis zu seinem Ende in der alten Weise fortgeführt. > 

Dieser äussere Gleichmut» bei innerer Bewegung ist zu allen 
Zeiten seine Starke gewesen. Die Arbeit ebnet ihm alle Wege 
und macht die Dornen vergessen. 

Di'stn mn;.' tauglicher aber war Jakob Grimm für die hundert 
geringfügigen Annehmlichkeiten, welche die alltagliche» Erzeug- 
nisse der Natur und Cnltur uns bieten keimen. Sein reges Gefühl 
für die Natur äussert sich nicht nur in den zahllosen zutreffenden 
Bildern seiner Rede, die er meist von ihr entlehnt ; er bat auch 
eine entschiedene Vorliebe wenigstens für die Pflanzenwelt. Hatte 
er nicht Jurist werden sollen, so hatte er Botaniker werden mögen, 
sagt er selbst. «Beide Brüder liebten Blumen am Fenster zu 
haben und pflegten sie mit Sorgfalt. Auch auf dem Arbeitstisch, 
der ükerdies mit allerlei Andenke», besonders Steinen besetzt war, 
hatte Jakob gern ei» paar Blumen in einem Glase stehen.) Aus 
dieser Neigung floss seine zartfühlende, liebenswürdige Vorlesung 
«über Frauennamen aus Blumen«, zwischen deren Zeilen sein Ge- 
schmack hervorblickt: « An den Blumen zieht uns ausser der 
Schönheit ihrer sdilaiikt:!, -itiik'll iiiii.-diitweiuleij Gi.'Sl:ilt auch diu 
Entfaltung der reinsten Farbe und des süssesten Duftes an. Alle 
köstlichen Gerüche und Geschmacke entströmen und stammen 
ans der Pflanzenwelt. Sicher ist, wo diese Blumennamen zuerst 
erfanden wurden, dass da Unschuld und reine Sitte waltete.* 

Mit Sorgfalt bewahrte er unscheinbare Erinnerungszeichen 
vergangener Zeiten, «Kleine Locke hen, die er den Kindern seiner 
Geschwister abschnitt, wickelte er sorgsam ein und setzte genaues 
Datum dazu ; Blumen, die er abgepflückt, bewahrte er so, oft mit 
der Angabe, in welcher Stimmung er sie gepflückt, was er dabei 
gedacht und wie das Wetter gewesen.* 

Das Handexemplar der Grammatik, 8 Lederbände in i; ist 
gefüllt mit solchen Andenken. Da finden sich «Theaterzettel, 
Concertprogramme, Zeitungsblätter aus Kassel, Güttingen, Berlin 
merkwürdige Annoncen, Tagesordnungen des Frankfurter Paria- 
ments.> Scherer in der Vorrede zum neuen Abdruck des ersten 
Theils der Grammatik fährt fort: «Jakob Grimm hat das Hand- 
exemplar der Grammatik wie ein Archiv persönlicher Erinnerungen 
beliandelt. Soll ich all die zahllosen Blumen, Kränze, Bänder, 
Federn beschreiben, die darin liegen ? Ein Aliornblatt ist im ersten 
B.\a.a. xiutaKtein. fem Inn, B.n 3. U 



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Jakob Qrimin. 



Bande Saite 85 aufgeklebt und ganz mit Tagesdaten beschrieben. 
Das älteste ist 6. 2. 1813, viel älter mitbin als die Grammatik,- 
das jüngste ist 8. U. WH, zwei Jahre vor seinem Tode. Hat 
er sich jedesmal notirt, wann er das Blatt wieder betrachtete? 
Seite 703 ist der aus ilosapapier ausgeschnittene Umriss einer 
kleinen im Kimlerriickcheu gehenden Gestalt eingeklebt, wieder 
mit beigescbri ebenen Daten, das erste 19. 10. 22. und von 1854 
an alljährlich bis zum fi. ti. (iii. Welche wehmüthigen oder freund- 
lichen Erinnerungen mochten sich für den Greis an diese unschein- 
baren Kleinode knüpfen '!• 1 

(Seine Bücher liebte er mit Zärtlichkeit, Es hat etwas 
Natürliches, dass er, der so lauge Jahre Bibliothekar gewesen war, 
nun seine Bibliothek als eiue Art Persönlichkeit betrachtete. Mit 
"Wohlgefallen ging er oft die aufgestellten Reihen entlang, nahm 
auch wol diesen oder jenen Band heraus, besah ihn, schlug ihn 
auf und stellte ihn wieder an seinen Ort. Er konnte im Dunkeln 
jedes Buch ergreifen ohne Irrthum. Er verlieb nicht gern, weil 
er in die Bücher zu schreiben und Zettel hineiuzulegeu pflegte.! 

«Er arbeitete den ganzen Tag Uber, liess sich aber nicht un- 
gern unterbrechen. Besuche nahm er stets an. Die politischen 
Dinge verfolgte er mit Aufmerksamkeit. Wenn die Zeitung kam, 
legte er olt sogleich die Feder nieder und las sie genau durch, i 
Diese Gewohnheiten seiner letzten Jahre, welche nns Herman 
Grimm schildert, hatten sich schon lange gleichmässig gebildet. 
Weiter berichtet derselbe : .Man konnte ihm leicht eine Freude 
machen. Er hatte in den letzten Jahren grosses Vergnügen an 
kleinen photo graphischen Portraits. Es kam bald eine ziemliche 
Anzahl davon zusammen und wir versäumten keine Gelegenheit 
sie zu vermehren. i 

•Er las gern vor, nicht lange Sachen ihrer Schönheit wegen, 
sondern allerlei Ueberraschendes, was niemand erwartete. Am 
schönsten und ergrei ien Ästen klangen seine Worte, wenn er an 
Geburtstagen im eigenen Hause oder bei Freunden oder bei äbn- 
liclieu Grle^e:iln.'it(;:i einen Toast ausbrachte; immer kam etwas 

Töchter der Familie Haitban»cn, die an scü.jne Beitrüge m den Märchen 
geliefert hlbeu. ihm dergleichen schickt«. Am ]U. 10. 2-J schreibt Jakob an 
nie: -Uns .nnsi/ftl.iiLtitii:: ll.u'-'lifi; mir iti't: ufl'.;aoa Tliiitvn uail' Fenstern habe 
ich mir oft ljtrniflifrl ui|.| murlir,- im] i-lium;.] Uiiu-iiiKi'licn nini j>inkcn ; Fi.h'ni 
and Binolen v.m lim-n kiuiiiiLL-ii n:ir [djrlicl: v.,r Augpn, il.'iin sii- in i'ifinm 

Handbüchern.. 



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Jakob Grimm. 



1911 



Unerwartetes, Freude uud oft Rührung Erregendes zum Vorsehein, 
das den Accent reiner Herzlichkeit trug.» 

Seine [iK-i-süulich« ErsrlieiiLiuiß kenne ich nur nuä einer Zeich- 
nung Ludwigs von den lirürtein. lfL'l' cnt.w orten, vor den ifc'reundes- 
briefen>; aus dem sauberen Kupfer vor dem t Wörterbuch. 1854 
und einigen Photographien aus den letzten Lebensjahren. Scharf- 
geschnitten erscheint das geistvolle Gesicht, klug uud wohlwollend 
blickt es aus dem Rahmen ; «ine Uebereinstimiuung aller, welche 
das Wiederkenuen leicht macht, bürgt für die Aehiilichkeit." 

Deutschland hat in den sechziger Jahren viel ttdle und geist- 
reiche Männer begraben. Ich müsstu neben vielen Jüngeren die 
meisten oben genannten Namen Aelterer wiederholen, wenn ich 
sie aufzahlen wollte. Von E M. Arndt an bis auf Fr. Welcker 
stellen sie eine einzig bedeutende Zeit dar; iluv^lricli'v: Ih-Lri. 



auf die Pflege deutsch«]' K|)ntdie und Kitte selbst hingemiesen. 

In diesem Sinne eröffnet er auch zu uns gewendet das Wörter- 
buch mit jenen Worten, denen nachzuleben wir heute mehr denn 
je verpflichtet sind: 

»Deutsche geliebte Landsleute, welches Reichs, welches Glau- 
bens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane Halle eurer 
angestammten, uralten Sprache, lernet uud heiliget sie und haltet 
an ihr, eure Volkskraft und Dauer hängt an ihr. Noch reicht 
sie Uber den Rhein in das Elsass bis nach Lothringen, über die 
Eider tief in Schleswig-Holstein, am Ostseegestade hin nach Riga 
und Reval.. 

Die Nachwelt wird von seiner Gelehrsamkeit uud Geistes- 
scharfe immer weniger unmittelbare Einwirkung erfahren; sein 
schönes menschliches Gepräge wird stets lebendig einen erhebenden 
Anblick gewahren. Sein treuer, rechtlicher Sinti, Sein wahrhafter 
und bescheidene]' Charakter, sein uneigennütziges Streben, sein 
■liebevolles Wesen uud seine tiefe Empfindung bleiben als muster- 
hafte Eigenschaften eines Deutschen hoch in Ehren. 
Was dem Manu das Leben 

Nur halb eitheüt, soll ganz die Nachwelt geben. 

V. Sintenis. 



Die statthalterschaftliche Zeit 




ihrer Koten ha neu 
1792 der Gouv.-M* 
tuog der letzten J 



.dtage 



von der düsteren I' 
tnjfsvoll hlnotar zur neuen Lage, die 
i unter den Aospiden dos berdhinien Keldberrn und Frieden»- 
mittler» »In Statthaltern der Provinze» eröffnet« Noch weilte 
Seite in Revul. Depotin« des Adels waren bereits zu ihm Re- 
dl, die Stadl Riga halte W : [ptrt und Uieoemann erwählt, ibn 
ler Zeil an der Grenze da» üoomnenients zu begrünsen. lieber 
i Benehmen, stilne Anosaerucgen verlauteten die willkam meuateo 



i W .Ufi. 







sr Kreis;Land-;gerkln, 
n Sie sich de. beiln 
erhöhende Bildung der 



; nd Zuversirht zu eige 
waltnng entere 
etmlringlicber 
.«mier. da jetzt es 
« Sorgfalt empfahl er 



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Die statthalterschaftlicha Zeit. 



30t 



Hoileii zugeschriebenen Menschenrassen, Wir babeu sie aufs 
engste mit uns verknüpft und dadurch die Verbindlichkeit über- 
kommen, strenge Rechenschaft über den Gebrauch dieses Gutes 
vur (krr uns einst, lievufHti'lieinlea unbestechlichen Untersuchung 
abzulegen. Die Wichtigkeit derselben wird für uns jetzt desto 
grösser, da Gemeinschaft und Mitteilung von unrichtig gefassten 
Begriffen in den dunkelsten Köpfen > stürmenden Eingang findet, i 

Dieser Eröffnungsrede wohnten auch wieder die Deputirteu 
der Stadt Riga bei, die den beiden letzten Landtagen ferngeblieben 
waren (s. Bd. 31, p. 652). Als der Wahlact augefangen, begaben 
sie sich jedoch in den Stadtrath, und Stadtrath Bienemann be- 
lichtete dort : Gemäss dem ihm und Hollander ertheilten Aullrage, 
den Adelswahlen und Landesberathuugen beizuwohnen, habe er 
sich gestern zum Gouv. -Marschall verfügt, sich und seinen Collagen 
als Deputirte der Stadt zu legitimiren, und nach einigen Einwen- 
dungen und Weigerungen nicht nur die Einladung zum Wabl- 
geschäft, sondern auch fllr beide Billeta zu den Sitzen erhalten. 
Demnach wllreu sie heute auf dem Ritterhanse und zur Gesetzes- 
predigt in der Jakobskirche erschienen. Heute Morgen aber habe 
der Gouv. -Marschall ihm in der Stille eröffnet, dass der Adel es 
nicht zugeben zu dürfen erachte, dass die Deputaten der Stadt als 
Wahlende zn den adeligen Richterstellen concurrirten, da sie nicht 
wahlfähig und nach Vorschrift der A.-O. im adeligen Geschichts- 
buch eingetragen worden ; man werde aber nicht verfehlen, sie zu 
den Landesdeliberatiouen einzuladen und an denselben theilnehmen 
zu lassen. Das Stadtbaupt Sengbuscli fügte hinzu, auf bereits 
deshalb mit dem Gouverneur genommene Rücksprache hatte dieser 
eröffnet, dass die Stadt Riga keinen Anspruch auf das Recht zn 
wählen habe, da sie nicht wahlfähig sei. Dabei uiusste es bleiben. 

Friedrich Wilh. von Sivers zn Ranzen ging (am 2. Dec.) als 
Gouv. -Marschall aus den Wahlen hervor, vielleicht die kraftvollste 
politische Persönlichkeit, die seit 1710 im Uvlandischen Adel er- 
wachsen ist. Zeitlebens hat er dann das Vertrauen seiner Mon- 
archen an sieh gefesselt, zweiundzwanzig Jahre als Landmarschall, 
Landrath und Gouverneur von Kurland für die Provinzen gesorgt ; 
ein volles Decenninm war ihm die rückhaltlose Führung des 
Landes beschieden, nahezu ein zweites Jahrzehnt war sein Name 
das Schibolelh der Parteien für und wider, die unversöhnlichst« 
Feindschaft ward ihm zu Tbeil, mitunter schmolz sein Anhang zu 
einem Häuflein treuer Freunde zusammen — er aber stand immer, 



Die stattbalterscbaftliche Zeit, 



ein «Thurm in der Schlacht», ungebeugt, und die späte Nachwelt 
ist ihm gerecht geworden. Als Kreismarsch all war er gegen die 
Willkür der Polizeibehörden und die Ausschreitungen des Graten 
Browne aufgetreten. Das hatte aller Blicke auf ihn gezogen. 
Die Denkart und Festigkeit, von der man sich aus seinem Krieger- 
leben erzählte, hatte er auch im Landesdienst bewährt. «Unter 
Russlands Fahnen hatte er so gelochten, dass die Taplersten ihn 
als Muster nannten. Sein Muth war nicht brausend und geschäftig, 
soiid«™ kalt und fest. Von ihm ist bekannt, dass er im Treffen 
nie den Degen zog und nie eigenhändig Feindesblut vergossen. 
Mit höchstem Unwillen weigerte er sich, eine verlassene türkische 
Provinz zu verhu.-ren. uult er ubernahm den Auftrag und führte 
ihn aus, mit zwei Regimentern Kosaken eine türkische Armee 
von 40000 Mann fünf Tage lang zu verfolgen.- . . Bei aller 
Pru uklosigki.it -■.■]«:■■.; Wiuulcls lüg in seinen Gesichtszügen und 
in seiner Haltung eine einfache hohe Würde nnd ein tiefes (Muhl, 
welche jedes Herz ansprachen. Müimer von Kraft stossen an. 
Auch dies war bei Friedrich Sivers der Fall — weil er itlr 
unsere Zeit zu viel Antikes in seinem Gemüthe hatte'. i 

Unter seiner Leitung erledigte der Landtag die vielen Fragen 
und Geschälte, die sich aufgesammelt, weil im ganzen Jahre 17'J2 
kein Convent gestattet gewesen. Den Bedürfnissen der Adels- 

Abttuiihius Sur <U':i llicner bei gestellt, weil es nur eine Kanzlei- 
atabe gab, so dass bei Berathungen der Diener gezwungen ge- 
wesen, diaussen zu verweilen. Die Vermiethung des Ritterhauses 
sollte bei Ablauf des geltenden Contracts nicht erneuert. werden, 
sondern der üouv.- Marschall in ihm Wohnung nehmen. — Die 
Bitte um die Aufrechterhaltung der Quartierfreiheit der adeligen 
Häuser war vom Senat völlig abgeschlagen wurden: der verstor- 
bene Gen .-Gouverneur hatte sich geweigert, dies Gesuch an den 
Thron zu bringen: nun wollte man sich direct an die Kaiserin 
wenden. Der Plan einer Landesmessung, welche wegen «der in 
diesen Jahren obgewalteten Mis Verständnisse mit dem verstorbenen 
Hrn. Gen.. Gouverneur nicht hatte zur Wirksamkeit kommen kön- 
neni, wurde angenommen. Der Gonv.-Marsuliall ward benuf- 



Nr. 3, abknickt 
heilen in LieflBtti 



Liensml. Kign 




ü. F. Purroi im OstspciiroviMEcultolt tSÜ. 
.[in : Soch Einige- iiln'r ilio H;iiut]ijil!.'i'!ii;i-i 



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Die st.dttl] nl tersch af t] iche Zeit. 



trogt, am die Ablösung der Healieferung sich zu bemühen ; des- 
gleichen, die Wiedererstattung der Postsoldaten zu erwirken; bis dahin 
sollten den Postcijuimis^iiiei] für jeden zu deren Ersatz angemiethe- 
iü;i Mi-r.Kchen 30 Rbl. gezahlt werden. Die Ausarbeitung eines 
neuen Postreglemeuts \vnnln ihm üIhtImsübii. Der Adel beschloss, 
bei der Kaiserin um die Erlaubnis oachzuauchwi, Mii-linid«:-. wiiicli« 
alle Requisite der Wahli'itliigb'it, mir. AuHiuhmf. des Ot'ticiiTsdmriik- 
ters hauen, als wählbar ansehen zu dürfen. — Auf diesem Landtag 
musste auch der rigasche Kreismarschall Friedr. Willi, v. Taube 
berichten, dass die dreijährigen Bemühungen um die Errichtung 
eines Credi (Systems in Livlaild von der Monardiin zurückgewiesen 
seien und nichts übrig bliebe, als die bezüglichen Acten im Archive 
niederzulegen 1 . 

Ein am so bewegenderes Zeugnis des trotz der soeben von 
höchster Stelle erfahrenen Abweisung aller Fürsorge tür die 
Land eswuhl fahrt 'nicht zu erstickenden Idealismus bietet der Antrag 
eines Baron Uugern-Sternberg auf Wiederherstellung der Landes- 
HniTersjtat in Dorpat, der vom Kreism arschall Georg v. Bock- 
Woiseck aufs lebhafteste aufgenommen und vertreten und vom 
Landtage unter Bernfang auf die capitulationsmässige Zusage dieser 
Institution aeeeptirt wurde 1 . 

Einen nicht weniger idealen Zug lassen die Antrage des 
Kreismarschalls Kammerherrn v. Bayer erkennen, die einerseits 
der Landesverfassung sich zuwandten, andererseits zum ersten Mal 
völlig freiwillig der Lage der Bauern gewidmet waren. 

Der erste bezweckte die Trennung; des Oberkirchenvorsteher- 
amtes von dem der Kr eis marse balle ; durch Anstellung zweier be- 
sonderen Beisitzer sollte es zu einer adeligen Gerichtsbehörde sich 
^i.^ti.htiii und lh i : i i n- ; i Verfügungen eine Frist gesetzt werden, inner- 
halb derer sie Rechtskraft erlangten; ein besonderer gagirter 
Kirchennotar wäre anzustellen, endlich sollte eine der ehemaligen 
rittarschaftlichen Residirung analoge eingeführt werden. Für die 
Bauern forderte er die Bestimmung ihrer Leistungen und der ihnen 
zukommenden Landereien , freiere Disposition eine3 jeden Uber 
seine Kinder, Einschränkung der Hauszucht, Anlage von Bauer- 
magaziuen, Krankenhausern und zweckmaBsigeren SchulanBtalten 

1 S. meine Skiizo ik-t Vorafäii-hifiilt ilus Iii-;. .nlrlif..:i i'ri/ditviTi'o-s ;nu 
lijahrigen Jubiläum desselben im tDoipatm Sltdtblatti 1N77, Nr. 17Ü. 

' S. die ausführliche ErzSblung davon in W.v. Bock, Die er»ie baltische 
CmtrakomiuWiin, «B. M.» Bd. 13, p. 104-107. 



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204 Die statthaltersclisftliche Zeit. 

und Austeilung von Landärzten. — Die Forderungen sind nicht eben 
neu ; die alten Browneschcn Proportionen von !7I55 kehren in ihnen 
wieder; auch spricht sich mehr der gute Wille als die Klariegung 
der Möglichkeit ihrer Erfüllung in ihnen aus; aber bezeichnend 
sind sie für den Geist, der lebendig wurde — ob in einzelnen, ob in 
vielen, steht zunächst dahin. Auch muss es unbestimmt bleiben, 
ob Bayer mit Friedr. Sivers sich verständigt hatte, ob er etwa 

besonnen gewesiüi, .vi-nn Sivers siuli nicht beim Antritt seines 
Amtes einem Fiasco hatte aussetzen wollen, zumal in der Frage, 
die er so energisch zu stellen und durch znfilhren sich bald ent- 
scliloss. Im ersten Punkt, obwol auch er bereits in der Proposi- 
tion III des Grafen Browne enthalten war, liegt doch das Sivers. 
sehe Princip der Folgezeit : keine Leistung ohne Aeqaivalent au 
Qruud und Boden, beschlossen. — Das Sentiment des engereu 
Ausschusses giebt darauf keine Antwort ; denn wir können nicht 
ersehen, wie weit Sivers bei den Berathungen aus sich heraus- 
getreten sein mag. Beide Antrage Bayers wurden auf das Gntachten 
des Ausschusses hin abgelehnt. In der Verfassungssache wnrde 
nur die Anstellung eines Notars für jedes Oberkircheuvorsteheramt 
beliebt. In der Bauernfrage wurde, wie folgt, sentimentirt": 

• Der eilten' Aii^-rhus^ litsst dem menschenfreundlichen Motiv 
des Hrn. Prop. Gerechtigkeit widerfahren, und es ist nicht zu 
leugnen, dass es Fälle gegeben, wo der Zustand der Bauern weni- 
l;,-;- fi-ti-i!L'lii. , li ^t-wi-sen, als sellisl das ge-id/liche Verhall in 
welchem der Bauer mit. dem Gutsherrn steht, es mit sich bringen 
mtlsste. Es wäre also gewiss mit grossen Vortheilen verknüpft, 
wenn alle vom Hrn. Prop. gemachten Vorschlage beherzigt und, 
wenn zn ihrer Ausführung geschritten werden sollte, diese mit 
zweckmässiger Rücksicht auf die gesetzliche Landes- 
verfassung und den Grad derCultur, in welchem 
sich der Bauer in Livland befindet, vorgenommen würfe. 

■Die Art der Ausführung dieser Vorschläge und der dahin 
abzweckenden Massregeln aber lässt sich auf gegenwärtigem Land- 
tage nicht wohl bestimmen, du der Umfang des Gegenstandes die 



1 In den Aufaütipii -Zur Uvl. LmltAgSüwliLOilc des I«. .T:itirtiui]il<Tl* . 
•B. SL> Bd. 18, i>.45:> ist dos Bayeroelicn Antrag!, wie den ganzen Landtag« 
t, 17B3 nnr mit zwei Zeilen cednelit. Daher n niclit iilierniis-ii.;. hier die ereie 
von jprlrr, auch rl.T iuriirpi'if-slcii, IWirjllii"iLii!; ,I,t li.'tiiTini^ fn-ii- Jleiriuli;: 
de* Adels zu vernehmen. 



Die stalthalterscbaftlicbe Zeit. 205 

Greinen ilea Landtage« Überschreiten dürfte. Uebiigeiia sind auch 
schon Gesetze vorhanden, welche im allgemeinen alle Budrikkunsi'ii 
und Uebertretnngen der vorhandenen Vorschriften bereits hiuläug- 
licli verpönt haben. Dagegen wäre zu wünschen, dass alle Mis- 
brauche and Mängel, welche zu obigen Vorschlügen Gelegenheit 
gegeben, näher angezeigt werden würden, damit die etwaigen vor- 
gefallenen Gesetzwidrigkeiten gerügt nnd uns der Menge solcher 
Fälle ein allgemeines Gravamen formirt werden konnte. Indessen 
ist es von jedem gutdenkenden Gutsbesitzer zu erwarten, dass er 
den Znstand der Bauern mit jedem Jahre erträglicher zn machen 
sich bestreben werde, und hofft der Adel, dass sowol die bereits 
vorhandenen LandtagsschlUsse und Verordnungen als auch die 
Moral! tat unserer Mitbrllder die Fälle, wo das Schicksal der Bauern 
anf diesem oder jenem Gute durch die harte Behandlung von Seiten 
des Erbherm die öffentliche Aufmerksamkeit erregt und die Ge- 
setze auffordert, durch richterliche Hilfe der Härte zu steuern, 
mit jedem Jahre seltener werden.» 

Diese Hoffnung war ein Irrthum, ihr lag der Optimismus 
jenes Zeitalters zu Grunde ; dass sie von der Mehrzahl nicht blos 
zum Vorwand der Ablehnung und zur Bemäntelung beabsichtig: i- 
Erhaltung des Status qno genommen würfe, erweisen die folgenden 

Endlich bedarf die bekannte Thatsache hier doch der Erwäh- 
nung, dass Fr. Wilh. v. Tanbe den Plan zu einer «livl. gemein- 
nützigen Societät' vorlegte und der grossartigen Dotation von 
40000 Alb. Thlr. des .unbekannt bleiben Wollenden, gedachte. 
Mit lebhaftestem Dank wurde der Vorschlag angenommen und dem 
Gouv .-Marschall die Erwirkung der Allerh. Bestätigung namens 
des Adels aufgetragen. 

Am 23. Dec. schloss Fr. v. Sivers den Landtag mit den förm- 
lichen Vorschlägen, dass von nun an jeder Gouv .-Marschall für 
jede Versäumnis seiner Pflichten und der ihm gewordenen Aufträge 
der allg. Adelsversammlung verantwortlich sein solle und dass 
dem abgehenden Gouv .-Marschall der Dank nur nach zuvor ge- 
fesstem Beschlüsse des Adels auszusprechen sei. Lug darin eine 
Kritik der Vergangenheit, oder nur eine scharfe Vorzeiehnung der 
eigenen amtlichen Laufbahn, ein Programm des vollen Ernstes, 
mit dein er seiue Pflicht als Vertreter Ubernahm ? - Sein letztes 
Wort war die Bitte, ein jeder müge von den Bedrückungen, 
die er etwa bis zum nächsten Landtage erleiden könnte und 



'.'im; 



Die Statthalterschaft che Zeil. 



denen jeder unterworfen zu werden Gefahr liefe, ihn sofort unter- 
richten. 

Au Bedrückungen und l'ebergrifien hat es denn auch in den 
folgenden Jahren nicht gefehlt ; meist tiessen die Landpolizei- 
behörden, doch auch ein Kreisgericht, sie sich zu Schulden kom- 
men. Das [ieviiiinsctn;. walksrlie, besonders oft das rigasche Nieder- 
landgericht erlaubien sich Bi gen milchtigkei teil gegen Private und 
ivillkiivürln; Anordnungen, mitunter in kränkenden Ausdrucken 
gegen die Gutsbesitzer des Kreises, wie das [lernausche, das auf 
die von Sivers darüber erhobene Klage von der Stattb.- Regie rang 
dein Crimiiialg^iiditshui" II begeben wurde. Die Glieder dieser Be- 
hörden, obwol vom Adel gewühlt und dem Adel ungehörig, fühlten 
sich ganz als Kronsboamte nud schienen, vom bureaukra tischen 
Dünkel erfüllt, ihre Stellung znm Lande, die Rechte dieses und 
ihrer Corporation völlig vergessen zu haben. Als der rigasche 
Kreishauptmann (Ordnungsrichter) v. Kessler auf dem Landtage 
von 179. r > im RecliKiisidinl'l^ljiii-iclit drs Guiiv -Miusdiülls eine starke 
Reihe von Vorwürfen halt« vernehmen müssen, begriff er so wenig 
seinen falschen Standpunkt, daes er eich durch die Berufung auf 
die Nützlichkeit seiner Anordnungen recht fertigen zu können 
glaubte. Bs musste ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass 
— den Nutzen völlig zugegeben — die Eigenmächtigkeit in An- 
fertigung und Bekanntmachung neuer Ordnungen we<ler ihm noch 
irgend einer Behörde ohne Erlaubnis der gesetzgebenden Macht 
competire, — Als auf demselben Landtage zur Wahrung des 
Rechts, zu allen Vacanzen in den Kanzleien der Landesgerichte 
zwei Personen zur Bestätigung zu prüsentireu, die Kreis- und die 
Niederl andgerichte driugeudst aufgefordert wurden, den Eintritt 
solcher Vacanzen sofort, dem Gouv. -Marschall anzuzeigen, um mit 
demselben gemeinschaftlich die Rechte des Adels zu behaupten, 
weil anderenfalls die Stalth .-Regierung wiederholt die Stellen 
von sich aus besetzt hatte, — fragten mehrere Chefs der Behörden 
verwundert an, ob sie di:;m di-i !!:■;; iri mg gar keine Nachricht, 
von der erwähnten Stellerledi gütig zu geben hatten. Es bedurfte 
für sie erst noch der einhellig gegebenen Antwort: Nein, denn 
der Gouv. -Mai schall werde die von ihm mit Zuziehung der Behörde 
in Vorschlag zu bringenden Subjecte dem Gouverneur prasentiren. 

Zu solcher Entfremdung von den Traditionen und dem cor- 
porativen Zusammenhang hatte» doch bereits diu zehn Jahre geführt 1 



Die BtattlMltenchafUiche Zeit. 



307 



Die Stalth..Regierung machte nach wie vor nicht nur Schwie- 
rigkeiten in der Bestätigung der Landtagsbeschlüsse , sondern 
stellte auch die Beschwerden über die Aufhebung der Quurtier- 
freiheit, die willkürlichen und drückenden Natural lieferungen nicht 
ab, zog alle ßauerklagen an sieh, mischte sich in die Postverwal- 
tung und nahm es sich heraus, dem Gouv .-Marschall in seiner 
amtlichen Eigenschaft Befehle zuzu fertigen, wozu ihr jedes Keclit 
abging. Der Gen.-Procureur und der Senateur Stroganow, Gouv.- 
Marscliall von 8t. Petersburg, versicherten Sivers auf seine Frage, 
da6ä ira ganzen Reiche die SUtth.-Regierungen den Gouv.-Mar- 
Schällen keine Befehle zusenden konnten und es auch nicht thäteu. 
Eigentümlicherweise untersagte aber der üeu.- Gouverneur Fürst 
Repnin das der Regierung nicht, dispensirte jedoch den Gouv.. 
Marschall von jedem Verkehr mit jener und wies ihn an, in allen 
Fallen, in denen eine Vorstellung an die Regierung erforderlich, 
sich direct an den Gouverneur zu wenden, wie dieser ihm auch 
alle Verfügungen der Regierung eröffnen werde. Nichtsdestoweniger 
fuhr dieselbe fort, ihre Befehle einzusenden, die Sivers zwar an- 
nahm, aber nicht beantwortete, sondern nothigen falls darüber mit 
dem Gouverneur in Verhandlung trat. Dies besserte sich, als im 
Mai 1795 der Obercommandant Casimir Baron Meyendorff au 
Pahlens Stelle trat, welcher als Geueralgouverneur die Verwaltung 
des eben incorporirten Herzogthums Kurland übernahm. 

Fürst Nikolai Repnin endlich, der neue Statthalter, ein 
Grandseigueur, ein reiner, strenger Charakter — wie es heisst, 
trat anfänglich mit gewinnender Liebenswürdigkeit, mit grosser 
Zuvorkommenheit anf. Aber das Verhältnis mit dem Adel, von 
dem er aufs beste empfangen wurde, scheint sich doch bald getrübt 
zu haben und die Veranlassung dazu tbeils seine Unbekaiuilscliaa 
mit den Ii vi ändischen Anschauungen und Rechtsverhältnissen, theils 
die herbe Männlichkeit eines Charakters wie der Friedrichs v. Sivers 
gewesen zu sein. Nach anderen Quellen wird der Fürst als sehr 
vornehm in 3einor Haltung geschildert. Zeigte sich diese gelegent- 
lich einer Nichtachtung der Landes- und Landtagsrechte, so war 
ein Znsammenstoss unvermeidlich. Wie schroff er geworden, werden 
wir noch darzustellen haben. Dass dem Fürsten bald auch die 
Statthalterschaft in den Httauischen Provinzen übertragen wurde 
und er meist in Grodno oder Wilna weilte, brachte ihn noch weni- 
ger zum Einleben in die baltischen Verbaltnisse. So sah et schwer 
oder gar nicht die Bedeutung und Rechtsstellung des Couvents 



208 



Die statthalterachaftlicbe Zeit. 



ein ; was nicht von der allg. Adelsversammluug herrührte, wollte 
er nicht existiren lassen. In Einzelfragen, namentlich in den 
ersten drei Jahren, besonders wo es sich um seine Abwägung der 
Chancen, die die Betreibung einer Angelegenheit haben könnt«, han- 
delt«, hat Sivers ihm viel Vertrauen geschenkt. Später hat er sich 
auf seine eigene Kraft verlassen, und sein Selbstvertrauen hat ihn 
nicht getauscht. Die gleiche Erfahrung machte Estland. Repnin 
ist eigentlich in keiner Sache vorgegangen, hat sich nie für irgend 
etwas, so zu sagen, ins Zeug gelegt. Wiederholt hat er aber, sei es 
aus Eigenwillen, sei es, weil er besonderen Rathgebern tränte, das 
Recht gekrankt. 

Für Riga gilt das Gesagte nicht. Hier hat er mit Interesse 
und forderlich gewirkt. Wie er die Schulverwal tntig sofort be- 
friedigend regelte, sahen wir bereits (Bd. 31, [>. 7C1). Alsbald 
wandte er sich auch der immer noch sehr bedrängten finanziellen 
Lage der Stadt zu. Eben waren die städtischen Aemter wieder 
neu besetzt, Sengbusch war zum Stadlhaupt wiedergewählt, eben- 
so Wilpert und Ehlers ins Ge Wissens geiicht. Zu A. W. Barclay 
de Tolly, dem Bruder des spateren Fei dm arschall s, war in den 
Gouv .-Magistrat Georg Berens, Joach. Ebel u. a. getreten, Biene- 
mann war Commerz bilrgermeister und als solcher c durch seine 
Redlichkeit, Sachkenntnis und Un ermild lieh keit den russischen Hanf- 
handlern in der Vorstadt, die einen hosen Schleichhandel betrieben 
und ihre Producta, ohne sie die Wrake passiren zu lassen, ins 
Ausland verschiffen wollten, ein Dorn im Auge»'. Neben ihm 
sassen im Departement Joh. Faul Krüger und Josephi. — In 
seclisstimmigen Stadtrath fungirten ausser dem Büttcherfiltennann 
Vendt und Daniel Boetefeur, dem einstigen Stadthaupt, der jetzt 
die Stimme der namhaften Bürger führte, aber das ganze Jahr 
Uber krank war, neue Leute ; bemerken swerth und nicht erklärt ist, 
wie erwähnt (Bd. 31, p. 673), von jetzt ab der Ersatz der russi- 
schen Gäste durch die deutschen. — Auf Veranlassung Repnins 
hatte Sengbusch dem Gouv .-Pro eureur Hurko diejenigen Beschwerden 
aufgegeben, durch welche die bürgerliehe Nahrung gedrückt wurde. 
Dann hatte der Gen .-Gouverneur eine Commission unter dem Vor- 
sitz des Vicegouverneurs v, Campenhauseu niedergesetzt zur Unter- 
suchung des Zustandes der Stsdtcasse und aur Ausfindigmaehung 
von Mitteln, um ihr aufzuhelfen. Ihr Elaborat ging am 19. Febr. 



' Nndi XeuenilnM in J. Kcitnnlt, Biirgerllmui nnd Burcaukrotie, p. 71. 



Die statthaltarschaftliche Zeil. 209 

dem Sladtrath zu Bemerkungen zu. linier diesen befunden sieb 
Vorschlage und Bitteil um Erleichterung der Abgat*», wie um 
die Genehmigung des Verkaufs des Dänischen Hauses, das jener 
inzwischen verstorbene Intriguant um enormen Preis der Stadl 
aufgeschwindelt und sie angenommen hatte, um den gefährlichen 
Mann sicti nicht noch mehr zum Feinde zu inachen. Es dient« 
der Commune ausschliesslich zur Aufnahme durchreisender Standes- 
Personen und die Remontekosten betrugen mehr als die Entschädi- 
gungagelder , welche denjenigen Einwohnern zu zahlen gewesen 
waren, die den erwähnten Gästen Quartier geboten hatten. — Vor 
Mitte Mai zog Fürst Repuiu sein Facit der Rechnung dergestalt, 
dass die Stadt sich in keiner notdürftigen Lage befände und keine 
Veranlassung vorläge, irgend ein ihr gehöriges Grundstück zu 
veräussern. Vielmehr läge es dem Stadtrath ob, durch gute Oeko- 
nomie die Einnahmen zu mehren und die Ausgaben zu mindern, 
namentlich Uberflüssige Besoldungen abzuschaffen. Zu dieser guten 
Lehre gesellte sich eine Budgetaufstellung, die der Gen.-Gouver- 
nenr dem Senat zur Bestätigung unterlegt hatte, deren Befolgung 
er aber auch inzwischen verlaugte'. Das Budget wurde also, der 
Stadtordnung entgegen, geradezu vorgeschrieben. Wie es aber 
dazumal aufgestellt worden, ist im Vergleich mit dem heutigen 
Budget der Stadt Riga nach Forin und Inhalt nicht ohne Interesse. 



thlr. lUätlOO Rbl. 



dem Cameralhof zum Ersatz der 

Zölle — E 

den Grundgeldern ..... Iil)52 

den Stadlgütein 21700 

den Hülmern 4324 

den unablegl. Kapitalien an Zinsen 102 

Recognitions- und Accisegelderu !>873 

der Brücke netto L000 

der Wage 10403 

der Heringswrake 788 

dem Packhaus, Fachhandel .v.c. 949 

Sthiftslastengeldem ._ . . . . 1701 

M9b3 Ethlr. 103147 Rbl. 

(Nach der Summirung ergiebt sich 5G9&2) 



' Rs»i'ri]it T. 1«. Mai IM im Archiv dci rig. SlndlnmU. Kiut^u'-uii-.-ii. 
Smüed im, 1783, Nr. 28». 



210 



Die statthslterscliaftliche Zeit. 



Beständige Ausgaben fllr: 

Polizei 18830- Rtlilr. 

Fortification 180 . 3201 Rh). 

(doch event. muss die Stadt 

jahrl. bis 10000 Rbl. anwenden) 

Artillerie ........ 2G27 ■ 2592 ■ 

Zeughaus und Pulverkfeller . . 20(37 . 1179 ■ 

Dunsdämme — < 16000 i 

Commando de Witte .... 1500 • — • 

Stadtgebflnda . 10000 - 1000 ■ 

Don graiaU fllr die übrigkeit 



Stadtpost 310U . ' — . 

Accisebeamte 1180 « — i 

Stadtwage . . 2881 . 252Ö • 

Grundgelder 515 • — ■ 

Hölmer 400 . — . 

Prediger auf den Gutem . . . 49.4ö . 1557 . 
Zinsen Ton Anleihen .... 18022 < 449 • 

Strasseureiniguug 2400 • — • 

Voi-stadtstrassen &q. . . . . 2318 < 1 711 . 

74lÖ3RtbJr. 29938 Rbl. 80 K. 
(Die Summirung ergiebt 73845 Rtlilr. 29214 Rbl.) 
Bleibt ein Rest von 19503 Rtlilr. 

Dieser Rest ist auf die übrigen Bedürfnisse anzuwenden, 
nöth igen falls sind durch ihn die 10000 Rbl. zur Portiflcotion zu 
decken ; ferner zur Gagirung des Stadtrates, des Magistrats und 
der Kanzleien, der Assessoren im Gottv. -Mag istrat und Gewissens- 
gericht, der Stadtgeistlichen und Schullehrer ; zur Zahlung der 
Witt wengeliier, der Pensionen und aller anderen kleinen Ausgaben. > 

So sollten also von event. nur 0503 Rthlr. Gagen und Pen- 
sionen gezahlt werden, die allein für den Magistrat 13917'/, Rthlr. 
betrugen (vgl. Bd. 31, p. 667 U. 749), zu gesell Wti^reii, di'.-is der 
Stadtratti noch nie sein Gehalt empfangen hatte. Wir entnehmen 
ferner, dass der Polizeietat in den sechs Jahren seit KiiiltiliiiiiL^ 
der St. -ü., wo er n^k-nmi^i-.ig auf 10")40 Rthlr. festgesetzt war, 
um rund 8300 Rtlilr. gesteigert worden 1 und endlich, dass die 

1 Die Bulnicriiii-tiKclie Clituiiik fEiMuirdt, Bürger llium mit Hurpimliriiti,-'. 
giebt sie p. 119 zu flurdisclniittlii-li jiilulitli «kr :«io0 Itllilr. an, p. 121 aber 
vod 1703 nb zu jährlich 10000 Rthlr. Der Wldanprodb ist schwer >n läsen. 



■reu Hübe gaai 



der Regierung .^iml,,;:,™ Xituriilu^r.iariierung'. - Eine eigene 
Beleuchtung gewinnt die Mahnung des Gen .-Gouverneurs, über- 
flüssige Besolduugen abzuschaffen, liei der Betrachtung des dan 
gratuit für die Obrigkeit .von altersher.. Während die Glieder 
des Sechserraths umsonst dienen mussten, Stadthaupt und Magistrat 
.auf ein Minimum herabgesetzt waren, die Pensionen nur mit ausser- 
Bter Mühe ratenweise zur Auszahlung gelangten, bezog der Gen.- 
Gouverueur sans gint Keine 500 Ducaten, die ihm aber vom Stadt- 
haupt öffentlich in Begleitung einiger üeputirten des Magistrats 
Überreicht werden mussten-, der Gouverneur 300, der Vicegouver- 
neur und Procureur je 200 Dukaten, der Obercommandant 300 Rbl., 
der Stadtvogt 150 Rbl., der Platz- und der Artilleriemajor je 50 Rbl. 
&c, alle neben ihrem Gehalt und sonstigen Einkünften, Dazu 
waren die Geschenke für den Procureur, Stadtvogt u. a. keines- 
wegs ivon alterslier>, sondern erst bei Creiruug dieser Posten 
trotz der schlimmen Finanzlage eingeführt. 

War nach dieser Richtung hin dio Thatigkeit des Fürsten 
aoch ohne irgend einen sichtbaren Werth , zumal nicht wahrzu- 
nehmen ist, dass er auch nur einer Aar erhobenen Beschwerden ab- 
geholfen habe, so hat er doch oft der Selbsttätigkeit der Bürger- 
schaft, ihrem Zusiimuieiistliluss in communaler Organisation Förde- 
rung angedeilien lassen, ihre grossere Selbständigkeit gegenüber 
dem Collegium der all£. fiit'Sdv^: vrrloirhliin. Abgesehen von der 
durch den Stadtralh vollzogenen Gründung von vier Freischulen" 
wäre die Stiftung der Ai'iiicriiuliiiinisLriilinn zu verzeichnen, die in 
der Sitzung des atlg. Stuiitraths vom 1. Juli 17Ü3 beschlossen 
ward^_und das nach dem Fürsten Nikolai Repniu benannte Nikolai - 

1 S. Prot des wrlisstiium. Stadlrntlie vom 17. Mära 1798. 

' Koch Bnlmerincq, I. c. p. HO. 

' BuImerLucq, 1. c. p. 117. 

' Ausser ilt-m Sj.rliwrralh iiui.IciL in sie ({fwklilt ans iti-ui ullj;. StailtmlU : 
Joh. Sani. IMI-mler. Willi. C.lliiif, Adn-stw ll.iriiii..rlf iiml Xielitl, mi.1 aus dem 
rntdicum: Pastut l.ib. hagmwi. Italh L. KrciKirzt I>r. Sluffregen und 



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212 



Die stntlhalterschaftiiche Zeit. 



Armen- und Arbeitshaus ins Leben rief (im März 179*). Am 
;S. März 1794 wurde die städtische Brand Versicherungsgesellschaft 
organisirt und am 1, und 2. Juni werden die Versammlungen zur 
Errichtung der Discontocasse abgehalten, die bereits am 8, d. M. 
ihre Tliätigkeit begann. Sie war durch eine Anzahl tüchtiger 
Kaufleute angeregt, die dem blühenden Wuchergewerbe steuern 
wollten, das schon einige Handlungshäuser von Wichtigkeit ins 
Verderben gestürzt hatte. Einige Ausländer, verbunden mit in- 
ländischen Wucherern, zu welchen sich auch zwei livländische 
Gutsbesitzer gesellten, zogen Reverse an sich, präsentirten diese 
dem Aussteller, besonders zu einer Zeit, wo mau vermuthete, dass 
ihm die Zahlung schwer falle, und er also genöthigt war, bei einem 
der russischen Geldwechsler gegen eigene oder fremde Reverse 
baares Geld umzuwechseln. Diese, im Complott mit deu Wuche- 
rern, zum Theil auch von ihnen blos als Werkzeuge gebraucht, 
Hessen sich dann ein ungeheures Aufgeld zahlen und berechneten 
sich dann wieder mit jenen wuchernden Uapitalisten. Baares Geld 
war wie aus der Stadt verbannt. Hätte man nicht die schleunig- 
sten und wirksamsten Massregeln ergriffen, so würden schreckliche 
Folgen entstanden sein. In dieser Nuthlage übergab man die bei 
den Gerichten liegenden Depositengelder unter Garantie der Hand- 
lungscasse der neuen Institution, von der rigasche Bürger gegen 
massige Procente baares Geld erhielten. Dadurch ward dem Uebel 
durchaus abgeholfen und die Wucherer und deren Genossen, be- 
sonders da ihre Bestechungsversuche luislangen, in stille Wuth 
versetzt 1 . 

Ward so der Noth der Handelswelt auch abgeholfen, so lasst 
sich doeh schwer die Einsicht gewinnen, wodurch der Stand der 
städtischen Finanzen sich seit 1794 verbessert haben soll, wie 
Neueudahl berichtet (1. c. p. 77). Dagegen scheint vielmehr zu 
sprechen, dass zn Ausgang des folgenden Jahres eine Versammlung 
der Kaufmannschaft I. und 2. Gilde — es waren 80 Personen er- 
schienen — auf eindringliche Motivirnng des Stadthaupts den Zu- 
schusszn deu <DUnabaugelderu» auf weitere drei Jahre idurch lauten 
und allgemeinen Zuruf) bewilligte gegen nur vier dissentirende 
Stimmen , und dass sie ihre Zustimmung zur Bestreitung der 
Gagenznlageu ans diesen Mitteln ertheilte. Diese Opferivilligkeit 
darf nun nicht zur Annahme verleiten, es sei mit den Parteiungen 



' Xtidi N ;-!!<■ wla bl, I. f. p. 76. 



nie statthalterschnfilirhe Zelt. 



213 



und Unruhen in der Bürgerschaft, von denen im ersten Triennium 
der St.-O. die Rede war, zu Ende gewesen. Die in dieser Hin- 
sicht guten sechs Jahre, in denen Songbusch an der Spitze der 
Stadt stund, waren durah die Reaction gegen die Strauchsche 
Mi8wirthscha.it bedingt, die in weilen Kreisen die >."uthiveiidi!;keii 
zum Bewusstseiu gebracht haben mochte, eine tüchtige Verwaltung 
zu haben ; und zweimal war es gelangen, die Opposition nieder- 
zudrücken. Bei den Wühlen des J. 17!)ti kam aber ihr Führer 
unter den Gilden. Christian Kiltich, obenauf, und mit der Eintracht 
im Stadtrath war es vorbei. Aber in.it.li im lmiii-iii.lt : n .Talne [is:t:i 
die Zerwürfnisse unter den Zünften und die Unbolmassi^kei! ntnl 
Gereiztheit der meisten von ihnen ffet;en die Hindi Verwaltung, zum 
Titeil überraschend, klar zu Tage und wurden auch nicht mehr 
unter der Herrschaft der St.-O. beseitigt. 

Oh der schon längere Zelt wahrende Unfriede unter den 
llaiKhKivk.-amtei'ti erst kürzlich vor die Obrigkeit gedrungen war 
oder ob Bemühungen, uudi die Itfiiderscliaft kleiner Gilde zu 
restituiren. wie es sehen L701 mit der Bruderschaft der grossen 
geschehen, den varliatirlencn Zwisl nlierlNiii]it kundgegeben — genug, 
in der Sitzung des gemeinen Stadtraths v. 12. Nov. 17% berichtete 
da« Stillt haupt 1 , wie der Sechserrath aus den ihm vom Gouv.- 
Magistint übersandten Acten über die Administration der ehem. 
kleinen Gildestube und des St. Johaunisstifts imit Bedauern und 
Bestürzung ersehen habe, welche unglückliche Zerrüttung durch 
llisverstiLudnisSK entstanden seien, die duicli [uineHsunlisches Ver- 
fahren immer mehr sieh häufen und verwickeln und nielit nur die 
Erhaltung und Vervollkommnung der von den guten Vorfahren in 
Einigkeit gegründeten Anstalten hindern , sondern auch deren 
["iHei'Ciini," mich sich ziehen k'hmteni. Der Stadlrath halte sich, 
weil jede Verzögerung das Hebel vermehre, verpflichtet, die Aus- 
eiinitiderst'l/iiiig baldmwjliclist vorzunehmen, die, wie er hoffe, ZU 
aller Zufriedenheit gereichen werde. Wiewol ihm die allendliche 
Entscheidung zustehe, wolle er doch den Versuch machen, die 
Meinung niler Zünfte hiei über durch eine Umspraclie zu vereinigen, 
um nach ihrer eigenen U Überlegung die Misv erstand nisse von 
Grund aus zn heben. 

Zu dem Zweck sollten an einem zu bestimmenden Tage jedem 
bei seinem Aeltermatm versammelten Amt, aus dem niemand bei 
1 Das Orig:. Protokoll im Archiv des i'at. Stmltumi,'. Ein&w;. Sai/lu-u |.m 
17B6. Nr. 802. 



SU Die stattbalt*rscliaftliohe Zeit. 

Strafe von 2 Rthlrn, fortbleiben iliirfe, einige wenige Punkte schrift- 
lich und versiegelt mitgrl heill , in den Versammlungen erst er- 
ült'nel, erwogen isi ul Mann fiir Mann darüber gestimmt werden. 
Am Nachmittage desselben Tages hallen die Aeltcrleule die Voten 
im gemeinen Sti ultra Iii vorzutragen, eventuell zu erlaufern, worauf 
ilns Resultat festzustellen sei. 

Nach zehn lagen fanden diese Versammlungen Matt'. Die 
iihergebeneu sieben l'nukte lauteten: 

1. (üb St.. .rohannislirüderschalt inuss als eine besondere Ge- 
siillsduift angesehen werden, die sieb zwar auf eine löbliche und 
nützliche Kiuriehlung gründet, nach den neueren Allerh. Gesetzen 
aber keinen Zwang wider diejenigen, die ihr nicht beitreten wollen, 
anwenden darf und keinen liinliuss mit das Allgemeine behaupten 
kann. Dieser lirudcischali gehurt da - St.-.lohiinnisstift; 

•2. zur Brüderschaft gebort nur der, welcher durch Einkauf 
und Aufnahme das Kccht erhalten hat; 

3. diese Krihlersclinft ln-.-tiinmi. unter sieli itire Kinrichtungen, 
Administration und ihren Vorstand ; 

4. die Aeltesten sind nur als Vorsteller der Bruderacuaf] 
und nicht der Xiiiit'tgcniciTide anzusehen; 

5. das Znnfthaus oder die ehemalig« kleine Gildestube wird 
zum allg Gebrauch dei Ziiuftgenieindc bestimmt, mit dem Vor- 
behalt, dass die, Bruderschaft auch zu bestimmten Zeiten ihre Ver- 
sammlung dort halten kann. Das Zunftbaiis erhalt seine besondere 
Administration aus der allg, Zunligenossen-chalt unter Direktion 
des Hrn. Amtshaupts ; 

ß, es wenlen also künftig zwei Administrationen sein, eine 
des Zunft h au ses, die andere der Brüderschaft ; 

7. die I Vimuetenzentheilnng dieser Administrationen, imgl. zur 
Untersuchung der bislierigen Adininisl.rat ionsredinimgen, wird eine 
schiedsrichterliche Conunissiou ausmachen, zu der vom gemeinen 
Stailt rat Ii zehn unparteiische Personen vorgeschlagen und aus diesen 
durch die Zimltavnrtlührer füllt' ausgewählt wenleu. 

Die Original resolut ionen der Aemter sind nun sehr inter- 
essant. Von den Iteensch Iii gern ist das Schreiben des Stadthannts, mit 
ihrer Zustimmung versehen, von Dan. Andr. Neese unterzeichnet, 
einfach retradirt; es bietet die einzicc Reinschrift der ', Punkte, 



' Uri£.-I'r«t. .Ich 1,%. .Si.cIimiIi* ..,hi -u. N.,v. ITH.",, ilii.l. Sr.MlS mit 30 
tltilag™; "lie im 'i'tii u ri.fl'ciiilii lit. int N"r. 30 von ilmeii. 



[lie slattbalter-scbaft.liclie Zeil, 



die sonst nur in verschiedene i'.'nnri'[>[eiiiwiiri"en vorhanden sind. 
Xurh einige wenige drnckeu ihren lieilnll tn den Vor-rl il ii.Lff n aus. 
Fast alle erklaren sich gegen die Bildung der Commission aus 
Nielitxiinttigeri und die meisten spreclien sich gegen die Aeltesteu- 
bank aus. Es sclieiut ein nahezu allgemeiner Widerwille gegen 
tliese gHierrsdil vx haben: in ilr'v I Irii' li'isr I iü fr seilte durchaus 
volle t:ieirhbeil herrschen. Vielloir-ht ]i;tt :iu.'ii tmtx -ler im ersten 
l'unkl u'r^l'Ciiüii Krklaninu' das Misvrv.-i amlnis vorgelegen, als ob 
dii! Aelteslcn in aller Weise einen Kinlluss auf allgemein bürger- 
liidi« Verhältnisse, ausüben solllen. Hl.lirhe <3 ul;tel 1 1 i'ii sind galise 
versi;iwhiislns oder von sehr schierer Auflassung. Uns stärkst» 
Beispiel davon biete! das des Seh n ei der -am t s : 
.Antwort 

An Einen Serhsslinnnigen Suds Rath der Gouvermens 
Stadt Riga; Von den hiesigen Schneider Amt. 

Bruder werden innss Stadt finden, jndem das Julian nisstirt sonsten 
nicht bestehen kann. 

Der 2. punkt bat unsern Erachten nach seinen bezug auf 
den ersten. 

Der 3. punckt. Wir sind mit der jetzigen Administration 
unseres Zuntthauses und mit der guten Ein Kiohlung z.n frieden, 
und neiden Sie auch ins künftige selbst erwählen, da wir viel 
KiiiHükiini'tii Urinier haben, welche ihr gelt erlegt haben, aber von 
den vorigen Atiitsli;mjil nidil livselirieben stehen, folglich haben 
wir müssen andern Maas Hinein nehmen und ans die hier/u Xutlii- 
gen Männer selbst erwählen. 

Der i. punckt. Hierüber ist I'allariert wurden, dafür sind 
w Stimmen, aber darwh-der sind 4i' Stimmen. lolglieh kann den 
Stimmen nach die Aelster f Saudi nicht Existieren. 

Der "i. punckt, dieses erkent ein gantiea Amt für billig und 
Recht, das alle Zünftige Aemtter da müssen Zusammen kommen, 
aber von Kister Zus.i nniiriikiinfieii will 'las gaulzo Amt. weiter 
nichts wissen weiter. 

Der 6. pnnckt. So wie wir .jetzt liear.ill ivor-trl haben, so ist. 
es billig, das keine andere Ailminslrat iou Stadl findet als die 
jetzt erwählte. 

Der 7. punckt. l.'eber diesen punckt wird dir Administration 
und über dem Nachsehen der Rechnungen werden wir selbst Männer 



816 



Die statt halterschaftliche Zeit. 



Erwählen, die der Sanliu fähig sind, das wir nicht Nöthig haben 
nnsi-i- r.igenthum v.m r-Yeindcn heherse ; .ien zu lassen. 

Unser Amt verlangt anjeUri, das Hia Alte Administration 
ihn; Hedmmijfrii und Hueher -reifen unsere jetzi-re Administration 
äldegen sollen, wie es die oft. gnwesNie i-icssion schon abgemacht 
lial, damit eininnhl die längst erwiins.hte Ruhe unter uns Sämtlich 
heischen mochte, 

.T. Dr. Baltzer, Ae Hermann. 
J. M. Rat-Miels als Aellermans Qehilffe. 
J. 0. Stuele, A elter Mansgehülffe. 
Riga den SJ:i. Kowemer 1795. 

Adr. All Riiien Scdisstiuuuigen Stadx Rath der Gouver- 
ments Stadt Riga. Von das Amt der Schneider. > 

Das Gesa mint ergebnis [äusehte durchaus die optimistischen 
Erwartungen des Mcadtr.iths : nichtsdestoweniger blieb er bei sei- 
nem Vorhaben, und die Zunft wer Uli hier im gemeinen Studtratn 
verstanden sich auch zur Wahl der Conimission : 3 Ratlnnäiuiei-, 
Stadtrath Run* und Notar (Jrottie. Natürlich waren die ZUnfte 
mit der Entscheidung der Commission unzufrieden , viele Meister 
und Aemler |>rolestirteii dawider bei dem Gouv. -Magistrat und 
das Aintsli;ni[it ij.it denselben, ihm mit vier chemaiijreii Aelt^t™ und 
vier aus der Zunftgeiuoiude zu wählenden Männern die Schiirjims.s 
zu iibei-hisscn. Probeweise gtrwahrlc die Obeibehbrile das Gesuch 
auf eine Frist von vier Wochen vom 8. Febr. 1796 ab ; erkundigte 
sieb aber am 20. Mai beim Sl mittat h, wie es mit der Sache stände, 
da das Amtsliaunt ihn, den Gouv.- Magistrat, bei der Statili -Regie- 
rung verklagt habe, .weih ei nichts tliue>. — Nach etwa sechs 
Munali-ti war die A neeleeniln-it iluirh i!en eins-ee Sehi.-hsals'.Vech.-el 

Unter der vergh-i-heiulri] lietiarlitiing der lel/.tcn öden sechs 
Jahre der Brownescheu Verwaltung und der frischen Regsamkeit, 
die sich im i 'ominniialli-l'i-n Uieas mit, dem Amtsantritt des Fürsten 
Repuin kundgab: unter dem Gesichtspunkt, dass je mehr unsere 
Altvoideren. wieder aulathmeiid vom sei inte rlitlc neu Drucke, gespannt 
den drühneuden Sclintloti der Zeitgcsrhiehlc lau sehten, sie um so 
dankbare]- eui[iianilen, wir' deren umwälzende, verheerende Sinnen 
nicht Uber die Grenzen herüber zu ihnen reichten, und sie sich — 
in ihren besten Vertretern — angespornt .fühlten, des Segens des 



Di j ii:e-J Uv 



Die statthalterschaftliche Zeit. 217 

bewahrten Fliedens durch eigene T Innigkeit sich wrdieul zu 
machen — unter dieser Gedankeureihe verliert der ottgenannte 
um! vielbekannte livlandische Deeemberlauding v. ,i. 1793 viel von 
dem Eindruck des Philzlieheu und SLaiineuenvaundwi, den er wol 
sonst herve-rgenil'en hat. Was vur drei Jahren v. Gersdorit' schon 
angedeutet, war inzwischen \-ie!erw<>i;en ; die Vtn-schlage v. Bayers, 
um deren willen er, nach f?oiinta<:', l.andesmriitlter gescholten 
und so über^ehi-ion wurden, das* er nicht einmal sich erklären 
konnte, waren selbst von einstigen Qegen&chrc 
überlegt, und unterstützt. Die Hevolntion, die damals - 
Cnstines durch die Plate und nach Mainz — nur die ersten Wellen 
Uber Frankreich hinaus genchlagcn. lnil.li- mildem ihren argslen 
Sturm im Omni in au-^-iohi, und die HrnLnliLiifr f-hsimitc in immer 
weiteren Kreisen Uber. Mit dem verlogenen, aber immerhin trüge- 
rischen und zündenden Ruf 'Krieg den Palästen und l-'ihuk den 
Hütten, hatten die Heere der Republik bereits weite Gegenden 
Deutsehlands durchzogen. Und viel naher hatten die Scenen wah- 
rend des polnischen h'reihcilskaui|ik's sociale Ihitt'cpsclniig und Ge- 
walttat kennen gelehrt, hatten c den Sklaven, wenn er die Kette 
bricht., in unheimlicher Nahe gewiesen und für die Lehre von 
den Menschciirechlcii PriiiuL'uailn. gemacht. Darin aber dürlte 
ganz besonders die heutige l!etracbtuiii;sweise von der vor neunzig 
Jahren sich iiiiteisclioiden. da;s wir priil'ender Und kalter den Er- 
eignissen yi-fo>:nili.-t.-= teilen und .«in auf diu Totalität, ihrer Erschei- 
nung. Uns besehen, wahrend geivielitk'e Zeugnisse daiiir vorliegen, 
in welcher uns jetzt beti-fiieh-ulen Siini:iniiig mau sich eiust über 
die Form hinwegzusetzen vermochte, in der die sympathische Idee 
ins Leheu trat. Darin liegt gar kein Urtheil : wir heute versehen 
es vielfach, indem wir zu leicht den Kern wegwerfen, wenn uns 
in etwas die Schale inistallt. Es ist nur eine Charakteristik; sie 
scheint hier am Ort, um die Haltung jenes Landtages zu verdeut- 
lichen, der uns jetzt beschäftigen wird. 

lieber die geistige Atnic-snhitre der Tage, in denen der Land- 
tag eröffnet ward, Uber das merkwürdige Zusammentreffen des 
Empfanges des Manuscriuts um Merkels zündendem Pamphlet .die 
Letten, vorzüglich in Livlaud, am Ende des philosophischen Jahr- 
hunderts, durch Sonntag iu dem Augenblick, wo letzterem der 

■ Brief nn 6. Merke] vom U. Junor ITtfll iu: J. Eckum, Die baltischen 



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218 Die : 


stftLthalterschaftliche . 




Auftrag wurde die Lim 


tlUgspredigt zu halte 


Li, ist vor Jahren durch 


Ri-kardt aufs iiu/iirhi-iirls 


te erzählt und sprich! s 


ich in dem milget heilten 


Briefe des Oberpaslurs' 


deutlich ans. «Die 


Zeitgeschichte hat nun 


seit sechs Jahren, lieh 


st es da, sieh fast 


heiser gepreii^r. und 


wniirlii'h. ;im Ende um; 


is der Harthörigste etwas davon zu Herzen 


^'L-ii'H .Ii haben. Alu']' sei (Iii: ütsachc, »f. 


■!clie sie wolle, ircim;;. 


die Wirkung ist uulcug 




tu: gewisse Geneint lu-il 


gen. Und duss dies v 
gewollt und bürgerlich 




is iiu.uuliseh ernstlich 
d. weiss ich eben so 


Recess sieh ausdrückt 




ohlgesetzte, eindrncks- 


volle Bade in Brannten 




■ -Auf vieler Herren 


Antrag, i<lhit der Reci 


$s fort,- dem, Hrn. C 


berpastor Sonntag für 


verdiente Landlagsprei 


ikmisdge und des gH 


uzen Adels Beifall sielt 


seinen Gedanken harn 


muirenden Gesinnung dieser Versammlung 


dureli Verehrung ein« 


goldenen Dose, auf 


der der Sinnspruch : 



(ietneinijeist., in Rücksicht des Tlieinas seiner Predigt gegraben 
wäre, zu geben, wie auch die Rede selbst auf Kesten der Ritter- 
schaft drucken '/u lassen, wurde eiiu-uiil big solches fest gesetzt, • 

Darauf, am 3. December, fand die Wieder wähl Friedrichs 
v. Sivers zum Goar-Marschall mit 187 unter 186 Stimmen statt. 
.Zur lautesten Freude des ganzen Saales, erhielt er sofort die 
Iteslali^ung des Gouverneurs und empfing -die wärmsten Dank- 



jetzt der glücklichsten Zweckbeliandlung in seiner lichiin-liclikcit 
zur Ausführung sich versprechen kennten.» 

Am Nachmittag zeigte der (Jouv. -Marschall an, dnss heute 
vormittags, während der Adel zusammen gewesen, der rigasche 
Hr. Stndthatipt Seiighusch mit den beiden [lepulirlcn der Stadt. 
Hiirgi-ruii'ister lin-ueuntin und .Siadtinthsglied Holländer, persönlich 
im Namen der Stadtgemeintie ihm au seiner neuen Eiwüliluug 
hiltten (J hielt wünschen wollen und, da sie ihn in seiner Wohnung 
nicht ungclrollcu, ein versiegelte-*, von ihm zwar erbrochenes, aber 
nach dem Anblick der ihn befremdenden ersten Zeile ungeleseu 



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gebissenes Schreiben /ngesehiekt hiktten. welches vom J{ 
VO ijfetragen wurde. Es lautete : 



Zeit 7,0 verabfolgen, auf Kosten der Stadtgemeiude, an Werth 
SOOBtlllr, Alb., verelirt worden'. 

Im Augenblick, da die Vorlesung beendet wurde, traten die 
nnwesemlen ■ Stiolidcimtirten hinzu und erklarten, dass der alte 
Gebrauch der Hansastadte, ssti welchen Riga ehemals geliert habe, 
um einem Manne vonudidic Aehtuui; zu bezeigen, darin bestünde, 
selbigem einen ßhrenwein darzubringen, und das* diilier die Stadt- 
gemeiude, welche Beweise ditvuu gehabt, dass der jetzt wieder- 
gewählte Uouv.- Marschall ein Interesse für die Stadt mit Geuietn- 
eifer für sein edles Corps genommen, diese fielegenheit mit reiner 
Freude Uber seine Wiederwahl ergriffen habe, um ült'enl lieh ihre 
dankbare vaA tliriliioliineuue Besinnung dem Adel an den Tag zu 
legen. — Sivers erwiderte, er könne die ihm erwiesene Ehren- 
bezeugung nur insofern annehmen, als er sie auf den Adel, dem 



gen Zwischenfalles als ein Zeugnis doch nicht nur der in .jenen 
Tagen üblichen Geiulilsiunigkeil liier «ine Wiei|e,g a be finden: 
■ Hoch wo Iii geborener Hr. Co 11. -Assessor 1 
■Hochzuehrender Hr. Stadt ha unt ! 
«Das voll Ew. Hochwnblgch. der gcgei.wariigcn Adelsvorr-aium- 
luilg für meine Erwäldung zum GM. gegebene so schnieichelhiilte 
als ehrende Zeichen des Beifalls der rigiseben Stallt gemeine ist von 
dem gantzen Rittersaale mit der lebhai testen lluhrung empfangen 
worden, und ich habe den mir so äusserst sdiiitzbnrcii Auftrag erhallen, 
als Sprecher des ließ Indischen Adels nicht nur das reinste llank- 
gefilhl, wovon der ganze Saal bei diesem Vortrag belebt war, dafür 
Lienniitelst ib'.:v.ubiiiigen. sondern midi Hillen J'.ls Sniecker der rigi- 
seben yiiiillfeiueirie, die jederzeit die Bewu!Li|emni' eines eillen Coli'.- 

1 Im l'iui.iki.ll -ivli.-ii lii^n Stiiilii-iirlip. i- □ i ■ t = ■ r -i. ii .üilbilliu.nvi i.^ 

■Iiivijii nichts Ttraokhirtt. 

' Archiv dü* rlg. SUulUuila. Eiiifeg. 8«i«l 17*J5. Jfi. üiO. AuKp(fraph. 



Die siattlial tersclm ftl Lehe Zeit 



gehabt hat, zu versichern, dass unser liefi (indischer Adel keiuon 
grösseren Vorzug keimt itlrf Menschen Würdigung, kein anderes Ziel 
verfolgt als allgemeines Wohl , keine wärmeren Empfindungen 
nähret als sich in brüderlicher Vereinigung wie Kinder Einer 
meiiseheiilir.benden erhabenen Mutter LieHands durch Gemeingeist 
verbunden zu wissen. 

«Nehmen Sie, würdiger Mann, der so grosse Ansprüche zum 



und in diesem mich, der den Werth dessen, was ihn jetzt so mäch- 
tig überrascht hat, nicht seinem Verdienste, sondern einem gfln- 
sli;;e:i !-it'siclits[i:inkt!' /neigin'1.. ;tns w.'lrliein man ihn betrachtet, 
und der selbst dafür Sie, der wie ich eine gleiche Kette schlösset, 
bittet, Ihre «tum: St adts gemeine von seiner ausgezeichnetesten Hoch- 
achtung zu überzeugen, in welcher mit neuer Aufmunterung fort- 
zuschreiten sich liemühen wird 

Ew. Hoch wohl geboren 

gehorsamer Diener 
Riga, im Rittorhause den ti. Dec. ll!>5. 

'Friedrich Sivers.. 
Der Rechenschaftsbericht des Gouv. -Marsehalls lässt die Be- 
geisterung des Adels lür ihren Führer und Vertreter und die Hoch- 



langt, so lag es doch nicht am Mmigel seiner l!ei.iühiiugeu ; ande- 
res hatte er erreicht. Die SoHlcitation um die Wiedererstattung 
der <Poslsoh!ateii» war gänzlich abgewiesen; der Convent hatte 
die weitere Vertilgung susiiendirt, da die Bitte sich auf keine 
I'rivih-gi™ gniuilcii kmi'.te, und der Landtag stimmte dem zu. 
In manchen schon bei üliiten Beschwerden stand die Entscheidung 
noch heim Senat aus. Repniu hatte zu einigen Anliegen eine 
feindliche, weil s:rli;i!ili!iieuli,it'ie Stellung eingenommen : er weigerte, 
die Wählbarkeit der Kdelleute, die nicht Oberofflciere geworden, 
höheren Orten 101 zustellen ; er wollte, dass zum Verweser des 
Gouv, -Marschallsamtes derjenige Kreisniiirsehall zu bestimmen sei, 
der die Dächst uieisleii Stimmen gehabt; das war [iraktisch undurch- 
führbar, weil der Betreffende leicht am entferntesten von Riga 
wohnen konnte. Der Landtag beschloss nun, dass der Qouv.- 



Die statthalterschaf dicke Zeit. 221 

Marschall für die Zeit seiner Abwesenheit jedesmal ein Convents- 
glied mit dem Hecht der Vertretung zu ernennen und dem Gou- 
verneur anzuzeigen habe: es war die stete Residirung um so notli- 
iveiiili^er. je energischer ni;i!i es verhüten wolllr, dass diu Statth.- 
Regierung Bauerklagen vor ilir Forum ziehe. Aber der bisherigen 
Willkür bei der .Ausschreibung von 1 lel/licteruiigcn mit' dem l.nmle 
war ein Ziel gesetzt, den ungesetzlichen Schlössen sollle wenig- 
stens gesteuert werden; die livl. '.kimomischc üoeietüt war der 
Kaiserin vorgelegt- "ii; iikasenn nissige Hc/ahlung der l'osten lind 
Stafetten von nun ab war bewilligt und die .laliveseinnahme von 
IT— 1800 Rbl. nuf 8— 9000 Rbl. dadurch gestiegen. Graf Brownes 
widerrechtliches Verbot der Hopfenaus fuhr war aufgehoben. 

W»l mehr noch als durch seinen l-'leiss hatte Sivers durch 
sein unentwegtes Eintreten für das Recht Sympathie erworhen. 
Manches ist schon erwähnt; keinem ungeseUlichen Befehl gab er 
Folge; den Gen .-Gouverneur bat er zweimal beim Senat verklagt. 
Als die Statlli.-Re-rieniii!; iliai gevisje Keinvivtiiren an den Zimmern 
einer Fostirung vorschrieb, liess er sie niederreissen, wodurch er 
ifreilich in recht unangenehme Verbal misse sich setzen musste.. 
Die willkürliche Decretirung von Geldstrafen durch die Nieder- 
landgerichte hatte er abgeschnitten, verhindert, dass entlaufenen 
Bauern ferner Scheine zur An Schreibung- in den Städten ausgereicht 
würden und dass die Regierung bäuerliche Klagen annehme, statt 
sie an den Goot. -Marschall zu verweisen &e. &<■. 

Tags darauf traten säiuintliche Kreismarsclialle zum Stabe 
und erklärten im besonderen Auftrag ihrer Kreise, dein Hrn. Gouv.- 
Marschall für die getreue und mit unverkennbaren Zügen einer 
edlen Aufrichtigkeit abgelegte Rechen schart, die gefühlvollste Er- 
kenntlichkeit darzubringen und ihn zu versichern, dass jedes Indi- 
viduum vom Bewusstsein belebt sei, dass das ganze < 'orps ihm für 
die Aufopferungen, die er dem Ganzen bei Erfüllung seiner Pflicht 
gebracht habe, mit nichts lohnen könne als mit Liebe und Zutrauen 
und " mit der Bereitwilligkeit, sich von seinen Hilnden zur Be- 
förderung des allgemeinen Wohle? leiten zu lassen, da Invlmids 
Adel in ihm einen Mann besasse, der mit Einsicht, Klugheit, Mtlth 
und Vaterlandsliebe an der Spitze wirke. — In der That, eine 
einzigartige Erklärung I 

Zu Beginn dieser Sitzung vom lt. Dec. war in Folge der 
vom Gerichtshofsassessor Wilhelm v. Blankenhagen namens seiner 
Mutter eingereichten Decleration in Betreff des von seinem im 



222 Die statthaltei-schaftüche Zeit, 

Mai 1704 verstorbenen Vater errichteten Legats zum Beaten einet 
livl. gemeinnützigen Societat der Versammlung eröffnet: 

Da nun der Patriot nicht mehr am Leben sei. so Iiiire auch 
nach seinem Willen die Yeischweiginig seines Namens auf und 
der Adel habe alsii im vcistuibencn Kalb F II. v. Blankenhagen 
diesen .Menselien- mnl Y^terlanilsfieiiuil /u \i: [f-luc: i . Seine Wiltwe 
habe In voller Kenntnis der Absichten ihres Batten sieh erboten, 
sobnlii die Societat sich orgunisiren werfe, die von ihrem Ehemann 
zur r'midation bestimmte Summe zu completiren. Der Kreis- 
marsoliall v Huf!; [11 j ■ |n mii 11 >■ um de- ^iw-.-rii Verdienstes willen, 
das der Yerslr.iibene sinli um den livl. Adel unwidris]iiL.-cli!ich er- 
worben, und wegen der liei-eitwilligkeii, mit der die Erben erkla.it 
seinen Willen erfüllen zu wollen, die Familie taxfrei in das 
(.iesthVclit-bach ciii-'jlitril'i'ii zu lassen und sie als eine alte mit- 
briulerlirlie anzusehen, dagegen von ihr zum Beweise der Anerken- 
nung des erwähnten Verdienstes das Bildnis des Donators zum 
Behuf der Societat sich zu erbitten. Der einraüthige Beschluss 
wurde dem Gericht shofsassessor Wilhelm 1 v. Blankenhagen , Erb- 
besitzer von Drobbusch. miclidcm er vor den Stab gebeten, feier- 
lich mitgetheilt. 

Als auf des Kreismarschalls Baron Peraen Antrag beliebt 
ward, die De]'Utirlcii zum engeren Anssehnss sechs W.ichcn vor 
dem deliheviiemlen Oiuveut des midisten Landtags in den Kreisen 

t.'onvent sogleich beiwohnen und Sentinients Uber die Vorlagen 
entivev1c.il kiirtnl.ru, erinnerten ilie I igasclien [ >e|>.itnli'ii ilavau. dass 
der Stailt Riga, obivol man ijci der ihr eben so wichtigen Wahl 
der (Hicder zu den LandOslieh'jnleu ihr keine Tlieilmibme gestattet, 
worüber aber für jetzt keine weitere Auseinandersetzung erregt 
werden solle, die Aufforderung zur Wahl der Deuutirten gleich- 
falls zugehen möge. Ks wurde oiiiliellij ausges|ii-i>etien, dass der 
Stadt, dieses Iteelit nicht versagt werden könne uiiil sie seiner Zeit 
in jedem Kreise mitzuwählen hatte, wo sie Güter besasse. 

lieber den in der lüdge wichtigsten Verliandlungsgegen stand 
dieses Landtages, die aut ilim begonnene I.tisimg der AeiMilray, 
muss un dieser Stelle hinweggegangen werden, weil die -Materie, 
den lliilinu.il ;ler nliin liLii aus;;i , 'l' , iiiiieii I ),i csti'll nng s|>rengen würde. 
Sie (jebei't in ein besonderes Caoitel, das als erster und zweiter 

' Iii tttessa sieht InthUmlitli; Pater. 



Die Btatthalterschaftliche Zeit 223 

Theil der in diesen Heften veröffentlichten Arbeit Alex. Tobiens 
anzusehen wilre. Als einstweiliger Ersatz kann ilie unter ror- 
»iegen.1 agraria» Gesichtspunkte geschrieben« Ereilului.g ,1er Land- 
tasisoscliiditc am Ende des: IS, Jahrb. im IM. 1 m dieser Zciuclirilt 
angesehen werden. ' Einen grossen Raum haben die bc-iitilidien 
Debatten im Deeember 17'Jo übrigens nicht beansprucht. Bs hau. 
delte sieb um den anstandslos gefrästen Bescliluss, .feste Grund- 
sätze aufzustellen fUr die zu allemilicher BntselieidonB etwaiger 
Bau er lic-di wurden zu ernennenden (;uminissiuiu:n , vorzüglich in 
Ansehung sulcber Güter, welche die verlangten Drei Ovationen über 
den Geboreh und die Abgaben ihrer Kauern einbrachen legal 
verbinden worden -- damit 
tiglteit oft die unbilligste 
Grundsätze zn finden, nrunl 
dann auf Kieisconventen mit 
neu Resultate au den Adels 
regulirt und festgesetzt, soll 
Bs ist jedoch anders g 
Jalires fiel unerwartet ein 



initutiuli y.ü': ■_■!)■ E L i 1 1 Kl lrd ii.'iuii, r iO'bi ;■. -'..'< ■ - l ■ U ■ 1 1 s'lli" ^i'. i'is 
sah das Beginnen von vornherein hoffnungsvoll an. .Meine Aus- 
übten sind schön, > so schloss er den Landtag. .Vor dem Thron 
der Landesmutter soll ich durch einen rech tschatt'e neu Minister 
(Besborodko ?), der seine schönsten Tage und seine Ruhe dem 
Wohl des Reicht* :tufu|>ltu't, Misbriludie vorstellen, die nur dadurdi 
existiren, duss sie noch nicht zur \Visseu-duilt (luv in-lmbunen 
Regeutin gelaugt sind und die, wenn sie aufboren, unsere Provinz 



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224 



Die statt!] slterachaftli che Zeit. 



Sclncksal, dass icli Ihr Sprecher bei diesen günstigen Constella- 
lioneii geworden, die mir einen glücklichen Ausgang zusichern, > 

Seine Zuversicht timschle ihn nicht. Von den aus nehmend 
glücklichen Erfolgen erstattete er auf .dem aassero [den t liehen 
Landtag am lä. Sept. 1796 Bericht. .Die Resolutionen auf die 
zwei Hauptgesuclic spi-iii-L Sivers, esind nicht allein so günstig 
ausgefallen, als wir sie mit Recht von einer so gnädigen Monarehin 
erwarteten, sondern dift eine giebt uns sogar mehr, als wir hoffen 
und wünschen durften. Die erste restituirt uns in unsere alten 
ritlcvschafllidirn Vorzüge, nur diejenigen in unsere Mitte aufzu- 
nehmen, ilie durch alle hiiige i lii-lien Tugenden und Verdienste fürs 
Vaterland sich gerechte Ansprüche auf den ersten Stand de: lieiclie* 
erwerben hahen. Ilie zweite vom 21). Mai setzt dem Uebel, wei- 
cht's seit beinahe Z'.vanzig .faluvu .-in fressender Krebs des Wohl- 
standes unserer Bauern geworden und dessen h'ortdnuer durch die 
Auslegung des Pürsten Reiinin von repnrtirtem und nicht repar- 
tirtem Heu den ganz liehen Ruin unseres Hauern und hierdurch 
auch unseren Rain hatte nach sich ziehen imlssen, das gewünschte 
Ziel und sichert uns sogar dasselbe auf immer. Denn die Depu- 
tation sollte I. M. nur um die Gnade bitten, dass wir unser 
Stationsheu, wenn Trappen im Laude standen, blos in die Kreise 
liefern dürften und dass wir, wenn keine Truppen im Gouverne- 
ment, bei dem Rechte geschützt würden, statt Heu zu liefern, mit 
Qeld liunidiren zu können, lieides ist uns nicht allein zugestanden, 
sondern die Milde unserer Monarehin ertheilt uns auch die Macht, 
uns selbst die Km planier dieser Abgabe zu wählen, gebietet, dass 
die Anfuhr des Heus nur zur Zeit der gewidmlieh besten Schlitten- 
bahn üivciicbe ; vidiert uns bei Kriegszeiten, wo man sich sonst 
Ausnahmen in machen erlaubte, vor weiterer Fuhre, als die Maga- 
zine, belegen sind, und gestattet uns die gleichen Vortheile bei der 
Slutiun-gerste und dem Stationshaber. Ich kenne, m. H., 
ausser der Bestätigung aller unserer Rechte 
hei der Capitulation des Landes kein einzi- 
ges Gesetz, keine Gnade seit der Zeil, da wir nuter der 
ivoliHtiiV.igeu lieln-ir-clinair Hii'slandH sieben, so dieser Allerh. 
Ukase zu vergleichen Wäre..' 

S. die botr. Ukrao im IM. L.-Roc. 17B6. (LML Ritt-Ana. L.-Hw. 
Vol. XXU1\ rteren Inlmlt in «Bult. Mol.. Bd. 18, p. IflTff. — Nub itan Dia. 
rinm vnni B. A|.ril WM. Vul. XXXVIII, laute (Mi -IUth .1 .r v. Sictir* durch 
ritii'ii Htii'f an die Kaiserin der 1 Ii chiJüi iiiiiii.n i [ ■ ■ rt WVj; sjci-linct ; ilnn wnnle 



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Die Statthalterschaft! iche Zeit. 



Obgleich der Gouverneur wieder einmal jeden anderen Be- 
rüdum)^ gegenständ als die Heusache, welche die Anlage von 
Magazinen erforderte, hatte aussdilicsseu Wullen, Hess er eich 
dureh ilie neisMilioiie. Einwirkung des i Idiiv.-Miirschulla bewegen, 
der Berathungsfreiheit des Adels kein Hindernis in den Weg zu 
legen. So ward, wie erwähnt, diu Asriiraiiiriih'geiilHiit. vorgenommen'. 

Ein weiteres Thema bot das schroffe Auftreten, das dem 
{Jen ernlgou vernein- im laufenden Jahre gelegentlich der (."ntetlegung 
der liiiiiiltiiKssi'liliisstr Vinn De;'. i7ii."> eiii/nsildagetj beliebt. Nicht 
nur hatte er den Uefehl der S tat tli. -Regierung vom Juni 1790, der 
den Niederl andgerichten die Absendung unentgeltlicher Stafetten 
verboten, annulHrt, sondern neben diesen auch die Stellung von 
Schicsscu ifiss'ufilei-t.. Der Landtag wies, gestützt auf den neuen 
Ukas v. 14. Febr. 1 7!tG beide Ansim 
Vermuthung aus, .dass ein blosses Mi 
Unwillen seines obersten Landes vorgesetzten zugezogen Iii'.wl'i. 



Drei Klagen wurden gegen ihn beim i>irigirenden Senat zu erbeben 
'beschlösse!). 

Aber nicht nur iler Iulut!t, sondern auch der ganze Ton, den 
Fürst Repnin in seiner Beantwortung der Landtagsschliisse ange- 
schlagen, die Beschuldigungen, die er gegen den Adel und seinen 
Vertreter darin verwoben, veranlassten den Adel zu einer Eingabe 
an den Gen..Gouverneur, in der es u. n. hiess: Der Adel fühle 
mit tiefverwundenileiii Sehinem'. ihiss er. ungeachtet er sich be- 
wusBt sei keine widergesetzlichen ücschlüsse gcfasst zu haben und 
sich gern unterwürfe jede väterliche Zurechtweisung mit Dank zu 



l.il 1 ,li„.l, ( . l ,N:,".r.,!li,- l V tU „,-, ll „wiili.it wit.1, isr von. S. Stl.t. 11!«, in Hnvartm« 

llpS fjQmltflp', !llj1> lULL-ll U CL-l-J t li.ir.0HL VLTI.L--1 thlLLII. IV, U. 11>0 ff.j. 

1 S. ^Mnuii.uii K in ' i. i,n.i-.e/i:i 'im Viri'i— i liiii;; ,li - /l]-t.iih!i-- ,l, r 
ilni.LTi. in iSir Hiijiwrlii-ii SMtlh.iSwi-lmll mit Aiiy-rlihisi de* Ari-iislmririi-i-lipii 
Kreises. Entworfen auf uYiu LawltaKe im Scjrt. 17Wj,\.v;. .\Yitikrtniiuiii, IUU. 
Ur. List. N'r.8284). 

' Bange, Kcperi. n, p. J"? ff. 



22G Die Statthalterschaft liehe Zeit. 

empfangen, nicht mir so unglücklich gewesen, mit seinen Unter- 
li'j?iitj£i!U uti^evde.-eii y.a weiil™, suuderu sieh KOgiir den für ihn 



ilen buchstäblich™ Cc-dniiken der ihm vom Allel ^rwunliaien Aul- 
träge entsprechen und Versammlungen halte, die den Genetzen 
zuwider sind. Deswegen sehe sieh der Allel aufgefordert, vor 
Sr. Dl. das feierliche Zeugnis liii-diTziili'Ki'ii. riass bei der auf dem 
letzten Wahltage geschehenen Präsentation zum Gouv .-Marschall 
gerade die selletien ßi^eiisdiafteu des Hrn. Obersten und Georgen- 
ritters y. Sivers, der Kenntnis der Verfassung und reinen guten 
Willen in sich vereinigt, selbigem wiederholt mit ausgezeichnetem 
Beifall die St.inimemiiehrheil ^t-iiebi-n Italien; dass jeder einzelne 
von ihm dem Hrn. Gouverneur lintcrlc^ti.; I _ j l; 1 1 1 1 j ■- er j ■ : u : 1 r. die wirk- 



Reibungen, Zusammenstösse vor, welche die Grundlagen der gesell- 
siiiiiiftlii'tu'ii Organisation berührten, so deuteten diese f-IrsehciTimi- 
gen m, dass zwischen dem provinziellen Lehen und dem Reirhs- 
geselz unlösbare Dissonanzen bestanden. 



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Revaler Landsknechte zur Zeit der ersten Russennoth. 



rer Zeit getlu 
i den Kreis d 
■i Kiii'^'sbucir 



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228 Revaler IjnnrlHknenhtc z. Z. der ersten Rnssennoth. 



und Büchsenmeister prüfeu das (ieschütz. Wir seilen die Lands, 
knechte den -King» bilden, dass die Lanzen wie ein eherner Wald 
gen Himmel starren. In der Mitte des Kreisus aber stehen die 
BelehlsliiLher mit ihren Abzeichen. Dur Profus Intl. Klage erhoben 

wider einen Uebelthiter und das Zeugenverliär soll stattfinden:. 
Auch das Unheil wird im Hing gefunden. Da aber sitzen die 
Befehlshaber auf Banken, die im Viereck unter freiem Himmel 
aul'jjesvellt. sind , im Kreise imitier stehen die Knechte mit dem 
Seitengewehr, aber ohne Lanze, und nachdem Klage und Verteidi- 
gung, oder wie der technische Ausdruck lautet, Rede und Wider- 
rede gebflrt worden, wird auch sogleich das Urtheil gefunden. 
Wehe dem, der sich schuldig erweist. Zwai Bilder Äniuians ver- 
aiisrhiuiliehcii uns die. Mint khtung. Den grausamen Tod des 
Spiessruthetdau fens — das, beiläufig bemerkt, in Livland uiclit 
nachweisbar ist — lind die Hinrichtung durch das Schwert. Der 
Delii niuent kniet im Kreise, vor ihm sein Beichtvater, hinter ihm 
mit dem ltichtschwert, das er mit beiden Händen schwingt, der 
«freie Mann., der ihn in zwei Stücke hauen wird, dass der Kopf 
das kleinste und der Leib das grbsste ist. 

Auch bei uns in Altlivlaud haben jene Landsknechte gehaust, 
und wenn auch nicht Bilder uns ihre Thätigkeit vorführen, ein 
Bild ihres Treibens zu gewinnen wird doch möglich sein. 

Wir wollen ihnei: indischen, wie sie auf dem heimischen 
Boden Revals in den Jahren 1571—1576 uns entgegentreten. 

Es bat von je her zu den Privilegien unserer Städte gehört, 
ilriSiä sie. ilire Bürger nicht ins Feld gegen den Feind zu senden 
verpflichtet waren. Nur die Verteidigung der heimatlichen Mauern 
lag ihnen ob, und wo sie mehr thaten und seihst ins Feld rückten, 
da stehen wir Ausnahme/iis'ircdc]) [;vr;eiiiihor, welche durch eine 
Nothlage ihre Erklärung finden. Bürgerliche Nahrung und Kriegs, 
dienst ausserhalb des studt.iseh™ Weichbildes waren unvereinbare 
Dinge. Liess sieh eine llillleistutig nicht, umgehen oder rächten 
in schlimmen Tagen die Kräfte der Biirjjersebiift. nicht hin, um 
die Stadt zu schützen, so nahm mau Söldlinge in Dienst. So hat 
die Stndt Reval im Jahre lfiOl dem Meister Walter von Pletten- 
berg ein Fähnlein Knechte ins Feld gesandt, das sich wacker 
schlug, wiihrentl die Bürger ihrer Nahrung nachgingen ; so hat 
auch Reval, als Iwan der Schreckliche den Versuch machte, Liv- 
land zu erobern, Knechte in Sold genommen, die neben den Bür- 
gern die Last der Verteidigung tragen. 



Russennoth. 239 



Udler ilits [ I ;ii]flskii.'clit\vi-si;n in f.ivland .sind wir in neuerer 
Zeit nur durch Jtdiannes T.nssins unterrichtet worden. Im zweiten 
seiner t Bilder aus dem liv [JLinlisi:)n'n Adclslcben » lull er hei Ver- 
folgung der Schicksale .Tiirgen Uwikulls mit. trollenden Zügen auch 
das Treiben der livliiiidischen Landsknechte skizzift. Das von 
ilnn entworfene Hild wird seine Geltung behalten, »her sehr wesent- 
liche Nuancen erhall es, sobald mau sich die Landsknechte mit 
itirer Organisation, die auf freiest* Bewegung nacb allen Richtun- 
gen hin berechnet ist, in die geschienene liei-M-sphare. einer Stadt 



den. Das Material dazu liiert, nächst, einem Minist erzetlel, der 
die Jahre L'ifiO-Ill umiusst, uns ein < Verzeichnis der Sachen und 
Handlungen so sich hei Zeiten des Profoseu Walter vom Hartze 
unter den Kriegsl eilten der Stadt Reval zugetragen und verlaufen.. 
Ks ist ein Hell von 4~> Doppel selten in 4°, geheftet in die Perga- 
llieiilblittter einer jener Ul.holisch-I.heologisclieu Abband hingen, die 
im protestantisch gewordenen Norden nur noch um ihres Materials, 
nicht um des Inhalts willen geschätzt wurden. Vom Juli 1571 
bis zum Januar [573 Huden wir hier die authentischen Protokolle 
aller peinlichen Sachen und Handel, die sieb mit den revaler 
Landsknechten atgeimge,,. n,„l s \,M-\m-Mg geben die erhaltenen 



gaben Kinn Unterhalt, ilersclhcn bcmi/en im 1 hirciischnil.t. 1 11)01) Mk. 

und meist erfolgte die Zahlung in zweimonatlichen Raten ; doch 
war das Gehalt der Landsknechte nicht gleich, es schwankte 
zwischen i und 40 Mk., aber es kommt auch vor, dass nur für 
Kost und Unterhalt gedient wird Es Würde eben der Einzelne 
gedungen nnil je nach seiner Kriegsüicliügkcit Und Erfahrung ge- 
lohnt. Wer noch keinerlei Erfahrung hatte, tnusste sich erst be- 
wahren, um auf .Sold Anspruch erheben zu dürfen. Tm Dnrch- 



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bald den Befehlshabern zugezahlt zu werten. Demi die Fahne 
war stolz auf die Killen .in ihn']' Mitte, und wenn mich nicht, wie 
Kaiser Maximilian es wilnsrhlc, ein Viertel jedes ['"Hliuleius Ulis 
edlen Knechten hi'sliLinl einzelne Hdclleute linden sieh stets in 
denselben, in der ievnler f'ahne /.. lt. ein Ungern, ein Uexkül! 
und ein HusUer. Sonst «bei 1 ist es ein bunt zusammengewürfeltes 
Volk, zivur hinter Deutsche, aber iius Nord und Süd, und du sie 
ihrem Vornamen meist Stadt oder Land beifügen, aus denen sie 
slannm-n. liissi sich ihre Mingeli'irk'keii leicht liestiniinen. Familien- 
namen sind selten, hitufig Spitznamen. Hinige Beispiele in. igen 
das ilfustrlren: die 37. Kotte des reroler Fahnleins bestund im 
Decembor l:.7 i aus folgenden S Mann : Hsns von Meide bürg k 
Jtfcliim Unkriidt von Barchem, Hermann Juiigblut von Hunibnrgk, 
Kaspar von Ptmzeln, Hiurich von Pattensen, Mareks Hasifer, 
Andreas Pallentin und Jürgen Ertter. Die renommirtesl.on Krieger 
dieser Hurte müssen Jochim 1'nkiudt und Hermann .lun^bUil <,>,<■■ 
wesen sein, einmal weil sie die höchste Löhnung erholten, zweitens 
Weil ihr Beiname eine gewisse Berühmtheit in den Kreisen der 
Landsknechte voraussetzt, -tungblnt seiieint übrigens ein ganz 
besonders beliebter Name gewesen zu sein. Wir linden in der 
revaler Kulme im .liiui U>7.ö einen Jiingebliit von Köln, Otto Junge- 
blut von Rostoek und Peter Jungeblut, der mit Jürgen Uexkiill in 
einer liotte dient. Von Familiennamen erwähne, i r- 1 ■ noch Holst, 
Frese, Husen, Laudnn und Fuchs, letzterer vielleicht ein Spitz- 
name. Die Fahne zerfiel, wie wir sahen, in Rotten, die ans je 8, 
mitunter aber auch nur aus i\ Mann bestanden und vom Rott- 
nieister geführt, wurden. Unsere Insten Kühlen als Minimum 14, 
als Maximum 3b Rotten auf. 

Dieser Schar von Landsknechten stund min eine Reibe von 
lirh'hhhübern vor. < Oberster. hiiLSS der Connnandunt. in Reval 
stets ein Rnthsherr und zwar piner der Munsterherren, die in 
K riegelten die Sorge für die Verteidigung der Stadt zu tragen 
lllld das Kriegsvolk tu innnstern liullen. Kür die Zeil, von der 
wir reden, war es zuerst i'Yiedrieli von Sandsteden, siiilter Hermann 
Luhr. Ihm lag die Werbung nie! Löhnung der Knechte ob, die 
OlH-rleitung der gesummten Administration und in später auszu- 
führenden Krtlh-n aurb die oberste I ierieblsburkeit. Die eigentlich 
ioilii:irisehe Heile seiner Aufgabe besorgte der Shell J\riei:s!iaii]il - 



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(icbiel Schleier. Leider tritt die Thätig 
im QaellenmRteria] nicht mit genugendei 
nächsten Untergebenen und Qehilfen v 



und der Hncliriehter oder freie -Mi 
welche sieh gegen das Recht vergäll 
iNiu-hnditer galten nicht als <ehrli 
kuechte eine hü Ii ein Löhnung liexh 

Degradation, in ihre Reihe versetz 

Zum Stalle des Fähnleins grl 



and, wenn wir vom Jahr 1500 
'lug Magnus in Dienst nnhm, 
in Lilueuk oder DiOlig. Mau 



232 Bender Landskueehte ?.. Z. der ersten Russennoth, 



das Verhältnis betonte. Schweden lisitto seine besonderen Knechte, 
zeitweilig Schotten, in Reval, und wenn die städtische Fahne auch 

dun ji..-hiveiliscli(>ii Feldherren - damals Cluus Äkesen und Puntus 
iL' Lagaidie - ins Feld folgen inussle, so geschah es nur auf Ge- 
heiss des Rathes. 

Das Band über, welches die Masse der Landsknechte sittlich 
luisnmmenhielt, war der Eid, und fast alle Vergehungen lassen 
Sich schliesslich auf Eidbruch fixiren. Jeder Ungehorsam gegen 
die hesch wo reuen Artikel gellt wider den Eid, der schlimmste Eid- 
bruch aber ist die Desertion oder Fahnen flucht, und wer sieli der. 
seihen schuldig macht, kann nie wieder in die Reihen der Lands, 
kueehic treten. Er gilt nicht für «guti, sondern als ein meiu- 
eidigrr ehrvergessener Sehelm ii'nl 1 losewicht ; sein Käme wird an 
den üalgeii gesehlagen, er selbst, wo immer mau seiner habhaft 
Werden kann, aufgeknüpft. 

Das ungeheure Ue.wiehl, welches dem Eide beigelegt wurde, 

hat. sonder Z'.v.-u'i-; .hdiiu L'e'.vhkt, jene für das Landsk hlliinin 

charakteristische StaudesehiT: v.w entwickeln, deren ideelles Moment 
mau nicht verkennen darf. Nicht flu* <gut> gehalten zu werden, 
ist die ärgste Beleidigung, Schelm und Bösewicht ein Schinahwort, 
das nur mit Mut gesühnt werden kann. Die Zweikample der 
Landsknechte - Vorlauter unserer Duelle — finden fast aus- 
schliesslich statt, wo es gilt, der gekränkten Staudesehre genug 
zu thuu, und selbst der roheslc Landsknecht wusste, dass K.idhnii'li 
ihn in den Augen seiner Genesseil mehr als jedes andere Vergehen 
beschimpfte. Bs ist deshalb nur folgerichtig, wenn die zum Ring 
geschlossene Gesammlheit des Fähnleins über die Makellosigkeit 
der Staudesehre ihrer Glieder i.a wachen h;it, indem sie, nachdem 
der Frofos die Anklage erhoben und Rede und Widerrede gehört 
worden, solche, die nicht mehr .gut. sind, aus ihrer Mitte rerstösst 
oder mit Schwert oder Strang hinrichten lasst. lu Keval stand 
als UhcrinslaiiK über dem Unheil des Riuges der Rath, der das 
ISegundi^ungsrech! halte und häutig ausübte. Geringere Sachen 
erledigte der Ubeisl von sich aus; Wen aber der Profos in Haft 
genommen hatte, der musste vor den Ring. 

Aber noch eine andere Form des Gerichts als den von der 
Gemeine der Landsknechte unter freiem Himmel in Waffen abge- 
haltenen Ring überliefern unsere Quellen. Es ist das uns sonst 
nicht entgegentretende KaniuielTecht. Unter wahrscheinlichem 



Rei-aler r.ain 



Vorsitz der Muusterherron (raten auf Geheiss des Rathes Haupt- 
mann, Falindrich und auserkorene! gewiegte Kriegsleute zilsaninien 
(meist zwölf), um in geschlossenem Raum die Klage des Profusen 
zu vernehmen und das Urtlieil zu linden. Doch nur ausnahmsweise 
fungirte dies Gericht, wenn es nicht möglich war das Fähnlein 
zusammen zu rufen und wenn es bedenklich schien den Ring der 
Landsknechte mit heranzuziehen ; so I, Ii. wenn es sich um Ken- 
teret handelte. 

Da nun die erwähnten Protokolle des Profusen mit grosser 
Ansidiauliehkeit diese rechtlichen Verhältnisse Und zugleich Leben 
und Treiben der Landsknechte vorführen, wird es von Interesse 

Am 3t. August lf>71 wird il«r Kneclu. Juugebludt von Oldeu- 



burgk (Helstngborg) eidbrüchig geworden und entlaufen. Nachdem 
dann solche eid- und ehrvergessene Schelme unter einem aufrichti- 
gen Heimeilte nicht zu dulden oder zu leiden, ist auf Anklagt; 
lies Profusen nach gehörter Kundschaft, Kode und Willerrede mit 
gemehrtem [."nheil einliel liglich zu Uerhte. erkannt worden, dnss 
ihn der Piulbs wiederum in sein Gewahrsam nehmen und führen 
lassen soll, ihm einen Beichtvater, sofern er es begehret, stellen, 
damit er seine. Sünden beichten und sieh (iot.t helehlen möge, naeh- 
l'rdgends dem freien Mann' oder Xaohriehter überantworten. Der 

unter ihm durchgehen mag. Wenn das gesrhehen, alsilann sei dein 

Rcval begnadet, ihn darauf, also ilass er von dem Regiment ver- 



Sehliwsern, Märkten, Klecken, Besatzungen und, lilockhäusem oder 
autlerswo wohnen und sieb linden lassen soll. Geschehen im Feld- 
lager vor Weissenstem. 

Dieser Fall ist besonders interessant, weil er einmal neigt, 
wie die Landsknechte auch ein in fremden Landen begangen es 
Vergehen wider den ICid verfolgen und wie andererseits, wo es 
sich um ein T'.'desui'theil handelt, sellist während eines Kriegs/ ug.'s 
die Bestätigung des Raths eingeholt werden musste. Die Hin- 
richtung durch den Strang war eine besonders seil im n Iii che Strafe, 



234 Revaler L;uii3skneclite ?.. 'A. der ersten Russennoth 



3er bei der Begnadigung die Vertreibung aus dem Lager .bei 
Siriii.'iisflit'iiL fiitsjiriclit. Wirksam aber wurde diese VenilDSsmij: 
ans dein Krieg-dieiLsi. iliidiii i li. dats JtiiiKcbliHlC von Oldenburg keinen 
I'assimrt erhielt, olme einen soldien aber selbst in jenen wild™ 



1,'Ln.l.kN.clit Will! IVnss zu Tkieil wurde. Er batte den revaler 
Wachtmeister Marten Kieseler Öffentlich einen Schelm und Böse- 
wicht gescholten und wurde deshalb .in beschlossenem Ring, vor 
den gemeinen Mann gestellt und vom Profus an Hals. Leib, Gut 
und Hlut zu Rechte angeklagt. Das Unheil lautete auf Hinrich- 
tung mit dem Schwert. Auf Fürbitte einiger Bürger und Kriegs- 
teilte begnadet ihn der Rath : dass er Öffentlich Im Ringe dem 
Wachtmeister und gesummten Kriegsletitcii einen Widerruf thun 
soll, darauf sich verpflichte, anderthalb Jahre lang nicht wider 
römische kaiserliche oder königliche Maj., noch wider Schweden, 
die Stadt Reval oder deren Anhang zu dienen, sondern sich in 
das Land zu Ungarn zu begeben und sich wider den Erbfeind, den 
Türken, gebrauchen lassen. Geschehe das und bringe er dessen 
genügsamen Beweis, so soll er wieder für gut gelten, wo aber 
nicht, soll er als ein Meineidiger bestraft werden. 

Ein anderer. Man I.ietll.üLiler, der unter ersr Ii '.verenden Um- 
stünden seine Wacht nicht versehen, wird von der übrigkeit (und 
das ist immer der Rath) begnadet, seines Lebens gefristet und 
■/.um St.cckeiikucchte gemacht. Das Urtheil des Ringes aber hatte, 
auf Hinrichtung dundi das Schwert gelautet. Sein Sdiuldgenusae 
Jürgen Beyer aber wird ebenfalls begnadet .und einer Magd, die 
er zur Stunde geebclirliti gcgi-ben. Keine Cnadc lindet dngegcn 
Hans h'assenau, diu 1 gegen des Ratlies Gebot geplündert, <in eines 
Bauern Haus gelaufen und dem Bauern etzlictie Kleider und Pfen- 
nige, Hilbergescumeide oder Becher genommen.. Er wird auf die 
Klage des Bauern an den lichten Galgen gebangt. Duellanten, 
.die der Herren Umsehlag verachtet nml sich auf dem Markte 
oder in den Gassen geschlagen >, nädiilidir.r lln'ug, ^chnühiniL'e!) 
und dergleichen werden meist gegen Bürgschaft ■ nachgegeben ■ . 
freilich nicht ohne Androhung schwerer Strafe im h'ali der Wieder- 
holung. 

Sehr merkwürdig ist der folgende Fall. Andreas Kahl von 

Berneliuigk, der die Tochter des ovaler liiirgcrs ['erur Moller mit 
ehreiiiiilivi^en Hfliinilliwiirte]] angegriffen, wird in das Gel.ingnis 



Uiwaler Landsknechte ü. Z. der ersten Rnssenueth. B3n 

geworfen «und ist solche Sache Hilf der klein™ Qildagtttbeti in 
Koiseiii der hVciiudsdiail, des llnii|n iiiiiiiiis. der Befehlshaber null 
andertir Kriegsleute verglichen imil gegen Darlegung eines schrilt- 
liolicn Reverses, iJjLHrt er nicht anders V(,n der .riiugt'rau zu sagen 
wisse, deim was kii Ehren gebort, beigelegt Worden», 

Die Landsknechte konnte}] sich in der Stadt den Rechts formen 
des hnrgerlichcn Lebens nicht entziehen, und man gewinnt ans 
«.Hein den Eindruck, dass strenge Mannsznelit herrschte. 

Die Begnadigung durch den Oberst fand, wie wir sahen, 
blos hei geririgiugigi-n Sachen statt. Nur in einem ernsteren Kalle 
sehen wir ihn liehen dein lialhe eingreifen, Und hier erklärt, der 
Umstand, dass er selbst der Geschädigte war, die Thulsache. 
Adam ven Asciiwitz hatte in trunkenem Mutlie den lvohlweisc.is 
Herrn Friedrich Sandsleden, Ralhniaiiu und Übristen, der naelit- 
licher Weile in das Wachthaus gekommen war, um einein Unfug 
KU wehren, an seiner Ehre und Bedliohkeit gewholten. Er wurde 
deshalb vor den gemeinen Manu und stehendes Hecht gestellt, 
und wegen Regiments von dem Profusen angeklagt. Könne er 

Meineidiger an Hals, Ehr, Gut, Leih und Hlut gestraft werden. 
Ubgleieli nun Adam von Aschwitz im Ring öffentlich den Ungrund 
seiner Scliiuuhiuigeu bekennt, die er unwissentlich ans übergebener 
Trunkenheit gethan, und um Gnade bittet, tritt der I'rntös von 
der lilii^'c uii ht. zurück und der Hing erkennt /u Recht, ulnss der 
Beklagte Adam von Aschwitz in die Stalte treten s<dl, die erden 
geuiellen Heri n ' 'bristen lur gescholten hahe und ein ehl- und ehrver- 
gessener tSolielm und Bösewicht, sein und bleiben von Rechtswegen s . 
Er i.st aber um der gemeinen King-h-utc rurliitte willen von iler Obrig- 
keit und di'tn llei-ru Ohristeu des frt.heils begnadet, und ihm seine 
Ehr und Redlichkeit wieder geschenkt and gegeben worden, mit 

Die Kurbitte Spielt ja" überhaupt bei der Iteehtsntlcge der 
Zeit eine grosse Rolle; man glaubte dem Rechte nicht zu vergeben, 

Verhall« 
musst.en 



230 ReTaler Landsknechte z. Z. der ersten Russen not Ii. 



Wer sieh dem Urtheil durch Flucht entzieht, dessen Name 
kommt wie der des Fahnenflüchtigen an den Galgen, den er 
verdien), dass er hinfort bei keinem ehrlichen Re^hnente soll ge. 
duldet werden, sondern sein Retht leiden. So aber einer oder 
mehr mit ihm wissentlich isst, trinkt oder sonst umgelit, die sollen 
ihm deich gehalten werden. 

Wir schliessen mit Vorführung cinur vom KüinitiPrredit ge- 
feilten Entscheidung, Huna Leichtrodt wirf angeklagt, dass sein 
Weih neben einem Andern ein« trächtige Sau eines Margens mit 
Brod in sein Haus gelockt, er nach getrieben und es hernach mit 
einem Rubre todt geschossen. Daiilber wurde er ertapp!, , das 
Schwein todt bei ihm gefunden uud LUtken von Brnunsehwcig, 
dem es gehurt hatte, wiederum zugestellt, er selbst, aber gefänglich 
eingezogen. 

Nachdem dann sein Weib audi gefänglich in eine; erb. Käthe* 
Hellte iUelisiigiiis'-. eingezogen und durch die Herren RirhlTOgto 
und zwei besessene Hinter gciia!;t W(,nleu ■. uhtic Ziveilel iieinlidil, 
was ihr von solcher und dergleichen Thülen, so er mehr begangen, 
bewussl, darauf sie bekennt: 

Erstlich dass er Anno 71 im Sommer ein Rohr des Murrens 
IViili eingebracht. 

Zum andern hab er ein klein Schwein eingebracht und ab- 
geschlachtet. 

Zum dritten hab er ein Tonne Heringk, so wo] auf die 
Hälfte ausgewesen, von dein Markt'!, so .fliegen Tasehcn zugehört, 
genon'.u'.en und ins Hau- gcliraeht hei Abendzeit. 

Zum vierten bekannte sie, dass sie das Schwein, so Lütken 
von Braun schweif gehöret, cingeludiet, er mich gel rieben Und her- 
nach todtgeschosseti. 

Darauf ist er den 20. Febr. vor den Belehlhabern uud dem 
Profos in dem Gefängnis, auch folgends vor gehaltenem Kammer, 
reimte, gefrugt. und bei seine]' Seelen llei! mal Seligkeit zu bekennen 
ermahnet worden, daselb-l er denn üiteutlieh ausgesagt und bekannt; 

Erstlich nachdem Cr von seiner Wirthin 12 Mk. Kostgold 
ein n laugen und auheini gekommen, hab er seinem Weib etzlieli 
Geld gethan und befohlen, sie sollte für 2 Mk. Hering holen und 
ins Wasser legen. Darauf sie geantwortet, es sei unnotbig, dass 
man Hering kaufe, iür solch Geld wolle sie Brod kaufen, denn 
sie wlisste eine Neige Herings, welche Jürgen Taschen gebore, die 
woilleu sie auf den Alien'! holen Und hat sie ihm bezeichnet. Da 



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iknechfo z. Z. 



17 



Hi<rinp' hin wollte, er hätte den si'siuliiisii. Darauf Imb er ihnen 
7 Mark geben müssen, dass sie ihn Terli essen. 

Zun andern bekannte er, dass er das Rohr mit dem Feuer- 
schlisse au:" drin Markte im Wachthause vom Tische genommen, 
Weichs Ulrich Messer von Erabden gehört und ihm des Morgens, 
wie er auf die Tagwacht gekommen, entfremdet worden. 

Zum dritten sagt er, dass ein klein Schwein auf einen 
Morgen vor seiner Tbfir gegangen, das liab er eingenommen und 
abgeschlachtet, davon noch ein Schinken i'uriiandeu gewesen. 



beschlagen und Luddiken die Sau wiedergt 
Den 20. Febr. Anno 73 ist aus riefe 
ein Kauimen-echl zu siUen und zu halten 
diese nachgescliri ebenen Kriegsleute richtlic 
Claus Holstein Fendrich, 
Jacob von Tungern Furier, 
Silvester von Wollershausen, 
Btareke von üronaw, 
l'awell von ProtzSCh, 



.Inline Haus von Dantzigk, 
Urban von Balaw, 
Matz von Eissleben, 

Alte Heinrich von Lübeck, 
Leicht herz von Dalcn. 

Auf vorgeschriebene Punkte und Artikel, so er selbst oHent- 
liob vor dem Hechten und sonst vor den Be fe hl habe in bekannt, 
ist er von dein Profoscn wegen Regiments riclitliclien angeklagt 
worden, und ist auf Kluge und Antwort, Kede und Widerrede, 



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■ Ri.tfiiii.iii-iniij lii-liilgl« i 



Jahre gufiLliten Drtlu! 
milssig ^ci'ingft Ziilil 
VwgHi«n ist leiditer. 



lslmi ItilsSBlini 
ind Aussage, i 



n untergebracht, 



Itiitünnislwrs, der dann seinem Xachlulyer die Usung übergab. 
Di« UetelilshaW waren zur Kuvisiuli vdipHichtct lind das Beeilt 
zu derselben hatten ausserdem ilie Mitglieder der .Adelslmrss», 
einer mir nicht bekannten KOii.erstluif t. 

Neben der Wacht Blif dun Wall« UBSto noch die Wucht 

auf dem am Markte lielegfiii'U Wacht-lmu*' Helgen werden. Von 
einem Truss der rentier Fahne Iiiiren wir nichts; gim/. geieldl kann 
er nicht haben, wenn weitere Zuge, was jerttich nur selten vorkam, 
unternommen wurden. Aach wissen wir, dnas einzelne Lands- 
knechte verheiratet waren. Da nach Ausweis der Munster- und 
Lulmnngsüsten einzelne Landsknechte jahrelang im Dienste der 
Stadt blieben, ist es begreiflich, dass der Billigende Einflnsa bür- 
gerlichen I.cbnis audi hier tut Ijeltuug kam und , lteval mit den 



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DigilizedO/ Google 



Liv-, Es 



«rosse Klarheit in Fassung der Regesten, denen er zugleich hiLnlig 
diu Bedeutung eines Cotnraentars giebt, kurze erkllrende Anmar- 
kung. praeisß Auskunft über die ardnvalisr.he Hingohorigkeit der 
einzelnen Stücke, ein erschöpfendes Personen- und Ortsregister, 
endlich zuverlässige Lesung der oft sehr schweren Stücke und 
correcter Druck, das ist das durchgehende Kennzeichen Hildcbraud- 
schcr Kditinnsarbeit. Wer auf dem Huden seiner Kditimisprini:i|>ien 
. stellt, wird kaum einen Wunsch unerfüllt finden. Auen darin nicht, 
dass als Einleitung in knapper Fassung eine den ivc.se»! liehen 
Inhalt des Bandes erschöpfende hislcrisehe Darstellung vinaus- 
geaehickt ist. Da, wie wir aus der Einleitung zum 7. Bande 
wissen, das Material einer weiteren Reihe von Banden bereite 
w.dilgemiluel vorliegt, sehetnt auch ein raselies Fortschreite» dieser 
für uns so bedeutsamen Edition gesichert. 

■Hur in filtern Tunkte wissen wir uns in prineitiielieui Gegen- 
sätze zum Herausgeber, and wir glauben, dnss die Differenz wnl 
mehr auf seine i'nriiKilivung als ;,;r wirklich sachlich ViTSrhie.iuiH' 
Auffassung zurückgeht. Wenn H, sagt, dass das Urkimdeiibnch 
• den Benutzer regelmässig eigener Arcliivarbcil überheben Sutl>, 
so können wir den Satz doch nur in Betreff der von ihm ver- 
«tl'entlieMen Nummern ucceji! iren. Das UrkiiuilenbULrh legt seinen 
Schwerpunkt auf das politische Lehen der Zeit und wird, je weiter 
es fortschreitet, immer ausschliesslicher sich dieser Seite der Zeit- 
geschichte /iuvenilen müssen; das ivin hsehait.liehe Leben, die privut- 
recl.t liehen Verhältnisse müssen, je reicher unser Material Iiiesst, 
um so mehr zurücktreten, und doch beruht wesentlich auf genauer 
Kenntnis derselben die r^udili-i >inc i/un «an eines rielitigen Ver- 
ständnisses der Zeit. Hier bleibt der Archivlbrscbung des Geschieht- 
schreibers uucli ein weites l'VId der Thal igkeil . dits ihm nicht er- 
spart werden kann. Die All, wie H. das revaler Hv|» i|b' , keiil'Ui , h. 
das t.ieleilshueli und alliiere bi-niltzt liut. bietet, dafür den schlagen- 
den Beleg, Kein Geschichtschreiber wird sich mit den wenigen 
Auszügen, die er bietet, begnügen können, obgleich er, wie uns 
genaue Vergleichung zeigte, das politisch Bedeutsame hier that- 
aächlich erschöpft hat. Dasselbe gilt von den revaler Kammern- 
retinal igen, die Wul auf eine Sonderausgabe Warten, und von deu 
'iihlhisen anderen ni'iit direet ji'.liiHcheii A n IV.e:ebi;iiugen, die z. I!. 
in Reval noch utigeliobcii liegen. Wir glauben daher, dass eine 
(iesehichte Livlands, auch wenn einmal das tliknndenbui'h beeitile.t 
ist, trotzdem wird au! die Archive reciinireii müssen. Duss diese 



Dlgltizcd ö/ Google 



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Iiiv-, Est- Li ■ ■ 1 1 Cnrl indisches L'rkuLulenhiii:)!. 



schlag diiilhtili, den wir hier anknüpfen. Ohne dass der Charakter 

hobt, wenn LT in iiiin auch die Auswehr nl>, ; c da-i seiner Natur nach 
im Urkunden buch nicht zu veröffentlichende und doch historisch be- 
deutsame Material unserer und der auswärtigen Archiv« in Form 
von boschrcilicudcn JC:ii j'.l'iiri-ii lande. Es liegt in der Natur unseres 
arehivnlischen Materials, duss für das 14. unrl den Iiis her erreichten 
Tlieil des 15. Jahrb.. nur sehr wem;; nach dieser Seile bin nach- 
zutrafen sein kann. Die Durchsiebt der Hildebr&ndschen Berichte 
und des Sc Ii irren scheu Verzeichnisses nwo), wie seines späteren 
Berichtes in den < Mitteilungen > zeigt das aufs denllidiste. Auch 
uns dem revaler Archiv wäre für diese iiltere Zeit nur wenig zu 
nennen, immerhin von >Tntzeu wäre aber doch die Beschreibung 
der in den Anfang des 15. Jahihiuidcrts fallenden StiuitimdiiT 
1 1 kirnt hckenbiidi, Buch der Wettherren, Biirgereidbuch , illteste 
IVnkelbuchcr und Käininereiredniungon Ar..). Je mehr wir im 
15. Jahrb. vorrücken, desto grosser wird der Rrichthum au der- 
artigen Aufzeichnungen und eine Reibe von Büchern und Aul- 
zoielinuagcn privater Natur triff hinzu (Schuldbücher, Wacken- 
biicher iW.l, deren Bedeutung für richtig« Würdigung der Zeit- 
geschichte niemand bestreiten wird 

Nun ist ja der (iedanke viel lach angeregt Morden und zum 
Tbeil (hl Belgien, Frankreich, in glänzender Weise zur Ausführung 
gelangt, durch Veröffentlichung soigiiLiii^er aivbivnlischer Kataloge- 
auch dem Feme rste Ii enden einen Ue.berblick über das Gesammt- 
mntcrial eines Archives v.n ermöglichen, der Verslieh aber, für die 
tiesdiiehle eines Landes die arehivalisdien Fundstätten eisohiipl'oid 
anzugehen, ist meines Wissen- ui:'_'end gemacht worden. Auch 
liisat er sich nur erreichen, wo die Verhältnisse so günstig liegen 
wie bei unserem Urkundenhuche. Dr. Ilildelnand hat das ge.sainmte 
Mutet ja! 'ler in- und aii^hiadii-dieu Archive in Hunden gehabt, so 
weit es unsere Provinzen betrifft. Audi diejenigen Stücke, ilie 
für das Urkunde n buch nicht zu verwerthen waren, sind ja an sieb 
Hiebt wertblos, jedenfalls wird der Historiker sie nicht einlach 
iguoriren dürfen. 

Ob nun aber gleich uns auch der Herausgeber das Urkunden- 
buch als den zur Aufnahme derartiger beschreihender Kataloge 
geeigneten Ort. anzusehen geneigt wiLre, miissle vor allem seiner 



Ikndes. Im allgemeinen ist- die Snrarlie des diplomatischen Ver- 
kehi-fl unter den Städten die niederdjntsctie, im Orden die mittel. 
liimii.U'Utstlie und mit dum Auslande diu lateinische. Nur cinigi 

.Uli MLS.^HMI- Ynll N Ll'di '] .leül -rl] Lin.l .MLlldlL.i.ldelllsdl VLTi,.l-.-.l 



letitere prävaUren lilsat. Sich der einen oder anderen Heile 
dinU-ktisch ganz rein ist seine Sprache jedoch nirgend. Der Sdiluss 
zweier nur um lünf Tage zeitlicli iiulerschiedener liriefe wird das 
VW-deutlichen. An EUval schreibt der Meister .Ofgcuen «w Jtigc 
Urs smwtcniles vegi-nt ror tmsir levnii (mteen thuje as.nu><i>i-bmis 
aum (U)M.* Derselbe dem Hochmeister: -Gegeben :ai lüge des 
tlmirstiuies nchst uodi tmsir Ziel™ frtimwn tmje, afsumfieiimis 
anno etc. 29.i 

Die Unterschiede füllen liier uleich ins Augn. Ist das Streben, 
uiiiilei'ili'ut.sidi /.ii sdireiiien, nndi der einen Seile liin ein Zugeständnis, 
so sind die in Briefen im den Hncliiiie ister hitulig vorke-iu inenden 



Es liegt nicht in unserer Absicht, den reichen historischen 
Inluilt des uns verlierenden liundes in ermüdender Form wieder- 
zugeben. Hat doch der 1 lernte- gelier seilst in seiner Kiiileilung 
das Wesentlidie ungemein treffend lind anschaulich dargestellt. 
Sowol der littnitisehe Ki'ieg als der Streit mit dem KrzsIiN Riga 
und mit dem Bischof von Oesel, wie die Ruckwirkung dieser Er- 
eignisse auf das innere Leben des Landes, das immer kräftiger 
lierveri.releniU' lii'laiidhi'he I lesnimiil lioivnsslsein der einzelnen .Slaiid- 



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schalten, das alles lut Hildebraud in ihn :iu Seiten seiner Ein- 
leitung, trutz der durch den Raum gebotenen SHlbsi.besLdiranlfunjr, zur 
Gellun:,- /u bviu^iNi gewusst. Und doch , wer wird nicht mit ihm be- 
dauern, dass gerade t'iir diese so überaus folgenreiche Periode unserer 
Geschichte keine ( 'lironik erhüHeji ist. die uns ein ans dem Denken der 
Zeit geborenes Gesaiuinthild der Ereignisse bietet. Solch eine Chronik 
«her hat es üwaifellos gesehen. Hat ancli Hildebraud in hohem 
Grude wahrscheinlich gemacht, dass die vom <Rigaschen Thum- 
herreu. bietricli Nagel, dem bekannten 1'ro curat or des Erzhiscliofs 
und Cftpitela von Riga, verfasste .Lateinische Clironika derer 
Bischöfe und Erzbischüte von Riga., welche Bischof Haluski 17iiü 
oder 17(il im Dominikanerkloster zn Hzklow entdeckte und die 



Dculsohen Ordens in Rom, Dr. Johann von Reve, sich mit dem Plan 
getragen habe, eine .cronica von Liefflant. dem Concil vorzulegen. 
Weil diese Chronik aber dein (Irden feindselig gehalten war. stand 
man davon ab. Für uns wäre eine noch so einseilige. Darstellung 
immerhin von grossem Werth. Die Abstraktion aus Urkunden 
vermag die Anschauung des Zeitgenossen nicht zu ersetzen. 

Versuchen wir unter dem frischen Eindruck, den das Durch- 
arbeiten jener UMl Urkunden hinterlassen hat. uns ein Bild zu 
machen von der geistigen Atmosphäre, welche das Lehen der da- 



bliites im Lande ist. muss Partei nehmen i'tir die einen oder für 
die anderen. In endlosen Processen verfolgen sie einander am 
Hofe zu Rom und zu Basel vor dem Goucil. Geld, Geld und 
Wiedel' Geld lull ein Procu rat er nach dem anderen; denn ohne 
Geld ist in Rom nichts zu erlangen, wer mehr zahlt, gewinnt, 
und kaum ist eine schärfere Veruriheilung des ganzen Systems 
der römischen Hierarchie jener Tage denkbar als die, Welche lins 
aus den cynUchcn KiiihschU^i'u enlgogentoul, welche die mit der 



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Liv-, Est- und Onrlilndisches Urkunden buch. 245 

Verderbnis der leitenden Kreis« u-ohhvrlrauten Orden sprocnratoren 
nach Marienhurg oder nach Riga senden. Dm Itechtstitel zu be- 
seitigen, stiehlt und vernichtet man sie ; Boten, deren EinHiiss man 
fürchtet, werden ermordet, und in allen Fragen der Politik findet 
ilit- Stimmt! der einfachst menschlichen Moral kein Gehör. Der 
Oitltoisi'rncui'iti.ir beklagt sich, dass man den Bischof Kit band von 
Oesel, da man doch wusste, dass er nach Rom reisen wolle,- nicht 
bahr ins Meer lallen lassen, aber noch sei es vielleicht möglich, 
ihn nietleiv.nstossen raier zu vergiften; der Papst wird geradem 

ein Teufel genannt. 1 diu Vui Stellung, dass das wirkliche Reell 

je den AKSSeilihiff geben kininc, taucht überhaupt gar nicht auf. 
Machtfrage, nidil Reehisfrii!;!'. das ist die Devise. Hin uner.|iiii'k- 
liches Bildl Man athmtt förmlich auf, da der Landtag zu Walk 
im Decemher 14;t. r >, «her die Köpfe des Papstes und des Concils 
hinweg, unter Verlnittel ung der Stilmli' einen Vergleich zwischen 
den streitenden Parteion zu Stande bringt. 

Aber auch im Schoss des Ordens selber fehlte es nicht an 
(ie^ensat/en Das Verhältnis der Unterordnung, in welchem der 
livlaudisehc Meister zum Hochmeister in Pretugen stand, war 
weder durch die Machtsiel hing l'reusseus, noch durch die grossere 
l'iihigkeii iler l-Ir;-L-liiiiH]-->t m- begründet. Seit Preussen unter dem 
mächtigen Drucke Polens stand, war seine Politik eine unfreie, 
und wenn damals der Versuch gemacht wurde, die gei'ithrliche 
Yiri-hiüiluii.K Polens und Littauens zu sprengen, wenn dieser Ver- 
MH-h si;lihe.-.s[icli mit srliWcrcn .Niederlügt'ii Livlamls st Iteir.erte. sn 
tragt die grösste Schuld daran die schwankende und unsichere 
Poliitk Preussens. Der livliunlisrhe Orden ging den richtisen 
Weg. nenn er den \lf\"/-i<; Swin-igail mit Anriet miu: aller Kralle 
m1t:rslu;/le. Seim 1 schlie>sli:-he Niederlage hat darum auch 
Preussen hilrter betroffen als Livland. Im livlandisclien Zweige 
des Ordens selbst aber treten uns zwei Parteien entgegen : Rhein- 
länder und Westfilinger stehen einander gegenüber, und wenn wir 
auch nicht im Stande sind, diesen OegensalK bis iu die Einzelheiten 
hinein zu verfolgen, — dass er zugleich aufregend und lahmend 
wirkte, gclit auch aus ileu dürftigen Nachrichten hervor, die uns 
iiheikuaiaen sind. In der Si:hl;it-hi. au der Swienta haben sie z. H. 
olfenbar in verschiedenen Trelten gesliindeu, da der Meister mit 
zahlreichen Rheinländern fallt, während die Westtitlinger «alle 
wedderume to hos quamen>. Einen Znihll hier anzunehmen, ist 
kaum möglich. 

B>11tachc »«.luelain M.IUIT. iMia. 17 



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246 Liv-, Est. und C [irländisches Urkundt 



Man ist leicht geneigt, sich die Zahl der Ordensritter und 
Knechte zu gross vorzustellen. Nur wenige hundert Mann können 
sie Rezählt haben ; wenn der Meister achtzig Ritter Missendet, so 
ist das .eine stattliche Macht.. Mit Anspannung aller Kräfte 
werden zum l'hilselieidim^skamnf ge^eti Gmsst'ürsl. Sigmund 
(ituvninnitte aufgehoten, und dieses Aufgebot, cnt.blost das Land so 
sehi', dass der Onlensmeister sich genüthigt sieht, die Hnt der 
wichtigsten Festen des Landes revaler Bürgern anzuvertrauen. 
Denn Revals treue Haltung ist, sehr im Gegensatz zu den übrigen 
Stldten, dem Drdi'ii jedi-r/cu zwei t'fl los ^'Wcsen. Stund i-iii Krieg 
in Sicht, so war eine der ersten Massregeln des Meisters, nach 
Keval zu schreiben und dm llnth aufzufordern, dass er nur ja 
nicht streitbarer Mannschaft geslntte überSee zu fahren. Einmal 
wird die grosse Gilde in Riga aufgefordert Mannschall zu stellen; 
L, r -^.:j''iit.lii.!i werden Uurgi-r evwnhril, die nn einem SlieilV.u.re mudi 
Suirutilen thi'ilgemunnu'n haben. Im allgemeinen aber linden wir 
niidit, di'.Hs die Kt.-tdle dem Orden HreresMjie, gleistet hätten. 
Die grosse Monge > U'v Hccrlinufeii. tdie lleerleute?. waren Bauern, 
die, meist, schlecht, beritten oder zu Fuss, mit ins Feld zogen, 
Livlunder und Kuren — der Letten und Esten geschieht keine 
Knvi-.itiiutiL'. Meist weiten diese Züge von kurzer Dauer, es war 
etwas Aussergeivohn liebes, dass einmal die Heerfahrt elf Wochen 
dauert«. Die Beschwerden und Gefahren aber waren um so grosser. 
Matigclhiille \'i'] |ivoviantinuig, geringe Einheitlichkeit der Leitung, 
wo es sich um ciimbinirto Felrizii.u'n handeile, SL-hlechle B<-wall nuiii; 
d(;r Ho^rU-ntc. iiusseist nnvullntiiiiilisi; licLiigiioSi-iriiiig, das waren 
die Mummnc, wi'l'dm goiuriulicb dm geringen Krlolg oder den 
Misertolg der Kriegszuge bedingten. Gelegentlich erfahren wir, 
welches die Feldzeichen waren, unter denen das Heer in den Krieg 
zog. Ausser dem auch sonst, bekannten Gwirgsbunuer werden uns 
vier Banner beschrieben : das eine zeigte auf der vorderen Seite 
diu .InusriVau Maria mit dem Kinde, rechts oben einen Schild mit 
dem Onlcnskreuz; die Rückseite den Iii. Mauritius und links oben 
einen Schild mi! dem < Irdimskrenz — dies war das Banner des liv- 
liiuilisclicn Marschalls. Ein zweites war schwarz, lief in drei 
Zipfel aus und trug zwei über einander stehende sechseckige weisse 
Sterne. Ein drittes und viertes endlich bestunden aus drei Lilngs- 
feldern, von denen das oberste und unterste weiss, das mittlere 
schwarz, von den drei Zipfeln der mittlere weiss, die anderen 
schwarz waren. Zeitgenossen beliebten uns von ilem |iincht.igcn 



Liv-, Est- und Cu Hündisches Urkundenbnch. 247 



Anblick, de» die schwerge wappneten Ritter in ihren strahlenden 
Rüstungen gewahrten. Minder glänzend, aber bunt und eigenartig 
muss'der Eindruck gewesen sein, den die bäuerlichen Scharen des 
livlilmliiclien Heeres he i-vorb rächtet). Neben Schwert, Lanze und 
Armbrust finden wir bereits grosse Büchsen in Gebrauch, wie denn 
Überhaupt die Zeit immer näher rückt, in welcher der (ieschütz. 
kämpf die Entscheidung bringt. Als Sohlner Insten <Scliilts-kiiuler. . 
gedungene Matrosen, auf, kriegerische. 1 ; Volk, da bei dem noch 
immer hen^elieiiileii SecraubeHinweseu eine kampfgeübte Deckung 
der Kuuffahrer unentbehrlich war. 

Ungemein anschaulich ist das Bild von der Schlacht an der 
Swieiita, wie es uns aus einer langen Reihe /eilgennssiH'lier Be- 
richte entgegentritt. Hildebrand bat danach die früheren falschen 
Daist. 'Hungen dieser Verhängnis vollen Schlacht (3(1. Aug U'!:Vi 
x i< recht gestellt und seine Kritik des Ubertreibenden polnischen Be- 
richtes, den (laro seiner Darstellung zu Grunde legt, scheint uns 
ganz besonders gelungen. Auf ein Moment aber milchten wir noch 
besoudeis hinweisen, das dem livländi seilen Orden eine sehr schwie- 
rige Stellung nai-h missen hin gab. Swkrignils Kriegsvolk bestand 
zum bei weitem grösseren Theil aus Russen, und das zeitliche 
Zusaiuniciitreilcii dieser Kampfe ] 



Ordens nach dieser Seite bin Theil genommen haben. 

Sehr lehrreich ist daher die Durchsicht des Personenregisters 
nach Sl.imlen und für unsere Zwecke interessant, die Vevtht-ilung 
unserer Adel sgeschl echter im Lande zu verfolgen. Der grosseren 
Vollständigkeit wegen ist hiebei auch der 7. Band des Urkunden- 
buches zu Käthe gezogen worden. Wir beginnen mit den vier 
ge.i stürben Stiftern, um dann auf die Ordensgebiote ulierziiL-eheu, 
nml es mag dabei bemerkt werden, dass der Gegensatz zwischen 
Unlen-i'olitik un:i stülisclieii Interessen ohne jeden Zweifel auch 



348 Uv-, Est- imil Curländiüclies Urkun.leiihiich. 



Cauien, Kinse, Lode, Rastijerwe, Küpe, Savijerve, Sl akclberg, 
Tiesen hausen, TiUeVer, Wulmcs, Woltershusen und Uexköll. 

Im Still Oesel (Üb Furenshaeh, Herder, Lode, Hchcreiibcckc, 
Schwar/hof, Taube, Titefer und Ueikllll. 

Im Stift Kurland werden nur die Zackens erwähnt. 

Wir gehen nunmehr auf die Ord eil gebiete über: In Harrie» 
sasseu diu Asserve. Bremen, Üuciiliun". Yietiirjli.jif, Kalle. Kudesel, 
Laiucstorpe, Lechtes, Lode, die Junker von Sack, Schurculieke, 
Todiven, Trefden, Weckebmd uud Zöge. 

Im Ordensgebiet zu Wirland die Asserye. P.rakel. Engeih-s, 
Haue, Lude, Mekea, Revel, Soraever, Swarthoff, Taube, Uexküll, 
Waeke uud Wrang«). 

In Harrieil oder Wirland ausserdem noch die Hastever, 
Meisetake, Polle uud Putbus. 

Im Ordensgebiet zu Livland die Alweke, Gilsen, Hörle, 
Hove, Korbes, Xinegall, Patkul, lleve, Rodenberg, Unland, Rut.cn- 
berg, SjiaiiliBj'm uud Wrangel. 

Im Ordens gebiet zu Kurland endlich die Tete, Klebeck, 
Wilkenberg. Sacken, Talsen und Wittekop. Wie immer sind wir 
auch diesmal über die kur hündischen Verhältnisse um schlechtesten 
unterrichtet. 

Während nun im ganzen Verlauf der Ereignisse, welche 
unser Band schildert., alle envahmeu Eleisu'iite in wilder Zwietracht 
auseinandergehen, bietet er uns in den Urkunden, welche den 
Landtag zu Wfelk (4. Dec, 1435) zeichnen, zum Schlage ein er 
(|[iicklii;li(:s Rild. Hie läuternd« Kraft des Unglücks uud Mis- 
gesebicks macht sich, wie sn baldig in unserer (jesel lichte, in diesen 
Tagen der Bedrängnis segensreich geltend. Alle Zivist.igkeiicu 
wurden beigelegt, und wo es nicht iuiiglich ist, einen Völligen 
Ausgleich x'.i ■'[l.ii-ifiMi iii di-n Aii>|'riii-Iicii di-f l'.ii'.iiischofs und des 
Meisteis auf die Oheriic-hei ■ hbrr Riira. vereinbart, iiiilii Keniirsieiis. 
dass die Differenzen zwölf .Jahre lang ruhen sollen. Alle Theile 
haben zu diesem Endresultat mitgewirkt, und stattlich niuss die 
Versammlung gewesen sein, die damals in dem kleinen Walk tagte. 
Da waren der Erzbisehof von Riga, diu [iisehdi'u von Dorpat, 
üesel, Kurland und Reval mit ihren Pri>[isten, Deciinen und Capi- 
teln erschienen, der Urdeusmeister liinrich Schungel, der Land- 
niärschall und der C'iintui' von Rellin mit ihrem (iefolge an Rittern 
und Knechten, die Vertreter der Ritterschaften der Stifter Riga, 
Dorpat und Üesel, die Vollmächtigen der Laude Harrten und Wir- 



Liv-, Est- und Curlflndisches Urkimdeiilmch. 249 

laud, endlich die Sendeboten der drei Städte Riga, Dorpat und 
Berti. Wir kennen nur ilaa Resultat ihrer Verhandlungen, und 
kein Chronist hat uns einen Blick in den Gang der gewiss geh wie- 
rigeii. nii-lit ulme linier persönlichen Khrgci/e* ninl ve i'iin'inl lieber 
Rechte erreichten Vereinbarung tbnn hissen. Aber in diesem 
Zusammen geben in den Tusen giwsler Nefiihr lag die Gewähr der 
Zukunft, and die HHnde, die sieb hier zu festem Bandst Ii lag ver- 
einigen, hissen uns seilen, dass mich in der pelil isdien Venlci-bnis 
der Zeit der Keim nicht ertödtet war, aus dem neues Leben 
sprossen sollte. 

Dr. Th. Schiemauu. 




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Notizen. 



.TukuL L&ngv, Ui-iL«»l..i.i.,Hiitiiiiktii von l.iihml Hin kirctn-iiK.--.-1ii.-lit- 
lioha Ztittrikl mm aor Mitte des 18. Jnhrlunid.-Ms. Vun Dr. CA. 
Boikholi. IliE«, A. Stieiln. 18S-1. S. 196. S. 

ie Tiii;cslililtter haben übet- das interes^.uite Werk lit-rnits 
zum Theil itiisl'nlirlii.-he MiK.hi'ilimj.'i'i! ^liratht. Niehls- 
ilr.si..iu'1-iiig«- wttre es ein nicht zu reell tferti gen des Vni-siLuimiiii, 
wenn die cfintÜScb« Miniiiissdiiift,» an dem gerade l'ilr [hre Auf- 
gab« in vieler Hinsicht liedtiitSiiiiieu Erzuti^iiissc c-itiL'i- im I licnsti: 
unserer Landeskirche heivaltrUm Feder sclineiKer.il vnrüht-rging« 
Dasselbe billigt uns mehr als eine blos pei -ünlichr ü> -hii-ksale 
vh jl.'cdo lingrip'M» Der Tu«! vccsj>r;tlil keineswegs w viel. 
wenn er uns ein t kirihen geschieh Iii dies Zettl ihi> vereufuhreii 
Turtmisst. 

Es ist in der Tbtit ein in «eilen RaJinie:; gefaf^U s Stüi k 
ü , -t»ri-;ituvii/'.;ih'i K.u!.'".. mi 1 Cj||jr:j -.1 hnliiv .1«, uii» liu-r. fug 
veiwobeu rui; dem Aintsleben dis Inländischen i'.ts' ui-s. uilge^a- 
Irin. Dem Verfasser hui zu seiner Schilderung rciohtaaltiges Ma- 
terial an den eigenen AofwAcuDtirigen Jakub Langes zu Gebote 
gestHDili-n. Mit kundiger Hand bat er es gfisiehtet. trefflich zu 
eurer anschaolicben Darstellung der Zustande im vorigen Jahr- 
hundert fcusanimen gestellt und zum Theil aus anderen (Quellen er- 
gänzt. Wir sind ihm naotentlieh dankbar fnr die viill.ti:i l:,;i- 
Wieiier^nlie der thnrAlei einsehen Rede :lrs I.mdraths Campen- 
kauseu bei der lutrodur.llrm Langes la das Generalsujie nuten' 
deuten am t. 

[>..• 11 :tli -I » : ist -n b p|-..'.i-i> i'.i.ii... -i in : il.vall ilas-s f- 
IU wahrhaft päiiage^iseLMr Weise zain Ver^lt-lili« d. r k.relihc' cli ui;d 



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.\utizen. 



[luliiistiseii Lage unserer Lande in der Mitte lies vorigen Jahr- 
hunderts mit der heutigen anregt. Wir werden mit den Anfängen 
mancher bis in die Gegenwart hinein unser baltisches Leben be- 
wegender Fragen bekannt semadit. Und ohne dass uns ein Ur- 
tlieil über den rechten oder falschen Entwicklungsgang, den sie 
genommen haben, aufgedrängt wird, ergeben sieb doch die lehr- 
reichen Schlüsse wie von selbst. 

Wohlthuend berühren uns die litnndiidien Beziehungen, in 
denen wir die höchst gestellten Würden träger der griechischen 
Kirche zu der lutherischen lieistlidikeil, wahrend dieser vergangenen 
Zeiten finden. Bei aller Wahrung der confcssiwi eilen Verschieden- 
heit waltet da dodi gegenseitig das Bestreben vor, mit Achtung 
und Liebe das Hecht und] der anderen Ueberzeugung anzuerkennen. 
Ja, die amtlichen Vertreter der griechisch-iir; Indexen Kirche halten 
es mit ihrer Stellung sugar nicht für unvereinbar, die Interessen 
der lutherischen Kirche y.a [ordern (S. 54). 

In Bezug auf Jus richtige VciTnlin:« gegenüber den sectire- 

reiide Haltung der Brüdergemeinde gegenüber, wie sie Nazzius in 
Petersburg und Laus;! 1 in Livlaml einnahm, als heherzigenswerthes 
Beispiel vor uns. 

Ueber das im ganzen ungünstige Bild, das Lange von den 
damaligen socialen Verhältnissen Livland.s entwivfl, wundern wir 
uns nicht; trat" er, der im Auslande Herangewachsene, doch unter 
den denkbar ungünstigsten Umständen in dieselben ein. Mit um 
so grösserer Befriedigung sehen wir ihn selbst in einer vielfach 
trostlosen Zeit muthig und unverdrossen die Hand an den Pflug 
legen, um den durch Kricgsst Linne verwüsteten Hoden unserer 
Heimat für neue keiinkiiiliigc Saat nniaiaekerji. Männern wie 
ihm und ihrer rUstigeu, treuen bescheidenen Arbeit haben wir es 
r.a danken, dass das Unheil des deivinsi i;;en livhimhsihiüi Ueneral- 
Buperintendenteo, weun er beute lebte, doch In manchem Betracht 
nuders lauten dürfte, als vor hundert Jahren, wo er es niederschrieb. 

Was wir von seinem Wirken lesen, möge es uns zu gläubi- 
gem, freudig!.']« Ausharren bei der Aufgabe, die uns gestellt ist. 



]>r. Th. Schiomnna, i Iii .--Uli'!, uri'l Livl.iml Iii- ins 15. .n .iln Lmn.ä.-n r . 

Zwei» unil dritte Lieferung'. Aua der «Ailg. OmcL in IHunl- 
dA»teluingEii* lierainif. v. Willi. Oiirlsi'ii, Li-ti;. [II u. 1)2, Berlin, 
(1. Grote. 1884. 

Im Demiiber zeigten wir die erst« Lieferung au ; zu Beginn 
des Jahres lagen schon die beiden folgenden vor. Sie fuhren 
von Dschiugisklmn bis zum Tode des Grossfürsten Wassili IV. 
hvminwitsch (lfi3il\ Zudem bringen sie ilie Anlange ih>.- Geich ichte 
Polens bis 1137, dem Todesjahr Boleslaws III. 

Ein reicher iin;l iiiam:hpi[iig-r Stoff. Die gm s pari. i g «clirci-k 
liehe Gestalt des Mongolenfürsten stellt an der Schwalle lier Zeit 
des Tatarcnjoehs. und sie sehliesst uli mit einer irewaltigen Per- 
sönlichkeit, dem Erben der goldenen Horde, ihrer Mncbt,jhrer 
Willkür nnd ihres Drucks auf der russischen Nation, mit Iwan HI. 
Wassiljewitscli. Die Schilderung der 250 Jahre des Elends und 
der Schmach wäre unerträglich, würde die Gleichförmigkeit der 
Zustünde nicht unterbrochen durch das eigenartige Leben (Iross- 
Nnwgoiods, das in seinem ienuiili!-:: l iiis' , lieii N iiul-i wi-swi treliüc.h 
uezeielmei. ist. lim! durch anzielende Mischeinuiipreii. wie Alexander 
Newski, der seine gegen die Schweden und Deutsehritter bewiesene 
Tapferkeit den Tataren gegenüber nicht fand und allerdings nicht 
freiwillig, aber doch auf die erste Anforderung sich zum Khan nach 

druck von der Macht der Tataren heimgebracht hat; denn von 
nun an finden wir ihn nicht nur ]KTsi>nlie:i treu zu ihnen stehen 
sondern er tritt auch gewaltsam .jedem Versuche eiitye^e», der 
villi nii'.lecer Heitü her gemacht wird, um ihre I terrsrtuti /.u brechen. > 
Das bis dahin freie Nowgorod beugt er selbst nach zwei vergeb- 
lichen Versuchen endlich unter die Geissei der Steuereinne Inner. 
Der Verfasser sehliesst sein interessantes 17. Ü;i|<itol mit den rich- 
tigen Worten: <Man kann doch nur mit sein 1 gemischten Gefühlen 
auf den Lebenslauf lies Schwedensiefrers /nnieklilieken. War es 
auch klug, die. wie es scheinen knmr.e, unühei winillicle- Jkfi.t 1 1 1 ■ i 
Tataren geduldig hinzunehmen, und geschickt, wie Alexander es 



mehrfach Gelegenlieil gelmlen, IVcuide Hilfe zur Abwerfung < 



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263 

Zeitgenosse 



aber doch vor Batn sich beugen mnsste, am seht Land zu behalten, 
sein ganzes Kälteres Leben dem Gedanken weihte, die Schande, 
die nun an seinem Namen haftete, ta tilgen und sieh von der 
Abhängigkeit von Ssarai zu lösen. Seine Sühne haben dann wieder 
alles verloren gegeben. 

In fesselndem llegeiisiitz dazu und fesselnd an sich folgt in 
drei Oanitelu d^ Darstellung der stetigen Politik Littauens nach 
Mindoves Vorgang durch die klugen Brüder Witen und üedimin, 



streckten sich die Grenzen seines Reiches. Wie es, zum grossen 
Theil durch ihn selbst, geschaffen, wird dem Leser vorgeführt. 
<West- und Siidrusslnud haben ilim die lidreinng vnm Mongolen, 
joch zu danken, lange bevor in Moskau Einsieht und Willen dazu 
vorhanden »m™.. Seines Bruders, der im 1 manischen Kendnnde 
herrschte, Verdienst war es, dass er sich so ganz den rassischen 
VerliHllnisseu widmen konnte. Als er starb (1377), war in Moskau 
endlich aus dem Blute Alexanders des Xewasiegers ein Mann er- 
i sühnte, einmal doch das 



drei Jahn? darnach das Tutnivu.jnfli voll wiedrrlieiL'estellt , und 
Dmitri kehrte zur Politik der . Unterwürfigkeit, wie die ersten 
Grosstnvslen Moskaus sie verfolgt, zurück, sich damit begnügend, 
die Anerkennung seiner Oberherrschaft in Russland zur Geltung 
zu bringen. Und so dauert es fort unter den laugen Regierangen 



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Xetizen. 



der beiden Wassili achtzig Jahre lang, bis unter Iwan III. die 
Hürde xurfulli.-ii. in liiiipii-liicii ihrer T Ii eile, in die sie sich zertrennt, 
wol jielegdiilidi ein unbequemer Nachbar, aber nicht mehr eine 
die Existenz Itussl .u:i!s Ledruheiide Gefahr geworden War. 

Der auf dem Coucil zu Florenz versuchten Union der römi. 
sehen und g riechischen Kirchen, ihrem lebhaften Verfechter, dem 
Metropoliten Isidor, nud der entschiedenen und staatsklugen Ab- 
wehr von Seiten Wassilis ET. hat der Verfasser einen eigenen, auf 
selhs.ändigen Forschungen begrüßten Abschnitt gewidmet, bevor 
er die lernen siehzig Seiten lwati III. und Wassili Iwano witsch 
widmet. Vater und Sohn zusammen bieten in Charakter und 
Wirkungen so recht ein Gegenbild zu jenem litauischen Brüder- 
paar, das ihr Land auf liusshtuds Kusten gross machte. Die 
Parallelen und die uhstossendHi ('nie. genau zu bezeichnen, wäre 
eine anziehende Aufgabe. Die Andeutungen hierfür ergehen sich 
aus der hochempfehlenswerthen Lcctüre dieses Abschnittes des 
Werkes Th. Scliieiimims, das überhaupt auf seinen iiKi.i Seilen eine 
Kiiisichtliiililiiii in die (lesehiehlr Rnsshinds gewührl, wie Sie für 
den behandelten Zeitraum bis Iii;;:} so geschmackvoll bisher nicht, 
ku erreichen gewesen. Der überall (Messenden, hei allen wieliligen 
Ereignissen und Persönlichkeiten fesselnd verweilenden Erzählung 
sind geistvolle Bemerkungen eingestreut, die dem Nachdenken des 
Lesers weitere Bahn eröffnen. Aber auch eine so gründliche Ar- 

Gegcnstiind gegeben. Ans den Anmerkungen wird die Benutzung 
einer äusserst reichen I.ileratur der S[ic fi;ili'n:->:-lnLni;nn ersieht lieh ; 
Sie ist vielleieht besonders liir die Darstellung der lillaiiischcti 
Verhältnisse wirksam gewesen, Wir meinen, dem Herausgeber 
und Verleger zur ( lewhmiiug Schiemanns Ihr die Heaibeil eng diese! 1 
Al'lheilung Glück wünschen zu dllrfen. 

Auf ein ganz anderes Feld, in eine ganz andere Quellen- 
kunde, eine ändere Hebaiidluugsweise des Gegenstandes führen die 
Vi : lii Rehden ersten . r >L? leiten der liesehiehte l'eleiis. Referent 
bekennt, dass diese ihm ein fremdes tiebiet ist, er sich, der pol. 



ersten Resultate aus der bis jetzt lillesten Quelle über Polen, den 
Aufzeichnungen eines spanischen Juden, Ibrahini.Ibii-.Jakub, der 
zwischen Ü50 miil ;'>!;> Deutsch bind bereiste lind sieh zumeist in 
Merseburg aufgehalten bat. Neben Tbietmnr wird ilim dann Mar. 
tinus Gallus der werthvollste Chronist, der bisher weniger Wür- 
digung genossen hilf ; dazu triit die Kenidisiihriguiig der russischen 
Quellen. Hii.iiüL hangt, zusammen, dass die Diirstclluti^' sich pole- 
mischer färbt. Selbstverständlich gewinnt die ganze Arbeit an 
wissenschaftlichem Interesse. Sie liegt aber erst in ihren Anfängen 
vor und bricht zur Zeit bei der Schilderung der Culturznstände 
im 12. Jahrhundert ab. So muss das Urtheil füglich noch zurück- 
gestellt bleiben. • ' 

Die Ausstattung auch dieser Bünde ist wieder eine vorzllg- 



Sopbienkathedrnle vun .NV^orod, zwei KicsiinilhL russischer Ur- 
kunden des revaler Stadtarchivs sind eine Zierde des Werkes. In 
der Trausscription der russischen Namen Ware die Bezeichnung 
des scharfen s durch ss am Anfange diu 1 Worte, erwünscht, desgl. 
die glimmere Beiücksichiigurig der Wiedergabe des ;i; durch sh. 
Auf p. 389 ist Heinrich n. statt I. zu lesen ; ]>. 399 Mii^iU-ljui-^tT 
Vereinbarungen statt Merseburger ; p. 4'J3 dreimal Lothar statt 
Konrad. Fr. B. 



r die Vorarbeiti-n zur Erritlilimg einen iiffriitliclwi 
Ligralmutiis fiir dc-u lirlniil.lmii.l, 1 in Itiüu. Itifj. IiiiluslricZt(;. 
1S85, Nr. 2, 8, 4). 

Die beredte Schritt von O. Mertens < Rigas Zufuhrgebiet für 
Getreide, Mehl und Grütze welche au dieser Stelle im Dec. 1833 
besprochen worden, hatte den technischen Verein in Riga ver- 
anlasst, eine Commission zu dum Zweck niederzusetzen, die Vor- 
arbeiten für die eventuelle Errichtung von Lagerhäusern tili- den 
Cefrcidehandel Rigas auszuführen. Ein Jahr später lagen diese 
giiindlichen Arbeiten dem Verein vir und sind in vier Sitzungen 
einirebcmlcr JJiseussiijii und: rzogen worden. Sehr dankei^werther 
Weise ist die CummissiiiNsarheit zusammen mit dem Protokoll der 
Debatten in einer Sonderausgabe der betr. Nummern der Industrie- 
in ihnen ist über die technischen, finanziellen und weehsel- 
rechtlicheu Theile der huchtvicatigcti Kruge den bezüglichen Schriften 



256 Notizen. 

von Hennings, Mertens, Thilo, den ei nsclil flogen Abschnitten iles 
Hj.-. Hiimlelsai-chivs vir] neues Mnlorbil bin'iiiretiigt, dessen hervor- 
ragender Wfirt.li darin besteht, dass es den loealen Verbal t'iisseti 
aufs geriiniest.fi angcpasst nnd durch ibts Läuterung Steuer der 
i'rimin;; einer zahlreichen sachverständigen YeisauiiiihiüL' gegangen 
ist. Wir gehen Uber diese unserer Zeitschrift ferner liegenden Par- 
iini hinweg und wenden die Aufmerksamkeit einigen der commer- 
tiellen Vorfragen zu, welche die Commtssion mit vollem Recht, 
gleichfalls behandeln ku müssen geglaubt hat. Es ist der 4. und 
der Anfang des fi. A bschnitts ihrer Arbeit.; sie besprechen Rigas 
wesentlichsten l'rodiiflionsravan und das Schicksal des Getreides 
auf dem Wege vom Produzenten bis zur Eisenbahnstation und 
ferner da; Getreide auf dem Wege von der Versandstation bis 
Riga. Das Getreide in Riga selbst (von Pkt. 6 ab) gehört nicht 
mehr unter unseren Gesichtspunkt. Um so mehr aber entspricht 
diesem völlig der 7. Abschnitt, der den l'irilhtss hei rächtet, welchen 
ein ('ilh-i.i liehe.. Lan-Thaiis in Riga auf die Abwickelung des Ge- 
t:'.'id'^: : .!i'lel- ansahen konnte. Halben 'Iii' ersterwähnten AbschuiKe 
dargelegt, dass die Vermitleliing zwischen dem grossen und kleinen 
Produceuten oder auch dem russischen Aufkaufer im Bezugalande 

schliesslich in jüdischen Händen' liegt, und je kleiner und geld- 
heiliirl'liger der l'rednceut, nin so mehr der Gewinn dem Vermittler 
zutlicsst — so lilsst die Errichtung eines iitl'enl lii:hen Lagerhauses: 
die Perspective zu, dass wenigstens iler CnisspriMlncent und der 
russische Kaufmann in directe Verbindung mit Riga durch den 
rig asch en Üommissionär treten würden. .Damit wäre, der Getreide- 
handel wieder in die Bahnen gelenkt, die er, nach dem heute Kit 
Tage tiefenden Resultate zu nrtheileu, zu seinem grossen Nach- 
theile verlassen hat. In jener Zeit, als die Strusen die für den 
Export bestimmten grossen Getreidemengen nach Riga brachten, 
kannte man den jetzigen Vermittler mit dem Inneren Russlands 
kanm. Versetzt man sich aber in jene Tage zurück, so entrollt 
sich dem Forscher ein anderes und zwar viel erfreulicheres Bild, 
als die heutige Situation es bietet. Mit dem Eingreifen jener 
Vermittler in den Getreidehandel und dem immer ausgesprocheneren 
Ziinn.-stieteu der direeien Petliciligung der Produceuten und bitinen, 
russischen Händler in der Person ihrer eigner I 'enimissinnüre ist 
die Bahn betreten worden, die zur heutigen, auch dem gresst.en 
( iptiniisten unuiuglich als gesund und erfreulich erscheinenden 



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I.iige unseres Getreidehaudels gefül 
tun tun würden freilich an den jüdisch' 
Stationen seinen ständigen Sit?, zu Ii 
doch spricht die Commission die l 
Wirkung der direi'len HuiliidligHiiii j' 
diicenten und Kaufleute am Lager 



vor >/, Jahren In diesen HliLtturti bc^mdei:; folge gaben, ohne 
dass ihr sichtbare Herrn ■ksirlil igimg s.ü Tlieil geworden wilre, sind 
zu deutlichst a n s i;«m ] j i -u i; ] i t ! iu: r Meinung durchgedrungen. Ol) aber 
mich in der Handelswelt ? aus dem Protokoll wird nur geringste 
Tlieilnaliine derselben fui den Verhandlungen bemerkbar. Und in 
ihr vor allen scheint uns doch der Factor einer Besserung der 
Situation zu liegen. 

Auch wir glauben, dass das Lagerhaus die angegebene Wir- 
kung erzielen kdunte. Aber die Errichtung desselben, die Hand- 
habung der gee.iyi leisten Venvultnni.'s^i-.iinhiil^^ liäiijjt nicht nur 
von der' Kaufmannschaft ab. Zum eventuellen Wollen gehurt ja 
auch das Vollbringen d u r fen. Ist aber, von den Wohlthaten 
des Conservirens und der Iieleihuiig der Waare abgesehen, die 
directe Verbindung mit dein Bezugsgebiet ein Hauptzweck des 
Lagerhauses , so kann — das ist unser ctierwa censeo — 
dieser Zweck und damit nach Ansicht der Commission, nicht 
nur nach unserer, eine Verbitterung der .Situation auch erreicht 
werden ohne üffeiiilichiy Liycrhans, falls dieses uns nicht in der 
gewnnscliieii Funn geswllH. winde. Der jelüt vennisste Cummis- 
aionar froherer Zeit hatte seinen Sitz nicht in Iliga, sondern, ver- 
vielfacht, in den Handelsplätzen und den Hauii (Versandstationen 



258 Notizen. 

dem russischen Getreidehand e! durch die deutschen Kornzolle bevor- 
stehe:!, nicht eiiiigermä*srri ilailiitvji abgeholfen we.vile:! Wiimite, dass 
Riga siel) in grossem Betriebe auf die Ver- 
wandluu£rU8sischen Koma in Mehl zum Zweck 
des Exports legte? Er mag nicht stichhaltig ein, aber 
der Erwägung lohnte sieh der Vorschlug vielleicht, doch. — n - 



nud die für diu Zohili^i': |.r">' , [irli n Aliiiluli.TnilL'ill d'T-, 



iiiissi.ju dieser Sudel:»., bestehend ans dein Presidenten Hrn. Land- 
rath von Oeningen, dem yrfciizmeister Hrn. N. von Essen und 
dem Ehrenmitglied, Chef der livl AcciseverwEÜtung C. von Dehn, 
auf Kosten der Soeietdt als Nr. 11 ihrer • Mittheilungen , zu ver- 
fiSt'.'iillicläf!!]. Hie ist Vilm HccreUr der Societ.itt in Dorpat ZU 
beziehen. 

Wenn schon der Beschluäs ilur Suciclül an und für sich diese 
Schrift allen Intert's steilen empfiehlt, so hiinueli auch wir nur aus 



KinüiiSÄ der Steuergesetzgebung, diu Li 11 lachten der von der Regie- 
rung dazu „aul geforderten Vertrauenspersonell und die Beschlüsse 
der im Frühjahr 1881 in Petersburg von dem Chef des Departe- 
ments der indirceleu Htctieru hmiiciicii (,'nmmissiini, endlich eine 
Menge statistischen Materials in einer Vollständigkeit, wie sie bis 
jetzt dem gvüsstcii Thcil der Interessenten nueh nicht geboten, zum 
Tltei! Überhaupt gar nicht oder doch nur schwer zugänglich gewesen 
sind. Mit dieser Schrift in der Hand wird es jedem denkenden 
Bre.Mift'i.'iliesitzcr nicht schwer werden, sich eine eigene Meinung 
über das, was Notli tlmt, zu bilden, und wenn, wie wahrscheinlich, 



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Notizen. 



Herr Verfasser, so viel mir bekannt, seit Beginne 3er Acctsc- 
wnviill imi; in ilerselben angestellt, hat siel) mit dieser Arbeit den 
Dank lies landwirthschaft lieben Publicum*, verdient. 

Die Schrift zerfallt in vier Abtheüungen, einen Anhaut; und 
17 statistische Beilagen. 

I. Abtheilung. Resumö der vom Departement der indirecten 
Wienern eingel'oiilcrtei) .Mriinni^i'umeniii'.'cii uher Mi issrege In zur 
Forderung des land wirtschaftlichen Brenne reigewerbes. 



li^ivii-rtiscliiittimg der t-iiiter durrli llidltuer J hlhkiirner), in den 
nicht Kartoffeln bauenden Regionen Russlands eine Reibe von 
Jahren mit hohen Korn- und niedrigen S|>iritusiireiscn — haben 
WOl auch ihr gutes Titeil beigetragen zum Eingeben einer grossen 
ZilIiI von Brennereien. Im allgemeinen liLast, pich doch behaupten, 
dasp diu Accisegesel(gel>uiig "iclit nur das verlier In-.sL aiid^iit: . so 



die iieri.hlcrslattei und den Herrn. Verfasser dieser Schrift. Es 
scheint mir, (lass eine präcise Antwort, ein« unzweifelhafte Ant- 
wort auf diese Krage nicht gefunden ist, vielleicht nicht gel'unden 
werden kiinn. 80 können z.B. alle in den OstseeprovinMii be- 
stehenden llieimereit-n, mit A u^i lulisui' einiger wenigen in den Städu'ii, 
als landwirtschaftliche Brennereien gelten, auch die grossen, 
denn alle verarlieilen landwiit.hschal'l liehe h'ndurte und gehen das 
Futter, die Brage, zur Fütterung Msp, Dtlngerproduction dem 



Malern! liefern und lirage zurückerhalten. Und doch, ivelcht 



iL't- u r i-'i-.-ir[i Itiviuirieieii ilii: Di Hier uie'ul crlr.i^Pii und zum 
grossen Schade» der ]jiiruhvi['Llisi:liiill. ii'jlhweiidi^ eingehen müssen, 
sielie Beilage XVII. — Es scheint daher gerathen, alle Versuche 
eine hmtlwirtbnrliiiMidie liremicrr.i praeise zu detiiiiron zu unter- 
lassen lluil nur zu mit ersehe! de» zwisdiuti grossen null kleine» 
Brennereien, unil weil diu kleine» lirenuereien unzweifelhaft n ö t Ii ig 
sind und auch sonst viele unnütze Transportkosten d. Ii. unfrucht- 
bare Arbeit ersparen — so müssten die kleinen Bren- 
nereien durch Erleichterungen der Accisegesetz- 
g e b u ii g geschützt und ihnen die Existenz, die 

licht werden. — Ulriche Hdiiiinlliiiig der grossen und kleinen 
Brennereien, wie es .Seile 4, Zeile -t IV. empfohlen wird, wird nieniiils, 
so scheint es mir, der Landwiithscliait im allgemeinen Nutzen bringen. 

Die II. Abtheilung enthalt einzelne Gutachten iu ausfuhr- 
lieber Wiedergabe. 

Zu einen! i^naueiT» Eiiijrelien auf diese einzelnen Berichte, 
es seien hier genannt die der livlätidiseheii ukono mischen Societ&t, 
des estläudisehen landivirthselmtUichen Vereins, der Chefs der Accise- 

und Sjedlez, ist hier nicht der Raum, auch muss der Leser diese 



Deutschland, wu alle.- Kuh muten:: 
nieb Hamburg geliefert wenlen k 



hier ist, billiger 
P Die Aufhebung 



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Xdlizt'll. 



sei 



III. Ahtlidiliiiifj. licsdiliisse der Ii erat hui ig Kommission zur 
Duri-hsiolit dei- Itc^rlu iiir iten Braun iweinbrand. 

Diese Beschlüsse sind in 80 SS tormulirt und dem Departe- 
ment der iiidireclen Stenern uml ilcm Herrn Fitiauzuiinister unter- 
breitet worden. Gleich im g 2 ist die Bevorzugung des kleineu 
Betriebes abgelehnt worden, obgleich man der Lamlwirthachaft 
helfen will. Wol die wichtigste Bestimmung enthalten die §§ 5—10, 
worin gleichartige Xonueu vorgesc Ii Inzell werden, indem die Norm 
nicht von jedem Pud cingemnis-ehtcu .Materials, sondern von je 

sechs Wedin Gälirrauin hesti it wird, gleichviel ob darin Mehl, 

Getreide, Kuitotleln, Stärk«, Malz oder Melasse enthalten sind. 
Die Höhe der Norm für sechs Wedro Gahrraum wird auf 36 oder 
41 Grade vorgeschlagen. Diese Bestimmung hat zur Folge eine 
Vergünstigung für Kartoffelp und eine grössere Belastung der 
Mehls«', welch« vollkummeii gerechtfertigt erscheint. Ob durch 
den oiedrigereti Hat/ von 3(3 es auch ermöglicht werden wird, 
g-riiiiL-werthiges Material verwenden zu können und den kleinen 
Brennereien die Ksistenz zu ermöglichen, erscheint mir zweifelhalt. 

Der IV. Abschnitt bringt Schlussfolgerungen aus deu That- 

Der Herr Verfasser gieht. hier zunächst einen lleherhlick über 

gebung und den Binfluae derselben, belegt durch die sehr über- 

Ein vor der Aceisegesetzgebuug blühendes laudwirth- 
scliattli'iies (lewerbe möchte ich dasselbe doch nicht nennen, in- 
sofern die technische Seite desselben im allgemeinen die denkbar 
un voll komm ensto war und eine Ausnutzung des Rohmaterials ia 
keiner Weise stattfand. Das ganze Gewerbe lag noch in der 
Kindheit und nasste höchstens zu der damaligen Krohnwirlhscbaft. 
Dass ausserdem der unbeschränkte Detailverkauf auch nicht gerade 
die Moral förderte und die Gesetzgebung auch nach dieser Bich. 



der Brennereien allein . dürfte hier nicht massgebend sein. Ein 

die Berleiuung der Brennereien für die Landwirtschaft redet eben- 
falls den kleinen Brennereien das Wort, allerdings mit der gewiss 
richtigen Beschränkung, dass diese Begünstigung nie grösser 
sein soll als die Differenz zwischen den Productionskosten der 



OinjiizM ay Google 



262 



- Weiter unternimmt 
Frage": Hat die für 
den A ii forde ru n gen 



den Rechnung getragen und ob dieselbe die Eutwickelmig der 
kleinen landwirthsdiaitlichen ISreiinereieu berücksichtigt hat. Die 
detaillirte Kritik der rnniinissieushes.'hlhsse und die vom Herrn 
Verfasser gemachten Verschlage müssen in cxleuso nadigelcsen 
werden, ein kurzer Aaszog htsst sich davon hier nicht geben. Der 
grossere Theil der Laminirthe und ßreunereibesitzer, namentlich 
der kleinereu wird sich mit den Ansichten des Herrn Verlasse™ 
im yros.-üii und ganzen einverstanden «r klaren können, zumal sie 
meist von zuverlas-iijen und beweisenden Zahlen unterstützt werden. 
Kur muchte. ich mir die Bemerkung erlauben, dass hei der Unter- 
scheidung zwischen Klein- und Grossl't'irifli und dessen Kinthcilang 



die Ostseeiu-ovinzen und manche westlich.! Gouvernements. Bin 
Ereunereibetrieb von :!liO Wedro Botttcll-Iuh&lt bei drei Kin- 
uinischniLgcn taglich, mit einer Prodnelion von last 2 Millionen 
Grad Spiritus und l'IIIOÜI! Wedro Schlempe, dem Futter für 140 
Maslodisen, dürfte nicht allein sich alle Yorthcile der besten Technik 
zu Nutzen machen können, sondern auch den meisten Wirtbschafts- 
einheiten genügen mni ohne Verlust betrieben werden können. 
Die Brennereien von einer I'roductiou von 3000011 bis etwa eine 
Million Urade sind es vorzugsweise, welche der Jjain.hvirthsebaU, 
wcmgslciis in ilon Ostsee[]T,viii/en, uoth thnn uint welche einer 



bei der gegenwärtigen 1 >rgauisntimi der Polizei wenig ausliihrbar. 
Die ZUlu Schluss von der Hcrathungsoommissioii ausgesprochenen 
Wünsche: 1) es möge den Brenne reib esitzern gestattet werden, 



Notizen. 263 

besondere Vereine zur Hebung des Brennerei Gewerbes und S|dritus- 
lianduls ■/.« gründen und es mficlitcii iiiyiiiiiluri; UreiiinnT-isirlinliMi 
und Vcrsuehsbrennereieii errichtet werden, kann man nur wurm 
Ijtdfmwmto). In IM reff des ersten Wunsi'hes find diu i.-st];indisdicu 
liiemii-rciltesLtier mir Hi/grUndung ilires Vereins in Verbindung 
mit der Sprilfabrik in Reval wacker vorangegangen und haben da- 
durch zum sichereren und lohnenderen Ati.-cii./ wwenllidi beige- 



liikmu Herrn C. Lovis, ilie actum liUhor in Xr. i> der W.h.lt liehen 
Wochenschrift» von 1881 veröffentlicht wurde- Mit Hinweis auf 
die so viel höhere Ausnutzung der Starke in deutschen Brenne, 
reieu (welche nur durch chemische l''L>ivitim]g crni'iL' licht) und auf 
die Statuten des grossen Vereins der H|iirilu*liilirikiiuten in Deutsch, 
laivl und die Resultate dieses Vereins beantragt Herr Lovis die 
Errichtung eines solchen Vereins iiir die U.it.s(ri-[irovinzeii, der ea 
nieh zunächst zur Aufgabe mache, eine Lehr- undVersuchs- 
brennerei, verbanden mit einer Breunerschnle, und eine 



gen«««., nud wire zu dein Behuf wol eine zweite Brauerei in 
der Nahe vou Dorpat ins Auge zu lassen. 

Den Schluss der Schrill bilden die 17 nun Studium des 
ganzen in Kcdc stehenden «egcustiuides sulir werLlivollen Beilagen : 
tabellarische üebersichten iiber die Zahl der Hreunereieu, über 
verarbeitetes Material, erbrannten Spiritus, erzielten l'clierbraud, 
Höhe der Aecise im ganzen Beleb, der Defraudationen, der Ver- 
änderungen in der Ai:i'!M-gt:-eli:gtdjuiig und manche andere Ver- 
hältnisse, schliesslich ajiLn ■>xiiii:itivc Rev.;uueiil^iwh:|]iug der lalidw. 
Brennereien in verschiedenen Brüssel) des Betriebes. Man kann 
dieser Schrift nur die allerweiteste Verbreitung wünschen. Jeder 
Leser wird vielfache Belehrung und Anregung zu eigenen Gc- 



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Xotizen. 



V1L B nicht den llnu.flci s » v crei 11a z n Dorp»! IKupt, 
1085. ISS. H. 

Der Bericht constatirt die Thatsache, dass die Zahl der 
Paroc Ii ial schulen, in denen Unterricht im liaitsileiss erüieilt wurde, 
sich um drei vermindert und derselbe Unterricht in den Elementar- 
schulen eich seit IK711 nicht weiter verbreitet hat; nur HJ l.icmeiiiile- 
schnlen betreiben diesen Unterricht. Die UiMehe wird erfunden 
im Mangel an Geldmitteln zur Anschaffung vou Werkzeugen und 
Materialien und Mangel au Kaum in den Schnllocaleu. Den ersten 
(irutnl inik'hten wir kaum gelten hissen, liei der nolnriseh relativen 
Wohlhabenheit der meisten i ieineiniloa. 1 ler zweite ( Intrnl dagc!_'e;i 
trifft in fast allen alteren Heliiilloi iüen en-selnedcn zu. ( Ihne einen 
beaonderen Raum, in dem Hobel- und Drehbänke und sonstige 
[nst-nmeiite aufgestellt weiden können, gellt es nicht. Konnte 
der Unterricht im Hatisüeiss obligatorisch eingeführt werden, 
dann dürfte grösserer Erfolg zu erzielen sein, — Eine im Sommer 
1884 beabsichtigte Conferenz der den HaUsfleiBS betreibenden 
Lehrer in Dorpat ist nicht zu Stande gekommen, haunKiehlieh 
wol weil den Lehrern die Mittel zur Reise und olngcreni Aufeiit- 
lialt in Dorpat fehlte», Interessant ist. ein Sehreilen des [>r. (jötzc, 
Leiters der leipziger Anstalten für ] hu-tleiss, worin iln- Vei'i[nieken 
von Hausindustrie, Hausfleiss und Erziehung zur Arbeit für falsch 
erklärt und nur das letztere in möglichstem Ansehliiss an den 
Schulunterricht ein,! fohlen wird. Bfti stenbinden und Strohflechten 
als mehr mechanische Beschäftigungen sind deshalb ausgeschlossen, 
dagegen Pap verarbeiten nur für die kleinsten Kinder, dann leichte 
Met allarbeiten i Di-iditlnegi-ii). I Inl's-linii lei i-i und Tiselilerei, schliess- 
lich Modelüreii ihr die ^russeren Kinder wild e:n;dolileu. — Hier 
ist die (auch wol berechtigte) Ansicht viellach verbreitet, dass 
durch diese Schulen allmählich eine Hausindustrie lien-urgenilen 
werden könne. Da milchte dann vorzugsweise die Korbtlm-hterei. 
Drechseln und Tischlerei zu empfehlen sein, wahrend die viel be- 
triebene, immer mangelhafte liuchliiuderci znriiekiretcn könnte. — 
An Lust, wie ich seibat oft in zwei estl Indischen Schulen es be- 
obaebtet, fehlt es den Kindern nicht ; eher ist zu fürchten, dass der 
Übrige Unterricht darunter leiden könnte. A. D, 



Zum antiquarischen Katalog Xr. XXVif der Buchhandlung 
von N. Kymmel iu Riga, der liibliotheca baltica, der 



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Notwe 



n der Gesellschaft für Geschieht.!: nml Alterthumskuuda 
A mit dem Bilde Rigas im J. 1601 (»ermothllch nach 
T^iOjge-dimikki ist isi sehender ivilalng Nr. XXVI, 



lifrtluik dem forscher i 
1 in hohem M.,— • Kel> 



der Kedaction des 
getretenen Urbans l'u 



russischer Öascliic 



i neuen Jittar in ftiga unter 
higluuiseu-Woln" ins Leben 



Mit der folgenden Air/.eige stalte Mi zunächst einen waruieu 
liniv-lictniii [>;ii:k li'-m iiiil/eküiiiiirii in-imii'.icliüii Gidii-r ab, dur mir 
unter dein 14. Januar das Blieb mit vüllig verwischtem Posl.-ltmiiml 
zugesandt hat. Hat er mir Freude zu machen beabsichtigt, ao 
h»L er das voll erzielt ; wuusdite er auf das vortreffliche Buch die 
Auüi.iiksunikeit vieler zu lenken, so möge das durch diese Zuileu 
erreicht worden. 

Mai Vorberg, Der Lntlierhof von Güttin, flollii, Fi A. Fenkes. 1881. 
H 167. 8. 

Eine prächtige Ki'üiÜiiuiij; vom Anljsmg des Mvangeliunis im 
sclwnen Gasteiner Thal, damals als die Goldadern der Tauern 
reichlich llus-™. di l: S.uuu)ifade übers Gebirg dem Verkehr mit 
Venedig dienten und in ilul^asicin die stolzen Pal aste der grossen 
BergheiTen prangten. Von dem Abend vor Allerheiligen 1517, 
da Mittin Luther seine Thesen an die Thür der wittenberger 
Sdilusskirche schlug, im Kotachachthtil bei Gastein aber dem 
Martin Lodinger ein Sohn geboren .ward, iubreü TagebuchblaUer 



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unter dem I)riii-k (Ins LandirslKiTii. 



Die Kiiwniimi'iiliisiSt'iulft Besiucdiiin^ unseres Januar- und 
Februarheftes durch die <Kig. Ztg.. vom 7. Febr., Nr. 32, ver- 
anlasst uns, die geelnle Iludacliun unsere: eMlc-ial™ T i n-i I tUi- li'.i u 



Stiche unnütz wieder aufgerührt, .die pral 
stalidslos geworden t. Ohwol die iltig. Zi 
Versicherung an dem von ihr gewonnenen 
auf gestutzten Urtheil nichts ändert, gebei 
nicht auf, ihre Wertschätzung, der wir \ 
nute ununterbrochen uns erfreut, wieder err 
der momentane Unwille 11 



■ Jahre und > 



e Hoffnung 



,1 Jahr 



i können. Sollte 
rieht dalier rühren, dass wir 
Blüzzirba Theorie der Stadt- 
n ihr erwähnten eingehenden 
! denn anerkennen 'I dass wir 
. J. Schiemann lacht nur aus 



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sie begründet ist. Wäre es Dicht billiger, uns darin zu Hille zu 
kommen, statt uns zu zürnen ? — Dürfte weiter nicht der schon 
im November gegebene Hinweis auf die Thatsache beschwichtigen, 
dass die Besprechung der vielgenannten Frage durch uns nicht 



Ten Blattern veröffentlichten Entgegnung des Hrn. J. Schiemann 
keine Erwähnung gethan habe. Die <Rig. Ztg.. hat nicht ange- 
geben, auf welchem Wege etwa der Hr. Einsender der Zuschrift 
aus <Riga d. 1 0. Januar, ein Schriftstück hätte berücksichtigen 
sollen, das erst am folgenden Tage, dem II. Jan., in 
Mi tan zn Stande kam und erst am Ii). Jan. in der 
• Ztg. für St. n. Ld.. veröffentlicht worden ist. 



nicht Keiliren.. Es wäre uns dies lieber gewesen, als dass sie 
durch die Art ihrer Erwähnung ihre geehrten Leser etwa auf un- 
gleiche Gedanken gebracht haben konnte. Wir sind da weniger 
zurückhaltend. Den zarten Dult einer irbernuH idealen Einpnuduugs- 
blüthe, die die Verstimmung unserer geehrten Cullegin getrieben 
hat oder hat aufgehen lasse» , möchten wir doch zu nachhalti- 
gerem Gcnitss im geschl'.i.-eiiei en Räume unserer BLittcr zu bewahren 
suchen. Die <Rig. Ztg.> leistet zum Schlags: tWir bemerkten 
oben, dass die Zuschrift angeblich von einem rigaschen Leser 
stamme, und lugen hinzu, dass sich derselbe als 0. S., Mitglied 
der Stadtverordnetenversammlung bezeichnet. Wir halten diese 
Angabe für sehr unwahrscheinlich, allein schon deshalb, weil 
wir einen rignschen Stadtverordneten nicht 
dessen für fähig halten, dass er von seinen Cüllegen 
Öffentlich behaiiiiten wird, es seien auch «einige Streber, dar- 
unter, die zu den aufmerksamsten Zuhörern ihrer eigenen Reden 



Am 10. Febr. ist die <Rig Ztgt.i Öffentlich auf das Datum 
der Zuschrift und auf ihr Versehen im Unheil über dieselbe hin- 
gewiesen worden (. Rig. Tagesbl. Nr. 86). Sie hat trotzdem kein 
Wort der Selbstberichtigung fallen lassen. So wurden wir ge- 
nöthigt zu rt:ik'i). dünn Sduveigüii hiesse der Bedeutung der iRig. 
Ztg.« nicht gerecht werden. 

Die Red actio n. 




Heft I, 8.7, Z, 14 I. Wie] horaki it. WflgmrikL 

3 28, au, Z.87, S I. Tju t sclie w st. Tntschow. 

3. 42, Z. 19 u 22 1. S U » j R 11 s l 6t Iltwjaiuk. 

3. 50 Z.aaLHaaihäk st. MMtbtila. 
Htft 3, S. 125, 13UB. 11, IS Lflolowiniki-Pnup. it. Golnbinski I'r. 

S. 1SB, Z. 2 1. Kid de it Uadlofl. 



Aoikmcdjo qaujpv». — Psieu, l-ro Mapw 1BB5. 



Die wildlebenden baltischen Säugethlere. 





tlii;lifi Zill 



titr/irlii][i; : 'i'!i ihr vvr.-Hiii'dtiiii-ii Siämlc und N'üi imulii älen, zur Prü- 
fung der Stellung unserer Provinzen zam Heidi and den daselbst 
ivuhiu'iidwi Xin-Iitiii'n, ziii' VeriLüfuiis in ilii' Jieeht stiege und Ver- 
füssmiK. nur K'hrli'giwg von Handel und Wandel und u^ui-wi-sen- 
;üi:iti]i-:lieii Fragen u.a.m. erwecken, sondern auch, ttvmijdndi 
vielleicht weniger ^U^meiii, ein intensives Streben erzt-eyen, die 
Naltir res[i. ilie X;itiii'ärosi:liii;iit« unserer biilü.-dien Provinzen 
gründlich und vielseitig kennen zu lernen. Strebsame Vereine und 



2T0 Die wildlebenden bdiltlsplien Säuget!iiera. 



würfe. Jeder gebildete Balte dürfte daher mehr oder weniger in 
den Fingen unserer Provinzialnolitik, unserer jrtdt'itli nieten Kirche &c 
gut zu Hanse sein; aber auf welche Formationen des Bodens sein 
Fuss tritt, vmi welchem l'dan-^emeichthüm unsere, lleimal Zeugnis 
ablegen kann, welch« Thiere hier hausen, welche erdulden, welche 
schonen, welche derselben «r duvehans vernichten mups, weiss viel- 
leicht nicht j«d«r 7.11 sagen, dürlle nur wenigen näher bekannt, sein. 

In geologischer Beziehung vermissen sogar ausländische Fach- 
männer streng wissenschaftliche iimfussn ti de Arbeiten, wie 
viel mehr das srtdiiidete hiesige i'u'nlii-uiu ein iiujiuliLr gehaltenes 
Uebersichtswerk. So schrieb mir der berühmte Goolujn; Dr. K, Th. 
Liebe in Gera vor einigen Jahren hierüber : • Das genaue Studium 
des Diluviums zwischen dem rigaschen Busen and dem Weissen 
Meere ist für die ganzen jetzt schwebenden diluvialen Fragen von 
grosser Wichtigkeit ; icli finde leider in der Literatur gar nichts 
darüber.» Grewiugks treffliche Geologie von Liv- und Kurland 
reichte zu wenig nach Norden hin, und desselben ausgezeichnete 
geognos tische Karte Liv-, Est- und Kurlands, wie die Arbeiten 
Fr. Schmidts sind dem Herrn Professor Liebe vielleicht damals 
noch unbekannt gewesen, oder genügten seineu genauen Sncdal- 
sl.inlien nicht. Das Archiv für die Naturkunde brachte sonst mehr 
oder weniger nur Fragmentarisches. 

Reichhaltiger und zugänglicher dürfte die Bearbeitung unserer 
Pflanzenwelt sein. Ausser hervorragenden S|>eoinlavl>ekeu, wie 
Dr. G. Drageudorffs Beitruge zur Pomologie, Girgerisohns Lsub- 
und Lebermoose ttc, stehen allen wissensdurstigen Pflanzen freunden 
das umfassende Werk von J. ti. Fleischer II. Aufl., Wiedemamis 
und Webers ausgezeichnetes iluch der nliimcrii^iimisciien tiewächse, 
und jetzt Job. Klinges Flora F,st-, f,iv- und Kurlands (1MS3) und 
seine vortrefflichen • Holzgewächse > zu Gebote, 

Zum Ausbau unserer Heimatkunde fehlen allerdings noch 
viele Steine, und unter diesen auch ein wichtiger Eckstein, d. h. 
eine durchaus populär geschriebene fJebersicbt unserer Thierwelt, 

Formen oft und vorzugsweise in Kurland hochinteressanten Mit- 
bewohner auf baltischer Erda. Ein grösseres Werk wird nicht 

schnell gcseliitlfen und h'issl wahrscheinlich noch lange auf sich 
warten, aber Zeil ist es, dass nach Kräften in populärer, beleb- 
reuder Art ausser dein Vorhandenen noch mehr, stückweise, Material 
'iisaiiiineiijjebraclit und verölten Hiebt, wurde , um inzwischen die 



Die wildlebenden baliisclmi Säugethiere, 271 



Kenntnis untrer Fauna, namentlieh der höheren, zu erleichtern 
n ml allgemeiner zu verbreiten. 

Audi Unsere baltische Ciillaveiuwickehiu:; Ull i I i'.ilturgeHchichie 
ist wie die eines jeden anderen von Meuchen bewohnten Lailrt- 
Striches abhängig genesen vom allgemeinen Schwerpunkt der 
Mcnscliheitsentwickclung , welcher so treffend vom mosaischen 
Gebot: .Du sollst herrschen (Iber die Erde, bezeichnet worden ist. 

lieber Theil jenes mosaischen Gebotes sei, ja so wesentlich, ilass 
man mit Zuversicht behaupten künnc ; je intensiver diese Herrsohait 
bei einer Nation entwickelt und vorbanden sei, um so lieber stehe 
ihre gesummte Cultur ! 

In den sogenannte» Urzeiten, aus denen noch keine fest- 
geformten Sagen oder irgend welche nähere und sichere Kunde 
von der Existenz des aus ! > l;iiill'ruiL'j:;n-.-l.L'ii oder sonstwie nach- 
gewiesenen Jagd- n.äi-i- J'Wherei menschen zu uns dringen konnte, 
wurde diesem innerlich berechtigte, äiisseclich gebotene Herrscher- 
trfeb über die grösseren Thiers nur durch List und rohe Gewalt 
betbBtigt, durch das schon nngslose Tönten (mittelst Steinheile, 
Kuuclieiisueiirsiiilztiii it.) der zum Unterbilk absolut iml hweudigcii 
oder durch blutgierige llanbsucbt gefährlichen Thiers. Später 

darin zu erweisen, dass mit milderem, iiiii.ieiii.igi-i.nii Sinne Heran- 
ziehung und Zähmung der brauchbar erscheinenden höheren Tliierc 
eifrig betrieben wurde. 1 Ii: i- Hund gesellte -ieh I i eiim sain leistend, 
seltene Treue bis zum Tode bewahrend dein Jäger zu, dessen 
Hütte bewachend , die grossen llanbtbicre nächtlich abweisend. 
Rind, Reutliier, Schwein und andere Säuger, iu sehr viel jüngerer 
Zeit auch das Huhn und sonstiges h'aselvolk wurden mit Kunst, 
Geduld und einem gewissen Verständnis ihrer um abringenden 
Eigeiiihuiu'.icbkeiten in den unfreien, aber sättigenden Dienst des 
weit überlegenen, Vortlicil begehrenden Meii.idicn gebracht. 

Aber weder die rohe, todbringende Gewalt, nueh auch die 
einfache Ausnuticiiie; des gc/aniaieii lebenden Thieres konnte die. 
Herrschaft der Menseben über die Thicre als eine gottgewollte 
und schon vollendete manifest! reu und besiegeln, sondern die wahre 
und - vorgeschriebene Herrschergewalt bedurfte höherer geistiger 
Mittel : der Thierkunde, der Tluererl'orschung, d. Ii. der achten 
eist in jüngster Zeit, d. h. seit nahezu 



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wildlebenden b;iUistlie 



ystematisch geordnetes, grhnd 
unserer Mitgeschiipfe der lit 
in edler, menschenwürdigster W 
tir das gesaramte Thierreich 



Da über die Vornehmsten der Tbierwelt, die dem Menschen 
»in midisten stehemh-ii Siiiigi'lhiere, noch keine alle einheimischen 
Sauger umfassende Arbeit specieU dem baltischen Publicum geboten 
worden, dürfte der nachstehende Versuch einer schlichten Vorfall. 

ziemlich zeitgemilss sein. Fast fürchte ich, dase vielen sons^ hoch- 
gebildeten Lesern der «Bali Monatsschr. . manche der ku erwäh- 
nenden Haarthierarten nicht einmal dem Namen, geschweige denn 
d-.'iii Ansehen nach bekannt sein kenn (tu. so besonders in den 
• düsteren i Abschnitten über die Fledermäuse und die unterirdisch 
lebenden kleinen Nager. Herrscht doch sogar über die artliche 
Einheit unserer groüsteii Ja-dthiere noch hie und da manches ori- 
ginelle Dunkel. Das scharf beuliach leinte, kritisch unterscheidende 
Äuge des Forstmanns und Jagers glaubt oft den rein individuellen 
UnterschiedsniDineulen eine Sit 



rückt erschien, von einfacher 
die gedankenlose Aeusserung 
< kurzbeinige. Gattung, und II 
frosten oder nur dünner Selm 
fende. Bemerkung verlaatbarei 



DigilizM ö/C 



Die wildlebe i 



von der ihochbeinigen. Art. Diese Leute berichten solche scharf- 
sichtige Beobachtungen ihren Herren, die vielleicht keine .Tager 
sind, keine Elche selbst sahen und ihren sonst wahrheitsliebenden 
riilereebenen gern Glmihen schenken. Die Herren erzählen dann 
das Gehörte den Nachbarn - und siehe da ! plfltzlioh Wucht in 



niger, letztere mehr bräunlich und kurzbeiniger sein, 
aind weder die Anzahl der Eckenden, noch auch die 
Schwere des Geweihes feste, unwandelbare Merkmale 
Jahre, eher schon die Tendenz, Schaufeln zu bilden, 
urwüchsigen Forsten wenig gestorte Hirsche haben 
Hache Schaufeln, eine, etwas rothlichbraune Stützung 



vürde, wie solches die Thier-weit 
thun gezwungen wurde, oder wie i 
:ite Ausrottung der Arlgeuosstm 1 
<ere grosseren Waldsäliger stehen 11 
n zur Ranzzeit, zur Brunst bekann 
daher stets mit frischem Blut, kor 




Digitizod t>y Google 



274 



Die wildlebenden baltischen Säugetliiere, 



Schnee gleichsam einher -■- ja dann erscheint er allcnliiifrä sehr, 
sehr kurzbeinig und könnte aucli mit so .kurzen» Beinen die 
wi-iw Iieise iiiiä Pulen nicht machen : das seien echte Livländer ! 
Unter den Namen: Birk- und Brnudfnrh.-i wurden früher sogar in 
Lehrbüchern zwei Arten Füchse nach der Farbe aufgestellt; beute 
uui;li eiscliiil-'eti viulo Fürst :eute und Jäger je nach der Filrbung 
und liriisse. der Füchse viele Abarten. — Ebenso zerfiel der Luchs 
in : Kalb-, Hirsch, und Katzluchs«. Die ersten sollleii einfaltig 
ihaseniri.'llüdijrrim», gross un-1 ilcischi!? sein und nicht zu Baum 
steigen, die linderen seien ibttdich, mit deutlichen, schwärzlichen 
Flecken gezeichnet und sehr schlanken Leibes, auf hohe Beine" 
gestellt gewesen, während die letzten auffallend klein, meist stark 
geikckl, sehr leicht liäumend uinl oft gesellig erschienen. Mit 
allein Rinst..: und sehr grossem Eiter LI : n L liucli grosserer Sicherheit 
horte mau so oft eine I.uohsniumn ais KaiSiludis von ihren zwei '/.jäh- 
rigen, sie begleitenden Jungen, deu vermeintlichen Kai /.luchsen, 
c, u erb: t! lieh trenne::, obgleich sie zusammen gehaust und den Tod 

gefunden hatten. Dass Luchse 2—3 Jabre zum Erwachsen 

brauchen, scheint den meisten Fdrsleru unbekannt zu sein. Hirsch- 
luchse wurden aiitlallcndcnvcise nur im kurzen, nithlichcn Sommer- 
hitiir erlegt. Kehlte alier die Mama einem jährigen Luchse und 
hatte er das Unglück, allein betreffen zu werden, dann war der 
ciinumsT.usslii.lie Heweis> für die Katzluchsexi Stenz erbracht I — Anch 
die Hasen sind oftmals unbarmherzig in diverse Arten zersplittert 
worden. Zwei Arten Holzhasen {Upas variabilis) waren bald fertig 
hei gestellt : eine grössere, früh weiss werdende (ältere Indiv.) und 
eine kleinere, sich spät ausfärbende, weniger schön wollige Art 
übrige). Der .Littauer» zerfiel wiederum in: dickb.idige 
Wiiidliiiscn und si'il/k'i|.!i.:e Fhedieiilu^ciu sugar s|ieeielle Moor- 
tmd Sandhasen, erslere dunkelfarbig, letztere gelblich, sollte es 
Selen. Einst he-rte ich einen allerdings nech ganz jugendliche:! Jäger 
mit wichtigen Ernst sagen: .Es soll aber noch eine irt, den 
.-Si.biillhasetii, geben; ich selbst habe ihn leider nocli nicht ge- 
funden,. Der verstorbene Professor Assmuss in Dorpat legte 
uns Studenten einst eine merkwürdige Serie von 40— Sil Haseu- 
keiil'ett (VOLL l vulgaris) vor. Da glich zum Verwechseln auch 
keb einziger k"o]d' dem anderen, alier sehr erhebliche I >i!tcre::/.<-u 
waren augenfällig. Wer nur nach geringen Abweichungen neue 
Alten oder i."n letzte]] ;'.u l'^u.-t i -1 1 1 -:i geneigt. Gewese:, wäre, kannte, da 
gegen 20 neue Arten auffinden. — Auch unser Liwdbiir wurde stc'.s 



Die wildlebenden ball beben Sflugetlriew. 275 



in : Aasbftr, Riugk ragen bür , schwarzer, grosser , kleiner oder 
Ameisenbär artlich zerleg' und flott «benamset'. Neue Arten 
entdecken macht leicht und rasch berühmt ; das zieht, das reizt zu 
immer neuen Arten spalterei eil. Verschiedene .Färbung, Grösse, 
Gewicht, Schlankheit oder Feistheit sind aber nimmer artliche Er- 
kennungszeichen, sondern rein individuelle, von Alter, G'-schlccht, 
der Jahreszeit, der Nahrung, Gesundheit, dem Standorte, der Ruhe 
oder Ruhelosigkeit mehr oder weniger anhängige. Heber divergi- 
renden Wuchs z. B. schrieb Middendorff speeiell Nachstehendes : 
tWird wahrend der Hauptzcit des Waclisthuins etwas an Nahrung 
versilumt, treten Erkaltungen, Diarrhoen u. dgl. m. andauernd ein, 

so lässt sich die Versäumnis spater nicht wieder gut machen. In 
diesem Umstände hauptsächlich haben wir eine notbwendige Vor- 
bedingung der Verschiedenheit des Wuchses auch der wilden Tliiere 
zu suchen.» In der ersten .Tugend und auch noch in der letzten 
Giitwii-!i(:!i]!!gsi!i':-ifl'.le treten ferner durch lüsse , zufällige Ver- 
letzungen des Gehirns oder des Rückenmarks, durch Ausschlagen 
bei Pferde- und Hirschartcn &c. derartig gewaltige Störungen im 
Organismus ein, dass das betroffene Thier gänzlich in der Fort, 
entwickelung zurückbleibt, wie ein Junges, oberflächlich betrachtet, 
aussiebt und doch schon alt wurde. Das ist bei Baren, Wild- 
schweinen, Wildpl'erden £c licobachlet wurden. In frühester J-.igejn! 
der sorgenden Mutter beraubte Junge entwickeln sich nur 
selten vollkommen, bleiben zurück und weichen von ihresgleichen, 
iiclivitimd], iilitsr ütl viid/iitiH;;. stark ab. Man vergleiche einen 
in idealer Wildnis Sibiriens lebenden und einen in engsten Cultur- 
lüudereien Frankreichs sich kümmerlich durchschlagenden Itehbock, 
oder ein polnisches mit, einem englischen Feldhuhn ! Das ergiebt 
gewaltig grosse, klimatisch-geographisch erzeugte Fnlei'iduwle, 
aber kein Haarbreit Materinl zu örtlicher, wissenschaftlich begrilnd- 
barer Trennung, obgleich ein Unbefangener vielleicht an eine be- 
sondere Riesen- oder Zwergrehspecies denken würde. 

Mancher hochgebildete Züchter oder Thier freund mag hierbei 
an die verführerischen Darwinschen Theorien denken und erblickt 
in localen, vererbten oder sonstwie entstandenen Abweichungeu 
innerhalb tiiurr noshji-u; unzweif^iiall fest besumr.iten Art bereits 
Andeutui.^ei. Und bleibende . forUaclisesde Veteriiungsi::cuie',:U' 
iur kunltiger. Aitlheiluug. den kuur-i merklichen, aber s-bou wesent- 
lichen Anfang einer neueuls«'j>lir:i:lrii Tlr.e rforni ! Wir wollen aber 
einstweilen n.cht Spekulation ubd ignoie. Thuine in die Betrachtung 



376 Die wildlebenden baltischen Situ gel liiere. 

zwei anecknnme Aiittiiitalen reden zu lassen. Der verst'nhene 
Zoologe J. H. Blasius schreibt im Vorworte seiner .NstargüscMchte 
iler Siuigci.hiero Deut sohl iiuds, : «Eine begründete Vorstellung der 
Art ist nur auf dein Wege siirgfallk'er. anschaulicher rntersuehiiTig. 
nirlit durch allgemeine HcRritl'n zu gewinnen. Ausgedehnte Unter- 
suchungen haben in mir die Ueberzeagung befestigt, dass trotz 
allem Schwanken in Einzelheiten die _\'atur uuühemicgene Grenzen 
zwischen den verschiedenen Thicrarten festhält, dass in jeder 
Thierart. eine abgeschlossene, selbständige Schöpfung bestellt. 
Vielfach abändernd kann die Aussen weit mit ihren 'vielfach 
abweichenden Einflüssen »nf die selbständige Einheit der Art ein- 
wirken ; aber sie kann dieselbe nicht vernichten. Eine Art geht 
weder durch einen allgemeinen Umwandln ugsprncess im Sinne der 
vergesseneu Naturphilosophie, noch durch bosnudere Umänderungen 
in eine andere über. Es ist eine wichtige Aufgabe der Zoologie, 
sich von jeder Abweichung innerhalb der Einheit, der Art Rechen- 
schaft zu geben ; es widerstreitet aber jeder ernsten Forschung, 
in jeder solcher Abweichungen eine selbständige Species ei ldicken 
zu wollen. Nur wo scharfe Grenzen in der Natur vorhanden sind, 
halte ich die Arten für berechtigt; wo die Charaktere in einander 
übergehen, ist, jede s|ieciiisdic Sonderling unmöglich.! 

Der geniale Forscher Middendorü", den wir mit Stolz den 
unseren nennen dürren und der mit vollem Rechte als Führer 
einer besonderen zoologischen .Schale, bezeichnet worden ist, er- 
klärt in Bezug auf das soeben Vorliegende, nachdem er mancherlei 
Über diverse geographisch-klimatische Abiinderun gen geschrieben 
hatte: .Nichtsdestoweniger ist aber bei weitem die grünste Zahl 
der lebenden Arien .«dir fest und scharf begrenzt alle diese ver- 
schwimmen nicht unier einander, sondern sind durch Klüfte von 
einander gel.rennl, über welch« gar keine verbindende Knicke führt. 
Arteuspaltcr wie Arteuhalter, i. h. die praktischen Zoologen aller 
Farben können deshalb nicht umhin, sich einstweilen in einem 
Tiul'zl iiinduis.se gegen Darwin zu befinden, der, selbst ein Renegat, 
211 den sperulaiivcri Zoologen hinübergegangen ist, indem er seiner 
TriiusinHtat.iousthrorie die Fähigkeit der Alten au Grunde legt, leicht 
und stark abgeändert zn werden, eine Fähigkeit, welche erfuhrungs- 
m.issig nur wenige Arten vor der grossen Masse auszeichnet. > 

Mit Theorien hat sieh die Naturphilosophie zu beschäftigen 
und damit zu rechneu, aber ein Lehrbuch, eine Naturgc-chidiic 



Dl 1 Ii:l'"J Cy Cl 



milssle die GesamiiiUrlieil einer jr^oiidet I mi SniiUiinissjihiin; 

filr sich ausmachen, sollte aber ileu rteissigeii Sammler, den pein- 
lichen Terminologen, den scharfsinnigen Biologen, den gründlichst 
vergleichenden Anatomen einstweilen nicht in Anspruch nehmen, 
darf ihn bei seinen Aitfcst Stellungen nicht unnütz verwirren, so 
verführerisch und lesselnd geistreiche iinlnrphikwtiihische Abschwei- 
fungen aucli flir den strebsamen Praktiker zu sein pflegen. 



giltig auerkann 
i, unbedingten ui 



chten form hiin'iscSiiicb 



n Anglist 



knug theilen sieh zwei Gelehrte: der Dr. \V. Uaacke, ein 
Deutscher, und der Engländer W. H. Cahlwell, aber nicht In gleiche 
Theile ; denn wahrend Haacke über dieses wnnderbare Factum nur 
für die eine Art, F.chid,,«, unter dein 2:Y August belichtete, konnte 
Caliiwell solches für beide Arten nach selbständiger Forschung 
bereits am 29. August telegraphisch melden. 

Den Namen hat diese vornehmste, hiiehst orgauisirte Thier- 
klasse von der Fähigkeit seines weiblichen Geschlechts erhalten, 
Milch zu erzeugen und in ■fa^sliclist.tn-. Weise seinen Jungen als 



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getragene Hals ist ausserli 
Thierea haben immer eine 
Aller, zuweilen auch schon 
gänzlich nackthaotlg ; ei* 
Arten können diesen Bim 
Ohr fehlt immer. Obgleh 



BommerqnarUere oft sehr weit auseinander liegen. Für unser« 
n.-i^i'iirovmzen haben sie wenig Bedeutung, da nur eine einzige 
Art ständig an unseren Küsten und den sjrüs seilen Fliissniiiiidiiiigei) 
bemerkt wird und Grosswal« kaum in hundert Jahren einmal bei 
uns zu stranden das Unglück hatten. 




stehen. Das gilt nicht nur von der Geschichte unserer Erde, dei 
darauf wohnenden Menschheit und deren Stantenbildnngen &c 
sondern mich iti hohem Grade ^y^i.-icll von dei Thicnvelt, in casu 
den Haarthieren. 

Den geehrten Lesern der .Halt. Monatsschrift, muss ich aber 
von vornherein bekennen, dass ich in der Paläontologie kein Fach- 
mann, auch nicht einmal Dilettant bin. dass mir daher das in Ur- 
zeiten Gewesene .sehr weui- bekannt isl, dass ich kein -esUidtes 



wissenschaftlich gründlichsten 
oiessor Grewingk in Dorpat 



280 Diu wildlebenden IM tischen 8augethiert 



in diese] 1 RichUmg so viel gearbeitet, gesammelt, erforscht, zu- 
s;n>niiPiif^ff=f eilt, nml veröffentlicht, wie es einem einzelnen Manne 
immerhin nur möglich gewesen sein dürfte. Auf die unerkannte 
Autorität ilcs Hin. l'röfi'Ssiirs gestutzt, will ich denn nun getrost 
versuchen, an dieser gebotenen Stelle eine kurze Uebersicht unserer 
ausgestorbenen baltisehrTi Siiuger zu geben. 

1. Das Ma mm ulh EU /,1ms primigtmus. Boss. : mumohtt, (<»n- 
nioii(). Lett. : mamull. — Ks ist bekanntlich ein bereits vor undenklich 
langen Jahren völlig ausgestorbenes liiesentliicr gewesen, welches 
dem Eh-jdiauteti ähnlich, nur bedeutend grosser und mit einem 
dichte», ca. zwei Fuss langen Hiiili-iu-I/h bekleidet, audi mit Stark 
gr kranialen, gegen TiC I Fuss hingen Stoßzähnen versehen war. 
ViillJläinligc Skelette, ihis ganze Fell Und auch Weicht heil res t.« 
erhielt die Petersburger Akademie aas Sibiriens Eislelderu, WO die 
kolossalen Leiber, in Eismassen erstarrt, nicht in verzehrende 
Fäulnis iiliergt'jrnr.gr'ii waten. Die werllivulleii Stoßzähne bilden 
noch heute einen wicl.tievn Handelsartikel ans jenen öden Gegen- 
den. — I» unserr!) drei Provinzen wurden mir Krindieiifrn^iiletire 
und diverse Zahne gefunden. Im ganzen hat Prof. Grewingk zwölf 
Funde m]£e_T , :ir)]. als : Zahle! h-A licvnl. ilaler Neii-1 senhut, Stiudeu- 
liof (Pakt). Merizen im Kirchspiel Harjcl, Lihgat ( Paltenial), in 
der Oger bei Ogersliuf und in Endeidnd' bei Dubl™. feiner Knochen-^ 
stiieke heim Hurlneeksee. unter Krinhcn iGriihiiisehe Hnuptmann- 
sohalt) und linier Alleiiburg ;ilasenpoth). Das Miimmntli scheint 
demnach ziemlieh gldcbuiässig über die baltischen Lande und in 
nidil ganz geringer Anzahl verbreitet gewesen zu sei». Man 



Elephanten. Es soll sich von Kiefernzweigen resp. den Nadeln 
und Jung tri eben derselben genilhrl. haben. Den Namen erhielt es 
von den 80—40 büschelförmig aus einer Wurzel euts» rossenden, 
reichlich 1 '/, Zell laugen Maare». In Itnsshiud und allen grösseren 
Fln^ebieieii Sibiriens fand man viele und zum Theil sehr gut 
erhaltene liestc dieses plumpen Viellulfers. - Bei uns ist ein 
Oberschenkelknochen unter Rmgmttndshof au der Swenge unweit 
der Eisenbahn gefunden worden. 

;(. Der Ur oder Auerochs. Jlos primir/r-niim irre tinis. RUSS., 
pol», und lett.: tur. Estnisch, nur in Alienlaken: /wirus [finnisch: 



Die wildlebenden baltischen SttngetMere. 281 



üirvas?) Die Ortnanieu : Turkaln an der kleineu .Issel im rigasclien 
Kreise, Tarwäst, Tanroggen, Tauerkaln , Tauresiuirwis &e. sind 
mit dem «Tor. (griechisch = teure*) jedenfalls in engen Zusammen- 
hang zu billigen. Dieses oit verkannte und verwechselte Wild- 
rind ist erst, im 17. Jahrh. als völlig ausgestorben zu betrachten. 
Gratiaiii seil [mich Brehm) noch lliüll echte Lire im Thiere;arleu 
zu Kunijriijeri;, wie aurh gleichzeitig Wisente geseln-n haben. Bin 
alles Oelgemalde zeigt, dass der iTOM schwarz, nur am Kinn 
lichter gefärbt, mit grossen, nach vom und schließlich aufwärts 
gerichteten, an der Wurzel lichtgrauen, zur Spitze bin schwärzlich, 
grau gefärbten Hörnern versehen war. Der Kopf war gross, der 
Nacken stark, aber mit einer nur kleinen Wamme aus-est.ilt.et. 
Viui. Giewiu^k idoht !? hunde in Livlund uinl Kurland auf und 
zwar: unter Wastemois; bei Werro; unter Eopenhof; im Rinne- 
hiigel ; unter Sc!ilecks-A laiushof ; bei Wii.dau; unter Allasdi uinl 

4. Der Schaf- oder Moschusochse. 0r&<>3 ntosekatus. Ist in 
linrena schon in sehr frühen, vorhistorischen ( V) Zeiten völlig aus- 
gestorben, während er in Amerika, nuuieiillieh Midi in Grönland, 
bis hinter dun Wi" nördlicher Breite 'nordwärts; in die Sduice- 
ws Ii inis.se (.•niliiLir;t 1 mich heute in den unwirthlichslen, meist ber- 
gigen Gegenden, sugar bis unter 81' 3S gefunden wird. Das 
fleisch älterer Thiele hat einen, wie der Xame sehoi andeutet, 




merkwürdigen, die Mitte zwischen öelia.f und Wildrind haltenden 
Tbieres gefunden worden sein. 

5. Der Wisent. Bus prüeus s'wi Bison. Ritss. und poln. : 
subr. Lett. : iumliti oder jubbtä (als Gesindesnaine gebräuchlich 
z. B. unter Wiexemhof: SDJrj. und 3sun lieber). Ob in der est- 
nischen Riesenschlange als tmtU härgt (Waldoclise) der Wisent 
gemeint wurde, bleibt fraglich. — Dieser meist fälschlich .Auer- 
ochse genannte, sehr st.iiltliche Wildslier bewohnt wildlebend nur 
noch zwei tiegeudeu dieser Erde: durch kaiserliche Gnade und 
Befehle gfselmiKi um; von zahlreich«!! (''orslliciiuiieu Imw.-tciii i;u 
ßiälowieszer Walde des gi u luieid.cn Giuivcrueaienls, und hoch im 
(Jebirgswalde des Kaukasus, woselbst seine Existenz erst in diesem 
Jahrhundert entdeckt Und die Artgleich Ii eil mit dem liiulowicszer 



winde liisli,T nur miliT M^wn (Kireh'piel Hm-jeli ein Hunizapvii 
des Wisent Kt'lunilfii, s.inst nur n>;iii|uaitii,i'e Reste. 

Ii. Das vorliiatorische Wildpferd, Eguia fossilit, ist 1872 im 
Wirsmikiilk von Ktimla ermittelt worden. Prof. Grewingk ausser! 
sich iiln'C ili.-si-n l''uml, wie folgt : <Das Vurkomini;!! der T'ltirdere.st.e 
im \Vi(wi>iiknlk und di>: Nii!ie der Ueitvt-sti', nie sin rlnr KiimhuT 



liivliiinl uir'iisiils in i;i-iis-i'V Amahl uTliaiist., sundeni mehr nur 
BporadiBoh, auch soll es bereits vor dorn Ur für immer verscliwim- 
di-n ui! Wilson sein. Für unsere Provinzen sind Ö Funde ver/eklinct 
worden, als : unter Neu-Kainen ein vollständiges Gerippe, 12 Fuss 
tief im Torfmoor; unter Serbigall Schädel mit Geweih, sehr gut 
erhallen; unter Konto zwei Mal, und schliesslich unter Wolgoad 
im Kii'L-lisp. MiiiHi-iliLlliin^eii ein Skelett. In dun Citli.ur.-iiiikhtr)] 



dem Damhirsch beigeh 
t geworden, in Livlan 
;el, während im milde 



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Die wildlebenden baltischen Säugethiere. 233 



Jahren der sichere Fuml eines Edelhirschgeweihs: aus einem liv- 
L Li. 1 1 ■- 3 L ^ 1 1. ■ J 1 Trji-1iiiiii.it- mittet heilt wurde, doch weiss mein schlechtes 
Gedächtnis heute darüber nichts Näheres mehr anzugeben. Das 
hochinteressante mitauer Museum besitzt sublbssile Hirschgeweih« 
in vielen und schonen Exemplaren. Sollte vielleicht ein directer 
Itiicksclihtss über die einstige geographische Verbreitung und 
Häufigkeit des Edelhirsches nach Estland resp. nordwärts hin aus 
der Anzahl und Oertlichkeit dieser Luinde erlaubt sein? Darnach 
hätte i-r in I'lsi.liiüil niii^iir-lii'i- U'i-;m- nieucils ^i-]i,tus( ? In diesem 
.Talirhuii'l'Tt ,.vicllcidit noch inihei! h;it mau nach Kurlamt Edel- 
hirsche ans Deutschland in Thicn.'nrteti verset/i. woselbst sie gut 
fliehen und sich geTiop;end veiiuehi-t. haben sollen. Hellte Horb 
wirrt in eiuem selchen eine ziemlich bei. rächt Sicht; Anzahl Ertel- 

9. Die Sattelrobbe. Phoca groenlondiea. Diese zu den klein- 
sten Scchundsarten gehörige liobbc lebt heutzutage nur im höchsten 
Norden, uameiitlieli in den Giöiilunilmeereii. etwa vom G7.' an, und 
kommt nur sein ausnahmsweise, eigentlich nur verschlagen an die 
Küsten heran. Nach ürewiugk wurden uns den Cultui-chichten 
des Rinnehügels drei Kief'ei- und neun Zahne iieraiiSLre^ruben. Dar- 
nacli müsste diese Nord meerrobbe zu jener Zeit (etwa vor 1500 J, ?) 
eine durchaus andere Lebensweise geführt und nicht nur die Ost- 
see, ein Binnenmeer, bewohnt haben, sondern auch weit in die 
Flüsse hinauf gestiegen sein (?). 

10. Der Narwal oder (las Seceiuhorn. Slonodon mtmoecros. 
Auch dieses Thier bewohnt, seitdem es genügend bekannt ist, d. h. 
seit vielen Jahrhunderten, die Eismeere des Nordens, nach Brehm 
etwa zwischen dem 70. und 80. Grad n. B. Ein Zahn ist aus der 
Abau bei Zabeln in Kurland gehoben worden. Sollte die Mög- 
lichkeit ausgeschlossen sein, dass dieser einzige Restfund nicht 
auch zufällig durch nienschlidicn Transport und luv.. Verlorengehen 
dorthin gelangte, und dass der Narwal die Osts«« niemals bewohnt 
habe? In früheren Zeiten knöpfte sich ms dieses Thier resp. den 
Miusszaiin desselli.'ii vielerlei Aher^iauoe. Iii: if'O uuei-.-ch will. Hieb 
theuren , angeblich miiüliiii-t-' Wuinb'iviireii Kaiibt-ruden 7/ihnen 
wurde ein schwungvoller, weitgehender Handel, sogar bis nach 
Moskau, China &c. getrieben. Vielleicht warn es richtiger, einst- 
weilen den Narwal nicht unter unsere ausgestorbenen Säuge- 
thiere an fzu nehmen ? 

11. Das Wildschwein. Site acrufa feras. ilnas, : Annan cnniiMt 



cstniirlieu K-^vi^^ wird audi die Hewj^.l auf den 
wilden Uber, W,n/;>, wedblidi icwis», beschrieben. Für Livland 
hat J. L. Fischer in seinem .Versuch einer Naturgeschichte von 
Livland. 1TTS das Wildschwein nicht mehr als einheimisch auf- 
genommen; Fischer schreibt aber 1784, dasa es zu sein« Zeit 
zuweilen im Winter aus Pulen über das F.is der Düna ins Sess- 



- Fundstätten (liwixn- Wililsdnveimeste hat Dr. Gi- K \vingk [ürLiv- 
utnl Kurland namentlich :i cunstuliu lind zw.ir : eine nberlialb Duijints 
am Einbach, ferner eine bei Suhrs in Kurland, Haupt man nsclmft 
Pilten, uml si'hfeslirh am Buitiivi-ksee im RimiehiisH, \\u unter den 



frubru-lobjie V Ob das luttische .ffn1«ii«(ühji»" wirklich allein- 

aiis<;i-]iiiirlit sicher XU sein ; es sull nocli im Wuhtiursi'tM'ri jjebraneh- 
lich sein, auch hürt man rigasi-h« h'Huliweiliei' diesen Ausdruck 
als Sdiiiiiiil'ivurt brauelicn. Haren kratzen gei'iie im A meiern !iü Uten 
nach den Milden Hiera) umher, vom Vielliass habe ich solches 
nicht gelesen uder gehiirt. In Livland wsr ausserdem der Vielfrass 



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wahrscheinlich niemals sehr h 
Tliier, (las in Lirland selten, i: 
ist». Dr. Grewingk giefat fflr 



, Kurland aber hantig 
einen Fand im Rinne, 
i des Gllln, Rutimeier 



Miecliow erziihlt von seinem Vorkommen in den imgi-eiiür'mltüi 
Gegenden Littaaens. Weiter südlich im Bialuwieszer Walde ist 
seine lisistens in spärlicher Anzahl von Fachmännern noch für 
unser« .l.-UI/fi[. mi^wvil'tilluli Icsijjt'strllt. worden. In Kkmulinn- 



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28(1 Die wildlebenden baltischen SiHigetliiere. 



Fiichseii miil Manlcrn vorkommt - sich ganz wohl list nülireu 
können, dürfte nur gemuthniasst werden. Der Ritsch Wächter des 
(icrkiin-Reviers bat iliii eine Woche gespürt und öfters vnrsfiili!ith 
zu kreisen gesucht, allein dies bis zum genannten Tage nicht sn 
zeitig ausfuhren kihmen, um mir Xaehrieht rechtzeitig geben zu 
können, weil sein Revier 18 Werst von der Smikensdien Forstei 
entfernt liegt. Am 0. hatte er aber im Glauben, dass die Fahrt» 
lies Raahi.liieirs liii- eines liii^se], J,ueli-es sei, schon lim sieben ilbr 
Morgens das Einkreisen machen können. An Ort und Stelle be. 
Eächiigte Ich die in die Treibmaat fahrende Fahrte und konnte nur 
sagen, dass sie Meiler vom Wolf« noch von, einem Fuchse herrühre, 
nin'V neblig aii/nsiirii.'IH'ii vermochte ich sie auch nicht, uml der 
Umstand ilus lcalendeii Yuhlerlaufs vereinte uns noch mehr; end- 
lich gab die sofort angestellte Treibjagd das berichtete ganz uner- 
wartete Resultat. Suukep-Foratei, am 10. Oetober 187:'). H. Kade.. 

Das mit einem besc-tiders schonen Pelzt bekleidete Raubtbier 
stellt nun sehr gut ausgestopft im kurliindisehen Museum zu Mitau. 
Dieser denkwürdige Violfrass war 3 Fuss il Zoll rheilil. M. laug, 
wovon auf den Kopf 8 Zoll, den Schwanz 10 Zoll kamen, und in 
der Schulter IV/i Zoll hoch. Es lag nahe zu glauben, dass dieser 
(iulo ein ein/dnes ans dem Biahnvieszer Walde versprengtes Thier 
gewesen sei. welches vielleicht in der RUckerinnernng an den 
schmerzhaften Verlust eines Fasses durch dortige Fallen nahe- 
liegend keine Lust mehr zum Rückwauderu und Aufsuchen der 
gefährlich gewordenen H einen gegeud verspürt hatte. Um so über- 
raschender »er die verbürgte \iiehriclu . di'.ss der seit den letzten 
Weltausstellungen bekannte rigaschc PelzhSndler Grilnwald im 
Mürz 1876 das Fell eines zweiten in derselben Umgegend Kur- 
lands geschossenen Gulo augekauft habe. Der Geschi'iRstiihrer 
des mitauer Museums, Herr Miller Julius Döring, war der erste, 
welcher diese wichtige Kunde erhielt und darüber referirte; deu 
Balg bekam er aber nicht zu sehen. 

Einige Zeil nachher theilte mir der inzwischen verstorbene 
Pelz Ii iin dl er Kriuiwakl unter gefälliger Vorlegung des nicht allzu 
ausebnliehen Felles ungefähr Nachstehendes mit: Im Marz d. J. 
habe er diesen Balg eines erst kürzlich erlegten jungeren Viel- 
frasses von einem un bekannten lettischen Bauern für 8 Rubel er- 
standen. Der Bauer habe im Zwielicht eines Morgens zwischen 
i und 5 Uhr, als er vor die Thür seines Hauses getreten, 
am Zaune seines unweit .lakubsstudt and der Düna gelegenen 



Die wildlebenden baltischen Sftugethiere. 2K7 



(iehuttes ein sdiwarzeä Thier Vfirsicbti^' und hni!;s;im schleichen 
gesellen. Er habe dasselbe Euerst für einen niedrig gestellten Hund 
oder -eine auffallend grosse Katze gehalten. Du ilmi jedoch die 
(iiingart und das [lebahren des iunheinilidien > liesdiii|>t'cs <rar 
zu fremd artig erschienen sei, so habe er schnell seine Flinte ge- 
nommen und das Unthier glücklich besclilidien und erlogt. So weit 
Herrn Griinwalds Referat. — ich fand den linken Hinterfuss wie 
auch gleichseitige Haare in der Weichen- und Rlppengegend offen- 
bar durch eine Falle stark beschädigt. Der Balg mass, ohne 
Schwanz, von der Schnall kg bis zur Schwan /.wumc] nur (il Centi- 
meter. Auch von diesem zweit.en ljulu muss mau aunelimeu, dass 
er aus den grodnosdien Wäldern, ivalirsclifiiiücli durch eine «leichr 
schmerzhafte Vcrleiduu!: dtir Heimat bewogen, nach dem ferii«u 
Kurland ausgewandert sei, denn eine Heise aus dein höchsten 
Norden erscheint viel unmit.urhdier und Li ; i 1 ^ l l 1 > i i i ■ 1 1 i ■ - Es wäre 
nahezu unbegreiflich, wie ein grosseres Raubthier aus Nmilliiihiuil 
oder den Küstenstrichen des Weissen Meeres viele Uultutprovinzcu 
und zahllose mehr oder weniger geon biete Jagdgebiete unbemerkt, 
im verfolgt und ungefährdet hätte passireii können. Der icircum- 
bnreale. Charakter des Gulo lässt viel eher au eine Wanderung 
von wenigen Graden nordwärts, als an eine Uberaus weite Heise 
von sehr vielen Breitengraden in den Süden denken. — Jedenfalls 
Waren aher beide [irgiisic. die wir schwerlich unter die noch jetzt 
bei uns heimischen Willthieiv uiil'ueliuieii kumiteu. Der ViellVuss 
ist trotz dieser Ausnalimen von der gewordenen Regel als ausge- 
storben zu erklären und wird es für unsere Provinzen auch auf 
immer bleiben. 

13. Der Biber, Castor ßber. Russ. und poln. bohr; lettisch 
bebriS i estn. ivbms, im WeiTo-Din-riat sehen imijujn iß); Bibergeil: 
m'ijuja türm. Noch im vorigen Jahrhundert War der Biber an 
vielen Flussgebiel.en unserer I'roviiiwn keine selleue Kiscliehmug. 
in Livland an der mittleren Aa sogar eine häufige. So hauste er 



mann schrieb M)fi: .In Kurland wurde er so- 
ll! den Bächen der DondangeDBchen und Ess 
merkt. Im Revalschen will man ihn nicht bei 
Fischer schreibt bereits 1778: «Seit einigen , 
uns hei weitem nicht so häufig als vorher.» 



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288 Die wildlebenden baltischen Sängtilin^e. 



ist ein sehr fleissiges Thier, dessen künstliche Wohnungen und 
Damme Bewunderung verdienen. • Es scheinen demnach, im 
Widerspruch zu der Ansicht, in Europa hauten sie keine Damme, 
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts doch wirkliche Colonien mit 
regelrechten Dammbauten vorhanden gewesen zu sein, denn der 
gewissenhafte Fischer theilte 1771 mit, dass die liilin^psHlsrliaM.-ti 
im ,T. 1724 ungewöhnlich hohe Damme bauten und die Ueber- 
schwemmungen dadurch in hohem Grade verg rosse rteu, wahrend 
z.B. Drilmpelmann schon 1806 (resp. 1808) berichtete: iBei 
unseren Bibern finden wir dergleichen Kiuisttriebe, sieh Damme 
und Wohnungen zv. bauen, nicht. Sie wohnen hlos in F.nlliiihli'i]. 
deren Eingang von der Wasserseite ist.i Wahrscheinlich baute 
also der Biber in früheren Zeiten, in denen er ungestört sich aus- 
breiten konnte und noch sehr zahlreich vorhanden war, richtige 
Summe. Verfolgt und fortwahrend deeimirt, begann er dann ein 
unterirdisches, verborgenes Dasein zu fuhren. 1724 mag er sich 
noch in sehr urwüchsigen, aber 180(5 bereits in sehr bednlri^t-eii, 
der Ausrottung nahe kommenden Verhältnissen befunden haben. 

Wie allbekannt, sei zu sugcn populär der Biber in dem letti- 
schen Theile unserer Provinzen gewesen ist. bezeugen viele Namen, 
so die Güter Bebherheck und Bewershof; beber-birse, l-dier-uppe, 
bfber-kalns, beberkaJirkle &C. Der Familienname llibris oder Beber 

ist unter den Letten kein seltener. 

Die Apotheke in Fellin bezog noch zu Ende des vorigen 
Jahrhunderts Castoreum aus dem Rujenscheu KirehBpiele und bis 
gegen 1830 auch noch aus Walk resp. der Aagegend des Luhde- 
schen und Trikatenschen Kirchspiels. So weit meine Nachforschun- 
gen solches ermitteln konnten, scheint in Livland vom J. 1818 ab 
der Biber nur noch am Laufe der mittleren Aa einheimisch gewesen 
ZU sein. Nach Driliupelmann wurde in der rigast:!)™ Gegend der 
letzte Biber 1803 erlegt; es seien bei der Gelegenheit aber von 
den Jügern noch andere Exemplare zwar gesehen, aber nicht er- 
langt worden. Derselbe Schrit't.st.clier behauptet, dass die Biber 

hatten, aber gern eguisetam arven&e, Calmus und Schachtelhalme 
verzehrt haben sollen. Prof. Grewiugk hat aufgegeben, dass man 
im Rinnehügel die Reste von mehr als 100 Individuen gefunden 
habe; also war er in jener weiten Vergangenheit an der Salis 
häufig. — Ich bin geneigt anzunehmen, dass die Biber auch in 
Kurland um 1820 herum bereits ausgerottet waren, so dass für 



DU' wildlebenden baltischen Säugethiere. 289 



iliese Zeit als sicherer und einziger Fundort nur die walksche 
Aa^egend zu constatiren sein würde. Es mögen vielleicht einzelne 
Kst-iiiiiliiiii üUi:I: andeisu'o iLmb.'i^eiirl, s.'iu, ducli zweifle ich daran. 
An dem weitest nach Norden vorgeschobenen Bogenliuif der In- 
ländischen oder Treyder-Aa wiiren die besten Bedingungen zum 
):aliiiii'..licn Schutze und verlängerten Ausdauern des allgemein 
vertu! eleu, wehrlosen Thieres vorhanden. Der stattliche Aafluss 
Strömt in dieser Gegend über 50 Werst weit fast nur durch ein- 
same, nr waldartige, grosse Foi-steü und mit Weidenge3trüpp ver- 
sehene Wahlwiesen ; die fünf oder sechs spärlich bewohnten An- 
Siedlungen und wenige Kill iren geholte am Flussufer konnten der 
Wildnis ihren urwüchsigen Charakter durchaus nicht streitig machen. 
Die aus losem Sandboden bestehenden Hier der schnell fliessenden, 
nieist flachgrtludigen Aa haben Uberall in diesem Rayon grosse, 
weitbogige Altwasser, Teiche und zuweilen auch DoppelfiUsse reap. 
Inseln bedingt. Diese Altwasser (von den Letten totrtrS [genannt) 
weiden /ur Zeil des Hochwassers, oft auch im Sommer nach star- 
ken Regengüssen, mit dem Flusse gänzlich verbunden. Die .ewig 
wechselnde. Aa Überschwemmt in wasserreicher Zeit die Ufer- 
gegend stellweise eine Werst oder noch weiter und setzt derart 
Walder, Wiesen, Brüche und Teiche unter einen Spiegel. Mit 
Beihilfe fleissig bauender Biber mögen die Hochgewässer in frühe- 
ren Zeiten noch viel bedeutendere Dimensionen angenommen haben. 
Hierdurcli ungestört und in natürlich passenden Verhaltnissen lebten 
die Biber dort verhältnismässig recht sidier. Viele alte, jetzt 
unter kühler Knie ruhende Männer aus jener Zeit bezeugten mir 
das einstige häufige Vorkommen der Biber au der Lutide-Trikaten- 
schen Aa um die Wende des Jahrhunderts. Sie saheu und jagten 
dieselben seihst, bewunderten die durch Nagen in konischer Spitze 
gefällten Baume, namentlich Espen, Weiden, Linden &c. 

Die unwissenden Bauern verkauften noch 1818 das Castorenm 
in der walkschen Apotheke zu spottbilligen Preisen, z. B. zahlte 
der vor wenigen Jähren verstorbene Apotheker Rücker für ein 
Loth Castoreum nur 1 Rbl. Bco. Ass., ungefähr 27— 28 Kop. S.-M. 
Aber bald nahte das Verhängnis auch den bisher ziemlich glück- 
lichen Aa-Bibeni mit Riesenschritten ! Die Apotheken aus Dorpat, 
Wolmar, Fellin &c. gaben nach Walk grössere Aulträge zu sehr 
lieileiueiid erhöhten Preisen. Dieses brachte unter die Wilderer - ■ 
und alle anwohnenden Bauern Wären damals solche — ein unheil- 
volles Leben. Wer nur eine Falle erlangen oder eine Flinte 



erschwingen konnte, zog zu fixier Zeit in den Wald hu die roman- 
tisch messende, Geivinn verheissendo Ah. Xoeli heute werden auf so 
manchem Gelnitte verroMelr Bibernilleii zur Kriiiliiiraiig in der Kram- 
kauiuier bewahrt. Die schlechten Schützen mit den noch schlechteren 
Gewehren töiltelen nur wenige, aber verwundeten viele Thiele, welche 
darnach in der Wildnis elendiglich und zwecklos verkamen. Fast 
un-UiiUirli ei-seheint. es uns Jetzllelieiiden, duss siel! keine liehürde, 



setzte! wurde es denn durch niedrig: ( icivinn^ht nini hei^iel- 
lose Ordiinii^slijsigkfiL kii Staude gebracht, dass üinneu 12 Jahren 
atleh diese allein Übrig geblichenen Biber schnöde ausgerottet 
wurden. — Der genannte Apotheker in Walk erhielt sodann 1032 
nach zweijähriger Pause aus zweiter Hand die letzten Paare 
Oastorbentel inländischer Biber im Gewicht von 22 Loth und 
musste bereits l;i BW, B. Ass. pro Loth bezahlen. Der Aufkäufer 
baue die Beutel von einem Postknecht der Station Stöckeln er- 
^ti'.ri'lc]]. Wl l !;:Iii.t die In-Ll . UilaT kü^ll-u :n Kuicu u': U-Ii^'i u hLitte. 
Diese irnlleii nielnvie Jnbrc hindurch als die letzten l{e[uasentun- 



Weise gefallt gehabt. DarnM 
und flüchtete noch weiter st 
Aa zu. In den Grenzen des 
Sommer 1841 dieser gewiss 
dem Förster Neppert erschösset 
baltischen Stammes, denn se 
Ostseeprovinzen kein Biber ge 



UYideiibäUine in der bekannten 
»■erechwaud dieser Biber in Neuhof 
oaufwftrU den «uell gebieten der 
■ongiHM Auhof wurde endlich im 
freiwillig vereinsamte Biber von 
Er war wirklich der letzte seines 
ein ist erwiewnennassen in den 

Irt worden. Diesen letzten Biber 



ken hatte 
sumpreise 



DütiZ'XI tri 



Die wildlebenden baltischen Siiusret liiere. 291 



bei rasch ahneh- I ' lWJ ' ;1 * f0 ■ 

mender Quantität ' 1804 ' 4 * 38 ' 

iiil iml Wa t re I * 1HU5 ' 5 ' 50 ' 

. 1807 . 5 . 71 < 

1 . 1830 « 14 < — . 

bis schliesslich die Unze ausländischen oder sibirischen Castoreums 
sogar niil -Ii! Rubeln bezahlt wurde, liiere hohen Preise liclou 
übrigens wegen geringeren Verbrauches allmählich wieder 1H7U bis 
auf 12 Rbl. p. Unze. Die baltischen Biberfelle wurden nicht sehr 
hoch geachtet und meist nur von Hutiuaeheru aufgekauft und ver- 
arbeitet ; vielleicht, weil die Biber meist nur im Sommer erlegt 
wurden und der Balg sein« volle Schönheit nur im Winter erlangt 
haben dürfte. Das Wildpret wurde vorurtheilsvollerweise in pro- 
testantischen Zeiten gänzlich misachtet.; bekanntlich dienten Biber 
ka'.iichsclieii München resp. allen strengen Katholiken als Fasten- 
speise, da sie irgend ein hochgelehrter Kirchenvater des scl:ii|:|i;gcn 
Schwanzes halber den Kisidiarlen zugezählt hatte. Somit hatten 
weder der Hüls; nijch das weithluse Fleisch Schuld au der bedauerus- 
weilhrn Ausror.t.uug. sondern die iillckiije Ursache dazu Warder 

LTOSSe Wlil'lil dirS ( tasIlll-irlltllS lllld dl'SSI'il ["itliulllid't LM-Hn-i Slr'i-i-u 

im Preise. Hätte mau vor 80 Jahren das Castoreum für entbehr- 
licher gehalten und Ersatzmittel schon damals anzuwenden ver- 
stunden, so besässen wir muidhihenveise noeh den merkwürdigen 
Biber als Insassen Livlauds, wenu auch nur iu enger Begrenzung 
und durch gesetzlich*, streng« Schonung vor dein Aussterben ge- 
schlitzt, iu ähnlicher Weise etwa. wir. der Wisent im Bialonieszcr 
Walde erhalten wird. — InTolen lebt der Biber laut Bericht, des 
Herrn Joseph Siemiradzki vom J. 1879 noch heute beim Zusammen- 
fluss der Narew und des Bug. Er selbst fand an einem kleinen 
Nebenflüsse des Pripet in oder Waldeinsamkeit eine Familie von 
Iii— 15 Stuck, die in ca. (i Fuss hohen Bauteil lebten und Scho- 
nung genossen. Der Biber ist bisher das erste gnis-eic Suugeüticr, 
welches in diesem Jahrhundert, tiir unsere Provinzen als ausge- 
storben zu registrirea ist. Ob Bär, Luchs und fliegendes Eichhorn 
noch vor 1H0O dein F.ntsvbwuudeiieii folgen werden? 



21)2 Die wildlebenden baltischen Sauget liiere. 



Die Walfische (russ. Kirn, (iü) im Volksmunde: iunpuBn 
{kilryl«) ; lett. mlfuet ; estn. wollt» htlla) sind weder zu den aus- 
gestorbenen noeli jelztlebenden baltischen Sauget liieren zu zähle?!, 
und doch dürfen dieselben hier nicht mit ^till^L-li wei^tu Ubergangen 

sagt, aber eine kiu/.e. lieMreihang hier 'ai'estandeii . obgleich nach 
wie vor die Möglichkeit einer Walfischst randuug namentlich an 
der kuriseheii und cs< ländlichen Kibtc bestehen bleibt. Hie waren 
und bleiben Irrgäste, denen man zwischen den Gewesenen uud 
noch Eiistirenden ein «verirrtcs> Plätzchen gern einräumt. 

Grosswalc sind bisher nachweisbar nur kwi-juihI bei uns ge- 
strandet; 1578 war es eine unliestimm-.c. miberiiiiuiti! Art, die bei 
Dondaugen in Kurland strandete (Hiarn S. 321), 1851 bei der 
Insel Rninusaar vor Keval ein grosser Buckelwal, liulunnjiktu 
boo/is Site Balaena longimana (von <!. V7. Htlebner liiüa mther 
beschrieben), welcher damals in weiten Kreisen mit Hecht ein ge- 
waltiges Aufsehen und gresses Interesse erregte. Ein dritter 
Grosswul von der angeblichen, aber unglaublichen Länge von 
TU— St) Ellen i)1!'enbar narh jileniti.-ier-iidifi Schaumig uns der 
l''erne'; wurde 1 S1 [ bei Gallst t ein gesehen. Im 15. Jahrhundert 
sollen im bott ]sir=-uln.-u Mcrbusei: auch Waliisehe bemerkt worden 
sein. Ferner wurde U\2h eine Walfischri|>|ie au der 1 loniläiijiei). 
sciicn Ki.ste aufircfiindcn. Vielleiih: stammte dieser Fund noch 
von dem 1578 gestrandeten Walliseh her? — Vor nicht langer 
Zeit wurde endlich in der rigaer vorst iidi isrhen Reitst rnsse beim 
Abbruch eines Gemäuers eine Wal 11 schschädel hälft«, die als •Bau- 
stein, benutzt worden war, aufgefunden. Ob dieses merkwürdige 
Sliiek liamnaterial von einem an unserem Strande erlangten Wal- 
fische herrührte, oder als interessanter Ballast vielleicht aus Nor- 
wegen oiler sonst woher gebracht wurde, wird selbstverstiiiellielier 
Weise ein ewig ungelöste- linthsel bleiben müssen. 

Oskar v. Löw'is. 




Zur Schulfrage tri Riga. 



iir unswe baltische Heimat unil darüber hinaus gilt ihre 
Metrt)|iule als da- nnenviehtc und kaum erreichbare Vor- 
bild communalcr Orgnuisalion, l.cistungskrnl'i, l.eistnngswilligkeit 
und daher nicht nur materieller, sondern antli in teilet tuellur Pro- 
sperität. Wol scheint in der Dünastadt selbst die Zahl derer sich 
zu mehren, welche die. Abnahme des materiellen Wohlstandes i>e- 
haupteti, über uiiersehwiiigbar« Stenern klagen und den Ruf nach 
Sparsamkeit im städtischen Haushalt ertönen hissen. Aber die 
Vater und viele Sahne der Stadt glauben, mit um so grösserem 
iicdil c-ennsnrtichcn zu dürfen, ilass die Ii russarl igkeit der commu- 
iialtai Leistungen als umiiListu-sliche Thatsache anerkannt bleibe, 
auch und insbesondere für den i t l L l 1 1 1 ■ ■ < t n i_- 1 1 ^ r u i l aller Zwecke, hlr 
die Scliiilliildnng dec sliidt.i scheu Jugend. 

Jener Pessimismus nrnl dieser i't]Uhnismns scheinen nicht in 
jeder Beziehung den thal sächlichen Verhältnissen zn enlsnrei'heij. 
Diese (.'eherzengunp; lial. sich mir aufgedrängt bei der Umschau, 
welche ich seit meiner vor bald zwei Jahren, nach zeliriahi ■..■!■ 
Abwesenheit. ect'ilL'ieu liu<:kk<-hc nach Riga ans eigenstem Hedürf- 
nis gehalten habe, um auf Grund der mir au der Pleisse nicht zur 
V-iiii^iiii^ ^•.■■v.'.ein'ii Mi'.i-i inlier, H!'i!'St|']'ii1'riiil mieli zu inliinnireii, 
in welchen Richtungen und in welchem Grade das ereignis- und 
verhaiigni-vnlle, .lahi'Äi'hnt meines Kernseins die heimischen Ver- 
hältnisse ^ludert luibe, insbesondere in der um etwa die Hallte 
volkicichc;- ^.■wordenen ( '• f.'ssstadt Kiga. Aul' den niei-Ucn (ie- 
bieten sind mir sehr erfreu liebe h'urtsch ritte tui (.lewisslieit 



294 



Zar Schnlftage in Rig». 



Ii in Beziehung auf die Volksbil 
Izii langsames Tempo gerade 



ir Seite gntgehiet 
ielgeschaftigen B 



lesen verbinden, diu IVliei ücu^mw ln'L;niiideLi\ diiss auf diesem 
Gebiet die commuimle Fürsorge in sehr engen Grenzen sich ge- 
steigert habe und tlass mit den bisher dazu bestimmten Mitteln , 
dem Bildungsbedürfnis der Stadtbevölkerung nicht entfernt Genüge 
geglichen könne. 



MisMiimln iiiiliii;cki>ii, d;iss diese. ;iher nichl einer anormalen Für- 
sorge der Sliieln-fi-WiLkuiitr zu «schrieben werden durften, sondern 
die Folge verschiedener von der Stadtverwaltung uiinLkLiigigcr 
DrSftchen seien, insbesondere des mangelnden Seh ul Zwanges und 
des die beilverhaissende Ausführung der von den sta [tischen Orga- 



Dl j IiZl'"J L 1 : Coü 



Zur Selm If rage in Riga. 



295 



einer Weise begegnet war, welche es mir als Pflicht erscheinen 
Hess, die formelle Ablehnung nicht zu provociren. Durch Mit- 
teilungen von comiietenteslcr Seite war ich dessen gewiss, dass 
jene Materialien nichts enthüllen . was die Beweiskraft meiner 
sdS'.-tjc^anKiicl'.^u [ >;«teti mindern konnte. Zudem stand damals, 
wie ich von derselben Seite erfuhren hatte, seihst eine theil weise 
Veröffentlichung der schulstaiis tischen Materialien nicht ausser 
Zweifel. Anderenfalls hatte ich nicht unterlassen, dun zugesicherten 
Vortrag: durch Aussetzung der schul finanziellen Betrachtungen zu 
nuiiiitidrcis, um diese zu wiegen er Zeil ;mi" Grund, der neuesten 
und vollständigsten HiliVmiiiel anslelleu v.w können. Erst unmittel- 
bar Dach meinem Vortrag erfuhr ich, dass die vom Diredor des 
Jtiiiislif-hiM üiiiviMi bcnrlicilcleii Resultate der SdiuleuiinctC in 
allernächster Zeit als Manuscri }'t gedruckt erscheinen würden. 

Zumeist dieser lc'.zlerc L'uis'.aud veranlasste midi, der vor dem 
Erscheinen jenes Mauuscri|)t.s von der liedactinii dieser Monats- 
schrift ergangenen Aiithmlt-niug, meinen Vollrag in ihren Spalten 
zu veröffentlichen, im Interesse der Sache und in Voraussicht der 
baldigen Möglichkeit zu einer tiefer geh enden Begründung meiner 
Ueberzeuguug nicht Folge zu leisten. Jetzt," nachdem ich die als 
MatniSi!i-i]i| gedrmkte Schrift des Hrn. Er. v. Jnng-Stillillg: 
«Resultate der am 17. Februar 18?« ausgeführten schulslatislischen 
Kuiinite i:i ltiLTEi* , erlang; und diirchgeiiriieitet hnlic, untu lasse iih 
nicht , auf Grund dieser ■ II e s u 1 1 a t e> und anderer That- 
umstilndu die jetzt in Fluss gebrachte lind für alle Heiuuiljj;eiiossen 
welche die Solidarität haitischer liiloresscn anerkennen, prüfungs- 
werfho Wi inill'rage in liiga vollständiger, als bisher möglich gewesen, 
in diesem baltischen Centralblalt zu erwägen und zur Krwagung 
zu stellen. 

Im Vorwort der sehr umfangreichen Schrift (134 Seiten Text 
und 3(i Tabellen) hebt der amtliche, Verfasser mit aus sc ige. wohn- 
lichem Nachdruck hervor, dass allein die <nackten Zifferiii 
iliescr vom Stadtamt gewünschten Publicatioii als • offioiellei 

Verfasser .geäusserten Ansichten s u b j e c thfe r Natur 
sind und lediglich seinen Anschauungen entsprechen >. Damit 
hat offenbar die staduuur liehe Nidd Übereinstimmung- mit den die 
• nackten Zifferni unikleidendeii ■. Ansichten ; ]illichi.sdiuldig cnust.a- 
tirt werden sollen. Meinerseits freue ich mich der in vielen 
Beziehungen wesentlichen U e b e r e i n s t i m m u ti g mit v. Jungs 



29« 



Zur Schalfrage in Riga 



DinIfL'uniri'u, msbeseiittere mit der an verschiedenen Stellen seiner 
Schrift her vortretenden, leider nicht syntheiisch fornmlirteti Grunrt- 
tendenz, welche ich, indem ich einige unvereinbar scheinende 
Sentenzen auf das Minimalxiel reducire, dahin zusammen lassen zu 
dürfen glaube : 

Feststellung eines mindestens flattri- 
gen Sch u I b ed ürfnisses aller Stadtbewohner; Bereit- 
halt nng der zur Befriedigung dieses BedQif- 
iiisses quantitativ und qualitativ ausreicheu- 
den Elementarschulen mit mindestens 6jährigen 
Lebrcursen; für jeden Lehreursus getrennte 
it au m klassen ; Z ah 1 u n gs frei h e it de r o ff ent- 
lichen Elementarschulen. 



oder Gliederung der als .nackte Ziffern, publicirten Resultate, 
kleineren Thetls insofern, als die Grundauschauung unrichtig er- 
scheint oder die Ausdruckweise zti Misverstiindiiissen veranlasst. 
Meine gegensätzlichen Darlegungen muss ich aus ßaumrticksichten 
thunlichst beschränken. 

■ Zunächst constatire ich einfach meinen Dissens gegen die 
Ansicht, dass .ein Bedürfnis nach einem Realgymnasium, wie es 
die liealschulc thatsachiieh ist, in unserer Bevölkerung nicht exi- 
stirt. (Seite 2ö) und dass .in der Vorschule des Polj'technikums. 
(mit diesem zugleich wurde eine .Vorschule.- pro vi syrisch errichtet, 
deren Mangel von eompetentester Seite beklagt werden und deren 
Aufhebung planmassig erfolgen soll, sobald die erst 1830 begrün- 
dete Realschule zur normalen Vorbi 1 du ngsan stall der polytechui- 
schen Hochschule sich entwickelt haben wird! <dem Mangel etwaiger 
Henil'skeniitiiissei (sc. dem <etwaigen> Mangel zweifellos noth- 
wendiger ßeruiskcmitnisse ; ^abgeholfen werden kann.. 

Als gi'unill'alscli Imzcicline ich, ohne eine Motivirung für 
nüthig zu halten, das durch den Nachsatz <so schliessen wir die- 
selben lieber . . ji p"^l 11 'l'-" 11 ' ■ Veiilict über die Kk-mcntarschiüen 
in Riga, weil >ein Curaus selbst, von 4 Jahren» (fast alle haben 
nur ;(jiihrige Curse| .uugemtgendi sei zur cEntwickelungi der 
.allgemeinen sittlichen mnl geistigen Fähigkeiten. , welcher Begrilf 
ohne. Definition — nur in Gegensatz gestellt ist zu den .mehr 



Zur Schultrage in Riga. 



297 



oder weniger mechanischen Geistes fertig keilen, der Schüler, -zu 
lesen, zu schreiben, zu rechneu oder viele Biheiverse und dergl. 
za lernen» (Seite 41). In Harmonie mit. diesem gniiulfal?flieii 
Verdict erklärt v. Jung denn mich, dass er den jetzt tust nusnahms- 
los nur Sjiiiivia-cii KliMiKiilari'urstis <n.ls den Haupt krebsschadeti 
imst'res rigiisch™ Kl i-nn-n I iivjifli n I wt-s*-iiK anseile, und dass daneben 
• der Uebelstand, dass ein Theil diu- Schulpflicht i<,'i:ii lievulk-ü-iin? 
ganz ohne Unterricht bleibt., ircradi^n nebensächlich wird«. Dieser 
Standpunkt rechtfertigt in. E. den aussergewiihn liehen Beschluss 
des Stadtawtes, seine Mchtiibcreiiist.iiiiinuiig mit den .Ansichten, 
des amtlichen Verfassers der 'Resultate' ausser Zweifel stellen 
zu lassen. 

Unhaltbar erscheint mir der (in Nr. 299 der ■ Rig. Ztg.. 
vom 22. Uec. mit überscliwaiiglh'hi'm Optimismus vr.nivlheilte. 

KLikau^.-^tlV.iir bct&nende'i Kx-'iirs iibcv die t'rsuclii'ii uml Cimsi'iiicii- 
zen des (in der That übergrossen, aber m. E. nur dem quantitati- 
ven und qualitativen Mangel an OrtV.-ia Li i ■ -!t.-i i n,nl l.ülL't;:! KlcniHitar- 
schulen zuzuschreibenden'-. Ziiiltiinges zu den unteren Klassen 
der rigaschen «Gymnasien, für Knaben (Seite 10). Ans analogen 
Gründen theile ich auch nicht v. Jungs Befürchtungen bc/ü^lich 
des vermeintlich durch allzu niedrige Schulgelder bewirkten Zu- 
dranges zur höhere» Stadttüchtersehule und bezüglich lies derselben 
Ursache zugesdincbciicn l.'cberflnsse;; hu warmen gebildeten Mäd- 
chen. (Seite 62). 

Nicat unterbleiben darf eine Widerlegung der ganz neuen 
Theorie der Beurt b eil ungdesSchulerbestan des 
einer Klasse nach den durchschnittlichen Zeit, 
theilchen, welche der Lehrer .in einer Stunde 
dem einzelnen Schüler d i r e c t widmen konnte». Die Tabelle (auf 
Seite 17 der < Resultate.), in welcher solche Zeittheilchen , als 
Beweis einer .Ueberfnllunc; der eimclnen Klassen >, Ihr jede Klasse 
aller — collectiv zusammen..'! ■law!.™, oiVciitlicheii und privaten — 
Knaben- • G y in nasi en., zumeist von oben nach unten almdnneiid, 
mit 2 Minuten bis herab zu »/• Minuten beziffert sind, diese Tabelle 
vermag durch ihre mathematische UsarMioit. mit' manchen Betrachter 
einen bestimmenden Eiulluss zu üben und ist mir gegenüber als 
schlagende Beweisführung der Ueberfullung unserer Gymnasien 
gerühmt worden. Sie ist aber das Product eines statistischen 
Schematismus gefährlichster Art und bei sach gern teer Ueherlegung 



Zur Schulfrage in Rig* 



ganz werthlos. Auch 



S^niidi'n. Der nur sradiii-Ut! V iLteisdiird zwijdien derartigen 
Belehrungen und denjenigen in der Wchulklasse vermag auch in 
letzterer Beziehung nicht, den Prodacten gleichartiger Divisions- 
exempel eine Beweiskraft hu verleihen! So schwankte in Leipzig 
um Ostern 1883 die Ii i n d e r z a h I in den einzelnen G y m u a • 
sialklassen, bei einem Collectivd arch a c hn i tt von 29, 
zwischen 15 und 20 in den Primen, 21 bis 3L" in den Secunden, 
22 bis 42 in den Tertien und 24 bis 4<» in <1i:ii nimlür«« U.vmimsiu]- 
klassen , ferner in den Volkssc h ulklasse n, bei einem 
Cullectivd u r c !i s eh n i tt von 41, zwischen 21 bis 53, und 
zwar in diesen, wie in jenen llvtiitiiisialklasscii , Tust ausnalnnlos 
von oben nach unten zunehmend. Unfindbar sind mir die 
Grundlagen der gegenteiligen Ansicht v. Jungs, das» — wenn es 
zweifelhaft sei, 'bis zu welchem Grade, je nach dem Alter oder 
liililuii^siiüKl il er Schüler, mit der höheren Klasse auch deren 
Sdiiilerzahl sich steigern lasst> — doch «sicherlich der jüngere 
Schüler einer hautigeren und strammeren unmittelbaren 
Inanspruchnahme beim Cntmictit bedürft . Der Nachsatz «sodass 
die, nach den unteren Khissi'ii unserer Gymnasien hin, recht stark 
ansteigende Sdiiilerzahl jedenfalls nicht für den betr. Uuterricht 
zuträglich sein kann>, — dieser Nachsatz, dessen Tenor die Auf- 
stellung der Leb rmin Uten tabelle veranlasst hat, ist also nur eine 
richtige Schlussfolgc aus jener rein subjeetiven upd durch die 
jzegi!iis;Ltv!liflii;ii TlinrsiU'ht'ii in Leipzig wol aiHirieliend widerlegten 
Behauptung, dass «jüngerei Schüler, im Gegensatz zu den geistig 
gereiftei-en, einer uniniiielWen Ei:i;te:iiLt>'nv.'isiii]ir mehr bedürfen. 
Es scheint unnöthig, die logischen Gründe aufzuführen, aus welchen 
die Intensität und Subjectivität der Lehrtätigkeit mit dem rei- 
fenden Geist und mit der sich entwickelnden Individualität der 
Schiller zunehmen muss, mithin die p i a n m ä s s i g grössere 
Frequenz der nied e ren Sch u 1 k 1 as se n durchaus 
normal ist. 

Der Widerstreit in allen Erörterungen baltischer Schulfragen 
ist groBsentbails die Folge unrichtiger oder schwanker Vorstellun- 
gen über den bei Beurtheilung der quantitativen Fürsorge Öffent" 



Zur Sei ml frage in Riga. 



licher Urgaue allein maßgebenden Begrilt ;S c Ii u I b c d lir f 11 i s. 
als di« iiliili'rU'l,\ jLitrs objeetiv-gemeiunützig-rttr- 
■ arg liehen Erwägungen für Alle minimale Bil- 
dnngazeitdauer, welche selbstverständlich auch die Möglich- 

ili sich stdiliesseu iihiss. Mime h'estsl.-lluiig dieses Hi^'iitl'is l'nast 
iiiiin ihn lüilil im VH^lcdnirlein Sinn. hald mir nder als diu mrin-ete. 
aus subjeniv-eigentiiilzig-viii^irglichen IHnw^ygt üiulcn luetisch be- 
nutzte Bilduugszeil zur Befriedigung des seihst empfundenen He- 
dttrfnisses. 

Iii dieser liczudilnig iiuln'^riimlH. weil gesetzte Sti'ehc|>!eilet- 
lind inconseqnent geplante Vevliinilmi^shi^en machen y. Junge 
.suhji'iiive. Argumentationen und Zinn 'I'heil auch seine *oiti- 
tielleui Verhilltniszahleu zu einer m, E. ungeeigneten Basis für 
die Meurtlieilnng puwul des jetzig«! prnr/r.nuiliirnlis, wie des 

?,u erstrebenden sfahts nalumtis der Volksbildung in Riga. 

Zu Anfang seiner Schrift (Seite 8) fingirt v. Jung flir 
Riga eine <scliulplUchüge = Bevölkerung aus den -Altersklassen von 
7— lö Jahren, (das V. und Ib. Jahr mitgerechnet, also eigentlich 
von 7 bis Iii Jahr, wie er seihst an anderer Stelle sich ausdrückt) 
d. h. 9 S c h n 1 p f 1 i c h t j a h re. Er thnt das, um die durch die 
sduiUtniwisehe Kininete vom 1 7. Februar I6t-'ä ermittelte Kinder- 
zahl aller öffentlichen und privaten Schulen in Kiga veirlcie/irn 
zu kiiiiuen mit der aus den tlrgebnis-en der Vulkszillilimg vom 
29. December 1881 zu entnehmenden «Zahl derjenigen Kinder, 
welche eigentlich die Schule besuchen müasten>. Da- 
mit ist, zunächst jjhiiz ahgeseheu von der in. E. zu lang Anginen 
Sdiublia/ht, ein für alle Kinder bestimmten Alters minimales 
Sdiullicdiirlnis, in dem oben Villi mir dednirten Sinn, für den Ver- 
gleich mit der faetisehen Schiilei'zahl, als» für die Beiirtheilun:; 
der quantitativen Bedürfnisbefriedigung, als — man sollte meinen 
— allein massgebend hingestellt. 

In der That hat denn auch v. Jung au verschiedenen Stellen 
seiner Schrift (Seite 97 ff. für Knaben und Seite 113 ff. für Mäd- 
chen, nicht auch collecliv für beide Geschlechter) die Verhältnis- 
zahlen der Schulbesuch enden in Procent der .schulpflichtigen. Per- 
sonen, und zwar für jede National itiit iS]uadinnippe] getrennt 
nach den einzelnen Altersklassen , bezilfert und daraus die 
. ungenügende Zahl der Schülern (damit ist natür- 
lich der Mangel a-i zur Aufnahme, aller < seh ulp Iii cht igen. Personen 



Zur Schulfrage in Riga 



geeigneten Schulen gemeint, denn die .Zahl der Schulen», welche 
in Riga sehr viel grösser ist hIs z. B. in der nicht ganz so volk- 
reichen, aber an Schulbesuche™ fast drei Mal reicheren Stadt 
Leipzig, ist ganz gleichgütig) als Thalsache hingestellt, insbesondere 
und als am ungünstigste]] — von den wenigen Esten und den vielen 
Juden abgesehen — für die russische Bevölkerung. Trotzdem ist 



resp. äü,,), wenn auch grösser als bei d 
Und diese inconsequerile Beurtheilung fl 
Kinder, welche nach v. Jung «eigentl 



Begründung e 
riskant ersehe 
Forderung gul 



irgend möglich, v o in Schulgeld befreit werden müssen», 
weil 'die möglichste Verbreitung einer gründlichen 
Elementarbildung in gleichem Interesse der Stadt, wie deren ein- 
zelner Einwohner liegt.. 

Nach der gekennzeichneten Logik, welche nicht v. Jung, aber 
so mancher coiisH|iiwit erweise allgemein anwendet, wäre freilich 
dem Sch ulbed Urin is in Riga Uberhaupt .reichlich' genügt, nicht 
nur dem der Letten, für die es ebenfalls keine eiiiEige l'iivatschule 



Zur Scknlfrage in Riga. 801 

mit lettischer Unterrichtssprache giebt (wol aber für sie und auch 
für liussen gar manche, von heilen Xal ionalil iii.cn nieht ganz seilen 
iiiilUi'HUlKl« üiul daher paritätisch initilntcrbull enu l'rivatschulcn 

mit deutscher Unterrichtssprache), sondern nicht minder «reichlich, 
genügt auch dem Schulbedilrfnis der Deutschen; denn die Tlial.SHche, 
dass die zahlreichen l'vivi'.tseaalcn mir. : 1 1 n t ■ I n ■ ■ - ! 'nterrichtsspraclie 
nicht um:]) Heb:- viel zahlreicher oder sehiiterreicher sind, kenn 
ebenfalls nnr in der Risicuscheu der privaten • Schulunt.ernetimen 
ihren Urund baben. Diese Scheu ist vollberechtigt, da die Eltern 
der 4(i,, Procent aller bei v. Jung als .schulpflichtig, ttngirtan 
1162Ö deutschen Kinder, welche nach der Fiction keine Schule 
besucht haben, schwerlich in der Lage sind, das für Privnlschitlen 
nalurgctmlss denkbar hohe Schulgeld mehrere Jahre liindureh zu 
erschwingen. Die Verneinung de: S'-bulbeiliit-fni-sos derjenigen 
Personell, welche eine Schule nie mler ungewöhnlich kürze Zeit 
besucht haben, erschein l kaum minder unhaltbar als eine etwaige 
Verneinung des allgemein- normalen Xahnin;.'s|-.e;hiv:"nisses derjenigen 
Vielzahl aller uder best iininler [-iHvidki'rimjjsjjrupc-i'ii, welch« sieb 
Und ihre Angehörigen neiiiLxe'.halt ernährt. 

Auf die Einführung der Schulpflicht wird m. E. zu viel (Je- 
wicht gelegt. Die Schulpflicht ist das unter Strafandrohung ttir 
den Fall der Nicht befriedigung obrigkeitlich determinirte .Schul- 
bedUrfuis. in dem schon defmirten Sinn. Die gesetzliche Pflicht 
qiiHlrMrt sich also als Schul zwang. Eine Zwangspflicht zum 
Schulbesuch besieh! in keiner baltischen Stadt, und die hantigen 
Klagen über diesen Mangel glaube, ieb einer nicht ganz imrreli'.'nd'ei 
Beurtheilung der deutschen Seaulgesetjgebuug zuschreiben zu dürfen. 

Das Unübertroffen hohe Bildungsniveau der breiten Schichten 
iles deutschen Volkes ist nicht wesentlich dem Schulzwaug 
als Verdienst anzurechnen, somloni zunächst dem uberall vorhan- 
denen — eventuell durch ^lautlichen Zwang geweckten — Bewussl- 
sein der Gemeinde p flieht zur Errichtung und zum 
Unterhalt quantitativ dem denkbar grössten Zudrang und 

Elementarschulen, sodann den auch in grossen Sinilien 
im Vergleich zu Riga sehr niedrigen Schulgeld- 
satzen, z.B. in Leipzig jährlich 4,„ Mark = kaum B, s . 
Rubel in allen 8 Klassen der sog. Bezirksschulen und 18 Mark 
= kaum 10 Rubel in allen H Klassen dm' etwas höhere I<elir- 
ziele verfolgenden sog. Bürgerschulen , während die jährlichen 



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tos 



Sii;:iu]i,'dil<!i- in Riga (soweit sie zur Sladtmsse fliessen nnd im 
Bindet etil w im' i'iii- iss;> iiiigegeljeu sind) für die 2 lettischen und 
■1 russisdicu !?liS(lii.'li'im:iHiii , .-<:Unli-!i, inil zusammen l'ni resp. si.i Schul- 
kindern, auf 8 Rh hei (Ausserdem '1 Rubel Iii v deutschen linier, 
rieht) und in den (neuerdings in 3 gross«! Gebäuden veieiniglen) 
\rl deutsche]] Kb'iiieniavsrhuh'ii für die Innenstadt nnil die I'eiei-sh. 
Vorstadt, mit zusammen !UO Schulkindern, auf 18 resp. 2 0 Rbl. 
normirt sind. Für die übrigen Iii Siadtcleiiicntarscbiiicii mit deut- 
scher Unterrichtssiirache und zusammen ca. !)()0 Schulkindern 



für 1885) zwischen Iii hel<1 20 Rubel. .Die S l a d I, e 1 e in e n ta r - 
schalen in Riga sind also mindestens 3 bis 8 Mal theu- 
r e r als die in Leipzig, obgleich diese i'ilr jeden Jahresrursus eine, 
besondere Raum k lasse besitzen, in welcher der Lehrer höchstens 
53 Schüler zu unterrichten hat, wahrend in Riga der eine Lehrer 
in der Regel 70 Schiller (nicht selten erheblieh mehr) verschiedener 
Uurse in der einzigen liauniklnsse beschäftigen muss. 

Die öffentliehe Pflicht zur Hereitbaltung [|nautitativ und qua- 
litativ geeigneter Elementar« Hillen ist die primitre, die Zwaugs- 
nilicbl. zum Schulbesuch das nur serimdjlre Deeisuui der Kunda- 
mentalvorochriften Uber die deutsche Volksbildung. Die preussi- 
sche Verfassung bringt das mich linniell khiii An'sdrnek. In dieser 
Beziehung statuirt sie (Art. 31) in erster Reihe : «Für die Bil- 
dung der Jugend soll durch öffentliche Schulen 
gelingend gesorgt werden.» Sodann erst: (Eltern 
und deren Stell Vertreter dürfen ihre Kinder oder 
Pfegebefohleiien nicht ohne den Unterricht 



vater Schulen und coiitcsshmelle ü liedurung dos iieli-innsmiter- 
ricllts — das Voisehlagsiecht der Gemeinden und das lie.sliUiguugs- 
recht des Staates hinsichtlich der I, einer olteiitlicher Schulen, die, 
Aufbringung der .Mittel zur Errichtung, Unterhaltung 
und Erweiterung der öffentlichen Volksschule, 
durch die Gemeinde und irn Fall des nachgewiesenen Un- 
vermögen« e r g iL n z u n g s w e i sc. durch den Staat, endlich 



Zur Schillfrage in Riga. 



303 



als krauenden Sclilnss: .In der öffentlichen Volks, 
schule mini der l'nterricht u n e n t g e 1 1 1 i c Ii ertheilt.. 

einer in der Verfassung nicht "erwähnten Strafe gegen diejenigen! 
welche .las Verbot der Verfassung in Beziehung auf den Ünter- 
rii'lil übertreten, aber jene an sieb uueutsf-lmkibare UjitfL-lnssim.cf 
begründet nicht das in der Verfassung mit aller Schärfe verneinte 
Recht der Schul geklfiirderlllig. Dieser Hinweis ml I" die. im leiten- 
den deutschen Staat, grund gesetzlieh zu Recht be- 
stehende Z a h 1 u n g s f r e i h e i t der Volksschule 
dürft« vielle.irhl geeignet sein, dieses Princip mich in Pezichnng 
auf ballische Sehnlrelbrmcn erwageuswerth zu machen. 

Für die Unerläßlich fceit des Schulswangee darf dessen Auf- 
nahme in die pretissisrhe Vcrlassiuig nirhl geliwid gemacht, werden, 
wenn man bedenkt, dass dieses (zuerst durch Edtcl Pricdr. Willi. I, 



1 ?<;;*> auf die. Altersklassen über Ii bis 14 Jahr beschränkte resp. 
ausgedehnte, in diesem Umfang in das am 5, Februar 17!i4 pnbli- 
cirte «Allgeni. r,audrecht.. übergegangene und auf dieser Jiasis 
noch beute bestellende) 'A w a n g s rec h t zur Zeit der Vertitssungs- 
vereinbarung ((SiiO), im Hinblick auf seine durch fünf Menschen- 
alter für seU>st™ , st:iii.|li' , ii gclrilMic Werl lisch at/ tut g, niclit leiclit 
zu beseitigen .sein mochte und damals selbst |iriuuipiel!en (4egiie.ru 
auch zweckdienlich erscheinen konnte als ein memento der 
öffentlichen Pflicht zu der früher nicht vorgeschrie- 
benen < Errichtung, Unterhaltung und Erweiterung» vollständig 
zdhlnngBfreierVolfcsschulen. Es erscheint denk- 



ragtes — Niveau gclbrdcrt werden wäre, Wenn das Zwan^sreebt 
zum Schulbesuch die Erfüllung jeuer eileullicheu l'llicht nicht ins 
Gewissen geredet hätte. N u r v o n d i e, s e m Standpunkt 
erscheint der Schul i. w a n g auch für uns aeeept übel. Das der 
Stellung |illielilbewnssiei und Vcrlrauen beanspruchender Organe wür- 
digere, die Gesa hielt arbiträrer Nicht auwemlmi!; eiler Anwendung aus- 
schliessenile und beiall/eil waebein T "11 3.-1 Lt hrwnsstscin der elt'entliclien 
Organe wirksamere Heilmittel erblicke ich in anderer Itichtung. 

31* 



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Zur Schul frage in Riga. 



messenen Schulbedltrfnisses durch Bureitiuliiiüg 
zahlungsfreier oder doch billiger, inmitten .1er Centren auch der 
zusammeugedriingl Ineilen Bevülkerungsklassen gelegener und auch 
den:]] läemt'sz wirken entsprechender H leinen tAisehulen. Dann wird 
Au: (ieleginiheU /.um Zwiing nach wenig Jahren geschwunden sein, 
ein längerer, regelmässigen.')-, regerer Schulbesuch auch von Seiten 
des Gros der Bevölkerung leichier erreicht werden, als im Fall 
hoher Seliulgelder durch nbrigkeil lieh vurgesohriehene, aber — wie 
ich durch Umschau in Deutschland mich überzeugt habe — selten 
und dann zumeist, gegen unabsichtliche Cnnlraveiüe.nteu erlassene 
Straldecrete, deren noch seltenere Vollstreckung, diese mag in 
Geldbeitreibung oder Freiheitsentziehung bestehen, die Eiistenz- 
verbiLltnisse der bestraften Eltern verschlimmert, aber eine die 
Bildung des Betreffenden Individuums — meist misrathene Kinder 

— fördernde Pflichterfüllung kaum je zur Folge hat. Mir ist 
iirt«]iuiässig bekannt, dass der Vater eines misrathenen Sohnes, 
weil dieser die aus den kargen Fruchten der Schweisstro|>fen des 
kinderreichen Vaters bezahlte Schule auf den für ihn ergötzlichen 
Irrwegen durch Strassen und Walder selten erreichte, trotz seiuer- 
seitiger Züchtigungen des Sohnes und seiner Bitten um Aufnahme 
desselben in eine öffentliche Besserungsanstalt, Geld- und Freiheits- 
strafen wiederholt zu erleiden gebäht hat, bis endlich der Sohn, 
weil die liebe rzeugung erwachte, dass seine fortgesetzt seltene An- 
wesenheit in der Schule ein verderbliches Beispiel sei, der Schul- 
pflicht ministeriell entbunden wurde. 

Bei Erwägung der wichtigsten Frage, welche Altersklassen 
der Bevölkerung halti-ch-r SlmlH; als im ohjectiv-geineiunützigen 
Sinn schulbedürftig ~ also eventuell zwangsschulpflicUtlg 

— gelten müssen, darf unbedingt davon ausgegangen werden,- dass 
die Grenzen innerhalb der in allen deutschen Staaten 
in jenem Sinn sdinlbedurt'tigtn Altßrsklasseu Uber 6 bis 14 
.1 a h r zu suchen seien. 

Mit v. Jung, der ohne Angabe eines Grundes nur Kinder 
über 7 Jahr als «gchulniliihtig. hngirt, stimme ich in Beziehung 
auf die Anfangsgreu/.e aus dem Grunde üherein, weil Kinder uuter 
7 Jahr wol im Hause oder in sog. Kindergärten u. d. m. unter 
l!i-viii-ksirlitigu:ig iler individuellen VcrhiLllnisse. für den normalen 
Sehuluuterncht vorbereite! werden ki'inupu, aber zum regelmässig.-» 



DigiiizM by C 



Jim- Si.'hnl frage in Riga. 



und tördersamen Schulunterricht kunierlich mnl geistig noch nicht 
genügend entwickelt sind. Sur aus dieser, wenigstens in unseren 
Landen herrschenden L'ebcrzellguug erklärt es sich, dass seihst 
unter den am 17. Februar 1883 in Riga consl.atirten 6787 Schul- 
kindern deutscher Eltern, deren Mehrheit doch gewiss zur unuöthi- 
gen Verzögerung des Bildungsganges nicht hinneigt, nur 42 und 
unter den nur 4:i:ii> Schulkindern ahnten S[>i luhgruppen nur 

27 Kinder unter 7 Jahr sieh befanden, unter ihnen, was als Curio- 
sum mitgetheilt werden mag, kein deutsches Kind, aber wul 
1 russisches Mädchen und :l lettische Kinder unter Ii Jahr. Auch 
in Deutschland fehlt es nicht au Vertreten] jener Ueberzeugung. 

Kinder unter 7 Jahr ungestraft, ulme Schulunterricht gelassen. 
Hir.i]its;ti-ti]:cli sc-lche A:i.^tiiiijiiie-: i-.'So erklären die Tluitsärlie. dass 
in Deutsehlanil die Zahl der schul besuchenden Personen, trotz der 
vielen nicht sdiul|illichiigcu Besucher über 14 Jahr, die der schul- 
[iflichtigen nicht übersteigt., s du dorn hinter dieser um einige Proceut 
zurückbleibt. 

Zuzugeben ist, dass v. Jung, bei seiner vergleichsstatis tischen 
Methode und seinen re formpol i tisch hochges|iännteii Ansprüchen, 
berechtigt war, die deutsche Rnilgreu/.c überschreitend auch das 
lö. und 16. Lebensjahr als «schulpflichtig, zu ftngiren. Aber 
unrichtig ist seine dafür gellend gemachte Annahme (Seite Ü, 
Anmerk. 1), dass .im allgemeinen vor dem Iii. Jahr nur 
ausnahmsweise in das praktische f. eben übergegangen wird». 
Das wäre vielleicht richtig, wenn man nur die engen «oberen. 
Schichten der Bevölkerung im Auge hat, was doch bei v. Jung, 
belehre des Ausdrucks <im allgemeinen., nicht der Fall ist. Die 
nnt (irische und na turgeii lasse Thatsaclie, dass bis jeln in Riga die 
breiten Sriiiclileii der Handwerker. Dienstboten, Fabrik- und Lohn- 
arbeiter aller Art li in a 1 1 g e m'e inen, schon vor dem 
vollendeten 13. Lebensjahr und selbst die den gröss- 
ten Theil der «oberen. Schichten in sich schliessenden Bewohner 
deutscher Sprachgruppe vor dein vollendeten 14. Lebensjahr in 
das «praktische. Leben übergehen, findet seine Bestätigung 
darin, dass die V e r h ä 1 t n i s a a h 1 der am 17. Februar 1883 
ciii.statiiteu Schulbesuch er beiderlei Gesr'alechts in Procent 
der Bewohnerzahl -■ wie aus der hier auf Seite 310 nachfolgenden 
Zusammenstellung für jedes Geschlecht und jede Spraehgruppe zu 
ersehen ist — bei allen Sprach gruppen höchstens bis zum 



30(i Zur SdraUrage in Riga. 

13. Lebensjahr steigt, aber im 14. Lebensjahr n n r bei 
der deutschen mit 71,i % mehr a 1 s d i e H ä I f t e , bei der 
lettischen nur noch :i8, t , bei der russischen nur noch 2H, hei 
der jüdischen gar nur 2«/» repräsentirt und im Colleetivduvch- 
sclmil.t aller SpMchgnijipeti mit .""><)., <.-., die Hüllt« kaum Ubet-teigt. 
in dem auch in Deutschland Licht, scliuipilirhügen 1 b. Lebens- 
jahr seihst bei der deutschen Sprachgriippe mit 44,„ % die H ä I f t e 
nicht erreicht, iu dem hei v. Jung als Eudgrenze der 
Schulpflicht fingirten IG. Lebensjahr schon bei der 
deutschen S p r a e h g r u p p e mit 34,, ein Drittel 
kaum überragt, bei der lettischen mit 11,, und bei der 
russischen mit 16,, »/„ dem Zehntel sich nähert, bei der jüdischen 
mit 0,, >/o fast auf den Nullpunkt -herabsinkt und im 0 o 1 1 e c t i v - 
d u r c h s c Ii n i 1 1 m i t 2 4,, % kaum noch ein Viertal repräsentirt. 

Gegen die Ausdehnung des allgemeinen Schulbedürf. 
nisses, das für mich die öffentliche Pflicht zur Bereithaltung der 
zu dessen Befriedigung ausreichenden Elementarschulen 
bedeutet, mehr noch gegen die Ausdehnung des eventuellen Schal- 
zwauges auf das in Deutschland srhul/wangslreie Iii. und IG. Lebens- 
jahr glaube icli noch geltend machen zu dürfen, dass in Deutsch- 
land die Ueberzeugung Raum zu gewinnen scheint, für die grosse 
Ifasso der Bevölkerung, insbesondere uueh der grossstiidtische» 
«Arbeiter«, seien schon 6 Schaljahre ausreichend zur 
Aneignung desjenigen Masses allgemeiner Bildung, welches be- 
fähigt, in allen für die grosse Masse natu) ■gemäss zugänglichen 
Sphäre» des -praktische»! Lebens den Beruf einsichtsvoll, frucht- 
bringend und freudig zu erfülle», welches mithin — um mit 
v. Jung zu reden — nicht nur tmehr oder weniger mechanische 
tieistest'ertigkeitein (Lesen, Schreiben, lieclineu und «Uibelvcrset- 
Leruen), sondern auch liuuere Entwicklung! in sich schliesst. 
Das Hauptmoment liegt in dem berechtigten Bedenken, dass einer- , 
seils die der Berufsarbeit schon nachgehenden Glieder dieser Be- 
völkerung* kl Eissen der Beihilfe ihrer im 11. Lebensjahr stehenden 
Elemente nicht leicht entbehre» könne», weder bei den häusliche» 
Verrichtungen, noch in der Werkstatt und bei allen Arbeiten inner, 
oder ausserhalb des Hauses, dass andererseits der künftige Hand- 
werker, DieiisltnAe u»il überhaupt jeder zu wesentlich mechanischer 
Thätigkeit prädestinirto Mensch nur ein Mittelmass der nach 
v. Jung imehr oder niiii'ler ^Lechanhcben tiri-i — ierihjkeilcu. be- 
darf, welche in Wirklichkeit intcllcducllcn t'crti „-keilen — Lesen, 



Dlgifizcd by Gl 



Zur Schulfrage in Riga. 307 

Schreiben, Rechnen und Religion - mit Recht das 
Hauptziel jeder Elementarschule sind oder sein 
sollten und die Erreichung anderer wul erstrebenswerther, aber 
nicht vorzuschreibender, auch nicht immer wirklich 'heileren — 
Schulziele bedingen, (Ins- dagegen das zur Erfüllung lies Lebens- 

berufes dieser werdenden Biimer unei-lasslich« Vollmass der 
z a Ii Hosen wirklich median i sc Ii enHand- und 
anderen Körperfertigkeiten nicht durch 
eine erst nach Vollendung des 14, Lebens- 
jahres beginne n deUebong angeeignetwer- 
d e n kann. Die heutige — noch nichl abgeschlossene — mecha- 
nische Elitwickelmig der Grundlagen und Hilfsmittel aller sog. 
prakrischeu 'I'hätiiilodt'.'ii s.-b'int zu erheischen, da^s die <Lühr- 
z e i t>, welche nicht nur für das tgoldene Handweiki einst über- 
all etwa mit dem vollendeten IL'. Lebensjahr begann und bei uns 
wol in der Regel kaum später beginnt, wieder näher an jene 
Anl'angsgivuzc zurückversetzi resp. bei uns nicht um mehrere Jahre 
vorwärts gerückt werde. Das mit den rcgcl massigen und — dank 
den in der Schale gewonnenen Geistesfertigkeiteu ■— wohlbedachten 
l'ebungen der mechanischen Vertigkciten verbundene schon früh- 
zeitige Einleben in die idiaulasiefeiudliche und slrenge Subordina- 
tion fordernde Berufsarbeit der breiten Üevolkcningsschichten ist 
m. E. geeignet, auch die «innere Bntwickelungi vor den Gefahren 
zu behüten, welche v. düng in der geistigen < Halbbildung! erblickt 
und durch Erzwingung eines während '.< Lebensjahren ununter- 
brochen fort gesetzten geistigen Bihluag-gaugcs tu.-.- eiligen zu können 
■ vermeint. Die Gefahren der treistigen .Halbbildung:, welcher die 
heutigen S<iciali"jlitiker alle dcslractivcii Tendenzen zuzuschreiben 
pflegen, verkenne ich eben so wenig' wie die der Unbildung, aber 
man soll auch die noch viel grösseren Gefahren der geistigen 
V e r b i l d a n g nicht übersehen. 

■ Aus den hier entwickelten Gründen steht bei mir, so lange 
ich durch Gegengründe nicht belohtt werde, die Ueberzeuguug fest ; 

Bchnlbedurfnis der 8 Altersklassen von 7 bis 
1 3 J & h X und die correspondireude offentlichePflicht 
zurBereitstellung der zur Befriedigung dieses Bedürf- 



Zur Schulfrage in Riga. 



je 1 Ranmklasse, in der Raumklasse ein Maximum 
von HO Schal kin der ii. lieber die nicht schon berührten Ein- 
zellieite]], insbi-KiHidci-e iilier die <]Liaüla!iveu Fragen, masse ich mir 
ein Recht zur ülteiLtlielien fte|irechung nicht an. Dazu berechtigt 
nur eine fadiiiiiimiisHip ^naliiiration oder eine in unmittelbarer 
Mitarbeit auf dem Gebiete der Volksbildung gewonnene Erfahrung. 
Im Bewusstsein des Nichtbesitzes dieser Voraussetzungen muss 
ich auch unterlassen, die in v. Jungs Si ln-it't zahlreichen .nackten 
Ziffern, und csubjectiven Ansichten, über Lehrziele, Lebrpline 
u.a.m. liier mitzutheilen oder gar zu kritisiren. 

Bei meiner üeberzeugung , dass im allgemeinen nur die 
(i Altersklassen von 7 bis 13 Jahr im ort hervorgehobenen Sinn 
schul bedürftig sind, kann ich die Be wohne rzalil nur dieser Alters- 
klassen als massgebend anerkennen für die quantitative 
Beurt heilang der bisherigen Bedürfnis- 



K reis - und Elementarschulen. (Tab. I der .Resultate.) 
entnommen werden dürfen, denn die > anderen > Schulen (Tab. 5 das.), 
nämlich : Vorschule des Polytechnikums , Knaben gewer beschule 
des Gewerbevereins, Mii'kliengewubirsi'tiule des Jung- 
frauen verei ns. Näh- und Strickschule , Taubstummen- 
Schule der lil.-jirakl. Riii'gervei'Uindmij», Illindtriiinstilut 
und drei Sonntags- oder Abendscbulen, — 
alle di;se »anderen. Schulen mit zusammen 994 Besuchern 
(7011 m und 2fS W.) dienen besonderen Zwecken oder sind, sofern 
sie auch elementaren Unterricht bieten, nur Lücke nbüsser und ihre 
Leistungen auf diesem alk'iüiiüiiieii Gebiet sind aus gleichen Grün- 
den nicht in Anschlag zu bringen, wie die desjenigen Elementar- 
unterrichts, den mildtliatige Männer und Frauen, meist Jungfrauen, 
nach eigenem Ermessen oder unter Leitung nualificirter Manner 
wahrend einiger Stunden der Sonntage und selbst der Wochentage 
einzeln in ihren Wohnungen oder sich verbindend in öffentlichen 
Räumen, sein' vielen — von der F.n<iuete mit Recht au sgi-s eh bin- 
nen — Hunderten, gewiss über Tausend armen Kindern zu theil 
werden lassen, weil für diese, nicht selten sogar im Fall der Zah- 
luugsbereitheit ihrer Eltern oder Wohltbäter, in den öffentlichen 
Klniicniarsdiuleii kein Raum ist und derart situirte Kinder die 
Pi'ivalsi'hul-'Untci'in'huiungeni erklärlicherweise meiden müssen. 



Zui- Schulfrage in Riga 



Auch v. .Tang constatirt [Seit« !)!)) bezüglich der -Hinderen » 
Schulen, dass es «e xc e p t i u n e 1 1 e Verhältnisse siurl, unter 
denen diese fy-lmlen eidsiire.n > und dass •dieselben zu aUgeiiu-ineren 
Schlüssen keine genügend umfassende Basis bieten., dass er daher «die 
betr. Angaben über alle 1 ' i ■ i ~ < ■ n ; K :~1 i i i 1 : : i i ^ s ij in dk-seti Anstalten 
ohne weitere Beleuchtung mir im Anhang fo]ge.n> lasse. Aber 
unmittelbar auf fliese Beiscitesetzuug folgen im Text, als Basis für 
die darnach unternommene Prüfung der thatsitch liehen Befriedi- 
gung des allgemeinen Scbulbedürfuisses, neben den absoluten Be- 
völkerungszahlen der einzelnen als . schulpflichtig' Anginen \i Alters- 
klassen die absoluten und die in Procent der M«vijlk«nm.^s/;ililiin 
ausgedrückten Verliältniszahlen der auch die Besucher aller 
• anderen' als • exceptionelle> aiLeikiiiml.r.n iühlnugs-. Anstalten t 
in sich schl i essenden Schulkinder. 

i:x::i:i>:.i(iiic]k:n Kal.egnrie zu •allgemeineren > Sdilussfiil^i'i-iiii^«]] 
nicht genügen, geeignet sein können zur speciellen llekucliiuiiL; 
der allgemeinen und im Vergleich zu ihnen normaleren Kateginien. 
Daher habe ich in drei Tabellen die zu einer Parallele zwischen 
Sclmlbedürfuis und Schulbesuch in denkbar weiten 
Grenzen (Altersklassen von 7 bis.-iüJalir'itfeei^ieten absoluten Zahlen 
der Bevo 1 kerung und der Sc hu I k i n d e r aller bei von v. Jung 
als < Gymnasien», als < Kreisschulen i oder als t Elementarschulen, be- 
zeichneten 'ilfentliclie:! Und privaten Schulen in Ki?a. für jedes Ge- 
scMecU unil auch eullerliv, nach S]iiacln;i uypni -ejjliislert, unter Bei- 
setzung der van mir berechneten VerüHtniszahlen znaamuicu^esiclii 

Die Veröffentlichung dieser bei der Complicität ihrer Zahlen- 
reihen nicht leicht zu übersehenden Tabellen hätte nur den Zweck, 
insbesondere denjenigen Lesern, welchen die als Mamiscript pnbli- 
cirten <Resultate. der sc hulstatis tischen Enquete hiix«l -jLll^I i<- Ii 
sind, die Möglichkeit zu bieten, auch die einzelnen Grundzahlen 
kennen zu lernen, die Richtigkeit der Verliältniszahlen zu contro- 
liren und eventuell zutreffender scheinende Oombinationen vorzu- 
nehmen 1 . Zur Erfassung der Hl. F,. beilciLtsi'.meii Divergenzen zwischen 
dem Schulbedllrfnis im oft hervorgehobenen Sinn und seiner that- 
sächlichen Befriedigung eignen sich nur ilie nachstehenden, ans 
jenen Tabellen herausgehobenen 

1 Wegen ili-r Sfliwii'riKk.-ir -Ii t KiHiüu'iiii^ iLi-i- niisi-uii:iTii-li,-ii TüliüUrn in 
dla Format iler Ki-ilHctirit't Kit«! hin unter Zustimmung <!.'« Hrn. ViTiiissiin furt- 
geblieben. Die It eil. 



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Kur Sfilmlfrage in Rig* 



Vom Standpunkt derer, die mit mir 



haben. Man mnss nur, sofern man sich nicht auf v. Jungs Stand- 
punkt stellt, im Auge behalten, dass naturgenillss der grössere 



bis 13 Jahr. Dieselben erheben sich tun- für die deutsche ■ 
Siirarligrutipe mit 52,, etwas üiier die Hälfte, aber für 
die lettische mit 87« und die russische mit 34,, •/• 
wenig über ein Drittel, für die j ü d i s c h e auf — hor- 
ribilo äictu - nur 4, 0 Procent und im Durchsclnii tt 
aller S p ra ch g r n p p e n auf mir 4 1,, P r ooent 

Wahrscheinlich wird versucht werden, die unliebsame Wir- 
kung rfci'i' WrliiiHiiisMlili!» m ähnlicher Weise jilizuscliwarlieu. 
wie das in der tBig. Ztg.> (Nr. 2(59 u. L'llS vor. J.) gegenüber dem 
Rufern!, Uber meine» Ucwcibevcrciiisvonr;!': und bei der Bcsni-eehung 
der bald darauf si 1 1 ifii >■ i n j n v. .Mitsjrsrlien Hi-liiill geschehen isl 
durch misubstautiiite ISerufuug aul die -xa Hause oder in Privat, 
kreisen» unterrichteten «sehr vieleni Kinder und auf einen that- 
silcnlicli nur etwa 2 oder 3 jährigen <Bildungscursus. , welchen 
.die Mehrzahl der Kinder. Rigas • absolvirti, wodurch idio Zahl 
der ohne jeglichen SchulumeiTieht ge bliebencn Kinder erheblich 
1 ic ra bire druckt wirdi, da von den nach meiner i Überzeugung wali- 
reud Ii Jahre» sehulbetliiHtige» oder nach v. Jungs Fietion 9 Jahre 
.Schulpflicht igon> Kindern •ein Theil noch nicht die Schule 



313 



Zur Schul trage in Riga. 



besuchte, ein anderer dieselbe bereits wieder verlassen hatte.. Diese 
wiederholt verLill'entlirhieii A 1 isi :ii iv iLcim i il;- i emlen zei i nid Ii igen mich 

Die Wurzel des Widerstreits ist auchi in diesem Fall die 
unklare Vnisteiiim:; v.jii iler Bedeutung (nie:- die vi-r-liiidciiart ige 

Aiihcii hing der im wesentlich«! con gru eilten Begriffe .Schul- 
bed&rfnisi und >Schnlpflicht>. Du sich die .Rig. Ztg.. auf den 
Standpunkt diese: 1 Begriffe stellt, ohne meine schau damals GjHhrige 
nnd selbst v. Jungs [ijahrige Zeitdauer zu kurzen, so darf sie nicht 
gellend machen, das mit diesem Gradmesser entdeckte Deficit der 
thatsiichliehen Schüler/ah 1 sei zu gross, weil ein anderer contrac- 
I Ltnjst'jitiiy.-i- Kradmesser ein kleineres «der gar kein Dufiuit ergeben 
köuute. Sollte aber dem oder den betreffenden Publicisten der 
«Rig. Zlg.>, obgleich das Bekenntnis dessen nicht für gut befunden 
worden, ein -etwa. l i oder üjühriger Schulbesuch das Object der 
als .das letzte Ziel, auf weiches wir Über kurz oder laug lossteuern 
müssen* hiugeslcllteu .lülgcmriiien Suhulpllk-hL ■ sein, dann Wilre 
mit ihm oder mit ihnen nicht zu rechten. 

Selbstverständlich wird durch den statistischen Vergleich 
nicht bewiesen, dass die ganze Differenzzahl zwischen den 
Bewohnern und den Schulbesuche™ der betreffenden Altersklassen, 
also in den collectiv 17IUU Bewohner und nur 7037 Schulbesucher 
zahlenden (> Altersklassen von 7 his 13 Jahr die Differenz 
von 10012 Kindern .ohne jeglichen Schulbesuch» 
geblieben sei und bleiben werde. Aber wo] ist — sofern die durch 
die V ulk- zahl um; ie>|i. Scluilenquete ermittelten Grundzahlen für 
den Tag der Eni|Uele und auch für mindestens Ii vorhergegangene 
Jahre der "Wirklichkeit entsprechen — vollkraftig bewiesen, 
was allein bewiesen weiden .««Ute und wallte, dass iianil ich unter 
den 7 bis 13 Jahr alten 1 7 04 9 Sindern, für welche 
der in jedem gerade d i e s 0 r (i Lebensjahre unausgesetzte 
Sidiulliesneh ein nach meiner von der <itig. Ztg.i iiiulit beanstan- 
deten Ueberzeugung unabweisbares ß e d U r fn i s war, nur 7037 
oder nur 41,, Procent in jedem und 10012 oder 5B„ 
P r 0 c e 11 1 nicht in jedem gerade dieser 0 Jahre 
eine Schule nachweisbar besucht haben. Die durch diese 
statistische Thstsacbe nicht ausgeschlossene Richtigkeit der in der 
■ Rig, Ztg.> aufgestellten Behauptung, dass in Riga «die Mehrzahl 
der Kinderi einen .Bildungscursus. von nur .etwa> 2 oder 3 Jahren 
iabsolvirt>, wäre sogar ein von jener Thatsacbe unabhängiger 



Zur Schulfrage in Riga. 



313 



Beweis dafür, dass in Riga die Bildimsisiiiisrrc hochgradiger ist, 
als ich für die Gesammtheit der Bevölkerung zuzugeben mich be- 
rechtigt halte. Nach meiner aus den statistischen Zahlen gewon- 
nenen Ueberzengung haben wir zu beklagen, dass von den 
7 bis Iii Jahr alten Kindern aller Sprachgruppen eine grosse 
Minderheit nicht mehr als 3 Jahr, von den beinh- 
alten und die Mehrheit aller bildenden Kindern der meisten u n . 
deutschen Sprachgruppeu eine sehr grosse Mehr- 
zahl nicht einmal 3 Jahr und die Gesammtheit 
der Bevölkerung nicht mindestens (1 Jahr 
eine Schule unausgesetzt besucht. 

Mit den .im Hause oder in Privatkreisen, unterrichteten 
isehr vielen» Kindern hat die «Rig. Ztg.. einen selbst unter 

Kt'int'SglMiiliKll , .VflL!l? iifii'-Ulfll-.li':i Zw.'IL,' ejlliill ilit'. * i i -sj[ 1 11 LI [1 ])!::(. 

beeinflussenden Hicson vorgeführt. Eben so wenig wie die <Rig. 
Ztg.. vermag ich diese isehr vielen. Kinder zu bezitfern. Man 
wird mich vielleicht einer Ueberschiltzung zeihen, wenn ich 500 
solcher Kinder annehme , selbsivcs-siiitiillit-!: ilh-jenigen armen 
Kinder nicht mitgerechnet , welchen ton Wohllhäteru oder 
in Wohlthäterk reisen der schon gekennzeichnete Nothumcntrhi 
zu theil wird. Aber zustimmen wird man der Annahme, dass jene 
höchstens 500 Kinder nur den engen gutsituirten Kreisen der Be- 
völkerung und zum allergrössten Theil der deutschen Sprachgruppe 
angehören. Daraus erklärt sich die sonst sehr auffällige Thatsache, 
dass nach der statistischen Uebersicht auf Seite 310 unter den 
deutschen Kindern von 7 Jahr nur 12,, und von 8 Jahr nicht über 
32,i "/= Schulkinder sich befinden, wahrend die VeihiiUnis/ahl in der 
nilchsteu Altersklasse auf bli,, •/■ springt und weiter bis zur 13. 
Altersklasse nicht auffallend steigt. Damit dürfte diese Berufung 
der «Rig. Ztg.. auf ihr richtiges Mass zurückgeführt sein. Mit 
solchen Elementen lasst sich das Schwergewicht des statistischen 
Gesetzes der «grossen Zahl, nicht von der Stelle rühren. 

Aus der Uebersicht auf Seite 310 hebe ich als besonders 
bedeutsam hervor, dass in allen Altersklassen von 7 bis 13 Jahr 
die V e r h a 1 t n i s i a b 1 der S c Ii u 1 k i n d e r b c i .1 e r I r i 
Geschlechts bei der deutscheu Bprachgruppe im 13 Jahr 
mil 7fi.,. bei der lettischen im 12 Jahr mit 62, t , bei dei russisches 
im 11. Jahr mil 4(1... bei der jüdischen im 13. Jahr mltPb,«, im 
Colleclivdorchschnitl ebenfalls im 19. Jahr mit Kl* 7. c u 1 m i • 
Hirt und dass die der Knaben in allen Altersklassen — nur 



314 Zur Schulfrage in Riga. 

bei der russischen Sprachgrnppe ilie 10. und 12. ausgenommen — 
überall wo seu t lieh ho her ist a ls di e der Mädchen, 
aber selbst bei der deutschen SpraHignippe nicht über 80, D % sich 
erhebt, bei der lettischen schon mit 72,,, bei der russischen mit 
153,,, bei der jüdischen mit nur ll>,, und im < lol lec tiv du roh schnitt 
schon mit GG* ihren Höhepunkt erreicht. 



scheu Daten nichts entnehmen. In die 
ganzung der schulsUtistischen Daten ? 



ÜL'.i «/■ derselben auch nicht einmal de- Lesens iiuiulilig waren,. 
Diese Verhältniswahl ist aber die mindestbedeutsame. Die Haupt- 
sache sind die Verbal Illiquiden der analog den schulstulistisclieu 
S|irai:li^niii)icii «ujrliiüicrtci] Analphabeten im Alter von 14 bis 30 
Jahren, also derjenigen, welche grösstentheils im letzten Jahr- 
zehnt, stiliulin'rtüri'ei^ waren, ilie Analphabeten- der einzelnen 
Altersklassen innerhalb 14 bis 30 Jahr sind in den veröffentlichten 
Ergebnis«» der Volkszählung nicht enthalten. 



habe ich neuerdings für Riga und Beval die absoluten und 
die aus ihm-ii berechnden Verhalt ui.--i;al den der Analphabeten 
in besonderer Ts bei Ii; zusanimc.nges tollt 1 . Die 1'nrullcle mischen 
Riga und Reval ist so bedeutsam, dasa ich sehr bedaure, einen 
Vergleich mit anderen Im] tischen Stii.dt.cu Niehl anstellen zu können, 
weil über deren Bildungsstand die publicirteu . Ergebnisse, der 
V-ölkszahlung keinerlei Daten enthalten und für die Städte in 
■ Aach dem Fortfall diesei Tabelle ...i» itaa uigei^boMn Omni« der 
lim VoifkiBier »ngestlramt, Die Bad. 



Dl j:l.:.:"J L 1 : Cl 



Zur Sclmlfrage in Riga 



Kurland (Iii? Zähkiisscrgolmissi) auch bis jetzt, nach mehr als .Irei 
Jahren, noch nicht pnblicirt sind. Für Riga war ich zu einer 
Fiction aus dem Grunde, genöthigt, weil das in dieser Beziehuni: 
sehr ins Gewicht lallende <ncti\e Militär» in Reval, nicht auch 
das in Ki^ii, bei L'Vsl.-itellimL: der et'ticielleii Taiiclle von der übrigen 
Hi-viilki'rnng getrennt worden ist. Ich habe die l'Ur (Iii"; einzelnen 
lSpi :ii -1 1 L^!-ni>iit-n iilfiriell eonstalirteu Gesninml.zahleil des acliven 
Militärs in Riga auf die Bildnin^rnpiieü mich deren für Reval 
sich ergebenden Prnceiitzahleu vertheilt. Vrm der Not.hwcndi^keil. 
und n:l;itivi'ii ["iibeilenilii-liki'ii. h l i l ■ ■ t [■'ictinn wird man sich aus 

den in der Tabelle getrennt aufgeführten Zahlen des activen Mili- 
tärs ü herz engen künnen. 

Die Personen, deren Bildangsstaiid wegen mangelnder Angaben 
nicht constatirt ist. habe ich zu den < Ungebildeten" gerechnet, im 
Gegensatz zu denjenigen, welche zu lesen und zn schreiben ver- 
stehen, n«s iliii-n« <r.-ri't:liti'H]-[ii;t sein, iveil es undenkbar ist, dass 
jemand die IJildmigs..;landstiageti der Zählknile nicht beantwortet, 
habe, wenn er zu lesen und zn schreiben verstand. Wahrschein- 
lich ist, dass die Mehrzahl der Personen, welche die Beantwortung 
unterließen, weder lesen noch schreiben konnte. Aber es ist doch 
nicht undenkbar, dass auch Personen, welche nur zu lesen verstanden, 
die Niclitbeantwortung dem Bekenntnis der Sclivcibcnsivnfahigkeit 
vorgezogen haben. Daher habe ich alle Personen zweifelhaften Grades 
der Unbildung in der Rubrik .Ohne Angabe, besonders aufgeführt. 

Aus den umstehend mitgeteilten Yerluiltnisziililen der Civil- 
bevölkemng constatire ich zunächst die erfreuliche That- 
saehe, dass die aller Analphabeten der Altersklassen von 14 bis 
30 .fahr in beiden Sellien bedeuleud kleiner ist, als in den Alters- 
Hassen über 30 Jahr, also eine Zunahme der Volksbild ung 
während der letzten 10-20 Jahre, Aber dieser Fortschritt ist 
in Riga minder bedeutend als in Reval , dort 2ö,, 
gegen fiO,, •/«. hier 1 0, s gegen 48,, »/, Analphabeten aller Sprnch- 
gruppen. Auch innerhalb der einzelnen Hprachgrnppen zeigen sich 
ähnliehe Divergenzen iler Hildnngszunahme zu Ungunsten Rigas. 

Eine nnfdieAlter8klassenvonljbia30Js.hr 

beschrankte Parallele zeigt in allen S|iraebi.'rappen mit linerheblielien 
Ansnuliinen einen Rückstand Rigas, um all Hallendsten und 
ausnainnhis in Beziehung auf diejenigen Personen, welche weder lesen 
auch sehreihen kiinnen. Die Verhall ni-zahl dieser Personen, welche 
offenbar nie in einer Schule gewesen, repräsentirt 



Zur Schulfrage in Riga. 

in Re?a1 0,. pCt. 

ll,i < Esten < 2„ . 

. Russen . 28,, - < 12,. ■ 

. Joden « 40,« • • 3C, S « 

■ « Anderen ■ 15,, « < 5,, « 

im Colleclivdurchschn. ■ 13,, « ■ 4„ • 

Bildungsverhältnisse der ClvilbevOlkerung in Riga und Reval. 

Perwnen beiderlei Geschlecht«. 
Protent der BarMkgrMg der einzelnen Sprach Kr nppen. 




Ich mag und vermag den schwärieren Schatten der Bild nngs ■ 
Verhältnisse in Riga im Vergleich zu Reval nicht in allen Einzel- 
heiten vorzuführen, dem selbst» rilf enden Blick der Leser wird 



i Wes 



:itsi:!i(:]] 



Die finanzielle Siele der Sdiulfrage in Riga gedenke ich in 
einem zweiten Artikel zur Erwägung zu stellen. Auf ihr liegt 
leitler tlie dräuende Klippe, an der — nicht in Riga allein — all- 
seitig für unerlitsslicU irrkhirt« Reformen, nicht am seltensten in 
llestieliiiug iiuf imellcduclie Zwecke, gescheitert und ins Meer der 
Vergessenheit gesunken sind. 

Riga, im Februar 1885. P b. Gerstfeldt. 



Die statthalterschaftliche Zeit. 



: (£§^JS Iiis au ihre Grenze durchmessen. Neben den bedeutende- 
ren Persönlichkeiten im Ltri- il(;u Regierenden und den Regierten, 
ihren dazwischen /iisiimmenhuil'enden, meist sich kreuzenden Be- 
strebungen traten die ZustiLnile, ans denen heraus .sie handelten 
oder die sie gestalten halfen, vors Auge, und manches wilgenössischc 
Unheil trug stur Erklärung der Erscheinungen bei und vermochte 
unserem Nachdenken .Iii' Richtung zu geben. Aus den letzten 
Abschnitten der Erzählung mag vielleicht der Eindruck besonders 
lebendig geworden sein, dass das Gedeihen der Provinz wesentlich 

Regierung, sei es der einzelnen Gemeinden und Körperschaften 
Standen. Das wäre auch ein ganz richtiges Kigcbnis, aber doch 
von einzuschränkendem Belange. Denn ausser dem Schwergewicht 
des Persönlichen macht sich stets auch der Druck der allgemeinen 
Verhältnisse nuf das Weiden der Dinge geltend, und die Besclinf- 



r Quelle 
Reich sverfassung h 



■ die Schilderung der Jahre, i 
ii Lande durchgeführt w 



denen die 



gelangen konnte. Vei 



Einzellebeu ausgefallen, von der Tra. 
Umwälzung und Neugestaltung tttr 



welche die politische 
innung der Privaten 



Digitized t>/ Google 



gehabt; nur Iii« und (Iii trifft ain ^milie.hl du: lLi?scti oder auch 
dieses und jenes Individuum in besonderen Stellungen. Die Tüch- 
tigkeit und Charakterfestigkeit einer Reihe von Personen, die 
Lässigkeit , Schwäche oder die Agitation und Provocation von 
anderen ist wul hervorgetreten, aber das waren eben die Führer 
der UeSBllscIiiiit und ihrer Ii rniiju-ti, und der !tii('kstshluss auf die 
gleichen Eigenschaften der grossen Zahl derer, die sie vertraten, 
wäre doch zn gewagt. 



t Tag für Tag die Ereignisse, den Gang der laufenden Geschäfte 
begleiten; nirgend gewähren die öffentlichen Acten den Anblick 
es sich schürzenden dramatischen Knotens. Die Protokolle der 
aler Stadtverwaltung haben sich bisher nicht finden lassen 1 , 
i Einrichtung der unschätzbaren livländischen Diarien resp. 
iidirrecesse ist in Estland nie getroffen. Ueber den Augenblick. 



enmässigem Flusse gleitet die Periode dahin: 



Laune oder peinlicher Gt-rt-izilit-it des einen oder alleren General- 

1 In mein« Schritt »Die < Wsee?wi.n«o. lonu-hmlicb EMUnd «ubrend 
uVt sthtuiliscb mnnchoo Kwum I7HD-I?»0» Hu IWraburg 1K74, Z. 3 
nius ich eu leaeo .Di» lYoloknlle .1« mmln 3indlL'.ay»u»l» H Su-hmba. 

• Wrangen" - • W.lb. Htllfntr 

1 iticrnrn, Luivi'tutiTii. i'.iikul], Sult/.. 



Lli j i !:■.■ 



Die statt.lifl.1 terscha f Iii che Zeit. 3i(i 

gouvenienrs ; niclit bewegt durch Parteigeist innerhalb der städti- 
schen Bevölkerung, soweit wir davon wissen; ohne die Schwierig- 
keit, einen AssiiiHl;itions|>iwe.-:s bisher feindlicher Gruppen inmitten 
des [aiiii^ilssievu Allels ilincliiiiiit'lifiL '/M müssen : hat. KsMitnd den 

Einfluss des statthaltersch ältlichen Systems an sich, gelöst von 
allen zufälligen Ei-schwerungen desselben, nach Mnssgabe nnserer 
Quellen neben Riga am augenscheinlichsten zur Darstellung 
gebracht. 

Zunächst in der Verwaltung und Regierung der Provinz. 
Lieber Reval müssen wir aus den ausgeführten Gründen mit einer 
Bemerkung Neueudahls hinweggehen. .Hätte man» — sagt er' — 
im rigiischen Gouv.-Maicishni. den Mutli den iwiilsniii'ti Stadthauptes 
gehabt, welcher wegen einer Bedrückung über den dortigen Gnu- 



so beneidet und gellet wie Riga.. Wir wis ; 
Zeit das Ereignis fallt, noch am was es sich 
Aach hinsichtlich des flachen Landes ist 
viel zu sagen. Schon im .7. 1783 hat Graf £ 
land seinem Gen. -Gouvernement zugefügt war 



besagter Aemter in Estland seit altorsher dadurch erreicht werde, 
dass in jedem Kirchspiel üwei Obe!kit'elie:iviii>(eber die Verwaltung 
des Kirchenvermögens, die Unterhaltung der Kirch engebaude und 
Kirchenwege zu besorgen hatten und den Conventen Rechnung 
ablegten ; überdies wurden von Zeit zu Zeit unter dem Präsidium 
eiues Landratlis Kirchen Visitationen angestellt. Da auch nicht, 
wie in Livland, bei der Wahl der Dandrathe die Kreise in Be- 



ffie Rechtspflege die Zeit der Landräthe zu sehr in Anspruch, als 
dass sie noch mit anderweitigen Aemtem belastet werden könnten. 
Der völligen Gleichstellung beider Provinzen widersprach eben die 
so verschiedene Grund venie-siing derselben. Eine durch alle Be- 
weise wohltut terst fitzte, in sich festgesc blosse ne Rechts dedttctir.ni 
unterstützte d ! e Ablehnung, die dann auch Stich' hielt bis zum 



J. Eckardt, Bütgtxihuu mid BaremkratJ*, i>. 81 



Die statthaltersehaftliche Zeit. 



Browne war ziLhr j^Hii-be«, Icgrjfiiele aber derselben Zähigkeit bei 
der Ritterschaft. Sie hielt daran fest, dasa ihre Kirchen Verfassung 
ihr erst vor drei Jahren Allerh. bestätigt sei, obwol sie soeben 
den durch denselben Ukas v. 3. Juli I7S3 ihr zugesicherten Landes- 
staat hatte opfern müssen. Sie wiederholte ihre schon einmal ab- 
gegebene Dedui'ai.iou und legt« feierliche Bewahrung gegen jede 
( ictrnv innig des html I ren: den Institutes ein. Damals hat sie es auch 
abgewehrt, und nachdem es durch das Ki ruhen gesctz v. 18.'i2 doch 
eingeführl winilen, hat es bis auf den heutigen Tag keine rechte 
Lebenskraft erlangt. 

Die gleiche Anschauung des Gen. -Gouverneurs, als sei das 
ihm anvertraute Gebiet einzig und allein ein Verwaltungsbezirk 
und nur nach ihm gefälligen Gesichtspunkten der Zweckmässigkeit 
zu regieren, nicht aber ein Comple« verschiedener Landschaften 
eigenen Rechts, tritt 1787 in seiner Forderung hervor, dass auf 
der Strasse von l'eniau nach Arensburg, so weit sie durch Estland 
gehe, von diesem Poststat innen angelegt. Werden sollten. Als die 
Ritterschaft hierauf nicht einging, weil diese Strasse nur den Ver- 
kehr zweier Orte einer fremd«« Statthalterschaft betreffe und der 



sehwerde fuhren zu wollen. Der Ausschuss stellte die Unmöglich- 
keit dar, eine einstimmig gefasste Beliebung der Adelsversammlung 
von sich aus abzuändern, und erlangte die Berufung eines ausser- 
ordentlichen Landtags. Derselbe, am 21. Juni eröffnet und ge- 
schlossen, wies alle ihm /ngeiiiulhelcti neuen Lasten ah, die nicht 
von K. M. selbst ausdrücklich auferlegt wären, und beauftragte 
den G ou v. -Marschall sich an die Kaiserin zu wenden, falls der 
Gen .-Gouverneur nicht von seinem Verlangen abstehe. Er stand 
nicht ab, und die Sache ging nach Petersburg, Als jedoch nach 



Die Statthalterschaft! iche Zeit. 



Ml 



schleimigste, legte aber dabei feierliche Verwahrung gegen alle aus 
dieser Willfährigkeit etwa zu ziehenden Folgerungen ein und zeigte 
bei Zeiten an, <ilas« diu aus l'li^i'l^ülifU für den Oicnsl. der <;nissen 
Monarchin für die Dauer dieser kriegerischen Umstände getroffenen 
Anstalten, die mit Erledigung derselben von selbst mit aufhören, 
durchaus uielit als «rilcul.lidie PiistansUiltcn änire^cheii wuvilfii niöL'eni . 

Der schwedisch -russische Krieg, über dessen Kinwirkung auf 
Estland die eingangs bezeichnete Schrift besonders handelt, brachte 
wie in Riga auch liier die Gefährdung der Q.iartierfreiheit der 
adeligen Häuser auf dem revaler Dom. Wiewol gleich zu Beginn 
der Rüstung die betr. Hausbesitzer, um allen Erörterungen zuvor- 
zukommen, sich zu einer freiwilligen Beisteuer zur besseren Ver- 
Pflegling der Truppen unter ausdrücklicher Bewahrung ihrer Frei- 
heit entschlossen, erliess unmittelbar aae-li flmiilangnahme dieser 
Summa die Statth -Regierung den Befehl (v. 24. April 1789), die 
adeligen Hausbesitzer hätte» auf Grund der Stadtordnnng gleiche 
Lasten mit der domischen Bürgerschaft zu tragen. Die da- 
gegen erhobene Vorstellung hatte keinen Erfolg. Diu adeligen 
Hausbesitzer beschlossall nun auf ihre Kosten die Beschwerde 
beim Senat , der Gouverneur wies jedoch die der Regierung 
zur Beförderung übergebene Supplik zurück. Der (3 our .-Marschall 
wandte sich darauf direct an den Generalprocurcur Fürst Wja- 
semski um seine Verwendung für die Aufrechterhai tu ng des 
I'iivileeniuH, Wiitnii er eiufliessen Hess, ilass die Petenten ihre frei- 
willige Theilnuhme an den Lasten durch Beitrüge zur Versorgung 
der Seeleute an den Tag legten. Nach einer günstig lautenden 
Zwischeiierklürung des Senats v, 2i), Dec. d, J. wurde der entschei- 
dende (Ikas am 15. April 1792 erlassen : in ihm war der Regie- 
rung befohlen, in allem den Art. 13 der St.-O., der allen Haus- 
besitzern gleiche Lasten auferlegt, zur alleinigen Richtschnur zu 
nehmen. — Der Gouv. -Marsch all Hermann v, Lowenstem nahm 
daraus Veranlassung, direct an die Kaiserin mit einer Klage über 
den Senat und zwar durch Vermittelung des Grafen Platon Subow 
und Dershawins, des Dichters, zu gehen. Im Expose heisst es, 
dass <der Adel des revalschen Gouvernements öfters und wieder- 
holt die Bedrückungen des Senats und den willkürlichen Eindrang, 
den derselbe in die Rechte und Privilegien des Landes von Zeit 
zu Zeit gethan hat, mit ruhiger Unienvui ii^keit erduldet und mit 
Ehrerbietung für dieses hohe Heielisgeriehi- auch dessen meist auf 
e Vorstellungen erfolgten liachtheiligeu Befehlen gehorcht, 



Die statthalterschaftliche Zeit. 



welches erforderlichen Falls durch mehrere Beispiele erwiesen 
werden konnei . . . -Auf die einseitige und gesetzwidrige Vor- 
Stellung des Gouv.-Procureurs, desseu Pflicht es sei, die Gesetze 
zu kennen und über die buchstäbliche Befolgung derselben zu 
wachen, nicht aber ihren Sinn zu verdrehen, sei der Senat verleitet 
worden, ohne diu S;u-!ih im geringsten zu untersuchen, gegen seinen 
früheren Ukas, dass der Adel bis zur Allerh. Entscheidung bei 
seinem Vorrecht bleiben solle, zu verfügen.» Am 3. Mai wurde 

dieses uiiifi'si.:liiiii[[kiti !'*ims.' abgel'unii;! , am 22. Oi'lober eiTulgl.e 
der eigenhändige. Befehl der Kaiserin, durch den die Quartier- 
freiheit der adeligen Hausbesitzer auf dem Dom Allerhöchst be. 
statigt wurde. 

Ueber den Einfluss Piaton Subows auf die Entschlüsse Katha- 
rinas sich zu verbreiten, ist liier nicht der Ort. Wol bezeichnet 
es aber die Lage, dass nur durch solchen Einflnss in diesem Kall 
das Recht zu erlangen war. In Livland, für das der Günstling 
nicht interessirt war, kam es in derselben Sache nicht zur Geltung. 
Allerdings hat auch Livland, wie wir letzthin sahen (p. 224), wohl- 
wollende Entscheidungen der Monarchin aufzuweisen ; sie müssen 
dem persönlichen Wohlgefallen, das Sivei's in der Residenz erregte, 
zugeschrieben werden. Von solchen Zufälligkeiten hing es ab, ob 
die Kostenz der selbstherrsch enden Macht wahrgenommen werden 
konnte, die Tür gewöhnlich unter den Gewaltaclen des Senats, des 
Gen.-Procurcura und der Statthalter zu verschwinden pflegte. 

Von directen Eingriffen in die dem Adel zustehende Landes- 
Verwaltung, wie die Statth .-Regierung in Livland sie verübte, ist 
in Estland nichts zu berichten. Neben den erwählten wurden 
noch allerlei andere Versuche uuif cMmas-i^r Forderungen ange- 
stellt, doch beruhigten sich sowol der Gen .•Gouverneur nie die 

LofiLlregieniitg bei ih-iu he lmrrlii-h enlgcgr iigcsnlzt.«n Widerstände. 
So wurde gleich 17S7 die Auslieferung des Archivs des alten 
( Ibi-Hiiinigi-richl.s an die neue Behörde desselben Namens verlangt. 
J. v. Brevem replicirte : die Protokolle des ehemaligen Landraths- 
collegiums enthielten neben den Processsachen auch Landesangele- 
genheiten und seien daher bei Verhandlungen Uber die öffentlichen 
Geschäfte unentbehrlich. Ein Allerh. Befehl zur Ablieferung sei 
nicht erlassen, sondern nur angeordnet, die Acten der pendenten 
Sachen auszuhändigen. Dies sei geschehen, und was sonst gegebenen 
Falles erforderlich wäre, solle vom Archivar jederzeit dargereicht 
werden. Dabei blieb es denn auch. — Als im J. 1780 der ordeot- 



Die statthalterschaftliche Zeit. 



liehe Wahl- und Landtag herannahte, verfugte Graf Browne unter 
dem (!. Nov. den Ausschluss jeden Geschäfts ausser den Wahlen 
und der Berathung Uber die von ihm approbiiten Punkte und be- 
liarrte dabei auf die von (iouv.-M arschall gemachte (iogeuvorstel- 
lung. Der am 3. Dee. eröffnete Landtag wiederholte natürlich 
solche in nachdrücklichster nml begründetster Weise und sandte 
mit ihr den Major v. Hagemeister nach Riga. Am 11, d. M. kehrte 
dieser mit dem Zugeständnis der vollen Berathungsfreiheit zurück. 
— Schon auf diesem Landtage hatte sich ein solcher Mangel an 
wahlfähigen Candidateu gezeigt, dass eine Supplik au den Senat 
dahin beschlossen wurde, vom Rang eines Oberolficiers und über, 
baupt von jedem Bang bei den sonst tüchtigen Persönlichkeiten 
absehen zu dürfen. Doch war hierfür die Bewilligung so wenig, 
wie für die spatere gleiche Bitte der Livländer zu erlangen. — 
Durch einen Senatsukas v. 21. Sept. 1794 wurde befohlen, die Revi- 

scher und deutscher Sprache einzureichen. Der Gouv. -Mm schall 
v. Patkull wies darauf h'n, dass der geringste Theil der Guts- 
besitzer der russischen Sprache mächtig sei und die weitaus meisten 
genöthigt würden mit vielen Kosten und grosser- Beschwer die Ein- 
gaben übersetzen zu lassen, für deren Hiebt i<;kcil sie dann nicht 
einstellen konnten, Durch den Allerh. Befehl v. 3. Juli 178;l sei 
der Ritterschaft das Recht gewahrleistet, in allen gerichtlichen 
und öffentlichen Angelegenheiten sich der deutschen Sprache zu 
bedienen, und was ins Rassische m über tragen er forderlich gewesen, 
sei bisher den bei den Gerichten angestellten Translateureu über- 
tragen worden. Daher seien auch die 1782 eingereichten Seeleu- 
verzeichnisse nur deutsch übergeben, obwol im Senatsukase vom 
10. Dec. 1781 vorgeschrieben worden, die Anzeigen russisch anzu- 
fertigen. — Bereits am 8. Jan. 17U5 lief im livl. Ritterhause Pat- 
knlls Mittheilung ein, dass er für die estlandisehen Gutsbesitzer 
die Nachgäbe seiner Vorstellung erwirkt habe. 

Man sieht aus allem : an Schwierigkeiten fehlte es auch in 
Mst.laud nicht ; dem rechtlichen und ruhigen Gang der Dinge wurden 
Steine genug iu den Weg geworfen. Aber unter tüchtiger, be- 
sonnener Leitung liess sich vorwärtsgehen, ohne jene aufreibende 
Spannung, die dazwischen in Livlaud jeden Tag etwas neues Un- 
erwartetes furchten liess, durchmachen zu müssen ; ohne jene per- 
sönlichen Con die te zu bestehen, wie sie aus dein Zusammenleben 
mit dem allmächtigen Statthalter sich nur zu leicht ergaben. Die 



324 



Die stntthaltflrschaftlicbe Zeit. 



entstehenden Differenzen wurden ans der Entfernung schriftlich 
oder durch ausserordentliche Deputirte, die den Reiz der Neuheit 
für sieh hatten, leichter gelöst, als es an Ort und Stelle zwischen 
iVrsjnliclikeiten miiglicb war, die in häufigem Verkehr sich oft 
an einander gerieben und nach und nach sieh verbittert haben 
mochten. Was in ßeval wie in Riga den Anlass au jedem Zer- 
würfnis bot, war, dass in jedem Einzelfall die Regierung immer 
zuerst mit der allgemeinen Ordnung, mit dein Reit'.hsgesetz kommen 
wollte, und hier wie dort immer das besondere Recht, die Special- 
ordnung entgegengehalten wurde. 

Allerdings geschah dieses nur von der Landesvertretung ; 
von den Einzelnen im Lande werden wir das nicht so allgemein 
voraussetzen dürfen. Das günstige Bild, das von der Geschäfts- 
führung in Estland entworfen wurde und das sehr gehoben werden 
könnte durch Schilderung der regen Thatigkeit, die sieb der Ver- 
besserung der finanziellen Zustände der Adelscorporalion durch 
Iwan Brevem, des Postwesens durch Patkull, der Inangriffnahme 
der Norm innig der bäuerliche!] Verhältnisse durch Sallza zuwandte' 
— dieses Bild gilt doch nur dem hervorragenden Kreise der Führer 
des Adels. Ihr Einfluss hatte in dem öffentlichen Auftreten, in der 
Gesanniiterschchiun;; ihrer Kürpersehai't seine Grenze erreicht. 
Der Klugheit und Festigkeit des ritterschaft liehen Ausschusses, 
der patriotischen Haltung des Landtages ent-sprach nicht Gesinnung 
und Bewahrung des Einzelnen, der fori gerissen mit der (iesammt- 
heit dem Impulse der leitenden Männer zugestimmt oder auch still 
verdrossen sich getilgt hiltte, heimgekommen Elber in sein Kirchspiel 
in seine Amtsstube, im Thun und Lassen dem momentanen Auf- 
schwung nicht treu blieb oder gar mit den Nachbarn über die 
Komödie, die sie gespielt und deren Aufführung sie auch den ande. 
ren zutrauten, ihr üespotte trieben. Dass solch Einzelner nicht 
wenige gewesen, lehren die Klagen .lak. Georgs v. Berg, J. v. Bre- 
verns Uber die zunehmende Entartung und das Schwinden des 
Geiiieiiisinn.s. Die iiesch» erden, welche Fr. Sivers Uber die durch 
Adelige besetzten Gerichts- und Polizeibehörden in Livland führen 



1 Vgl. zm IftzU-ll Hilter io meili«i.-\ufwiU -Ein [■stliln.Iisi-hirr Staatsmanns, 
.U.M.* IM. 94, ii. 505; audi iiu-in «Datol iilier Acten!. Kig» 1SWI, [i. Jl ff Eine 
Liiiiiiciienilvce Ver.itWitutiL- il.-r qiii'Ne. iW l'niMkclle i1»t esll. Ititu-rwliaft vmi 
1735 und I7!Hi, liegt noch nicht vor. Für du Postwegen J, daaelbat Pmt. >"n 
1704, p. 17— SS, HO— HO, 104—116; üöer lirerems Hcniiiliiiiii.'1'i] /ur liuriitcllimii 
da Uilauz dar BMetamn seine Abächitdsrale, Prot ron 17B0, p, 81 ff. 



Die statthaltersehaftliche Zeit. 



musste, lassen vermutben, dass auch in Estland der Anlass dazu 
nicht gefehlt liaben wird. Das Recht zu dieser Verallgemeinerung 
geben ein paar wichtige Vorkommnisse, auf die alsbald naher ein- 
gegangen werden soll und die sich nicht als möglich denken Hessen, 
wann sie nicht einer häuKg geliegten Siuncsweise entsprochen 
hätten. 

Daas in beiden Provinzen je ein Fall sieh ereignet, da Glieder 
des Adels und zwar alteinheiiuischer Familien sich den vom Land- 
tag \iiüv;i'.:< liewilliiiiiiiyeii entziehen wollen, weil sie nicht mit 
für diese gestimmt hatten, will ihrer Vereinzelung wegen noch 
wenig besagen ; in Lirtand reicht ein Capitftn Baron Pallien auf 
Aahof 1795 seinen Protest ein, in Estland ist es der Besitzer von 
Fälina, Pargenthai und Worms, Obrist Baron Stackelberg, der seit 
1784 sich gegen die Zahlung von ihm nicht bewilligter Ladengelder 
sträubt, zwar gezahlt hat, aber an den Landtag von 1787 appellirt. 
Von allen Kreisen abgewiesen, geht er an die Statth .-Regierung, 
die seine Verpflichtung nach wiederholter Begründung derselben 
durch den Gouv. -Marschall endlich anerkennt, aber sich nicht zur 
Wrliilugiiiig der Execution gegen den säumigen Schuldner ent- 
schliesseu kann. Erst im J. 17SI1 dürfte die Rittercasaa zum 
Ihrigen gekommen sein, da Stackelberg vom Gen .-Gouverneur, an 
den er sich mit seinen Prateusionen gewandt, vollkommen Unrecht 
gegeben ward. Erwähnt wird 'der langhingezogene Vorfall hier 
nur, weil der Opponent sich zur Begründung seines Standpunkts 
auf den Art. 54 der A.-ü. stützen wollte, der die Freiwilligkeit 
der Beisteuer zur Adelscasse betonte. Fand er auch eine vortreff- 
liche Widerlegung durch J. v. Brevem 1 , so darf doch in seinem 
Versuch und zähen Beharren ein Zeichen dufiir gesehen werden, 
dass früh schon die ReelitsaLseaauim^etL im Lande sich durch die 
neuen t Verordnungen» zu verwirren begannen und die Schuld an 
der Verschlimmerung der Zustünde in den Provinzen, nachdem 
der Regierung ihr Amlip.il daran leiehUch bemessen worden, zum 
grossen Theil auch der Haltuugs- und Kraftlosigkeit der provin- 
ziellen Gesellschaft zugeschrieben werden muss. 

«Waren nicht auch wir zu gealtert, um den Geist unserer 
Verfassungen aufrecht zu erhalten? Bürger und Adel, Stadt und 
Land, waren wir nicht dahin gekommen, unserer alten Verfassung 
die Schuld zuzuschreiben, wenn wir die Glieder nicht mehr rühren 



1 EsÜ. Bitt-Pret. 1787, p. 109-114. 



Die statt Ii alterschaftliche Zeit. 



konnten oder mochten, lange ehe sie uns durch Einführung des 
Neuen gelahmt wurden dem Geiste nach ? Bios weil es an Geistes- 
kraft und sittlichem Herzblut fehlte, das Gute des Alten iin Geist 
und in der Kraft des Alten in heiligem Krnst au Ire cht zu erhalten.» 
In diesen Worten des würdigen Wilnert, die er gelegentlich des 
fiusammenhruths des heil, römischen Reichs deutscher Nation 1806 
geschrieben, in diesen Worten wird wol die Erklärung liegen, 
dass die Stiil(h;(lU'i=chiiftsjiihre so gewirkt haben, dass tisch ge- 
raumer Zeit (1S09) in ruhiger Erwägung der alle vielerfahreue 
Hofrath Brüeker in Riga von ihnen sagen konnte: .sie haben die 
Moralität von Stadt und Land durchaus verdorbeiii. 

Mit dein Hinsinken der schützen den und bewahrenden Formen, 
mit dem Heratisreissen der Behörden aus der Landesverfassung, 
der Beschränkung des Einflusses der Vertretung der Stande auf 

alle Regungen des Egoismus , der Willkür, der Indolenz, der 
Schwächt; lebendig, und Sit tctttcn Vorfälle in die Rcvliciiiiiii^. 
wie sie eingehender aus Estland berichtet wurden müssen, die um 
so weniger einen besonders wuchtigen Stein gerade auf diese Pro. 
vinz werfen sollen, als eben erst das scharfe lirtheil des Zeit- 

iicante Ereignis liwt ih.» Material, sij ausführlich nun gerade W 
Reval vor, filr das andere von verlüiugcisv'dlstei' Tragweite tragt 
allerdings Estland die Verantwortung, denn die Kinder und Enkel 

Wir sprechen zunächst vom Ehebündnis des Raths am estl. 
Civiltribunal. Freiherrn v. Noss, anf das schon einmal hingewiesen, 
das aber in seinen näheren Umstanden noch nie allgemeiner be- 
kannt geworden ist 1 . Das Kirchenbuch der St. Olaikirche zu 
Reval enthalt darüber folgenden ausführlichen Bericht des Pastors 
Reinhold Jon. Winkler: 

< 1791 Nov. 2(i. cop. Hr. Tribunalrath Kourad Joseph Frei- 
herr v. Nuss und Jungfer Maria Amalia Dahlström, des Dum- 
Mrgers und Schneidermeisters Aeltermanns Peter Gottfr. Dahlstrom 

• Diese Copulntiou ging in vielen Stücken von den gewöhn- 



Die statthaltei-scbaftliche Zeit 



lieben ab ; es ist ilalier nüthig, dar Nachkommen schüft zum Besten 



davon eine ausführliche Nachricht zu hinterlassen. 

• Am obbenanuten Tage, nachmittags etwa um 5 Uhr, da es 
schon etwas dunkel geworden war, kam der Hr. 'i'rib.-Rath v. Nuss 

laugte mich aUein zu sprechen. Da ich sie in meine Kammer ge- 
nüthigt hatte, sagte er sogleich, dass er entschlossen sei, sich mit 
dieser jungen Person copoliren zu lassen. Dieses befremdete mich 
gar sehr und sagte daher zu ihm, dass, ob icli gleich die Eine 
hätte ihn zu kennen, ich doch nicht diese junge Person kenne und 



von ihr gar nickte wüsste. Seine Antwort war: Das Mehrere 
werden Sie aus der Resolution des Gerichtshofs ersehen, und 
übergab mir dieselbe, welche vtrbotenut also lautet; 

«Auf I. Ii. M. Allerb. Befehl eröffnet das Tribunal der 
Civilrechtssachen revalscher Statthalterschaft anf die Bitte 
des Hrn. Tribunalraths Konr. Joseph h'reiherrn v. Nuss, betr. 
d'e Dispensation zur Trauung mit der Maria Amalia Dahl- 
ström zur linken Hand, wie auch die Ui'berhebung vom Auf- 
gebot in der Kirche und die Freiheit vor Admittiruug der 
desiionsiiudae ad sacru solche Copulation in der Stille bewerk- 
stelligen zu können, folgende Resolution : 

Dass dem Gesuche zu willfahren, das sonst gewöhnliche 
Kirchen au fgebot gänzlich zu erlassen, darüber dass die M. A. 
Dahlström noch nicht zum Abendmahl gewesen, gleichfalls 
zn dispensiren und demjenigen Pastor, welchen der Hr. Trib.- 
Bath zur Celebrinmg dieser Eheliandlung wählen wird, des- 
mittelst zu befehlen sei, die vorhabende Trauung auf vor- 
gebe tene Art und Weise ganz in der Stille in Gegenwart 
zweier ebenfalls vom Hi u. Trib -Rath zu erwählenden Zeugen 
auf dessen Verlangen ohne Anstand zu vollziehen. Gegeben 
>m Tribunal der Civilrechtssachen zu Reval am 2ti. Nov. 1791. 
B(erend) G(ustaf) Stackelberg. Carl von Helwig. 

Jon. Chr. Hoeppener, Secr. 
«Da ich nun diese Resolution gelesen hatte, sagte ich dem 
Hril. Tribunalrath, dass ich mich in einer grossen Verlegenheit 
btfilmle, indem weder ich in den vielen Jahren meiner Amtsführung, 
noch auch sonst irgend ein Prediger in Stadt und Land einen 
Solehen Vorfall gehabt hatten und fing mit ihm au die Resolution 
genauer durchzugehen und zwar: 

1) was die Trauung zur l":ken Hand anlange, so wäre sie 



Die Statthalterschaft! ich e Zeit, 



in unserem Lande niemals gebräuchlich gewesen, doch gehöre diese 
Sache zur Beurtlieilung des weltliehen Gerichts, die Kirchenordnuiur 
erwähne auch dessen gar nicht, und in der Copnlntionsagendc 
stünde nur Überhaupt: geben sie sich einander die Hände, ohne 
weder die rechte noch die linke zu bestimmen, und ich könnte mich 
also iti Absicht dieses Punktes beruhigen, da sie sich beide vor 
dem Gerichtshofe verglichen hatten, und was 

2) die Unterlassung des Kirchen au ige hots beträfe, so wären 
aucli in der Kirche» Ordnung Vorfülle benannt, uuter welchen es 
unterlassen werden konnte ; was aber 

3) diesen Punkt anlange, dass die äesponsanda noch nicht 
zum heiligen Abendmahl gewesen, so beunruhige mich dieses am 
meisten, indem nicht allein in der Kirche noriinung Cap. XV, § II 
es heiese, dass niemand Verlöbnis halten soll (viel weniger sieh 
also dürfe copuliren lassen), der nicht den Catechismuin Lutheri 
gelernt und /.mu heilem X;u:ht mithin gewesen, suuilnru auch nie- 
mand, wenigstens in der lutherischen Kirche (der Herr Baron 
v. Nuss ist katholischer Religion) vor dem Genuss des heiligen 
Abendmahls als eine völlig erwachsene Person angesehen werde, 
mithin sich auch nicht in eine suh l»; wir-liii^e Verbindung, als die 
eheliche ist, einlassen könne. 

■Er antwortete mir aber: <Sie haben nicht l.'rsurhe Ii«.-!' 
Einwendungen J.a machen, indem Aar Gerichtshof auch darüber 
dispousirt hat !• und fügte hinzu, dass, obgleich diese Jungfer 
Dahlstrom bereits in der Lehre gewesen, so hättens doch die 
Umstände nicht erlaubt, dass sie auch communicirt hatte. Ich bat 
den Horm Tribunalrath darauf, dass er die Copulatiou auf einige 
Tage verschieben möchte, es würde doch kein periculum in inora 
sein, damit sie zum heil. Abendmahl könne prapariret und ad 
Sacra admittiret weiden. Er sagte aber mit einer Art von Heftig- 
keit: iDas erlauben die Umstände jetzt gar nicht, kann aber des- 
wegen wo! heruachinals geschchn und ich werde auch dnfür sorgeul» 
Noch war die Dahls trii min mit einem weiten .Mantel umgeben und 
ich konnte bei solchen Umstanden nicht anders denken, als dass 
sie ihrer Niederkunft nahe sein mochte. Darauf fragte ich sie, 
ob es mit Vorwisseu ihres Vaters geschehe. 

• Ei- liess sie aber nicht zu Worte kommen, sondern versicherte, 
dass ihr Vater alles wisse, und da ich sie nochmals anredete und 
sagte: es wäre doch gut gewesen, wenn Ihr Vater als Zeuge, da 
doch zwei Zeugen bei der vorhabenden Copulation sein mUssten, 



Die statthalterschaaiiche Zeit. 



sicli mit eingefunden hätte. Er aber kam ihr in der Antwort 
wieder zuvor und sagte, dass er ihn als einen alten M;um nicht 
Labe incommodiren wollen, den weilen Weg zu gelten, (NB. 
Meister DahlstrÖm hat sein Haus auf dem Dom und Baron 
Kuss hat hei ihm verschiedene Jahre bgirt, ;mil diese seine jetzige 
Braut ist von Kindheit au fast beständig um und an ihn) gewesen 
nnd theils von ihm erzogen. Jetzt soll sie beinahe 15 Jahr alt 
sein) und da alles in der Stille geschehen sollte, so hätte er auch 
keine Zeugen mit sieh gebracht, sondern hoffe, dass ein paar 
Männer aus der Nachbarschaft ihm diese hVeuml sc hilft erzeigen 
würden, sich als Zeugen einzufinden. 

«Da dieses ein geringer Umstand war, so trug ich kein Be- 
denken, ihm als einer wichtigen Person im Gerichtshöfe diese 
kleine Gefälligkeit zu erzeigen, schickte daher zu dem auf dem 
Kirchhofe wohnenden Beisitzer der i tbenechts pflege, Herrn Roeseler, 
und liess ihn bitten zu mir zu kommen, und ging selbst mit der 
Resolution ku meinem Nachbarn, dem Herrn Pastor Boening, nm 
dort noch einmal die Resolution des Gerichtshofes genau zu be- 
prüfen. Sein Schwager, der Herr OSmmerior Teilten, war eben 
bei ihm, und da wir die Resolution mit aller Genauigkeit be]irüft 
hatten und nichts zur Einwendung wider den lielchi [leg Tribunals 
als der liiichsl eu Instanz in i-nhus cedesiustieia Uhrig blieb : SO enU 
schlössen sich auch diese Männer sogleich Zeugen der vorzuneh- 
menden Copulation zu sein. Ich ging gleich darauf wieder nach 
Hanse, und da bat mich der Herr Baron Nuss, dass ich, zur Be- 
ruhigung der Dahls trömschen Familie, ein Attestat um über die 
wirklich geschehene Copulation mit meiner und der Zeugen Unter- 
schrift ausfertigen möchte. 

«Dieses setzte ich, vornehmlich nach Inhalt der mir prasen- 
tirten Resolution auf, erwähnte aber in demselben weder der rechten 
noch der linken Hand, unterschrieb und untersiegelte es selbst ; 
ich tbat überdem noch dieses, dass ich ^iirlc : ich diiri'e mich dem 
Befehl des Gericht.shoics nicht opponiren und bei denen von ihm 
geschehenen Dispensationen milsste ich es bewenden lassen ; was 
aber die Copulation anlange, su könnte dieses nicht anders als nach 
der vorgeschriebenen Agende ge^-helu-n, doch ohne Erwähnung des 
vorhergegangene;! idlcntlicheu Aej'^ebeies in der Kirche, las ihm das 
Copulatiousformular zur Beprlitung nach den vornehmsten Stücken 
desselben vor, machte ihn insbesondere auf die Worte aufmerksam, 
dass er sich vor Gott anheischig machen müsse, gegenwärtige 



330 



Die Statthalterschaft! ich e Zeit. 



Person zu seiner ehelichen Hausfrauen zn nehmen, mit ihr Christ- 
licli zu lehen und zu leiden «lies, was Gott Uber sie verbillige, 
Glfick und Unglück ,te. &c. und wolle sieii von ihr nicht scheiden 
oder scheiden lassen, es scheide sie denn Gott durch den zeit- 
lichen Tod. 

tDa er nun dawider keine Einwendung im geringsten machte 
so hat ich die Herren, die sich mittlerweile bei mir einzeln mW 
hatten, in meine Kammer zu treten, da denn die Copulation von 
mir in Gegenwart dieser Zeugen geschehn. 

«Sie wechselten die Ringe (er hatte einen grossen Brillanfring 
und sie einen kleinen, veriuntlilivti goldenen, genug es waren Ringe) 
und gaben sich die Hände und er ihr die linke, vermuthlich dit-nul 
ak-ichtlir-li, sie aber die rechte, als ihr gelegenste, natürlicher Weise. 

• Da nun die Trauhamllung geschehen war, so verlas der Herr 
Pastor Boening das von mir aufgesetzte Copulation sattest laut 

auf gratulirten wir das neue Ehepaar und der Herr Tribunalrath 
ging mit seiner jungen Ehegattin ganz ohne alle Begleitung, r-Wnso 
wie er gekommen war, nach Hause. Der obbenannte 2(1. November 
war auf die Mitte wo che, gerade an einem Tage, da auf dem hie- 
sigen Schwar/eiihaiinteihause (.'imi-ert gegeben wird. Der Herr 
Camnierier Teilten ging gerade aus meinem Hause, gleich nach 
C Uhr Abends, dabin und erzählte diese sonderbare Begebenheit, 
die auch nunmehro kein Geheimnis mehr bleiben sollte, in der 
ganzen Hesel Isi-hiil't, wmluruli diese Nachricht über die ganze Stadt 
sich ausbreitete. Tages darauf, als am 27. November, erhielt ich 
eiuen vom Hrn. Regieruugaratb Baron Friedlich Rosen (Kiekel) 
erlassenen Befehl aus K. Ntatth. -Regierung, den, wie ihr bekannt 
geworden, mir vom Gerichtshof bilrgerl. Sachen ertheilten Original- 
befehl am morgenden Tage mit der Anzeige einzuschicken , ob 
gedachtem Befehl bereits die Erfüllung gegeben. Demzufolge fer- 
tigte ich ein Schreiben aus, in dem ich u. a sagte: tDa- ich aber 
die verlangte Copulation verweigerte, überreichte mir der Hr. Hof- 
rath Baron v. Nuss den beigebenden Original ho fehl, wovon ich mir, 
um mich gegen alle Verantwortung sicher stellen zu können, eine 
vidiinirte Abschrift ertheileu zu lassen unterthftnigst bitte. Diesem 
Jiefehl der höchsten Instanz in rebus errii-xiiwliri.i musste ich, wenn 
ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, als ungehorsam und 
widerspenstig angesehen und bestraft zu werden, die pünktlichste 
Folge leisten.» 



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[l Herrn ltegierungsrath 
e ilim die Ursache an, 
ichte ilnn die von mir 



mmhaft machen. 

«Einer, mich starr ansehend, fragte mich: .So haben Sie 
ich den Herrn Baron Nuss copulirt ?» Ich; Ja. Er: <So, 
warum ?> Ich: Laut dem Befehl des Gerichtshofs, den ich 
r Hand hatte und ihm nur von ferne zeigte. Er trat ab. 
anderer trat auf und sagte: iDer Gerichtshof hatte Ihnen 



rat ein Dritter 
ölgendergestnlt 
och ein junger Mann waren, 
aber Sie, ala ein alter Pre- 



fragen und erkundigen können, wie Sie sich hierbei verhalten 
sollten?» Ich: Bei wem? Er: .Bei dem Herrn Gouverneur.. 
Ich : Es stellt in der Resolution : die Copulation soll ohne 



Die statthalterschaftlicbe Zeil. 



Anstand geschehen und llberdem stehet ja der Gerichtshof 
gar nicht unter dem Gouvernement, noch viel weniger unter dem 
Befehl des Gouverneurs allein. lAber,. sagte der Mann ferner, 
■ die.«« Sache ist wider Ihr Gewissen und die Bibel ; man inuss 
Gott mehr gehorchen als <fcc.> Ich hatte Mitleiden mit dem alten 
Mann, der von beiden wol wenige Gefühle und Kenntnisse haben 
mochte, antwortete mit aller Gelassenheit : Ich kann Ihnen, mein 
Herr N. N., versichern, dass ich die Bibel fleissiger gelesen, als 
vielleicht viele andere, und weder im alten noch im neuen Testa- 
mente finde ich etwas, wogegen ich sollte gehandelt haben, vielmehr 
habe ich nach der Bibel ao handeln müssen, wie ich gehandelt 
habe ; denn es heisst : jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die 
Gewalt über ihn hat, und was das Gewissen anlanget, so möchte 
ich doch gerne wissen, wider welches Gebot des Naturgesetzes ich 
sollte Verstössen haben. <Aber wie stimmt diese Ihre Handlung 
mit Ihrem Priestereide übarein?. fragte er ferner. Ich wurde 
hierüber freilich etwas aufgebracht, verlor aber doch, Gott Lob I 
nicht meine Contenance, sondern antwortete : Das whsste ich nicht, 
dass ich melius Priiistemdrs jemals uueingedenk gewesen wäre 
und der Priestereid saget mit keinem Worte etwas von der Copu- 
lation, wol aber stehen diese Worte darin: .Ich will auch meinen 
Obeni alle gebührende Ehre und Gehörsinn erweisen und was mir 
in meinem Amte auferleget wird, treulich ausrichten., Er ver- 
stummte und trat ab. Die Herren Regierungsräthe und der Herr 
Smetiir horten diese Unterredung mit an, der Herr Gouverneur 
war aber nicht zugegen, und darauf sagte der Herr llegierungs. 
rath v. Rosen, dass ich nun nach Hause fahren konnte. Von der 
Originalresolution des Gerichtshofes hatte ich eine Abschrift ge- 
nommen, diese präsentirte ich ihm und bat, dass sie möchte vidi- 
mirt werden, weil mir daran gar zu viel gelegen sei. Er ging 
darauf mit dieser Abschrift in die lioiivci nenieuisst.ube, kam um 
eine kleine Weile zurück und gab mir die Originalresolution seihst 
zurück. Ich steckte sie zu mir und sagte ziemlich laut : Dies ist 
mein Schutz, Wehr und Waffen. Und das war es alles. 

■ Unterdessen gingen sehr viele Gerüchte in der Stadt auf 
mancherlei Art herum und verbreiteten sich auch im Lande. Die 
es wussten, dass das Tribunal die höchste Instanz in rebus ccctc- 
siaslifis ist. und dass die Befehle desselben sogleich in Effect müssen 
gesetzt werden, das Tribunal aber sich seihst bei entstandenen 
He.srhwi-idtn recht fertigen muss, die konnten nicht anders als mein 



Die statthaltorachaftllobe Zeit. 



Verhalten in dieser Sju.^.c billigen ; aber viele übereilten sich in 
ihren Ijrtlii'iU'ii ans l.iiikunde. 

• An demselben SS. Nov. schrieb der Herr Baron v. Nuss gegen 
Abend an mich nnrl bat ihn die Freundschaft zu erzeigen und 
sein junges Weihehen in die Lehre zu nehme», damit sie auch 
ad sacra admitürt werden kiimiti;. Ich vcrsiirarl: ihm dieses und 

redung zu nehmen. 



nachbleibe» müsse, indem das Tribunal in Absicht seiner Ehe. 
Verbindung eine andere Verfügung getroii'en hatte. Es hatte Däm- 
lich der Schneidermeister Ilahlstrülit bei dem Tribunal Klage ge- 
führt, dass seine Tochter ohne sein Vurwissen an die linke Hand 
witre copulirt worden, und bat um eine neue Copalation. Nach 
vielen Disputen hat sicli Baron Nuss dar.u bequemt, und die neue 
lSesduliun des Tribunals lautei ib Igen denn asse u : 

<Auf I. K. Mai. Allerb. Hefehl eriilfnet das Tribunal der 



liündnisses mit Einwilligung und Vorwissen des Vaters der 

Eltern aowol im 1. und 2. Art. ersten Titels zweiten Buchs 
der iiit.ter- und Landrecbte, als auch in der Königl. Schwe- 
dischen KirelieiKii dming a u s d r ii a k 1 i c Ii hierzu erfordert 
.wird, mithin der Prediger auf diese gesetzliche 
Vorschrift schon von selbst und vor allen 
Dingen hätte Rücksicht nehmen sollen, «ach 
das Tribunal durch die in vorbesagter Resolutinn erwähnten 
Worte .zur linken Hand» keinesweges dein gesetz- 



Die statthalterschaaiiclie Zeit. 



massigen und vollgültigen Effect, einer in icslevliclien Trauung 
etwas hat benehmen, noch die im 't. Punkt der Allerhöchsten 
Adelsordnting der Frau eines EiMiihliiups mitgellieilte adelige 
Würde im geringsten bei der getrauten Person bezweifeln 
wollen, sondern jene von dem derzeitigen Herrn Supplicanten 
angeführten Worte als ganz unbedeutend, von der Trauung 
7.ur recliten Hand in niclits verschieden und auf ein blosses 
gleichgÜtiges Cerciiumicll nbr^-cckend betrachtet hat, indessen 
aber die vorgedachte Copulation nach Inhalt der Bittschrift 
des Schneidermeisters Add-inumis. Dahlstrüm ohne seinen 
väterlichen Conscns und Vonvisseu geschehen ist und der- 
selbe dabei vorstellet hat. il.iss. *cine Tochter in Rücksicht 
der Antrauung zur linken Seite vom ganzen Publico nur als 
eine Beischläferin angesehen werde , welches seiner Ehre 
nachtheilig sei und für sie und ihn krankende Folgen be- 
fürchten lasse : so ist dessen eingelegter Bitte, dass eine 
anderweitige Copulation seiner Tochter mit dem Herrn 
Tribunalrath Baron von N'uss, wenn erstere zuvorderst con- 
firmiret worden, zu ihrer iie.rnhii;niig he welkste lüget werden 
milchte, allerdings und um so mehr nach /um- bei;. :i!s ;iacli den 
obangezogenen Gesetzen die Ehe unWr ihnen ohne Wis- 
sen und Einwilligung dea Vaters nicht hat 
vollzogen werden dürfen, auch der Herr Tribunal- 
rath sieh in einem hieselhst |n i idui-i 1 1 f 11 schritt liehen Schein 
vom 25. Iiujiis ausdrücklich verbindlich gemacht hat, sich mit 
gedachter Maria Amalia Dahlstrüm, so bald ihr Vater 
es möglich machen könne, christlichem Gebrauch 
gemäss copuliren zn lassen, und ttberdem es billig ist, dass 
die zu ilirem Nachtheil iin Publico entstandene irrige Mei- 
nung auf eine, feierliche Weise getilgt werde. 

<Es wird datier vom Tribunal decretirt, dass der Herr 
Tribnnalrath Freiherr v. Niiss verbunden sei, sieh nunmehro 
mit gedachter Marin Amalia 1 l.ililst riini, sobald selbige zum 
heiligen Abendmahl gewesen sein wird, zu welchem sie 

seiner rechtmässigen IJeinaliliti nach der hier eingeführten 
kirchlichen Form und durch einen von dem Schneidermeistar 
Aeltennann Dahlsi.roni zu 1 "-stimmenden Prediger, jedoch 
ohne vorhergiUigiges Aufgebot, copuliren zu lassen. Gegeben 



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Die statlhalterschaf Hiebe Zeit. 335 

im I. R. M. Tribunal der Civil recht? fachen zu Revul ;ini 
39. November 1791. 

(L. S.) B. G. Staekelbei'g. 



•Diese neue Resolution des Gerichtshofes machte fast eine 
Stärkere Sensation in dem hiesigen Publico als die vorhergegangene. 
Denn eine zweimalige ( ioiiiiktinii ist nie erhört und der Gerichts- 



<Der Meister Dahlstrom hatte sieh nun mit der erliullem-n 
Resolution an den Nachmittagsp rediger auf dem Dom, den Herrn 
Pastor Schulz gewandt, der die Diilil-tviniii i^leidi mich eihalteiiem 



halte aic wenii; F.u.t dam »ul s.Onslr .-- 5 . - L ■ in» Freie Nii.-li virr Johren sturlj 
ihr Hatto nml bald iiil<rre iiir ciniiL,'^' Eiimi. ein S.ihn vun fünf Julireii. ScIuiti 
am 20. Jan. 1701 hotte Nnss, nlso zi'liii JIi-.Hütn vi.r dem Klit.-rUUlfs, xcint: .lirlie 
kleine XiitlilarLn , ivi, f ie in, 'le.taitient L'i'iiuiiul irin!, zur l' Iii V trillert) in ein 
gesetzt; sn Kl'«"-* s"' "In WiUivc ilii' Ziiuiü] ihre., ui.i-. igpll ['ii|iit;.ls Iii-! 1MII3, 
rta Hie die Hek;iiLii(..liiilt liin- j iinyiri (Itli.i.'i- in:i.lj1 .■, .Inn kii- T. ■ T .1.- 1 ■ - . ■ ^ i . l LI [ l ■ -1 ■ 
23* 



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S36 



Ich weiss nicht, oh der unbefangen«!!, in seheinhar giüeklieh- 
st er Gewissens ruhe gehaiU'Nen Kr/. ;ih]ui><: des iuris: In- 1 heiligien 
l'astors inicli etwas liiimmisel./.eu sei. Es wärt- denn die Hervor- 
hebung, dass mit Ausnahme des Arrangeurs der ■■:uv/.-::, Uesehidile, 
des kurfürstl. kölnischen wivkl. Re^ieviingsral Iis f-'reiherru v. Nnss, 
kein hmd fremder Mann hei diesem Gebrilu von Leichtfertigkeit. 
Itechtsveiaclitung und Sklavcnsinn mitwirkte, dass alle amtlich 
Heiligen l'ersunen Esl.liinrter ans geachteten Familien und in an- 
gesehener Lebensstellung, alle, was man so nennt, hochgeschätzte 
Biedermänner waren. Der Präsident, von der Begründung der 
Behörde an ihr Mitglied, war doch früher Landrnth gewesen; der 
Assessor Carl v. flolwig — nicht etwa mit dein damaligen ha[isal- 
scheu Kreiamarschail Karl Thnie v. Hellwig, einem der hervor- 
ragen den 'ii Männer des Landes, zu verwechseln — trilt weitor 
nicht vor Augen ; beide werden dem Freunde und Collegen bei 
seinem Liehes'eibh-l niclif nnsviallii; gewesen sein wollen, und das 
Recht ward iiber den guten Kameraden vergessen. Der Secrelär 
nahm keinen Anstand, den frivolen Befehl im Namen L K. M. aus- 
zufertigen ; der alle Pastor und sein Amtsbrader von der schwe- 
dischen Kirehe, dann am-h noii^islot-ialassessitr, fanden im Gottes- 
wort nur die eine Richtschnur : Seid untertlmn der Übrigkeit, die 
Gewalt iiber euch hat] ! 

Sehen wir hier selbst unter den Männern d e s Berufes, dem 
vorzugsweise ideah't' Gehalt bei gelegt v.n werden fliegt, SO sehr 
den Sinn, nicht fürs Recht, sondern fürs Gesetz sogar verloren 
gegangen, dass sie nur auf den Befehl achteten und keine ftuck- 



Ü (Irnl Karl v. Toll iulfeoftrilcrl 



nie stattlmlterscliaftUehe Zeit. 



337 



sieht ula die Fnrelit vur etwaiger Strafe gelten Hessen — selten 
wir das oberste geisllielie Gcrielit , denn das war der Civil- 
geriehtshof als Departement des Heirlisjustizcollegiums , olme 



lieh zu Sailen. - 

oft der Fall zu, dass Prediger von Eltern, wovon entweiter der 
Vater oder die Mutter der grieehisrhen Religion nugethan sind, 
gebeten werden, ilire Kinder zu taufen. Nim ist zwar durch eine 
Ukase vom J, 1747 das Taufen der Kinder, wenn beide Eltern 

der griechischen Religion sind, den lutherischen Predigen) unter- 
sagt norden; allein der Fall ist darin mit Stillschweigen über- 
gangen, wenn einer oder die andere von den Eltern sieb zur 
iutherisehon Religion bekennet. Da nun die Prediger bei der- 

Stallii. -Regierung gehorsamst bitten Hillen : die Verfügung zu 
zu treffen, dass in diesem zweifelhaften ['alle dem Oonsistorio zar 
Norm eine Vorschrift ertheill werde.. — Das estl. I'rov.-Consislo- 
rium bestand zu der Zeit nur aus sechs Geistlichen unter dem 
Vorsitz eines gewesenen Landraths 1 . 

Zur Würdigung dieser mi-hrseil igen Anfragen ist mit einigen 
Worten der damaligen Inuilesliii-elillrheii Rechtslage zu gedenken. 

Die unbedingt anschliessende Stellung, »eiche der evang.- 
lutheiiselam Landeskirche Liv- und Estlands canilnlationsniiissig 

Nystflder Friedens einerseits aufs neue garantirt, indem derselbe 
iestselzte, dass ulie evangelische Ki-liginn, auch Kirchen- und 
Schulwesen and was dem anhängig ist, auf dem Fuss, wie es 
unter der letzteren schwedischen Regierung gewesen, gelassen und 
beibehalten werden solle.. Was das besagte, ergiebt sieb am um- 
stiitiQlii:liste:i ans der sehwedisclieti Kitvlieuorduung v. Se|il. liiStj, 

1 Prtisa. war Oltij Friede. Baron Stnekelberg-Knltonlirtuir. ; Assessoren ; die 
Pri'parc Klitrlimil liawl (ilaii^rr.üii MirWlis, .1er ttkT|iilstor im Dum Moier, 
iHe Prügle Liitk^-Amp-] miff NMik>|>[ie S n4-lMtlwl. Propst Haller Kein is wir 
nn 4cm Tag« umirlonbt. 



338 



Die statthalteisehaftliche Zeit. 



C»p. I, §3; (Niemand soll sich unterstellen, liier im Reiche oder 
in einigei' darunter gehöriger Provinz, dafür n nicht durch Pacta 
gewissen Oertern solches vorbehalten worden, einige fremde Reli- 
gionsübutig utfentlich zn halten oder derselben beizuwohnen, und 
§5: .Welche anderer Religion sein, als zu welcher Wir und Un- 
sere Unterthuneu sieb bekennen, und entweder bereits verlier ins 
Reith oder in dessen zugehörigen Provinzen gekommen oder ins- 
kilnttige kommen wurden . . . die mögen zwar bei ihrer Religion, 
so lange sie still und ohne Aos^eruis leben, gelassen werden; wenn 
sie. nher ihren Guüe.-dieusi mit üeten und .Singen verrichten wollen, 
sollen sie solches in ihren Häusern und Heil) er^en Ihim, bei ver- 
schlossenen Tbüren, für sieb allein und ohne Anstellung einiger 
/ill-aiiiüieiikiinli.c mit anderen. .Jedoch seilen ihre Kinder, dal'eru 
sie das Bürgerrecht allbie geniesseu wollen ... in der rechten 
chrisüic.lien Lehre nach der unge änderten Augsburgischen Con- 
fession erzogen werden &e.i Wenn der Art. 10 des Nyst&der Trao- 
tats mit den Worten anhebt: .es soll auch in solchen cedirten 
Ländern kein Gewissenszwang eingeführt werden., uud dann fort- 
fahrt — .sondern vielmehr die evangelische Religion .tc. beibehalten 
werden., so ist unter dem Mewissens/.wang nieht etwa der von der 
sei iwedi ■i)::-y Kirchciwrdnnng bisher geübte verstanden, sondern 
nur der, welcher etwa zn belurchtendeu Kalles durch die neue 
andersgläubige Regierung gegen die evangelisch*- l .ündeskirche der 
Provinzen ausgeuld werden kennte. Solcher liet'urohtung beab- 
sichtigte der Art. 10 zu steuern, in dem er die volle Geltung der 
schwed. Kircheuorduung unerkannte, andererseils aber ihren aus- 
schlie.-isrii'leii Clinrnkter nach einer Richtung hin durch den Zu- 
satz aufhob; .jedoch, dass in selbigen Ländern die griechische 
Religion hinfilr ebenfalls frei und ungehindert exereirt werden 
kiiune und möge.» Daher wurden iu Liv- und Estland bis zum 
J. L74-7 neugeborene Kinder beiderseits griechischer filtern auf 
deren Verlangen gain unbedenklich evaug. -lutherisch getauft; un- 
gehindert konnten hier Glieder der griechischen Kirche zur evan- 
gelischen Landeskirche ul'erl reten. wogegen mich dem Grundsätze 
der Reeiini.eidi;. in beiden Kirchen der ü ebertritt von der ieut.eren 
zur ersteren ebenso unbedenklich, wenn auch m Ulli masslich nur in 
lltai, stattfand. Weder die Landesconsistorien iu Liv- und Est- 
land, noch das denselben vorgesetzte ü'-iclisjusli^collegium hatten 
in der an Kindern griechisch-'.in.heduser Ekern auf deren Verlangen 
vollzogenen e va n g.- lutherischen Taufe eiue Uugehörigkeit gefunden, 



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Die statthalterschaftliche Zeit. 



339 



als das livl. iJüerconsistorium — so Iiicss damals das livl. Prov.- 
Coiisisluiium — um etwaigen Bedenken zu begegnen, 
sieb mit einer Vorstellung ans Iteidi-jiistizcolh^iiim wandte und 
dieses eine Anfrage darüber an den Dirig. Synod ricbtete. Der- 
selbe erklärte in zwei in Einzelfällen au das H'.ndisjiHti^illegiuni 
erlassenen Ukasen v. 21. Juli 1T47, dass den liillierisdieu J'rtiiligern 
dergleichen Kinder zu taufen tl, K. M. Alterb. Ukasen nacht nieht 
verstattet, sondern aufs schärfste verboten werden mächte. Erst 
durch die auf Grundlage der ükaseu des Synods erlassenen Vor- 
schriften des Reichsjustizcollegii vom 14. Aug. 1747 und 12. Sept. 
1755 wurden diese Taufen untersagt, die neue Ordnung der evan- 
gelischen Geistlichkeit zur Nachachlung vorgeschrieben, und diese 
gehorchte .mit der ullermilCTihäuigsleu Willigkeit, sieh I K, M. 
Allerb. Ukasen coufonn zu bezeigen., obwol dem Dirig. Synod 
keinerlei Kompetenz Uber die evan^clistln; l.;'.;i«!^küeho zustand 
und die «Allerh. Ukasen., auf die er sich berufen, weder allegirt 
noch bekannt gemacht worden waren. So verblieb es bis in die 
stiLt[.t[illtt:rsc.liiitilii-lnl Zeit.' 

Da begegnet uns in den Acten des estl. Pro v.'Consislu ri Hin- 
ein Bericht des Pastors C5. Kr. Schildlöffel zu Jegelecht v. 13. Jan. 
17SJ3: Eine — selbstverständlich lutherische — Magd aus dem 
Gebiet ■Saage ha.be ein uneheliches, mit einem Hussen erzeugtes 
Kind geboren ; der Kirchen vorm und sei zu ihm gekommen mit der 
Krage, wo das Kind getauft werden müsse. «Den hochobrigkeit- 
lichen Verordnungen nach,, fahrt das Schreiben fort,, glaubte ich 
die Taufe dieses Kindes ablehnen und an einen Geistliehen der. 
yriediiscliüii Kirche weisen zu müssen, wils ich denn auch Unit; 
und da dessen ungeachtet die Verwandtet! der Magd folgenden 
Tages das Kind zur Taufe mir cinbiadiiin, so mussie ich meiner 
l'eberzeugung zufolge sie zurückweisen. Darauf erhielt ich am 
0. Jan. einen Brief vom Hrn. Holrath v. Meineis mit der Meldung, 
dass er obiges Kind am 2. Jan auf dem Hofe Laakt (also ver- 
muUilich vom Pastor zu St. Jürgens) habe taufen lassen und ver- 
lange, dass ich solches ins Kirchenbuch eintrage.. In dem für 
ihn ausserordentlichen Kalle bittet der Pastor um Verbal tungsregeln. 

Das Consi-slorium nj-ulvirte ain 15. Jan. unmittelbur luicli 
dem Empfang des Schreibens kurz nuä entschieden: Pastor wäre 

1 Dhaei nach Prtadr. r. Sdnreta' »Mnnorkl um 1857., in IV. ».Bocks 
«Livl. Beitrüge. I, 8, p. ISOft. 



:tli> 



Die 



'.nahiilUM-rliiUtüclit Zeit. 



allerdings vmi Taufe und Emicagung hereehiigr. gewesen iiml st>i 
in anderen ähnlichen Füllen um so melir dazu verpflichtet, 
da «I praxi ein uneheliches Kind der ronäitio matris folge und in 
amtrarium kein Gesetz vorbanden ist. 

So richtig die HiiLirliHdmi:.' war. so muss doch aultallei], dass 



■ aui den 



r Va 



indsa 



lafti 



sich ans der weiteren Hingabe 
Job. Martin Freund v. II, Juni 
des I'ruv.-t :misistiji-iums an die 



des Piisttjniiljuimt zu St 
I7'J3, die dann jene Uul 
ata Uli. -Regierung na« Ii sieh zog. 

■ Da hier nächstens der Fall eintreten mochte,! schreibt der 



junge Pastor, .dass u 
Vater evuug. dm.hei-i-i 
ist, bitten wird, so wl 
Resolution zn erhalte] 
eine Ukase von 1747, 



i mich um die Taufe eines Kindes, dessen 
r, die Mutter aber griechischer Religion 
iche ich so bald als möglich eine bestimmte. 
Unter den Clreillaran befindet sich /war 



desfalls bei einem einsichta vollen und erfahrenen Manne, dessen 
Antwort verneinend ausfiel. Nun aber tritt ein anderer Umstand 
ein,: die Mutter selbst wünschet herzlich, ja sie hat mich schon 
ausdrücklich gebeten, ihr zu erwartendes Kind zu tauten. Sollte 

dieses mich nicht willig niiirhcii Koel Iis liilte ich Um eine 

baldige Resolution, da die Niederkunft [iahe ist.» 

Auf diese dringende Bitte des Neulings im Amt, der trotz 
der allgemeine]] Anschauung, die Hilf ihn intluine, sich ducli wenig- 

tlrte also das Consistorium, dasa keine 8 Aentlerung in der Freiheit 
der Taufe von Kindern aus gemischten Elten eingetreten, fürchtete 
sich aber solche Freiheit zu benutzen und wandte, sieh nicht etwa 
an seine Ob erb ehe, cde. den l.'ivilgcvicb'.diur, solidem an die Regierung, 
und nicht etwa mit der Frage, ob nicht doch ein Ukas vorhanden 
sei, dessen unwissentliche. L" eher tretung mau scheue, sondern mit 
der Bitte, eine neue Vorschrift hierüber zu ertheilen ! ! — An jenem 



Die statthalterschaftticke Zeit. 



341 



u 20. Juni WXi wurde aber auch die cst.l. Provinzinlsynode 
eröffnet. Die f Viiisistin-iiilsitüiini,' fand nach derselben" statt. En 
war den Gliedern der Behörde die Möglichkeit gegeben, mit den 
Amtsbrüderu den Fall verlier zu besprechen ; üb eine solche Ba- 
siirectiniii; dii' Erinnerung an das bisher unangetastete Hecht der 
Landeskirche geweckt hatte, lässt sich jn wol bezweifeln; im 
Protokoll der Synode findet sieb der Angelegenheit mit keinem 
Worle gedacht. — Aber in der rittersrhal'tlichen Vertreluug lebte, 
wie wir Haben, das Recht sbewnsst.sciu, und gewiss uichl nur das des 
sneeifisch ständischen Rechts, sondern auch das des Landes und 
seiner Kirche. Jener Hofrath Meineis, der das Kind der estnischen 
Magd hatte taufen lasse», imtte der Ritterschaflskanzlei als Oeko- 
immiesocrelär hinge trem- Dienste gdeisiet, , er zeigte durch sein 
Verfahren, wie man in jenem Kreise zur Kirche stand. Und wie 
der (io uv .-Marschall Jak. Job. v. Pntktill für das Reeht der deut- 
schen Sprache eingestanden, so hat er Bach sieher gewusst, auf 
welchem Rechtsboden die heimatliche Iviivhe «einludet war. Da 
aber die verfassimgsmnssi.;!; riandesrcnrasentation ja formell auf- 
gehoben worden, war sie für den Präses tJonsistorii, obwol er 
selbst ein Glied der einstigen Landes Vertretung gewesen , ob 
in Indolenz, ob in bureaukraiisohem liiiukcl, auch ell'eetiv nicht 
mehr vorhanden. Auf welch eine Zerrüttung der öffentlichen Ver- 
haltnisse, auf welch eine Suannung zwischen dencii, die v.u einander 
stehen mnssten, litsst es schlicssen, dass in so hochwichtiger 
Frage das Oonststorium, wenn es nun wirklich nicht Rath wnsste, 
um solchen nicht zuvor den i'atron <ler Kirche, die Ritterschaft, 
anging ! 

Die rcvalschc Staub .-Regierung entsprach der au sie gerich- 
teten Aufforderung nach elf Monaten — was der Pastor Freund 
inzwischen getbau, ist nicht bekannt geworden. Am l'O. Mai I7D4 
erliess sie .an das revalsche l'rov.-Consistorio (!). den Befehl: 
.Da in E. Heil. Dirig. Synods am 18. Aug. L721 ernannten Ab- 
handlung von der Ehe, der Rechtgläubigen mit anderen Glaubens- 
genossen u.a. die Vorschrift enthalten : dass die in diesen Eben 
gezeugten Kinder beiderlei Geschlechts in der russischen reeht- 
glllubigen Religion getaufet und in den orientalischen rechtglünbi- 
gen Religioiisgebrituchen unterrichtet, auch bei dieser Religion zeit- 
lebens gelassen und zu keiner anderen verleitet werden müssen, 
sn solle dem (''ijusistniin, wie hierini! p.'-chich I, angegeben "erden, 
diese Vorschrift bei vorkommenden Kiülen genau zu befolgen und 



Ml 



Tage älter war als die Urkunde des Nystader Tractats v, 30 Äug. ; 
keinem Pastor zumal, dass das Kirchengesetz, auf das er vereidigt 
worden, durch Abhandlungen des Heil. Synoda nicht berührt werde. 
In gutem Glauben, dass wul gclu-iiiic Allt- i'hürltslc Ukase ihm zu 
Grunde lügen, in der Besorgnis, wie Pastor Keinh. Winkler schlecht- 
weg aussprach, als ungehorsam angesehen und bestraft zu werden, 
wurde der Befehl befolgt, der bis 1865 Hekatomben von Kin- 
dem der lutherischen Kirche angedrungen hat. Und das durch 
die Frivolität und die Willkür einer LocalbeliOrde, deren Glieder 



haben dürfen, sondern auf ein ganz gelegentliches erläuterndes 
ficliivilit-n des Syiiuds an ilie Bekenner seiner Kirche 1 . Es war 
willkürlich und widergesetzlich — denn der Altern. Namentl. Utas 
v. 26. Sept. 1780, Pkt. I besagte: .Niemand von den Gen. -Gou- 
verneurs und die Function derselben verwaltenden und anderen 
lieiciilshabiTU soll für sich .selbst irgend einige Vcrerdniingen 
machen. i Und das Allerh. Manifest v, a. -fuli 17S5 verhiess: «Die 
Kirehenordnung in beiden Gouvernements (Liv- und Estland) soll 
nach voriger Einrichtung unverändert bleiben. • Die Einführung 
der Stadt- und Adelsordnimg hatte es mit sieh gebracht, dass dia 
Verfassung der Kirdn'iibeliiiiilen eint die Wahlart ihrer Glieder 
und aucli der Prediger vielfach abgeändert war ; aber in die Ma- 
terie des Kirche n rechts war weder Eindrang geschehen noch be- 
absichtigt. Jeuer Synoihihikas v. 1747 halte doch nur die volle 
üleicliLuiTulitiKüiig der griechischen mit der lutherischen Kirche 
gesetzt. Die Geistlichkeit, das Consistorium und die Regierung 

1 Es hatte, den Zweck, einen früheren (synoiialnlins, ile.r nrlm-cli^-hrr. 



Die stntthaltei-schaflliche Zeit. 



3-13 



EMhmds haben ihre eigene Kirche unter die FUsse der fremden 
gestellt. Das ist uns das Erbe <ier statthalterschaftlidien Zeil 
geblieben. 

Das Erbe der Zeit, und nicht nur aus der Zeit ! Denn was 
geschah, geschah niclit zufällig, es war die nothwendige Folge 
einer zehn Jahre dauernden und sich steigernden Losung alles 
Rechts. Vergegenwärtigen wir uns den Gang der Einführung der 
StiUlkiUüEschiLftsverfitssung mit den Versprechungen, die gegeben 
und nicht gehalten wurden, mit den immer weiter um sich grei- 
fenden Reformen auch der Institutionen , deren Erhaltung erst 
neuerdings angelobt war ; mit den Consei[ Uenzen, die aus der Gel- 
tung der neuen Ordnungen auf die lnsicli.'ii ^chlUiUeueii allen ge- 
zogen wurden. Erinnern wir uns, wie nach dem stark persönlichen 
Eintreten der Kaiserin während der ersten Jahre mit der Geltung 
der Gesetze van 1785 die selbstherrschende Macht in unerreichbare 
Ferne zurückwich und das Land schutzlos der Willkür der Regie- 
ruugsorgane in ihren mannigfachsten Instanzen sich ausgesetzt sah. 
Wurde doch alles, was man als festes Recht bisher zu achten ge- 
wohnt gewesen, in Frage gestellt, verächtlich bei Seite geschoben, 
und ob und wie weit das eine oder das andere wieder zurecht- 
gerückt weide, hing einzig vom Widerstände, dem der Versuch 
begegnete, oder auch von der Laune der Machthaber ab. Nichts 
blieb von der nach und nach sich vollziehenden Umwälzung unbe- 
rührt. Dass principiell und gelegentlich in dus Hecht der Kirche 
und ihre Praxis eingegriffen ward, sahen wir erst soeben ; dass 
ihre Verfassung geändert ward, ist oben ins Gedächtnis gerufen, 
üeber das Eindringen der russischen Sprache belehren uns die 
Eingaben der Regierung in unseren Archiven; die Geltung des 
iii'iiv in fidlen Privat- und Prucessrechts ist durch das Verfahren 
der Gerichtshöfe wie durch Senatsukase vielfach gekreuzt". 

Da hat denn freilich das Rechlsgeluhl und die sittliche Würde 
der Vielen in der Masse niclit Stand zu halten vermocht. Der 
Rer.htsutisiäierheit gegenüber suchtet] die einen in der Xntrigue, 
die anderen in mogliclister Isoliruug, noch andere in Willfährigkeit 
ihren Schutz. Eine wie beträchtliche Zahl thatkraftiger, schaffens- 
i'reudiger, muthiger und redlicher Männer auch aus der Masse sich 
hervorgehoben, ist uns ja fortwährend entgegengetreten. Dass sie 

■ VgL B. 'Mo AmvcDnnng; dt! soff. Konnnunachen Ukftsca in Conimrs- 
Mltn, N'cueudaliJ, Cajp. 25 , Bunge, Ecjicrt II, J. 3U3. 



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344 Die stuttlnütersclniftliche.Zeit. 

nicht muliL- Eintiuss gewannen, dass troW Ihnen das Wort ge- 
sprochen werden konnte, die StaUlialtmwhaftsjahre halten die 



bei einzelnen die Kenntnisnahme der Rechtslage erschwerte, zu 
erklären sein, zum Theil doch auch auf das Vorherrschen des 
Pietismus und des Riiliunnlismus in der Kirche zurückgeführt 
werden. So würdige Vertreter beide Richtungen aufzuweisen haben, 
so lag doch in jeder ein Moment, dos den Muth zur Leidens- 
frendigkeit gegebenen Falles lahmen musste oder wol auch gar 
nicht aufkommen Hess. Wenn dem Pietismus in der Hi>chsdi:'iuun< 
des allgemein christlichen Gehalte,*, den er in allen Confes.sionen 
fand, das Recht und die Würde der eigenen Kirche weniger leben- 
dig wurde, so war der Rationalismus nicht dazu angethan, in der 
Vollkraft des Glaubens den Kampf für das gute Recht der evan- 
gelischen Kirche aufzunehmen und, ob auch zur Zeit unterliegend, 
die Uewissheit des endlichen Sieges zu gewinnen. 

Das aber scheint mir die unheilvollste Wirkung all der Er- 
scheinungen zu sein, die wir unter 
■ i die I: 

ie Warten streckte; dass wie bei dem 
u man Gespenster zu sehen begann 



Wickelung erfahren ; zum grüsslen Theil sind sie abolirt. Auch 

an die provinziellen Bedurfnisse das ihnen eignende J'rineip der 
Fnilurmititl und der sdiniuVu und dudi nur mechanischen Sanie- 
rung — der Stände kann man nicht sagen — der Bevölkerung«, 
klasseu. Mehr als dieses aber hemmte jeden dauerhaften Aus- 
uud Weiterbau, verdarb und musste mit der Lange der Zeit ver- 
nichten alle Thatkrnft, allen sittlichen Ernst und alle Hingabe 
ans Gemeinwohl der Geist der Willkür und der Rechlsveracbluug, 



■ S. «B. M.i Bd. 3, p.3a>ff. 



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Die statthaltersnhaftliche Zeit. 



345 



in ilem das ganze Werk errichtet war und in dem es fort- 
geführt wurde. 

Von diesem Geisl umi seinen j'Viiii'ii die Provinzen IndVeit, 
sie sich seilet zurückgehet«»!! , damit vor dem sittlichen Ver- 
kommen sie gerettet und die Keime frischen eigenen Lebens 
in ihnen geschlitzt zu haben, ist, die unvergängliche Wohlthat 
Kaiser Pauls, 



Fr. B i en em mm. 




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Die vermeintliche Frage der kirchlichen Reallaslen. 



n neuerer Zeit ist mehrfach die Frage aufgeworfen worden, 
ob eine kirchliche Reallast auch dann der betr. Kirche weiter 
zu leisten ist, wenn der Inhaber des belasteten Grundstücks einer 
anderen Confession angehört. Praktische Fülle dieser Art kommen 
nicht blos gegenüber hl Iberischen Loealkirclien, sondern — wenn 
auch vereinzelt — gegenüber katholischen und gr i echiach- 
orthodoxen Lo tili ki ruhen vor. 

Schon das Auf werfen dieser Frage zeugt von einer mangeln- 
den Keuntnis des Wesens der Reallast. Denn die Reallast — 
mag dieselbe nun ein dingliches oder persönliches Rechtsverhältnis 
sein — hingt jedenfalls au dem verhafteten Grundstück', sie 
theilt dessen Schicksale, oder wie das Proviuzialgesetzbucli sich 
ausdrückt ■ : 

• Reallast ist die auf einem Grundstücke ruhende 
dauernde Verpflichtung zur ewig wieder- 
kehrenden Entrichtung bestimmter Leistungen in Geld, 
Naturalien oder Diensten. ■ 

Daher miiss jeder Erwerber des Grundstücks als solcher, 
nicht wegen seiner persönlichen Ei gen sc hilft eil, die Reülhst leisten, 
wie das Gesetz sii'h ausdrücklich äussert': 

Jeder Erwerber eines Grundstückes, auf welchem 
eine Renllasl ruht. Uberkommt schon durch den Erwerb 

' (ierber, deutsche« Privatrecht § ICH, Dnni'kcr, Lehre von ilen Etat 
Insten 1837. Ungcr, Ooatr. Privntrecht I, S. 353 IT. 

• Pnir R. Ttf, An IMV. — 1 Eliemla.-. ArMSflH. 



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Die vermeintliche Frage der kirchlichen Renllasten. 34 - i 



selbst die Verpflichtung zu deren Leistung, ohne d.oss es 
seinerseits einer ausdrücklichen Uebernahme derselben bedarf.» 
Selbst für die Rückstände das Vorgängers haftet das Grund- 
stück, daher iiuiss sie der Nachbilder tragen 1 . Auch die confessions- 
lose Concursmasse kann sich dieser Yerplliditiing nicht entziehen". 

Gegen diese nothgedruugen aus dem Wesen der Reallast und 
den bezüglichen Gesetzen sich ergebende Auffassung wird nnn bis- 
weilen die Anmerkung zu Art. (i09 des Gesetzes für die evang.- 
lutheri.-clie Kirche in Hnssland angeführt, welche alle Personen, 
die nickt Protestanten sind, von der Leistung der Kirclieiigcbilhren 
und Beitrage jeder Art zuni Resten der protestantischen Kirchen 
freispricht und mir solche Leistungen von ihnen präteiidirt, welche 
dieselben für Benutzung von Kirchenlund zu erfüllen haben. 

wirklich die Realitäten mittreffen soll — als älteres Recht (Gesetz 
vom 39. Dec. 18fj3] dem neueren, im Privatrecbt TW. III, codifi- 
cirten, zu «-eichen hält.«, steht dieselbe in Wahrheit gar nicht im 
Widerspruch mit den normativen HcstimniiinL'eu über Reallast, 
Denn dasselbe spricht nur von den Personen und ihrer Ver- 
pflichtung, nicht von den Grundstücken'. Wollte man dieses Ge- 
setz auch auf privatreelil liebe Verhaftungen der Grundstücke aus- 
dehnen, so konnte jeder p fand rechtliche Schuldner einer Kirche 
sich von Zahlung seiner Schuld befreien, wenn er seine Confessi Ol) 
wechselt, so wäre jede Obligation, welche die Kirche durch Sehen- 
kung, durch Kauf &c. erwirbt, illusorisch, sobald der Schuldner 

Begünstigung der Kirchen und frommen Stiftungen liier in ihr 
Qegenlheil verwandelt und die lutherische Kirche privatrechtlich 
so gut wie rechtsunfahig sein. 

Die ganze Verwechselung bernht auf einein doppelten Mis- 
verstandnis, einerseits auf dem soeben hervorgehobenen Verkennen 
der realen Natur dieser Last, der Verknüpfung derselben mit 
dem Grundstück -- andererseits anf dem Uebersehen der privat- 
rechtlichen Natur dieses Instituts. Durcli einen privatrecht- 
lichen Act, durch den Erwerb eines iirundstucks> überkommt, wie 
das Gesetz sagt, der Erwerber diese Verpflichtung, Sie ist in 
seinem Kaufpreise mit verrechnet ; er kann sich von derselben 

' fror. It. III, Art. 130G. - ' Elend«. Art. 11107. 
' Vgl. hieriiWr il™ am Ni-hlnm <iiirMi ScniUsiikaH 
• Prov-R. III, Art. IM«. 



348 Die vermeintliche Frage der kin 
durch einseitige» Act ehen so wenig befn 



l'ravinmhedits Tlil. III., Weimer auch die sog. öffentlichen Iteal- 
lasten (d. h. nach Art. 1320 die der Krone oder einer Öffentlichen 
Corcoration zu leistenden) allem zuvor den in den Hauptstücken 



Roclitsimsirliauuiig eines so eintadien Verhältnisses liif.lit beirren. 
Hat doch dieselbe hohe .lustixhehiivde in gründlicher und scharfer 
Weise dieselbe Rechtsfrage bereits einmal behandelt. 

•Wir erlaube is diese Entscheidung ■ - unter Weglassung 

alles nicht üiir Rache G^lii'.iiijrcn — hier niitmillieilen, da sie nicht 
sillart-TiieiTi genug ln'-k:iTiiil gewoiilen ist. Dieselbe ist enthalten in 
"dem Ukas Kines Di1i5ri1.-n1l.-11 Senats mi den haitischen Genernl- 



r Dirigi- 



nng seines (hites (.'hnrliittenliof vfiii den Zahlungen der Natural- 
' und Geld |i ia stände 11 für diu Lassensohe Kirche.» 

Befohlen (folgt die Gesehichtsorzahlung unter ausdrück- 
licher Berufung des Klägers auf das Gesetz vom 29. Dec. 1853 
(Kirchengesetz g (iOS Anmerkung;, und auf die Thatsacho, dass die 

Uirrc.ul hLliti der Senat Iml : 



I iaui'l arten von l'raslandeii unterschieden werden : L) persön- 
liche, d. h. lediglich auf Personen nach dem Unterschiede ihres 



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Die vermeint Iii:]* l'Yage der kirchlidieii Keallnsteu. 3411 

Standes (SBanIe) 4o. ruliende und 2) dingliche Land- oder Beul- 
lasten, welche um' dfiii Grundstück tttWr lirnuoiiil ülii'iliaui't ruhen 
InBezug auf letztere ist die Person, unab- 
hängig von i Ii rein Staude oder ihrer Confes- 
Biou, nichts anderes als d e r V e r in i 1 1 1 e r , d u r c h 
welchen die auf dem ihm gehörigen und von 
ihm jure pcrsonali genutzten L au ds t ü ck oder 
anderen Immobil ruhenden Verpflichtungen 
abgeleistet werden. Zur Zahl solcher Real Verpflich- 
tungen gehuicn auch liii-jeiiistn, welche in Kurland zum Hilten 



Allcihudist U^uitL'U! licsdiiuss üi.'.- MiinsU'iT:iiuiir ', ki'ni'l dc-sim 
Personen andrer Cmiff.s.*ioiifii um allen Prästanden zum liest.«« 
der protestiinl.isdieii Kirchen und ihrer Geistlichkeit befreit 
werden, mit. An-maiini". der hin! l 'iiv.it vio'i.i'ä.^'ii l'ur diu \n!/iiii^ 



gar keine Anwendung finden. 

.Deshalb verfugt der Dirigirende Senat . - . in Ueber- 
einstinmiung mit der Ansicht des rigasehen Kriegs- und General- 
gfiiverneurs von [,iv-, Kst- tind Kurland, welche v.m dem Minister 

des Inneren und dem Oberdirigirenden der If. Abtbeilung der 
Eigenen Kanzlei Seiner Kaiserlichen Majestät get heilt, werden, 



H. Abtheilnng der Eigenen Kanzlei Seiner 

if in- VM gt-miitrc /.II S BUS J>'ä KinrliHtiäeai'lIP* gi-filgte 



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350 Die vermeintliche Frage der kin 



Rtiiiiiijli 



Kaiserlichen Majestät eine Uopie von dieser Entscheidung zu 
den Acten des Oberurocui-eurs zu übergeben. 
Den 19. April LSüii.i 

Dieser ausführliche, an Klarheit nichts zu wünschen lassende 
Ukas war somit sogar vor den entscheidenden Nonnen des UI. Bandes 

iiung Raum lassen, (Iftas eine Prüfung dieser Angelegenheit auf 
dem Justizwege die gleichen Resultate ergehe, wie 1863. 

Die Entscheidungen auch der highsten .Tuntizlwliürdfiii haben 
Übrigens nach Art- XXVI der Einleitung zu Band III. des Pro- 
viiizi«; rechts uidit die Kraft, «ihbs (icsiitzes und künnen dalier für 
andere Fälle nicht massgebend sein. 



i. 




Äoüioieiin aenjfB. — Pdocif,, l-ro Auptjii 1W5. 



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Antonius Bomhouwer und Andreas Knopken. 

Eine Episode aus der ili> fo r i»mti 01 1 sgescli i «h 1 ltigns. 




Ei 



Haus für die nicht uriljftrHchlliche Summe von 7imi Mark lüg. ver- 
kauft wurde. Wir wissen nicht, mit wem er vermählt war, jeden- 
falls wurde Hans B ho« wer der Vater einer selir KahlveidiHii 

Kindewchajir, [Jus sind die Namen von fünf Sahnen und drei 
Töchtern überliefert. Einer der Sohne, Jasper, hatte seil. Geschäft 
in Einbeck, Bartelt und Hans waren revaler Kaufherren, ersterer 
in der angesehenen Stellung eines Aeitermnnns grosser Gilde. 
Zwei Si.hnc widiuH™ sidi ,1,4h ^wüHi.-ii Ötiuidi- : (ü.risliiui ist 



starker geistlicher Zug durch die Familie. Von den Töchtern 
wurden zwei, Elsebe und Katharina, Nonne« im BrigiUeukli>ster 
bei Reval und auch die dritte Tochter, Birgitte fand hier eine 
Zuflucht , nachdem sie ihren Blichen« , den revaler Kaufmann 
Jorges Huldermaun, verloren hatte. 

Als mm die RH'uniiati'ji] ins LauA ilnmu'. war ISisuhüf Christ ian 
bereits todt, aber wahrend die weltlichen Glieder der Familie der 
neuen Lehre nulielen, wurde Bruder Antonius m eiin-iu der eifrig- 
sten Verfechter des Alten. Auf die bedeutende Stellung, welche 



862 Antonius Bomhouwer und Andreas Knopken. 

ihm, wenn auch nur im negativen Sinn«, in der Reformationsgeschichte 
Livlands gohührt, hat als erster Hansen in seinen < Kirchen und 
Kiü-tern Rev;ds auliin-iksan; neunicht ; es ist. heule [mißlich, ein 

vollständigeres Bild zu entwerfen. 

Antonius Bomhouwer hatte als Agent der streng katholischen 
Partei eine Reise nach Rom unternommen , um den Papst zu 
energischen Schritten wider die immer kühner auftretende Ketzerei 
zu bewegen. Ein Brief, in welchem er dem Cnslos seines Ordens 
in Livland und Preussen über die Erfolge seiner Tliilügkeit Be- 
richt erstattete, war iiiilgel'ungcn wurden, und bei seiner Kiickkehr 
aus Rom wurden Bruder Antonius und sein Mitgesollt (zweifels- 
ohne der Fabeldichter Burkhard Waldis) in Riga ins Gefängnis 
geworfen und, obgleich der Erzbischof Bomhouwers Auslieferung 
verlangte, über Jahr und Tag <Hm seiner vermessenen und inuth- 
willigen Handlung wegen, in strenger Haft gehalten. Wie wir 
ans einem Schreiben Revals au Riga ersehen, war noch Im Juli 
1524 die Untersuchung nicht abgeschlossen. Es war in Riga be- 
kannt, dass Antonius Uber Lübeck nach Reval eine Tonne abge- 
fertigt habe, deren Inhalt mit Recht verdichtig erschien. Riga 
hatte sich deshalb an Reval gewandt und gebeten, Nach t'orscliun gen 
anzustellen. Das war denn geschehen, einige Rat li-hcrrru verhörten 
aut's deissigste Hans und Buttel! ßoiuii.'iiiwer, sowie die aus Lübeck 
in jüngster Zeit ein getroffenen Schiner, ohne jedoch von ihnen das 
(ieringste erkunden zu kennen. Auch war nicht bekannt, bei wem 
Antonius die Tonne in Lübeck gelassen hatte, noch auch, an wen 
in Reval sie bestimmt gewesen. Nim bittet Reval um genauere 
Angaben und versprichtauch, weitere Nach Ii irscl innren anzustellen, 
und als am 17. Juli 1524 der Stlndet&g zu Reval zusammentrat, 
war es glücklich gelungen, das wichtige Beweisstück aufzufinden. 
Am 21. Juli liess auf den Antrag des rigaer Bürgermeisters Jürgen 
Kaning: der revaler Rath die Tonne in den Sitzungssaal de« 
Rathliansos bringen und dort ÖtTnen. Man fand die erwarteten 
coniiiriiiiiittiieniien Bücher und Schrillen und übergab sie nach ihrer 
Durchsicht den rigaer Abgeordneten. Das Material m einem 
Verfahren gegen Antonius Bunihoinver war jetzt in erdrückender 
Vollständigkeit bci-nuuiicn. Ilic Stande liatten bereits am Ii». Juli 
erkannt, dass Bomhouwer sein Lehen verwirkt, habe, und ihn der 
Stadt Riga überantwortet, dass sie ihn bis zum nächsten Landtage 
in fester Bewahrung halte. Dort solle er von allen Ständen ein- 
trächtig] ich gerichtet weiden. Ausdrücklich aber wurde beschlossen, 



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Antonius Bomhouwer und Andreas Knopkan. 353 



ihn keinem geistlichen Gerichts auszuliefern ; (Im hatte, wie nicht 
zweifelhaft sein konnte, seine vollige Straflosigkeit zur Folge ge- 
habt. Damit seinen das Seineksal Bomluiuivers eiitsehieden. Riga 
hielt ilm in engem Gewahrsam, nnd das Nctiliiiiiusle stand zu be- 
fürchten, wenn diu Stände auf dem nächsten Landtage über ihn zu 

Gericht sassen. 

Eine eigent.hiijnliehe Verk^tt uiiy villi rmsüludeu hat ihn trotz- 
dem gerettet. 

Es ist begreiflich, dass diu ganze An gelegen heil, in iteval 
peinliches Aufsehen erregte und dass namentlich die Brüder des 
Gefangenen eine Besserung seiner Lage erstrebten, ßartelt Bom- 
houwer trat für den Bruder ein, und es gelang ihm, eine gross- 
artige Demonstration zu seinen Gunsten herbeizuführen. Am 2. Febr. 

erschienen vor dem sitzenden Stuhle des Rathes Bartelt 
BiuiiliritiHXT, Aeltennnnti grosser Gilde, nebst zwei anderen Aelter- 
le.nten , sowie Verordnete der ganzen liemeine. Antonius Itum- 
houwer, erklärten sie dem Ruth, sei nun sehen gei-umne Zeil in 
der Stadt Riga Thurm und Händen enthalten und dort von aller 
heilsamen Unterweisung sowie von der Predigt des göttlichen 
Wortes in grosse:- Kleinigkeit trostlos abgesondert. Auf diesem 
Wege könne er nimmer zu besserer l-lrkemituis gelangen. Lasse 
man ihn aber das verkündigte ffui deissig hören, so sei er viel- 
leiclit noch zu erretten und von seinen Irrthümern abzuwenden. 
In diesem Sinne, bitten sie, möge der Rath sich für Bruder Anto- 
nius verwenden. — Der Rath konnte, sieh dieser Fürbitte nicht 
entziehen und hat noch am Sellien Tage ein Schreiben nach Riga 
abgefertigt und gebeten, um der Fürsprache willen dos Antonius 
Boinhouwer geplantes Vergeben in gnädige lietvaehtung üb nehmen 
und ihn aus Barmherzigkeit der erhellten Bekehrung gemessen 
zu lassen. 

In Riga fand man den Eutschluss zum Nachgeben nicht, 
gleich. Ohne, ISurgsehatt jedenfalls konnte ein so gefährlicher 
Mann nicht freigegeben werden. Aber den revalcr Brüdern gelang 
es, in Riga eine Reihe angesehener Bürger: Hiurik Warmbeke, 
Wolter Saulinek, Markes l'ar[ierdo= und llinrik Kafmeister zu 
bestimmen, dans sie für den Gefangenen die Bürgschaft, übernahmen, 

ent.üess mau ihn seines fielatignisses ;rur dem 1. Aug. \ "fiU). Noch 
aber waren nicht alle Sicherheiten geboten, welche Riga verlangte. 
Die Bürgschaft, die in Riga geleistet war, sollte gewisaerm aasen 



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Alli"llill;. Biillill'UUVi 1 



das.« Antonius, dar mit grossem Rtrlit« ^üI'iiiüjv.ii ^-liiiltrn worden 
sei, seine getliiine und ridillidi besehwoivue Urfehde aiicli einhalten 
wenle und weder persoulieii der Stadt Riga etwas Böses authnn, 
noch auch durch andere Krcmid« oder Kronult», »riiiimie oder unge. 
borene, geistliehe oder weltliche, in oder ausser Gerichtes, zu ewigen 
zukünftigen Zeiten tliun werde, aolle oder gedenke; sonder alle 
arge List, wie Menschen Vernunft nie nur erfinden oder erdenken 
könne. Sollte aber dennoch Antonius Bomhouwer etwas Unförm- 
liches oder Ungestaltes wider mein ged nebte Stadt Riga vorhaben 
oder vornehmen, so solle diese sich an Hans und Bartelt Born- 
houwer sammt Peter Klevinckhusen halten und diesen keine Ver- 
mittelung noch Ausflucht vergönnt werfen. Das geschah am 
29. September 1525. 

Antonius Bomhouwer wurde in Riga, auf freien Fuss gesetzt 
und den luiheriseheu Geistlichen der Stadt der Auftrag ertheilt, 
ihn im rechten Glauben zu unterweisen. Aber der Mönch erwies 
sich hartnackig, wurde schliesslich mit dem Bann belegt, und 
scheint darnach zu Aliliiug des .latircs ir>:>7 nach Reval gezogen 
zu sein. Daun aber geht jede Spur von ihm verloren. 

Ueber die mit Antonius Romliouwer vorgenommenen Bekell- 
nlngsversuche bedielet sich im revaler Stadtarchiv ein Originalbrief 
unseres baltischen Reformators Andreas Knopken', .der gemeynte 
godes tho Righe diener im wordhe», vom 12. Februar 1527. Nicht 
nur als eine seltene Reliquie Knopkens, in weit höherem Grade 
noch als lebendiges Bild der Zeitereignisse verdient dieser Brief 
besondere Beachtung. 

Wir lassen denselben mit Weglassung des blos Formelhaften 
in der Uebersetzung folgen: 

.Gnade mit eucli und Friede von Gott unserem Vater und 
unserem Heilande Jesu Christo. Kln-samen wohlwcisen Brüder in 
Christo : Es lauft ein gemein Gerüchte hier zu Riga, wie (Gott 
bessere) Antonius Bomhower' um eure Stadt her gar wunderlich 
und un verseh iL ml wider das heilige Kvau^-Unm handeln und predigen 
soll, welches uns der Allmächtige ans blosser Gnade wieder erwecket 



' Sil, niirlit Kni'i'ki'ii. n'hirilil unsi-r IMiTiiiiilur sr'llist winea Xnmen. 

' Kiiiil&l-u m-hn'Üil iuniiLT HoniliciiviT, iliT rcviilcr Untli sl«t.H 11 llimwer. 



Antonius Bomhouwer und Andreas Knopken. 355 

und gesandt hat. Solches glaube ich dann wohl von ihm, denn 
ich kenne seinen unverschämten Kopf und sein gottloses Herze 
gar wohl. Er pflegt der Wahrheit zu widerstreben, wie Jannea 
und Jambres dein Moses, denn das ist aller Ketzer und Verkehrten 
Art und Sinn, nach St. Pauls Lehre 2. Thess. 3. Und dazu rühmt 
er sich noch, er habe hier aus der Disputation und Handlung, die 
zwischen ihm, den Meinen und mir geschehen ist, grossen Preis, 
Victoria und Triumph eingelegt. Das aber mit der Wahrheit zu 
beleuchten, wird ihm viel zu schwer fallen. Nicht dass ich es ihm 
misgünnte und den Ruhm an mich reissen wollt«: die Wahrheit, 
Christus* und sein heiliges Wort haben die Braut von der Bahn 
gefuhrt und das Feld behalten, ihnen allein eignet Preis, sie haben 
uns Mund und Weisheil <,'e_'eben, dass unsere Widersacher nicht 
Widerstreben noch widersprechen können. . . . Ich bin deshalb 
genothigt. aus christlicher Liebe nud Pflicht den Handel zwischen 
ihm und mir in Kurze aufzudecken, damit er nicht mit seineu 
Schafskleidern und gleissenden Worten die Einfältigen in eurer 
Sudt irreleite. Denn der Engel Satans pflegt eines frommen 
Engels Kleid anzuthuu, wenn er moriten und verführen will, also 
auch seine Diener: je frommer und stiller sie. iiussiTlich scheinen, 
je voller sind sie im Herzen von Gift und falscher Lehre, und ist 
nicht alles Gold, was von missen -rleisset. Damit ihr euch nun in 
dieser Sache zu schicken wisset (indem sie nicht ein Kleinas, son- 
dern ewig Gedeihen oder Verderben augehel,), bin ich veranlasst, 
euch zu schreiben, da ja niemand von einer Suche besseren Ke- 
scheid geben kann, als wer sie selbst gfführt oder gehandelt hat. 

.Nikolaus Rlmm hat gepredigt, dass, obgleich die Menschen 
nach der Strenge lind Aufrichtigkeit des Gerichtes göttlicher Ma- 
jestät am jüngsten Tage, da Christus seine Feinde erschrecket 
(Matth, am iy ), auch für alle, unnützen und losen Worte dem Herrn 
Rede und Antwort geben sollen: so dürfe dennoch diese Strenge 
die Christen nicht niederbeugen. Denn sie sollen, wie der Herl' 
selbst sagt (Johannis 3) nicht gerichtet werden, sondern selbst 
richten Engel und Welt [1. Corinther G); wider sie aber als die 
Auserwahlteii Gottes solle niemand Klage bringen, denn Gott selbst 
hat sie gerechtfertigt durch den Tod und die Auferstehung Jesu 
Christi, wie es Paulus (Römer am 8.) hell und klar leget. Als 
dies Antonius Roinhower gehört hat. ist er xar Stunde an diesem 
gnadenreichen Worte des Geistes geltrgert worden und hat gemeint, 
dass alle diejenigen vor Gott Christen waren, die vor der Welt 



ilöti Antonius Bomhouwer und Andreas Kuopkeu. 

den Namen trügen. Und ist hereitigep lumpet mit seinem Brief, 
dass man mit solchem Preise der Gnade und Barmherzigkeit Gottes 
die guten Werke verwürfe und den Sünden Raum gebe. Und 
weiter sagte er. es luüsslcn die Christen sieli auch richten lassen 
und wegen der Sünde, die nach der Taufe geschehen, Antwort 
geben, sie entweder hier mit Werken vergelten oder hernachmals. 

iAuf diese Meinung des Briefes ist er vorgetördert nnd vor 
etlichen Bürgern und Brüdern, die gegenwärtig waren, gefragt 
worden, oh er diese -Meinung auch mit der Schrift verfechten und 
bewahren könne, denn wir hatten gelehrt und die Unsrigen von 
uns gehört, dass der blosse Glaube an Christum allein silndlos 
mache (Römer 3, Job. 1) — beides nach und vor der Taufe. Er 
sprach «Ja., wenn mau ihm nur Gehör und Glauben geben wolle. 

«Darauf sind Nikolaus Rhain und ich von der Gemeinde 
dazu genötigt wurden, mit ihm eine gemeine Disputation vor 
jedermann zu halten. Wie denn auch geschehen ist im Dome vor 
einem einsamen Rath, der zugegen war, vor Bürgern, Gesellen 
und ganzer Gemeinde, welchen denn auch nach der Lehre Pauli 
(l. Corinther 9) das Gericht befohlen ist. 

tWie er darin nicht mit Gewalt, sondern durch die unwider. 
sprechliche Wahrheit des göttlichen Wortes zurückgelegt und 
niedergeworfen wurde, wäre zu lange zu erzählen, auch werden 
es alle, die damals gegenwärtig waren und nicht wider ihr Ge- 
wissen reden wollen, bezeugen. Als er aber mit Gottes Wort 
gedrängt verstummte und Gottes Schrift, die er nicht leugnen 
konnte, den Preis nicht gaben, noch seinen Dünkel fallen lassen 
wollte, da sagte mau ihm auch : Antoni, du bist als ein Hase, der 
vor das Netz gejaget sich umwendet und nicht hinein will, also 
füllst auch du, wenn du mit der Schrift L'edtiiii^l wirst wider dich 
zu bekennen, auf eine andere Materie. Nach der Disputation aber 
(als denn St. Paulus lehret 2. Thessal. 3 : Haltet ihn nicht als 
einen Feind, sondern ermahnet ihn als einen Bruder) nahmen ich, 
Nikolaus Rham und sein Wirtb Heinrich Kiitl'meysteL' ihn zwischen 
uns uud führten ihn, auf dass er sieher sei. Wo nicht, hätten 
ihn die Jungen mit faulen Riem und Hdilimmerem beworfen. Wie 
er denn auch selbst sprach : Per dntm, vos jaxta christkinae tari- 
lulix rtijulum mjilh mratm, c-lkwi hiiuihn hrwfnriaites ; qitod si voe 

rohisr:nm afferent (bei Gott 1 ihr verfahrt mit mir nach der Vor- 
schrill christlicher Liebe, indem ihr auch dein Feinde Gutes tbut ; 



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Antonius Bomhouwer und Andreas Knopkeii. 357 

wäret ilir in meiner Hand, wie ich in der eurigen, ich würde 
keineswegs so säuberlich mit euch verfahren). Darnach ist die 
Gemeinde von beiden Stuben sammt den Schwarzenhausen! auf 
der grossen GihU:s[.ulie zu Haut" gekommen und ich mit den Meinen 
sammt ilnii i'i-L'liii'iH'n iloit. ein l'nlüTÜ für oder wider uns zu 
hören. Seine Meinung aber wurde als eine gottlose, irrige und 
tcullisrlie verdammt, die «tisiige auf Grund der Schrift für eine 
!pilliii. , ln-, heilsame und wahrhaftige erkannt. Darauf forderte 
man von ihm, er intige Ton der seinen lassen und unserem sowie 
Gottes Wort beifallen ; das aber war er auf keinerlei Weise zu 
thun gesonnen, sondern bestand noch härter als zuvor auf der 
seinigen. Damit wir ihn aber nicht Ubereilten und weil wir gern 
in Güte mit ihm reden wollten, nahmen wir ihn darauf nochmals 
zu uns auf rite (lilde.stulie, mit seinem vorgenannten Wirthen, mit 
Hinrich Warmbecke uuri etlichen mehr, ob er nicht dem Wort« 
Gottes und der Schrift seinen Dünkel unterwerfen wolle und Gott 
für klüger anerkennen wolle als seinen Verstand. Aber wir er- 
langten so viel Aeuful als Nüsse, und es ging uns, wie man sagt : 
ein alter Hund ist schwer zahm zu machen (erltmgeden taten appelle 
so oele aise noetke, und gingt uns alsc inen secM : Eyn alth htmdt 
is quadt baulich tho maken). 

.Damit nun aber alles ordentlich und ohne Frevel zugehe, 
wurden darnach etliche Verordnete aus der Gemeinde an einen ehr- 
samen Kadi gesandt, dass sie sich hieran nicht kehren wollten, 
sondern man müsse nach Inhalt des göttlichen Wortes mit ihm 
bandeln, doch den Rechten und allem, was ein ehrsamer Kath wider 
ihn hätte, unvorfänglieh. Darnach ward mir von Abgesandten 
der Gemeinde auferlegt, ihn in den Hann zu thun und als einen 
\Viili<rsi>i-iHli[feii aus der Gemeinde /u Verstössen, dass ein jeder 
ihn vermeide, bis dass er seinen aufgeblasenen Sinn dem Wort« 
Gottes unterwürfe, gefangen gebe und Gnade begehre. Welches 
auch in Kraft göttlichen Wortes geschehen, und öffentlich, vom 
I J redig Istuhle aus ist er als ein abgeschiedenes Gliedmass abge- 
rufen {af(gcschrcghen) worden. Darauf aber hat er wenig gegeben, 
ist von hinneu gezogen und hat mit keinem Wort nach der Abso- 
lution gefragt. Da nun in dieser Sache nicht die Person des 
Bannenden, sondern das Wort Gottes allein anzusehen ist (wahr- 

Himmel gebunden sein, Matth, 18) und die Sache, um welche man 
verbannet wird, zweifele ich nicht, dass euere ehrsame Weisheit 



358 Antonius Bomhonwei' und Andreas Knopken. 



wol spttren und merken wird, wie es um vorbenannten Bombower 
steht. Deshalb bin ich genüthigt, einen jeden zu warnen, dass er 
sich seiner entseulagc und, wie St. Paulus 1. Cor. 3 lehret, mit 
ihm weder esse noch trinke, wurm er nicht gleicher Pein und Strafe 
vor Gott unterworfen sein will. ... Die Summa der Handlang 
und Deputation «'erdet ihr hei eueni Predigern finden, die eueh 
iu dem Her™ befohlen sein mögen. 
Dat. Riga, 12. Febr. Anno 1627. 

E B. W. gutwilliger Diener Andreas Knopken, der 
Gemeinde Gottes zu Riga Diener im Worte. • 

Vergegenwärtige Ii wir uns auf Grund dieses Briefes noch 
einmal den Verlauf der Angelegenheit. 

Nachdem Antonias auf die Fllrbitte Revals aus seiner Haft 
entlassen ist, bleibt er in Riga bei einem seiner Bürgen Heinrich 
Katiineysler. Seine Unterweisung in der lutherischen Lehre wird 
den Pastoren abertragen, unter denen wir den bisher unbekannten 
Nikolaus Rlmin kennen lernen. Etwa ein Jahr seit Bomhouwei-s 



es gerichtet gewesen, wul aber, dass es sogleich he- 
— protestirt er ge^eu den Canlinalpunkt der lutbe- 
, die Rechtfertigung durch den Glauben allein. Da 
t findet, seine Ansicht zu verfechten, verordnet die 
, dass Nikolaus Rham und Andreas Knopken gegen 
i sollen. Vor grosser Menschenmenge findet in der 
) Disputation statt, und so lebhaft ist die Theilnnhme 
, so heftig die Erbitterung über den Widerspruch 



Inzwischen ist die Gemeinde zusa engetreteu : grosse und 

kleine Gilde, da/n die Hrudersrli;ill der SHiwarzi'tiliiliipt.er, haben 
sich im Saal der grossen Gildestabe versammelt, ein Urtheit zu 
finden. Der Rath als solcher nimmt an der Berathang nicht Theil. 
Kr soll die Gemeinde in Glaubens fragen nicht beeinflussen, wol 
auch als Uber den Parteien stehend betrachtet werden. 

Beide Pnstoren und Bruder Antonius werden darnach in die 
Gildestnbe gerufen, und die Versammlung erklärt, dass die Prediger 
das Wort tiottes für sich hatten, dass Bomhotiwer besiegt sei. 
Er müsse widerrufen. Da er sich dessen weigert und auch nach 



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Antonius Bomhoun-er und Andreas Knopken. 
■ zweiten Disputation auf der Gihlestube liei seine 



sind es auch, welche den Pastor Andreas Kmipken bcjini't mErmi. 
den Bann auszusprechen Da nun mit der Verkündigung des 
Bannes Kaffmeyster seinen (inst nicht langer bei sich behalten 
durfte, ohne selbst in den Baun zu verfallen, auch sonst niemand 
in Riga den Gebannten aufnehmen durfte, blieb nur zweierlei übrig. 
Entweder üess man Bomho-uwer ziehen, oder aber der Rath, brachte 
ihn wieder in sicheres Gewahrsam. Man wählte das erster«, haupt- 
sächlich wul. weil, wie die Verhältnisse la-en, eine [lolitische Gefahr 



der Lehre zusieht, mi(cr]ie ; ;t keinem Zweifel, und sie ist im Recht, 
wenn sie ihr Urtnell findet, ohne an ihre Obrigkeit, den Rath, zu 
gehen. Interessant ist, dass neben den bellen Gilden die Schwarzen - 
bänpter als bes<mdei-e Ivivpersehaft auch in der Kirche.ngeiuciiide 
uns entgegen treten ; wichtig vor allem aber ist die Thatsache, 
dass um 1527 der protestantische Geist in Riga bereits so fest 
Fuss gefasst bat, dass die Stadt einen Andersgläubigen in ihren 
Mauern nicht glaubt dulden zu dürfen ; dass die «reine Lehre • so 
lebendig in aller Herzen wurzelt, duss sie die Grundvoraussetzung 
alles bürgerliehen und privatim Lebens geworden ist. 

Man kann den Brief Kiiopkeus nicht ohne Bewegung lesen 

und Reden gegenüber, getragen von seiner Gemeinde und seine 
Gemeinde in sorglichem Heram tragend: ein guter und treuer 
Hirte, dessen Ribl lebendiger in uns lebte, wenn wir mehr Briefe 
hätten, die wie der obige ihn zu uns reden lassen, wie er einst 
zu seiner Gemeinde in Riga sprach. Aber sein Bild ist heute verblasst 
wie so vieles, was unsere Vater in den Jahrzehnten erlebten, welche 
dem russischen Kriege unmittelbar vorhergingen. Es ist, als hätte 
die entsetzliche Xnth jener Ki iegsjahre die Gedächtniskruft der Zeit- 
genossen gelähmt. Sie lebten in den Schrecken der Gegenwart, den 
angstvollen Blick auf die Gelabreu der Zukunft gerichtet. Wo sollten 
da die Väter Zeit und Stimmung finden vuu dun Tagen zu erzählen, 
da sie zu Fussen des giusseu livhlndisclicn Kei'onnators gesessen? 



360 Antonius Boroliumver und Andreas Knopken. 



Die Archive Rigas aber , welche uns Natli geboreneu die 
Mittel an die Hand hatten neben können die Vergangenheit zu 
lit'liBin Lekui zu fuhren, sind verstreut und verdorben. So ist die 
Gesi-liidite ik-r lidinuuiliun Rifjus noch iminur wu fast unW;clirie- 
benes Blatt ; da mag der kleine Beitrag, den wir bieten , freund- 
iicli entgegen genommen werden. 



T Ii. So hie mann. 




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Die wildlebenden baltischen Säugethiera II. 



A. Haartliiero. 

L Ordnung. Die Fledermäuse. Chiroptera. 
Russ.: HCTonupi (iiefojijr), .icTBmiiaa wumt (Ictjnlschaja mysch), im 
Süden Boinam (koschan), nueli vimpi. (upj/r), was eigentlich nur 
den Vnmpyr bedeutet. Lettisch : filspaljrue (selten gebräuchlich 
pcfahba). Estnisch : nahhhiir. 

Die merkwürdigen Eandflilgler sind vor allen übrigen Sau- 
gern durch die Fähigkeit, zu llio^eti, und zwar sicher und gut, in 
hohem Grade ausgezeichnet. Für dieses schöne (ieschenk liiissten 
sie aber natu [-logisch die rasche und gescliincidiirc Ufivc^lidikck 
auf dem Hoden ein ; nur mit einiger Mühe können sie sich auf 
fester Unterlage mit den dazu iin^r.'si-Li i :kt «rs'.'lieiiieiideii Flügel- 
händen ein wenig weitemii hen und fort schieben. Sie sind wie die 
Scluviillii'ii ii ml Hi-^itrr unter den Vii^eln /»tu Veibrin^Hi ihres 
nahrungsuchenden Daseins und sonstwie thätigen Lebens allein 
au! die fruit! Luft, über 11:1 (ieijüusitt/.i! y.a jeni-ti Viiirelu zu nächt- 

lieber, jedenfalls ataidlk-hiT V,' t ik angewiesen. Den Tag über, 
Line Schtiif/eit, haken sie sich kauernd oder hangend an möglichst 
lichtarmen, trockeuen, namentlich vor Regen und Sturm «esclmUicii 
Versteckplätzen auf. Wie Eulen und andere lichtscheue Nachühiere 
erscheiuen sie noch heute dem niederen, unwissenden Volke als 
unheimliche, gespensterhafte, daher auch todes würdige Wesen, mit 
denen es nicht tjjaiiü richtig* stehet und «geheuer» ist. Alle 
Arten verbringen unseren rauhen und langen Winter in einer 
gänzlichen Erstarrung oder an besonders gut geschützten, verhält- 
nismässig warmen Oertliclikeiteu in einem mehr oder weniger 



3G2 Die wildlebenden baltischen Säugethiere. 



tiefen, häutig sehr geselligen Schlafe, wobei ilie Temperatur des 
Blutes bei den Starrenden ohne nach t heilig« Folgen bis auf 4- 1" 
Reanmnr sinken kann ; beim Erwachen durch allgemeine Luit- 




dir viel schneller als die 



Die Fledermäuse besitzen in einein sehr weit gespaltenen 
ManlcLeu iiilt- drei Arten Zahne und sind den sogenannten - lusecteti- 
f'ressern. im Gehiss nahe verwandt ; der Nahrang nach sind sie 
selbst so recht eigentlich auch Itiseetetilresser, denn sie nidiren 
sich im Freiloben ausschliesslich von Nachtschniel Harlingen, Kerb- 
tbteren, Fliegen und Mücken. Sit: sind nicht leicht gesiluigl und 
sehr hcisshiiugrii;, woher sie etnintiul nützlich werden. Nach Bla- 
sius verzehrt z. Ii. eine Flc'dermaus gnisseier Art in einer einzigen 
Nacht leicht ein Dutzend Maikäfer! Unseren einheimischen Arten 
lässt sich keinerlei Schädlichkeit nachweisen, daher verdienen sie 
alle und jede Schonung. 

Das Merkwürdigste am Körper der Fledermäuse sind die 
lihenuässig entwiekelten Hnutbilduuijcn, nicht nur derjenigen an 
den Flughäuten zwischen den unförmlich verlängerten Fingern der 
Yordcrext.t'eiiHt.ätcn, sondern auch au den Ühren und bei einigen 
Arten an der dadurch verunstalteten Nase. 

Nur einmal jährlich gebären sie 1 bis U Junge, die beim 
Umherfliegen der Mutter viele Wochen hindurch stets an derselben 
haften. Ueber die Begattungszeit und Dauer der Tragperiode 
scheint iiiieh kein volles Lieht zu herrschen. X innen l! ich über diu 
Tragzeit fehlen sichere Beobachtungen ; auch Brehm schreib: hier- 
über nur weniges und scheinbar etwas verzagt : im an nimmt 
an, nach fünf bis sechs Wochen werden die Jungen geboren). 
Viele andere Biologen schweigen sich Über diesen > erlab ruags- 
losen. Gegenstand vorsichtigevweise gänzlich aus I Im Mai und 
Juni findet mau die Jungen noch an der Mutter unzertrennlich 
klammern ; zu resp. nach St. Jakobi fand ich keine saugenden 
.Brustkinder, mehr an den Müttern ; sie wachsen schnell heran 
und sind im Herbst in der Grosse den Alten bereits ähnlich. — 
In milderen Gegenden, wie in Süddeutschland, wurden zuweilen 
die gänzlich cih'rsiitiitslnseii Begattungen schon im Januar und 
Februar beobachtet. Es ist miiglic.h, d;iss in Hüdeuropa die Paa- 
rung nur nach der Jahreswende resp. im Frühjahr stattfinden 
dürfte {was bis in die neueste Zeit hinein für alle (legenden und 
für alle Fledermäuse als Rejre] galt), wahrend im Norden resp. 



Die wildlebenden baltischen Säugotliiere. 



868 



auch bei uns und in Norddeutschland vielleicht schon eine spät- 
siumnerliehe uder iniliherhstlirhe Befruchtung ;un liilbclie ire mteu 



feist und kräftig, was der Brunst meist günstig t.n sein pflegt, im 
Frühjahr aber dürften sie im Norden nach halbjährigem Fusten- 
schlaf mager und muthumsslioh stoft'arm sein. Wenn der Magen 
hungert, pflegt die Liebe tu feiern I 

Im Jahre 1880 tauchten in mir zum ersten Male derartige 
durchaus selbständige Vermutl Hingen auf, nachdem ich 
im August ein Männchen der nordischen Fledermaus vesperugo 
.Vi/smim (diese Art sitll im Sommer mi'ist nordwärts von lins wie 
ein Zugvogel forty.iehe]] 1 ' mit (jUVribur sehr erregten um! gereiften 
Geschlechtsthüleu gelangen und ferner einen quasi ßalzfiug der 
Wassel lleiiermaus nt/vitaia llmOu nlunii gründlichst beobachtet 
iiatW, wobei die gewandten Thii'vcbeti augenscheinlich nicht nach 
Insecten haschten, sondern ü— :( vermeintliche Männchen (Fleder- 
mäuse leben in keinerlei Ehe) direet um! eitrig ein mntlimassliches 
Weibchen jagten. Als ich wenige "Wochen später in Danzig die 
allgemeine Deutsche Xiitiii-fov.-rhen'et-siinimlung besuchte, theilte 
mir dort ein Fachmann, Hr. Dr. Metzler , auf meine bezügliche 
Berichterstattung hin mit, dass .neuerliche mikroskopische Unter- 
suchungen bewiesen hätten, wie bei einigen Fledermäusen die Be- 
fruchtung zeitig vor dem Beginn des Winterschlafes stattfinden 
müsse und wie die befruchteten Keime ohne zu wachsen bis zum 
Frühjahre auch ruhten«. Aehnliches ist bekanntlich schon früher 
an einigen anderen Thierarten auch beubac-htet worden, Ueber 
weitere diesbezügliche Siiecialumeisurliimgcu und Resultate ist 
mir aber in meiner bibliothek losen ländlichen Isolirtheit bisher 
leider nichts zu Gesichte oder Uhren gekommen. Möge das hier 
nach innerlichem Zaudern Geäusserte unsere halt ischen FiiclimaiiTUT 

zu näheren einschlägigen Forschungen auregen ! 

In unseren Provinzen sind bisher nur 8 Speeles Fledermäuse 
wissenschaftlich als einheimisch nmstatirt worden; aber die Mög- 
lichkeit <it vermehrten Auffind ungen scheint im Hinblick auf die 
sonstige geographische. Verbreitung einiger Allen durchaus nicht 
ansjesHiln-sen v.\\ sein, Hin geübtes Auge und durch Kenntnisse 
geschärfter Blick könnte an der All und Weise des Umliefst reicheiis 
bereits in der Luft die gesuchte Spccics erkennen, denn gewisse 



klimatischen Ursachen 
keim während des lan 
entwickelung mit ruhe 




der Frueht- 
c jede Fort- 



imsseriieiii 



oder Ei 



1. Die Oli reu Heiler maus, Ptecotiin amilns. Russisch : uero- 
nupt yuincTHil (netopyr usckosty) oder yiamit (uschan). Diese bei 
uns sehr häufig« KU-dcrmiuis trügt ihren Namen mit ungewöhnlich 
gutem Beeilte, denn die geradezu riesig entwickelten aussereu 
Hauttheile der Ohren erreichen nahezu die RumpfliLnge I Bei ihrem 
flatternden, nissig raschen Huditluge, ilen sie meist erst ziemlich 



es lehrt. Der vom russisciieii Vulki' /.uwnih-i] mii' die Fledermaus 
übertragene Vftmpyrtiame tupgrt passte nacli Prof. K. Th. Liebe 
für eine von ihm 1881 in der Gefangenschaft gehaltene Ohren- 



!. Der Abendsegler. Vesperugo noeUHa. Diese einfarbig 
ich aussehende Fledermaus ist nicht nur unsere grösste, soa- 
uch die am höchsten und raschesten fliegende, wie auch des 
i hei weitem am frühesten erscheinende Art. Sie ist mit 
n Fledenoausspecies nicht leicht zu verwechseln. Olt sieht 
iiese •Frühfliegende. bereits bei hellem Sonnenscheine, zu. 
schon um 4 Uhr Nachmittags um die Spitzen der höchsten 



habhaft zu werden pflegt. Du 
keit wird sie auch ausserorden 
lungen ist sie überall vorbände 
3. Die sclieinhaarige Flöh 



.lirer trotz wiederholten Angriffen 
>h ihre ausseronl«iiilii:lni (u:fnLs.sig- 
ii:h nülzlidi. — In unseren Saimu- 

uiiiaus. Vesperugo Nalhusii. Diese 



schnell und gewandt, öfter in stiUti-Hun Strassen, Gehöften und 
Baumgarten »1a in grosseren Wäldern umher. 

4. Die ZwergfiedertnatiS. Vts/ieri/gri piiihlrelhis. Russisch : 
ueToiiupi. mo.hjü (mUijitjr iwif//) oder n. upocrofl (n. prostat) Auch 
diese kleinste Species fliegt früh aus und segelt hoch uml rasch in 
anmuthigen Windungen ; zuweilen soll sie mich (mich Pfarrer 
.TiLckel in Windsheim) um Tage hei grellem .Sonnenschein umher- 



sie Lfturlg fliegen gesehen zu haben, doch langen konnte ich bisher 
auch kein Exemplar. 

5. Die nordische Fledermaus, Vesptrngo Nilssomi, ist bei uns 
nicht selten und in den Sammtungen gut vertreten. Auf dem 
Waldschnepfen.« Bilde habe ich sie oft beobachtet und mich an 
ihrer Fertigkeit im Niederstürzen auf ihren Raub erfreut. Sie er- 
scheint beim Beginn der Dämmerung und streicht die ganze Nacht 
in mittlerer Hoho, bei sehr feuchter und kuliler Witterung oft 



jenseits des Mt° nijrdl. Hr. wulirselieinlMi die einzig KenriLsentantiri 
ihres handgenilgelten Geschlechts sein dürfte ; jedenfalls im höchsten 
Norden, in der Xith« des Weissen Meeres ist sie die einzige im 
Sommer noch vorhandene Fledermansart. die zum Herbst südlicher 
resji. bis zu uns her zieht. 

6. Die zwi'il'urbigi' Fledermaus. Wf^ii-rngo iliscnlor. Diese 
eigentlich mehr mitteleuropäische resp. südlichere Form ist bei uns 
einige Mal gefangen worden, so z. B. unweit des Poipus unter 
Rappin. Sie ist scheinbar selten; mir ist sie nicht in die Hände 
gelangt. Man muss ihrer geographischen Verbreitung nach an- 
nehmen, dass sie südwärts, also in Kurland häufiger zu finden 

7. Die Bartfledermaus. Vtspertilio mysliirinwi. Nur das «wär- 
mere» Kurland besitzt, diese in Färbung und Qriiss« stark varüreilde, 
wasserliebende Art ; dort scheint sie stellenweise nicht selten zu sein ; 
alle unsere Museen wurden mit. kurliLriiHsi-h™ Exemplaren gciiiigeiitl 
versorgt. Der verstorbene Pastor H. K. Kawall in Püggen hat 



366 Die wlldlul ifi lAu ü baltischen Situgctliiere. 

wiederholt über das Vorkommen und Hausen der Bar! fledei maus 
Bericht erstattet. Sie fliegt. Bohr niedrig, oft unmittelbar über dem 
Wasser, feuchten Wiesen und Wegen dahin. 

8. Die Wasserfledermaus. Vesporlilio Daubcntonii. An allen 
grösseren !<'lussen, Seen und Teichen findet man diese AH sehr häutig, 
sie ist leicht kenntlich und auch noch in dunkler Nacht durch ihr 
niedriges, die i Iberllileht: fast streitendes Streichen über dein schwim. 
menden Wasser bemerkbar. Zuweilen beginnt sie den flatternden 
Umzug über dem Wasserspiegel gleich nach Sminc.nuiitci^aiii. als:) 
bei grosser Helligkeit, wo man dann die furchtlose, fast dreiste 
Fledermaus aus nächster Nähe genügend beobachten, kann. 

H. Ordnung. I n s e c te n f res s er. Insectivora. 
Russ,: u acl>KO)i iw.T.uk {nai'sjikoiiiojadiiija). Diese Ordnung enthält 
sein- verschied irlig gebildete und verschiedener Lebensart huldi- 
gende Thiere, welche eigentlich nur in Betreff ihrer Backenzähne 
ein völlig ülieicinst.iinniciides, charakteristisch gleiches Moment be- 
sitzen. Diese «bindenden. Backenzähne sind nämlich vorn immer 
eins|)it(ig, hinten vielsrhl.zig : der letzte Zahn ist dagegen wieder 
einspitzig und nicht Kau-, sondern ein echter Reisszahu. 

I. Der Maulwurf, Talpa europaea. Jluss. ; iiporT. (krotl), 
puTUKi, (rytik), aesiJioiUHHBt (semijusdmik), auch seiMiBU cyctjwa 
(sauljiui'iji: ssu.-iSi-illm). Lftt.: fiirmi*. h,iu:ig als (icliöfl- und Fainilien- 
name gebraucht. Estn. : milt, mut (Reval), müggur (Wiek), miirk 
{Wem). 

Dieses allbekannte, sehr räuberische Thier ist eigentlich 
durch Vertilgung unzähliger Maden, Larven und namentlich Wür- 
mer recht nützlich, besonders du es keinen Winterschlaf hält, son- 
dern fortwährend jagt und vertilgt, aber im Summer wird es in 
GSrten durch allju dichte Anlage seiner Lauf- und Jagd graben 
dem Pflanzen wüchse iiulirect schädlich . manch schöner Blume im 
eleganten licet, verderblich : daher verfolgen ihn ti artenfreunde und 
Gärtner mit Energie und einer gewissen Wuth. Auf Uesel und 
den Übrigen kleineren Inseln fehlt er gänzlich (üb auf Dagij auch, 
konnte ich nicht erfahren) und scheint auch dort niemals existirt 
zu haben; eine Uebersicdulung vom Festbinde auf jene jüngeren, 
insularen Laudgebilde ist für diesen < überirdisch) ziemlich unbe- 
holfenen und ZU weiten Wanderungen unfähigen Gesellen auch 
nahezu undenkbar. .Unterirdisch) ist aber seine Fortbeweglich- 
keit eine ausserordentlich grosse, und angeblich eine so schnelle. 



Die wil [liebenden baltischen 8&ugethiere. 367 



4k« A:i M toi!« ml ,1, o.it...« I.iult'lir« I »in-m K.-I.vf riU-oti-l- n 

Pferde concurriren konnte ; auch beim Wühlen und Graben verehrt 
er sehr flink und verschwindet in lockerem Erdreich oft bli(ws:-hn^ll, 
wie durch Zauberei, vor den Augen des überraschten Beobachters. 
Er ist unglaublich gefrässig, ein rechter Nimmersatt, der zu seinem 
täglichen Unterhalt an Nahrung seines eigenen Körpergewichtes 
bedarf. In der Gefangenschaft vertu; nijrrt er bereits nach etwa 
12stUndigeni Fasten unfehlbar. — Noch kürzlich, d. h. im November 
d. v. J., hatte ich gute Gelegenheit, auf dem (Jute Breslau einen 
hiiMiziiliiiiüti Maulwurf in seinem Vertilgungseifer und im Erjagen 
der Nahrung zu beobachten. Sobald ein Stück Rindfleisch auf die 
Ente des Terrariums noch so leicht und geräuschlos niedergelegt 
wurde fuhr der feinfühlende, schart riccln-mte und ni'.ini-iiirs-Liiri.li^^ 
Maulwurf schnell hervor, ersch mittel te i nicht ersah I) das Fleisch 
und fuhr damit zurück, — wol V. Pfd. derart bergend und ver- 
zehrend. Alljährlich verbindet sich der männliche Maulwurf zu 
einer Zeitehe mit dem anfangs widerstrebenden, erat allmählich 
sich gewöhnenden Weibchen; nach Brehm überwiegt aber das 
männliche Geschlecht an Kopfzahl das weibliche; dadurch ent- 
stehen fürchterliche Kampfe der Eifersucht, richtige Zweikampfe, 
die immer einen tödtlichen Ausgang nehmen. 

2. Die Wasserski lz maus . ' rossoptte fodieus. Etwa. : ssimpolHt 
BOAHuna (semljuroika wodjantq'ä), Lett. : uhbcnS jirlünt. Sie ist 
bei uns keine Seltenheit, wenn auch bisweilen Jahre vergehen, ehe 
man diesen < fixen > Wasserbewoliner zu sehen bekommt oder gar 
erlangen kann. Unsere Samminngen besitzen genügend Repräsen- 
tanten dieser Art. Ich kannte Oer t Henkelten, au denen man auf 
der Entenjagd (zu Johauni), sobald abseits starker Lärm gemacht 
wurde und die Hunde alle Grasbüscliel duirhstoberlen, leicht öfter 
eines dieser interessanten Thierchen die Schlupfwinkel wechseln 
sehen konnte, was sowol tauchend und schwimmend als auch über 
SeerosenbUtter laufend oder über <)iiei']iep:eude Schilfstengel und 
dergl. kletternd ausgeführt zu werden pflegte. Sie ist ein kleiner 
und doch «grosser. Räuber, der ausser hisecten auch kleine Fische, 

Lurche, Vöglein und Mause zu würgen versteht. An Statten 
geordneter Fischzucht und an kleineu Fischleichen kann sie sehr 
schädlich werden. 

8. Die Wal dspitz maus. Sorex vulgaris. Lett, : jlrMii( (in 
Ostlivland auch jiralie); estu. : Karri hiir. Sie ist in unseren 
Gegenden die gewuhnlidis.te Snitzmausart und wird überall sehr 

Uillisrfae HlKllHkrln, II inj lim, Hell s. gi[ 



368 Die wilil lebenden baltischen Säugethiere. 



häufig Befunden. Hunde und Katzen tödten sie, ohne dieselbe 
zu verzehren, während viele Raubvögel und die Kreuzotter sie 

4. Die Zwergspitzmans. Sorex pggmams. Sie scheint nirgend 
zu fehlen, ist aber nicht hanfig und wird sehr selten gefangen. 
Die Zwergspitzmaus ist nürdlich der Alpen das kleinste Saugethier 
nnd das zweitkleinste der ganzen Erde; den Vorrang der Winzig- 
keit macht ihr allein die mittelländische Spitzmaus Crocidura sua- 
veohus streitig. Denn während unsere Zwergin eine Körperlänge 
incl. Kopf, Eiber ohne Schwanz von ca. 2 Zoll erreicht, wird ihre 
Bildliche und siegreiche Rivalin nur knapp IH Zoll lang. 

5. Die Hauasp itz maus. Crocitlura Arnums. Russ. : seifjis- 
poflita {scmljaroika). Sie scheint eine grosse Seltenheit in den hal- 
tischen Landen zu sein ; ich selbst habe kein einziges Thier dieser 
Art angetroffen. Prof. Asmuss hat eine Hausspitzmaus aus Liv- 
land in Händen gehabt. In unseren Sammlungen fand ich nur 
ein einziges baltisches Exemplar dieser Species. 

6. Der Igel. Erinaccus vulgaris alias curopaeus. Das «furo- 
paeus' ist eine althergebrachte, aber falsch gebrauchte Bezeichnung, 
seit es wissenschaftlich festgestellt wurde, dass unser Igel auch 
fast ganz Asien bewohnt. Er wurde von Jerusalem bis Peking 
nnd vom Ural bis Kamtschatka gefunden. Ich habe mir daher 
erlaubt, das neu gebrauchte, aber meiner Ansicht nach passendere 
'vulgaris! voranznsetzen. Russ. : eist (/osA) ; lett. : tfi8 ; estn. : 
ffi?, siihl. 

Mit das Bemerkens werth este an dem jedermann wohlbekannten 
Sdidielliehleu war seit den veröffentlichten Special Studien des 
Naturforschers diu ISuubiditung, dass der Biss unserer Kreuz- 
otter ohne schlimme Folgen auf das lllul resp. die Gesundheit des 
Igels bleiben sollte. Bis 1883 wurde kein einziges Beispiel vom 
Gegentheil erbracht ; alle Welt glaubte an dieses physiologische 
Wunder und legte der Re.-isieiu des Igellihite^ geheime, von der 
Wissenschaft nicht auffindbare Gegengiftbestandtheile oder dergl. 
zu Brande, wie auch ich noch, vielen Autoritäten folgend, in 
meinem Reptilienbüchlein p. 47 die weltbekannte Lenzsche Behaup- 
tung bedingungslos zu erwähnen keinen Anstand nahm. Im 
• Heuhio versehen Courieri wurde nun 1883 ein verbürgtes Beispiel 
mitgetheilt, nünli welelmm t : in Ig.;] ln'im Zermalmen einer Kreuz- 
otter von derselben einen = (.iiti.tiieb . in den linken Vorderschenkel - 
von unten erhielt. Nocli während der Igel die Otter verschm anste, 



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Die wildlebenden baltischen Sängethiere. 



begann sich an der getroffenen Stelle eine mächtige Geschwulst 
zu bilden; in der nächsten Nacht crepirte der Gebissene offenbar 
in h'olge der Vergiftung. — Es wäre wichtig, weitere Versucht? 
an/iislelten. Wtrv ulsii (iele^-enlieR sollte, Igel und Kreuz- 

Otter zusammenzubringen, möge im kommenden Sommer genaue 
Beobachtungen anstellen und bez. Veröffentlichung nicht vor- 
enthalten. 

m. Ordnung. Raubthiere. Carnivora. 
RUSS. : xumuin {r.lnsrlitxr.huijii) ; lett. : plthfigi fratiti. 
Bei keiner Haarthierordnnng ist das Gebiss der verschiedenen 
Familien, Gattungen und Arten einander so ahnlich, oft sogar 
geradezu übereinstimmend wie bei den Camivoren ; auch sonst 
haben die Glieder dieser Räuberbande viel Gemeinschaftliches in 
ihrem harmonischen , museulüsen und gewöhnlich etwas langge- 
streckten Körperbau. Starke äussere Abweichungen kommen eigent- 
lich nur in der Länge der Schwänze und Beine, wie auch in der 
Art des Auftretens vor. Wir finden bekanntlich unter den Raub- 
thieren sowol langbeinige, sehr schnell laufende Zehengängor, als 
auch kurzbeinige, weniger leicht sich fortbewegende Sohlengänger. 

Kist ausnahmslos besteht ihre Nahrung im Heische anderer 
Wh-belihiere, auf welche Hauptnahrung ihr starkes Gebiss und 
sonstiger Aufbau sie uaturgemäss und zwingend hinwies ; die Lehre 
vom Vegetariamsmiis wiinle keinen Kiiigaiig bei diesen blutdürsti- 
gen Geschöpfen finden ; auch unter der Zucht des Menschen, in 
harter, die Natur oft umändernder Gefangenschaft gelingt es nur 
selten und bei wenigen Arten Ausnahme]] m schallen. Das, was 
sie ernährt, wurde ihnen zum Fluch. Denn allein durch ihre 
Nahrung werden die t^niivin'en während ihres vom Menschen leb- 
haft verfolgten Lebens mehr oder weniger bemorkonswerth schäd- 
lich, einzelne sogar dem Herrn der Schöpfung direct gefährlich. 
Aber auch das, was sie auf dem RUcketi tragen, sie vor Kälte 
schützte, wurde ihnen nicht minder zum Fluche. Sie werden eist 
nach ihrem Tode nützlich, denn die kostbarsten und wirklieh vor- 
züglichsten Pelzwerke werden in ihren Bälgen gewonnen. Das 
Sprüchwort, dieses Mal auch ein Wahrwort, beehrt hierin nament. 
lieh den Fuchs als Repräsentanten seiner Raub genossen. Den 
Tod verdienen sie ihrer Nahrung wegen, der Tod macht sie eist 
zu nützliehen Weltbürgern. Die Raubthiere dürfen daher keine 
Schonzeit, genossen, keiner Freistätte sich erfreuen ; sie sind, mit 

28* 



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3(0 Die wildlebenden baltischen Sauge thiere. 



Ausnahme der Füchse in England, überall und zu jeder Zeit vogel- 
l'rei 1 Den Handel und Wandel der Menschheit hauen die Felle 
der Raubthiere bedeutend gehoben ; in unwirtlichsten Gegenden 
Sibiriens und Nordamerikas ernährt sich der Mensch zumeist dnreb 
deu Pelzhandel. 

1. Der Luchs. Felis lynx. Russ.: pac* (ryss) ; lettisch : (u&fn, 
InSfiB (ein beliebter Familienname); est!),: Uwis, hilwes (Vfeno). 
Diese unsere einzige Wildkatze geht' allmählich, aber sicher dem 
Aussterben orter vielmehr Ausgerottetwenlen entgegen : sie ist in 
unseren baltischen Landen Uberall selten geworrten, F. v. Nolde 
be.ridilct, rhisi Luchse verjähren in den Dondan geuschan Willdern 
noch häufig hausten und den Rehwildstand gänzlich vernichtet 
hatten. Eine mit Energie und Erfolg unter seiner Beteiligung 
unternommene Ausrottung gelang und brachte binnen fünf Jahren 
3& Luchse zur Strecke, wonach sich die Rehe stark mehrten. Wie 
man mir mittheilte, ist jetzt der Lnchs in Kurland nur noch eine 
sporadische und seltene Erscheinung. In Livland sind die Salis- 
Haynaschschen Urwälder, die Lubahnschen Einöllen, der grosse 
Waldcomplex zwischen Wolmar, Walk und Adsel, die Peipus- 
gegenden und die weiten Morastwillder im pernauschen Kreise noch 
immer staudige Fundorte für diesen Räuber. So wurden z B. 
1883/83 unter Neu-Salis 4 (und noch kürzlich 2) Lnclise und unter 
flmiicishof 3 Luchse sogar an einem Tage erlegt, und an anderen 
Orten, Auf Oe.se! und deu umliegenden Inseln hat er seit Menschen- 
gedenken nicht eiistirt, war vielleicht dort aueh niemals zn Hause. 
In Estland soll er in manchen WalildisivicLi'u aJjiLlirlidi angetroffen 
und erlegt werden. — Wahrend noch vor ca. 2b Jahren die schön- 
sten Luclisfelle auf dem platten Lande für 2— 3 Rbl. käuflich in 
haben waren, bietet jetzt der Pelzbandler ftlr inlandische Winter- 
felle gern 8 — 11) Rbl., für besonders gute sogar bis 12 Rbl. ; auch 
ein Zeichen der raschen Abnahme i Das Pelzwerk ist leicht, wann, 
hübsch und schmiegt sich dem Leibe in Rockform ungemein ange- 
nehm an ; wer je einen Lnclujiclzrock trug, konnte sich nur schwer 
au einen anderen (jehpelz gewöhnon. Früher gingen die meisten 
russischen Luchsi'elle nach China Über (aus Sibirien noch heute), 
wo sie in grossem Ansehen stehen; jetzt achtet man auch bei uns 
dieses herrliche, wenn aiuJi leider nicht sehr dauerhafte Pelzwerk 
mehr und mehr. Auf einem blauen oder schwarzen Kutscherrock 
nimmt sich ein lang herabhängender Luchskragen, überragt von 
einer glciiih.'ii Hunrtiiiiiue, slutt.Iir.li geinifj und geschmackvoll aus. 



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Die wildlebenden baltischen Sflugethiere. 371 



Bult Leopold von Schrencks Specialstudien und sonstiger 
Autoritäten Iiierliber .verlautbarten Überzeugungen eststirt bei 
Fachmannern und einem naturwissenschaftlich auch nur einiger- 
masseu gebildeten Publicum die feste Ansicht, dass in Europa und 
Nordasien nur eine einzige Luehsart vorkommt, dass alle 
früheren artze [splittern den Anschauungen durchaus irrige waren. 
Aber über einige andere Momente sneoiell im Leben und Treiben 
des Luchses herrschen noch verschiedenartig abweichende, der 
Klarung bedürftige und allendlieher Ueberzeugnngseinigung har- 
rende AnsichteD : 

a) Von den süddeutschen Gebirgen her durchlaufen ab und 
zu Geschichten Uber mordlustige, freiwillige Anfalle des Luchses 
auf den Menschen die Journale, Fachblitlter und sogar betr. Lehr- 
bücher ; auch Brehm erwähnt eines derartigen Anfalles auf einen 
Hirten in Galizien. Die t Wiener Jagdzeitung» bringt 1870 und 
1830 eine ganze Reihe greulicher, baarsträuh ender Ueberfalle auf 
starke Männer. Von Seiten eines hervorragenden livlatulisehcii 
Jägers und Tliieikentie rs iwivilen /.«]' üln- t-^i'u;;.-- 1 1 1 U' jtit.-si'lu-iilctLe 
ZwoifeL und scharfe Entgegnungen geschrieben, aber noch immer 
ist in Westeuropa die Ansicht resp, der Aberglaube von dem 
Mutha und der Gefäbrlicljkeit des Luchses dem Menschen gegen- 
über nicht erloschen. Sollten in einem wärmeren Klima, welches 
den Katzeuarten im allgemeinen mehr zuzusagen scheint, vielleicht 
doch die Kräfte des Leibes, und der Stele beim Luchse ungleich 
höher stehen als in der zehrenden Kalte nordischer Breiten? oder 
• lalilU' iliii Huiili^rljiixsl'.ii'! dii; Kiii]]i>i'i'.-lii![-irttscliaft und Last, auch 
gegen den Herrn der Schi>|ifm:g ;iu[/i!i.t-eieii ■> In unseren früher so 
zahlreich von Luchsen bewohnten Provinzen ist uch meines Wistes 
niemals eine Tradition iiber dVciwilligei l.uchsan griffe überkommen. 
Oder wüsste doch jemand davon zu erzählen ? 

b) In unseren hervorragendsten Naturgeschichtswerken finden 
wir nicht selten die Behauptung verschrieben, ein Luchs steige 
auch ohne Nöthigung zu Baume, ruhe dort oben oder erlauere von 
hier aus unten durchziehendes Wild, schleudere sich von oben auf 
dasselbe itc. ; auch Brehm schrieb solche Sagen ein wenig kritiklos 
nach und lässt diese verhältnismässig schwächliche Katze sogar 
derart auf den Rücken eines grossen Elches als todbringender 
Sieger springen I Tableau ! — Dass der Luchs im Hochgebirge 
von einem Felsblock aus eine Gemse von oben springend ergreift, 
ist sehr glaubwürdig und naturgemass. Unsere Provinzen waren 



372 Die wildlebenden baltischen Sflugethiere. 



und sind noch eine beliebte Heimat des Luchses. Hat nun je ein 
Kreiser, ein Furstwart, Waldbesitzer oiler Naturforscher, Luchs- 
spuren vnrini^Hii!, ilii'M-lln'ii ;nü einen Baum führen sehen? Wo ist 
ikr Zeuse aut'zul:uilri] ^eiVrSf-:!. iler ;ml hiseiieli) Schnee die Be- 
weise zu jei.eri iiluiiilasiereiflien 11 ich Um gen ersehen hat ? F. v. Nolde 
schreiU liii-)7.n : >?! i i üft Heimst lagert der Luchs stets auf 
ebener Erde, ab und zu auf einom uinvcsiüvzteu ISaumstamm, nie- 
mals, wie oft fälschlich behauptet wurde, hoch auf einem gerade- 
stehenden Baum,> Ich glaube sogar, dass ein alter Luchs, auch 
von scharfen Hunden gejagt, nicht leicht zu Baum gehen wird; 
zu welcher Ansicht mich viele Beispiele von im Walde «steifi 
gejagten alten Luchsen gebracht haben. Ausnahmen namentlich 
bei schräg gestellten oder tiefästigen Baumen sollen vorkommen. 
Tch selbst erlegte 1807 in Metzkilll einen alten mannlichen Luchs 
mitten im Forste, nachdem er wahrend 1 bis VA Stunden von der 
Meute gejagt und, schliesslich gänzlich ermattet, gestellt worden 
war; warum ging er denn nicht bei Abnahme der Kräfte auf 
einen selmUeTuleii liuum v JUnirere Luchse steigen bekanntlich rasch 
gern und ohne Muhe auch an glatten Bitumen hinauf; Nolde lässt 
alte Jager sogar behaupten, <dass der Luchs bei gewissen Mond- 
phasen lieber bftume>. — Von individueller Neigung mag das 
Baumen auch etwas abhangig sein. Wie viel weniger dürfte nun 
freiwillig in unseren Gegenden ein alter Luchs zu Baum fahren, 
um auf Kaubobjecte zu warten ! Wozu die Anstrengung? Sollte 
nun in Schwellen, in Tyrul uder wüst wo der Luchs wirklich an- 
deren Lebenssitten huldigen, andere .l;i!;iliiii (L'i:l''i] lietVilgen v Ich 
bitte, hierauf Einschlägiges, aber nur Se 1 b s te r f a k r e n es 
(nicht Gehörtes) wo guli'irijr, verurteil Iiichen zu wollen. — ■ An 
meiner ziilmieu Liii-liskiLlz« kinnle ich auch einige hierher gehörige 
Beobachtungen anstellen. Wahrend dieselbe im Kindcsulter spielend 
und grundlos oft zu Baum fuhr, that sie halberwachsen als .Back- 
flseh> solches nur aus Furcht, Sicberheits halber oder um ein oben 
hockendes Huhn zu erjagen. Im Alter von LI Monaten bäumte 
mein Luchs nur noch ausnahmsweise; auf die Hasenjagd mitge- 
nommon und im Walde nmher'trabend, wurde er oft von der Meute 
• aufgenommen • und laut gejagt; dann flüchtete er kein einziges 
Mal zu Baum, sondern stets zu mir, zwischen meine Beine, von 
wo aus er dann mit Ruhe das Heians türmen der Hnnde erwartete, 
schliesslich allerdings mit gekrümmtem Hiirken und JSähueuetschen. 
Die Hühner, Enten, Tauben ,(c, crhiuerte er kein einziges 



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Die wildlebenden baltischen Sttugethiere. 373 



Mal vom Baume aus, sondern schlich ihnen nach oder erwartete 
die Herannahenden platt an den Boden gedruckt. Auch im Walde 
eonstatirte ich 1890 ein solches erwartuugs volles .Fladiliesjen. 
einem sich näheriulen weissen Hasen gegenüber ; aber niemals hörte 
ich von verbürgten, durch Nameunennuug, Ortsangabe erhär- 
teten Beispielen des Baumens zum Zwecke der Ernährung, des 
Ueberfallens. 

c) Die Jagdweise des Luchses besteht notorisch in wenigen 
grossen Sprungs KU en, um sein Wild zu überraschen ; dieses ist 
sicherlich dm ^tfivüliulidui Kette], aber seilen gielit es Regeln ohne 
Ausnahmen, so auch hier, Brehm erwähnt eines Beispieles, wo 
der Luchs über eine erweiterte Lichtung hin in !) weilen Sät zun 
von je 13 Fuss Länge, also von 60— 70 Schritten Distance, einen 
Hasen verfolgte und erreichte. — Mein zahmer Luchs jagte oft 
hinter schwächeren Halbhasen, die keinen wesentlichen Voi-sprung 
zu gewinnen im Stande waren, wie ein Windhund einher, durchaus 
im Gegensätze zu der gewöhnlichen Faiigart. Ich habe ihn derart 
bis ca. '/, oder •/, Werst weit den Hasen verfolgen sehen und 
zwei Mal mit Erfolg. Bei starken Hasen kehrte er nach 5 bis 0 
Sülzen, falls erfolglos, mismutliig zurück. 

Ist nun der Luchs, ausgehungert, in eine liasenarme Gegend 
verschlagen gewesen, liegt lockerer Schnee so tief, dass der Hase 
verhältnismässig nur langsam zu hülfen vermag, so macht er viel- 
leicht im Freiteben öfter hierin Ausnahmen. Eine solche machte 
tust) im Deccniber ein alter Lachs nach frisch gefallenem, fusshohem 
Schnee gewiss, denn ich eonstatirte im Beisein des Forstwarts auf 
meinem Gute Kudling, dass er einem Hasen erst in dichtem Jung- 
walde, dann über eine Waldwiese bis in ein Hoch wähl stück hinein 
in einer Entfernung von ca. Werst jagend gefolgt war, meist 
in Galoppsprüngen an der Spur -kh-heiuU ; zuweilen hatte er auch 
gestanden, wie sich besinnend oder umschauend ; dann wieder hatte 
er offenbar den Holzhasen gesehen und, die Spur verlassend, in 
riesigen Salzen zu erreichen versucht, bis er in einem GriLneinÜnkiclii. 
die Spur und den Anblick des Husen verloren zu haben schien. Wie 
oben erzählt, erwischte er doch noch einen ihm spater zufällig 
ent enteil springenden Hasen, nachdem er sich platt niedergelegt 
und dann beim zweiten Satze (von 8 Schritt Länge) schon Glück 
hatte. Dass er sehr hungrig gewesen sein musste, schloss ich 
daraus, dass bis auf 1 '/■ Hinterschenkel der Hase total aufgefressen 
worden war, wonach er sich f> Schritte davon ungedeckt und frei 



374 Die wildlebenden baltischen BSogethiere. 



an f den Schnee zum Tage;=chlaf niedergelegt hatte. Zu genauen 
1,'htersiichmigen el«i- Schneespiireu jagender Luchse wünschte ich 
hiermit unsere Waldbesitzer angeregt zu haben. 

d) Viele der besten Jäger erklären den Luchs für ein durch- 
aus ungeselliges Thier, das immer allein jage und allein angetroffen 
werde. Diese Anschauung bedarf doch einer kleinen Erläuterung, 
einer theil weisen ZorecJltStellltng. Die Luchsmania haust immer 
niil ihren Kindern, falls der Tod sie nicht trennte, 6ie ungestört 
bleiben konnten, vom Mai bis zum Januar, längstens Februar, zu- 
sammen, wo die «Ranzzeit, sie durch ihr ■ Begehren • den Jungen 
auf immer entfremdet, aber dem Männchen, LiirhskiUer genannt, 
zugesellt, mit dem (oder im Beginn de]- Ranzzeit mit mehreren) 
sie bis in den März hinein zusammen lebt. Also weilt die ältere 
Lilchskatze. sofern ihr die Kinder verbleiben, was wol bei uns 
nur sehr ausnahmsweise sich ereignen dürfte, von der Wurfzeit 
Anfang Mai au bis Anfang Februar, dem Beginn des .Ranzens», 
in der Familie (der energischen Verfolgung halber aber stets eine 
Seltenheit), vom Anfang Feh mar Iiis Anfang- Märe in höchst an- 
regender, wenn auch nicht immer ungetrübter Gesellschaft des 
«Gatten auf Termin-, nm schliesslich nur 2 Monate sieh 
einsam auf das Wochenbett vom] bereiten. Durchaus anders 
und in voller UelweinstiniiLung mit der be;:rii mieten Ansicht der 
Jäger verhält es" sich mit dem Lnchskater ; dieser ist der echte 
Einsiedler aus natürlich«!' Liebhaberei, den nur der ii e schlecht s- 
trieb für kurze Zeit das Wuiuehwi aufsuchen lehrte. Die Trag, 
zeit ergiebt aus dem Obigen eine Dauer von ea, 3 Monaten, Bei- 
spiele für das Zusammentun!!*«] ergitb der Februar 1883 in Liv- 
land zwei : Unter Römersbof wurden 4 Luchse in einem Triebe 
eingekreist und 3 davon erlegt ; 'unter Neu-Salis wurde ein Pärchen 
zusammen geschossen ; vor mehreren Jahren wurden unter Zarnau 
im Spätherbst 3 Luchse in einem Triebe erlegt, auf einen Schuss. 
sogar a ; es waren diese : die Luchskatze mit 2 Jungen ,te. Auch 
aus den süddeutschen Bergen sind Beispiele für die Geselligkeit 
erbracht worden. — Schliesslich erlaube ich mir, die Leser auf das 
wenigen bekannte, von vielen noch unerprobte, aber unzweifelhaft 
gut geniessbare und schmucLiussekenLle Fleisch des Luchses auf- 
merksam zu machen. Ks wäre wirklich jammerschade, von unnützen 
Vorurtheilen befangen, Luchslleisch fort zuwerfen, was so oft ge- 
schah, denn es steht richtig zubereitet dem Kalbfleisch durchaus 
nicht nach und müsste als Festbraten dem Kai kühnen braten fast 



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Die wildlebenden baltischen Saugt 



i:i *ebm;u:kli;i1>t'ii im Kt'biuur fiein^-iriien Ludisbi'iii™. 

3er Wolf. Conis Jupiur. Russ. : bojbt. {uolk) ; lett.: loiitS; 
int, Mit, kunl, ömelsa Und, sussi, hat iuuk, mtsa tiil, lial, 
dge, pikt sabba &c. Den Esten waobflint Isegrimm offen- 

hil bsclies Kind., 
bei Heiligende Hoffnung, tili' den .Grauen Herrn des 

und seine ganze Sippschaft bald die frohe .Todteuklage. 



spiel statuirt, wie man keine Kosten zur Vertilgung dies,;.. Unthiurs 
scheuen aolle. Eine Prämie von 25 Ebl. für einen alten und 
3 Rbl. für einen jungen Wolf müsste doch auch den indolentesten 
Insulaner- Esten in diesen gebUmneu Zeilen zu energischem Sich- 
aufraffen resp. KU unermüdliche in Kreisen, Benachrichtigen, Treiben 
und Jagen ermuntern. Die Zeit des grossen Woli'shalali dürfte 
für Oesel nunmehr heranrücken, vielleicht schon nach Jahresfrist 
ertünen V ! — Zu dein hehren Zwecke wäre vielleicht noch ein Zu- 



Trieb über etwa ->m (Ju -Lofctellon oder 70 Qu 
jagdliche Trennungslinieu bestehen bliebe. Eine 
artige. Eiutheilung sämmtUchen Unlandes wurde 
krieg gegen die .Flage der Herten wesentlich f 
sonstige Forsicontrole und Forstbetrieb) stellenwei 
ermöglichen ; denn das Einkreisen , schliesslich 
Treiben dürfte in derart vorbereitetem Terrain ni 



i pflegen. Möge dieser patriotische ltath 



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;17C Die wildlebenden baltischen Säugetliiere. 



an massgebender Stelle nicht, im beherzigt bleiben. Sind wir doch 
berechtigt, von unserer Regierung wie auch von der Domäuen- 
verwaltimg ein solches Eiilgcjenkomineu im Volks Interesse und 
zum üeslcn der Agrarentwickelung zu erwarten! 

Bei Fleischmangel und vielleicht nach uns Wo hl .u;<-w . j 1 1 1 1 1 j i t:k 
vi'] sei 1 1 11 iibr. di'i' hungrige VVolf'simigen mitunter emc vegetabilische 
Kost nicht. Middendorff theilt uns mit, dass der Wolf in Sibirien 
die nach Wahl In-; Linien dort ungemein rechlich ainlreterdeu Durren 
mit Genuss und in Menge verzehren soll. Auch hat man schon 
Gelegenheit gehabt, in knappen Zeiten Wahlbinien und Holzitpfel 
im rasch verdauenden Geweiih- Isegrimins aufzufinden — und zu- 
weilen sogar als eimigen .1 [e.L. r oiiinhnlt ! — Aber so unschuldige 
Thalen lassen sich nur als seltene Ausnahmen ccustatireu; leider 
würden hei Heisren Sectioucn viel häufiger die Reste der Gebeine 
in i^u r"i_- 1" Mitmenschen ujt ■ ■ t"n r l ■ L ■ ■ 1 1 werden. Ist doch noch im Jahre 
1882 in Britisch. Indien zu officieller Anzeige die enorme Anzahl 
von 278 specicll vun Wollen serri -seilen Meiis:.-hc1i gebracht worden! 
Hier das jüngste, stieben einem Briefe ent.mimnicnc Beispiel einer 
zwar ausserbal tischen, aber doch nicht sehr entfernt von uns ver- 
übten Wolfsuuthat: .20 Werst von N. N. zerrissen vor wenigen 
Tagen 15 Wölfe einen armen Juden, dessen jämmerliches Weh- 
geschrei man leutäch geholt hal, ohne recht /a'kig Hilfe bringen 
KU können- Eine sofort inacenirta Rachejagd, an welcher sich eine 
zahllose Menschenmenge betheiligte, brachte 11 Wulfe zur Strecke.. 

Welch grosse Verheerungen ein einzelner Wolf in kurzer 
Frist anzurichten im Staude ist, kann ich aus meiner eigenen 
■ Praxis > nachweisen, indem ich folgnnh: Ani/cichimng vom J. 1880 
den Lesern mittheile: .Am 19. September erschienen mn lü'/i Uhr 
Vormittags der G eine in deäl teste und der Magazin Vorsteher von 
Lipskaln bei mir und berichteten, dass ein Wolf binnen einer 
Woche nicht weniger als &0 Schafe, I Ziege und 1 Kalb zer- 
rissen hatte. Er überspringe des Nachts die L'nnauiiuiig der Vieh, 
stalle, bräche in die .Stalle und würge binnen wenigen Minuten 
viele Senate. Zum Satt fressen sei er aber nicht gekommen — stets 
hätten ihn die Bauern von seinem Raube abgetrieben, worauf er 
mehrere Male noch einem /.weiten ticleifte seinen unwillkommenen 
Besuch abgestattet habe. Tu der vergangene]] Nacht habe er sogar 
in der Nähe des Hofes, ca. 2 Werst von Lipskaln, 8 Schafe und 
die Ziege gerissen. Obgleich der Tag vorgeschritten war, gab 
ich sofort Befehl zu einem grossen Treiben in einem aus früheren 



Dilti: M b, Co 



Die wildlebenden baltischen Silugetbiere. 377 



Zeiten als Lieblingsau (enthalt der Wölfe bekannten KttMuehmoni'e. 
Endlich um 3 Uhr waren 30 meist schlechte Schützen und etwa 
f)0 Treiber und jugendliche Treibe rinnen beisammen. Der dicht- 
bewachsene Murast wurde in griisster Stille umzingelt Das sel- 
tenste (Ünek war uns hold zur Seite; denn nicht nur war der 
«Grauei in dem verniiitlieten Versteck , sondern er kam auch 
regelrecht an die Schützen heran. Nach drei schlecht angebrachten 
Schüssen lag das Uuthier kreuzlahm da, vor Wuth und Schmerz 
in die Luft, schnappend, bis ein Forstwart ihm den Gnadenschuss 
gab.i Wahrend icli schreibe, ruhen ineine Filsso warm auf dieses 
Räubers Pell. 

Der Wolf war ursprünglich kein Waldbewohner, sondern ein 
echtes Steppeuthier; er hauste in SLiiii|j|i^;ii Niederungen vorzugs- 
weise gern und fand sich in geschlossenen hVjtstdist rieten nicht 
vor, so wie er noch jetzt in Sibirien laut Middcndorll die grossen 
Waldcomplexe meidet und die Tundren bis zum 75.» n. Br. vor- 
zieht. Erst die energischen Verfolgungen des Menschen und 
die wachsende Ctiltur Hessen ihn in Europa die Walder als Ver- 
stecke und ruhigere Zufluchtsorte aufsuchen und schliesslich lieb 
gewinnen. In Südrussland bewohnt er noch heute die Steppe, die 
Schilfrander der Flüsse und Ul'ergeb tische. Auch bei uns zieht er 
die buschreiehen Moräste zum Hansell dem eigentlichen Hochwalde 
noch immer vor. In den Steppen grub er sich auch Höhlen und 
brachte dort gleich den Füchsen die Jungen zur Welt, welche 
Eigenthtlmlichkeit er auch noch hin und wieder in Wühlten den 
hei zubehalten nicht scheute. So fanden sich mich vor einigen 
Jahren im grossen Tihrelraoor zwischen dein Ktieesschen, Wohl- 
fahrtschen und Luhdesclieii Kirchspiel derartige ständig besetzte 
Wolfsbaue in Sandhügeln vor, ferner unter Helleiionn in den dort 
häufigen Hügelketten ,(c — Die Färbung des dauerhaften und war- 
men Pelzes scheint von dem Charakter der Weitgehend Inuleuteiul 
abhängig zu sein. In Russland wird die ganz schwärze Karben- 
spielart häufiger als in Westeuropa angetroffen. Im Winter L8B2/88 
wurde unter Linden in Kurland ein völlig schwarzer Wolf heim 
Einbrechen in Viehställe erlegt. Der Wulilwolf besitzt, ein schönes 
dunkles, schwarzgespitztes Maar, während bei den Steppen-ivolleii 
ein gelblich-röthliehec Ton vorherrscht; und die Tundren Sibiriens 
(ain Jenissei} liefern uns die weisslichen, theuren (4 12—14 Rbl. 
gegorben) Wolfsfelle, die zu Kutscherkleidiingen neuerdings so gern 
benutzt werden. Der Steppenwolf hat nach neueren Forschungen 



378 Die wildlebenden baltischen Süugethiere. 



einen etwas feineren Knochenbau und ist auch sonst schmachtiger 
als der nordische Bruder ; so schreibt mir auch hierüber der Pro- 
fessor Dr. Liebe Dach Einsendung livlanillscher Wolfsschädel : «Gin 
Schädel von Archangel ist, obgleich viel bejahrter, doch weit 
kleiner als vom livländUcheu Wolf. 

Der Wolf ist wahrscheinlich der Urahue des europäischen 
«uii ii'):'!a^iii!isnin'Li llntules Ausser anatomischen Gründen sprechen 
zwei sehr wichtige Momente daillr : 

a) Die Fruchtbarkeit der Bastarde zwischen 
Wolf und Hund, die nicht immer die Mitte zwischen den Eltern 
halten, sondern sehr verschieden ausfallen. Brehm schreibt, 
dass eich Hund und Wolf «ebenso wol in der Gefangenschaft wie 
im Freien, ohne Zuthun des Menschen» paaren. 
Die Woltsiilmlicliki-it videv Haushunde führt dieser geniale Korselier 
mit U eberein Stimmung anderer auf derartige Kreuzungen zurück. 

/.) Die Hundswuth und die Tollreuth der Wolfe ist genau 
dieselbe Krankheit, findet sich als Indigenat nur 
bei diesen beiden brüderlich nahe verwandten Thier- 
arten vor ; Hypothese ist endlich noch, dass der tolle Wolf andere 
Thiere und Menschen beim Biss sicherer anstecken soll, als tolle 
Hunde es thun. 

3. Der Fuchs. Cunts vulpes. Kues. : jmciina (Jisuim), auch 
abgekürzt ,mca (/i'ssu); lett. : lupfu oder lubininidj (Gevatter) ; estn.: 
ribiianc. vübbane. 

Es halt schwer, über diesen alt- und allbekannten Gandieb 
etwas zu notiren, was dem Leser nicht schon geläufig, was nicht 
hundert Male gehört oder gar zweihundert Male gedruckt worden 
wäre. Auf die schlimme Gefahr hin. «alte Geschichten > zu er- 
zählen, will ich es versuchen, allerlei ungeordnete Neuigkeiten 
über Meister Schlauberger zu berichten. 

In Einöden, weiL-n. geschlossen zusammenhangenden Wald- 
districten, wo bisher der Mensch mit seiner Qual nicht störend 
auf das Thierlebeu einzuwirken im Stande war, finden wir den 
Fuchs nur sparsam vertreten, wahrend er mit der Cultur in ge- 
BChmeddigSter Weise sich zu setzen versteht, falls nur Schluchten 
uud Waldschonuugen ihm noch Iii n reichende Verstecke bieten 
können. In uieiisclienleereu Hinöden findet der Wolf auch keine 
Herdenthiere, keine Hunde, keine Cadaver gefallener Pferde und 
Binder zur Befriedigung seines sp dich wörtlichen Heisshungers ; da 
müssen eben die wildlebenden Thiere seinen Tisch versorgen. Der 



Die wildlebenden baltischen. Saugethiere. 379 



Hase ist ein sein- flüchtiges, gewandtes Wild, welches schon leicht 
über tiefliegenden Schnee dahinläuft, wahrend noch Wolf und Fuchs 
durchbrechen. Da ist nun der wenig blöde Isegrimm auf den nicht 
lübleni Gedanken gekommen, sich den minder raschen und etwas 
gewichtigeren Vetter Fuciis einzulangen und zur Stillung des bel- 
lenden Magens zu benutzen. Der Wolf, namentlich in 
Gesellschaft, ist ein Vertilger des Fuchses. 
Schon der geniale Midd endo r ff hat auf diese Thatsache aufmerksam 
gemacht ; andere Forscher constatirten sie für Skandinavien ; auch 
ich erfuhr Beweise dafür ans dem bereits bei den Wolfsbauen er- 
wähnten Tihrelmoor. Als noch die Wölfe standige Bewohner dieser 
Wilsten Gegend waren, gab es dort verhältnismässig nur wenige 
Füchse. Anwohner (z. B. Forster Heinwald) haben mir wiederholt 
von den durch die Spuren im Schnee ersichtlichen Hetzjagden der 
Wolfe auf Füchse , mit grösstentheils gutem Erfolge, erzählt. 
Herr v. Walter auf Schloss Ermes hatte das seltene Glück, I8ü3 
eines Morgens sehr früh von einem Sandhügel aus die listige Um- 
zingelung, Erjagung und schliesslich« Verzehrung eines Fuchses 
ansehen zn können. Jetzt sind die Wölfe dort als ständige Ein- 
wohner verschwunden, desto häufiger findet man aber nun den 
Fuchs im Tihrel an. Nachdem in Skandinavien die Wölfe stark 
deeimirt und aus bewohnten Gegenden verdrängt worden sind, 
haben die Füchse an Anzahl derart iiigenommen , dass bereits 
1880 die Erlegung von nicht weniger als 14H76 Stück officiell 
angemeldet werden konnte. 

So schlau der Fuchs bei wachen Sinnen allen Gefahren zu 
begegnen und seinen schmucken Balg zu retten weiss, so verderb- 
lich wird ihm zuweilen sein sehr fester, ausnahmsweise sogar schwer 
zn störender Schlaf, der in dieser nicht leicht glaubwürdigen Form 
neuerdings in Fachblättern den Namen : 'Barenschlaf des Fuchsesi 
erlangte. So las man in der »Wiener Jagdzeitnng> von 1883 
p. (!04 folgende Belegstelle : «Der Schlaf unseres Waldburschen ist 
nichts weniger als leise. Oftmals trifft (ihn?) Uber diesem der Hagel 
des buschirenden Schützen, ja sogar hin und wieder der Knüttel 
des Treibers im Lager. i Der hierüber von der Ri'i!;n:tii)ii geäusserte 
Unglauben brachte dann 1884 eine Menge gut verbürgter und 
schlagender Beweise für obige anfänglich befremdend klingende 
Behauptung. So ist der bekannte Anerhtthnerzüchter Sterger in 
Kraitilmrc einst auf einen 1 ;=.1V- n -li.'ii i'iichs getreten ; bei Annähe- 
rung auf 10 Schritte konnte ein auf freiem Acker sidilafV-niliT 



380 Die wildlebenden baltischen Sänget! 

Puchs erst bei lautem Anruf des Schützen «hoch. 



von kaum 21) Schritten au der Sonnenseite des Hügels unter einem 
Wachhelderbaumchen etwas Rötliliches liegen sah. Obgleich er 



dieses .Versehens.. Erst unmittelbar vor den stöbernden Hunde« 
ergriff der verschlafene fuchs die Flucht, um alsbald dem niemals 
fehlenden Rohre meines Onkels zu unterliegen. 

Im Juni 18(10 suchten mein Onkel K. v. E., mein Bruder 
und ich unter 8. mit 3 Hühnerhunden in den Heuschlagen an der 
Ituje nach .Kaplänein. Es waren mehrere Schüsse gefallen; da 
flog vor meinem Onkel aufstehend eine Doppelsclinepfe in ein 
kleines, undichtes Sumpf weiden gestrilpp, das, zwischen unserer 



Sei 



dem nur 4(1 Schritte von mir entfernten Gestrüpp die Schnepfe 
und schiesst auf dieselbe mit beiden Laufen. Erst jetzt, trotz 
vorhergehender Schüsse und Zurufe, führt unerwartet ans einem 
Busch« kaum l~> Schritte vor ihm ein grosser Fuchs mit mächtigen 
Sätzen hinaus und auf mich zu; das ergriffene Fulverhorn zu 
Boden werfend, konnte ich noch rechtzeitig die Flinte emporziehen 



iten Ki 



Igte L8?l eine 
beim nächsten 



Die wildlebenden baltischen Sauget liiere. 381 



Dickicht einen Versuch zum Einkreisen zu machen. Zufällig auf- 
sehend, erblickt er mir 30 Schritte vor sich den Fuchs unweit des 
Stammes einer alten Kiefer, ft'sl-rerollt schlafend. Starr vor freu- 
digem Schreck, will er ihn zuerst wie gelahmt angeglotzt haben, 
wonach «seine lange grosse Flinte, auf den Schlummernden das 
böse Blei hin schüttete. 

Im December 1882 wurde in meinem Meiershofschen Pnrk- 
fcalde auf einen sicher eingekreisten Fuchs getrieben. Der Fuchs 
erschien nicht, wol aber trat bereits durch die Baumstämme hin- 
durch sichtbar dii: Treiber! iuie heran. Ich frage von meinem Stande 
ans den mittreib enden, nur noch ,id Schrille etil lernten Forstwart 
nach dem Verbleib des Fuchses ; er erklärte, die Sache nicht be- 
greifen zu können. Wahrem! wir reden, springt ein Hase an mir 
vorüber; auf den Fuchs nicht mehr bullend, sebiess« ich denselben, 
ihm mit dem zweiten Lauf noch den Gnadenschuss gebend. Da 
setzt wie aus dem Erdbuden licrvovge/aubert der Fuchs zwischen 
mir und dem Forstwart hervor und Hiichtet mit heiler Haut von 
dannen. Er hatte in einer künstlichen Vcriiefum; des Hodens 
(ob ein verjähren blosgele^t.er nuehslum nler eine Kohlengrube?] 
festgerollt geschlafen, und zwar nur Iii Sehritte vor dem sehr laut 
redenden Forstwart und ca. 3ä Schrille von mir, um erst durch 
den Donpelschusa geweckt und >hoeh. zu werden. 

Der Fuchs durfte wie unsere Hausthiere durch Import edleren 
Blutes aus Ostsibirien verbesserlich und mit umsichtiger Hegung in 
seinem lialgwerth zehnfach gehoben werden. Ein in Livland gemach- 
ter Versuch lehrt uns, derartige Ideale im Auge zu behalten : Der 
verst. Akademiker v. Hoffmann brachte vor etwa 'Ab Jahren aus 
Sibirien eiiie.n männlichen Silberfuchs mit und schenkte ihn seinem 
Schwager, dem Herrn Robert von Anrep auf Lauenhof, zu Kreu- 
zungsproben. Nachdem ein passender, schattiger Platz mit einem 
Teiche versehen und mit tief j.'er;i]jiuiteti rallissaden umgeben worden, 
wurde der sehr zahme Schwarzfuchs mit mehreren Inländischen 
Rothfüchsiunen dort hineingelassen. Die Thiere gruben sich bald 
weit gehen de Köhren, befreundeten sieh und lebten glücklich beisammen. 
Der erhoffte Kindersegen blieb nicht aus, so dass binnen wenigen 
Jahren in Linien hol' eine Culonie |>riicht.ii.'cr Bns(;i:ilc vorhanden 
war. Von der Kehle bis zum Alter waren diese kräftigen Bastarde 
Unterseite mehr oder weniger schwarü : die Seilen rauchbraun, mit 
rein schwarzen, riith liehen und einze 
der Rücken erschien ranchig-graubra 



382 Die wildlebenden baltischen Säugethiere. 



der Schulter war rüthlich-bräanlich, annähernd der gemeinen Fnchs- 
färbe Ähnlich. In einer Somineniiieht war es der interessanten 
Golonie gelungen, sich durch KU graben, und alle Füchse erlangten 
die Freiheit; nur der meiwlienlielmmk fii'ziLlimte schwarze Erzeuger 
kehrte allein zurück. Als ich in Dorpat stadirte, fand ich bei 
einem Kürschner einen herrlichen, aus halbseh warzen Fuchsfellen 
zusanmuiiiKi.'siitKt.i'n D;i:iLi:i)!ie[isack, für den der Mann nicht weniger 
als 400 Rbl. aufragte und schliesslich auch erhalten hat. Erhalte 
diese Felle wahrend einer Reihe von Jahren aus der Lauenhofschen 
Gegend zusammengekauft; die Hastardzeichnungen der Lauen ho Ischen 
Colonie waren unverkennbar, um so mehr, als ich an dem im üni- 
versitatsmnseum befindlichen Bastardexemplar solbrt Vergleiche 
anstellen konnte. — Noch vor wenigen Jahren schoss ich einen 
ungewöhnlich schön und auffallend gezeichneten Fuchs, dessen 
ganze Unterseite kein Weiss, sondern ein dunkles Aschgrau bis 
Schwarz zeigte ; der Schwanz war tiefschwarz ; statt lieht rüth- 
licher Zeichnung trat überall eine bräunliche Färbung hervor, über 
und Uber mit weissliclu'ii Hiiitv.cn geziert, wie icichi. gepudert. Die 
Schenkel und Beine waren hechtgrau, mit schwärzlichen und weiss- 
liehen H:iaren untermischt. Ieh musste beim Betrachten dieses 
Balges immer und immer wieder an die E. au enhof sehen Bastarde 
denken ; sollte nach etwa üö Jahren eine Farben Veränderung, ein 
i(i.irli-!'lil;i<; zum Silberfuchs iKH'h möglich sein? Es lohnte sich 
vielleicht wirklich, die verhilltnis massig geringen Unkosten und 
rtiniiji' Mühe nicht zu scheuen, um noch weitere derartige Schwarz- 
fuchszucht versuche im Zwinger. zu machen, darnach die Bastarde 
zu vertheilen und loszulassen, und eine etwa zweijährige Schonung 
aller Fiichse in einem gewissen Rayon einzuführen. In diesen 
geidarmen Zeiten wirtschaftlicher Krisen könnte schliesslich ein 
rationeller Jagd betrieb auf schwarzbraune Bastardfdchse im Werth 
von je 20 — 2ö Rbl. einen hübschen Zuschuss zur chronisch 'schwind- 
süchtigen liiitscasse ergeben! — Also: erneute Versuche wären 
nicht nur hochinteressant . sondern vielleicht nationulükomiuiisi-li 
nicht ohne einen gewissen Werth ; möge sich jeinmid bereit finden 
lassen I Flugwildbeger werden diese Znmnthung, milde ausgedrückt, 
hbijrnisflieiid Huden. Wollten aber die Herren Morastbesitzer be- 
denken, dass der Fuchs nimmer vertilgbar ist, so werden 
sie auch ohne weitucs zugebe« müssen, dass es besser wäre, beim 
Ansrottungsversueh einen Balg von 2"i Rbl. anstatt von 3 1 /, Rbl. 
Werth zu gewinnen. Die einmal ■ schwarzbraun, gewordenen 



Die wildlebend™ baltischen Säugethiere. 383 



Fuchse inijgen ihrer Zeit mit derselben Energie in alle Ewigkeit 
fort veihdgt weiileu, ffliiLi/li wie die :v<.t,h> gebliebeneu, urbeimi- 
schen ■Wilderen ; Spurlos auf immer würden die theureu Bastarde 
ebeiisu wenig, wie die weniger werthveilen Ruthtiichse verschwinden. 

Dass der Fuchs, von sein' raschen, zähen Hunden in die 

linse getrieben, si.-li zuweilen auf einen Indien lliiuinstuiunt »der 
scliraglitgeudeii. liaHigcslniv.lcii iiiLum ndur in die Kühlung; eines 
absterbenden Waldriesen ilüchl.et.e, werden vielleicht viele ticissig« 
IluJjf't 1 i:sjimjitM- sclbf.1 erlebt uder jedenfalls von glaub würdigen 
■ Brüdern iu Diana» gehört habe.n. Aber dass Ileiueke in der 
Angst wie ein Schornsteinfeger durch Anstemmen und Klettern Im 
buhlen Baume gegen ;i Faden aufwärts zu fahren «der gar ohne 
jede Xüthigiing aus Liebhaberei ca. 17 Faden hoch eine gelade- 
ne ['stiebende Inda: zu besteigen und in solcher gel ah fliehe Ii Höhe 
freiwillig zu rohen reap, zu schlafen im Stande ist, dörrte doch 
uiif wichtige .Wuiiikci: abgeben und zu den findigsten, bisher un- 
erhörten Künsten des Jtrtthen. gehören. 

Herr v. V. auf N.-S. fand eines Tages — ich denke, es war 
im selmeereielien Wiiu.cr L^si'/s;; seine zavcrl uss ige .Meute nach 
stundenlangem Yeitulgeu eines Fuchses verbellend lind winselnd 
um eine alte, hohle Espe stehen. Die Vermuthung, Reiueke habe 
sich hinein und schliesslich auch hinauf getlüehlet, bestätigte sich 
bald. Immer längere Staken mussten genoinuien werden, um 
Fühlung zu gewinnen. Iiis endlich eine sehr hinge, schlanke üerte 

Wissenden Fuchs stiess und sein weiches Kleid unangenehm tou- 
chirte. Durch untergestelltes Rauchfeucr wurde sodann dieser 
Klettertuchs buchstäblich hinaus n-sji. hinunter geräuchert, indem 
der umgehört und ungesehen. Vei ui rheille lultschuanrrend rück- 
wärts ins irdische Feuer fuhr und durch einen Pulverblitz ins 
verdiente. . Fegefeuer i- lieiiirdert wurde. 

In der .Wiener .lagdzeitung. 1384 erzählt auf p. 239 ein 
Herr von Wiederwald von der • seltsamen Kletterlust eines Fuch- 
ses» in Qalizien. Der Berichterstatter ersah, von einem Bauern 
herbei nei-uien. auf einen, Kielräume iiu s.rhwiielelnder liehe, sieher 
16—1,8 Klafter hoch oben und für einen Schtotschuss kaum zu 

liegenden Gründen für eine <rut.li« Kuli«, hielt. Nach dem ersten 
Schusse hatte sieh der Fuchs > katzenal l ig. herunter gelassen, um 
bald der zweiten Ladung zu unterliegen. Die Siehe war nicht, 



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384 Die wildlebenden baltischen Sit ! .i^.:tliit:i:. 



hohl gewesen, der erste Äst vom Buden 2 Klafter entfernt ; die 
übrigen Aeste sind in Zwischen räumen "von 1—2 Klaftern einander 
gefolgt. An der Rinde waren deutlich sichtbare Spuren öfteren 
Hinaufklettern* tu bemerken gewesen. Der führende Bauer wollte 
bereits 20 Jahre früher auf der nämliehen Eiche einen schlafenden 
Fuchs gesehen haben ; die Erinnerung daran habe ihn bewogen 
aufzublicken, wobei er die wiederholte seltsame Knldeckuiig gemacht 
habe. Fühlte sich nun dieser originelle Baumfuchs oben besonders 
sicher, oder war er ein begeisterter Freund weiter Rundschau v 
Jedenfalls erscheint die KletterlUchtigkeit desselben so sein- merk- 
würdig, moch nicht dagewesen», dnss mau in cos« nur an eine 
speciell individuelle und keine generelle «Kunstfertigkeit» zu 
glauben veranlasst und fast genöthigt. wird. 

4. Der Bar. Ursus Arctos. Russ.: MeAn£,\& (metlwed) ; lett. : 
tatjie (beliebter Ftunilten- und Gehöftname); estn.: karro, auch kahro. 

Eine Wache im Felddienst führt der verbotene Schlaf zum 
sicheren Tode, ein Langschläfer kommt meist zurück und nicht 
vorwärts, durch r.a festes Schlafen wurden viele Häuser mittelst 
Einbruchs ausgeplündert, oder verloren sogar tapfere Männer meuch- 
lings überrascht das werthvolle Leben, auch dem Fuchse bekommt 
sein iBärenschluf', wie oben erzählt, meist sehr schlimm, nur 
unserem Meister Petz gereicht derselbe durch die Lange und Un- 
unterbrochenheit zum alleinigen Schutz gegen das vollige Aus- 
gerottet werden. Schon langst wäre Braun in unseren Provinzen 
verschwunden, wenn er weniger Neigung zur I.ungsehläf«i'ei bi-siisse. 
Der Schlaf ist seine beste Kriegslist i;n Kampfe um das schöne Da- 
sein ! Diese winterlich« RuhebertUrftigkeit und Schlafsucht ist eine 
hocliintert'ssanle R [-schein im gewiss das Bemerkens werthest« im 
Leben des ungesch lachte ten brauneu Gesellen. Unter wärmeren 
Himmelsstrichen schrumpft der Winterschlaf auf die kurze Zeit weni- 
ger Wochen zusammen, fehlt im Süden vielleicht gäuzlich, während 
derselbe im hohen Norden (in der alten Welt bis zum 72.» n. B., in 
Amerika bis zum Iii.«) die grossere Hälfte des Jahres umfasst Bei 
uns verbringt Petz ca. vier Monate mit seinem Festliegen. Dass die 
et^ent.lidit'u Wiul crsi-Müfer unter den Säugern, deren Ruhe in einer 
vollkommenen Erstarrung besteht, bei einer grossen Abkühlung der 
Blntwärme und bei einer äusserst spärlichen Herzthfitigkeit, bei 
einem scheintoilähiilicheti. t'i.m-ti'iiislij-.ju Zustande den langen Winter 
ohne Nahrung und Getränk zubringen können, erscheint natürlich 
und physiologisch verständlich. Wie aber hei einem anseh.dru-iul 



Die wildlebenden baltischen Säugethiere. 385 



mir gewöhnlichen Schlafen, welches (iuvcli I,ärm und andere nicht 
absolut zwingende rrsachcn jederzeit leicht unterbrochen werden 
kann, bei scheinbar voller 'Heiligkeit des Herzen.; ,ich sage schein- 
bar, denn im Bärenlager hat man bisher Pnlsfühlu ngen nicht aus- 
geführt, auch bei gefangenen Petzen solches nicht probirt) und 
gewöhnlicher Körperwärme (die ich an Gefangenen constatirte) ein 

.Feistes., ohne jede feste orter flüssige Nahrung; sogar ohne 
Wasser, die Processe des unveränderten Athmens, der Bltiterwär- 
mung , des Kindergeb ärens und namentlich Säugens derselben 
durchführen kann, ist schwer zu verstellen und nur durch die er- 
wiesene Thatsnche gesunden Wcitcrlcbims glaublich geworden. Das 
beliebte Saugt-n an der 1 mienlläclie der Tatzen in dieser rich:afzcit 
ist scheinbar blosser Zeitvertreib, ein Spie), eine bärenhafte Ge- 
wohnheit, hat aber meiner Ansicht nach einen wesentlichen Zweck 
■/.Vi erfüll«!. Denn durch diu Snugai-beit wird eine zum Wohl- 
befinden not Ii wendige Speichelabsonderung auf 
die zarten, durch Trockenheit leicht leidenden 
Schleimhäute hervorgebracht. 

Brehm schreibt, duss die Rärin sowol im .Freileben als auch 
in der Gefangenschaft bei der Geburt der Jungen vollständig 

jede Nahrung oder Trinken diese Zeit zubringe, was 
noch rilthselliafter wird. Ich weckte meinen zahmen Bären bei 
gelinder Witterung wiederholt aus seiner lat z>'iilutschctideii Schlaf- 
trunkenheit, ihm leckeres Futler und Wasser anbietend; er ver- 
schmähte das Trinken gaii/lirli, wahrend er bei anhaltendem Thau- 
wetter im Hochwiuter sieh zuweilen zu einem malten Autlecken 
einiger ßrodkrumeu und Haferkörner verstand ; zu einem rechten 
Zulangen oder Kauen kam es dabei aber niemals. Dieser zahme 
Bär erschien aber nach drei monatliche in Schlaf beim Munter- 
werden nicht, sehr nuüalleud abgemagert und zeigte keinen Heiss- 
htniger ; der Appetit stellte, sich langsam, aber stetig zunehmend 
ein. — Im Walde isl der MatztiM 1 !] spärlich gedeckt; ein Heiss- 
hunger nach langer Fastenzeit, dürfte sn leicht keine Befriedigung 
finden; dieser erst allmählich steigende Hunger dürfte daher all. 
gemein und eine sehr weise Khirichlung sein. Thcorisirend und 
superklug phantasirenu glaubte man trüber, der Bär falle sofort 
nach dem Verlassen des Lagers mit ■. Bärenhunger, über alles Goniuss- 
bare und sogar in guten Tagen uiigcniessbar Ki scheinende gierig 



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i sehen Silugethiere. 



rute Beobachti 
'ache Belege. 



■it'n einigt! Forscher, ttr verschlinge 
■st es Friilistück nach der laugen 
ilzte, fenchW Wald- oder Morast- 
im die fürchterliche Oede seines 
veilen zu bannen. Der bekannte 



im schönen Lenz 



stüblich rückwärts trctcml, rdirirte; erat am Ra 
stand die tapfere Mama von weiterem Eindringen 
siegesfroh brummend, au den lieben Kleineu zu 
kommt im Sommer und Herbst nicht vor! Hange 
Menschen mürrisch, unbillig iiuil m Thatlichkeiteu 
wie viel mehr das Thier des Waldes. 



Diu wildlebenden ljiiltisrlien Saugethiure, 387 



Da Uber wenige Thiere so viel Atiüieliendes und Humoristi- 
sclies als über den Hrummbiir geschrieben worden ist, so furchte 
ich bereits zu viele trockene Worte an dieser Steile gemacht ZU 
Iiiiben und gehe daher lieber zur Vnifulircnsr eines eben so bekann- 
ten, aber bei weitem weniger interessanten TlLierbildes über. 

ö. Der Dachs. Meies Taxus. Russ.: öapcjtn, (barssui), saunen, 
iiaswik), a3iicui. {jasicez) ; Iett. : obpjiä ; es tu. : mäggar, l-ähr, mtiär, 
iiwtsik, auch «u-lf-sik. Dieser lichtscheue Einsiedler wird gewühn- 
lich als ein ziemlich harmloses Wesen geschildert, das in beschau- 
licher Welt- und Selbslvergessenhcil sein täglich = unterirdisches . , 
nächtlich -irdisches» Dasein zu niemandes Schaden dahinlebe. 
Dein ist aber nicht immer so ; denn gelegentlich in wildarmeu 
und absichtlich in wildreichen Gesciideu plündert er die Nester der 
Wildhahner und fasst manches Junghäscheu todbringend unsanft 
all, kIs Leckerbissen dasselbe verzehrend. — fiegelreeht und als 
Waidmannslust wird die meist wenig fesselnde Dachsjagd von den 
Herreu mit wenigen Ausnahmen nur lau, desto eifriger aber vom 
wildernden Volke betrieben; denn einmal ist das schützende Auge 
des liegenden Großgrundbesitzers auf diesen Dunkelmann weniger 
schart' gcrichiet, üurn nuderen bedarf der Wilderer zur Erlangung 
der fettreichen Reute keines verriillii'rischen l-lcliiessgewehres und 
geht dadurch ziemlich sicher seinen Unthateii nach. Der Dachs 
nnc froli- 1 ■ i.r tirj äWi iinc-r-Jm* -nir^-niiK-wii *i-*r- 

lieb gefunden. Es dürfte bereits ganz.« Kirehspiele geben, in denen 
es schwer hält, den Qrimmbart mit Erfolg zu suchen. In echluch- 
tenreicheu, hügeligen und zugleich waldreichen Gegenden ist Keine 
Existenz noch für lange Zeit gesichert, denn da hilft kein Graben, 
sondern er kann dort nur des Nachts mit Hilfe geschickter Hunde 
bei Fackellicht erlangt werden. — Vor etwa 12 Jahren erst ist 
man von der irrigen Ansieiil ^lirückgekommen. dass die Paarungs- 
zeit der Dachse in den November (u. St.) lalle; seitdem ist es 
wissenschaftlich festgestellt, dass dieselbe in den Juli füllt und 
dass, ähnlich wie bei den Heben und ^Fledermäusen, eine Ruhe- 
periode des befruchteten Eies von mehreren Monaten, aber erst 
nachdem der Eilrchungsprocoss vollendet, wurden, stattfindet. Die 
Jungen werden im Marz geboren, was also eine ungefähre Trag- 
zeit von B Monaten ergiebt. Ich vevmuthc, dass die Dachstein 
anfangs gleich den Rarenkindem nur sehr laugsam sich entwickeln, 
denn Ende April sind die niedlichen eieschepfo noch sehr klein 
und recht unbeholfen. 



3S8 Diu wildlebenden baltischen Sangethicre. 



Mustela Marks, Raas. : xbtuta sfnnqa 
Juno), BMTOAyinia («Äe^usoM« [Gelb. 



denn kein Sauger gef'.ihnlfi untreu Wild-tauil iiileii-ivcr und viel- 
seitiger mordend als der auf und über der Erde j-inbi-idlc Marder, 
wahrend der Fuchs nur vergeblich nach deiL Hühnern auf den 
Baumen schielt. Am Boden eben so gewandt, wie hoch ia den 
Wipfeln der Wahlricseu fast blitzartig schnell sich bewegend, ent- 
geht dem mit ausseist feinen Sinnen begabteil Gesellen kein aui 
Buden schlafendes Hasel- oder Birkhahn, oder auf dem Baume 
huckendes Äuerlmliu. Sogar dem balzenden Auerbahn weiss er 
geschickt und angehört auf dem Geäst zu nahen, ihm unversehens 
au den Hals zu fliegen, einen kurzen Flugritt mitzumachen, um 
darnach mit dem Erwürgten zu Hoden zu lallen. Kein Hase ist 
seinem Muth zu gross, zu Hink oder zu stark ; so jagt und würgt 
er den Abend, die Nacht, den Morgen hindurch. Wie die meisten 
Glieder seines durch Und durch liiisarligon Geschlechts mordet er 
viel mehr, als er zu verzehren gedenkt. Ein Mutans eh, eine 
Monlmmkcnhcit überkommt den Würgenden, so ilaüs er gelegent- 
lich nimmer mit dem Schlachten einhält. Wehe der armen Sing- 
vogelbrul im l'mkrei;e meines weiten Jagdgebietes! er ruht nicht 
eher, bis alle, Bier oder JiingVogrl bergenden, Nester ausgeplündert 
wurden. Früh Murgens beginnt die stets Beute ergebende Hetze 
nach den beliebten, flinken Eichhörnchen. Wir bewundern an 
diesen ihre grosse Sicherheit im Ivleitein, ihr llugartiges Ueber- 
setzen und Überrasehes Einfallen auf andere Häume, und doch fangt 
der Manier jedes vor ihm llieheaile Eichhörnchen durch noch ge- 
Wältigen- Sprünge., durch fast iiimiui'lirh erscheinendes L'el.ierwiudcu 
der schwierigsten Seillaii/crkuaslslüeke. Wie ein Windhund dem 
Hasen auf der Ebene nach-em, so flit-Hrt der Marder im luftigen 
Gebiet der Baumkronen dem toilesbangen Hörnchen nach, es über- 
holend und erdrosselnd. Kürzlich fing in Kudling ein Manier 
auch auf dein Boden ein flüchtiges Eichhorn. Den schon klingen- 
den Namen .Edelmarder, verdiente und erwarb er sich nicht durch 
seelische Eigenschaften, sondern nur durch die Güte seines schmucken 
Pelzes. Der freche «Raubritter des Waldes, sollte er billig 
genannt werden. 



Die lYiMli'ljiMiili']] ii,ilii-;'hi:)i Saugethiere. 3S9 



Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war (lieser ansschliess- 
liehe Waldbewohner in unseren Provinzen recht häufig. Sein 
schönes, feines Pelzwerk verführte »her alle Jäger und Wilderer 
zu sehr energischer .Nachstellung. Während nuch vor ca. 50 Jahren 
ein livlHiulischer Waldbesitzer seine Frau und Tochter mit grossen, 
weiten Umlegepelzen aus Marderfellen, die nur in seinen Güter- 
grenzen erlegt worden waren , beschenken konnte , dürfte ein 
«Wälder regierender baltischer Hern heute mit Recht sehr zu- 
frieden sein, wenn die herrschaftliche.ii Damen Mützoheu und Muffe 
aus «eigenen > .Marderfellen erhalten konnten. Der verstorbene 
L'clzlüinllcv Urtm wählt in Riga konnte am Ende der siebziger 
Jahre aus Kurland und Livlaud mit Mühe nur noch 15-20 Felle 
(für H— tü Rbl.) jährlich zusammenkaufen. Ich habe binnen 16 Jahren 
in meinen Kudlingscheii Wäldern nur zwei Marder ztlr Strecke 
bringen können. Das Fellwerk ist übrigens soeben ausser Mode 
gerathen, daher die seltenere inländische Zufuhr unseren Pelz- 
händleru keine weitere Verlegenheit bereiten kann. Der grau- 
liehe», etwas dunklere, wenngleich weniger feine Steinmarder ist 
jetzt nächst allem schwarzen Pelzwerke beliebter. 

Die bei hoher Sehiieelagc uml in geschlossenen Forsten müh- 
same Jagd ist sein' spannend und oft recht amüsant. Gewöhnlich 
hockt der Marder am Tage buch oben in Eichhorn-, Raben-, Elstern- 
oder Hähernestern, zuweilen jedoch schleicht er auch ausnahms- 
weise in Erdlöcher hinein. In niedrigem Bestände flüchtet er 
mitunter auf Tn-:ljj:iL'>l'Ti vüh dünnen, Sieht auf dem Boden hin- 
laufend vor den Treibern her und wird dann zufällig von den durch 
sein unerwartetes Erscheinen nirM wenijr erstaunten Jägern erlegt. 

Der Edelmarder bewohnt mit Ausnahme einige]' südlicher 
Theile und des huchsten Nordens ganz Europa und einen Theil 
Asiens. Im tiebirge haust er auch in Felsspalten. In Skandi- 
navien scheint er am besten zu gedeihen ; er ist dort grösser, wie 
sein Fell aus jenen liegenden bei weitem das vorzüglichste und 
(heiterste. 

V. Der ^teiuatatiler. iHn.itrit k'<, : ,im. Utiss. : ru]n:[:a:i i:yn m;;i 
(gorskoja iuniia) ; lett. : mahjaa jamic. Wenn Brehm schreibt, 
dass der Hausmarder fast ulienill häufiger iils der Raummarder, 
mit welchem er eine annähernd gleiche geographische Verbreitung 
inne hält, angetroffen werde, so hat das für unsere Provinzen erst 
seit jüngster Zeit (iiitigkeit erlangt. Sehr gemein war der Stein- 
manier in den seiner Xonlgreuze nahe liegenden Ostseeprovinzen 



390 Die wildlebenden baltischen Siiugethiere. 

niemals, wahrend, wie oben er will ml, sein Vetter Marten in grosser 
Anzahl einst unsere Wälder bewohnte. Früher Warden ungleich 
mehr inländische Benin. :i 1 s Steiumanlei-felle in Handel gebracht, 
dann glichen sieh die Zahlen vor einigen Decemiien uns, his naeh 
(iiiinwahlts Angaben in den siebziger Jahren bereits dreimal so 
viele Steinmarder- ' ;i Is [Sauiiimarder fidle von ihm aus Kur- und 
Livland angekauft werden konnten, -letzt schützen die Händler 



Er wird nur selten gesehen, und manches schlimme Blutbad, 
das er anrichtete, wurde dem Helden litis auf sein bereits über- 
hohes Conto gesetzt. Obgleich i;r Maiihebkeitcn zum Hausen bevor- 
zugt, weilt er doch auch gern in liaumgärten, Parkanlagen ite. 
Er geht leicht zu Baume und klettert in den Zweigen so gewandt 
wie eine Katze oder vielmehr noch geschmeidiger umher. Vor 
Jahren schnss i,-li in einer Sommernacht einen llausmarder von 
einem buhen Ahombatime in einem Park herab, wohin ihn mein 
Hühnerhund hinaufgetrieben hatte. Sein ra Hellbraunes Pelzhaar 
und noch mehr die rein weisse Kehle unterscheiden ihn auf den 
ersten Blick vom Marie.-:, jedem Laien dadurch leicht erkennbar. 

8. Der IUis. Fociorius pulorius. Kuss. : sopeKa {charjak), 
«opi (dehor), eaiyxt (tödlich), namo'iid (feanjutsehi) ; Jett. : tri«, 
butfurt, auch iwllu— lallle ; estn. : kuMra, tnhlntr. Wer kennt, wer 
hasst nicht diesen übelriechenden unil iibelhcriiclitigteu Hühnerdieb, 
so lange er noch lebt, und wer hat schliesslich, wenn er <ans- 
gefauehti hatte, seinen guten, warmen Balg als schmuckes Pelz- 
werk nicht lieb? Obgleich wenige Thiere so gut vom Volke ge- 
kannt sind, wusste die Wissenschaft bisher über die Färbung des 
ersten Jugend kl ei des des im Verborgenen heckenden litis zu wenig. 
Noch ganz kürzlich Würde in einem Fachblatt um Mittue i hingen 
über das erste Farbenkleid der blinden Nestjungen nachgesucht. 
Die kürzlich geboreneu, walzenförmigen Ilttslem mit ihrem drollig 
stark gebogenen Halse sind nämlich, ehe sie die Sonne bescheinen 
konnte, d. h. ehe sie beweglich wurden, mit einem gar hübschen 
siUicr.veiss glanzenden, kurzhaarigen Kleide der Unschuld ausge- 
stattet, das erst nach etwa l'/i — 2 Wochen die bekannte dunklere 
Farbe gewinnt leb fand in den letzten 14 Jahren zweimal je 
(i und 7 derart niedlich gezeichnete Nestjungen pif psc-Mii zusammen. 

Mit scharfen, schaialh-ibigeii Dachshunden gewährt die Jagd 
unter Heu sehe unen , in Holzstapeln, freistehenden Baulichkeiten 
und anderen Orten einiges Vergnügen. Der lichtscheue Schleicher 



DigiuzMBy Google 



Die. wild lutiende n baltische» Sauget! iLei-e. 301 



flächtet dabei niemals über das offene Feld, sondern huscht nach 
viii sii lil i<;c»i Auslugen mit seinem streitigen (icsicbt aus einer 
Rohre, einer Spalte in die andere, nur nntli gedrungen längs der 
Ausseuwimd dl 1 ? ( Iirl'iiudi'n hiii-'dilrii'heti'l. .Mau mnss ein wenig 
ffinfseliütze «ein, um raschen Erfolg zu erlangen. In die Enge 
getrieben, plötzlieb im Freieil überrascht oder sonst wie in Wuth 
versetzt, meckert er anhaltend wie eine Rister, dabei fürchterlich 
riechend. 

Vor Bö— 40 Jahren wurden gute Winterfelle mit nur 30 bis 

2:i Kop. von herumziehenden .Inden auf d plail.en I,ande befahlt, 

Wahrend man jetzt für leidliche Bälge, ohne viel zu handeln, leicht 
einen Preis von 1'/, bis sogar 2 ltubeln erzielen kann. 

it. Das Hermelin. Foetoritts Ermmcar Russ. : ropuocTafl 
( </» ttiualni), nciirprui.ii (itvu-i-ri.:a ■veraltet ) «der rouoctapb {gonostar 
[im Jaroslnwschenj); lett. : (tfjrmuli«, erintlin«, in Ostlivland auch 

(l)orpat), kerp (in Harrien). Da das blendend weisse Winterfell 
bei uns nur niedrig im Preise sieht (15—20 Kop.), so wird diesem 
kleinen aber schlimmen Räuber leider viel zu wenig nachgestellt. 
Er ist ein wahrer Würgengel, diu- nicht ans Hunger, sondern aus 
echter, leidenschaftliebster Jagd- und Blutgier mordet und als 
eine richtige Geissei im Faselbof zu wütben versteht. Sogar am 
hellen Tage sah man ihn die Starkästen plündern, Hühnernester 
leer slelilcn und dergl. Schandlhalell in ehr verrichten. In Deutsch- 
laud wurde er sogar beim Abwinden lialbivui hsißct' Hasen wieder- 
holt überrascht. 

In den Hocbnlpen sah ich ihn bei ildOO Fuss schon im Sept. 
rein weiss susstof'ilrlit uuihcrhnsrlion ; während bei nns solches erst 
im October, und in den mitteleuropäischen Tiefebenen zuweilen 
erst im December za geschehen pflegt. Im April verliert er das 
im Herbst lang und weiss gewordene Haar vollständig, um 
»Ijerseitig ein brnr.UKdlLiclics. nuten ein neues weisses, kurzhaariges 
Gewand anzulegen. 

10. Dus Wiesel. Foelorins vulgaris. Russisch : jacnqsa 
{ltis-r,(*r!il:,t), .larTo'u.-.i (ttft<>ti<-l,l,<i fehlerhaft]), auch nnpoEn. (narok 
[selten]) ; le.lt. : föcMnlflc, fdjtbcri», fdjfbttffle, auch fd)cbcliie ; estn. : 
(«Mma, i,Mu oder wdkt nürh. Das Wiesel, welches in Mittel- 
europa nur sehr ausnahmsweise rein weiss, sondern gewühnlicli nur 
lichter oder scheckig sich ausfärbt, bullt sieb für unseren langen, 
meist sch nee reiche n Winter in ein vullk nieu sclmeegleich er- 



392 Die wildlebenden baltischen Sniigethiere. 



seil einen des Weiss und zwar bis auf die äusserste Scbwauzspitze, 
wodurch es ausser der sehr viel geringeren Grösse sogleich vom 
Hermelin zu unterscheiden ist, da letzteres auch im Winter die 
auf Krönungsmanteln so oft bewunderte schwarze Schwan zspitze 
ausnahmslos behalt Im April wird das verbrauchte weisse Winter- 
kleid durch das bekannte fahl rüthliche Sommerkleid in möglichst 
raschem Umwechseln ersetzt, d. Ii. durch völlige Neubildung. Seine 
treue, lang andauernde Liebe zu den niedlichen Jungen hat schon 
manchen Beobachter gerührt und dun min lo'ltlidicii Schlag bereits 
erhobenen Arm durch seinen erst.auiilirlicn Mulh beim Bergen des 
hoffn im gs volle ii Xiiclimichnis gehihmt. Einst gelaug es uns auf 
einem sommerlichen Ausfluge iu den Wald, die Wieselmama von 
ihrem fast erwachs tu en Kinde zu trennen und das letztere zu 
fangen und festzuhalten. Die sorgen erregte Mutter guckte in. 
zwischen, mit dem halben Körper senkrecht aus dem Kniloche 
hervorragend, mit blitzenden Äuget) dem beängstigenden Umspringen 
mit seinem Lieblinge unverwandt zu. Sobald sich unsere Gesell- 
schalt ruhig und still verhielt, huschle das reizende giaciöse und 
muthvolle Geschöpf heran und wollte das Junge erfassen. Nach- 
dem wir die zärtliche Mutter drei bis vier Mal schnürte zurück- 
geschreckt hatten, besiegte ein menschliches Bühren unsere natur- 
beobachtende Neugier und zwang uns ein vollkommen passives 
Verhalten einzuhalten. Zögernden Schrittes, doch entschlossenen 
Sinnes nahte nun die Mutter bis an meine Füsse heran, packte 
mit einem kralligen Zubeißen ili* zwischen meinen Stiele Ispitzen 
gehaltene Junge und floh im Galopp dem bergenden Loche zu. 

2o-r > Ii-«., 'i- K ■ •■ - 1 I in» lila[ i- n und i- lifli -Jnim unter 

unseren unwillkürlichen Beifallsrufen blitzschnell nach — auf 
.\in)im:nvieilerseheii. Da das Pelzwerk nicht begehrt wird und 
der kleine Schelm in den Gehöften keinen zu argen Schaden ali- 
richtet, so führt das Wiesel bei uns ein ziemlich ungestörtes 
Dasein ; nur zufällig wird es gefangen oder aus Uehermuth getödtet. 

11. Der Kürz. Foctoritis Lutreola. Russ.: uopua (norka) ; 
lett. : mittlinfdj, auch uhbttt oder bupnutie ; estn. : ödras'i 

Dieses verhältnismässig sehr wenig beobachtete und daher 
biologisch nur spärlich bekannte und erforschte, durchaus nächt- 
liche, menschenscheue Thier des ein^unen Sun-piSandes, der kleinen 
Bäche oder in sei reicher Deltagebiete, wie auch quellenumsäumter 
Seen (mit Bruchufern) ist hei uns, jedenfalls in einigen Gegenden, 
viel zahlreicher vorhanden , als man gewöhnlich zu vermuthen 



Die wildlebenden baltischen Sftugethiere. 39S 



bererhligt erscheint. Wahrend der Miiik.seiu amerikanischer Veiter 
udev vielmehr Bruder, durcli das keslhave, lien-liche Kell zu eifrig- 
ster Nachstellung reizt und daher oft erbeutet wird, wurde unserem 
Niii'ü bisher dirert gar nicht m Leibi' gegangen, sondern ninti fing 
ihn nur zufilllg, indem sein Fell kurz und hart haarig erscheint 
und von den Händlern mit nur 1 bis liücbsteiis iy, Rubeln bezahlt 
wird. Dennoch belmuiitete der l'elzhiindler Griiuwaldt mir gegen- 
über, dnss er drei bis viermal mehr Nürze als Iltisse aus Kur- 
imd I.ivland erhalten habe und zwar gegen 200 Stück" jährlich (?). 

loh weiss aus eigener Erfahrung über den interessanten Nörz 
so gut wie nichts zu sagen, denn es gelang mir nur einmal, einen 
Bolchen freilebend zu erblick™. Seine Fahrte ist zudem von der 
Spur eines Iltisses lud gewöhnlicher ttchueelnge durchaus nicht zu 
unterscheiden, was seine Bestattung erschwert resp. unmöglich 
macht ; er ähnelt auch sonst dem Iltis mein- und steht ihm naher 
als irgend einem anderen Thiere. Auf dem Eise aber, welches 
nur von etwa papier- oder pappdickem Schnee leicht Überflogen 
wurde, habe ich namentlich bei etwas schräger, abschüssiger Stel- 
lung desselben die Spur gut erkennen resp. unterscheiden konneil, 
da sieh beim Spreizen der Zehen in diesem Falle die Schwimmhaut 
lür ein scharfes Auge, genügend erkennbar mit abdrückte. Beim 
Verfolgen solcher sicher dem Kurz angehörender Spuren habe ich 
wahrnehmen können, dnss er seine Streifjagden ähnlich wie der Iltis 
zn betreiben und Kruse hu als Nahrungsmittel stark zu bevorzugen 
scheint. Er folgt jagend den Graben and künstlich bewässerten 
Wiesen weit landeinwärts nach. Ausnahmsweise besucht er, Fasel 
raubend, auch Gehöfte. Brehm will dieses nur für einsame Fischer- 
hütten wahr haben, doch kenne ich einen verbürgten Fall, wo 
unser Nora sich in den Hut eines grossen Gutes in Livland etwa 
2 Werst vom Flusse abseits begeben hatte und dort im Hühner- 
Stall in einer Iltisfalle gefangen wurde. Sein ober- und nnterseitig 
gleichuiassig braunes ulleiiiit iges Fell, sowie ein kleiner gelblicher 
Unistlleck und wcLssiichcr Lippen- und Kinnstiich unterscheiden 
ihn deutlich vom Iltis und zwar so gut, dass jedermann Uber 
ihn bald ins Klare kommen und ihn richtig bestimmen konnte. 
Schliesslich erlaube ich mir namens resp. zum Besten des Herrn 
Prof. Dr. K. Th. Liebe zu Gera (in Ost- Thüringen) die Bitte an 
alle Jäger nnd Gutsbesitzer zu rieht im. sie wollten im Betreiiaugs- 
lalle den Cadaver eines Xiirzes (besser mehrerer) genanntem Herrn 
zu wissenschaftlichen, sehr erwünschten Untersuchungen einsenden, 



3114 Die wildlebenden b;»]| isr-lun Säiigetbieiv. 



da der Nürx in Deutschland s" gut wie ausgestorben ist und (iaher 
nicht mein- zu erlangen sein dürfte. 

12. Der Fischotter. Lulra vulgaris, Bobs. ; BUjpa (wy*o) 

liiudischer Pelzkragen bei uns nmli nicht überhand genommen hatte, 
galt der Besitz des sehr dauerhaften und je hinter gebraucht desto 
sammtn'eicher werdenden Otlerkingetis für etwas sehr Weitlivollcs. 
Dein Otter wurde vor etwa 50 bis Iii) Jahren durchaus systema- 
tisch, man konnte beinahe sagen .sthiilgoiveht: nach gestellt. Otter- 
jtlger von Profession, die keine MUhe, keine Zeit, keine üesund- 
heit schonten, die keine fremden Grenzen, keine Handel mit Forst- 
wachen und MitjSgeru scheuten, gab es damals allenllialben. Der- 
artige wetterfeste, unerniudlirin.! Jäger h. Igten tagelang einer Otter- 
spur, schliefen nachts wochenlang in keinem Kette, verbrachten 
ungezählte Nachte beim Lauem auf den erhofften AutstitLr des. 
Otters und ruhten nimmer, bis sie des schmucken Balges habliali. 
wurden, für welchen sie dann pro Hatulsiiaune Felllänge einen 
harten Silberrubel verlangten und erhielten; so dass ein gutes 
Otterfei] resp. ein grosses mit 10 bis 11 Ebl. S.-M. in jenen geld- 
nrmen Zeiten bezahlt wurde, wahrend ein Löf schwerer Hafer 
nur 50 bis (10 Kon, werth war. Vor so rationellen und energischen 
HeuLuauugen des inlcressirteii Menschen verschwand der Otter 
allmählich in manchen baltischen Gegenden gänzlich ; nur einzelne 
durch ihre unzugänglichen llferbihlungen oder va\ viel offenes 
Wasser aiu-li im strengsten Winter bcgniisl igle Khissgebiete bargen 
noch als Seltenheit das vielbcgehrte Thier und schützten es vor 
naheliegender Ausrottung. Bereits vor mehreren Deecnnien aber 
gab es bei den .feinen Herren» keine Nachfrage nach Otterfellen 
mehr; einfache Verwalter, Forstel: kleine Krämer, Fiaebsanikaiifcr 
oder reiche Krüger blieben fast die »Mehligen Konsumenten der 
gelegentlich erlangten Otterkragen , was natürlich die Preise 
drückte; dio Ottei'jilger von Fach wurden mit dem Schwinden des 
Jagdubjeets auch seltener und starben aus. Die Folge davon war 
ein Rückschlag, durch welchen der Otter anfangs kaum merklich, 
später durch Zahlen genügend belegbar wieder an Anzahl zuzu- 
nehmen begmm, ja stcllE'tuvoise trist hantig wurde. Von vielen nur 

1835 bis 1875 der Otter ganz verschwunden und durchaus sagen- 
haft geworden. Jetzt aber giebt es dort ziemlich viele Otter; so 



Die wildlebenden baltischen Saugethiere. 395 

hausen . an dem fischreicheren unteren Iismfe des Flusses unter 
Sehlen ganze Familien wie in talten, guten Zeiten>. Im Sclmjen- 
selien Kirchspiele waren die Forulleurauljci- gleichfalls ausgerottet, 
wodurch der Bestand an Aesehen und Forellen ein reicher wurde. 
In den siebziger Jahren /.eisten sich bereits hin und wieder Forellen 
jagende Otter, bis sie vor einigen Jahren geradezu häutig «I 

(I8S1/82, LÜH-;, n:i und lns-l/^Y, nicht weniger als in Otter erlegt 
werden. Die Forellen und Aeschen haben aber in traurigster Weise 
Schilden i:v]i([r:i. lianicn! lieh lemeiv scheinen e.iiiizlich aufgezehrt 
worden zu sein. Die Männer der Heuzeit sind vielleicht zu bequem 
geworden, um fflr einen Gewinn von 7 bis 8 Papiervubeln einige 
Nachtruhe zu opfern oder einen Schnupfen (vielleicht auch Schlim- 
meres) zu riBkiren ; denn an den grösseren Flüsaen, wie an der 
Aa, wo der Otter sich auch wieder zahlreiche.!- zeigt, kann man 
diesen Fischrauber meist nur durch nächtliches, unendlich geduldi- 
ges Erlauern erwischen. Durch eine hohe Prämie verlockt, hat 
mein Meiershofscher Porstwart kürzlich gegen ein Dutzend Nachte 
vergeblich an der Aa einen der Spur nach ungewöhnlich grossen 
Otter zu erinnern versucht; eine Halsentzündung war IVUher als 
das schöne Trinkgeld in Aussicht. 

Uebrigeus kann das hier Gesagte nur für Livland Gilligkeit 
haben, da mir über das verminderte oder vennehrte Vorkommen 
des Otters in den Nachbarprovinzeu leider keine Notizen zur Ver- 
fügung stehen. Das Bcmerkensiverlheste durfte für den Thier- 
freund die unschwere Drcssurliihigkcit, völlige Zahm barkeit und 
vielfache Liebenswürdigkeit des Otters als Zimmergeuosse seiu. 



Italien, denn der Oller isl. durchaus ein gev.-iee,ler l'Viiischmeijki.-r 
und fangt vorzugsweise gern die feinen Fischartcu ; nur bei Maugel 
un solchen vergreift er sich an die gemeinen vVeissfische n. d. m. — 
Schon König August der Starke besass leider nur kurze Zeit 
einen zahmen Fischotter (siehe Brehm Bd. II, p. 121— 122), den 
er vom polnischen Marschall Passek für scheue türkische l'fenle. 
mit pritehiigciii Reitzeug! ciugeiauscht hatte und welcher ein 
bisch langer ersten Ranges war. - Später haben viele andere 
Liebhaber Otter als Sl.iiliengefalirl.cn, sogar Bcttgenossen zu ihrer 
grüssten Freude gehalten; auch in Dorpat besass vor einigen 



396 



Die wildlebenden baltischen Säugethiere, 



Jahren der Student W einen jung eingebogenen Ott» 

welcher' ihm der beste CaiiH*™! utul Zeitvertreib wurde. 

Mein Sehnen und Honen steht schon seit vielen Juhrei 
nach dem Gewinn eines im ersten Jugendalter eingelaufen!* 
Fischotters — bis heute umsonst; auch dieser HcrüenaAvunsr 
wird, wie es den Anschein gewinnt, mit einigen (ieliieksal^eiiiisse 
nd acta gelegt werden müssen. 

Oskar v. LS wie. 



Betrachtungen Ober Herkunft und Zweck der russischen 
Landschaftsinstitutionen. 

C p nisiisilini Iittndi'ctinfbiinü'.ituliiiiieii vom Lm. IHM 
abt» in den zwanzig Jahren ihres Bestehens von In- 
und Ausländern mannigfache, meist nngUoslige l'rlheile in der 
Öffentlichen Presse gefunden, and nie .Vedersetzung einer besonde- 
ren noch beute Lagend«: Oummission zor erneuten Prutting derselben 
berechtigt zi der Annatime, dass nie auch den seitens der Hiaats- 
regieruug an an: gestellLen Anlorderuugen nicht oder nicht mehr 
entsprechen. Uei dem Hochging der <iH:uiilh.shnwtiruiig tn unserem 
Staate . hei der Erregung, mit welcher allen politischen Reformen 
■■" -Ä«'C< "„fsntuii wird, bei dem Misbehagen. da« fast alle Oesell- 

n haflsklas-i'n de* Hi-iHii tiHirrr-,! i t. i.-i m im', tri r.!i. daHs man dun 
Arbeiten jener Commission mit besonderer Spannung entgegensieht 
Sehen die nackte ThatMr.hn der NieikrsetBUng einer solchen 
(Jommusion mussto den ballischeu Provinzen, welche durch den 
MioiBter Ignatjew zu einer Aeiihserur.g Ober die Anwendbarkeit 
der Landschaft institutionell aaf die Ostseeprovimen aufgefordert 
waren, ein wohl Iii oeudea Gefühl der Hnffuung anf eine nicht ztt 
dringliche Behandlung dieser schwierigen Krage erwecken. Um 
wie viel wohlthuender muM na aber auf sie wirken »aen sie 
erkennen, dann in unleugbarer Weise der ronservative. lieisteazug. 
ivi'li-licf 'Iii'. Im tu i'i'ii li> iiim.:i'U al'.'^i. ,.i M'ndtrtii Ii"-- o vt.-in-n 
denkwürdigen Worten Hr. Majestät. -Jnswm aller gnädigsten Herrn, 
im Reiebe immer mehr zur nottanodigeD ÜH'.jng gekommen Int, 
auch eine - neue, unseren ständischen Prir-ciuien sympatlusrhero Auf- 
fassung lilier die Mangel der Semstwu zur Hurrschall bringt, 



ülgifcad Oy Google 



398 Herkunft und Zweck iler russ Landschaftsinstltutlonen. 

welche eine Remedur derselben nur in einer stilrkaren Anlehnung 
an nie alte ständische liliederun!; erkennt. Die baltischen Pro- 
vinzen sind niicli vielfacher »ml i ei Iii che r Ileoerlegung uml Be- 
rathung nur immer fester in der Ueberzeugung geworden, daas 



Verständnis und Anerkennung finden wird. Nebenher werden wir 
uns freilich trotzdem daralif get'asst machen müssen, sowol bezüg- 
lich des Ganzen, wie auch einzelner Theile, der üimmthuiig gegen- 
überzustehen, nnsere Wünsche und Abweichungen zu Gunsten des 
iill gemeinen Instituts au ['zugeben, und noeli manchmal werden oline 
Zweifel die einseh längen 1;' rügen auf der Tagesordnung unserer 
Landtage stehen, ehe die Sache zum Abschluss gelangt. Es wird 
daher für die Leser dieser Zeitschrift vielleicht noch immer von 
Interesse sein, einige Betrachtungen über die Herkunft und den 
Zweck der Liiiidsciiat'uinsUinlirme]) kennen zu lernen, welche der 
Unterzeichnete vor drei Jahren in russischer Sprache veröffentlicht 
hat und die daher in den baltischen Provinzen wenig Leser haben 
finden könneu. 



1864 mit dar Semstwo bezweckte, nml liegmigt sich damit, ihr einige 
Sünden, je nach dein mehr oder minder conservativen oder liberalen 
Standpunkte des Kritikers, mehr oder minder haftig vorzurechnen. 
Und doch dürfte sich erst nach Erörterung dieser Frage heraus- 
stellen, ob sie wirklich ihr Ziel verfehlt und ob das ganze Institut 
tli;Us;k-lilich politisch und social dcsm'ga»isir«ud gewirkt hat. 

Nach den halb ofliciellen Kundgebungen der Regierung in 
der . Nordischen Post. (18133 Nr. 138, 140-1-13) sollte durch die 
Land seh nftsinstitutionen eine örtliche Vertretung der ökonomischen 
Interessen des Landes, eine selbständige Local Verwaltung der 
wirthschalt liehen Angelegenheiten durch alle dabei interessirten 
Bewohner der Gouvernements und Kreise geschaffen werdeu. Man 
Ubertrug ihnen daher ganz folgerichtig die Befriedigung der mate- 



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Herkunft und Zweck der russ. Lsndsehaftsinstitntionen. 39!) 



riellen Interessen i 

einen Theil der localen wirtschaftlichen Kräfte nt 
Garantien der Volks Versorgung, der Armennnterstützung, die Her- 
stellung und ünterhaltunt; der ott'eutlichen Strapsen und Wege, die 
Veriheilung iU-c obligatorischen Lnndesleist ungen, die Ansammlung 
von Localtonds &c, alles dieses in der Absicht, den Localinter- 
essen durch die rehertragnng der Fürsorge für dieselben an die 
örtlichen Interessenten am besten gerecht zu werden, demnächst 
aber auch in der Hoffnung und Absicht-, durch die Betheiligung 
an der Handhabung wirtschaftlicher Angelegenheiten der Latid- 
sehnft die materiellen nnd sittlichen Vorbedingungen einer weiteren 
politischen Entwicklung des Landes vorzubereiten". Von einem 
Wunsche, diesem neuen Institutionen ntjritrkeil liehe Verwaltnngs- 
befugnisse über die wirthschaftlicbe Sphäre hinaus zu gewähren, 
lesen und entdecken wir dagegen gar nichts. Berücksichtigt man 
nun, dass jene Ideen von einer obrigkeitlichen Selbstverwaltung 
selbst bei den iireiissisehen Ciclelirteii und Staatsmännern, denen 
diese durch Gneists Schlitten immerbin auch schon damals näher 
standen, noch nicht zu ihrer heutigen hellsehenden Gellung <;e- 
kommen waren, so wird man um so weniger aus diesem Mangel 
unseren Staatsmännern einen Vorwurf machen und ihrer Beschrän- 
kung auf obige Gesichtspunkte eine jeuer Zeit gemässe relative 
Berechtigung durchaus nicht versagen können. Auch darf man 
nicht annehmen, dass unsere Staatsmänner es damals unterlassen 
haben, vergleichend« Studien mir den Kinrirlitiiiieyn anderer Staaten 
zu veranstalten. Die alle |ireriss;sc]ie Kreisiirdiiunjr konnten sie 
schwerlich zum Muster nehmen, die neue trat aber erst zwei Jahre 
nach Erlass der russischen Landschaft nstitntionen auf die Tages- 



auf Oesterreichs Muster angewiesen, das mit seinen Lnndesord- 
nungen vom 2ti. Februar IHlil und seinem auch Kreisoigaiii.satie.nen 
umfassenden Gemein rlegeset 7. vom 5. März 18(32 die Bahn locftler 
wirthseliaftlicher Selbstverwaltung systematisch beschritten hatte. 
Wie es scheint, ist, dieses Muster auch in der Tliat benutzt, worden, 
so dass zur Erkenntnis der inneren Natur der russischen Land- 
schall sinstitutiunen eine Betrachtung der österreichischen Landes- 
(ililuiiiigei] die i.oTiiiiii'l.-le H aliillialie bieten dürfte. 



NoidlKhe Poat, 1, 1:. 



400 Herkunft und Zweck der russ. Landschaftsinstitutionen. 

Der G e in ei 11 de verband der österreichischen Stauten 
oder Kronlilndet ist seinem Priucip nach allständiseh. Grundsätz- 
lich soll jede Liegenschaft zum Verbände einer Ortsgemeiude ge- 
liären und jeder Staatsbürger in einer Gemeinde heimatsbereehtigt 
Kein. Jedoch wird eim: Ausnahme hiervon auf Grund der einzelnen 
l,aniles;;esetze y.n Gunsten des Gnissgnmdliesil zes statuirt, welcher 
unter Uebernahuie der Flüchten und Obliegenheiten einer Orts- 
gemeinde ans dem Gcmeiiideverbaude ausscheiden kann'. Der 
WiikiniM^kl r'is d<-]' Geiunhi'ii'ü ln'/ii'li!. sich auf t\w. alli'i'Uidnei] 
Güiuciiiilciiilcrcssüu , Vcniinimisvcnvaltiing , Ortspolizei , Wege- 
aufsklit, Ai[iii'!iivi--i-:i. Tli.-ilii/.inii- .'iti den yim der Gemeinde uuter- 
lialterLun Mittelschulen anl Grund des Schulgesetzes und wird durch 
den Geniel ndeausseuoss und den Gemeindevorstand gehandhabt. 
Ersterer ist das beschließende und Uberwacheilde, letzterer das 
verwalte Ii de und vollziehende Organ. Ersterer wird aus der Zahl 
der unbescholtenen Gemeindeglieder auf Grund eines Wablniodus 
erwfthlt, welcher die Hohe der Hesteueiung als Massstab der activen 
\V;ilill]rjn'cliiL r un!j; annimmt, di'n aus einem Vorsteher und mehreren 
(>emeiiidcrdl.he.n bestehenden Gcmeiiidevtirstnnd hingegen Wühlt der 
Ausschiiss aus seiner Mitte. 

Durch Gesetz eines jeden Landes (Tirol, Karnthen, Krain, 
Galizien, Nieder- und Oberöst erreich. Hiihuien &c.) kann auf Grund 
desselben Roichsgesetzes vom 5. Mitrz Irjiiü zwischen die Orts- 
gemeinde und den Landtag jedes dieser Länder eine Bezirks- öder 
Kreis vei'lrclmig anl' füllenden Grundlagen eingefügt werden. 

In den Wirkungskreis der Bezirks - oder Kreisver- 
tretung gelnncn im allgemeinen alle inneren, die gemeinsamen 
Interessen des Kveise.s und scincv Aii^cbiii'iL'eii betreffenden Ange- 
legenheiten, besonders aber der Haushalt des Bezirks und die aus 
liezirksuiittein dciirten Anstalten für Iiatidesc.ultur, Gesundheits- 
und Armenpflege (Laiidesgcsetz für Böhmen {j 51), Vorkehrungen 
zur Wohlfahrt der Gemeinden in Bezug auf Strassen- und Bau 
augclegeidicitcii , Militarberiüarlierniig , Vorsp&nnleistung , Vaga- 
bunden- und Betteiwcsen. Suix'e für die .! [rhuus: di.'v Volksbildung itc. 
(Gesetz i'llr Tirol § 13). 

Uebcrdies können durch Landcsgesetz der Kreisveitrctun!; 
zugewiesen werden die üeberwaehung des Stamm Vermögens der 

M Ii aiifai-iinmtiii-ü ivnr.Mn. r-f.1l tkm Vi.tth-Iiiih-ii mu-li ven ilrr Kur] ihv".'!i.ii 

Coiamurion zur (Mtnng gobraolit worden. 



Digilized B/Cl 



Herkunft und Zweck der russ. Laudschaftsinstitutionen. 401 

Gemeinden und ihrer Anstalten, die Genehmigung; wichtiger Ge- 
m ei ml wirte, die Hntsclieiilung über [irrul'ung gegen AusscJmss- 
besdilnssc der Geiiieiiuleii in allen i- i Li ^ 1 1 1 1 1 ■ ■ 1 n_- u GeiiiKiLileai]L r ele_'eii- 
heiten 4c. — Die Kreisvertretung besteht aus den Vertretern 
folgender Interessengruppen : 

■i.i (1:1- (.Oj'-irr.iiuUie.-U;;''.- : 

b) der Hüchstbesteuerten der Industrie und des Handels ; 

c) der übrigen Angehörigen der Städte und Markte ; 
rf) der L an d gemeinden. 

Die Kreis Vertretung wählt den Ausschuss mit einem Obmann 
an der Spitze, und dieser ist (las verwaltende und vollziehende 
Organ des Kreises. 

Die Staatsverwaltung übt ein gewisses Mass von Aufsicht 
durch eine in jedem Sitze einer Bezirks Vertretung befindliche poli- 
tische Bezirksbehorde, an welche mich Beschwerden über die Be- 
schlüsse der Vertretung und des Ausschusses wegen Ungesetzlich- 
keit zu gehen haben. 

Jedes einzelne Kronland hat überdies seinen Landtag und 
dieser seinen Ausschuss unter dem Landmarsehall oder Landes- 
Hauptmann an der Spitze. Der Landtag besteht nicht, wie etwa 
die russische Fi'oviinialsi-aeitivo, aus Delegirten der Kreis Versamm- 
lungen , sondern aus Abgeordneten der Grossgrundbesitzer des 
ganzen Landes, welches in dieser Beziehung einen Wahlbezirk 
darstellt, aus Abgeordneten der 7.11 besonderen Wahlbezirken zu- 
sammengelegten Städte und Abgeordneten der (ausländischen) 
Gemeinden mit Ausschluss des Gross Grundbesitzes. Auch die JSrz- 
bischbfe und Bischöfe des Landes und die Rectoren der Landes- 
uuiver.sitat, wo eine solche vorhanden ist, haben in der Regel Sitz 
und Stimme. Der Landtag steht in seiner Zusammensetzung 
somit ganz unabhängig von den Kreiskorperu da, während sich 
sein Wirkungskreis allerdings zum Theil auf eine Beaufsichtigung 
der wirthsch:iltlii:!ii:n Tliätiekcit derselben erstreckt. Auf Grund 
des Gesetzes vom ,">. Miirü lNfi2 zur Heuchln!,' lies (JciiieiiKlewi^tns, 
Art. XXIV, wacht nämlich der Landtag mittelst seines Ausschusses 
darüber, dass das StiiiiLiiivenii'igen der Kreise und Städte unge- 
schmälert erhalten werde; deswegen sind die wichtigen, den Haushalt 
derselben betreffenden Acte an die Genehmigung des Ausschusses 
gebunden und hat derselbe über Berufungen gegen Beehlüssse der 
Kreisveit ret mie; in K>eis:i[i;rrlci;.'iil)ei1i'ii umI bi'ivi-lfs deren AufsichtS- 
iiauiiliahuij; iibev ilc=n Haushalt der Lau il gemeinden zu erkennen. 

BS- 



ÜioiiiiM Dy Google 



402 Herkunft und Zwack der russ. Landscliaftsinslitutionen. 



Der Laudmarschall wird vom Kaiser ernannt, der Ausschuss 
aber vom Landtage derart erwählt, dass mindestens ein Glied ans 
jeder Wähle rgruppe iiervorzu gehen hat. Der Staat wird in jedem 
Kronlande durch ■ t i ■. ■ Statthalterei vertreten. 

Als Lau desauge legen! leiten erklärt der § 18 fi'. des Gesetzes 
vom 26. Februar I8G1 alle Anordnungen betreffs 
L 1) der Landescultur ; 

2) u. 3) der aus Landesniitteln zu bestreitenden oder zu doti- 
renden öffentlichen Bauten und Wohltliätigkeilsan stalten ; 
4} Budget uili! Ri-<.!i Li ii;::.;.~L-:.'LL ii:; d:-.s Liuideshaushalls. 
II. Innerhalb der Grenzen der Gesetze die näheren Anordnungeii 
Ober Gemeinde-, k'irdien- und Si-lnilüniiHegenSieiten und über 
Vorspannleistungen , Verpflegung und Einquartierung des 
Militärs. 

III. Anordnungen im allgemeinen iietretls der Wohlfahrt uud der 

Bedürfnisse des Landes. 
Ferner (laut §20): Verwaltung des landstämlisclien Vermögens 

in Fonds , Liegenschaften oder Anstalten , Verwaltung des 

Credit- und Schulden wesens des Landes ; 
(§21): Erhebung der Steuern zu Land esz wecken ohne kaiserliche 

Genehmigung bis zu 10 Procent Zuschlag zu den directen 

Staatssteuern ; 

(§22]: BesclLlussnahme über Personal- uud Besoldungsstand, Er- 
netiuung uud Discipliuarbehandlung der beim Laudesaussehuss 
oder sonst anzustellenden Beamten und Diener. 
So weit sind die osten'cichisdien Landtage cominunalwirth- 
scliaftliche und VenvatluiigsWper ; das Gesetz vom 2G, Februar 
18G1 verleiht ihnen aber auch einen gesetzgebenden Charakter, 
indem es dieselben beruft, (Iber kundgemachte allgemeine Gesetze 
und Einrichtungen, über Erlassuug derartiger Gesetze, welche die 
Wohlfahrt des Landes erheischt, zu berathen und Anträge zu 
stellen und durch Entsendung dner bestimmten Anzahl von Dele. 
girten in das Haus der Abgeordneten dos Iteichstages au der 
Reichsgesetzgebung mitzuwirken. 

Durch Gesetz vom 22. October 1375 ist für den ganzen 
Staat ein oberster Verwallungsgenchtshof eingesetzt worden, an 
welchen gegen Eitsdicidimgen sc-wul der staatlichen als der laud- 
schaftlichen und commnnalen Verwaltungsorgane, nach Einhaltung 
des regelmässigen Inslauzenzuges, aypellirt werdon kann. Von 
Tut.eressp fitr einen Vergleich mil unscrein Kenate ist das Verfahre» 



Herkunft und Zweck der 



IjandsclHiftsinstitiitionen. 408 



vor jenem iisterrei einsehen Verwaltangsgerielit, da dasselbe seinen 
l'hilscb'idunscn zuuacbsl ein sei ni Wiehes Vf-]ihli|-cn zwischen ilein 
Appellanten uiiil iluiu beklagten Organe v j i-rni -xiisr.-l i Lfkeu . dieselben 
aber hauptsächlich auf Orund besonders anberaumter ijtt'orit liclici- 
nnrt mündlicher Verhandlung der Sache vm- seinem Forum zu 
trefl'eu liaf. 

Wir fürchten fast, man werde uns den Einwurf machen 
dass ein Vergleich der rudimentären russischen Lamlschaftsiuslütt- 
tionen mit einem sc vollständigen, sich sogar auf Gemeinde- und 
Rciehsparlaiuoiit. erstreckenden Verfüssungssystem sich von vorn- 
herein verbiete. Kvinnorn wir uns jedoch der sei i uu oben citirten 
Erklärung di-r «Nordischen I'ost», welche die Hoffnung ausspricht, 
durch die Betheiligung und Handhabung der wirthschaftlichen In- 
teressen Seiten* der lievidkcniug die sittlichen Vorbedingungen einer 
Weileren politischen ICnnvickelmig des Landes ym gewinnen, so dürfte 
man vielleicht gerade ans dem gebotenen (iesammtbilde der Öster- 
reichiselicu Verfassung den l''ingei zeig entnehmen, auf welchem Wege 
sich die Li ltl-'l russisrhen ;iai smauüiT die fernere politische, 

Entwickelutig des russischen Staatslelieus gedacht haben, und zwar 
um so mehr, als auch die österreichische Verfassung durchaus nicht 
mit einem Male, sondern stückweise und sehr all müh lieh ent- 
standen ist. 

Es mnss nun von vornherein hen-orge heben werden, dass die 
österreichischen I nstitntiiuien selbst den Kriterien der hoher ent- 
wickelten englischen Helhstverwaltutig nirlit. entsprechen. Nach 
Gneist heissl in England Selfgnvernmeut die Verwaltung der Kreise 
und Ortsgemeinden nach den Gesetzen des Landes durch Ehren, 
iimter der höheren und Mittelstände initlelsi. {lonmiiiuiikjrniid- 
ateuern und besteht wesentlich in der TJ e u e r t r a g u ng der 



ten auf die verschiedenen Klassen des Besitzes. 
Basis , auf welcher die englische Verfassung 
lische Freiheit erwachsen ist. Die österreichische 
gewahren dagegen nur den Oitscommuuen die \ 



verfuhren milmllicb 



404 Herkunft and Zweck der russ. LantUchaftsinsl it nfionen 

und jede obrigkeiilidie Antoiitiit. zu Gunsten der staatlichen Kreis- 
liehiinle und (In] 1 SfiiMliülti-ri'i •■n'z- wird. Abstrahirt man von 
der gesetzgeberischen Thfttigkeit des Landtages, so sind somit 
Kreis und Land, und zwar ersterer in ganz abstracter Reinheit, 
nussdtliesslich Cuiuinunalverbande zur Versorgung ihrer wirth- 
schaftlichen Interessen. 

Vergleicht man unter dieser Einschränkung die rassischen 
Lands chaftsinätitutioncn mit den osltarcichisi-hci] hinsichtlich ihrer 
Organe, der Stellung derselben unter einander und gegenüber den 
Staatsbehörden und besonders hinsichtlich ihrer Comnetenz, so ist 
die Aehnlichkeit zieinlidi IVa|inaiit und bf-stiitigt unser.; Vermuthung, 
dass wir es hiev mit einer Nachbildung zu thun haben (vgl. 
namentlich betreffs der Competenz g 2 <Jt ff. des Gesetzes vom 
1. Jan. 18G4 für Russlaud mit den oben angeführten österreichischen 
Gesetzess teil en). 

Es wird den russischen Staatsmännern kaum ein Vorwurf 
daraus erwachsen, dass sie die den österreichischen Landtagen zu- 
stehenden gesetzgeberischen Befugnisse auf die im § Gli des russi- 
schen Laudschatlssesetzes festgesetzte Bt-ruulitijrmjg der Gouver- 
nementslandselialisversiinimhtiig zum Hrlass örtlicher Verordnungen 
eingeschränkt haben, da das Musische firjuveniemeut nicht den Cha- 
rakter eines besonderen hit nvr-ss^n ^bi etc-s. wie die 'ist emd dachen 
Kronlander, beanspruche kann and man Rtisshuid deau doch schwer- 
lidi rar. «i-jti'iii Kri'idsi! mit l i-i:;iindi.ntcn Kijureniementsgesetzge- 
bungen ausstatten dürfte. bedenklicher ist sdimi bei den russischen 
Landschafts institutionell die YVe Bassum: jeglichen Z us am inen banges 
zwischen den Kreisorganen und den i.ltlsgemeinden und der Auf- 
schub der Organisation der Verwaltung der Guts- und Gemeinde- 
bezirke nach den adoptiricn neuen Ideen und den durch die Frei- 
lassung der Bauern bedingen neuen Bedürfnissen. Und hier mochte 
man, wenn es auch gewiss ist, dass die Besorgnis vor einer Colli- 
sion der alten und neuen Begriffe der Unterordnung den Haupt- 
grand jener Versäumnis abgeben hüben, dudi meinen, dass unsere 
Staatsmanner vielleidit nicht gründlich genag den Geist der ihnen 
vorliegenden Gesetze auf unsere Zustande angewandt habeu. Das 
österreichische Gemeindegesetz vom :">. Marz H(3 hat nämlich einen 
Vorzug mit der sonst viel höher entwickelten preussisdien Gesetz- 
gebung gemein, der wol der Heachtun;; werth war, und zwar den, 
dass sie den Kreis ge wisser mnsseu als die enveitcEte. Orts<;euieiiide 
hinstellt. Freilich vevfalll es daiiei sofort in den verlniiigijisvullen 



Herkunft und Zweck der russ, Ltnnlsdiiii'isi 



Feliler, die Kreisorganisation nur faeultativ 
nicht als notwendige Abgrenzung der eigentl 
Verwaltung. Dadurch musste denn die ob 
Selbstverwaltung auf ein allzu enges Gebi< 
ilwn Kruse nur die wirllischallliidie Seite i 



e Gesetzgebungen mit -ros-er Umsicht die Verwulti 
de- und Gutsbezirke, während die russischen Landscha 
(l, ohne eiu Wort über dieselben m verlieren, in Aul 



darstellt, dessen Arme und Heine erst nachgelk'li.'vt »crdui solle 
Man könnte die Semstwo anch jenen niedrigste)] Organismen" ve 
gleichen, welche nur aus Wanst und zwei üeffnungeu für Einnäht) 
und Ausgabe bestehen, auf welche sich nach Darwin alle hüb 
orgariisirten lebenden Wesen, selbst das organisch« Mcisterwer 



■iOG Herkunft und Zweck der russ. I.andscluiftsinstitutionen. 



kratie um diese Hoffnung betrogen, denn wie schon Leroy Beaulieu 

in seinen iiusgrMirhiu'tt-ti A;i!siil?.i.'iL in der liti-im tlrs ikux ummlcs 
1878 S. 401 so treffend sagt : •& tscliinoumisme ci eu refcnir Jans 
«es Hiains leaucaap des pouvoirs, gut semblaicnt trmttertt aitx 
uistmblUs (7ii(S. und sifrs Jcm.i nai.««iKi; (c.< Zaust u:os semblaient 
ainsi condumtica ü viijehr ilans dnilii/euce et l'mMtitinh — Güll! 

mit Fonds dotirt, mussten die Einnahmequellen der Semstwo bereits 
durch ihre eignen Venvnltnngsht'diirfuisse und diu Migtiianuk-u 
obligatorischen Prästanden in so hohem Masse in Anspruch ge- 
nommen werden, dass neue Zwecke nur ■lurch jene unverbältnis. 
massige Ueberlastung za erreichen waren, über welche die Grund- 
besitzer mit so viel Recht klagen. Diu Darwinsehe Theorie hat 
sich somit in diesem Falle nicht bewährt, diu Landschaft sinstitu- 
tiouen haben sich, behindert durch bureaukra tische Routine, die 
Gewohnheiten der Regierung und die eigenen Sitten des Landes, 



erlauben, den Leser vor Aufstellung des Kehlussi-esnltais noch auf 
eiuige Einzelheiten desselben besonder aufmerksam zu machen. 



Einer der grossteu Uebelstäude der Landsdinitsinstitut innen 
besteht in dein Misverhällnis der Gnis.se des Apparats der Gou- 
veiwnentslandsehafts Versammlung zu ihren Angaben und ihrer 
Competenz. Eiue grosse Menge von Menschen wird alljährlich 
für lange Wochen ihrem Hernie entzogen und zum kostbaren 



Knchanowschen 
gefunden und v 
eine gründliche 



Commission eine sehr ausgiebige Berücksichtigung- 
rd hoffentlich zum Wohle der inneren Provinzen 
Wandlung erfahren, auch auf die Gefahr hin, die 



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Herkunft und Zweck der russ. I.aiLdschattsinsliluÜoilen. 407 



I.andseliiit'tsinstitutioiien ihrem ursprünglichen Zwecke niclit uner- 
heblich zu entfremden. 

Ks ist oliiie Zweifel hockst bedenklich, gesetzgeberische Subü- 
pfnngen aus ihrem Ursprung Ii eben Geleise zu heben uiul dadurch 
den Eindruck Oes Experiment! reiis hervorzubringen , und mau 
müssle daher, ive.nti richtig gedeutet utnl erkannl worden kl, dass 
die russischen Staatsmänner mit. den Ijiindschaftsmslitutionen iin 
Geiste der österreichischen Verfassung haben arbeiten und ein« 
Weiterentwicklung haben vorbereiten wollen, den Scliluss ziehen, 
unsere Inst.ilutiimen in jenem (leiste weiter auszubilden. Aller die- 
österreichische ii Landes' inlnunL'cn debe-nclnrcn direet in das Abge- 
ordnetenhaus, d. i. in das Parlament. Das Parlament wäre aber 
für Russland zur Zeil das grosste Unglück. 

Die Reform wird sonach mit Nothwendigkeit allerdings in an- 
den; RuLneu einlenken milden und aaii/, im Gegensatz zu den Er- 
wartungen eines grossen The.iles des russischen I'ublieums die 
üiinvenieiiientsliiinlseliiUtsiieiriihisiilionen anl ihr st riet für die Er- 
ledigung der ihr zugewiesene)], nicht bereits in den Kreisen absol- 
virtetl, wirt lisch alt liehen Bedürfnisse nolhwendiges Mass zurilck- 
fiihreu und den zeitraubenden und kostspieligen Apparat verein- 
fachen müssen. 

Dieses liesse sich sehr Wehl dadurch erzielen, dass man die 
CiimpeteiK derselben um die Vorbereitung: der den Kreisen in 
allgemeinen Guuverncmeutsaugelegeuheiteu zu machenden Vor- 
lagen bereicherte., die l-'llnclioncn der Guuvernemeutslaudsdett'ts- 
versnnnuluiig durch eine in den Kreisscmslwos zu wählende, in 
pleno temporär zusammentretende Conuuissiou mit einem oder 
mehreren ständigen Mitgliedern unter dem Vorsitz des Adels- 
marschalls und nicht durch jenes Goiivorncmeiitspsilaineut aus- 
üben liesse, die Besch lussfassung aber, auch für allgemeine 
Gouvei'iiemetilsaiigelegcnhciteit, in die Kreise verlegte. Für ganz 
ausserordentliche Falle, wo raschere Beschlussfassung geboten 
scheint , wie Einberufung der Landwehr , besondere Naturereig- 
nisse &0„ konnte dann diese Commission verstärkt und mit ausser- 
ordentlichen Vollmachten uu delinitiver ISeschliissnatime ausgestattet 

Mit einer solchen Organisation wäre man mit einem Sprunge 
aus dem mit grossen Unfern au Arbeitskraft, Zeit und Geld er- 
kauften ungesunden Gouvernements Parlamentarismus heraus und 
hatte durch Zuweisung eines angemessenen Icbeusi ollen Inhalts an 



40« Herkunft und Zweck der russ. Landschaft s Institutionen. 

die nunmehr wichtigsten Organe : an die Kreissemstwos, die ge- 
sunde Basis für die Entfaltung einer wahren Selbstverwaltung nach 
den Prineipien der heutigen Staatskunst in dieser gewonnen — eine 
Gestaltung, welche sich in Kürze folgender Blassen reaumiren liesse : 
im Kreise eine alle Stnatsfunctionen mnsehli essen de Selbstverwal- 
tung durch Landschaftsbeamte mit obrisrkeitlithtr Autorität, und 
Construction der Gouverneuientslandsi-hatt in der Form einer Föde- 
ration der Kreislaudschaften r.a einigen bestimmten Zwecken. 

Und gerade für die Zurüekverlegung des Schwerpunktes der 
lambdial'tliciien Selbsl verwallnug in diu Kreise ^rechen man- 
l1 ui Krwagungen, welche mau dntvhaus niebt nasser Acht zu 

Mit deni Augenblicke, wo die politischen Rechte in den 
isiirupSiisctimi Staaten auf alle Klassen der Bevölkerung ausgedehnt 
wurden, gewann bai der Schwierigkeit, die grasen Massen ilireet 
zur Mitwirkung zu berufen, die Ueherlragmig der Ausübung der 
politischen Rechte auf in mehr oder minder complicirtein Wahl- 
system gewählte Delegirte um ao leichter das Ansehen eines 
Axioms, als für dieselbe auch [las geistige Uli verneigen der grossen 
Massen militirte. Damit wurde der Schwerpunkt des politischen 
Lebens in die Wahlen und die Wahlagitation verlegt, welche 
periodisch die europäischen Volker in fieberhatte Erregung ver- 
setzt. Aber schon sind Anzeichen vorhanden, dass die Erkennt- 
nis politisch reiferer Völker sieh nicht mehr mit dieser indirecten 
Hetlieiligimg begnügen, sondern selbst in Einzelfragen mit ent- 
scheiden will. 

Der erste Schritt hierzu sind die auf Special fragen gerichteten 
Wall [Urogramme lllid Wahlreden, wie sie besonders in Deel scbln:a! 
immer mehr in Uebung kommen. Eine Concession von oben die- 
sem Bedürfnis gegenüber sind die Plebiszite, für ausserorde.nl liehe 
Fälle, wie wir sie in Frankreich keimen gelernt; die wahre Aus- 
gestaltung dieser Richtung finden wir aber in der Schweiz, wo 
bereits vor etlichen Jahren die Forderung nur Geltung geliraclit 
worden ist, den Wahlversammlungen ja allen wirliugi'n Fragen 
Initiative und Veto zu gewähren, das natürlich eine lierieliterstal- 
tung an dieselben — das Referendum — seitens der Delegirten 
zur Voraussetzung hat. 

Der kleine Schweizerstaat liegt weit ah von der Tagespolitik, 
und dennoch dürfen jene Vorgänge nicht iintersrliili vA werden, weil 
sie auch in anderen Landern im Geiste der Zeit liegen. Filde- 



Herkunft und Zweck der russ. Landsehaftsinsütutionen. 409 



genossensc haften entspricht so sehr dem Geiste der Zeit 
und besonders dem Triebe nach Geltendmachung der einzelnen 
durch das moderne Staatsrecht üon der S t a n d e s g e n o s s e n - 
schaft losgelüsten und im gössen und ganzen schwer zur Gel- 
tung kommenden [[nliwi':u.ililat : dass man geneigt sein muss, jener 
zunächst nur in der Schweiz praktisch zu Tage getretenen Forde- 
Gebiete bei Fragen von weittragender Bedeutung, bei complicirten 
Gesetzgebungsakten ül-l-I] rm 1 1 ^ zu tragen wäre, und je grosser der 
Staat ist, um so weniger scheint ein derartiges System zulassig 
zu sein ; aber in den wirthsoh ältlichen Fragen des Gouvernements, 
wo- es sich in der Kegel nur darum handeln wird, ob eine Brücke, 
ein Krankenhaus, eine Chaussee gebaut oder unterhalten werden 
soll, erscheint es sogar buchst em »fehlen swerth, nach vorgängiger 
eommissorinlischi'r I >m iilitnii i\ttmng die definitive Entscheidung 
über den Sackel in die Kreis Versammlungen zu verlegen, welche 
den Contribuenten möglichst nahe stehen. Dies gilt ganz beson- 
ders für die bauerlichen Interessent en, deren Mitglieder, wie die 
Praxis lehrt, in der KreisversauunliLug recht häufig, in der Pro- 

•IHlnltrnvituBilori/ hm IIIM.tilfTi -t-l'* Iefli-l-1| -lud UU'l IU <1-0 

letzteren durch ihre völlig depaysirte Haltung ein recht trauriges 
Bild abgeben. Sollte nicht viellcichl germle in diesem Umstände, 
welcher ehrgeizigen Strebern einen so prüeldigen Spielraum bietet, 
die Ursache der allgemeinen Klugen wegen Ueberlostung der 
Steuerkraft des Bodens zu suchen sein? In einer so tiefgehenden 
wirtschaftlichen Urnwalzungse poche, wie sie Russland eben durch- 
zumachen hat, wo der grosse Grundbesitz und der bäuerliche Besitz 
gleich wenig cunsiilidirt erschein!, ist iih iv.lIu- wenig Veranlassung 
zu prahlerischen Unternehmungen, welche durch die Kostbarkeit 
des Senistwuap[>ara(e.s selbst uudi so erliehlich vertheuert Werden. 
Und die Verwaltang der Bemstwo ist durch die hohen Hagen, 
welche überall Regel gewurden sind, so mivei hall ni-müssie; Liener, 
dass es ihre erste Aufgabe sein muss. ihre, Kesten auf dnsäusserste 
zu beschranken. Wie viel würde auf dem obigen Wege erspart 
werden, wenn die Gagirung auf die geringe Zahl ge seh äftslü Irren- 
der Glieder der Gouvernemeutscomuiissioii beschränkt und damit 
iL tiilers ilcht igen Strebern die Lust abgeschnitten würde, sich durch 
kostbare Projecte als die berufenen Vertreter zu geriren I Wie viel 



■110 Herkunft und Zweck 



nützliche Zeit «ml wie viel unnütze Ausgaben wurden einer grossen 
Zahl von Personen erspart werden, wenn mau statt der grossen 
Zalil Delegirter deren nur einen aus jedem Kreise in die Gouver- 
nemo ntss ladt zu schicken hätte !. Und wie vi«! endlich gewönne di« 
Sacht Stilist iliucli tli« Mii^licliktii einer vorsichtiijertu Auswahl 
in einem Laude, wo bei dem hm schi nden Absetilismus tüchtige 
Arbeitskräfte in der Provinz sn selten sind! 



bisherigen Conipelciizcn diu- Kreisinstiültiunen ohne staatliche Auto- 
■rität, ohne jeden Zusiimm.-nliaiii; mit der örtlichen Polizei und der 
YenvaUun;: ili-v Gemeinden wiid man nicht weit kommt», das hat 



mit Recht die Bewunderung aller Ken 
anderen Ausgangspunkt gewählt oder ne 
unscheinbarer Natur ist, dass die russiscl 
fach übergehen zu können meinte, und i 
[ireussische Gesetzgebung in ihrer Strucl 
jenes Ausgangspunktes, jenes ersten Ans: 
redender Beweis seiner Wichtigkeit. D 



wendigkeit der Aufhebung des Viril Stimmrechts der Gutspolizei 
und der patrimonialen Ordnung auf dem platten Lande. Auch in 
Rusaland hat man es bei Aufhebung der Leibeigenschaft für not- 
wendig erachtet, die Utitsnolizeien zu vernichten, leider aber ver- 
säumt, etwas au ihre Stelle zu setzen. Die Gutsherrschaften sollten 



OiqiiizM Dy Google 



denn eines Tages der bisherige Hm- Uber Leib und Gut seinen? 
einstigen Leibeigenen wehrlos gegenüber , bis nuf den letzten 
Schatten jeglicher Autorität entkleidet, selbst den eigenen Knech- 
ten and Dienstboten gegenüber nicht, besser ausgestattet als jedei 
Stadter, aber nur mit dem Unterschiede, keinerlei polizeiliche Hille» 
in der Nahe zu haben — ein CapiUn auf stürmischem Meere, 

Fahrzeug in den Hufen bringen sollte 1 Das war keine Reform, 



zeitigt bat! Da mag der russische Bauer .so gut veranlagt sein, 
als er will, ein derartiger Zustand, welcher die höher stehenden 
und gebildeten Elemente in den Augen der Masse erniedrigt, inuss , 
die socialen Unterlagen des Staates untergraben. Die Autorität 
baut sich stufenweise von unten nach oben auf und nicht umgekehrt. 
Mit der grössten Deferenz gegen die oberste Staatsgewalt ist 
Zudiüosijjlwit und bauerischer Uebermuth sehr wohl vereinbar. 
Die Hilflosigkeit der Dienstherren auf dein Lande gegenüber dem 



sehen Zustande in hohem Masse kranken und die unmittelbarer 
Hilfe bedürfen. 

Wir sind nicht Gegner des russischen Ki ied ausrichten uslituts, 
meinen vielmehr, dass man mit ihm einen recht glucklichen Uriit' 
gellian und dem russischen Volk ein seinen Anschauungen und Be- 
dllrfnissen angemessenes Geschenk gemacht bat. Aber zwei grosse 
Fehler hat in unseren Augen dasselbe doch. Der eine — der 



Polizeibehörden absorbirt, und das ist ein grosses Unglück, Ohne 
I'olizei kann tler Staat nicht esistireu, und eine Polizei, welche 
öffentlichen Unfug, Ruhestörung, Ungehorsam und Auflehnung 
gegen ihre Anordnungen nicht von sich aus bestrafen kann, ist 
lahm. Snllte'unser Krieiieusriditer nun einmal nicht, wie in Kng- 



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412 Herkunft und Zweck der russ. Landsclmftsinstitutionen. 



!aud , ein Polizei- und Verwaltungsbeamter , sondern ein reiner 
Justizbeamter sein, so hätte dieser aus England imiiortirte Name 
doch wenigstens daran erinnern sollen, dass es hochcaltiviri« Län- 
der giebt, in denen die Verbindung der niederen Strafjustiz mit 
der Polizei mit grossen Voriheilen liest »Iii. und dass, je weniger 
enltivivl. ein Land, um so weniger empfehlenswert!] die allzu (Joe. 
trinilre und schroff durchgeführte Trennung von Justiz und Ver- 
waltung in den unteren Sphären des Staats! eben s ist. In Preusseii 
gab den Anstoss zur neuen Ktvisrjiinr.mLr mit mren neuen ['■tlisi- 
fimtern die Xothwendigkeit der Aufhebung der patrimonialen 
(Jntspolizeien, — in England war die Erfahrung, dass eine wirk- 
same Handhabung der Polizeiordnung nur durch angesehene orts- 
angesessene Manner möglich sei, die Veranlassung zur Einführung 
der Friedensrichter , nun, und tehltcn etwa für Russland dieselben 
Impulse zu einer wirksamen Neugestaltung der ländlichen Polizei? 
• Das wird schweilich jemand in Abrede stellen. Man hat diese 
Impulse verkannt und sie auf den falschen Weg der Fliedens, 
nchlcvinstitntionen srcwiijsen, aber das Bedürfnis nach einer kraf- 
tigen Polizei auf dem Lande unter Heranziehung aller notablen 
Elemente zti derselben ist nicht zu unterdrücken und macht sich 
in lauten Hufen aus allen Theilen des Reichs lebhaft genug gel- 
tend. Und fürwahr, so lange diese Kranit in Itussliiml nicht glück- 
Hi'h erledigt ist. so lange erkennen wir keinen Hoden zu gesicherten 
ländlichen Verhältnissen in den inneren Gouvernements trotz allen 
Friedensrichtern, und nur wenn, ebenso wie die niedere Justiz 
sich im Friedensrichterkreise (»spyri.} abspielt, sich auch die nie- 
dere Polizei unter Betheiligiini; der leilieveu Klassen der ortsonge- 
sessenen Bevölkerung im Puli/cikreise abspielen wird, werden wir 

Die Wünsche der russischen Gesellschaft oder der Semstwos 
haben sich grösstenteils in dieser Beziehung auf die generell 
durchzuführende Veieinigm;.' d-.r i littsiic/irke mit den bäuerlichen 
Gemeinden zu einer nllsl [indischen Widos! lixirt. Wir können jedoch 
bei aller Anerkennung dieser Idee im Priticip ttns nicht enthalten, 
gerade hier ttns der Warnung licsohrasows vor neueil Ruinen an- 
zuseldiesseti. Bei der Neuheit der Verhältnisse wäre die Gefahr 
vor bösartigen Canflicten eine recht grosse, um so mehr, als mau 
in den meisten Gouvernements nur Uber ein sehr geringes geeig- 
netes Personal zu verfügen haben wird. Es sollte daher oine 
solche Bildung von allst andisdieu l'oüzeihezirkcit KUiiächst nur ans- 



Ii miisste im Zusammenhaue mit 



ü der I,;Liiils(:lirifl ffew; 



en festen uliiI aidieivn FivysUillisiitiimspuiikt in ihm wiederfinden 
rde, welcher die Bedingung und Voraussetzung eines friedlichen, 
■ beständigen Schwankungen und Erschütterungen gesicherten 



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414 Herkunft und Zweck der mss. Lmitlsi.-liaii ^inst U ntiOLieiT. 



Das Gesammtresultat unserer Betrachtungen lässt sich nun- 
mehr in folgenden Sätzen resumiren: 

Allerdings haben die Lnndschaftsinstitutionen v. J. 1864 aus 
den im ersten Theile unserer Untersuchung ausgeführten Gründen 
die ihnen gesetzten Zwecke im wesentlichen verfehlt und ebenso 
ist nicht zu leugnen, dass sie den alten Kiemeuten der russischen 
(icHel^chail. wie üuiüii iicmn-iliibgs Hr. Pasuchin in <RusskiWest- 
nik. mit besonderem Nachdruck vorgeworfen hat, nicht eine aus- 
reichende lii'riU'ksichli:;uii<; haben un^eihdhen lassen und dass sie 
deshalb that-iu;!ilkli ihsin^anisirend gewirkt haben, ohne etwas 
Besseres au die Stelle zu setzen. 

Mit dem Vorwurfe des Liberali sin us, den Hr. Pasuchin den 
Schöpfern der Laiulschaftsiiistitutioiien entgegeirwirit, ist ja an und 
für sich nicht allzu viel gesagt, da die Zielpunkte einer Reform, 
welche die neuen Stande zur Mitbethäügung an der öffentlichen 
Verwaltung beruft, schwerlich anders als liberal, il. U, liier in 
meinem Sinne staatsphilosophisch coustruirend gedacht und nur die 
Ausgestaltungen der Dinge an das Historische anknüpfend und 
conservativ vollzogen werden kümien. LIeberdies werden diese 
Kla.s-iliriUiuneu hier und im Reiche gewiss sehr verschieden;!]'!!;; 
formulirt, sind nach Zeit und Umstünden ihrer Natur nach wech- 
selnd and daher ziemlich irrelevant ; aber der Geist, in welchem 
Pasuehin schreibt, seine häufig auch iui einzelnen zutreffet) den 
Kritiken haben ihm ohne Zweifel diesseits und jenseits der Düna 
die lebhaftesten Sympathie]] erworben und den Wunsch wachgerufen, 
dass seinen Anschauungen der Sieg wird. Gewiss wäre es auch 
für das Innere des Reichs besser und im Interesse einfacherer 
Klärung der Probleme, wenn man jene oft nichtssagenden Katego- 
rien bei Seite Hesse und die einzelnen Mängel des Instituts concret 
ins Auge fassen wurde. 

Diese Mängel «ber sind meines Erachteii3 wesentlich in der 
fehlerhaften Slructur der Aeiuter zn suchen, welche ohne Zweifel 
dw Verleugnung der wahren und ircnieiu^iltigcu l'iiucUiieu der 
englischen Selbstverwaltung entsprungen ist. Die Semstwo ist 
eben nicht eine Verwaltung der Kreise und t Msgeineinden durch 
Ehrenämter der hidicieu und Mittelstände mittelst Com mtmal steuern, 
auch ist ihr weder die Polizei, noch irgend welche StaatsfunetioD 
übertragen , sondern nur eine Organisation der Provinzen und 
Kreise zur Befriedigung eines gelingen t'mfanges wirtschaftlicher 
Interessen. 



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Herki 



415 



in ihren ErriBorgftnisationBprojeeten die Mängel der Semstwo 
zu vermeiden, entzieht sich zur Zeit unserer Untersuchung. 

Landpolizei auf die Tagesordnung getreten ist und Dane Zweifel 
noch zu wiederholten Erörterungen und Prüfungen der eigenen 
Anschauungen führen wird, kann ich nicht umhin, dein lebhaftesten 
Bedauern darüber Ausdruck zu gehen, dass Livland zu Gunsten 
seines l'rojects der dislocirten Ordnungsgerichtsadjnucten das 
li-ljeiLsviillmi; , in de|ll Aufbau der laiiilsdiiiftlidien Ehrenämter 
schwer zu missende Institut der Amtsvorsteher verworfen und 
dadurch Kurland in die Iiiige gebracht hat, dasselbe auch seiner- 
seits aus dem Krebjrd Illings urtjjed,e zu eliminileu und ad separatem 



der die organische Viiibiiithuij- thr e.hn:mimtlirlit:ii Verwaltung der 
Gemeinde mid Kreise eben so geschmeidig als zilie stu verknusten 
im Stande war 1 , der Wegfall desselben beraubt die Structur der 
Kreisorganisatiun ihrer lebensvollsten Faser. Minister Frieden- 
that sagt in der Debatte «her die prenssische Kreisordming : .Der 
Amt-Wiik i-uthüH neben seiner mehr wiiihschtUtlidteti Function 



üutsvorsleher.. — Dies sollte auch für uns geltenl 

So wenig ich somit mit dem für Livland geplanten bureau- 
kratisch organisirten Institut der im Kreise vwlheilleu Oidimngs- 



IK-iiiurtmiij, der ^|.l,..,t ( : Aiui.»vursti'liiT uls Ori.|...li/ri in ^iu.'i.i dem [.iviih- 

Kisi-lu-n illilli« grhil.M.-H Tk/.i.k 1111.1 Iiis Zivi,.di,-|lijls.lm„. jiivisdlMl 1I1T Kh-W 

jinliwi nii'l iti'ii Ours- nii'l liMiii>iiiil..[riti/i iiii L'i ilii.Iit i.t. lli-r Kiirli-]iiil'i'iir 
HIi Ijit luitt-: :iih ilru il-i A -ii ■ idi I; Ii Li l'r.li M ,iil:i.'!ii iL ... I !.i ll.l i tili: n I i -lr ik v 
Ann.« viir.'fthiir "\ bilden um] 'ii item KiK]^|iivliiiu:iv,-iit mir (ientljiuiijiiiij; vi.r 
zulegen. Die v.jn lHitiiim Ai-ic|ilirlcn «-ürili'ii ili'iu iMiiliMtirm zur lti-1lilii;lllii; 

rorgeotellt. II i e Ke il, 



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41(i Herkunft und Zweck der russ. Landau Im fts institutionell. 



.mit der Seliwesterprovinz nicht hadern und zum Scliluss nur eins 
noch allen, die.-M'its und jensdts der Dmi;i, ins Odiiditnis rufen, 
und zwar, dass es vor allein anderen bei der Reform der Landpolizei 
zu heutiger Stunde darauf ankommen wird, ihr denjenigen Charakter 
zu bewahren, den uns Art- IV des Privilegiums Sigismund] Äugusti 
garantirt und an welchem wir allezeit so [est gehalten haben. 
Tetelmünde, 5. April 188ä. Ferdinand Behr. 



Der Dom zu Riga und seine Wiederherstellung. 



cbdem durch die Vollendung der grossen Domorgel (las 
| Interesse auch für den Dom selbst weit über die Grenzen 
(kr baltischen Lande hinaus j;e\v;i.'hsen war, trug die höchst, aner- 
kennen swp.itbe Untersuchung des Domes (iureli It. Guleke' die 
Kenntnis seiner Geschichte und seiner Schicksale iu Weitere Kreise, 
und niclit zum geringsten Theile wird es dieser Arbeit zu danken 
sein, wenn eine (Iure Ii greifende Restauration des erhabenen Bau- 
werkes in nahe Aussicht gestellt ist und mit dieser ein der Archi- 
tektur des Ganzen mehr entsprechender Ausbau der TIiurmfaca.de. 
Eine so bedeutende Arbeit aber, wie die Wiederherstellung und 
der Ausbau des Domes zu Riga, des alleren Gebäudes und erstell 
Zeugnisses deutscher Cultur in den baltischen Landen, erweckt 
natürlich in den betreuenden Fachkreisen ein um so grosseres Inter- 
esse, so dass es nicht un^crochiicrli^t erscheinen dürfte, wenn 
auch nach der oben erwähnten Arbeit R. Gulekes nochmals auf 
die Angelegenheit eingesungen wird. Gilt es doch bei dieser 
Wiederherstellung sc. manche an dem Ihme Jahrhunderte hindurch 
begangene Sünden gutzumachen und so manche Wunde, die Un- 
wissenheit und Vandalismus ihm geschlagen, zu heilen. Und es 
ist bekanntlich keine der leichtesten Aufgaben für den ausübenden 
Künstler, die ihm bei der Restauration alter Bauwerke zufallt, 
nicht nur, wo es gilt, das Wichtige und Erhaltungswerthe von dem 
Unwichtigeren und L'uliraiiehbureu zu sondern, er hat auch in 
vielen Fällen der Pietät Rechnung zu tragen und manches Stück, 

<Bslt. Mciwtwthrift* Barnl XXXI, 



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-IIS Der Dum zu lli-pi nutl seine Wiederherstellung. 



lins zwar in künstlerischer Beziehung tlicüt immer weiUivoll, aber 
dnrcli Tradition und Gewohnheit geheiligt worden, zu erhalten, su 

der Selbstentsarrung zu (Iben. Denn auch ein« Wieder] Leiste] Inn g, 
welche nicht pietätvoll vorgeht und auf kunsthistorisclier Basis 
arbeitet, ist Vaudalismus. Dass in ilii>si-i- Beziehung viel gesündigt 
worden und noch gekündigt wird, beweisen die zahlreichen Berichte 
deutscher Fach zeitungeil, und dieses liegt nicht immer daran, dass 
dem mit der Wiederherstellung von Denkmalern Betrauten die 
Kenntnis lür seine Aufgabe gefehlt hatte, als vielmehr an dem 
Mangel der Kunst des Sich versetz eus in die Aufgabe und des voll- 
ständigen Aul'gehens in den Geist der früheren Krbuuer und ihrer 
Zeit. Darin aber liegt (1er Schwerpunkt bei der Wiederherstellung 
alter Denkmäler, dass sie im Sinne und Geist der Zeit geschehe, 
welche sie hervorgebracht, damit das Andenken an das Leben und 
die Thülen der Vorfahren in dem heutigen i leschlcehte wach er- 
hallen werde lind das lebendige I iewns^lseiu der Verhimlnug eines 
Volkes mit seiner Herkunft und Vergangenheit nicht erlösche 1 . 

Vornehmlich aht-r gilt tlieses von den durch ihre räumlichen 
Abmessungen besonders in die Au^cn fällenden Denkmälern der 
Architektur. Da giebt es nicht allein oli Schilden zu heilen, die 
Rohheit, Gleichgiltigkeit und Unwissenheit dem Baue augethan, 
auch die mannigfachen Verir rangen, welche die auf einander fol- 
genden Bauperiodeii hervu [gebracht, sind zu verwischen und un- 
fertig gebliebene Theile im l'liarakter des Ganzen zu ergänzen. 

Vor allem sind es zwei Hauptfragen, die man sich viizulegen 
und zu beantworten haben wird : 

1) Welche geseliidilhcheii Vorgänge kiiii|i1cn sich an den 
Bau? und 

2) welche Gegenstände haben für die Erinnerung an diese 
geschichtlichen Vorginge besundere Bedeutung? 

Beantwortet man sieh diese, fragen jetzt in Bezug auf den 
rigacr Dum, so wird mau unschwer erkennen : die Ii er Co fragend- 
sten geschichtlichen Kreignissc. die sich nn seine .Maliern kuii|)fen, 
sind die Einführung lies (.'hristetdhiuiK' nnd ilie Gründung Rigas. 



' A. v. AVuwV.v. Di,- KiliaUun^ .! r I>-uI:iii:l1.t in itrri riilmr-1.iiil.LI. U.'vlill. 
1HRS. Rt+prn-liimi; <le* IVitIo-" in ilcr -:D-illsrlk'll Hiun'ililiil, 1 ', 1BS-"), Nr. 11. 

" ii ii ijl.ii- Ii -clii.ii rtwn ftiiifa-liii .l:e!iri- vor ili-r liriiinlima lti^H iliucli 
Iii- lml All.il i'lirisllirlie kir.-1i.-H ln-l:illilcli IüiImi, ivii; .Iii-.ii-liii.-P eh t-eikiill, 
-■■ v.ii.l l. rtvil v.iii j l j i ■ ■ 1 1 ll;mti-]i niiln;. ;iill un-eiv /--il v^'unuen mul 



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Der Dom zu Riga und seine Wiederhenstellung. 



419 



ferner das Aufblühen der Macht des ßürgerthums und die Ein- 
führung der Reformation. - Bei Beantwortung der zweiten Frage 
Sieht mau wiederum Folgendes : 

Als charakteristisch und von lesendem- Bcleuiiing für die 
Einführung des Christfinthums und die Gründung Rigas ist zu be- 

Fragmento des Grabmales des ersten Bischofs Meinhard. Ferner 
Rlr die BlDthe der Macht des ßürgerthunis der Uebergang der 
Kirche in den liesitz der Stadt, die Aufführung resp, Vollendung 
der Sciteiiscilitl'cil pellen und des 'l'hunnes nach dem Brande von 
L547 und vielleicht das Grabmal des letzten Erzbisehofs Wilhelm 
von Brandenburg in Bezug auf die Eiufiihriiug der Rei'urination. 
Hieraus resultiren weiter die beiden Fragen: 

a) Wiu ist das Innere des Domes entsprechend herzustellen 
und in welcher Weise hat seine Ausstattung zu erfolgen ! 

b) In welcher Weise hat diu Wiederherstellung desAeusseren 
zu geschehen ? 

Gehen wir nun an der Hand der Arbeit R. Gulekes und 
mit Zugrundeh-:; uhl; vergleichender Studien im den in den deat- 
Bctaen Ostseehiuden erhaltenen Baudenk malern der gleichen Art 
auf die Beantwortung dieser Fragen ein. 

Vor allen Dingen ist bei der ersten Frage ins Auge zu 
fassen, dass wir es mit der Wiederherstellung einer ursprünglich 
katholischen, ji'l/.i. dein HvaiiiMiseli-hitlierisi-k-ii Gottesdienste ge- 
weihten Kirche zu thun haben Der Schwerpunkt des letzteren 
liegt in der Predigt. Es ist also der Hann träum, d. i. das Mittel- 
uud Querschiff, nach Möglichkeit für die Aufstellung eines geeig- 
neten Gestübles auszunutzen, wobei neu zu beschaffendes selbst, 
verständlich dem Stile des Gebäudes zu entsprechen haben wird, 
während das aus der BenaissanceBeit erhaltene, oft recht schön 
gearbeitete ebenfalls zur vollsten Geltung zu gelangen hat. Der 
Fussboden ist wieder in die ursprüngliche Lage zu bringen 
und ihn etwa noch deckende Grabsteine wären aufzunehmen und 
dieselbeu mit den übrigen erhaltenen Grabmalern und Epitaphien 
in geordneter Weise in den Seiten schiff Capellen unterzubringen, 
die Capellen aber durch Gitter in Kiinstselnniedeiiileit von den 
Seitenschiffen zu trennen, wie, solches in der Marienkirche zu 
«im Tlicil mir *m ihr Chronik Hrinri.li» ilta I.rli™ licksuitit HI, iltr Dum in 



|-Ji] l.'er Dum zu Riga und seine Wiederherstellung. 

Lübeck, der Nikolaikirche zu Wismar, dem Dome zu Schwerin 
und einigen dtmziger Kirchen mit Erfolg durchgeführt ist. Ueber- 
haupt ist das, WUS dem Ritus des lutherischen Gottesdienstes stö- 
rend sein würde, in schonendster Weise m beseitigen ; doch darf 
die Beseitigung nicht so weit gehen, dass dadurch das historisch 
Werthvolle eine Einbtisse erlitte- Die Apsiden der Seitenschiffe 
würden sich in vortrefflicher Weise zur Aufstellung der Grabmiller 
des Bischofs Meinhard und des Erabischofe Wilhelm von Branden- 
burg eignen. Zu ähnlichen Zwecken konnten auch die beiden neben 
dein Tliunne belegenen Capellen ausgenutzt werden. Die Wand- 
Hitclien und iiiLiucutlidi diejenigen des Chores, sowie des Quer- 
gcbiffes und der Apsiden, eben so die Gewöl bedachen . sainmt den 
Laibungen der Bogen mtlssteu einer Borgfaltigen Untersuchung auf 
ehemaligen nialcrisdicn Schmuck unterzogen werden, denn es ist 
kaum anzunehmen, dass diese bevorzugten Tbeile der bisdiüllichen 
Hauptkirche nicht durch einen solchen ausgezeichnet gewesen 
wilreu. Ein wie hohes Gcwjrht uWilianpi auf die malerische Au.s- 
silimuckmig der Kirchen gelegt wurde, beweist z. B. der Synodal- 
bescbluss von Arras im Jahre 1025, wo es heisst : Was die U11- 
gelchrtcn iiictif durch Lesung der heil. Schrillm) sieh aneignen 
könnten, das erblickten sie in den (iest.ali.ei) der Gemälde, Unter 
der dicken Kalkkiuste werden gewiss noch alte Malereien erkalten 
sein, und, um mit W. Ltibke zu reden, mau braucht nur zn klopfen, 
so sprengen sie ihre Decke und treten wie gerufene Geister hervor, 
Zeugnis abzulegen von dem Lehen laugst vergangener Zeiten, 
lliese etwa wieder entdeckten Malereien waren genau im Sinne 
der Zeit, die sie schuf, von berufenen Händen zu erneuern. Was 
etwa von solchen Malereien erhalten sein konnte, muss in die 
lilüt.hezeit der romanischen flpudie fallen, die jetzt schon den 
früheren byzantinischem ( 'haiakter mit sein.-» inaskenartigen, ecki- 
gen und manierirten Können abzustreifen begonnen und jenen zu. 
weilen au klassische Vorbilder si reifenden Zag gewonnen hatte, 
der uns noch heute mit Bewunderung erfüllt. Sollten aber nnch 

t H|-ii(r>i .1- -ti-fmtli." .l-i. ■ Ij 11 ;-i l.n.a L»-> .11 -iiid- k. ii 

sein, so mtlsste er iu diesem Sinne und in diesem Stile in dem 
romanischen Theile des Baues wieder hergestellt werden. Gute 
Votbilder sind dazu vielfach vorhanden. Ich erwähne nur der 
vorzüglichen Gemälde der Xeuwei kskirche zu Goslar ' und der im 
Jahre 1851 durch Professor Lübke wieder entdeckten Gemälde im 
Münster und der Xikrdairapelle der Stallt Soest. 



Der Dom zu Iii an und seine Wiederherstellung. 421 

Dia der gotliischeu Bau]ii-!'imle beicils iiü^lnjiwiiiL'ii BauLheile 
des Domes müssen anch in ihren Uniereien der Zeit entsprechen, 
und ich kann mich hier der Ansicht R. Gulekes nicht anschüessen, 
der «den ganzen Bau im Sinne der letzten grossen Bauperiode 
des Mittelalters, vollendet wissen will und auch .sämmtliche 
Rundbogen felis ter in breite hohe Spitzbogenfenstori verwandelt 
sehen möchte. Gerade der Chorbau mit seinen Apsiden und das 
Querschiff sind diejenigen Theile, die noch den Charakter der ur- 
sprünglichen Anlage durch Bischof Albert zur Schau tragen. Sie 
sind die Repräsentanten und nebenbei die einzigen, die uns van 



Zeit berauben. Wie am Aeusseren müssen auch im Inneren die 
beiden Hauptbauperioden, die romanische sowol wie die gothische, 
neben einander bestehen und ilieses selbst in der malerischen Aus- 
schmückung zum Ausdruck gebracht werfen. Iii ganz anderer 
Art als die romanische Rauperiode brachte die gothische und be- 
sonders die nordische ihren malerischen Schmuck an. Das Back- 
steiimiivtorial, aus welchem wir fast nu.-sthliesslich di« Kircheiibauten 
in den Üstseegebieten errichtet seheu, rief schon an und fflr sich 



durch Vervollkommnung der 
weise durch gebrannte, färb 
Verzierungen, Krabben, Krei 
des Hausteinbaues nachzut 
bald zu hoher Vollendung u 
märkischen und pommerscl 
Gleichzeitig mit dieser Um 
die innere Decorations weise 



velche die Masswvrk- 
bst den Fialenschmuck 
)iese Technik gedieh 
en mecklenburgischen, 
ihre grüsste Hohe. 
■\eusseicii erlitt auch 



rativem Schmucke versah , wobei eine farbige Ornamentik die 
Hauptrolle spielte. Auch wurden Wandilächen, die grosser« Ge- 
mälde aufzunehmen hatten, vorher geputzt. Die Capitäle der Säule», 
Pilaster und Dienste waren viellacli vergoldet, wobei man dem 
Grunde eine rothe, blaue, auch grUne Farbe zu geben liebte. 

Eine grossartige und harmonische Wirkung ist dieser Art der 



Der Dom z i Riga und seine Wiederherstellung. 



kirchlichen Ausstattung nicht abzusprechen, wie einige mir durch 
eigen« Anschauung bekannte Kirchen zu Lübeck, Schwerin, Doberan 
und Wismar, die vor kurzem in diesem Sinne reslaiirirt wurden, 
bewahrheiten. Jedenfalls aber wäre iincli bei unserem Derne eine 
genau den beiden Hnuptperioden entsprechende Ausmalung des 
Inneren in Anwendung zu bringen, die in dem romanischen Bau- 
theile die bischofliche Zeit, in dem got Irischen die Bliithezoit des 

Gleiche Autiaevk-aiukeil, wie dein i na Iuris du' u Schmucke der 
Wände und Gewölbe, Ware den Fenstern ^luvenden, die iillniähli'di 
durch gute Glasmalereien auszufüllen Mären. Das meiste wird 
mau dabei wol den Stiftungen Privater überlassen müssen, doch 
sullte auch dabei darauf gesellen werden, dass die Gemälde nicht 
nur dem Stile des Baues, sondern auch der Form und Anordnung 
der Fenster entsprechend hergestellt würden, und nicht, wie es 
des öfteren geschieht, die Fenster sich den gestifteten Gemälden 
anbequemen müssen, was dann fast immer , nur auf Kosten der 
äusseren und inneren Architektur vor sich gehen kann. 

Gehen wir nun zur speciellen Betrachtung des Aeusseren 
(Iber, so würden auch hier aus den schon mehrfach erwähnten 
Gründen, entgegen der von R, Gulcke vertretenen Ansicht der 
Ueberarbeitung des Ganzen auf eine einzige Bauperiode, die beiden 
Hauptbauperioden zu wahren sein. Vor allem müesten die ent- 
stellenden Dächer der Zopfzeit, durch welche die ganze Ohorpartie 
verunstaltet wird, entfernt und nach den nocli nachweisbaren Spuren 
wieder hergestellt wurden, wobei an den Giebeln der Anwendung 
von farbigen Formsteinen und der decoi ativeu Putzfläche ein weites 
Feld eingeräumt werden konnte. Die hoben, dos Mitlelscldif ent- 
stellenden Dächer der Neil.enschilfe müssen beseitigt und um so 
viel niedriger gelegt werden, dass die llosenfenster des Mittel- 
setiilfes wieder voll zur Geltung gelangen. Der aus der neueren 
Zeil summende PuiUlban vor dem romanischen Portale der Xurd- 
seite ist niederzulegen, die frühere Fu ildamen tiruug zu untersuchen 
und die ehemalige Anordnung nach Möglichkeit wieder herzustellen 
Eben so wären die Strebepfeiler an den Seiteiischilfcapelleu wieder 
in bessere Formen zu bringen. 

Was nau den am meisten in die Augen fallenden Theil des 
Baues anbetrifft, den Thurmliim, so glaube ich mich der Ansicht 
R, Gulekes gegenüber, au Stelle des jetzigen einen Thuriues zwei 
solcher aufzufuhren, entschieden ablehnend verhalten zu müssen. 



Ol 



Seitencapellen, wie auch ß. Guleke nachweist, ill.erl.anpt nicht 

trügt ani andererseits bei den CiaWrdensern der Thurmbnu ausser 
dem Yicrmiftslhuriu nicht Micbt war. Das.-: die Hallen im Mauer- 
werk last eben so stark als der Thann sind, kann seinen Grund 
auch darin finden, das» sie, wie R. Guleke zu Ende seiuer Dar- 
legni.g Uber (Hb /weile Dinuliauiicnmle. sagt, mit als liingiinumrn 



besonders ausgezeichneten Ferse iiltchkeiten als Sitz während des 
(intlesdiensles dienten'. Iii der Kirche des lb ich meist ei-sehlosses 
zu Marienburg hefindet sich auch eine Art Logenanlage an der 
Westseite ill glänzender Ausstattung, die dem I i « i :1. meiste r zum 
Sitze während des Gottesdienstes diente. Sollt« es nicht annehm- 
bar sein, dass eine solche Einrichtung and. in der biscliiillichen 
Kauptkircbe ßigas für den Ordensmeistar bestund ? 

Bei den Erweiterungsbauten der Kirche im 15. .Jahrhundert 
begütigte mau sich damit, dem vorhandenen thurmartigen Baue 
zwei Stockwerke aufzusetzen, und wir werden uns die weitere 

Eut Wickelung des Tliunnküipers mit seinem Helm Vor dem Urämie 
von 1547 ähnlich dem der Petrikirche zu denken haben, dessen 
Form uns in mch.Tiichen Kticheu erhallen gehliebrii ist. Kür diese 
Annahme sprechen ausserdem die erhaltenen Thurm bauten vieler 
Kirchen der Ostseelande und namentlich die der labecker Kirchen, 
weiche letzteren ja bekanntlich, und vi>r allen die L'r'iHsnuige Marien- 
kirche, das Vorbild lieferten. Durch Spit 'hegen t'riese., geputzte 
Nischen und Schallle-chcr. sowie die schichten weise Anwendung 
glasirter Ziegeln suchte man die Masse des Thurmkörpers zu be- 
leben, die sich schliesslich in Giebeldreieckc mitbist«, Uber denen 
sich die kühne Spitze erhob. Aus dieser gewaltigen und imponi- 
renden Masse, der doch wiederum Lehen und Bewegung nicht 
abging, spricht der Geist eines will™ jsuir^en, t lialkraftijeu liurger- 



1 W, Lütke, Ueechlebt« 4m Architektur. 



424 Der Dom zu Riga und 



tliums zu uns, es weht uns daraus die Erinnerung an die Zeit der 
mächtigen Hansa ent«e<_'rii. iUtph l'evoiv.u^tes Mitglied Itiga einst 



Stellung des aüeidni^ liaufall i,;en Gemäuers nur darum handeln, 
ihm, wenigstens in den Hauplziiijrn die Gestalt wieder zu geben, 
die das Iii. Jalnli ilmi vetlieheii li;i(ti:. Dass bei seiner Wieder- 
herstellung eine stilgemässc Imsiiug im Auge zu behalten ist, die 

darf, kann nicht in Abrede gestellt werden, auch weiden die beiden 
Seitencapellen, um der ganzen Westfacarte ein dem hohen Werths 
des Baues etil unreellen des Gepräge zu verleihen, in organischen 
Zusammenhang mit dem Thurmkörper zu bringen sein, doch muss 
vor allen Dingen die Backsteinarchitektur der nordischen Gothik 
in nllen Details «um Ausdruck gebracht werden- Der ja an sich 
nicht ohne Harmonie componirte Entwurf für die Westfacade von 
R. Üuleke entspricht aber nicht dem Charakter der nordischen 
Hackst eiugothik, er erinnert uns vielmehr an die herrlichen Dome 
Siu!ili'Lil!*dil;iin!s Ulm, Strasburg. Die durchbrochenen Thurm- 
helme aber sind nur in llausteintechuik ausführbar und der nordi- 
schen Gothik fremd. In keinem Falle darf mau sich bei der 
liesiaiirntiou des rigaer Domes durch den bestechen den Reiz der 
auddeatsclien Dome beirren lassen, sondern die Vorbilder können 
nur, wie zur Zeit der Entstehung des Baues, in den iiordileiitscheii 
Küstengebieten gesucht werden. 

Es ist fast mit ziemlicher Geivisshuit tmcliiveisbar bei Au- 
steilung einiger Vergleiche, welchen Vorbildern man bei dem Er- 
baue der Kirdieii liigas felgte. Unverkennbar ist der Eizifluss, 
den der Dom zu Schwerin z. ß, auf die l'el.i ikinme ausübte, nament- 
lich was die Clirn-aiilnL'e anbelangt. Ditnziijer Kinlliiss. besonders 
von der Trinitatis- und Kalharinenkirehe ausgehend, macht sieh 
au der Johann iskirche geltend, wo das Motiv des geschweiften 
Spitzbogens, des sog. Esclsriickeus , an dem schön gegliederten 
Giebel zum Ausdruck gelaugt, wählend man im übrigen den all- 
gemeinen Kegeln der iiitriiiselieu Baeksteingothik folgte, als deren 
Urbild, wie schon bemerkt, die Marienkirche zu laiheck anzusehen 

gewordenen Bürgerthums gegen die Hierarchie, und der Sieg, mit 
dem ersteres au- diesem Kample liervergiiig, fand seinen beredten 

Ausdruck in dem gewaltigen Kirchenbaue, der nebenbei bestimmt 



Der Dom zu Riga und seine Wiederherstellung. 43; 



i räumlichen Abmessungen den bi sc hü fli eben Dom 



und des Ordens, und es ist daher verstftndl ich, wenn es die Errun- 
genschaften des 14. Jahrb. durch Aufführung eines Monumental- 
tmues, wie die Petriküche ist, zur Aiisdiiuumg zu bringen suchte. 
— Dass diese Kirche nunmehr für die ferneren Kirchenbauten 
Rigas tonangebend wurde, ist offenbar und ergiebt sich schon uns 
einem oberflächlichen Vergleiche. 

Mit der Wiederherstellung des Aensseren des Domes wäre 
unbedingt seine vollslilndig^ l'veilegurig, wie diese aucli Ii. (ruleke 



Nicht nur müssen Hewülbe und Wände von ihrer dicken Kalk- 
krnste befreit werden , auch der ehemalige SäulenBcbmnck der 
l'>ii;;>vn>llV.ungt-ii im KreiszgmiKt! wkn: diesem wieder zu verleihen 
und die Eniiiufschimung des Klosterholes zu entfernen, Gleich- 
zeitig wäre auch den inneren Räumen, die jetzt ztt Speichern und 
dergleichen ]üoiuncn Anlügen erniedrigt sind, eine eulS[U-cchetule 



Es würde dadurch nklil. nur ein schöner Platz für eine solche 
Sammlung gewonnen, sondern audi durch die Unterbringung einer 
solchen in den alten, historisch so bedeutenden Räumen diese einem 
edlen und hohen Zwecke gewidmet werden. 

h'ür die Ausführung eines so weit gehenden Projeetes aber, 
wie die gesummte Resliuiratiun des Humes und der Ausbau der 
ehemaligen K loste rgebände, wäre es im Interesse der Kunst gewiss 
gerathen, eine Coneurrenz zur Erlangung guter Entwürfe und 
zwar unter den baltischen Architekten auszuschreiben, wie solche 
ja auch in Deutschland namentlich bei den Wi ederh erste 11 ungs- 
arueiten und Ausbauten der Dome zu Regenshurg, Ulm, Strass- 
burg, Aachen ifcc. mit grösstem Erfolg ins Werk gesetzt wurden. 
Einmal würde dadurch eine Hille sdiäUbaien Materials gewonnen 



421! Oer Dom zu Iligu und seine Wiederherstellung. 

imii andererseits der Ausführung einer einseitigen Ansicht vor- 
gebeugt. 

Die erforderlichen Banmittel werden sieh zu einem solchen 
Unternehmen, das in allen drei Provinzen das gleiche Interesse 

litivoiiuiL'ii um-*, wijl utiji-!nvt;f iinde» Ins-:-.'!!. Kiüi-n i;Uii. , kl i ■ ■ ] 1 1- 1 1 
Anfang dazu sehen wir bereits goiuncht durch die thatkräftigen 

H' Ar- < J.---I. i|. » ri,-«..i V.r iuf Al!< f llium- fciin-lr iml J.f 

Gründau;; Kiiuif IJmnbiinvtruins, und gewiss wurden sieh die balti- 
schen Lande durch reiche Spenden, trotz der verhält iiisiiu--si:r 
schweren Zeilen, willig bereit finden lassen, dazu beizutragen, das* 
dns älteste Zeugnis deutscher <L!nltui- und deutschen Geistes in 
alter Pracht und Herrlichkeit neu erstehe. 

Und im Vertrauen auf die bekannte Onterfreudigkeit der 
haitischen Deut.sehen schliosc ich mit der Devise, die auch der 
kölner Dom bau verein einst auf seine Fahne schrieb : 
<In Eintracht und Ausdauern 



Ein neuentdeckter Inländischer Dichterling. 



mannto G e d u 1 1 , Oder Trost-Gedancken im Ge- 
j ftngnüss und Unglück.. So lautet der Schmutztitel, 
Uttel < Unbemannte Gedult, Oder Trust-Gcdancken, In xnstussenden 
Unglück und QefangnQs: Welcher Gestalt sich ein Mensche dar- 
innen »erhalten und aufrichten aolle, Zu nebst Geffingntts^enftzern, 
Etlicher geistlicher, umb Erlösung anhaltander Lieder, Alles in 
Moskowitischer langwierigen Verhaftung, und erlittenen Elende 
überwogen und in getmmh'jier Bede gelasset Von einen Liebhaber 
(kr hochlöblicheu Fruchtbringenden Gesellschaft, 0. K. V. H. In 
Verlegung des Erfinders, gedruckt Im Jahr CIDI;)CLrX.> der 
Haupttitel eines (i Blattei- Vorrede und 4IÜ Seiten Text umfassen- 
den Buches 12° obl. s. I., welches in einem 1880 von Kühlers An- 
tiquarium in Leipzig herausgegebenen Kataloge verzeichnet stand. 
Von diesen 416 Seiten kommen auf die <Gedult> 349 und auf die 
■ Seuftzen die letzten (17. 

Der Kilis. (Vll'unll. Bibliothek zu SL. Petersburg, welche es 
alsbald erworben wollte, da ihre berühmte Section der Eussica es 
nicht aufwies, war die KMnigl. Bibliniliek zu Berlin bereits zuvor- 
gekommen. Eine bei letzterer gemachte Aufrage brachte die Mit- 
teilung, das eben angekaufte — nicht gut erhaltene — Exemplar 
sei eine frühere Doublette des im Besitz der Petersburger Akade- 
mie der Wissenschaften befindlichen. 

So weit bibliographische und historische Werke zu Itatha 
gezogen werden konnten, trat nirgend ein Hinweis auf dieses Buch 
entgegen. Verschiedene Gelehrte, die um Belehrung angegangen 
wurden, kannten es nicht. Aus Stockholm, wo die König). .Biblio- 
thek ein Exemplar besitzt und Oberbibliuthekar G. E. Kleniming 



428 Ein neu entdeckter livlündischer Dichterling. 



Nachforschungen anstellte, lautete die Auskunft, dass weder über 
dun Verfasser noch seine Druckschrift Näheres ermittelt worden sei. 

Die zwei Jahre dauernde Hall schwedischer Gesandten in 
Moskau, welche der vorgeführte schwerfällige Titel ineint, ist eine 
längst bekannte Thatsache. Um Darlegung der politischen Ver- 
hältnisse, nnter denen es zu einem Bruche zwischen Russland und 
Schweden kam, ist es uns nicht zu thun — man sehe Hertmann 
oder Ssolowjew. Wir wollen uns nur, ehe wir den Namen des 
Anonymus zu bestimmen versuchen, von ihm, einem Poetnster von 
dem Schlage eines Titiiann Brakel oder anderer versificirender 
Chronisten und Moralisten, einige seiner Reimereien, die sich in 
Alexandrinern bewegen, vorführen lassen und aus ihnen etliche, 
allerdings nicht Whingrciehe Einzelheiten Uber die schwedische 
Gesandtschaft und ihr Misgeschick und dadurch das in Rede stehende 
Opusculuin seihst kennen lernen. Von diesem hält der Autor 
selbst nicht viel. . Meine geringen ( IciaegiiusGedaiiekeil, welche 
ich in meiner Trübsal mir zu Bete und Hebung aufgesetzt,! äussert 
er im Vorwort, fugt jedoch hinzu : <ich wol weiss, dass durch 
diese meine Arbeit mancher Tadelsurhl iger Muc.kensauger Aillass 
etwas aufzuziehen haben werdei und deckt sieh mit der Erklä- 
rung : .Diese meine einfältigen Gedanoken wegen Mangel der 
Büchel- auch andere Wiederwartigkcitcn zu keiner Vollkoumienheit 
kommen können.. 

In fünf Büchern [S. I— :14U), denen Inhaltsaii gaben voraus- 
gehen, werden in verschiedenen Tonarten und unter verschiedener, 
aber durchweg orthodox-dogmatischer Beleuchtung die vielen Leiden 
der Meuschau überhaupt, namentlich im I. Buche die der schwedi- 
schen Gefangenen geschildert um] der letzteren Geduld, die .an. 
hemaunU d. Ii. uuiibenvundeu geblichen, iiescii.leis die herrlichen 
Tugenden des Führers der Gesandtschaft., ulcs h'ie.ybenn, Rciehs- 
liiul Hulf-Geri cht s- Raths Herrn Gustav ßiekkeus. gepriesen. 

Am '2->. Juli Ifioü — so besagt eine Anmerkung — ging 
ßielke von Stockholm zu Schill'. 

.In zweyer Tage Frist Er I.iefland angeschwommen. 

Dass Riga hiess ihn da von Hertzen willekommen, 

Holt ihn gar prächtig ein, ein jeder war zur Hand, 
Die. Trummel ward gerührt, die Stecken loss gebrannt, 

Es wimmelt in der Stadt ; Er warf gar sanfft geleitet, 

Wo ihm sein Hoffstat war aufls beste zu bereitet, 



Hin iKiuiiiitilftcbtii!' livliiiiilircliüi' Dichterling. Ji!) 



Es lacht ihn alles an, Banquet ward angericht. 
Ein" Danckfest augeatelt vor unsere Königs Pfl 
Huldigung getluui, draun" schone üastereyen: 



Soll alles seyn vollauf, Herr EIEI.KE willekonunen. 

Der Auffbrucli ward daher vergnüget vorgenommen, 

Und auss der Stadt gerückt, biss an der Reussen Land, 
Da ihn Ruteuien, die Wilde, both die Hand, 

Und nahm ihn gröblich an : Hie must ihm auch au Ehren, 

Den plumpen Butteuwa» durchaus Bin Umhfall lehren, 
Ein Fussfall ihm zu thun.> 

Die Gesandtschilf t en-cidu Moskau und halt ihren Einzug. 

• Der Moskowiter Schnuren 
Die zogen prächtig atiff, doch auch nicht ohne Stoltz, 
Der von dem Sthloss geschickt, stund alss ein grobes Holtz, 

Sprach den Gesandt rn an, zuiirst herauss zusteigen. 

O ungescliliöher Wirtli, kanstu kein Ehr' erzeigen 

Dem Königlichem Held 1 Dies war der Anfang nur. 
Alss er ins Losament, war nirgends eine Spuhr 

Von dem was pflegen heist; Kein Essen war zu sehen, 

Kein Trauck ward vor gebracht, alss H ol zuvorgeschelien ; 
Von diese]' Stund auch an, dies war der einte Zwang, 
Ward niemand aus vergumit sechs gautzer Wochen lang. 

Die Vüleker- wahren schlecht mit Herberg' auch verpfleget, 



mm willkommen seyn. 



430 Ein ui'uentdeckter livliiinlisclier Dirhierlin:;. 



Die Posteil wurden dranli zum Ih-nru nicht gelassen, 
Die Briefe 1 nahm man weg, es wurden aufl den Strassen 
Sie heimlich weggevaiibL gebt-uclien, durch gesehn ; 
Beschwehrte man sieh drumb, su wahr es nicht geschehn. 
So bald der Znar auch seihst die Herren Gross- Gesandten 
Im erstell ku Bich Hess, mit seines Reichs- Verwandten, 
So war es /.war mi] gut. il'.ch sulic man du schon, 
Dass es nicht richtig stund, man Bpuhret' auch davon. 
Weil nichts vertraulich war ; und hart ward drauff getrieben. 
Üb auch Geschencke da? Es wurde vor geschrieben 

Wie weil man gehen müst, in dem man nicht gewolt, 
Dass man an diesen Orth besuchen Teutseheu solt\> 
Gegen Schweden wirkte der Gesandte des Kaisers Ferdi- 
nand III., der Jesuit Allegretti. 



In dieses Moskau kam, da er uuIVs allerbest' 
Auch angenommen blieb. Der Ertz-Miinch Nicati hiesse 
Ihn freudig willekomm, Hertz, Mund und Sinnen stiesse 
Mit ihm in dieses Horn ; da ward drauff alle Nacht 
Das Werk der Finsternis«, der Krieg ans Licht gebracht. 
Der Münch ward hertzlich froh das Er hatt' angetroffen 
Der Ärger siebenmahl, als er selbst, können hoffen; 

Und dieses ist der Griff, den Cerberus gebraucht', 
Ein Münch und altes Weib, muss wo er selbst nicht dangt 
Gantz ungeweigert tort. Hier wahr in einem Leihe 
Ein alte Hex' und Münch ohnlüitig (was ich schreibe 

Dass ist der Warheit gleich) Ali-Grethe niese er recht, 
Der Münch und Weib zugleich, nnd Nican ward sein Kneclit.> 
Das Verhalten der Regierung wird immer unfreundlicher. 
Das .Gesandten-Volk« durfte wol unter Begleitung ausgehen, aber 
ohne Degen; ansässige Schweden, die sich ihren angereisten Lands- 
leuten milieru wollten, erfuhren harte Strafen, Das Ansuchen der 
.Gross-Gesandten> um Pferde aus dein grossfUrstlichen Stalle zu 

einem Ritt ward wider übliche Sille rinn! abjirsrlihg SO dass sie 

wahrend ihrer Anwesenheit in Moskau c nicht auss dem Hofe ge- 
kommen, alss wann Sie sich zur audience und cimferenn' begaben-. 

1 [h-i den eben livu-irluirlHi A.-I.ui Idt lti.'li Hlictir b.'rivntlirieft. 



Ein neuentdeckt 



«Der Tag kam endlich B 
Den, weil ich annoch leb', ich nicht versessen kau, 
Noch auch vergessen wil. Es ktihmen an Soldaten 
Zwölff Hundert wolgerüst, und feindlich einher traten, 
Ihr Führer ritte vor in der Resandten Hoff, 



So voller Freyhwl war Gesandten freyes Hausl> 

— — «und endlich diese Post: 
Drey Tage sollen wir mit eines Tages Kost 



Stürmt' ein ein Obriste, Siiclislmndiirt Mussquetirer 
Ihm folgten auf dem Fuss, Er war darüber Fahrer, 
Besetzte maimiglich, die Treppen nahm er ein. 
Damit ihm niemand mücht entkommen etwa sey 
Gieng daraoff trutzig fort zu denen (iivi^-liL^aiiiUfii, 
rji'^i-liriü das Gewehr. Was sie danieder wandten 



Äuss Königlichen Muth, wie billich, ziehen an, ' 
That man Gesandten das, man hätt es Ihm gethan, 
So halffs durch aus doch nichts. Es wurden weg 



432 Kin iunii'iiuli'1'kl.c)- livliLml Ls<-Ul' l- Dichtm-ling. 



Bisa nun zu sehen nicht. Man sehloss es alles ein, 
Und setzte Wacht äainmb, der zwantzig mussten seyn. 
Nim so.li es allzu schlecht. Wir waren gantz verlassen, 
Ein jeder war verdutzt, man höret auf der Strassen 
, Den Pötel gel»» vortiey und schroyen, o Ihr Hund', 
Euch soll noch unser Hand was besser werden kirnt. > 

-Noch war das niclit genug, alss wir zum hohen Fever 
Her Pfingsten uns bereit, ward Fest und Andacht Ihaoer: 

Stau kam au uns in Hott', viel Wagen kahmen an 

Zum reisen zugeschickt.« 

«Drauif Vierzehnhundert Mann mit so viel Fahnen gieng 
Den Holl' zu nehmen ein., — — — — 

«biss das die Honckoi kahmen 
Und über Halss und Kopff aaff- unser Sachen nahmen 

Entgegen lted' und recht fijrt über Moskuw-Fluss, 

Wir wollen alle nicht, k<j wüsten wir zu Fuss 
Hübsch elend folgen nach: Und damit ja zu schimpfTen 
Man Ursach hatte mehr, der l'iiftel auch zu stiuiptten' 

Macht haben Fug und Macht, ward den Gesandten drey 

Drey Zehren" vorgesehlepl ; seihst aus der Schinderey 
Kan man sie arger nicht noch hasslicher erwehlen, 
Man kmidle das t.ieripp und Adcni samptlich ze.hleii, 

Sie kanten auch gar knan auff ihren Füssen stehu 

So wahren sie verdorrt.. 

.Drauf wir elendig schritten, 

liiss Uber Moskow Bach mit kiiumii.'ilk-hen Tritten.» 



• Nicht weit von unsrer Klemm', in die wir sollen kommen, 
Waid uns ein Weg gezeigt und willig flirgenommen 

Den Galgen wollt vorbuy, damit ja Spott und Hohn 

Nicht mangelt überall.! 



■ Man hat auch nirgends last (h'i'glneheu je gelesen, 
Das ein gefangner Mann so gar geschlossen ein, 
Das ihm zu reden nicht vergönnet sollen seyn 
Mit dem, der ihn ersucht". Hier wird auch das gewehret : 
Kein Teutscher wird ersehn, noch auch hierumb gehöret. 



1 BUliDufbn = (erhabnen. — 1 ScMndauUiicit. — 1 »Mandl, 



Ein netieutdeektcr livlandischer nichtevlin;?. 433 



Dar Gross-Gesandte wahr and ist oftt tödlich krauck, 
Kein Ar/t wird ihm vergönnet. Zwey gantzer Jahre lang 
Hut man uinn Arlüeuey rer^chlich aushalten.! 

— — «Sie wahren so vorteil Holt, 

Das mein Gemllthe dran gar oiit und vielmalils zweift'ell, 
Wer dieses lesen wird, ob Er's auch glauben kau. 
So eng als wir gespannt, verspert and eingetlian, 
So haben Sie doch sich in zweyer Jahre Zeiten 
Die Engl?, die von Stauet um! LTnHat aller Seiten 

Gautz durch- und ilberfloss und uns versUnekte gar, 
Wie olt't man sie ersucht, sics selbst auch seilen klar, 
Es werde nicht gut thuu, zu reingen nicht beqn&hmet.i 

— — — .Die in der Noth 
Gepflegt, nicht, können seyu und drüber bleiben Tod, 
Mau wie die H^üen hin-schle|)pet nach den Gruben 
Olm Klang and otm Gesang: als sonst den ärgsten Buben 

Kaum zu geschehen pflegt > 
Von dem Gesandten Bielke wird gerühmt: 
.Üutt nahm Er stuts zu liülff, alss den in seineu Stegen 
Er alleniahl erwehtt : I',ilss-Tat,"o stellt' er au, 
Bs worden wöchentlich zwey Predigten gethau, 
Die Bett-Stund' auch gehegt, wenn sich der Tag erwiese 
Und wenn er uutergieng.. — — — 

• Es haben selbst die Dahnen 
(Wie feindlich auch sie sonst r|h> Schwellen aus zu hühnen) 
Belobet seinen Preis*. Diss war noch nicht fremijr. 
Die graste KÜNHjlN nahm dadurch griisäerii Fug, 
Setzt' ihn dem Rechte für. Du nunmehr arme Waise, 
Dn jetzt veraebtes Dorpt, weisst noch von seinem Preise 
Wie Er Gerechtigkeit in dir hab Hand gehabt, 
Das dich in deinem Fall 1 , wenn du daran denckst, labt, 

Aull' den du auch noch hoffst.) 

«Und wer ist warlich wol, der ihn nicht billig setzet 

Biss an der Sternen Glut. Es ist drey Jahres Zeit 
Und auch darüber schon, das Er in Nüchterkeit 
So löblich zugebracht, das keiner ihn gesehen, 
Noch gautz noch halb berauscht.. — ' 

1 il. Vi. Ott Ifir.s halte Dorpat oapttnliren nrtsiao. 
' «Hr. Dklkc ist bej I. K. MayeNt. .Ii-r Kiiithjiii lllirUimi Kammerlu-rr 
genesoD uuil am Hofe tteflicli hucli gehalten wurJeu. Ist auch damahlig bei 'ler 



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134 Ein neuentdeckter Inländischer Riclu.ri ling. 



Endlicli gewannen die trübseligen Tage ilir Ende. Am 
II. April 1GÖ8 — so nach Ssolowjew — liess der Zar die Ge- 
sandten nach ihrem Befinden fragen und mit seinen Speisen be- 
wirken. Nachdem ein schwedischer Bote die Nachricht von dem 
Frieden, den sein König mit Dunemark geschlossen, gebracht 

wieder aufgenommen. Unter den .Gefangtiüs-Seultzern. giebt 



Verhall'tung. vor die in Dennemarck erlangten Siege und Friede 
gehalten worden, nach der Weise des 20sten Psalms. > Arn 25. 
ward den Gesandten eröffnet, der Zar entlasse sie znm König. 
Bielke hat nun neben anderem, das sich auf das Verhältnis der 
beiden Mächte bezog, um eine Anleihe von 12000 Speei esthalern, 
um Ueberfühi ung auf einen anderen Hof in die eigeulliche 
Stadt und um Rückgabe der Waffen. Am 29. siedelten die Ge- 
sandten nach Kitai-Ünrod Über, empfingen ihre Waffen und konnten 
in Begleitung von Slrelizeu ausgehen und Einkaufe machen. Die 
Auszahlung der gewünschten Summe geschah unter Bürgschaft 
ausländischer Kantleute in Moskau Der Aufbruch fiel auf den 
211. Mai, denn Nr. XXV trügt die Ueberschrift : .Als Er auff 
seinem Geburts-Tage indoluiij aus dem Gefängnus erlediget und 
aus Moskau gelassen ward. > Sein Geburtstag — ein anderes 
Carmen (No. VIII) nennt das Datum — hatte dem Sange]- den 
Tag der schliesslichcn Iknviuni; irubrudit. das licss ihn seiner be- 
sonderen Freude aucli besonderen Ausdruck geben. 

Ueher unseren Anonymus, der mit seiner .Arbeit, gewiss 
trefflich und besser als mancher seiner Iic-iihüisge-iiüsseii Uber die 
zwei schweren Jahre sich liinw^gelxdlVu. finden sidi in seinem 
Buche noch folgende Angaben. No. VIII seiner .Seuftzer. ist 
ülicrschrielien: .Auf seinen Geburtstag, welcher in Mosc.au ein- 

' in-.-^i/n Ci ■;ii]rl[-i l..,il- iku'Ij J I: ^nn: .Mir- li.iLck mi'liKt sii ivl^lij. 

.v. t'li. ii i'r ^.inl/ k.j-u' -l:il:il'-n. X;i. Ii ili'-^titj i-( Kr von I. K. M. zum 

l'r.itiilt'iili'ii in Kmiifrl. UiferitlitL' kii I>ur|imt g.-sris«-t irail alhla etliche Jahr 
dem EeehK löblichst TOrgertwaen.« - Eine andere Ann. besagt: .Dieses ist 



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Em neuen tdeckter Inländischer Dichterling. JSii 



gefallen den 2Ü. Maij 11157 unil Er gleiche Jahre mit dem Monats- 
Tage hatte. = Dieses sein Alter beseitigen die Worte ; «Vor zwey- 
mahl fünfzehn Jahres Zeiten Wnnl ich ans Mutter Leib erfieyt» 
in der vorhin an geführten No. XXV. Mithin wurde er gehören 
den 29. Mai 1028. Beim Hinblick auf die Drangsale des Krieges 
•vor mehr als achlzig Jahren» nennt er uns sinn Vaterland, indem 
er S. 82 ausruft : -Mein Liefland hats erfahren«. In der erwähnten 
No VIII spricht er seine Zufriedenheit mit seiner dienstlichen 
Stellung aus : 

• Die Gros.s-liesandten (.iut's mir gönnen 

Und springen bey mir in der That.> 
Hinsichtlich Herausgabe seines .Werks, äussert er im Vor- 
wort, diiss er es verschmäht habe, 'lemselijen den Namen eines 
• Selm Übe rrn »der Günuer» viiraisct/.ei], weil solches nieisleiiihrils 
blos daliin ziele, um «einigen Genicss zu erzwingen« ; jedoch be- 
klagt er es, dass er < wegen Mangels eines Verlegers, welcher 
dieses Orts — letzterer wird nicht naher bezeichnet — nicht zu 
finden gewesen, die Anmerkungen bey denen vier letzten Büchern 
nicht mit habe können drucken lassen». .Sollte ich aber. — so 
fahrt er fort — «vermercken, das sich einige Liebhaber zu diesen 
meinen schlechten tiiulaucken linden würden, welchen sie gefielen ; 
Als verspreche ich, nicht allein bei besserer Gelegenheit selbe 
noch, besondern auch meine S » ti n t ilg Ii o h S auffs gantze 
Jahr gerichtete Sonnette, welche gleichfalls auff die 
gefängliche Hafl't nach Aideitung des Evangelii gerichtet, nebst 
meinen Wey nacht - und Pas s i o u s . (ie d a n ek e n , vielleicht 
auch noch andern weltlichen Klage- und Trauer- 
Sachen ausszugeben. . Alle diese Sachen werden wol nie 
ihre Vervielfältigung durch den Druck erfahren haben. 

Die Deutung nun der Chiffre : C. K. V. H., hinter welche 
der eben so bescheidene als fruchtbare Mnseu-e-hu sich verbarg, 
ward, wenn auch nur zur Hälfte, doch, wie uns dünkt, in unan- 
fechtbarer Weise, ermöglicht durch jene Nainetiliste Uber das ge- 
sammte Gesandtschaft personal (Vgl. Anm. p. 429). Sie ist schwe- 

äpnmgliulien KauilWui erkunden vcrsidii'.ii, doch frei von allen Cor- 

Nacb Hr. Escellenz Herrn Gustav Bielcke , den Legaten 
Herrn Alexander von Essen und Herrn Philipp von Krusenstiern, 
dem Marschall Herrn Clans ßaueer, dem Secietar Jouas Gylldan- 



-i;tfi Ein neuentdeckter 1 irländischer Dichterli 



den Translator Jonas Brandt um! die ( Geistlichen — bei denen 
aiil'ansis (Iii: ]i<jcti>che Ader i'e^nrht. winde -- Magister Johannes 

J(h)eringiua und Pastor Herro Erick folgen, voran der Küchen- 
meister, die übrigen Bediensteten in abfallender Stufenord nung. 

Ein im schwedischen Keichsarchiv befindliches, von «Gusta- 
vns Bielcke» Fredriksborg d. 28. Juli 1659 unterschriebenes Ver- 
zeichnis derer, welche mit der Bitte um eine Knt.schalinuiiK für 
ihren Dienst und ausgestandene Beschwerden ein gekommen waren, 
nennt auch den Hotlunker Christoff Kraus und zwar unter denen, 
«eiche weder in Narva nach Abo ihren Abschied erhalten hatten, 
sondern im Gefolge St. Königl. Majestät damals sieh befanden. 

Das unaufgeklärt gebliebene H. da V schwerlich anders als 
«von« zu lesen ist, wird als Anfangsbuchstabe einer Orlsbezcich- 
nung zu gelten haben. 

Wenn nicht ohne Fug in die unübersehbare Menge der Dichter 
und Dichterlinge ein neuer Xauie eingeführt worden, so durfte mit 
nicht geringerem Rechte dadurch zugleich ein andere)- ausgeschieden 
werden. 

In Rin'ki'-.\;i]'ii']vkys Schrittst - u. Gcl.-I.eslkon werden Bd. I, 
,'iKK dem bekannt im, verhin erwähnten Staiilsinaune l'liili[i|i l'iu- 

lassenea christliches Gedicht über die Sitten seines Zeitalters, 
1657 in Moskau verfertigt. Letzteres ist in der von Job. Lossius 
hcrans^egcheiieu Cuntinuation der Lietl. Historie Chr. Kelchs 
S. 9 zum Abdruck gelangt. 

Rücken wir die von Kraus gelieferte :Gedult. und die von 
ihm in Aussiebt gestellten Dichtungen — je erschienen oder nicht 
— und die Cruslus beigelegten Carmiua — wobei uns die latei- 
nischen Titel nicht irre machen dürfen, bezeichnet doch z. B. Arndt 
in seiner Liefl. Chronik II, 2»N Brakels deutsch betiteltes und ge- 
seliriebeues .Christlich Geaprecb> bekanntlich als llhylhmos äc exci- 
dia Livoiiiae — neben einander, so wird man zu der Annahme und 
Behauptung ^.-drangt: hülle schon uiuss in belre-Ueuden Kreisen 
wegen des Gleichklangs von Kraus und Gmains eine Namens- 



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Ein neiietUikckUT livUmlisrlu'i- Dichterling. -137 

vurwi'clisi'Uiüs sich Vollzügen haben, so dass ik'ui bekannten und 
weit älteren Manne zngesdii-iciieii, wiij dem unbekannten und weit 
jüngei-«] entzogen wind«; midi mag vielleicht — denn was der 
phantnsircnden Vermnthung im 19. Jahrb. möglich, darf ilir doch 
für das 17. u. IS. niclit abgesprochen werden — die irrige Deutung 
der Chiffre als flrusius Knise.nstjerna von Hugglld, denn dieser 
schnell sich, jjt'iiilr'lt., Herr auf liii^ r ^iiil ninl Ahü^ltT : Rei'ke-Xap. 
ti. ft. 0), die Verwechselung gefordert haben. 

Ans jenem Bruchstück, welches Kelch aufbewahrt hat, tritt 
uns in Versart, Sprache, Richtung ganz und gar nur Kraus 
entgegen. 

Ob die. laut Nup.-Beise, Nachtr. n. Forts. I, 142 von Cru- 
sitis aus dem Jahre lii40 auf der rcvalscheii (ivmnasimns-IÜblhi- 
thek vorhandenen zwei Gediehle. diesem dennoch einen unbestreit- 
baren Platz auf ilem i'arnasse sichern tniis:en, miige eines kundigen 
Forschers Unheil entscheiden — und willig soll der Vorwurf, 
übers Ziel hmansgesehossen ku haben, hingenommen werden. 

M osh an. Ä. W, Pe c h u e r. , 



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Ein Schreiben Johan Lohmüllers. 



Dem achtbaren und i>1iriiliaiiig<>ii Marcus Tirbacli, Stadt- 
schreiber zu Revel meinem günstigen und guten Freunde 

Gnade und Friede in Christo Jesu zuvor. Achtbar und wol- 
gelehrter günstiger Gönner und Freund. Dass der allmächtige 
Gott durch seine müde Gnade und liiirmlierzigkt-ii euch und die 
Eurigen in dieser (jehiln-hdien siol'liclu-n Zeit erhalten, hat mich 
höchlich erfreu l-, zumal mich wir uns durch seine Gnade hier noch 
fest halten, ausgenommen Magister Nikolaus üolditius , unseren 
berufenen Prediger, den der Allerhöchste in Gnaden zu sich ge- 
nommen gleich nach seiner Ankunft, also dass ihn der tausendste 
Metisch nicht gesehen, und ist ein ausbündig tapferer Mann gewesen. 
Der Allerhöchst« wolle uns Weiler gnädig versorgen. 

Der ehrbare Hat Ii zu itiga verhüll in seinem Schreiben an 
den ehrb. Rath von Revel, dass dieser vor Versammlung der Stünde 
Mich in keiner Weis« einlasse tuh'r binde, damit dem heil. Evangelio 
und dem Reiche Gottes kein Hindernis oder Nachtbeil geschehe. 
Der Grund aber ist dieser: Die Geistlichen, als der Bischof von 
Livland und sein Anhang haben sielt verbunden ihre geistlichen 
Lehen als Propsteien, Dekaueien &e. mit Leib und Gut zu ver- 
teidigen, damit sie nicht allmählich in einen gottseligen Gebrauch 
kommeu ; auch den frommen und christlichen Fürsten, den Mark- 
grafen Wilhelm, wollen sie nicht einsetzen. 

Nun sollen, wie man sagt, die Ehrsamen von Keval sich in 
diese Sachen eingelassen und verbunden haben, was nicht allein 
der christlichen Profession zuwider, sondern . . . dem Reiche Gottes 
Abbruch thun und dem Reiche Satans zuträglich sein wollte . . . 
Wollet dieses den elirs. Hrn. Hinrik Siuit und Hrn. Thomas Fegesack 
Bürgermeister in meinem Samen ins geheim entdecken . . . Gott 
befohlen. . . Datum Rige, Sonnabend nach Olementi (Nov. 25) 
Anno 1631. Eilig 

Job an LohmUller. 



Am dem rcvnler StiulMrcliir milgrlhrilr von 




Aosbojouo iiQuaypuB. - Feudi., 2S-ro Anpn» 1885. 



U.Jmtll M lUDo' Elb.«. In Im). 



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Petersburg und Gadebusch. 



Kaiser hatte im Frühjahr 1859 N. Miljutin in die sog. 
leiiaftiiHisciimiuissinii ernannt und dadurch wurde der 



g Organ 



; die wirklichen Interessen des Großgrundbesitzes. Unter- 
ungen Uber den Werth des Grund und Bodens in den verschie- 
n Gouvernements wurden nicht angestellt. Die ganze tiesetz- 
ng nahm den bureaukrati sehen Charakter an. 
Je mehr ninii diese Richtung als unabweisbar sich entwickeln 
nachdem der Widerspruch einzelner Persönlichkeiten xuruckge- 



m Richtuug 
ln'iiiiitlitisli' 



440 



Petersburg und Gadebusch. 



sich aine Art ük'irlüriltiitki'it, mir] man erwartete blns dk- einzelnen 
Bestimmungen, um sie Ii persönlich danach einzurichten. Als nun 
dir! F.iuiheilung des lliii-hs in drei /.r>neu tniblii-irt wurde und alle 
Linderelen Innerhalb der einzelnen Zonen gl ei eh massiger Schätzung 
unterlagen und die Zahl der den [Sauen: *uzuweisunden Dcssat inen 
nncli der betr. Zone zu berechnen war, gab es nur e i n Gespräch 
über die Emanzipation : die Berechnung der vodheilhuf testen Ab- 



Grundbesitz aus dem Gesetz den Nutzen zu ziehen, der zu ziehen 
erlaubt war, nachdem die TheÜiialime und Mitarbeit des Adels in 
seiner Gesanmithnii. üuriitkgewiitsun worden ? Spater haben die 
Anhänger Miljiuiiis und seiner Richtung wo] zu verbreiten gesucht, 
dass nicht die von ihnen ins Werk goct/te Gesell i.'bung, sondern 
die Ausführung derselben am überall erregten Misbebagen über sie 
die Schuld trage, oder aber, dass die Gegner ihrer Richtung;, die 
später im Haupt comiio gesessen, wie z. B. Panta, daran schuld seien, 



Ablesungen sind nach den für die drei Zonen wrgesohrieöenen 
Preisen &C. ausgeführt. Gerade im Sinne von Jliljutiu wurde die 
virllkiniiiueui! linabliiiiigiL'keit ih'S Hauern Vinn (J rnssgruinlbi-sitzcr 
gesucht uud festgestellt; alle Autorität und damit jeder traditio- 
nelle Zusammenhang zwischen dem Herrn und dem früheren Leib- 
eigenen wurde aufgehoben, und das dauert alles bis zur heutigen 
Stunde, Miljuün selbst hat mir kurz vor der polnischen Revolu- 
tion in Paris, nachdem er schon ein ganzes Jahr von jeder Thä- 
tigkeit zurückgetreten war, gesagt, dass jeder jetzt sehen müsse, 



Binflnss der Herren nicht zerstört worden. Spater suchten freilich 
die Urbeber andere Persönlichkeiten, um ihnen die nun nicht mehr 
zu bestreitenden fehler aufzubürden. 

Ich hatte noch in Gadebusch die Erfahrung; gemacht, wie 
geduldig und zufrieden die Bauern die neuen Zustände erwarteten 
und welche uussi-rinilcntliehe llull'nungen sin daran knüpften. Da 
ich im J, 1862 die Verwaltung aufgab, so habe ich die Zeit 
dort nicht persönlich erlebt, wo die Autorität des Grundherrn anf- 



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Petersburg und Gadebusch. 441 

horte und alle Pol i zeige walt und Rechtspflege der Untersten In- 
stanz an die neuen Buucigericlite und die Friedens Vermittler über- 
ging. 



ly der wenig fcgahte und Wenig thiltige Herzog von Monte- 
■ getreten. — Graf Friedr. Thun war lauge Gesandter in 
ikfurt und Präsident des Bundestags gewesen und hatte ilie 



hebung zum lletsehafte.r ver trau Meli mil.-etlieilt. Latte. So isL der 
liebenswürdige und in Geschäften höchst angenehme Manu nicht 
volle zwei Jahre in Petersburg gewesen. Er ist dadurch aus. der 
ilildoniiili-dirn Lmil li^lin geschieden, weil kein anderer Helschitlier- 
posten für ihn vacaut war. Der Sohn und Erbe des schon greisen 
Besitze« der herrlichen Herrschaft Tetschen, war er ein achtungs- 
werther Charakter und ein sehr angenehmer Gesellschafter, die 
Gräfin trotz ihrer üiililivirliMii l'uniili^ und lI.t M»m lieninwuchsun- 



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442 



Petersburg und Gadebusch. 



heimisch in dein angenehmen Hanse, and Graf Thun gehürte hucIi 
zum Freundeskreise in Gailcbusdi. Der Austritt aus dem diplo- 
matisehen Dienst ist für ihn ein Unglück geworden. Der fröhliche, 
glückliche Mann geriet» in Böhmen, wie es scheint, ganz unter 
den Einfluss der Ultrauiontanen. Trotz grosser Erfolge in der 
Adiiiiiiist.iTitiuii seiner lierisihati und der Landwirtschaft, trotz 
seines dauernd«:! Füinilitüi^liiüks - die schonen Tochter haben 
alle in die gross toi Familien '.lesti-i reiclis geheiratet und die Sühne 
ihm nur Befriedigung gewahrt — trat alles zurück unter seiner 
ultramonl anen Leidenschaftlichkeit, die ihn verdüsterte. Zumal 
nach 1870 ging er lüli-r nael: Rum, wo es ungeachtet seiner Herzens- 
güte und vortrefflichen Formen für Anrtersilenkenrto schwer wurde 
mit ihm umzugehen, weil er so absprechend und intolerant gewor- 
den. — Wie anders sind die Lebensweg« der buirton Cullegen in 
Frankfurt a. M. geworden ! Bismarck hatte dort in steter Gegner- 
schaft mit Thun gelebt, er sollte ilipV in Petersburg anf kurze 
Zeil. k'L'egneu, und wahrend jetzt des (J rufen Thun sich nur seine 
Freunde erinnern , wird Bismarck in allen Landern der Welt 
tausendmal täglich genannt. 

Als Bismarck in Petersburg als preussiseher Gesandter er. 
schien, war er l ös seien Kreisen nur rtiirHi seine Thätigkeil. im 
V'ieüssisrlian Landtjige bekannt. Seine Arbeit im Bundestage, der 
ausserordentlich« Scharfsinn, die energische Verfolgung des einen 
Zieles : die Bekämpfung der Hegemonie Oesterreichs, die feine 
Beobachtung und die wunderbare Begabung für die Erkenntnis 
politischer Zustande kannte damals fast niemand, und das frühe 
Hervortreten dieser Eigenschaften und seine Thätigkeit ist erst 
durch die Verölt e ntli eh nng seiner Depeschen aus Frankfurt a. M. 
zur allgemeinen Kenntnis gelangt 1 . Ausser vom erwähnten liedeu- 
tenden Auftreten Bismarcks im Landtage wurden nur einige mehr 
oder weniger charakteristische und amüsante Anekdoten über ihn 
erzählt. Dia Zahl dieser vermehrte sich nun bald, je mehr sein 
der Schablonen haften Diplomatie widersprechendes Auftreten und 
seine Redeweise auffielen. 

Als ich Bismarck einige Monate nach seiner Ankunft in 



1 Dr. Uhler v. PMdunger i Prems» Im Um 

;. lUTimsisrl Hll[nllvll<[ff-(irMlllilt,«clLai'l. I. 

Im 2. Artikel der ErinmmiBgMi p. 120 Ii 



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Petersburg und Gadebusch. 44;l 

Petersburg dort zuerst besuchte, fand ich ihn nicht in dem alt- 
bekannten und mir sehr lieb gewordenen Hause, welches die preus- 
sische Gesandtschaft viele Jahre iune gehabt, sondern in einer 
möhlirten Wohnung, dio verwohnt und wenig comfortabel war (sie 
befand sich im Stenboekschen Hause an der Newa und war von 
der Gräfin Stenbock, geb. Jakowlew, vermiethet worden. Bis- 
marck erklärte , der pmifsisi-tm Gesandte sei so schlecht be- 
zahlt, dass er kein Haus machen könne und daher auch keins 
einrichten möge. Er wühlte wol diese Form, um es nicht aus- 
zusprechen, dass er nicht lange in Petersburg zu bleiben wünsche. 



an den späten Stunden in der Gesellschaft. Es wurde damals 
ganz ausserordentlich in die Nacht hinein gelebt. Du machte es 
sieh denn von selbst, dass Bismarck allein die grosseren Gesell- 
schaften besuchte und in seinem Hause nur intime Bekannte sali, 
denen seine Geselligkeit aber ungemein angenehm war. Bei diesen 
kleinen Gesellschaften bei Bismarck war sogar der Frack za 
Mittag nicht immer obligatorisch. Er selbst nicht nur, sondern 



Wesen im Haust.' sehr vunvuink'rt gewesen ; hatte ich doch solches 
bei einem Diplomaten, zumal in St. Petersburg noch nie erlebt. 
Eben so vertraulich und scheinbar ohne irgend welchen Hinterhalt 
war auch seine Unterhaltung. Der liebenswürdige Humor, mit 
dem er seine Rede zu wllrzen verstand, liess die Zuhörer oft in 
Zweifel, wo der Emst in seiner Unterhaltung dem Scherze weiche. 
Er benutzte das oft, um sie in die Irre zu fuhren, oder aber sie 
gingen in die Falle, die ihnen nicht einmal gestellt war. Es ist 
ja bekannt, wie Bismarck damals die kleinen deutschen Fürsten 
wenig achtete, wie ihr Wunsch, in der europäischen Politik eine 
Rolle ohne jede Mittel hierzu spielen zu wollen, ihm unleidlich 



444 



Petersburg und ßadebuacb. 



erschien. Ob wo! er mit einigen ihrer Vertreter in Petersburg auf 
sehr gutem Fnsse stand, haben sie doch oft ganz Wache Nach- 
richten geglaubt und umlierget ragen, die von Bismarck erzahlt 
wurden. Diese Herren waren niemals gut iuformirt und konnten 
t's auch seil wer sein; so waren sie in gar ungünstiger Lage Bis- 
marck gegenüber. Andererseits sagte dieser die wichtigsten und 
ernstesten Dinge, ilie seiner innersten Ueher/eugllng entsprachen, 
ohne dass du: {ranze Wahrheit und Richtigkeit erkannt wurde. So 
hat Bismarck schon während seine.. Petersburger Aufenthalts immer 
geäussert, ein Krieg mit Oesterreich wäre durchaus nothwe.mlig ; 
Oes lei ie ich müsse aus dem Bundestag, aus Deutschland hinaus. 
Er spöttelte über diejenigen, die von 'einein . Bruderkriege» nls 
etwas Unmöglichem redeten, und behauptete andererseits, dass ein 
Krieg mit Frankreich gar nicht im Interesse Preussens liege. 
Während er so ganz öffentlich den Kern seiner politischen Ueber- 
zeugung aussprach, wollten die Meisten darin keineswegs Emst 
sehen. Bei dein scherzhaften Ton, mit dem er die Fragen der 
kleinere]] Staaten beantwortete, kam denn auch manches Misver- 
stäudnis (um Vorschein. So hat er einmal am Vorabend einer 
Bitrenjagd, wo er weit im Walde in eineni kleinen Bauschen das 
Zimmer mit Graf Münster t.heilte, in Veranlassung irgend einer 
Zeitungsnachricht von der Eventualität eines Krieges mit Frank- 
reich gesprochen und dabei bemerkt, dass eine t 'oncentrntion der 
Truppen möglichst rasch um Ebreuhreitcustoiti die Bedingung eines 
Erfolges Wäre und dass selbstverstand Ii eh in diesem Falle die ein- 
zige Etappeustrassa durch Hannover nicht genügen könne, sondern 
ganz Hannover in Anspruch genommen werden müsse. Graf 
Münster hatte darüber an seine Regierung berichtet, woraus eine 



eingeladen werden konnte]]. Die Spannung hat lange gedauert; 
desto ehrenvoller ist es für den Kanaler, dass er dem Grafen 
spater den schönsten iliphmiatischen Posten Deutschlands anvertraute, 
da Münster dem Reich wirkliche Dienste im lieiehstag geleistet. 

Die Jagd auf diu grossen Thiere des Nordens, Baren und 
Elche, war für Bismarck ein grosses Vergnügen, und er hat ange- 
nehme Erinnerungen aus Gadehusch, wo er manche glückliche 
Heute gemacht und einen sehr starken Bären auf der Lauer 
geschossen hat. Durch ein Misvurständiits geschah einmal der 



Bismar. 




id, die natürlich 
er, aber auf so 
gemeinschaftlich 



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Petersburg und Üadebnsch. 
büse Fehler, dass Bismarck gleichzeitig mit Graf Thun -i. 



Stimmung eine sein- Indien-, und icli i'n-ule mich alles wuhhui'.Ljeie;;! 

sso sehen. Ich hatte Ural Thun zu meiner RecliUm and Bismarck 
zu meiner Linken. Ob nun aus Uebermuth oder irgend einem 
anderen Grunde, plötzlich erzählte Bismarck die jetzt bekannte 
Ciganeiigeschichte aus Frankfurt a. M., wie der ['i-iisidialgi-sandtB 
sich auch allein das Vorrecht zugesprochen, in der Sitzung zu 
rauchen, bis er sich ebenfalls eine gute Oigarre hervorgeholt und 
den Herrn Präs idi reu den um Feuer gebeten. Bin starrer Schreck 
fiel auf die Gesellschaft, und Graf Thun befand sich wirklich in 
unangenehmer Lage. Er war aber so liebenswürdig, die .bericliti. 
gendei Erklüruns liinmi/ni'ngeit, dass Iiis zum Eintritt des preussi- 
schen Gesandten alle anderen Herren eben keine, liaiiehcr gewesen 
— und so lief der Zwisclicniall glücklich ab. 

Mir scheint, dass bei allem, was Uber Bismarck erzählt und 
geschrieben wird, seine grosse persönliche Liebenswürdigkeit nicht 
genug hervorgehoben wird. Er kann wirklich bezaubernd sein, 
und wenn auch ich im Laufe mancher Jahre solches zu erfahren 
Gelegenheit gehabt', so will ich doch lieher erzählen, wie er einer 



[Inn fiilion iiiüliraY Tilg.' liüilcr nnwicr ili 
villi IticlitiT itun'li Ain/.:ililcii Am Hnuaeä seil 
read des I'lirailcrn-* iwliif-n IMI.rikk in i> 



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446 



Petersburg und Gadebusch. 



interessanten Persönlichkeit gegenüber diesen Zauber geübt hat. — 
l>iu Nichte iles Kanzlers Nesse li-'i:le. Marie Kalergis, damals scbou 
Frau v. Mucbanow. brachte den Winter 1801/63 in Petersburg 
zu und wohnte bei ihrem geehrten Onkel, dem sie auch die Haus- 
frau vertrat, Sie war äusserst üsterreiehisdi gesinnt, ihre einzige 
Tochter war dort verheiratet ; sie kannte die politische Meinung 
Bismarcks, sowie seine iisierrcieliische Antipathie. Es war ihr 
höchst unangenehm, Lei einem grosseren Diner, das der K:inzler 
dem ßisniarckschen Ehepaar galt, zu erscheinen und noch gar Bis- 
marck den Ann zu geben. Sie hatte mich vor Tisch in ihre 
Wohnung kommen lassen und mich gebeten, ihr anderer Tiscli- 
nachbar zu sein; sie werde mit mir als altem Freunde allein reden 
und hoffe, die corree, so lange in Bismarcks Gesellschaft zu sein, 
würde ihr im Himmel angerechnet werden. Bismarck begaui) da- 
mit, mir einige verbindliche Worte über den Vorzug zu sagen, 
den icli hatte, ein älterer Freund unserer Nachbarin zu sein; er 
bemächtigte sich dann der Conversathm, und das Resultat war, 
dass Frau v. Muchanow bald nur mit ihm sprach uud ich während 
des ganzen Mittags nicht zeiin Worte vou ihr gehurt habe. Als 
ich am Nachmittag darüber mit meiner Freundin scherzte, antwor- 
tete sie: tOui, certeduanent, je n'aurai jamais besoin de vtms, si 
/ui Bismarck pour VOisin; fi est tharmant.* 

Ich weiss nicht, ob Bismarck mit grossem Bedauern Peters- 
burg verliess; jedenfalls wurde in der Gesellschaft sein Ausscheiden 
sehr beklagt. 

Mit besonderem Vergnügen habe ich unter den neu eingetre- 
tenen Diplomaten des portugiesischen Gesandten Grafen Moura zu 
gedenken. Leider war der Graf nicht Jagdfreund, besuchte viel- 
mehr sehr häufig die verschiedenen Salons ; so habe ich ihn nicht 
so oft gesehen, wie ich gewünscht. Er hatte die Gabe, sehr gut 

stück hervorzog- ilas riinii Iii ti li hiiisi-hnirr liui ini-inu: er, nb dns (.ii-Matikk 
nü[ aiiiriiinmisu™ iurrd,.' 1 .' ir liiiln- ia*tirn, nl- int.'ml tili l'ipli.toat ilm furclillrar 
irehaiirvcult. mit einem lt.'wii l'.i|ii,Tjin-.--!i lUimul liiüiestlmiitcii, biH er fort 
1,'i'SIiiiuieii ivarv. Indem er sich in aclicrzliafti.'r Vrisi' liliur itii! I,ii[ii;..iv,il,. nirfil 
«vtiit'iT ili]iluii]iiri-il,ci ("uiiTliuLiimu-i-n .ii>^|nnili. -nirn- (Irr Kfhleiier au« der 
freiconservatin.]! l'arr« . .ErlruiUsii Ew. DnR'Wulicht , dass idi diesen Zelra- 

!,Ti)-rllCl]!,tiick rillt IUI S.'lv, idl SIMgl! 1'8 lll'i (Irr UiullHtl'Ll Willi) UnillCr, UIlll 1» 

bringt mir eine Monge Stimmen ein.* Unterdessen «ar eine ganze Menge 

Sie mnBS ihm tebr unlieb ea'ice-cn t-\ in, er lili. !■ nl"T in i-eincr humuri.i:;,cli 
^J.LL-'.v'.inÜL.Ii ^tL-iili^in^, Iii:- i[ :ai!r.1i licml an, : r, rabtehiedete. 



Petersburg und Gadebusch. 



447 



zu erzählen, und sein Humor wurde noch hervorgehoben durch die 
eigentümliche Art, wie er das Französische, das er vortrefflich 
kannte, aussprach. Ptlr einen Südländer war er sehr belesen und 
hatte allerlei geistige Interessen. Dabei legte er einen ausser- 

uneikLiilieli. nml ich erlaubte mir einmal eine bezügliche scherz- 

haite Anfrage, auf die er erwiderte, er habe die Gewohnheit aus 
seiner Jugendzeit und zwar ans London lierühergenommen. Lord 
Palmerston habe ihm einst auf die beiläufige Frage, was wol ein 
junger Mann ohne Geld und Verbindungen Ünm müsse, um in der 
Welt vorwärts zu kommen, geantwortet; .Madien Sie Visiteu; 
eine zu viel nimmt niemand übel, eine versäumte Visite kann sehr 
nachteilig sein.. Er habe dem Rathe des geistreichen, ihm wohl- 
wollenden Staatsmanns Folge geleistet und sieh dabei wohl be- 
funden. Jedenfalls befand sich jeder wohl, dem er das Vergnügen 
machte ihn zu besuchen. 

Wenn auch damals schon nicht mehr die Geselligkeit und 
Gastfreiheit so gross waren, wie ein Jahrzehnt vorher, so gab es 
doch noch eine Menge Häuser, die Bälle und h'este veranstalteten, 
aber auch einige kleine intime Kreise, in denen ausgebe irhneic 
Fl auen den Mittelpunkt bildeten. In mehreren derselben hatte um 
jene Zeit eine wahre Leidenschaft für das schon erwähnte Spiel 
•der Seeretär. Platz gegriffen, und mit allen Mitteln suchte mau 
die Personen bei sich zu sehen, die den Ruf erlangt, die besten 
Antworten zu geben. Ich nenne hier nur den Salon der Fürstin 
Menschikow und den der damaligen Gräfin Sievers. Nach der 
Abreise des Grafen Morny, der, wie ich glaube, deu Austoss dazu 
gegeben, waren der Fürst Uortschukow, Sherebzow, Graf Moura 
durch ihr Geschick und ihren Eifer bei jeuein Spiel bemerkeus- 
werth. Die Fürstin Mens-rhikow hui Überall, wo sie ihren Wohn- 
sitz gehabt, verstand (tu, interessante und angenehme Menschen um 
sich zu versammeln ; sie selbst besass ein ausgesprochenes Talent 
zur Conversatiou im alt.frau/.esiselieti Sinne und war durch ihren 
raschen Geist, ihr grosse* Wohlwullen, sowie durch das Interesse, 
(las sie au der Politik nahm, wol geeignet, ein Centruin zu bilden. 
Auch sie vei-tiel all! einige Jahre der Lenlcusrhai'1 des «Seeretärs.. 

Eine gar originelle und vortretrhuhc llau^trau, die gleichfalls 
in hohem Grade das Talent der rouversution ausübte, war die 
Grafin Sieveis, geb. Grittin Apraxin, später Gräfin Moura, Es 
wird mir schwer, diese liebenswürdige Frau zu charakterisiren, da 



Petersburg und Gndebusch. 

> nahen Beziehungen zu ihr stehe; allein ich knnn sie 
I Müllschweigen übersehen, <U sie doch zu bemerkenswert!) 
im Hilde, das ich widmen will, zu fehlen, Gräfin Moiira 



hat dem «Seeretiiri mit grosser Vorliebe sich hingegeben, und es 
circulirteu damals eine Menge glücklicher Anekdoten, die ihren 
Ursprung kaum verleugneten. Ich habe mich nie für diese Art 
von Geistcsgyinimstik inteiyssirt unil lube nie daran Tbeil genommen. 
Die Geselligkeit gewann, als diese Passion vorüber ging. 

loh sagte bereits, dass im Winter 1B(>I/IS3 fcVau von Mncha- 
uow, unter dein Namen Maria Kniebis in »aiii Europa bekannt, 
in Petersburg weilte, und so hin ich berechtigt., in diesen Eriime- 



Toubler Marie kam, noch beinahe ein Kind, in das Haus ihres 
Üukels und ist von der Gräfin Nesselrode erzogen. Hübsch, jeden- 
falls ihren leiden Cousinen an Sehiinlieil und Talenten weit über- 
legen, spielt« sie schon mit lti Jahren unübertrefflich das Klavier. 
Die Tante sucht«, wie man sagte, sie möglichst rasch KU ver- 
mähl™, um sie zu entfernen. Sie warf daher ihr Auge auf einen 
sehr reichen jungen Griechen, dessen Vater in London etablirt 
und der, ich weiss nicht wie, nach Petersburg geratheu war. Er 
war ein fanatischer Musiklielibabcr : es soll veranstaltet worden 
'sein, drtSS er die junge Künstlerin .jft spielen hörte, ohne dass sie 
darum wusste. Das jung« noch nicht I7jahrige Mädchen wurde, 
ehe sie es sich versah, mit dem leidenschaftlichen Griechen ver- 
mählt und ging mit ihm nach London. Nur kurze Zeit dauerte, 
wie es scheint unter Eillerlei Ml.nrmeii, diese Ehe /.wischen der 
schönen ruhigen Frau und dem vulkanischen Südhinder. Nach der 
Geburt eines Toclitcrchcus wurde die Ehe getrennt, wobei Knlergis 
sich zur Zahlung einer hohen Leihrente verpflichten inusste. Die 
Ehegatten lialeu sich nie wiedergesehen, aber Kalcrgis hat auch 
nie in die Scheidung jre willigt".. Krau von Kalergis erschien ein 
Etablissement in Petersburg nicht gut möglich, so nahm sie ihren 
Wohnsitz in Paris. In den beweglest.cn .lahreu ihres Lebens, die 



Petersburg und Gadebusch. 



449 



sie dort zugebracht, habe ich keine Beziehungen KU ihr gehabt. 
Sic bewegte sich in den verschiedensten Kreisen. In ull diesen 
hatte sie nicht nur Freunde, Verehrer, Anbeter, sondern eben so 
grossen Erfolg bei den Damen. Sie begleitete mit Enthusiasmus 
die Triumphe, ihrer Freunde in der Politik und uuf der Redner- 
büline und bat sich bis an ihren Tod die wärmsten Anhänger aus 
jener damals herrschenden orlcanisiischen Partei bewabrt. Sie hat 
sich aber auch zu jener Zeit unter Künstlern .and Literaten hoher 
AixitcmuLiii; zu erfreuen u-ehabl. Es ist ja bekannt, dass Heine 
in einer Anwandlung vim lUmmvii ■dt» in einem tledieht als iden 
weissen Ek-|di;uili'ii-' In-zeichnet, sowie dass t-r selbst ihr gar sehr 
liuldigte. Alfred de Musset hat mehr als eine Strophe an sie ge- 
richtet, Del- ideale Paul de la Roche, so wie viele andere, haben 

ihren glühendsten Verehrern zahlte. Als dieser seine grösste poli- 
tische Rolle spielte, besuchte er läßlich Marie Knlergis und Warb 
leidenschaftlich um ihre Hand. Nachdem Luuis Napoleon obgesiegt, 
das parlamentarisidie Leben zerstört war, Frau v. Kalergis persönlich 
verschiedene Kränkungen erlitten hatte, hat sie Paris als stehenden 
Aufenthalt aufgegeben und begründete sich ein festes Heim in 
Baden-Baden. Dieses füllt in die Mitte der fünfziger Jahre. Die 
«Milble», so hiess das Haus, das sie erworben, war auch hier bald 
iliis gesuchtere Haus in Baden, der Xuuilt jedoch nur wenigen 
gestattet. Auch hier hat es an Stürmen und Bewerbungen nicht 
gefehlt. Hier habe auch ich den Genuss gehabt, frühere ganz 
iiberllacUirlie I-iezielumgen au (zunehmen, und mich der F reu uil schall 
der ausgezeichneten Frau bis au ihr Lebensende zu erfreuen ge- 
liabt. Nachdem sie ihr Haus in Baden verkauft, ihre Tochter in 
Oesterreich verheiratet hatte, verbrachte sie die Winter meist in 
Wien, wol auch bald in Paris, bald in Petersburg; nach ihrer 
Vermählung mit Herrn v. Muchanow liess sie sich in Warschau 
nieder und bildete auch hier bald einen Mittelpunkt der Gesell- 
schaft. Als ich im Jalire £874, aus dem Orient heimkehrend, in 
Moskau die seit vielen Monaten unterbrochenen lit-ziehungeu mit 
Verwandten und Freunden in einem Haufen von Briefen wieder 
erneuerte, fand ii li die 'IVancniarlinrhl ihres Todes, 

Es ist ausserordentlich schwer, den Zauber, der in dieser 
Persönlichkeit lag, nur annähernd zu schildern. Ich habe absicht- 
lich ihrer grossen musikalischen Virtuosität nur vorübergehend 



450 



Petersburg Wirt Gadebuseh. 



erw&lmt, um hier zusammenfassend zu sagen, rtaas doch die Musik 
ihre ganze Stellung beeinflusst hat nnd dass überall, wo sie war, 
die gnissten musikalischen Kräfte, Talente, Genies sie aufsuchten 
und mit ihr Musik trieben, au ihrem wiuirlttrvoileii Spiel, an ihrer 
Hingabe an dasselbe und ihrer tiefen Kenntnisse in der Musik sich 
erfreuend. So gehörte in ihrer früheren pariser Zeit Chopin zu 
ihren Intimen, so haben Liszt und Itubinstein sie immer aufgesucht 
und ihr gehuldigt. So hat sie aber nebenbei von seinem ersten 
Auftreten an Wagner hochgestellt und hat bis zu ihrem Tode zn 
seinen lebhaftesten Bewunderern gehört. Das Bayreuther Unter- 
nehmen wäre Wagner vielleicht nicht ohne die Unterstützung einiger 
Frauen möglich geworden ; zu diesen gehörte neben Frau von Schlei- 
nitz auch Frau v. Muchanow. Ihr Spiel war allerdings vielleicht 
das grösste Mittel zu ihrer aussergewu hu liehen Stellung, zu ihrem 
Einfluss in der Gesellschaft. Meiner Ansicht nach war es aber 
neben ihrer Sdiiiiiheit vielmehr noch die Grazie, die Feinheit ihres 
Verstandes, nicht minder aber der absolute Mangel ;edes neidischen 
oder überhaupt schlechten Oharakterzuges. Sie war durch und 
durch gut und wohlwollen:!, sie vennied jedes Gesprftcb über Per- 
sönlichkeiten, von denen sie Böses hatte sagen müssen ; konnte sie 
solchen nicht aus dem Wege gehen, so sagte sie wol : t Wollen 
wir, bitte, von dieser Person nicht sprechen, ich kann von ihr 
nichts Unten sagen, • Was man midtsance nennt, die Uebelrede 
ulier seine Miuiie!;schen und Freunde, gehässige Anekdoten, witzig 
nnd lebhaft vorgetragen, bilden nun aber doch in den meisten 
Cirkeln die Grundlage der Unterhaltung. Frau v. Kalersis-Mueha- 
uow bediente sich dieses Stoffes niemals, unrt dennoch war, sobald 
sie im Salon, sofort die lebhafteste Cimversalion im Gange. Die 
Lauterkeit und Gutmüthigkeit ihres Charakters, das Wohlwollen, 
das sie für alle Menschen hatte, bilden trotz ihres Geistes, ihrer 
SctujnSu'ii und Talente den^ch die Ziijre. die sie am meisten hervor- 
heben und sie als eine Ausnahmeerseheinung zu bezeichnen uns 
berechtigt. 

Ich möchte meine Petersburger Erinnerungen nicht abschlies- 
seu, ohne einer Dame zu gedenken, die unfehlbar das erste Haus 
in der Residenz wahrend des Deceuniums, von dem ich hier ge- 
sprochen, gemacht und die das Talent rtazu im höchsten Masse 
besass, ohne dabei das intime Gespräch in kleiner Coterie zn ver- 

livlil L/»ii'rli I -1 -Iii- 1- il<ul- il-l' l -.ii|i. Iii Ii - I "Ii Ii 

war, ist ersichtlich, und die Fürstin Helene Kotschubei ist äugen- 



Petersburg unil Gadebuseh. 



blicklie.h OherholhieisIcHn iler Kaiserin mitl sieht ihrem Amt ge- 
wiss mit f-iuvt ausst'V'.irik'nt Iii: Wm Geschick vor; hat doch niemand 
eine selche Kenntnis der ne! e:\-i tmrger Gesellschaft, iler l'ersnnen, 
Rechte mul Re recht iguu gen und der Tradition. Ich habe nie ein 
besser und grossartiger geführtes Hauswesen gesehen, wo nie un- 
harmonische und störende Elemente eintraten. Icli bin der Fürstin 
für ihre Güte und Freundschaft sehr verbunden und danke ihr 
zumal die Möglichkeit, die mir interessanten Personen zu spreche)]. 
In einer grossen Stadt, in einer zahlreichen Gesellschaft ist letz- 
teres immer nur unter besonders günstigen Bedingungen möglich. 



leb habe in Obigem versucht, die Personen und Zustünde 
der Petersburger Gesellschaft, wie sie mir vor zwanzig nnd mehr 
Jahren entgegengetreten sind, zu schildern und habe nur das auf- 
genommen, was ich meinem Gedächtnisse so eingeprägt, dass ein 
Irrtlium ausgeschlossen scheint. Das Wenige, was ich von dieser 
Iii.-«'! gelullt jetzt erfahre, beweist mir, dass sie eine ganz andere 
geworden ist. Immer mehr hat dio Geschlossenheit der Gesellschaft 
aufgehört. Kleine Ooterien, zu denen nur sehr wenige Personen 
gehören, und grosse Gesellsctiafte.n und Feste, zu denen alle gehören, 
die daran theilnehmen wollen und Gehl hahen, sind chiirakleristisch 
für heute. Das Geld ist die Bedingung, um die sich alles dreht. 
Wer Geld hat, der unterliegt keinem Ostracismus, er hätte gethan, 
was überhaupt möglich — so erzahlt man mir. Ich selbst kann 
mit aller Gewissheit hervorheben, dass jene liebenswürdige kosmo- 
politische Gefellschart, die ich geschildert, jelzt sich derart ver- 
ändert hat, wie ich es vor zwanzig Jahren für unmöglich ge- 
halten hätte. 

Oetober 1884. 



Die Leser dieser anziehenden und demnach auch sehr gut 
au (genommenen Memoiren werden dem Herausgeber nicht gram 
sein, dass er dem zusammenhangenden Werk noch einige Bruch- 
stücke aus Aufzeichnungen des verewigten Verfassers anreiht, die 
sich in seinen Händen befinden. Den im Jahrgang 1881 der 
• Balt. Mcnalssditiltt niitgeiheilten • Pariser Erinnerungen eines 
Raiten: gehörte ursprünglich noch ein Abschnitt an, der bei der 
Veriill'enllidmng fortgelassen wurde, weil er, so interessanter war, 



452 



Petersburg und Gadebnsch. 



sich nicht in den eiiitieitliulien Rahmen der Darstellung «Igte, die 
sicli nun einmal die Schilderung der die Opposition zum zweiten 
Empire bildenden Kreise zum Vorwurf genommen hatte. Es han- 
delte sich in jenem Firmen!, vorzugsweise um deu Englischen 
Klub in der Weltstadt an der Seiue. 

... In jener früheren Zeit (liifH/iW! fand ich dort mir ausser- 
ordentlich zusagende Pei-suiilichkeiten. Vor allen nenne ich mit 
b^auletcm Vci ■gmi^en zwei Lmiil-h.ue aus der baltischen Heimat: 
Herrn Oumming und Fürst Paul Lieven. Beide Herren waren 
auch meine Patheu gewesen, wie man za sagen pflegt, d. h. sie 
hatten mich zum Mitglied im Klub vorgeschlagen, und der Stel- 
lung, die sie in demselben einnahmen, dankte ich meine Aufnahme. 
Cumming, ein Mitglied jener englischen Familie, die seit einem 
Jahrhundert und mehr in Riga heimisch geworden, war in Riga 
gebrnen und erzogen. Er hat aller iruh Riga verlassen und sich 
in England allcilei Studien beflissen. Durch seine bedeutenden 
geistigen und Uhaii'.kiereLgeiiscbal'ten wurde er bald ein gern ge- 
sehenes Mitglied der besten englischen Gesellschaft. Die grosse 
Umsicht und die Energie seines (Iharaklers. die er in einer schwie- 
rigen Angelegenheit entwickelte, indem er einen hochgestellten 
Mann der englischen Aristokratie als laU-hen Spieler entlarvte, 
machten ihm einen Ruf, der lauge nachklang: Ich habe ihn erst 
als alteren Mann kennen gelernt, der mit den liebenswürdigsten, 
wenn auch sehr englischen Formen und einer grossen Herzensgute 
eine bedeutende Schürfe des Verstandes und nm tan gleiches Wissen 
verband. Er ging abends nie aus, und ein kleiner Kreis von 
Freunden kam dann oft zu ihm, wo es am Kamin die interessan- 
testen Gespräche gab. Als ich das letzte Mal Cumming im 
Jahre 1876 in London sah, wohin er nach dem Kriege von 1870 
übergesiedelt, hatte der mehr als achtzigjährige Mann alle seiue 
Eigenschaften wr.iil erhalten, auch sein Interesse und seine Liebe 
zur ersten Heimat sich bewahrt. 

Fast jeden Abend in Paris trat bei ihm zu kürzerer oder 
längerer Unterhaltung jener andere Balte ein, der aber wenig 
von seiner Heimat wusste. Fürst Paul Lievei), der älteste Sohn 
jener ausgezeichneten Frau, die während mehr als dreis.sig Jahren 
die befeaieiidsle pulit ische Dame in der etit i>|iaisi-lien t.i.'scllschati 
gewesen, wnr ganz in England erzogen und hatte seine Jugend 
theils in Petersburg, theils als Mitglied der Gesandtschaften an 



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Petersburg und Gadebusch. 



453 



den curojjäisclieii Hefen zngeboelit ; zeitig halt« er seinen Abschied 
ans dem Staatsdienst genommen und wechselnd bald in London, 
bald in Paris gelebt. Ausgezeichnet in jeder Weise in seiner 
äusseren Erseueinang, hat Paul Lieven einen ausserordentlichen 
Zauber auf die Frauen geiilt und sidi der zahlreichst en Triumphe 
zu erfreuen gehabt. Audi im Kreise vun Männern konnte er be- 



dass dieser Humor ohne Stachel gewesen, so war dennoch nie 
etwas Tioshafles bles um des lioshaflen wegen vorhanden und nur 
das Ironische seiner Auitassuugsweise veranlasste jene scheinbare 
Har te. Feinerer Witz und liebenswürdigere Umgangsformen, bei 
jedem Mangel an Misgunst oder Neid, konnten nicht angetroffen 
werden, und dennoch habe ich mir immer gesagt, wie dieser be- 
zniibrniile Mensch s<i 1 iel WdelLlen ler hi^t« welilen ur.d erscheinen 



suchen Wohl bewandert, die nie Geschäfte gemacht haben, sondern 
nur darauf bedacht waren, ein l'eile Utendes i.'n;'itnlveniKjgen in 
sicherer, möglichst, üu^bihig.-mler Weise anzubringen, sind dciinueh 
bedeutenden Verlusten nicht entgangen, [oh erwähne dessen, um 
dem Gedanken Ausdruck zu geben, der in den letzten zwanzig 
Jahren mir so oft entgegengetreten ist, wie schwer es ist,, ein 
grosseres Mobil iarvcnnO gen so zu verwalten, dass keine Capital- 
verlusle eintreten, wenn mau sich nicht etwa mit den alleruiedrig- 
slcn Zinssätzen einzelner Klit:ils;mii:etT i'egnugeu will. Cumiuilig 



Alle Vorsichtsmaßregeln seidenen genommen zu sein, da kam der 
Seucssioaskric.; und uusscrorilcul.lidi grosse Summen Wurden Ver- 
loreil. Interessanter ist noch der zweite Fall. Die älteste trans- 
atlantische Dainiilsehilhüii'tsgescllschni't ist 'lie Guuard-Snciety. Die 
Gesellschaft ist so trefflich verwaltet, rtass sie nie ein Schiff ver- 
loren hat; immer beflissen, die neuesten F.rtindilugcn anzuwenden, 
hat sie jeder Concurrenz getrotzt: die Aetien wurden als die 
möglichst sichere Anlage augesehen, sie gaben auch keine r.it hohen 
Procaine. Die U u na rd gesell sei wft beldrdeite seit ihrer Gründung 



Petersburg und GftdflDOaeh. 



die. englische Pnst ge^en eine leste Subvention vom Staate. Als 
Gladstone in den si-riiüi.ircr .Tallinn wieder Präsident lies Schatz- 
amtes war, brachte er eine Bill durch die beiden Hauser, die ihn 
ermächtigte, statt der bisher gewährten Pun sc lull summen für die 
Beförderung der Post die Eiuzelbezahlung eines jeden Briefes 
oder Postpaekens einzuführen : dieses ergab eine so grosse Erspar- 
nis für den Staat und einen so grossen Ausfall für die Gesellschaft, 
dass Actien und Dividenden in bedeutendem Masse fielen. Da 
scheint der Grundbesitz in seinen verschiedenen Formen, wenn auch 
hier allerlei Schwierigkeiten eintreten, ducii noch die sicherste Anlage. 

Ein täglicher Besucher des Klubs, den ich auch sehr oft bei 
der kleinen Mittagstafel O.iinuüngs oder am Abend an dessen 
Kamin begegnete, war der Hi-rzog von Richi'lieii. einer der origi- 
nellsten Franzosen, die ich gekannt habe. Einer Seitenlinie des 
berühmten Canlinals entstammend, hatte er den grossen Namen 
und Titel zu führen und zu tragen, ohne den Besitz eines irgend- 
wie entsprechenden Vermögens. Während es nun ziemlich cha- 
rakteristisch für die Franzosen aller Stände ist, dass trotz grosser 
Sparsamkeit im Hause und im täglichen Leben sie gern reicher 
erscheinen, als sie wirklich sind, war solches bei Richelieu keines- 
wegs der Fall. Er halte nicht nur in dieser Hinsicht eine grosse 
Unabhängigkeit, sondern auch im allgemeinen eine den Franzosen 
ungewöhnliche Selbständigkeit <ler Gesinnung. Seiner Partei- 
Stellung nach war er Legitimist, aber auch hier war das immer 

Henrtlieilung der Verhältnisse. Seinem wirklich selbständigen 
Urtheil gesellte sich aber auch ein so starker \Viders|'riLrh*s:jeist , 
dass er eigentlich immer anderer Meinung war als die Person, 
mit der er sieh unterhielt. Er galt für einen unangenehmen Gesell- 
schafter, zumal bei den Franzosen, hatte aber die ergebensten 
Freunde und Freundinnen, denen auch er mit seltener Treue an- 
hing, und scheute der scheinbar egoistische Manu kein Opfer in 
dringenden Fällen seine Anhänglichkeit zu bezeigen. Obzwar 
auch ich mich mit ihm meist in Widors[>iiicheiL begegnete, so habe 
ich doch seinen Umgang sehr geschätzt und mich immer daran 
erfreut, wie er, der oft anzugreifen schien, dennoch jeder Verleum- 
dung energisch entgegen trat. 

Für mich selbst würde es als eine Lücke erscheinen, wenn 
ich hier nicht mit wenigen Zügen einen der originellsten und ent- 
schieden amüsantesten Gesellschafter nenne, dem ich begegnet bin. 



Petersburg und Gadcbusch. 



455 



Bin icli duch oft in spaterer Nachtstunde blus deshalb »och in den 
Klub eingetreten, um midi noch wahrend finos halben ,StiliuU:liens 
der unübertrefflichen Unterhaltung, des tmwiderstehlidien Humors 
und Witees des Uarqufa von Harford za erfreuen. 

Der Marquis Harford hatte als Chef der Familie Seymonr 
die grossen ridc->..»i]iiih-i.'iiti-i' in Kurland iiini Irland nhoriioimnen. 
Neben diesen um lan glichen und einträglichen, mit sehimeii Sclilüs- 
sern, Parks und Jagdgründoti reichlich verschollen (intern hatte 
er noch von seiner Grossmut.ter, der Herzogin von Manchester, ein 
schönes Haus in London mit allem Zubehör, sowie bedeutende 
(Kapitalien geerbt. Lord Harford war vor dem Tode seines Vaters 
Obrist in der englischen Armee, verliess jedoch sofort den Dienst, 
als er sich im Besitz jenes fürstlichen Venne gen-; sah, er hielt 
sicli meist in Paris auf und eine anfallige Begegnung mit dem 
Fürsten Paul Lieven, der Tags darauf als Courier nach Petersburg 
gehen sollte, veranlasste den jungen Lord zu dem raschen ICnt- 
scl.luss jenen zu begleiten, um den türkischen Feldzug 1828/29 
mitzumachen, wie er denn auch im Gefolge des Kaisers gethan. 
Trotz seiner grossen Stellung in England, trotz der grossen Rechte 
und Pflichten, die ihm diese gaben, konnte der von der Gunst des 
Sellicksals verwohnte junge Mann, der .seinen Gewohnheiten Und 
Wünschen entsprechend leben wollte, nicht in England festen Fuss 
fassen. Die letzten zwanzig .lalire haben eine so grosse Verände- 
rung in den englischen Sitten und Gewohnheiten hervorgebracht, 
dnss man sich von den Lebensbedingungen vor fünfzig oder nur 
dreissig Jahren kaum eine Vorstellung machen kann. Nicht nur 
das Leben in den Hausern und in der Gesellschalt war gar strengen 
und unerbittlichen Formen unterworfen (davon findet sich auch 
beute noch etwas Vor), Sondern auch das Privatleben des Einzelnen, 
die LebensgewiilinlLeir.i'ii im Klub u;nl auf der Strasse waren uner- 
bittlich beschrankt. Nirgend wurde eine Cigarre geduldet, und 
wer nicht dachte und glaubte, wie es hergebracht war, der verfiel 
dem Ostraeismus der Gesellschaft. Das IVeieste [,aud war gewisser- 
masseu das allerunfreieste, und solches mag denn auch erklären 
und entschuldigen, dass damals Paris und ganz Frankreich von so 
vielen Engländern bewohnt wurde. Harford, der durch sein grosses 
Vermögen, durch die grosse Freiheit, in der er aufgewachsen war 
(sein Vater hatte meist in Italien gelebt), durch seine lobenswerthen 



kür in der Selbstbestimmung hingewie: 



456 



Petersburg und Gadebnsch. 



Paris heimisch. Die Gimst des Schicksals warf ihm nun liier ein 
Kleinod in den Schoss, wie sich kaum ein zweites in der Welt 
finden dürfte: ein Theil des Bois de Boiilogne. der nach derPlaine 
de Satory belegen, gehörte als Privatbesitz dam regierenden Zweige 
des Hauses Bouibon. Erst mehrere Jahre nach der Revolution 
entschloss sich die vcvulfboc Familie diesen kus-.lichen Besitz zu 
verkauten. So erstand Marquis Harford .Bagatelle^. Unweit der 
alten berühmten Allee von weissen Kastanien, die sogar wahrend 
der Belagerung mul <tcv < 'omimmn vi'i ~<- :iont geblieben ist, befindet 
sieh ein Gitter und ein Thorweg, der Bagatelle abtlieilt nud den 
Eingang zu ihm ermöglicht. Hier haben der Herzog von Bordeaux 
und seine Schwester in ihren Kinderjahren gespielt, liier Karl X. 

les, wenn auch styl volles, nicht 
s Harford vorgefunden, nebst 
herrlichen Bäumen und dem schonen Blick auf den Mont Valerien 
und das Thal der Seine. Alles, was moderne Gartenkunst, der 
feinste Geschmack eines knnstliebenden Kenners als Schimii:k nVm 
Harten und Hause zufuhren konnte, war auf diesem Stilck Landes 
vereinigt und bot ein ganz unaussprechlich schönes Bild. Jedes 
Jahr, möchte ich sagen, hatte an der Vollendung dieses Bildes 
etwas hinzugethau. Die Kunstgärtner Belgiens hatten immer 
neue und schönere immergrüne Pflanzen geliefert, und was die 
französischen Gärtner an blühenden Pdanzen und Blumen zu bie- 
eheu, der Paris iu den letzten Jahr- 
Jahre I8G7 zuletzt den schon sehr 



dass ich unwillkürlich stehen blieb, bevor ich an den kranken 
Freund herantrat. Harford ist 1H70 gestorben , kurz vor der 
h-ltf-mn; i-n F'«r... >■■ h«' -r -Ii- 7> r i-.finf-n i.i- 1,1 & ■«. I,r" 
die auch Bagat dir winiliorachend erlitten, und er hat sich bis zu- 
letzt der Schönheit desselben erfreuen können , wie sich seine 
Freunde bis zuletzt an dem ungebrochenen Geist und Humor des 
tlich viel leidenden Mannes erfreuten. Humor aber in 
Imlichen, mit der ganzen Person verwachsenen 
inberechenbar wie sein ganzen Thun und Lassen, 



iristisfdi-siityrisHicn '/a\%, der aber i 



Petersburg und Gadehusch. 



467 



verletzte, auch nicht die Abwesenden, von denen eben erzftlüt 

Harford war, wie bemerkt, im Besitz eines grossen Vermögens; 
dieses Vermögen hatte sich im Verlauf der Jahre zu einem ganz 
kolossalen gesteigert. Es ist oft von ihm gesagt worden, dass er 
gewisser massen geizig sei ; ich habe solches nie gefunden. Er war 
nur der Gegenpart, mochte icli äugen, eines Verschwenders ; er 
wollte nur immer seinen Zweck erreichen und an jede Sache, sei 
sie gross oder klein, nur gerade so viel wenden, um diesen Zweck 
zu erreichen. So hatte seine Kunstliebe in gewissem Masse keine 
Grenze. Wenn ein Bild oder ein anderer Gegenstand ihm absolut 
schön oder etwa zur Vervollständigung einer Sammlung wünschens- 
werth erschien, so war ihm kein Preis zu hoch. Alle Kunstlieb- 
haber nicht nur. sondern alle Zeitnngsleser wussten seiner Zeit, 
dass der Marquis Harford bei der Vei-steigerung der Bilder des 
verstorbenen Königs von Holland mehr als eine halbe Million 
Francs für ein Bild von Murillo geboten, aach mehr noch gezahlt 
bitte, wenn ihm nicht bedeutet worden wäre, dass die Verwaltung 
des Louvre das Bild um jeden Preis kaufen müsse, um die Samm- 
Inng zu vervollständigen. Diese Richtung seines Geistes, den 
Zweck zu erreichen und die Mittel zu ergreifen, die dazu not- 
wendig erschienen, dürfte der Schlüssel sein zu manchem UnerkUr- 
liehen im Leben und Charakter dieses Mannes; auch mir ist solches 
erst später verständlich geworden. Wenn er in seiner knappen 
Weise erzahlte, so waresein gewisser Gedanke, der als Endzweck 
der ganzen Erzählung herausgeschalt werden konnte ; vielleicht 
war deshalb gerade seine Dnterhaltung so anhebend. Wenn Har- 
ford nun auch niebt ganz sich der gefährlichen und hosen Einflüsse 
eines zu grossen Vermögens zu entziehen wusste, so unterlag er 
ihnen docli vielleicht in geringstem Masse unter all den Personen, 
die ich in einer Stellung gesehen, welche durch dei-en Vermögen sogar 
Uber die Mehrzahl der meisten reichen Leute weit emporgehoben 
wurde. Masslose Üeberschätzung der eigenen Peison oder des 
Wertlies des Geldes, Verschwendung und unberechenbare Willkür 
haben nur gar zu oft das Leben solcher bevorzugten Menschen zu 
einer Caricatur gemacht. Harford war nur unberechenbar, und 
seine Ausschreitungen hielten doch immer Mass. Wol hatte er 
einmal einen Chek au porteur über eine Million Francs ausgestellt 
zu einem mysteriösen Zweck. Bekannt wurde solches Mos durch 
die Aeugstlichkeit des Chefs des Hauses Rothschild, der den Maniuis 



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468 



Petersburg und Uadebnsch. 



überall suchte, um zu erfahren, ob der Gbek wirklich von ihm aus- 
gestellt sei. Böse von diesem dafür behandelt, liiuss doch bemerkt 
werden, dass vor etwa dreissig Jahna Bin solcher Chek wirklich 
eine Abnormität vorstellte. Wenn Harford später im vertrautesten 
Kreise mit diesem übek geneckt wurde, so meinte er blos humo- 
ristisch, nur einmal könne man solches thuu. — Hier mag noch 
Folgendes erzählt werden : In Paris lobte ein Capitän an half pag, 
wie man sagt, mit dem Harford im selben Regiment gestanden, 
mit dem er aber nicht gerade einen intimen Umgang pflegte. Dieser 
gebildete und treffliche Mann war durch eine thörichte Heirat, 
durch mehrere Kinder in die drückendste Lage gekommen. Da 
bot ihm Harford eines Tages an, auf seine grosse Besitzung in 
Norfolk mit Frau und Kindern übwzi^ieduln, und stellte ihm Haus 
und Hof, Halten und Park, Jagd- und Fischereigründe zur Ver- 
fügung. Htm, Harford, würde das kaum eine Mehrausgabe ver- 
anlassen, da immer alles zu seiner Aufnahme bereit, Dieiiersrliait 
vorhanden sei &<:. ; der Capitän würde sein Gast sein und doch 
unumschränkter Herr. Er mache nur eine, aber un widerrufliche 
Bedingung : der Capitiln möge ihm nie schreiben, nie von dort 
etwas erzählen. Nach pitiisrem /»gmi nahm derselbe den Vorschlag 
an und zog nach Norfolk. Er hat dort mehrere Jahre gelebt. Da. 
erschien es ihm als seine Pflicht, dem Marquis Schäden aufzudecken, 
die er in der Verwaltung beobachtet zu haben glaubte, und er schrieb 
dem Marquis. Vierzehn Tage darauf erschien dar Bevollmächtigte 
von Harford und Uberbrachte ihm die Bitte des Besitzers, Haus 
und Hof zu räumen, indem ihm alle Bequemlichkeiten zum Abzug 
und zur Reise zur Verfügung gestellt wurden. Die beiden Herren 
habe» sich nie mehr gesehen. — Auch darin war Hai ford nicht 
wie jene richards in Europa, die nach Millionen ihre Revennen 
zählen; er verwaltete sein Vermögen selbst, wenn auch natürlich 
nur von oben herab und leistete gern seinen Freunden grössere 
and kleinere Dienste, pflegte auch seine Reichthüiner nicht wie ein 
Heiligthum, au das niemand rühren durfte und erzählte in der 
liebenswürdigsten Weise, wie einer unserer gemeinsamen Freunde 
ihn um seine Tlieilnnhme an scheinbar glänzenden Geschäften er- 
sucht habe. Er spiele wol noch Karten mit ihm, erkundige sich 
aber nie nach dem Schicksal der Korkeichen Waldungen in Algier, 
damit er nicht zum dritten Mal ihm irgend welche Geschäfte 
vorschlage. 

Als Chef des grossen Hauses Seymour, als einer der grössten 



Petersburg und Gadebusch. 



Grundbesitzer Englands, glaubte sieb Harfen! itt verhältnismässig 
nocli jungen Jahren dazu berechtigt, die höchste Auszeichnung zu 
beanspruchen, die di'! Kruni! r.nglaiiils einem Uiiterthan verleihen 
kann, den Hosenbandorden. Die Partei, zu der er gehörte, war 
gerade an der Regierung und wenn derselben auch viel daran 
lag, dass der Eiulluss des Lord bei den nächsten Wahlen zu ihren 
Gunsten verwandt wurde, so wurde ihm doch bemerkt, dass sein 
Wunsch nicht erfüllt werden konnte, da er zu wenig in England 
lebe, xu selten das Haus der Lords besuche und nichts Bedeutendes 
für das Land gelhan habe. Harford ging nach England, war oft im 
Hause der Lords zu seilen, liess ein Haus in Pall Mall in London 
bauen, wo alle seine Kiinstsehat ;e a^ilgedelk weiden sollten, beschäf- 
tigte Tauseude TOD Arbeitern in Irland, um suinjilige Xiedeierigen 
'trocken zu legen und verwandte allen seinen Einüuss und alle 
seine II itt«! bei der midisten Parlameulswahl. Er erhielt den 
ersten vacanten gurler (Knieband). Harford ging wieder nach 
Paris zurück. Das Haus in Pall Mall iilieb mivulhmilet. In Irland 
wurden die grossen Arbeiten kauiu weiter gefordert; er hatte ja 
seinen Zweck erreicht. 

Auch sein Testament hat alle seine Verwandte und Freunde 
überrascht. Ich habe ihn die letzten Jahre über nicht gesehen, 
und so kann ich keinen Aufschluss dafür linden, dass er seinem 
Kechtsnaehfolger als Haupt der Familie Seyuinur nur das hinter- 
lassen, was er ihm nicht entziehen konnte. Wir hatten öfter über 



gen in London besehen halte (sie waren gewöhnlich un^giuiglieli'., 
gesagt, dass er dafür Sorge trage, dass jediw Stück, das dahin 
komme, zum h'ideicomniiss ein gel lagen würde; und was waren das 
für Schätze in Manchester-house ! Schönere Niederländer habe Mi 
nirgend gesehen. Eine aiissei-ordeiillieh grosse Zahl von englischen 
Portraits, zumal von Kiieücr, selio:ie Kmisisadiou aus dem Cinque- 
cento und die ausserordetilliehsle Stundung voii Ki> vre- Gruppen, die 
mir üljerhali[>! vorgekommen. Bevor ich Mandiester-liuuse besucht, 
habe ich nielit gewusst. dass Sevre so vollendete Kunstwerke in 
so grosser Zahl geschahen hat. Alle diese Schätze sind aber 
nicht dein jetzigen Marquis Harford zugefallen, einem ziemlich 
entfern teil Anverwandten des Verstorbenen. Während der Belage- 
rung von Paris und nach dieser haben alle Zeitungen berichtet, 
in welch grussartigem Massstabe ein Herr Wallace die Armen 



460 



Petersburg und Gadebusch. 



und Notliilärtiigeii in 1'ii.ris unterstützt habe ; das gross« Vermögen, 
das er vom Marquis geerbt bat, gab ihm dazu die Möglichkeit. 
Ein natürlicher Sohn von Harford, hatte er in früheren Jahren 
nicht so au Harford gestände]], die .fn-nndi? derselben glauben 
konnten, dass alle die unermessliclien Reichtliümer ihm zufallen 
wurden. Wallace ist Besitzer von Bagatelle, Besitze)' der zahl- 
i^ichen Hauser auf dem Boulevard, der ungezählten Millionen, 
Besitzer von Mnncliester-house und derjenigen liegenden Gründe in 
England, deren Zugehörigkeit zum Fideieommiss nicht nachge- 
wiesen werden konnte. 

Die liebenswürdige Aufmerksamkeit, die Harford für seine 
Freunde haben konnte, hat er auch mir bewiesen. Ich hatte im 
[villi, »eäusserl, dass ich gern nach England hinüber wollte, um 
die Antrittsrede Lord Derbys zu hören 1 , wenn ieh nur sicher wäre, 
einen Platz im Oberhause zu erhalten, was wol kaum möglich. 
Harford hatte das im Klub gehört, sofort nach London telegraphirt 
und sein Recht, von dem er sonst keinen Gebrauch machte, auf 
zwei Sitze im Oberhause geltend gemacht. Ich erhielt am Morgen 
früh ein freundschaftliches Billet von ihm mit der einliegenden 
Depesche, die mir jene Sitze zusicherte. Ich habe dann auch 
einer interessanten Versammlung beigewohnt, deren leitender Ge- 
danke der Widerwille war, von einem fremden Siuivcriiu, und gar 
einem Napoleon, Einmischung in fremde Angelegenheiten zu er- 
dulden. 



' Loril Dorbj hatte ein Tilmi-iiiTiimi gi-ltiliM, nadulnn l,un! l'iilim'is 

nrgvli l'ilHT Fmiuldlliill, ilir IT LH YltliliIü^liii;; I )l;il.L;lll':iiri' II! l'sris dll- 

ijcljKidil liiillt, in iler Jüiiuriliit yelilitljen w»r. 



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Die wildlebenden baltischen Saugethiere III, 



.— TV. Ordnung. Robben. Pinnipedia. 

■ fjfr'.li' Robben besitzen einen gleichmassig walzen förmigen 
JL Körner init unvollkommenen Gang-, aber guten Hiuler- 
l'üssen, von denen die hinteren gerade nach hinten, die vorderen 
seitlich nach nussen gerichtet sind. Sie stehen den Raubthieren 
nahe, namentlich auch in Betreff ihres aus drei Arten Zahnen be- 
stehenden Gebisses; nur die Uaekenzühne unterscheiden sich von 
denen der Raubthiere dadurch, dass sie alle von einer sehr gleich- 
artigen Form sind. Den Namen Seehunde verdienen die hier in 
Betracht kommenden Arten nicht nur ihrer Erscheinung oder ihrer 
bellenden Stimme wegen allein, sondern ihrem Wesen, ihren seeli- 
schen Eigentümlichkeiten nach weit mehr ; denn nächst dem treuen 
Haushunde selmm-t hieb vielleicht kein Thier so ausnahmslos euge 
in der Gefangenschaft au den Menschen an. Gefangene Seehunde 
sind von einer seltenen, rührenden Anhänglichkeit au ihren Flieger 
und Herrn beseelt, folgen seinen Schritten, huren bald auf jeden 
Zuruf, bemühen sich Zufriedenheit zu erwecken, zeigen Freude an 
Liebkusun^ii. sind t.nii|ifindlich gegen Scheltworte &q. 

1. Der gemeine Seehund, l'hoca vitulina. Russ : tb-icui, 
(tjitlm), auch acpiia (wcr/i«); lett. : rotniS (selten julflQ, muthmass- 
lich aus dem Livischen überkommen) ; estn. : üige, hälg. — Er 
ist fast überall an unseren Küsten liaulig genug, nameutlieli au 
den Inseln und dem estläudiscken Meeresuier ständig vorkommend. 
Weiland Pel/.Saiidhrr i hiiiuvablt konnte noch in den siebziger 
Jahren bis 300 Felle jährlich, namentlich von den Bewohnern der 
Iusel Rune aufkaufen. Sein Sohn Paul Grünwaldt erwirbt jetzt 



■162 Die wildlebenden baltischen Säuge liiere. 



nur noch bis es. 200 Felle jährlich — ein Zeichen allmählicher 
Abnahme; von den Runüern konnte er z. B. 1883 nur 102 St. (ick. 
alb-nlin;;s H. J 1 iiii.-j- 2Hi'i Kliii-k erlangm. Die dii] r ^. 1 1 sji r et.ln^;n1 r'ii 
Jftger von Ruuo nähren sich zum grüsssten Theil nur vom Robben- 
fang und durchjagen mit ihren primii i vt n sei Ist verfertigten Ge. 
wehren alle unsere Meergebiete bis weit in den Hunnischen Meer- 
bnaen hinein. Unser Seehund steigt in grössere Flusse oft weit 
ins Land hijiauf, so in die Düna bis Dahlen, in den Stintsee, in 
die kurische Äa bis Pawasseru resp. den Bnbitsee. Sein Nutzen 
durch Lieferung des Tbranes und der < Blaumann. Felle, ist be. 
deutend ; Gesetze sollten ihn daher mehr schützen, eine richtige 
Schonzeit den Runüern vorschreiben. 

2. Die Ringelrobbe. Phoca /Odilia (s. aueUata). Diese schmucke 
Art scheint ziemlich selten an unseren Gestaden gefunden zu 
werden. Den Pehiiiai'.liTii ist sie so gut wie unbekannt ; von den 
Robbenjägern auf Kuno konnte ich über die Ringelrobbe keinerlei 
genügende Auskunft erhalten. In Dorpat steht ein schönes, sehr 
dunkles Exemplar im Cabinet der Universität ausgestopft. Wei- 
land Prof. Grube erwähnt einer 1850 unter Port Knuda gefange- 
nen Ringelrobbe unter dein früher mehr gebräuchlichen Namen : 
Phoca auellala. Dr. Asniuss hat einige Male Gelegenheit gehabt, 
sie auf Entozuen zu unters ucheu. Director Schweder in Riga er- 
hielt 1874 ein bei Dünain unde «efün^eties Exemplar, 

2. Der graue Seehund. Halkhoerus grypws. Heisst auch : 
Kegelrobbe oder Graukerl. Russ. ; cbpYUT, c-hpr.a {^jtnin, ssjü-foi); 
est». : wiger. Die kühnen Fischer und Robbenjäger von Ruuü be- 
richteten mir auf meine nachiiji-sdienilen Erkundigungen, dass der 
< Graukerb von ihnen namentlieh im März und April nördlich von 
Dago bis in den Eingang des BoUnischcn Meerbusens gefangen 
werde. Nach ««fälligen Mitteilungen des Herrn Paul Grüuwaldt 
juu. seien im Grüuwaldtscheii Geschäft in keinem .labre mehr als 
14 Felle des Graukerl und durchschnittlich kaum 10—12 Stück 
jährlich vun den runoer Jägern gekauft worden. Diese Felle sende 
er alle zum Färben nach London, da ihre zu lichte Färbung sonst 
um- ein unansehnliches Pelzwerk ergeben würde. Obgleich er 
nach Obigein steliweise keim; allzu grosse Seltenheit zu sein scheint, 
so ist seine Vertretung in unseren Sammlungen «ine mehr als mangel- 
hafte. — Es ist interessant, dass unser Prot. Asluuss bereits vor 
ca. 40 Jahren in dem Graukerl unter anderen EnUizoen sehr zahl- 
reich vertreten Äscaris osculuta gefuudeu hatte, und dass neuerdings 



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Die wildlebenden baltischen Saugethiera 4153 



Dr. Nehring (in Berlin) gl ei ch falls das oft massenhafte Vor- 
kommen von Ascarit oscitlata im Maul und Magen der um Rügen 
liaun'g hausenden Kc^elrobheu eonsiatirte. Diesem Forscher ver- 
danken wir über die Anatomie des Graakerl sehr specialis und 
interessanlo wis-i-usi-liuitliclic M iltlii.'ilungeu. Die. Kegelrobbe wird 
ausser in der Ostsee auch au der We-tkusle Skandinaviens, an 
den Küsten F.nglauds. Schottlands und Irland-, sowie bei Island, 
Grünland und Labrador gefunden. 

V. Ordnung. Nugethiere, Glires. 

Rasa. : TpaBynu (grysung) ; lett. : groujiili (Neubildung). 

Diese dureil die slärhere Eni wirk .'Inn;.' ihres Hinterleibes resp. 
der hinteren ftx'.retuit aton vorzugsweise zum Hüpfen und Springen 
befähigten Thh'n; l'tsitÄüu nur zwei Allen ZiLhne, indem ihnen die 
Eckzahne gänzlich fehlen. Charakteristisch sind die auffallenden 
und daher gut bekannten zu 2 und 2 gestellten, langgebogenen 
-Xage^alme. , Von deren Slnulr und Starke die Erhaltung des 
nagenden Individuums grossteutheils abhängig igt. Von den i!3 
niilloleuiupäischen Nagcthierartrn besitzen unsere Provinzen wissen- 
schaftlich nachgewiesen nur ls Spccies. Früher wurde der Hamster 
CrkclHS fTtiiiH-iiturius in gutem Glauben und in Analogie mit seinem 
häutigen Vnrkoumieii in .M i r iivlriitsrhb.ud, oder atii-h weil derselbe, 
weiter südliidi in Polen und südöstlich in einem Theile des wilebs- 
kischen Gouvernements schon vorkommen soll, unter den hier vor- 
handenen Nagerfo rui cn kritiklos vorgefahrt und seine Beschreibung 
:111s deutschen Lehrbüchern eiuiadi abgeschrieben, so von J. Ii. 
Fischer im vorigen Jahrhundert , von E. W. Drümpelmann und 
Friebe &c. und in vielen späteren Verzeichnissen, Etwas stutzig 
und fast zweifelhaft könnte man aber vielleicht werden, wenn man 
unsere lettischen Lexika duirhniiistert, wobei man z. B. beim alteu 
Stcnder findet: der Hamster «ncrailfa>, bei L'lmaun: <uriDil(a8i, 
Donner: .(obmiS.!? Sollten das nicht südlittuuisehe Ueberkommen- 
schaften sein v Büdicniiiichwerk V Ulmauns urrcilriij nur ein correct 
gebildetes, aber einfach Stender entlehntes itnvilln sein ¥ Denn so 
viel ich mich seihst unermüdlich und unzählbare Male darnach 
erkundigt habe und um bezügliche Nachforschungen gebeten hatte : 
kein lettischer einfacher Bauer kannte eines dieser Worte, noch 
viel weniger ein dem Hamster ahnliches Thier. So schrieb mir 
hierüber Herr Julius Döring. Geschiiltslulirer des niitauer Museum: 
•Auch nach Hamstern habe ich midi erkundigt; es scheint, dass 



4(14 



Di« wildlebenden baltischen Säugt 



iti!r;iu!lji; liier in K'.irland nicht vorkommt ; ich sprach veiscliiedfrie 
Landwirthe und Billige Naturforscher, keiner von ihnen hatte je 
einen Hamsun- liier gesehen, noch von seinem Vor Ii Linien sein gehört.! 

Der verst. Prof. der Zoologie Dr. Zaddach aus Königsberg 
sagte mir 188U auf der Natur forscherversammluiig zu Danzig bei 
Besprechung dieser lillscliliclicn Hamsteraulfüh rangen, dass, da der 
Hamster smvol in West- als Ostpiviisseii giinzlicti fehle nnd erst 

( »sr.seeprovinzen vorgekommen sein könne. Das von Ä, Lehmann 
der dorpatei' l'iih'ersilats-amuiliiug übergebene Exemplar ist 

gewisslich von seinen Reisen ans Siidrassland, wo der Hamster, 
XOUHKI (chomjah), als südöstliche Schwanns Spielart auch Knpfirullb 
(karbysch) genannt wird, mitgenommen gewesen und wurde im 
Register durch ein Versehen als 1 irländisches verzeichnet, indem 
man liest .Livonia I8861. Ehe also verbürgte baltische 
Hamster gefangen nnd eingesandt wurden, darf derselbe uicht auf- 
geführt werden. 

L. Das fliegende Eichhörnchen. Pkromys volans. Russ.: 
•lerara (le/;'ayn), Jiomra (\jutjatju), im.ieTVma [pahtiisclm), .leryias 
frfijKa (letal schaja bjeiha); iett. : ffreiniiljniErmjdi. So selten diese 
nächtlichen, auffallenden Flatterthierchen hier vorkommen, so weisen 
unsere Sammlungen doch factisch mehr Flugliornexemplare als ge- 
wöhnliche Eichhornbalge absonderlicher Färbung auf, aus nahe- 
liegenden (J runden, denn eiu so merkwürdiges Geschöpf behalt 
niemand bei sich : das müsse man den Herren Gelehrten zuschicken, 
denkt da ein jeder mit Recht. Die meist paarweise lebenden 
Fhighöruehen werden in der Gefangenschaft leicht zahm, i'ret-cn 
bald aus der Hand. 

2. Das Eichhörnchen. Sciurus vulgaris. Huss. : (itjüa (bjella) 
ntEina («ijefeelo) ; lett. : iDtthrocri« ; estn. : ortate, orraicas. Obwol 
allbekannt und vielfach genau beobachtet ,vun idyllisch-schwärme- 
rischen, sentimental angehauchten Naturpocton sogar geliebt und 
für unschuldig gehalten), giebt der kleine Nestplünderer und Kuss- 
dieb der Wissenschaft durch die abweichenden Kai-biiiige» seines 
Kleides noch heute allerlei schwer zu lösende Jtiithsel auf. 

In Ostasien und Südwesteuropa , namentlich im Gebirge, 
trügt das Eichhorn ein schwärz liebes, bis tief schwarzes Sommer- 
kleid, während zwischen der Weichsel und dem Jeuissel dasselbe 
rothlich ist und in den Uebcrgaugsl ändern (sogar in einem Gehecke) 

theils rollt, theils soliwatv. yefnndcii wird. AU durchaus siiurndtscli 



Diu wildlebenden liriltisclitü] Säiigethiere. 465 

ist vor bald 2 Jahren wissen 6chaftlich ilas Vorkommen des seil war. 
zen Sommerkleides auch für Oesel und Dago constalirt worden; 
diese Thatsache iuvolvirt ein merkwürdiges Räthsel. Welches 
sind nun die Ursachen dieser Erscheinungen? Weder die einriebe 
Nahrung, noch die Höhe aber dem Meere, noch ein feuchtes 
Küstenklima können hierüber allein Ausschluss geben ; denn alle 
diese, zuweilen eingehend vriitilirten. Tlmoiicri wurden durch grosse 
Ausnahmbefunde erschüttert. 

Wo rothe und schwarze Sommerhörnclien beisammen sidi 
vorfinden, behalten die suimnenotheu auch im Winter den rüthlichen 
und die som nierschwarzen auch den schwarzen Schweif bei. Wo 
es aber, wie bei uns auf dem Festlande, nur rothe Bomraerhärn- 

i li-n 51-M. "1* Inqi' ti .Ii- H ukIpvii )\ <li ■. iin t-ig* N.li»ih£- . 

die M;ih[li:1k-u vorwiegend schwarze, die Weibchen mehr rothe ; 
Iridis Gesehl echter aber auch zuweilen schwarz roth-braun grau ge. 
mischte Schwan z färben ! Sind nun die schwarzen Schwänze bei 
rothein Sommerkleids (was in Deutschland z.B. niemals vor- 
kommt) Anklänge an die SeliWiirakhiiduii-j, L'eherbleibsci von der- 
selben oder gar Anfänge zu einer solchen '? 

In keiner mir zu Gebote stehenden Naturgeschichte konnte 
ieh Über den jährlichen Haarwechsel heim Hiirnck-u Aufsei ilussc. 
erhalten; die betreffende Literatur scheint über diesen ■ »eheiinnis- 
VolleDi Vorgang geschwiegen zu haben. Nach meinen Unter- 
suchungen wird das rotlibrauue , kurzhaarige (resp. schwarze) 
Augustkleid zu Ende September und im Ocwbcr sii .herlieli nii-lil 
abgeworfen oder gewechselt, sondern nur aus- und umgefärbt, wo- 
bei dichtere Wolle naclisehiesst, einige Haare auch zukommen ; 
nach geschehener UmfiLrbung wächst der gesammte Pelz in die 
Länge und erreicht, im November seinen wärmsten WiiittrbesüLiu!. 
Diesen Beobachtungen stimmte Prof. Dr. Liebe in Gern vollkommen 
bei, indem er mir noch seine jüngste Erfahrung brieflich mittheilte, 
also schreibend: .Mein Eichhörnchen, ein schwarzes Männchen, 
hat in diesem Herbst bei der Umfilrbung nicht ein Haar 
verloren. 1 

Ueber die Haarveraudeningeu im Frühjahr und wahrscheinlich 
im Juli behalte ich mir seine)' Zeit bezügliche Mittheil ungen vor, 
indem meine Untersuchungen, einiger Ergänzungen bedürfend, noch 
nicht abgeschlossen sind. 

3. Der Gartenschläfer. Myoms gverämis. Russ, ; coh-iueoh 
Kpuca [ssonliKaja knjssa), couii (ssonja), auch uojiCki (poltschok) ; 



Die wildlabffl 
tüt. — Bs ist 



n Säugethiere. 
ibekannt geblieber 



Bilsdielschwaiiz. wiederholt; hier in Heiershof bei Wenden ist sie 
selir häufig. — An der Düna, namentlich bei Kokeuhusen, fand sie 
der verst. Pastor Paclit in grosser Menge. In Kurland ist ihr 
gl eich massiges Vorkommen unzweifelhaft. 

4. Der Siebenschläfer. Myoxm gUa. Boss: aeH.iiiiraa 6-tiKa 

einige baltische Heimat dieses asdi^vau.m. <-.k\ -iure ig beschweiften 



fers. Der alte Jn^.luin-kdi.teniri/alilei' Joh. Heinr. Baumann tbeilt 
uns mit, dass er einst unter Buschbof mehr als 100 Siebenschläfer 
in Eltern sträucheru zu 8 — 10 auf einem Aste angetroffen habe. 
Er erwähnt ferner, dass eine Katze iu Kokenlinsea ihm einen 
Siebenschläfer zugebracht habe. Das wäre somit das vierte liv- 
läudische Exemplar, wenn mau «Jagdgeschichteu. glauben will. — 



niedliche, von Farbe gelblidie Xiiyer ist nur in Kurland verli'elr.n, 
von wo unsere Sammlungen versorgt wurden ; namentlich bei 
IVaiieuhurg scheint er uii-lit selten zu sein. Das reizend graciose 
Mäuschen eignet sich trefflich für die Gefangenschaft, ist leicht 
zahmbar und gewährt Unterhaltung, was eine kurische Dame reich- 
lich an ihrer zutraulichen Haselmaus erfuhren hat, welche, sie 
jahrelang in einem Käfige erhielt; nnn steht der einstige Liebling 
im mitauer Museum gut ausgestopft da. 

(5. Die Streifenmaus. Srnmliua wgvs- Unsere Provinzen 
lieferten bisher nur ein einziges Exemplar dieser interessanten 
Maus, welche.-; der (.'onservatcr i''ili|i]ii)W ISTiS unter Teehelfer ling. 

7. Die Wanderratte. Mus tlecumanus. Ritss. : südlieh nac-iosi 
(passjuk), westlich niypi, [>\-hticli>tr) ; lett. : ptllrla idjurla. Nach 
Pallas ist diese Plage unserer Keller, Ställe und Kleeten erst 
1827 im Herbst über die Wolga schwimmend nach Europa 



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Di« ivildlüWml™ liüliistliHii SiLngethiere. 4fi7 



gekommen ; nun ist sie langst Vollbürger geworden uml liat die 
frühere Hausratte fast Überall vernichtet und verdrängt, da sie 
stärker und dreister als die i schwarze» Hatte ist und auch zu 
Wasser Krieg zu führen versteht. 

8. Die Hausratte. Afws rattus. Riss. : 'icprieu {Ischomaja) 
oder HB.ian Kpuca {malaja kryssa) ; estn. : rot, auch josik; tett : 
fibuilo (tuclla Diese schlankere, dunklere, leichtfflssigere und 
beim Springen elastischere Rattenart findet man jetzt unr noch 

habe ich sie Überhaupt nur wenige Utile angetroffen; die letzte 
echte Hausratte ting ich 1W7Ü zu Lipskalu in meinem Kchicib- 
zimmer; seitdem sah ich keine mehr. , Bei Mus rattus überragen 
die Barthorsten das Ohr. was hei M. demmanus nicht der Fall 
ist. Das Ohr erreicht die halbe Kopflänge und beileckt nach vom 
gedrückt das Auge, während hei der Wanderratte das Ohr nur ein 
Drittel der Kopflänge hält und das Auge nicht mehr zu erreichen 
im Stande ist. Der mit St;0--L'7i) Kinnen üuski stattete Schwanz 
der Hausratte ist länger als der K'ir[u j i- ; ikr Siiiiwan?. il«r Wander- 
ratte Ist aber kürzer als ihr Kürper und zählt nur 200—220 
S.'liüi'in^riiiL,"!'. Der riilcrlnih der Hausratte ist grauschwarz, die 
Oberseite dunkel braunschwarz, gegen das Licht gehalten metal- 
lisch grünlieh schillernd, während die Wanderratte oben bräunlich 
grau, an den Seiten fahlgelblich, unten weiss! ich gefärbt ist. 
Diese äusseren Kennzeichen genügen vollkommen, um sofort die 
alteingesessene Hausratte von der eingewanderten Culisine tparvemiet 
zu unterscheiden. Es wäre ungemein interessant festzustellen, wo 
in unseren Landen sich etwa die schwarze Art erhalten hat, in 
welcher Anzahl überhaupt noch, ob in weiterer Ausdehnung oder 
nur durchaus sporadisch. 

9. Die Hausmaus, Mus mttsculus. Rasa. ; uuiiie, jiouamiias 
(mysch domasclHuiia) oder uo.uin.Ti.niiu (lioit/ioltirtjc)'. lett. : peile ; 
est. : Mir, auch jookshi in der Wiek. Von diesem kleinen Haus, 
und 2 immergenossen, dem grauen, meist unsichtbaren Störenfried 
unseres Schlafes weiss ich nichts Unbekanntes oder Neues zu be- 
richten. Denn dass diese Kalzenspeise häufig an Trichinen leidet, 
ihre Todi'eindiii oft ansteckt und ihren Tod derart noch nach dem 
Tode gründlichst zu rächen versteht, dürfte allen geehrten Lesern 
eben so geläutig sein, wie die Thatsaclie. da.« ein/ekie iUänsi: nicht 
aus musikalischer Beaiilagung oder aus Liebhaberei, uns ein un- 
verhofftes problematische Vergnügen zu schaffen, zwitschernd und 



4(iS Die wildlebenden baltischen Säugethiere. 



vogelartig tschlagend. singen, sondern weil schmerzhaft« Krank- 
heiten namentlich der Athemorgane sie dazu unwillkürlich zwan- 
gen, ähnlich wie dem auf schweren Siechbette Daliegenden lautes 
Stöhnen und Aufschreien sich willenlos der gequälten Brust zu 
entringen pflegt. Mause sind eine rechte Plage der Menschheit, 
sie anzufassen verhindern die schwachen Nerven vieler, vielleicht 
der meisten Menschen, mau schaudert frist vor der Berührung, man 
verfolgt und tüdtet ferner diese Nager, wo, wie und wann man 
nur irgend kann, und doch hört man gar oft junge Ehemänner 
mit besonderem Schmelz in der «verliebten. Stimme zur schönen 
Wahl ihres Herzens «Maus> oder gar «mein Mäuschen, sagenl 
Es soll ja alles Vernünftige in der weiten Welt seinen guten 
Grund haben, wie alles Unvernünftige seinen sehlechten ; dieser 
originelle und doch fast »verbrauchte. Zitrtl ich keitsansd ruck scheint 
allein auf • unzoologischer Gedankenlosigkeit beglückter Liebe» 
basirt zu sein I — Scherz bei Seite — warum sagt man nicht mit 
gleichem Rechte: mein MUckchen , mein Bremschen oder gar 
Fl ? 

10. Die Waldmaus. Mus syhaticus. JMese stattliche zwei- 
farbige Maua wird überall, doch nirgend in grosserer Anzahl ge- 
funden. Die Oberseite ist röthlich gelbgrau, auf dem Rücken 
rostfarben angehaucht, die Unterseite, Lippen und Füsse sind rein 
weiss. Obgleich sie Wälder und Feldgeholze anderen Oertlich- 
keiten zum Hausen vorzieht, geht sie namentlich im Hochsommer 
und FrUhherbst auch gern in die Kornfelder und im Spatherbst 
sogar zuweilen in Ställe und Keller. Sie ist ein arger Nesträuber 
und frisst das Fleisch und die Eier der Vögel mit grosser Gier, 
welche Leidenschaft sie durch die Fähigkeit, in Hecken und niedri- 
gen Bäumen umherzuklettern, genügend zu befriedigen weiss. 

11. Die Brandmaus. Mus agmrius. Russ. : tntrtHHien 
^rliitniL'c/f^) oder xjilifiüo« uunih {chljelmaja wysch) ; lett. : liljtuui 
oder ftriljpainii ptllc. Sie ist sehr gemein und wird unter Korn- 
häufen oft in Menge gefangen resp. erschlagen. Die rein weisse 
Unterseite, bedeutendere Grosse und stark braunrothe RUcken- 
färbung untei'scheidet sie auch für den Laien leicht von der grau- 
gelblichen, unten schmutzig gelbwms liehen Sti t'ii'.mmaus ; nur der 
l»'iilt:n gleichartig!' srliwiiv/lich^ Kiickcnstreif konnte beim ersten 
Anblick zweifelhaft machen. 

12. Die Zwergmaus. Mut miuutus. Diese nur 5 Zoll lange 
Maus, il. Ii, inclusive des den Körper an Länge über Ire Hernien 



r erlangt man jeilmifüll* 1 



In i'inswiu'Ti. j^si/iil-is^'uen !\ii.'[ , fnii)B>!it]i(l«:i 
zukommen Im ganzen werden sie aber 



Bei uns fand ich nur rlunkelbrauug rauft nnil schwärz liehe bis rein 
schwarze Haarfttrbang, wahrend am Amur, in ilen Pyrenäen, am 
Niedenhein, in Brannscluveig, im Harz und an anderen Orten 



zufällig zu begegnen pflegt, so gelangt man nur selten zu einer 
Jagd auf dieselbe, noch seltener zur Beute. 



lies rallicefs bi'miüit liatttf, fn-sclilui; ich l^.-l zufällig zwei au- 
scheinend junge Thiers in meinem Meiershofschen Parkwalde. 
Der ziemlich grosse, HiiHalhmil I <-ii;ilni ] irliK Knpf, die schwärz- 
liche Rücken farl«, der weisse Unterleib, der sehr kurze Schwanz 
um! die dunklen Fasse Dessen mich sofort hoffen , endlich den 
langst ersehnten Fund gethan und in Händen zu haben. Nach 



Grade. Um mich definitiv zu vergewissern, ging ich in mein 
Schreibzimmer, um Vergrüsserangs.irhuer. Schee« und Messer zum 
Ifni ersuchen der Zlihrie und das Mcss band eben zu iiolen. Da ge- 
seba.li durch mein Kurt^Wn und Liegenlassen des ivertlivellen 
Fundes i:Uvas Uli vcvs-^sli r:h A^rirfii-lirlu-s ! — denn als ich iji-iiii^itd 
ausgenlsiel niü' diu Vf i amli iihiüu-l v;H , s:\h mit. Entsetzen, wie 
meine junge, vorhin nicht. anwesend gewesene Windhuudin einen 
rallkcps, und leide: bereits den zweiten, hinuntei >chlitkerle 1 Ich 
wurde halbkrank vor Acrger und gei'jttlie bei Ytrey^cii'.viirnguu:: 
dieser Uugliieksenisode noch immer in eine fatale Stimmung, was 
Liebhaber und IsichiiiiLiinev gewiss n.icliluhlen können. Das waren 
die ersten rattkeps nach etwa 2. r ij übriger l'mschau — holfeutlicli 
aber nicht die letzten I 

16. Die Feldmaus. Armcola arvalis. ltuss. : no.ieaaa irmiu. 
(jpoleuaja mtjsch) ; lett. : prttrln loutu ptUt, auch (improvisirt) ftruppa»! 
pelle.. — Unter den Siuiijethiercn giebt es für den Zoologen kein 
ach wien ge res Thema als die arvicola. Was habe ich nicht <sc!iwiu 
zendi und oft völlig m;hlos vor diesen stark variitenden Dunkel. 

ausser dieser häufigen ■Karsschwaozmausi noch andere Feldmaus« 
bei uns besitzen aU-v ilie Wisw-inrlMt! konnte he-her weijeo, man,, 
gelnden Malenais keine weiteren Arten feststellen Wie srbwieng 
die Reflimmung derselben ist. soll folgendes Beispiel lehren : Im 
Spätherbst fing ieb heim Ausheben eines Nussslrauches im 
Felde eine graue Korzschwanzraaus Da oberii Schliches Betrachten 
kf ine Klarheit brachte, so setzte ich sie in Spiritus und sandle 
sie nach Dorpat. Kurzlich erhielt ich von dort die briefliche An- 
zeige, dass werter die i.niicheii Hoologen noch der zufällig als 
Gast anwesende. Herr Prof. Dr. Rudolph Blasius aus Rrauosrhweig 
die Maus hatteu bestimmen können Es wäre dringend zu wünschen, 
ilass alle Landbewohner durch Einsendung aller erlangten 
iKurjudiwsniei helfen worden .Licht zu bringeu. 



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Die wildlebenden baltischen Säugetlüere, 471 

17. Der Feldbase. Lcpus vulgaris. Raas. : säen* (sn/es, suis), 
auch (lycäici (nissut) ; lett. : ptltttalt, talli* oder IciliS, d. i. der 
Littauer; estn. : jünnes. 

In Estland erreicht der für uns erst in diesem Jahrhunderte 
als der igewtiluLliriie; zu bezeichnende I'VMbase tliu. lirciixc seiner 
nördlichen. Verbreitung; er soll angeblich aus südlicheren Ge- 
genden resp. Lillaueu allmählich eingewandert sein. Factum ist, 
das? er noch beute dem itreinuese^eiien Hrd/.liasen immer mehr 
Terrain abgewinnt und mit der Urbarmachung der Wähler sich 
stetig ausbreitet; in Fililand kommt er nicht vor. Dass er 
bei uns ein Gronzbe Weimer ist, kennte man vielleicht auch aus 

ran Europa, namentlich in Deutschland, seinem eigentlichen Heimat- 
lande, das enorme Gewicht von 18 Zollüfuud = ca. 22'/. Pld. russ. 
zu erreichen fähig ist, wurde er in Livland niemals Aber 16 Pfd. 
russ. gefunden ; ich selbst nnisl uürte bei den schwersleu mir Unter 
die Hände gekommenen Hasen als Maximum nur 14'/, Pfd. russ. 
Ein umgekehrtes Verhältnis findet aus derselben Ursache nach 
Middonduia" beim Nrhiuuhaaeti stall, welcher Hilter Tu» viel schwerer 
als unter 50" wird. Mit dem Bolzhasen an vielen Orten zusam- 
men hausend, erzeugt er hin und wieder Bastarde (die der Kusse 
merkwürdiger Weise Tjuisi [Utmah] d. Ii. Faustschlag nennt I), 
welebe au (J riis.se and Gewicht mehr dem Feldhasen ähnlich sind, 
an Färbung, Olirl'arm &c. aber dem Holzluseu meist näher zu 
Stehen pflegen. So wurde 1878 am 25. Nov. unter Wattram ein 
schmutzig grauweisser Haslard mit männlichen Zeielicn am Kopfe 
und den Fussen erlegt, welcher 14 Pld. russ. wog, d. h. ein Ge- 
wicht hielt, welches der Holzhase in unseren, seiner südlichsten 
Verbreitung unmittelbar anliegenden Gegenden niemals erreichte, 
üb nun diese Bastarde linier sich oder mit den S La mm formen sieh 
fruchtbar zu kreuzen im .Staude sein sollten, ist bisher durchaus 
unbekannt, da Foi-tpilanzungsver.su che mit Hasen in der gelungen- 
schalt Überhaupt undurchführbar erscheinen ; es ist nur ein Bei- 
spiel und zwar erst aus jüngster Zeit für die Fortpflanzung ge- 
zähmter Hasen erbracht worden: im Juli L883 setzte im zool. 
Garten zu Münster in W. eine Häsin ein einziges lebensfähiges 
Junge. Da beide Hasenarten gute, biologisch und anatomisch un- 
zweilolhal't seihständige Arten sind, so ist, es wahrscheinlich, dass 
die Bastarde (jedenfalls linier sieh) keine Nachkommenschaft zu er- 
zeugen fähis sein dürften. 



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47a Die wildlebend™ baltischen Säugethier. 



Ich schrieb bereits früher in einem Fachblatte, dass nirgend 
die iLiihsuridii, in die Augen fallenden Merkmale der Gesehleehts- 
untersehiede in Haltung und Gestalt gedruckt erwähnt worden 
seien. Die Häsiumntter ist an den platteren und breiteren Ohren, 
der stark nach aussen di verwenden Richtung derselben {in sehr 
müdem Zustande last answiins hangend), dem sehr viel, dünneren 
Halse, dem daher scharfer abgesetzt™ und scheinbar grösseren 
Kopfe, der höher und spitzer gestellten Kreur.gegend, der ineist 
dniikk-ieii I''tl/.;;t[-l.niiiff und der etwas bniilbeiiiigeren Gaugart in 
geringer Entfernung und bei langsamer Bewegung einem scharfen 
und geübten Jägerauge meist erkennbar. In der Hand gehalten, 
raüsste man nicht sehr geübt oder unaufmerksam sein, wenn man 
znr Erkennung des Geschlechtes bei selbstverständlich mindestens 
ein Jahr alten Exemplaren resp. Sei/ Ii äsinnen eine nahm: örtliche 
Inspection vornehmen müsste. Als mich hier in den alten «guten > (?) 
Zeiten der .Osterhase, von unerbittlichen Jägern gehetzt uder 
parforce gejagt wurde , erkannte jeder tüchtige Piquenr oder 
«Herrenreiter« an der Fliichlart, dum raschen »iedei legen, «Hakeu- 
schlagen-, den breit stehenden Ohren und der Gang- 
art die Hitsin oft mit bewundernswert her Sicherheit, was daun in 
.dieser heiligen Osterzeit. das sofortige < Abbringen» der Meute 
zur Folge hatte, denn nur der ltammler sollte und dürft« durcli 
seineu Tod die jagdlichen Osteilrewleu erhöhen helfen. leb selbst 
machte noch in der Osterwoche l fj i h dcr,utic:c l'^iihiAliisnari'orL.e- 
jagden in L f mit, ohne den Tod auch nur einer einzi- 
gen Häsin erlebt zu haben. Der Haarwechsel des grauen Hasen 
beginnt im April und wird erst im August und September voll- 
endet; während also der tLittauer» zur Jahrestoilette 4 bis & 
Monate bedarf, genügen seinem Vetter, dem Schneehasen, 4 bis 6 
"Wachen zum volligen Austausch des weissen Pelzes gegen das be- 
kannte dunkele Sommerkleid. Der neue Pelz des Feldhasen er- 
scheint im Seplniiilier ms Hallend ilnnkH, fast schwärzlich im Ver- 
gleich zu den verblichenen Resten des abgetragenen .Tuhresrockes 
und beinerkens Werth kurz. Allmählich wächst dann das Haar zum 
Winter hin länger uns, wobei eine dichte wärmende Wolle gleich- 
zeitig nachzuscliiesseu nicht unterlasst. Der ganze Pelz spitzt 
sich nun hellfarbiger zu und erreicht im November seine volle 
Lauge, Dichte und die so notwendige Fähigkeit, Herrn Lampe 
vor der Unbill des kalten Winter« in ausgiebiger und gelingender 
Weist; zu schützen. 



Die wildlebenden baltischen Sau geth iure. 473 



18. Her Bohbase.. Lupus variabitis. Iiuss. : Öt.iul! säeui 
('(/'-■/r/ 6Iu.ii;i, {hjdjitk), im Nowgorcdschen aneh oiucrt (iiici) ; 

lett. : bottdi« [atti»; estn. : aalge jämes. 

Das Interessanteste an unserem .Weissen Hasen, dürfte 
jedenfalls seine zwielaehe Färbung des Jalueskleides sein. Her- 
melin and Wiesel färben sich zwar auch schon sdi nee färben ans 
oder werden im Sinne der Herren Physiker farblos, aber dieser 
nadillidien, iles Tages über nur in inz'.iLraiighdicn Seil lupf winkeln 
hockenden Kleinräuber wird man nicht so leicht ansichtig, wodurch 
sie unseren) üedaukeuk reise und unserer so leicht arbeitenden, aber 
audi eben so leicht tergessunilen Ideenwelt eiiiigcnuassen entrückt 
warfen. Anders stellt sich hingegen uns der Holzhase gegenüber, 
denn er gehört zum gewöhnlichen und gern erbeuteten Jagdwild. 
Jeder einfache Waldarbeiter, jede Hausfrau und jedes Kind sah 
den weiss gewordenen Gesellen mit un willkürlicher und besonderer 
Aufmerksamkeit an. Wenn der jagd um Iiiige Hausherr im Novem- 
ber den erstell rein weiss umgefärbten Schneehasen erlegte und ihn 
freudig (möglichst utibesdiumtzt, daher ausnahmsweise als erst- 
heurigen auch unausgewaiilet) der Familie [u iisenurte, wonach die 
jubelnde Kui lersdiar das .i'ci/.eudc Hasdieiu zu nitheror Betradi- 
tung und Betastung sich schnell anzueignen pflegt, so denken dann 
zuweilen die .kleinen und grossem Gehirne auch darüber nach: 
wie ging es denn eigentlich zu, dass der noch kürzlich ranch- 
brauuliche und roibhraun .geköpfte. Waldhase so allerliebst schnee- 
wittcuenhaft wurde V So wie die älteste Haustochter zum ßall 
das Hauskleid ablegt und ein weisses Festkleid anzieht, so bat es 
ja wo] auch der Hase inachen müssen ; er verlor sein dunkles 
Haar und es wuchsen ihm schwaiumwei.sse, ijanit nene Wiuterbaare 
hervor ! Das scheint so plausibel, so selbstverständlich zu sein 1 
Diese naive Ansicht bat bis zum Jahre 1877 auch die Gelehrten, 
weit mit dem Publicum harmlos getheilt. Kein Zweifel wurde 
laut ; einer schrieb es dein anderen nach und glaubte kritiklos so- 
gar an eine Umfürhung des weissen Winterhaars 
im Frühjahr in das braune Kleid ohne Haar- 
wechseln Nur Tschudi hielt es .nicht für ausgemacht, ob nicht 
auch ein llieil weiser l-laanvedisel im Frühjahr vor sich gehei. 1 1 
Wenn so ein nalunviilri.'ei- Process möglich wäre, dann könnte 
auch das sdiuecwcisso liieisenlianv der Mensdicn plötzlich scbwiirz, 
braun oder jugendblond werden. Abgebliebenes, verbrauchtes, all- 
gew< mleiies tiaar kann sieh nimmer vcijüugen, sondern nur ans- 



474 Die wildleb enden baltischen Säugethiere. 

fallen. Was der Mensch einmal während seines ganzen Lebens 
(mit Ausnahme bei scbweren Krankbeiten) durchmacht, das hat 
jedes Haart Ii ie v mindestens einmal jährlich durch- 
zumachen. Wolle der Leser sieb doch die Mühe geben, Aprilhaare 
unserer Waldsauger genau Mimischen; dieses ilnckig ausfallende, 
glanzlose, gänzlich verbrauchte, verblichene H.inr trägt den Stempel 
des Todes zu deutlich an sich, um eine entgegenstellende Ansicht 
überhaupt aufkommen zu lassen. Ich schmeichle mir der Erste 
gewesen zu sein, welcher tiiieb jalm-luiiL;e.i) IVal'ungeu und speciellen 
UiitciwiiüliiuiKirri au i -i li 1-T'i bis IS77 gezähmt gehaltenen Holz- 
hasen die herbstliche Umfärbung und den Haarwechsel im Früh- 
jahr coustatirte und in einem Artikel (tZool. Garten i 1877 p. IG) 
als etwas ganz Neues veriinciit.lichte, nachdem ich bereits 1871 
hierüber Einschlägiges Dr. Brehm geschrieben und volle Zustim- 
mung dieses unübertroffenen Biologen gciiiiiilcn liatto. Wenige 



später erschien auch Brehms 2. Theil seiner zweiten Aui- 
iTbierlebeni, in welchem er schreibt: «Nach Becbachtnngen 



niebt richtig geschildert Auch der Hase haart nur 
[ zwar im Frühjahre, während er gegen den Herbst hin 
Kein Winterkleid durch einlache Verfärbum; lies Sommerkleides er- 
hält. — — Eine tJauserung aber, wie Tschudi meint, findet im 
Herbsle gewiss nicht statt. i 

Folgendes kann jeder Jäger leicht selbst constatiren : 
a) An gefangenen Hasen kann man keinerlei freiwilliges 
Ausfallen der dunklen Haare bemerken ;zu fällig geschädigte, un- 
brauchbar geworfene werden bekanntlich bei allen Thieren jeder- 

6) Das Fell verliert während der Ausfärb ungszeit im Herbst 
keinen Tag über sein gl eieb massiges . schönes Aussehen. Die 
weissen Haare wachsen spater bis zur doppelten Länge aus und 
werden durch nacusclilesseude Wolle »erdichtet. 

c) Beim Ausein an derb lasen der sich umfärbenden Rücken- 
haare kann man von Tag zu Tag das allmähliche Lichter werden 
derselben genau beobachten, bis schliesslich die letzten dunklen 
Spitzen dem Pell einen graiililäuliohen Ton gewähren, 

d) Fasst maa einen Busduil Riiekuiiliaare des bereits licht 
gewordenen Hasen kräftig an und zieht gewaltsam Haare aus, 
so erhält man weisse, tiellgelbliche und graue Haare von gleicher 
Länge und Hüte in die Hand. 



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Die wildlebenden baltischen Säugetliiere. 



c) Im April ist das flockig ausfallende, verbraucht aussehende 
weisse Haar mehr als doppelt d. Ii. 3 - 4fach so lang, als das gleich- 
liiiLKsi/» kniv.e dunkel liiiclüirhif-sHi-siili- - ■ liii ht Soiniiii'i'liiiiir mehr, soii* 

nun langes Hanr plötzlich kurz weiden können '' Minen Frühjahrs- 
schecken macht niiin niiihehis durch leichtes Zupfen hinneu 10 Minuten 
zu einem schmucke:! fj] :it t ] iii-:i 1-SiTfLL ■ I hmkelhaseni. — Hiipieuti sfl' .' 

Der eingedrungene Lillaner macht unserem weissen Btamm- 
hasen alljährlich mehr Terrain streitig ; die Cultur pflegt den Feld- 
hasen, verdirlil den Holzhascn ; üherall wird der Holzhase zurück- 
gedrängt, überall rückt der Vetter vor. Ware der Holzhase, was 
Dr. Nehring entschieden im (logensatze zu Hr. Liebe zu behaupten 
wagte, einst Steppeuthier gewesen, so würde er sieh mit den künst- 
lichen Steppen der Kchltlureii auszusöhnen verstehen; das ist ihm 
aber ganz unmöglich. Wichtig erscheint nun zur Erforschung der- 
artiger Fragen die Möglichkeit, au den Knochcnbefunden genau 
die Hasenait hcst.imrueu zu können. Nach K. Th. Liebes speciellen 
Studien wurde durch vielseitige. Vergleiche .;;ineb specicll mit In- 
ländischen Holzhasen) constatirt, dass die Merkmale nicht sehr 
auUällige und zahlreiche seien. <Das Gebiss gewahrt keine absolut 
trennenden Kennzeichen.! < Die Brücke ihn- ( laiiuieuplatte ist beim 
Schneehasen beträchtlich breiter als heim Feldhasen.» Beim 
Schneehasen spiingfii die vohleici .1 i.chbciuccken ein wenig weiter 
vor, die Nasenbeine sind im Verhältnis kürzer und die Unterkiefer 
sind kralliger entwickelt als heim Feldhasen, daher erscheint der 
Kopf kürzer und runder. Die Beine des Hulzhuscn erscheinen 
nach Liebe nur deshalb länger, weil bei den Hititerlüsseu der 
Mittell'uss und bei den Vorclerfüssen die Mitte lhandknochen länger 
als beim_Feldhasc.il sind, wahrend die r-chcnkclknoclicn selbst beim 
Feldhasen eher länger als kür/er erscheinen. Ol) diese Merkmale 
hei Knucheufmidi'ii ^euiigeu werden, iiiuss die Zukunft erst erweisen. 

Wenn der Birkhahn kullernd und zischend die llalzrlacheii 
aufsucht und der Auerhahn die allen I.icbesphit«' allahendlich mit 
seinem rauschenden Einfall beehrt, dann entquellen auch dem 1-folz- 
hasen nächtlicher Weile eigeutbiiiiiliche, fast eulenartig klingende 
Laute aus dem liebebcLlrucktcn ! lernen mal Hänichen : hu-hu-hudiu-hll, 
welche Töne ziemlich kurz- abgebrochen und rasch einander zu 
folgen pflegen. Auffallend ist hierhin, dass in keiner Naturgeschichte 
dieser llalziaule oder Briuiftrnle erwähnt worden ist, welche doeli 
die meisten nordischen .Jäger und Waldläufer gehört haben dürften. 



478 



Diu wildlebenden baltischen Sauget! liere. 



Dass diese Rute wirklich vom Hob.hasen hervorgestossen werden, 
habe ich schon vor ca. 20 Jahren selbst lutobadilcu und feststellen 
können; fachmännischen Kreisen theilte ich das Ue.trett'euda löf<<l mit. 

Des Morgens geht der Holzhase viel spater als sein Vetler 
ins Lager und soll sich auch des Abends früher erheben. Wenn 
der Schnee bis zum hellen Morgen dicht niederfiel, so schützte er 
den Feldhasen durch Zudecken der Lagerspur vor Verfolgungen ; 
dann geht der kundige Jäger in die Reviere des Holzhasen und 
findet stets noch deutliche Spuren. 

VI. Ordnung Wiederkäuer Ruminantia. 
Lettisch: atflrcmotdji. 

Für unsere Ost.secnroviir/en koimm in der Jci/Izeit aus dieser 
für die gesanunle Menschheit insgemein nichtigen Thierordnutig mir 
die Familie der Hirsche (c-errina) in Betracht. Die wesentlichste 
nnd den Kamen verleihende F.iL'enlhiimlii'hkeit der Wiederkäuer 
hat seiner Zeit der berühmte .T. H. Blasius so trefflich geschildert, 
dass ich nicht umhin kann, seine kurze, scharf zeichnende Beschrei- 
bung Wörtlich wiederzugeben; «Der Magen der Wiederkäuer be- 
steht aus vier mehr oder weniger gesonderten Abteilungen. Die 
erste und gross te, der Pansen. Ritmni. ist inwendig mit kegelförmi- 
gen, hornigen Wanten bedeckt : die zweite, weil kleinere, die Haube, 
Rcticuhim, ist inwendig durch Hanttahen netzartig v:f gittert ; die 
dritte, kleinste, der Psalter, Omasum, ist inwendig durch Haut- 
falten von gleicher Hiehumg bleiartig aus^ekleldel ; die vierte, 
der Labmagen, Abomasum, fast so gross als der Pansen, ist läng- 
lich birnfürmig und inwendig mit Längsfalten versehen. Die Speise- 
röhre mündet direct in den Pansen ; zwei dünne Hautfalten der- 
selben, die durch A nein anderlegen ihrer Ränder einen geschlossenen - 
Canal, die sogenannte ü~ . - 1 1 1 1 l i nl i ■ 1 1 ■ . billi-n. ihhivii durch die Haube 
in ilen Psalter. Die nur unvollkommen gekauten Speisen gelangen 
zuerst in den Pansen und nach fortgeschrittener Verdauung in 
die Haube, von wo sie zu Ballen geformt wieder in den Mund 
hinaufsteigen. Hier zum zweiten Mal gekaut, werden sie durch 
die Sehlundrinne direct in den Psalter gebracht, von wo sie zu 
vollständiger Verdauung in den Labmagen übergehen. Im Magen 
setzen sich nicht selten rundlich« Haarballeii und fiezoarsteine ab.. 

Die hirschartigen, männlichen Glieder dieser Ordnung; besitzen 
bekanntlich ein schon ästig gelbeiltes Geweih, das sie alljährlich 
ca. 2 Monate nach der Branftzeit vom Sl.irnzapfen abwerfen und 



Die wildlebende)] baltischen Säugethiere. 477 



wieder auf demselben durch stinke Säfte- und schliesslich vorzugs- 
weise Kalk ab läge rnngen neu und vergrosaert zu produciren im 
Staude sind ; diese Processe stehen in i-ct;i:li]iii-si^er Wecliselliezie- 
Imng zur Geselilerhtsthiittijkrit. Ungefähr Q Monate hindurch 
währt die Periode dieser interessanten Geweiheiitwiekeluug ; das 
vereckte und abgelegte Geweih wird dann vom vullki'äftigei] Keist- 
hi reche wühi-euil di's Bninfnnouales als nnuhinasslidi sehr verfüh- 
rerischer Kopfputz und minnigliche Kampfeswaffe und schliesslich 
noch etwa zwei Monate als sieghaftes Erinnerungaieichen an die 
schönen Tage von «Aranjuezi stolz uiuherget ragen. 

1. Das Elen. Alces palwatus. Russ. : Joel (loss) ; ' lett. s 
bi«M« (der Hirsch: brciMjo (niUii) ; estn. : jüdfar. 

Diese urwüchsige und geradezu vorweltlich aussehende Hirsch, 
art ist so recht eine Charakterfigur unserer baltischen Heimat. 
Sobald in Westeuropa im Gespräche gelegentlich unseres Küsten- 
landstriehes gedacht wird , durfte nur selten die Erwähnung 
namentlich des Elches und des Holzbasen, wie auch noch des 
Luchses, Wolfes, Bären und Flughornehens unterbleiben. Hat 
doch Kurland mit allem Rechte den Elch in sein Wappen- 
schild aufgenommen, und zwar doppelt, in liervorsch reitend er Figur 
und natürlicher Färbung auf blauen Feldern (speeiell für Seni- 
gallen), wozu noch auf dem altfcunsclien Wappen aus dem rechten 
der drei überragenden Helme ein gekrönter Eleuskopf hervorragt ; 
also das chnniktfrisii-ciiiln l'leu kommt thalsachlich dreimal im 
echten alten kuriseben Wappen vor. Ein Zeichen, welch hervor- 
ragende Rolle es witjplicr als oberstem Hochwild in den herrliclien 
kuriseben Fürsten gespielt hat, Audi Livland wäre gewiss besser 
durch das Bildnis eines frei trabenden Klclihirschcs, als durch den 
phaiitusliscli-fabelhafien liraf auf seinem Schilde vertreten worden. 
— Bisher haben alle drei Provinzen ilmscs hochinteressante, den 
Culturforsten und der thillur alicilmiipl feindlich gegenüberstehende 
Geschöpf sich zu erhalten gewusst. Möge es noch lange hei uns 
gehegt und gepflegt werden! Auf Ursel, dem fünften Kreise Liv- 
lands, ist es aber bereits seit undenklichen Zeiten völlig ausgerottet 
worden, ja bis vor kurzem konnte sein einstiges Hausen daselbst 
nii-'at einmal im! Al i wi-^eiisrhaii 1 i ■ -] l iiiii.liiu'en liest imnitheit nach- 
gewiesen werden. In dem kleine.]] t.iaitrnhansnm-enm des Herrn 
Baron E. von Poll in Arensburg fand ich als ünicum 1883 nur 
«in liiiisritigfä Klcli!_'c\veih auf hrwalirt, dessen Herkunft trotz der 
vielfachen IieiiLilmn^'n il--- ^-nannten Herrn nicht zu ermitteln 



478 Die wildlebenden baltischen Sttugethlem 

war. Hilter ilem 30. August 1884 schreibt mir nun dieser aus- 
gezeichnete Naturftirscher, dass Hr. Oberlehrer Holzmnyer in Arns- 
burg kürzlich das Gluck gehabt habe, ein /weites, dem früheren 
ähnliches Geweih zu ac-quinrcn, welches im Frühjahr It-Si in einem 
SlWipfa auf Ossel zwei Fuss unter der Überfläche gefunden worden 
sei. Somit wäre die bisher offene Frage Uber das einstige Vor- 
kommen des Elches für Oesel in bejahendem Sinne entschieden. 



Meine Daten beziehen sich leider nur auf Livland, aus Kurland 
fehlen mir sowol eigene Erfahrungen als auch Specfelle Mitthei- 
lmigen über das Vorliegende.) Aeltere, starke Hirsche werfen 



Sechsender auch erst im Januar ab. Schwächere Gabler und 
Zweijshrapiesser behalten in der Itegel bis nach Neujahr und in 
die zweite Wuchs des Januar ihren Schmach, während ,S|>ie>ser im 
ersten Jahre ihres abgefegten .Inii^gem-ihcs, also im Alfer von 
1'/, Jahren, noch bis in den Februar ihre oft nur dau meng rossen 
S])iossstuckcben tragen. Die Ende April geborenen .lunshirschlein 
behalten ihre, übe rhaarlen ■■ TCinipf'«. bis zum niielisten Jahre durch, 



und einen Umfang in der Mitte, der Ausdehnung von 12 Centim. 
erreichen kann. Oh Gabler, die nur ein Jahr hindurch Spiesser 
waren , auch 2 Jahre Gabler bleiben können , kann ich nicht 
erweisen, doch ist die Möglichkeit wahrscheinlich, sonst fände 
mau der Grösse nacli nicht so sehr viele stark verschiedene 
ü abeige weihe. - Dem Obigen nach können demnach abgefegte 
Gabler ein Alter von 2'/t oder auch 3'A Jahren besitzen. — 



Die wildlebenden baltischen Süiigethiere. 479 



Als ich 1883 dem bekannten Professor Dr. H. Nitsehe in Tha- 
rand den Unterkiefer mit Zähnen eines sehr starken Gablern 
sandte und dabei die hier landläufige Meinung, provucirend und 



z ii niedrig gegrilfcn sr;i ; .diese, mein« Thennc bestätigende Ant- 
wort hatte ich erwartet und schliesse midi der Auffassung des 
Hrn. Professors nach meinen Erfahrungen unbedingt an. — Es 
lieht gewiss viele -j' 'Jährige Gabler, aber deren Geweihe sind 
dem Gewichte und Aussehen nach selten den :-J '/.jährigen gegen- 
über hiilbwerthig, sondern meist nur eindrittheihvertliig zu schätzen, 
sogar im Gewicht leichter, als zweijährig ilurch^etnigetie Spiesser- 
bildnngen, wie vi.rüe^i-U'h- K^empl/uc es schlagend tiewiesen. — 
Gabler sind bei den Elchen eine lhluhge nmi regelmässige Erschei- 
nung und nicht wie bei den Kehbüeken eine Ausnahme, die meist 
übersprungen wird. Weiler hinauf ist das Alter der Elclihirsc.lie 
dem Geweih nach nicht gut bestimmbar, nur die unterste »der 
Miniuiiilgieii/.e iler fraglich verlebten .lahre lHs>( sich mit annähern- 
der Sicherheit noch ermitteln. 

In der zweiten Hälfte des A[iril ist ihis neue Geweih sn weit 

entwickelt, dass man bei al ten Hirse heu die Kolben- 
z a h 1 unter der dichten Behaarung bereits feststellen kann, wenn 
auch bei sehr starken Schaufeln einige kleinere 
Nebenecken erst später im letzten Rntwickeluugsstadium 
hervorzutreten pflegen. Als innerlich genügend erhärtet und ver- 
kalkt and in der künftigen ZinkengesUltung völlig entwickelt 
zeigt sich das Geweih eist zu Ende Juni, um im August, bei 
alten Hirschen liüjier, bei jüngeren später, vollständig nackt ab- 
gelegt zu werden. Die Hauplfegezeit fällt etwa in die Zeit vom 
7. bis 26. August; Sechsender fand ich noch am 8. August mit 
voller üeweihl"'h;iiiriiug; Spiesser am 2'.>.. August auch völlig kahl 
gefegt; im Freien dauert beim einzelnen alten Individuum das 
Abfegen und 'Bräunen etwa 8 bis 10 Tage; bei Gefangenen, z. B. 
im hamburger zool. Garten, etwas länger; Spiesser fegen sehr 
rasch ab, angeblich in 2-3 Tagen. Morastbirken von !■/, bis 
2 Faden Hohe werden dazu vorzugsweise gern benutzt — uieht 
gerade zum Gedeihen derselben. 

Wenn Brehm p. III schreibt, das* dir XimMIiUim